AUF TAUCHGANG

Das Meer, auf das Única blickt, ist nichts anderes als ein Müllmeer. Seit 20 Jahren schon lebt sie in Río Azul am Fuße von Costa Ricas Hauptstadt San José und in ebendieser Zeit hat sich der einst kleine Müllhügel in ein alles verschlingendes Meer gewandelt. Alles verschlingend im wahrsten Sinne: Als eine Mutter kurz ihr Baby außer Acht lässt, verschwindet dieses für immer in den giftigen, nie ruhenden Müllschichten. Nicht ohne Grund werden die rund 400 Bewohner*innen der Deponie „Taucher“ genannt. Sie verbringen den Großteil ihres Tages damit, im Müll nach Essbarem und Dingen zu suchen, die sie gegen kleines Geld auf dem Markt von Río Azul verkaufen können.

Trotz dieses Lebens voller Widrigkeiten bemüht sich Única um ein wenig Normalität. Sie sorgt für einen Zusammenhalt zwischen den Bewohner*innen der Mülldeponie, kreiert aus den ertauchten Essensresten neue Mahlzeiten und adoptiert ein Findelkind. Ihre aus Müll zusammengeschusterte Baracke ziert eine Fernsehantenne – auch ohne Fernsehgerät, versteht sich. Neuzugang auf der Müllkippe ist Mondolfo, genannt Moboñombo Moñagallo, der sich, nachdem er auf kriminelle Machenschaften in seinem alten Job aufmerksam und gefeuert wurde, in seiner Depression das Leben nehmen möchte. Única rettet ihn vor dem Tod und nimmt ihn in ihre Wahlfamilie auf. Doch schon bald steht die Zukunft aller Taucher*innen auf dem Spiel: Die Nachbar*innen von Río Azul wollen die toxische und immer wachsende Mülldeponie nicht länger dulden.

Fast drei Jahrzehnte sind seit der Erstpublikation von Única blickt aufs Meer in Costa Rica vergangen, die Übersetzung ins Deutsche basiert auf der 2010 vom Autor aktualisierten Ausgabe. Thematisch könnte der Roman von Fernando Contreras Castro kaum aktueller sein. Umweltverschmutzung und die konkreten Auswirkungen auf die Menschen vor Ort sind das zentrale Motiv. Anhand des Alltags auf der Müllkippe erzählt Contreras Castro von Armut und sozialen Differenzen sowie von korrupten Politikern, die keinerlei Bestrebung haben, etwas zu verbessern. Dabei spart er nicht mit Seitenhieben auf konkrete Personen der costa-ricanischen Geschichte: So heißt der Präsident, der sich mehr für die Konzerne, die ungeachtet der Umweltbedingungen eine neue Mülldeponie errichten wollen als für die Menschen interessiert, Caldagueres – ein Name, der nicht zufällig an die Präsidentenfamilien Calderón und Figueres erinnert. Daran, Müll zu vermeiden, denkt kaum jemand. Denn wo dieser landet, bekommt außer den Taucher*innen kaum jemand mit.

Única blickt aufs Meer ist weniger ein literarischer Text – stilistisch ragt er nicht heraus – aber doch eine kluge Analyse sozialer Realität und scharfer Kommentar eines Autors, der das neoliberale System seines Landes unter die Lupe nimmt; eine Situation, die sich problemlos von Costa Rica auf die anderer armen und von der Klimakrise sowie Massenkonsum betroffenen Menschen in vielen Regionen der Welt übertragen lässt.

 

GROẞE FREUDE UND HEFTIGER WIDERSTAND

„Ich dachte, dass ich diesen Tag nicht erleben würde“, kommentierte Marco Castillo seine Hochzeit. Am 26. Mai gab der prominente LGBTQ-Aktivist seinem langjährigen Partner vor einer Familienrichterin das Jawort. Bereits einige Minuten nach Mitternacht hatten Daritza Araya und Alexandra Quirós Geschichte geschrieben: Das lesbische Paar machte als erstes von dem gerade in Kraft getretenen Recht der zivilrechtlichen Ehe gleichgeschlechtlicher Paare Gebrauch. Aufgrund der Corona-Sicherheitsmaßnahmen konnte keine Feiergemeinde anwesend sein. 15.000 Zuschauer*innen wohnten der Zeremonie jedoch im Livestream bei, darunter auch die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet.
Costa Rica ist somit das erste Land Mittelamerikas und das sechste in Lateinamerika, das die zivilrechtliche Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnet. Seit spätestens eineinhalb Jahren war klar, dass das Land diesen Schritt gehen würde. Dass es dennoch so lange dauerte, lag vor allem am Widerstand konservativer Abgeordneter und Richter*innen. Diese hatten bis zuletzt versucht, das Gesetz zu verhindern. Der Kolumnist Álvaro Murillo beschreibt den gesamten Prozess als „ein Zeichen des Hin und Hers und der Unsicherheit.“
Auf den Weg gebracht wurde der Legalisierungsprozess durch zwei Gerichtsurteile. Im August 2018 bestätigte das Oberste Gericht Costa Ricas ein Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte, der im Januar desselben Jahres geurteilt hatte, dass die Amerikanische Menschenrechtskonvention eine Gleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Paare vorsieht: Costa Rica und de facto alle Staaten, die die Amerikanische Menschenrechtskonvention anerkennen, müssten somit die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare beenden.
Dem Urteil war eine Anfrage von Ana Helena Chacón vorausgegangen, die unter Präsident Luis Guillermo Solís von der sozialdemokratischen PAC von 2014 bis 2018 Vizepräsidentin Costa Ricas war. Manche Analyst*innen sagen, dass der Gang vor den Interamerikanischen Gerichtshof ein taktisches Manöver war. Chacón soll sich im Klaren darüber gewesen sein, dass es im konservativen Costa Rica keine parlamentarischen Mehrheiten für eine progressive Reform des Eherechts geben würde.
Das positive Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs fiel im Januar 2018 mitten in den costa-ricanischen Wahlkampf und stellte diesen vollkommen auf den Kopf (siehe LN 526). Der größte Befürworter und der größte Gegner des Gerichtsurteils schafften es überraschend in die Stichwahl um das Präsidentenamt: Carlos Alvarado von der PAC und der evangelikale Prediger Fabricio Alvarado.

15.000 Menschen im Livestream der ersten gleichgeschlechtlichen Ehe

Fabricio Alvarado führte einen aggressiv homophoben und antifeministischen Wahlkampf, wie ihn das Land noch nie zuvor gesehen hatte. „Während der Wahlen hatte ich das erste Mal Angst in Costa Rica zu sein“, erinnert sich die bisexuelle Aktivistin, Anwältin und Menschenrechtlerin Larissa Arroyo Navarrete. Doch Carlos Alvarado setzte sich mit 60 Prozent deutlich gegen seinen evangelikalen Kontrahenten durch. Auf eine allgemeine Zustimmung zu seinen gesellschaftsliberalen Positionen ist der Sieg jedoch kaum rückführbar – bei den parallel stattfindenden Parlamentswahlen verlor Alvarados PAC rund ein Drittel der Stimmen. Vielmehr wollte auch eine große Zahl konservativer Katholik*innen ihr Land nicht von einem evangelikalen Hardliner regiert sehen. Dennoch stellen die Evangelikalen seit der Wahl ein Fünftel der Abgeordneten im Parlament und opponieren gemeinsam mit konservativen Katholik*innen gegen die Regierung.
Die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe ist nicht die erste kontroverse gesellschaftspolitische Reform in dieser Legislaturperiode. Ende 2019 unterzeichnete Präsident Alvarado die „Technische Norm über die medizinische Unterbrechung der Schwangerschaft“, die eine Gesetzeslücke schloss. Nach costa-ricanischem Strafrecht von 1970 sind Abtreibungen ein Strafbestand. Mit dem Artikel 121 des Strafgesetzbuchs wurden jedoch zwei straffreie Ausnahmen definiert: die Abtreibung im Fall der Gefährdung des Lebens oder der Gesundheit der Mutter. Mit dem Gesetz wurden jedoch keine Vorgaben zu den Regularien und Verfahren der Eingriffe gemacht. Neben dem starken Einfluss der katholischen Kirche war dies der Hauptgrund dafür, dass es in Costa Rica de facto keine Mediziner*innen gab, die Schwangerschaftsabbrüche durchführten.

„Kein guter Wille, sondern Ergebnis jahrzehntelangen Kampfes“


Auch diese Reform des Abtreibungsrechts ist auf das Urteil eines internationalen Organs zurückzuführen. Zwei Frauen hatten 2007 und 2013 vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte (CIDH) Klage gegen Costa Rica erhoben. Trotz drohender Totgeburten wurden ihnen in Kliniken Schwangerschaftsabbrüche verweigert. Die CIDH urteilte daraufhin, dass Costa Rica die Umsetzung des durch das Strafgesetzbuch gesicherten Rechts auf straffreie Abtreibung im Gefährdungsfall zu garantieren habe. Larissa Arroyo Navarrete, die beide Frauen vor der CIDH als Anwältin vertrat, kommentierte: „Der Zugang zu straffreien Schwangerschaftsabbrüchen ist das Mindeste, was in einem Land gefordert werden kann, in dem dieser bereits durch das Strafgesetzbuch von 1970 als Recht anerkannt ist.“ Trotz der Reform zählt Costa Rica immer noch weltweit zu den Ländern mit den repressivsten gesetzlichen Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch.
Die Reaktionen auf die Legalisierung der Ehe für alle verdeutlichen, wie polarisiert Costa Rica ist. Die Ministerin für Frauenangelegenheiten, Patricia Mora von der linken Frente Amplio, kommentierte: „Diesen 26. Mai werden wir in einem etwas besseren Costa Rica erwachen.“ Präsident Alvarado versuchte sich als großer Kämpfer für die Menschenrechte zu inszenieren und begrüßte das neue Gesetz als „tiefgreifende soziale und kulturelle Transformation.“ Larissa Arroyo Navarrete entgegnete, dass der freudige Anlass kein Verdienst der gegenwärtigen Regierung sei: „Der Staat erkennt unsere Rechte nicht durch eigenen guten Willen an, sondern aufgrund des jahrzehntelangen Kampfes vieler Personen.“
In anderen Teilen der Bevölkerung war die Stimmung gänzlich anders. Fabricio Alvarado kommentierte das Inkrafttreten der Ehe für alle mit: „Die Mehrheit der Bevölkerung feiert heute nicht, heute leiden wir unter dem Wirken einer kranken, korrupten und unheilvollen Partei, die sich nur für das Durchsetzen ihrer eigenen Ideologie interessiert.“ Die costa-ricanische Bischofskonferenz sendete bereits Mitte Mai ähnliche Signale: „Leider müssen wir feststellen, dass die Gender-Ideologie sich im Land immer weiter verbreitet.“
So bleibt trotz des Erfolges ein bitterer Nachgeschmack. Laut Umfragen gibt es keine klaren Mehrheiten für die Gleichstellung der Ehe für alle. In einigen Umfragen sprechen sich gar zwei Drittel der Befragten dagegen aus. Auch im Parlament ließ sich keine Mehrheit für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe finden. Dort konnte sich nur auf das Streichen der Passage, die ein explizites Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe formulierte, geeinigt werden. Und angesichts der teils miserablen Umfragewerte des amtierenden Präsidenten könnte Costa Rica bei den nächsten Wahlen 2022 ein noch größerer konservativer Backlash drohen als der von 2018.

„WIR WOLLEN GEHÖRT WERDEN“

Somos Guerreras Rebeca Lane, Audry Funk und Nakury (von links nach rechts) // Foto: Promo Somos Guerreras

Wie haben Sie zusammen gefunden? Gab es einen bestimmten Anlass?
Rebeca: Nakury habe ich in Nicaragua kennen gelernt, beim Festival Hall of Femme (Anm. d. Red.: ein internationales Festival für weiblichen Hip-Hop, das 2015 stattfand). Dort haben wir beide Workshops gegeben und an Gesprächsrunden teilgenommen. Wir haben gemerkt, dass es innerhalb der weiblichen Hip-Hop Szene in der Region nicht viele solcher Räume des Austauschs gab. Innerhalb der Kunst konnten wir uns austauschen.
Wir bringen viele Erfahrungen mit, die wir mit den Jüngeren teilen können. Als wir anfingen zu anderen Festivals zu fahren, entwickelte sich eine kleine Tournee daraus und in Mexiko haben wir dann Audry kennen gelernt. 2016 starteten wir eine Tour als Somos Guerreras in Panama und beendeten sie in Tijuana. Bei dieser Gelegenheit haben wir rund 90 Interviews mit Frauen in der Hip-Hop Szene in ganz Mittelamerika und Mexiko geführt. Der Fokus der Interviews lag darin, zu fragen, was es bedeutet eine Frau in Mittelamerika zu sein und was es für sie bedeutet, Teil der Hip-Hop Gemeinschaft zu sein.

Begreifen Sie sich in diesem Zusammenhang als Vorbilder, beispielsweise in Ihrer Arbeit mit Jugendlichen?
Rebeca: Seit wir auf Tour sind, erhalten wir sehr viele Nachrichten von jüngeren Frauen aus der heimischen Hip-Hop Szene, die sich bedanken, weil sie uns gesehen haben und ihren Traum dadurch weiterverfolgen. Das ermutigt viele und sie wissen, wenn sie sich anstrengen, können sie etwas erreichen. Gerade weil die Lebensentwürfe, die uns als Frauen in Mittelamerika angeboten werden, sehr limitiert sind. Nicht zu unterschätzen ist auch die Kraft, die ein bestimmtes Lied im Alltag haben kann und jemanden glücklich macht oder dabei hilft, eine bestimmte Entscheidung zu treffen. Wir bekommen Nachrichten von Personen, die uns schreiben, dass unsere Musik sie dabei unterstützt hat, eine gewalttätige Beziehung zu beenden.
Audry: Mich beeindrucken die Besucherinnen unserer Konzerte, die im Alter meiner Mutter sind. Für mich ist das sehr motivierend, wenn Frauen, die ihr ganzes Leben lang machismo erlebt haben, sich mit uns solidarisieren.

Wenn wir über Feminismus sprechen: welche Bedeutung haben die großen feministischen Bewegungen, z.B. in Argentinien, in Mittelamerika?
Nakury: Im Moment gibt es in Costa Rica eine große Bewegung zur Änderung der Regelungen zur Abtreibung. Diese soll den Frauen in Costa Rica endlich ermöglichen, sicher und kostenlos abtreiben zu können. Es gibt eine starke Frauenbewegung, die in letzter Zeit sehr gewachsen ist. Interessanterweise bleibt es auf Costa Rica beschränkt, dass die Unterstützung durch die feministische Bewegung auch Transpersonen mit einschließt. Das ist sehr wertvoll und widerspricht dem, was in anderen Ländern der Region passiert, wo sich alle voneinander abgrenzen. Letztendlich sind Argentinien und Chile sehr präsent, was die feministische Bewegung angeht. Aber es ist ein großes Ganzes und die compañeras können durch ihre jahrelangen Erfahrungen einen Weg aufzeigen. Gleichzeitig haben sie jedoch in ihren Ländern eine bessere Infrastruktur. Wir hingegen arbeiten mit dem, was wir vorfinden. Es gibt keine staatlichen Stellen, keine Strukturen und keine Institutionen, die uns unterstützen und trotzdem organisiert sich die Bewegung.
Rebeca: Der Feminismus ist zu oft nur in den großen urbanen Zentren präsent. Außerdem ist der Rest Mittelamerikas in dieser Beziehung sehr rückständig. Zum Beispiel herrscht in Nicaragua und El Salvador ein absolutes Abtreibungsverbot. In El Salvador sind einige Frauen in Haft, weil sie abgetrieben haben. In Guatemala ist Sexualkundeunterricht verboten, in Honduras die Pille danach. Es ist ein sehr entmutigendes Panorama in diesen Ländern, in denen es keine wirkliche sexuelle Aufklärung oder Zugang zu legaler und kostenloser Abtreibung gibt. Dazu kommt, dass es für uns als Feministinnen riskant ist, in diesen Ländern darüber zu sprechen. Wir leben in Ländern mit totalitären Regierungen und einer absoluten Repression der feministischen Bewegung. Deswegen ist die Bewegung in Mittelamerika nicht so bekannt und so breit aufgestellt wie in anderen Regionen. Es ist sehr viel komplizierter, eine Bewegung in einer Diktatur oder in einem totalitären Regime zu organisieren.
Es ist auffällig, dass die großen Bewegungen wie die Grüne Flut (marea verde) in Argentinien bei uns großen Zuspruch erfahren, wir aber dort kaum zu Wort kommen. Das betrifft nicht nur den Feminismus, sondern ist ein generelles Problem. Mittelamerika wird übersehen und es wird nicht gefragt, wie unsere Haltung und unsere Forderungen sind. Viele ignorieren die Umstände, denen wir ausgesetzt sind.
Nakury: Abschließend muss auch erwähnt werden, dass die staatliche Repression Hand in Hand mit dem kapitalistischen System der Großkonzerne geht und diese letztendlich von der gesellschaftlichen Gewalt profitieren. Für diese Gruppen ist der Feminismus gefährlich. Deswegen ist es so wichtig, über Ländergrenzen hinaus zu gehen und gegen den Patriotismus zu kämpfen.

Was sind in Ihren Augen die drängendsten Veränderungen im Zusammenleben der Geschlechter?
Audry: Das wirklich Dringliche ist, dass die Länder der Region tatsächlich säkularisiert werden. Die katholische Kirche hat einen großen Einfluss, aber auch die Pfingstkirchen und die Evangelikalen. Das stellt eine große Gefahr da.
Rebeca: Ich bin in Guatemala Teil einer Kampagne, die heißt „Mädchen und keine Mütter“ (Niñas, no madres). Dort gab es alleine letztes Jahr 90.000 Schwangerschaften, von Mädchen zwischen zehn und 19 Jahren. Ein Großteil dieser Schwangerschaften entstehen aus familiären Missbrauchsfällen. Das markiert auch einen großen Unterschied innerhalb des lateinamerikanischen Feminismus. Wir befinden uns in einem Überlebenskampf. Der Umstand, dass 90.000 Mädchen gezwungen werden, ein Kind auszutragen, das aus einem Missbrauch in der eigenen Familie entstanden ist, spricht für sich. Erstens verhindern stark katholisch geprägte Staaten öffentlichen Aufklärungsunterricht. Sie sagen, dass Aufklärung innerhalb der Familien stattfinden müsse. Aber dort findet auch Missbrauch statt. Dort wird Machoverhalten als Norm wahrgenommen. Es gibt verschiedene staatliche Maßnahmen dagegen (z.B. das Gesetz gegen Femizid in Guatemala), die aber zu kurz greifen, da sie unterfinanziert sind.
Nakury: Oftmals sind die Frauen, die in einer Gewaltbeziehung leben, nicht in der Lage sich aus dieser Situation zu befreien. Es ist wichtig, dass es sichere Räume für uns gibt. Ich bin Überlebende einer Familie, in der es extrem viel Gewalt gab und weiß, dass es nicht reicht, einer Frau zu sagen, dass sie aus dem Gewaltkontext ausbrechen muss. Wir müssen als feministische Bewegung Räume herstellen, in denen wir neu erlernen, wie wir miteinander in Beziehung treten.

In Ihren Texten geht es oft um Körper. Zum Beispiel sprechen Sie in dem Lied „Sacúdete“ von Schönheitsidealen, von weiblichen Körperbildern, die durchbrochen werden. Wie kamen Sie auf die Idee für den Song?
Audry: Ich persönlich entsprach nie dem Prototyp einer mexikanischen Frau. Es war eine prägende Körpererfahrung, die bis zum Schmerz ging, mich dem Ideal unterzuordnen. Furchtbare Diäten einzuhalten, wie verrückt zu trainieren, um einer Gruppe von Menschen zu gefallen. Ich glaube es ist sehr heftig, etwas an deinem Körper aus Ablehnung heraus zu ändern. Ich denke, sobald du all diese Stereotypen abschüttelst, wirst du eine vollkommenere Frau. Ich gehe zum Beispiel selbstbewusster aus dem Haus, es fällt mir leichter hautenge Sachen zu tragen und ich gehe nicht mehr zwei Stunden täglich ins Fitnessstudio, da ich mich nicht mehr quälen will, damit andere mich mögen. Es ist revolutionär zu denken, dass ein andersartiger Körper ein wunderschöner Körper sein kann. Ein Wesen außerhalb der Norm zu sein, hat auch etwas Bestärkendes: unsere Hüften zu preisen, das Melanin unserer Haut, unsere Augen und Haare. Wir sind nicht exotisch, wir sind Teil der Menschheit und verdienen es, uns selbst zu lieben.
Rebeca: Worüber wir auch in unseren Songs reden, ist die Kolonialisierung der Körper. In unseren kolonial geprägten Ländern haben Körper nicht nur mit Begehren zu tun, sondern sind auch Machtinstrumente. Es gibt eine koloniale Form der Gewalt, die in diesem Kontext sichtbar wird und diejenigen, die nicht ins Bild passen, werden auf vielfältige Weise benachteiligt. Das betrifft die Menschen mit afrikanischen und indigenen Wurzeln. Das alles hatten wir bei Sacúdete im Hinterkopf. Wenn wir weibliche Körper durchdringen, hat das immer mit kolonialer, patriarchaler und machistischer Gewalt zu tun.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Rebeca: Jede hat neben Somos Guerreras auch eigene Projekte und wir werden uns alle drei mit der Aufnahme neuer Alben beschäftigen. Wir haben viel aufgenommen auf dieser Tournee und wollen daraus zu Hause etwas machen. Und sehr bald werden Tutorials veröffentlicht, die Nakury und ich in Zusammenarbeit mit der Uni Bielefeld gemacht haben. Dabei geht es um den Umgang mit Seximus und um nicht sexistische Erziehung. Der Rap in den Videoclips dient als Instrument, das in der Schule oder privat eingesetzt werden kann.

 

EIN STAUDAMM WENIGER

                   Im Inneren von El Diquís                                  Foto: La Nacion de Costa Rica

Bereits in den 1980er Jahren gab es die ersten Pläne für das Projekt El Diquís – das mit 650 Megawatt Kraftwerksleistung größte Wasserkraftwerk Zentralamerikas. Ein Prestigevorhaben für das Land, das bereits fast 100 Prozent seiner Elektrizität aus regenerativen Energiequellen bezieht und durch die Wassermenge- und Sicherheit sowie die Fließgeschwindigkeit der Flüsse aus den faltenreichen Gebirgsformationen ideale Bedingungen für Wasserkraftwerke bietet.
„Diquís“ bedeutet „großer Fluss“ oder „breiter werdender Fluss“ in der Sprache der Teribe und Boruca, der Nachkommen der indigenen Diquís. Heute wird der Fluss Río Térraba genannt. Knapp 700 Jahre lang dominierte die Hochkultur der Diquís die südliche Pazifikküste Costa Ricas, bis zur Eroberung durch die Kolonisator*innen.
Das Staudammprojekt El Diquís war von Beginn an umstritten, weil es den Lebensraum der Teribe und Boruca gefährdet. Bis heute wurden nur einige Vorarbeiten umgesetzt, dabei hatten sich die Pläne bereits Anfang des 21. Jahrhunderts konkretisiert und El Diquís 2014 zum Vorzeigeprojekt der damaligen Regierung gemacht. Javier Orozco, Planungsdirektor des staatlichen Stromanbieters ICE, bezeichnete das Projekt noch 2017 als „essentiell, um dem steigenden Strombedarf des Landes gerecht zu werden.“ Luis Pacheco, ICE-Vorstand für Elektrizität, ging im April 2018 noch weiter: „Costa Rica muss seine Wirtschaft stärken, dafür braucht es Energie.“ Das Kraftwerk könne eine „Batterie“ des zentralamerikanischen Netzes werden, welches nach Kolumbien und Mexiko ausgebaut werden könne. Bedarfsstudien gibt es jedoch bis heute nicht.
Derartige Prognosen und vage Träume waren Argument genug, um mit über zwei Milliarden Dollar knapp 7.000 Hektar Land unter Wasser zu setzen und 1.500 Familien umzusiedeln. Doch die indigene Bevölkerung wehrte sich von Beginn an. Donald Rojas ist Buruca und Repräsentant der Mesa Nacional Indígena de Costa Rica, einer unabhängigen indigenen Interessenvertretung auf Landesebene. Ruhig zählt er die Befürchtungen der Bevölkerung vor Ort auf: „Mindestens 25 Prozent des Landes der Teribes und 10 Prozent anderer Völker gehen verloren. Ein Tunnel untergräbt unser Land, wir haben Zweifel an der technischen Umsetzung. Es gibt zudem keine Studien über die Umweltschäden.“ Denn Wasserkraft ist zwar regenerativ, aber keine saubere Art der Energiegewinnung. Sie verändert und zerstört den Fluss und das gesamte Ökosystem, das er prägt. „Zudem wirkt sich ein See solchen Ausmaßes auf das Mikroklima aus. Die Menschen vor Ort leben hauptsächlich von der Landwirtschaft. Auch die nötige Infrastruktur wird unser Land beeinflussen“, so Rojas. Allgemeines Misstrauen gegenüber dem Bauwerk wurde geäußert. Ausreichende Sicherheit könne in einer von Erdbeben und Tropenstürmen geprägten Gegend nicht gewährleistet werden.
Fünf Monate nachdem Vorstandsmitglied Luis Pacheco die Bedeutung des Staudamms betonte, erklärte die ICE-Vorsitzende Irene Cañas im November 2018 überraschend das Ende des Projekts. Costa Rica habe keinen Bedarf an zusätzlicher Energie und die Digitalisierung werde den Verbrauch eher senken. Belege oder Gutachten hat die Unternehmensleiterin dafür nicht. Die indigene Aktivistin Elides Rivera aber ist hocherfreut: „Dieser Kampf war für uns autochthone Völker sehr wichtig, weil wir unser Land verteidigt haben, das unser zu Hause ist; weil wir den Fluss verteidigt haben, der uns das Leben schenkt, und auch den Wald, den wir beinahe verloren haben und der für uns Leben bedeutet.“ Sie wertet das Projektende als klaren Sieg des Widerstandes. Vor allem der im Jahr 2018 beschlossene neue Konsultationsmechanismus habe dem Projekt das Genick gebrochen. Dieser setzt die indigenen Völkern durch Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) garantierte Kontrolle über ihre Territorien in nationales Recht um: Ohne die Zustimmung einer indigenen Gruppe im Rahmen in eines geregelten Konsultationsdialoges dürfen in ihrem Gebiet keinerlei Aktivitäten stattfinden. Donald Rojas hingegen wirkt nicht, als hätte er gerade einen jahrzehntelangen Kampf gewonnen. Auf seine Meinung angesprochen, warum das Staudammprojekt abgebrochen wurde, lacht er zunächst emotionslos.

„Ein Wunder, dass es keine Toten gab“


Das soll nicht bedeuten, der Widerstand wäre nicht vehement gewesen. „Es ist ein Wunder, dass es keine Toten gab“, meint Roy Arias. Er arbeitet seit über 15 Jahren mit den indigenen Völkern im Süden Costa Ricas zusammen. „Die Bevölkerung und ihre Meinungen vor Ort sind heterogen und die Situation war sehr angespannt.“ Das ICE habe versucht, einen Keil zwischen die Parteien zu treiben. Costa Rica ist ein demokratisches Land ohne Armee, die den Willen der Regierung umsetzen kann. Repressionen erfolgten eher strategisch und vor allem durch politische Institutionen. Zum einen wurde die nicht-indigene Bevölkerung motiviert, sich für den Staudamm auszusprechen. Diese erwarb im Laufe des letzten Jahrhunderts teils durch illegalen Landerwerb bis zu 70 Prozent des Territoriums der Teribe. Und unter den indigenen Bewohner*innen stiftete die Nationale Kommission für indigene Angelegenheiten (CONAI) Zwist. „Die CONAI ist eine staatliche Institution, die von keiner indigenen Gruppe als Vertretung anerkannt wird, diese aber offiziell innerhalb des politischen Systems vertritt“, erklärt Roy Arias. „Gemeinsam mit dem ICE haben sie Fehlinformationen verbreitet und versucht, die Indigenen durch scheinheilige Angebote von ihrem Territorium zu locken.“
Diese Institutionen, ihre verheißungsvollen Versprechungen, in Aussicht gestellte Ausgleichszahlungen und gezielte Fehlinformation erzeugten ein Klima der Unruhe. 2011 wendeten sich die Teribe an den interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte und die UN sandte einen Sonderbeauftragten nach Costa Rica. Er kritisierte vor allem die Konsultationsweise des ICE, die nicht mit der ILO-Konvention 169 vereinbar sei (siehe LN 449). Für das ICE war dies ein harter Schlag, da es sich als besonders nachhaltiges Unternehmen sieht. Auch die Informationspolitik und Repressionen gegen die Bevölkerung vor Ort wurden angesprochen. Eine Zustimmung zum Projekt habe es nie gegeben, betont Roy Arias. „Nur ein kleiner Teil der Menschen war dafür, vor allem Nicht-Indigene und Mitarbeiter*innen des CONAI. Ein etwas größerer Teil war entschieden dagegen. Und der allergrößte Teil hatte schlichtweg keine Ahnung.“ Über das Ausmaß, Risiken, Folgen des Vorhabens und potenzielle Entschädigungen wurde nie ausreichend informiert. Warum das Projekt letztendlich abgebrochen wurde, weiß Arias nicht.
Die Antwort liefert ausgerechnet Jesús Orozco, ICE-Finanzvorstand. Ein Problem sei der tortuguismo − der Schildkrötismus, also das bewusste Verschleppen von Projekten durch Mitarbeiter*innen, um länger von den Zahlungen zu profitieren. Zudem sei das ICE nicht nur den Indigenen gegenüber sehr verschlossen, sagte er der Tageszeitung La Nación. Die Ankündigung des Projektendes geschah auf der ersten Pressekonferenz seit Jahren. Informationen zu Projektabläufen, Kosten und dem Zustand des Unternehmens gibt es nicht. Das Management habe verheerende Arbeit geleistet, das Unternehmen stehe finanziell sehr schlecht da.
Am Ende äußert sich auch Donald Rojas noch zu den Gründen: „Die aktuelle Regierung sieht den Staudamm auch als unvereinbar mit dem Image Costa Ricas als nachhaltiges, umweltfreundliches und tolerantes Land. Der indigene Widerstand hat das Thema öffentlich gemacht. Und auch wenn der neue nationale Konsultationsmechanismus letztendlich durch das Projektende gar nicht zur Anwendung kam, so erhöhte er doch die Kosten des Projektes.“ Dies könne auch verhindern, dass das Projekt in Zukunft wieder aufgegriffen werde. Kleine, aber entscheidende Faktoren. Die Hauptgründe für den Projektabbruch sind aber wohl, wie es auch Rojas sieht, die Wirtschaftslage, fehlendes Wissen und langjährige Intransparenz innerhalb des ICE sowie laxe Kontrollen des demokratischen Apparates. Letztendlich führte ausgerechnet der schlechte Zustand der costa-ricanischen Demokratie und ihrer Unternehmen zu einem vorerst guten Ende für die im Staudammgebiet lebenden Menschen.

SIEG DER VERNUNFT

Surayabi Ramírez versteht die Welt nicht mehr. Der Experte für Wirtschaftspolitik an der Universität von Costa Rica zählt die seiner Meinung nach wesentlichen Probleme des Landes auf: die rasant steigende Staatsverschuldung, die veraltete und desolate Infrastruktur des Landes, die Korruption sowie die steigende Kriminalitätsrate durch das organisierte Verbrechen. Und dann ist das dominierende Thema der Wahlen die gleichgeschlechtliche Ehe. Aber auch er weiß, dass mehr dahintersteckt.

Das Thema Ehe für alle war in Costa Rica Auslöser einer der schärfsten Wahlkämpfe in der Geschichte des Landes. Am Ostersonntag fand er mit dem Sieg des jungen und progressiven Präsidentschaftskandidaten Carlos Alvarado in der Stichwahl ein Ende. Bis zuletzt wurde im ganzen Land erbittert, aber weitgehend friedlich um Stimmen geworben. Dennoch konnte sich in den Umfragen keiner der beiden Kontrahenten absetzen. In einer bisher unbekannten Radikalität spaltete sich die Gesellschaft in den vergangenen drei Monaten in ein progressives und ein traditionelles Lager. Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde zum Sinnbild der beiden gegensätzlichen Weltbilder, die über den gesamten Wahlprozess den Diskurs dominierten.

Nutznießer dieser Debatte waren beide Präsidentschaftskandidaten der Stichwahl, Fabricio und Carlos Alvarado, die nur zufällig den gleichen Nachnamen tragen. Beide Kandidaten hatten Ende letzten Jahres in den Umfragen noch weniger als fünf Prozent erreicht. Der Wahlkampf war bis dahin unspektakulär verlaufen. Weiße, ältere Männer aus der politischen Elite versprachen Verbesserungen alltäglicher Probleme: der Verkehrssituation, der Armut, der Bildung. Und die Wähler*innen favorisierten ihre traditionelle Partei.

Am 9. Januar explodierte dann die Bombe. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte beantwortete eine zwei Jahre alte Anfrage zur gleichgeschlechtlichen Ehe aus den Reihen der regierenden Partei der Bürgeraktion (PAC). Die Rechte von Homosexuellen und die Ehe für alle seien demnach durch den Gleichheitsgrundsatz geschützt. Damit bestimmte die internationale Organisation schlagartig die Agenda des Wahlkampfes. Befürworter*innen und Gegner*innen der „Homoehe“ brachten sich in Position. Das Thema dominierte plötzlich die Zeitungen und sozialen Netzwerke. Der Wahlkampf veränderte sein Gesicht innerhalb von wenigen Tagen hin zu einer unübersichtlichen und brisanten Mischung aus Wertedebatte, Glaubensfragen und religiösem Fanatismus. Ein tiefer Graben schlug sich in die sonst eher harmonie­liebende costaricanische Gesellschaft.

Auf der einen Seite stand der 38-jährige Carlos Alvarado für die progressive PAC. Der ehemalige Arbeitsminister des Landes sowie Journalist wirkte anfangs gesichtslos, gewann aber dann in zahlreichen Fernsehdebatten durch seine kluge und ruhige Argumentation immer mehr an Zustimmung. Seine Kenntnis des Landes sowie sein akademischer Bildungshintergrund und seine weltoffene Art repräsentierten den rationalen Anspruch der PAC. Er trat unter anderem für die gleichberechtigte Behandlung von Minderheiten, die Stärkung der Rechte von Frauen, einen säkularen Staat und neue Regelungen im Straf­recht ein.

Auf der anderen Seite stand Fabricio Alvarado, ebenfalls Journalist, evangelikaler Sänger und politisches Gesicht der christlich-fundamentalistischen Partei des Nationalen Wiederaufbaus (RN). Dem rhetorisch gewandten, bisher einzigen Abgeordneten der politisch noch unerfahrenen Partei gelang es durch eine vehemente Ablehnung des Urteils des internationalen Gerichts, im ersten Wahlgang aus dem Stand die meisten Stimmen zu gewinnen. Er polarisierte durch seine streng religiösen Themen. Neben dem Schutz des traditionell christlichen Familienbildes, der Abschaffung von Sexualkunde an Grundschulen, dem Ende der feministischen „Ideologie“ und des säkularen Staates blieb er weitere Programmpunkte bis eine Woche vor dem Wahltag schuldig.

Fabricio Alvarado gelang es mithilfe der evangelikalen Gemeinden, vor allem in ländlichen Regionen Aufsehen zu erregen. In der Peripherie, wo das Bildungs- und Einkommensniveau niedriger und die Kriminalitätsrate höher ist, haben spirituelle Hoffnungsträger*innen und Regierungskritiker*innen stets gute Karten. Handy­videos von Eltern, die vor den Schulen ihrer Kinder gegen den Sexualkundeunterricht demonstrierten, offenbarten in den sozialen Medien den aggressiven Ton der evangelikalen Bewegung. „Wer sich Gottes Wort widersetzt, verdient den Tod“ skandierten sie mit Hinblick auf ihre homosexuellen Mitmenschen. Eine Debatte über evangelikale Praktiken blieb aus, stattdessen punktete Fabricio Alvarado als standfester Christ auch bei katholischen Konservativen. Daher blieb das Präsidentschaftsrennen bis zum Ende spannend.

Auch die anderen Parteien wurden in den Debattenstrudel aus Modernität und Tradition hineingezogen. Das klassische Zwei-Parteien-System ist endgültig zerschlagen. In der kommenden Legislaturperiode werden Abgeordnete aus sieben verschiedenen Parteien im Parlament vertreten sein. Dies erschwert die Mehrheitsfindung im Parlament und damit ein geordnetes Regieren. Erstmals in der Geschichte des Landes haben deshalb vor den Stichwahlen Koalitionsgespräche stattgefunden. Mit der RN verbündete sich die Partei der Nationalen Befreiung (PLN), eine der beiden ehemals dominerenden Volksparteien. Gemeinsam verfügen sie über die Mehrheit der im Februar gewählten Abgeordneten. Das letztendlich relativ schlechte Wahlergebnis dieses Bündnisses von 40 Prozent zeugt davon, dass viele Anhänger*innen dem Ruf der eigenen Partei nicht gefolgt sind, sondern für Carlos Alvarado gestimmt haben. Dessen PAC ging ihrerseits ein Bündnis mit der christsozialen Partei (PUSC) ein, der zweiten ehemals dominierenden Volkspartei. Dies könnte Carlos Alvarado entscheidende Stimmen gebracht haben: Während im ersten Wahlgang (siehe LN 524) nur rund 22 Prozent der Wahlberechtigten für ihn gestimmt hatten, entschieden sich in der Stichwahl 60 Prozent für ihn und seine zukünftige Stellvertreterin Epsy Campbell, die die erste schwarze Vizepräsidentin Lateinamerikas sein wird.

Wirtschaftspolitikexperte Ramírez ist darüber erleichtert. Ein Wahlsieg der RN hätte für Costa Rica verheerende Folgen gehabt. Vor allem das positive Image des Landes hätte gelitten, und damit der Tourismus. Die Unberechenbarkeit und Unerfahrenheit der evangelikalen Partei hätte das Land schwächen können. Fabricio Alvarado verfüge nicht über die nötige Erfahrung und Englischkenntnisse und die RN habe nicht genug Mitglieder, um alle staatlichen Ämter zu besetzen. „Gerade in Zeiten ökonomischer Unsicherheit ist eine stabile Regierung nötig“, meint Ramírez, „die PAC hat zwar in ihrer Koalition mit anderen Parteien nicht die Mehrheit im Parlament, kann aber besser die soziale Einheit wiederherstellen.“ Der neue, jüngste Präsident der Geschichte des Landes hat dafür alle im Parlament vertretenen Parteien zu Verhandlungen über eine gemeinsame Regierung eingeladen. Noch am Wahlabend rief er seinen Wähler*innen zu: „Meine Aufgabe wird die Einheit dieser Republik sein.“ Es dürfte eine schwere Aufgabe werden.

Interessant sind zwei Parallelen, die die costaricanische Demokratie mit ihren artverwandten Systemen in Nordamerika und Europa teilt. Zum einen bilden sich zunehmend radikale Alternativen zu etablierten politischen Akteur*innen. Während sich in Europa nationale und in Nordamerika ökonomische Bewegungen bildeten, ist es in Costa Rica eine religiöse. Die politische Struktur dahinter scheint aber die gleiche zu sein: ein zu lang unterdrückter gesellschaftlicher Diskurs über die sozialen Veränderungen, die die Globalisierung mit sich bringen und eine politische Vision darüber, wie damit umzugehen ist. Zum anderen bringen Wahlen kaum mehr stabile Mehrheitsverhältnisse, sondern spiegeln eher eine allgemeine Zersplitterung der Gesellschaft wider. Dies hat das Auseinanderbrechen des traditionellen Parteiensystems zufolge, was in Costa Rica den Entscheidungsfindungsprozess erschwert. Letzlich, ist sich Ramírez sicher, liegt es auch an den emotionalen Wahlkämpfen. Es wäre besser, wenn die Politiker*innen im Wahlkampf wieder über die wesentlichen Probleme des Landes sprechen würden.

 

 

DER FRUST REGIERT

Das Leben in Costa Rica ist härter geworden. Die zweifache Mutter Marta, eine weltoffene Mittvierzigerin, putzt im universitären Osten von San José und bringt damit ihre Familie durch. Wohlhabend wird sie davon nicht. Die Arbeitstage sind lang, der Anreiseweg von einem günstigen Wohnviertel im Westen San Josés ans andere Ende der Stadt ebenfalls. Aber Marta ist nicht unzufrieden. Sie weiß, dass die Situation in Costa Rica alles andere als rosig ist und sagt: „Die Schweiz Zentralamerikas hat sich in den vergangenen Jahren ziemlich zerlegt!“

Ein Fünftel der Bevölkerung lebt nach wie vor unter der Armutsgrenze. Auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist weiter äußerst angespannt. Während die Arbeitslosigkeit seit Jahren auf hohem Niveau verharrt, müssen sich vor allem junge Menschen trotz guter Ausbildung mit schlecht bezahlten Callcenter-Jobs über Wasser halten. Doch auch wer Arbeit hat, ächzt unter den exorbitanten Lebenshaltungskosten. Mieten und Immobilienpreise in der Hauptstadtregion reichen an europäisches Niveau heran, die Lebensmittelpreise liegen sogar häufig noch darüber.

Nicht nur deswegen regiert der Frust in Costa Rica. Über die zunehmende Gewalt im Land, die zwar statistisch noch deutlich unter der von Honduras oder Guatemala liegt, aber eben doch in den vergangenen Jahren merklich gestiegen ist und vielen Costa Ricaner*innen zunehmend Angst macht. Hinzu kommt die Korruption, die zumindest gefühlt auch die amtierende Regierung von Präsident Luis Guillermo Solís nicht in den Griff bekommen hat. Der Zustand der öffentlichen Infrastruktur ist nach wie vor miserabel, von Straßen bis zu Schulen. Und wie vielerorts auf der Welt beschert die soziale Situation nicht den sozialdemokratischen und linken Kräften Zulauf, sondern ist Wasser auf die Mühlen rechter Populisten oder – wie im konservativen Costa Rica – religiöser Eiferer.

Die Macht der beiden „Volksparteien“ bröckelt seit Langem.

Bis 2014 waren Wahlen in Costa Rica meist eine klare Angelegenheit. Zwei Parteien, die Partei der Nationalen Befreiung (PLN) und die Christsozialen (PUSC) teilten sich die Macht im Land, mit einer strukturellen Mehrheit für die historisch sozialdemokratisch angehauchte, aber seit zwei Jahrzehnten tendenziell neoliberale PLN, die seit 1953 neun der 15 Präsidenten stellte und die im Parlament fast immer stärkste Kraft war. Doch die Macht der beiden „Volksparteien“ bröckelt seit Langem.

2002 zog erstmals die Partei der Bürgeraktion PAC ins Parlament ein, politischer Ausdruck der damals massiven Proteste gegen neoliberale Wirtschaftskonzepte und das CAFTA-Freihandelsabkommen, das zentralamerikanische Staaten mit den USA geschlossen haben. Bei den Wahlen vor vier Jahren, die die Mitte-links-Partei PAC erstmals gewann, erstarkte links davon die Frente Amplio, getragen von der breiten Begeisterung für ihren jungen Präsidentschaftskandidaten, José María Villalta.

Die Aufsplitterung des politischen Spektrums setzt sich munter fort. So ist wenige Tage vor der Wahl am 4. Februar nur klar, dass es – immer noch ungewöhnlich für Costa Rica – eine Stichwahl geben wird. Denn das PLN-Lager, theoretisch immer noch für 40 Prozent der Stimmen gut, hat sich im vergangenen Jahr in zwei Listen gespalten. Aus den Vorwahlen im April ging der vom zweimaligen Ex-Präsidenten Oscar Árias favorisierte Antonio Álvarez Desanti als Sieger hervor, wie Árias Großgrundbesitzer und Unternehmer. Desanti galt noch bis Oktober als wahrscheinlichster zukünftiger Präsident, seither aber sinken seine Zustimmungswerte. Die Desanti oft vorgehaltene Visionslosigkeit, sein politischer Wankelmut, gepaart mit kümmerlichen Resultaten in seiner bisherigen Funktion als Parlamentspräsident machen es der politischen Konkurrenz leicht, ihm mit markigen Forderungen das Wasser abzugraben.

Die bei den PLN-Vorwahlen unterlegene Strömung um den damaligen Parteivorsitzenden und Ex-Präsidenten José María Figueres Olsen, stellte mit dem polarisierenden Rechtspopulisten Juan Diego Castro einen eigenen Kandidaten auf. Der auch wegen seiner aggressiven Umgangsformen als „Trump von Costa Rica“ titulierte Castro war schon unter Figueres Olsen Justiz- und später Sicherheitsminister. Als solcher hatte er 1995 das Parlament von Sicherheitskräften umstellen lassen, weil sich die Abgeordneten mehrheitlich weigerten, schärferen Sicherheits­gesetzen zuzustimmen. Seither gilt Castro als skandalumwittert. Doch dem selbsternannten politischen Saubermann konnten weder Ermittlungen wegen häuslicher Gewalt, Attacken auf missliebige Journalisten, die Beschimpfung der starken Umweltbewegung als „Ökoterroristen“ und Verbindungen zu den Geschäftspraktiken der durch die Panama Papers bekannt gewordenen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca viel anhaben. Im Gegenteil. Mit seinem Sicher­heits­diskurs, der wie bei Trump die Gewalt vor allem mit migrantischen Communities in Verbindung bringt, kann sich Castro durchaus Hoffnungen auf das Erreichen der Stichwahl machen.

Hingegen hat die Bürgeraktion PAC von Präsident Luis Guillermo Solís in ihren ersten vier Regierungsjahren zwar mit negativer Presse, einem von den Altparteien kontrolliertem Parlament und zumindest in der Anfangszeit mit der eigenen Unerfahrenheit zu kämpfen gehabt, war aber nicht vollkommen unbeliebt. Das änderte sich Mitte 2017 mit dem sogenannten „Cementazo“-Skandal._Der Unternehmer Juan Carlos Bolaños hatte es geschafft, Politik, Justiz und die staatliche Bank von Costa Rica davon zu überzeugen, den regulierten und von zwei internationalen Unternehmen kontrollierten Zementmarkt mit aus China importiertem Zement aufzubrechen, um die Preise für den Baustoff zu senken. Bolaños bekam eine Importgenehmigung und einen Millionenkredit für sein Geschäft. Alles halb so wild, hätte der gewiefte Unternehmer nicht dafür persönliche Kontakte in Regierungskreise, zu Abgeordneten der wichtigsten Fraktionen, zu Bankvorständen und Richtern genutzt. Aus einem mittelgroßen Geschäft wurde so ein Riesenskandal mit diversen Rücktritten, der vor allem der_als Antikorruptionspartei angetretenen_PAC einen massiven Vertrauensverlust bescherte.

Chancenlos scheint der Kandidat der linken Frente Amplio.

Das zweite Aufregerthema hat nur mittelbar mit Costa Rica selbst zu tun: Am 9. Januar hatte der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof, fast zwei Jahre nach einer entsprechenden Anfrage der costa-ricanischen Regierung, ein Rechtsgutachten veröffentlicht, nach dem homosexuelle Paare mit heterosexuellen gleichzustellen sind. Für die LGBTI-Bewegung und für Vizepräsidentin Ana Helena Chacón, die vor knapp zwei Jahren den Menschenrechtshof um seine Einschätzung gebeten hatte, ist die Entscheidung ein großer Erfolg. Der Zeitpunkt des Richterspruches mitten in der heißen Phase des Wahlkampfes ist jedoch heikel. Zwar darf die PAC hoffen, wie vor vier Jahren einen größeren Teil des liberalen Costa Ricas für sich mobilisieren zu können._Doch_auch die moralkonservative und religiöse Wahlbevölkerung_dürfte an die Urnen drängen. Laut Fabiola Pomareda, Journalistin und Chefredakteurin beim Alternativen Kommunikationszentrum_Voces, fährt vor allem die religiöse Rechte schon seit Monaten eine bislang beispiellose Kampagne gegen progressive Kräfte. In eigenen Fernseh-, Radio- und Internetkanälen hat sie gegen Genderthemen, Rechte der LGBT-Community, gegen Sexualkundeunterricht und künstliche Befruchtung polemisiert. Offensichtlich mit Erfolg: Wahlumfragen kurz nach der Gerichtsentscheidung sehen vor allem den homophoben, evangelikalen Kandidaten Fabricio Alvarado im Aufwind, dem nun sogar Chancen eingeräumt werden, die Stichwahl zu erreichen.

Wer es nun tatsächlich in die zweite Runde schaffen wird, ist völlig offen. Laut Meinungsumfragen hat auch das christsoziale Lager Chancen, aber auch dieses hat sich in zwei Teile gespalten. Carlos Alvarado, der Kandidat der aktuellen Regierungspartei PAC, dümpelt zwar in den Umfragen bei mageren fünf Prozent, wird aber nicht müde, darauf hinzuweisen, dass alle PAC-Kandidaten der vergangenen Jahre erheblich mehr Stimmen erhalten hatten, als ihnen die Umfragen vorhergesagt hatten. Chancenlos scheint der Kandidat der linken Frente Amplio, Edgardo Araya. Seine zwei Prozent sind kein Vergleich zu den bis zu 19 Prozent, die dem weitaus charismatischeren, visionären und in den sozialen Bewegungen gut vernetzten José María Villalta vor vier Jahren prognostiziert wurden.

Die aggressiven Kampagnen der religiösen und populistischen Rechten haben nicht nur soziale Themen in den Hintergrund gedrängt, laut Fabiola Pomareda haben sie einen weiteren, fatalen Effekt: Sie schwächen die Zivilgesellschaft und insbesondere die gut organisierten Stadtteil- und dörflichen Bürgerinitiativen. Denn wo es bislang Einigkeit gab im Kampf gegen den Ananasboom mit seinen verheerenden ökologischen und sozialen Folgen oder gegen die Vernachlässigung ärmerer und migrantischer Communities durch die Politik, gibt es heute auch dort Streit zwischen strenggläubigen und liberaleren Mitgliedern – sehr zum Gefallen der costa-ricanischen Oligarchie und transnationaler Unternehmen.

Die große Unbekannte sind allerdings die bislang Unentschlossenen (über ein Drittel derjenigen, die zur Wahl gehen wollen) und diejenigen, die nicht vorhaben, überhaupt zur Wahl zu gehen (um die 40 Prozent der Wahlberechtigten). Beide Gruppen sind laut Wahlumfragen deutlich stärker als jeder der ausschließlich männlichen Präsidentschaftskandidaten. So könnte ein letztes Aufregerthema kurz vor der Wahl alle bisherigen Umfragen noch über den Haufen werfen. Gut möglich aber auch, dass das Schreckgespenst einer Stichwahl zwischen rechtspopulistisch (Castro) und evangelikal (Fabricio Alvarado) vor allem das eher mittig liberale und linke Lager quer durch alle sozialen Schichten noch in die Wahllokale treibt. Wie auch die bislang unentschlossene Marta, der, wie so vielen, vor beiden Kandidaten graut.