
Worin bestehen die historischen Kämpfe der Kitu-Kara?
Das Kitu-Kara-Volk lebt im heutigen Metropolitanbezirk Quito. Es umfasst über 67 comunas sowie Gemeinden, Wasserverbände und weitere Organisationen. Bevor wir uns 2003 als Volk neu konstituierten, waren wir Teil der Provinzföderation Pichincha Runacunapak Rikcharimuy, die 1976 gegründet wurde. Damals beschloss die Ecuarunari, die regionale Organisation der 20 Völker der Anden, gemeinsam mit verschiedenen Indigenen Gemeinden des Andenhochlands, Provinzföderationen zu schaffen, um die comunas zusammenzuführen. So entstand die Föderation der Völker von Pichincha. Einer der Hauptgründe für ihre Gründung war die Verteidigung der Territorien und des Rechts auf Land. In diesem Zusammenhang besetzten die comunas und Gemeinden meines Volkes gemeinsam mit dem heutigen Volk der Kayambi verschiedene Haciendas. Sie waren schließlich erfolgreich, aber das Land wurde ihnen niemals kostenlos übertragen. Unsere Großmütter und Großväter mussten es stets selbst bezahlen.
Wie funktioniert die Organisation der Indigenen Völker in Ecuador?
Die Basis der Indigenen Organisierung in Ecuador bilden die Gemeinden und Wasserverbände. Diese schließen sich zu Völkern zusammen, die wiederum in Provinz- oder Regionalföderationen organisiert sind und schließlich Teil einer landesweiten Struktur sind. Das Kitu-Kara-Volk gehört beispielsweise zu den 20 Kichwa-Völkern, die gemeinsam die Ecuarunari bilden. Diese wiederum ist Teil der Konföderation der Indigenen Nationalitäten Ecuadors (CONAIE). Entscheidungen werden von unten nach oben getroffen: von der Gemeinde über die verschiedenen Ebenen bis hin zum Erweiterten Rat der CONAIE.
Die CONAIE gilt als eine der stärksten Indigenen Organisationen Lateinamerikas und zeichnet sich durch ihre territoriale Verankerung aus. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit angesichts der enormen Entfernungen zwischen den einzelnen Gebieten?
Man muss zunächst die Besonderheiten der einzelnen Völker verstehen. Das Kitu-Kara-Volk lebt im Herzen des Nationalstaates, in Quito und den umliegenden Kantonen. Dort sind die Dynamiken zwischen den Gemeinden besonders eng. Gleichzeitig stehen wir unter starkem Druck durch die Ausweitung der Stadt. Die Immobilienentwicklung greift in unsere Gemeinschaftsgebiete ein und verändert ihre soziale und wirtschaftliche Struktur. Viele Menschen arbeiten heute im Baugewerbe statt in der Landwirtschaft. Unter diesen Bedingungen ist der Aufbau einer eigenen Selbstverwaltung besonders schwierig.
Ganz anders ist die Situation etwa bei den Waorani, den Shiwiar oder den Sápara im Amazonasgebiet. Die beiden letztgenannten Gemeinschaften sind teilweise nur mit Kleinflugzeugen erreichbar; zwischen ihren Gemeinden bewegt man sich mit kleinen Motorbooten auf den Flüssen.
Bevor die CONAIE eine Entscheidung trifft, beruft zunächst jede Nationalität Versammlungen ein, an denen Vertreter*innen der Gemeinden teilnehmen. Die Themen eines Erweiterten Rates werden zuvor in den Territorien diskutiert und beschlossen. Das ist gelebte gemeinschaftliche Demokratie – etwas, das die westliche Moderne und der liberale bürgerliche Staat nicht kennen.
Welche Bedeutung hat es, dass Ecuador sich in seiner Verfassung als plurinationaler Staat versteht und die Rechte der Natur anerkennt?
Zunächst muss man den Unterschied zwischen einem multikulturellen und einem plurinationalen Staat verstehen. In den USA etwa werden den Indigenen Nationen Rechte ausschließlich innerhalb ihrer Reservate zugestanden. Ich war im November 2024 im Gebiet der Seminolen in Florida. Sie verfügen über Hotels, Casinos und eine eigene Polizei. Das Verwaltungsgebäude ihres Volkes erinnerte mich eher an eine Botschaft der USA in Ecuador, während das Haus meines eigenen Volkes buchstäblich auseinanderfällt. Das hat bei mir einen inneren Konflikt ausgelöst. Aus meiner Sicht sollte ein Indigenes Volk kein Naturverständnis akzeptieren, das Extraktivismus zulässt. Der Multikulturalismus ist letztlich ein rassistisches und neoliberales Modell. Er erkennt Rechte nur innerhalb abgegrenzter Räume an und macht sie nicht zu einer gesamtgesellschaftlichen Frage.
Ein plurinationaler Staat dagegen muss von interkulturellen Beziehungen zwischen Indigenen und Nicht-Indigenen geprägt sein. Öffentliche Politik darf sich nicht nur an einzelne Bevölkerungsgruppen richten, sondern muss aus einer interkulturellen Perspektive entwickelt werden. Indigene Völker erscheinen dadurch nicht mehr lediglich als Minderheit, sondern als politische Subjekte innerhalb des Staates. Mit den landesweiten Protesten von 2019 vollzog die Indigene Bewegung einen wichtigen Wandel. Seitdem verbindet unser Diskurs ethnische und soziale Fragen. Wir sagen: Ich bin ein Indigener Mensch, aber ich bin auch Arbeiter. Deshalb sprechen wir von einem Indigenen und Volksaufstand. Es geht darum, Land und Stadt miteinander zu verbinden.
Plurinationalität lässt sich nicht allein auf dem Land aufbauen. Fragen der Produktion und Verteilung, der Verteidigung der Natur und der Sensibilisierung der Städte gehören ebenso dazu wie kollektive Rechte und die Rechte der Natur. Dass sich bei der Volksabstimmung über das Yasuní-Gebiet im November 2024 über 60 Prozent der Bevölkerung gegen weitere Erdölförderung aussprachen, ist auch Ausdruck dessen, dass die Indigene Bewegung diese Debatten in die gesamte Gesellschaft getragen hat.
Die staatliche Repression bedroht derzeit zahlreiche Indigene Führungspersönlichkeiten. Wie erlebst du diese Verfolgung?
Als Vertreter meines Volkes und Verteidiger dekollektiven Rechte sowie der Rechte der Natur bin ich politisch und juristisch verfolgt und kriminalisiert worden. Gegen mehr als 63 Personen wurden zwei Strafverfahren eingeleitet: eines wegen angeblich ungerechtfertigter Bereicherung, das andere wegen Terrorismusfinanzierung. Im September 2025 erhielten wir entsprechende Vorladungen.
Es gibt eingeschleuste Personen, die unsere Organisationsstrukturen kennen und als Handlanger des Staates auftreten, um Führungspersönlichkeiten einzuschüchtern und zu verfolgen. Das Ziel besteht darin, Verbindungen zwischen Akteur*innen auf nationaler Ebene sichtbar zu machen, um diejenigen zu identifizieren, die sich offen gegen das Regime von Daniel Noboa stellen. Etwa zwei Wochen vor Beginn des Nationalstreiks 2025 wurden in der Gemeinde San Ignacio in der Provinz Cotopaxi drei zivile Polizeibeamte festgesetzt, die sich verdeckt eingeschleust hatten. Im Rahmen der Indigenen Rechtsprechung wurden unter Anderem ihre Mobiltelefone überprüft. Auf den Handys fanden sich Chatverläufe, die eine gezielte Überwachung verschiedener Führungspersönlichkeiten der Bewegung dokumentierten.
Ecuador erlebt einen tiefgreifenden Abbau staatlicher Strukturen und eine dramatische Verschärfung der Gewalt. Das Land hat sich innerhalb weniger Jahre von einem der sichersten Staaten der Region zu einem der gefährlichsten entwickelt. Wie beurteilst du die aktuelle Lage?
2025 endete mit einem traurigen Rekord von über 9.200 registrierten gewaltsamen Todesfällen – so viele wie nie zuvor seit Beginn der statistischen Erfassung. Die Unsicherheit zerstört zugleich soziale Beziehungen und verstärkt die Migration. Zwischen 2017 und Mai 2026 erlebte Ecuador seine zweite große Migrationswelle. Allein 2025 flossen dadurch über 40 Milliarden US-Dollar an Rücküberweisungen ins Land – mehr als während der ersten großen Auswanderungswelle zwischen 1999 und 2006. Während dieser Krise profitierten vor allem Banken und wirtschaftliche Eliten. Allein durch die Verwaltung dieser Geldtransfers erzielten die Banken Einnahmen in Höhe von rund 1,8 Milliarden US-Dollar.
Schon Lenín Moreno 2019, Guillermo Lasso 2022 und nun Daniel Noboa behaupteten, die landesweiten Proteste würden vom Drogenhandel finanziert. Angeblich verteidigten Indigene Gemeinschaften die Treibstoffsubventionen, weil diese den Schmuggel nach Peru und Kolumbien sowie den illegalen Bergbau ermöglichten. Doch Kokain gelangt nicht in Säcken mit Kartoffeln, Mais oder Maniok nach Europa – den Produkten, die unsere Gemeinden anbauen. Es wird in Bananencontainern exportiert, die aus den großen Monokulturen an der Küste stammen. Die Kontrolle über diese Häfen liegt bei privaten Unternehmen sowie den Streitkräften.
Wo siehst du heute die wichtigsten politischen Herausforderungen und Perspektiven?
Unsere größte Herausforderung besteht darin, die Spaltungen innerhalb der Linken in Ecuador zu überwinden – zwischen Stadt und Land sowie zwischen einer stärker auf Wahlen orientierten und einer stärker basisorganisierten Linken. Die Rechte mag unterschiedliche Interessen haben, doch wenn ihre wirtschaftlichen Privilegien bedroht sind, handelt sie geschlossen. Ein Beispiel dafür ist die Bank Pichincha. Obwohl sie Differenzen mit Daniel Noboa hat, zögerte sie nicht, die Konten sozialer Aktivist*innen zu sperren. Deshalb müssen wir die verschiedenen Kämpfe zusammenführen, um die Grundlage für einen neuen großen Volksaufstand zu schaffen. Unsere Forderungen dürfen sich nicht nur gegen die jeweilige Regierung richten, sondern gegen das System insgesamt. Selbst wenn es gelingen sollte, Noboa durch ein Amtsenthebungsverfahren abzusetzen – was angesichts der von ihm kontrollierten Institutionen äußerst schwierig sein dürfte –, sollte bereits die Sammlung der notwendigen Unterschriften zu einem Raum politischer Aufklärung werden. Unter Noboa wurden zwanzig Ministerien auf zehn reduziert. Das Umweltministerium wurde mit dem Bergbauministerium zusammengelegt – ein Widerspruch ohne jede ethische Grundlage. Gerade darin liegt aber auch die Chance, unterschiedliche Kämpfe miteinander zu verbinden.












