Chile | Dossier | Dossier 18 - Vivas nos queremos | Nummer 558 - Dezember 2020

„SICH NICHT ZUM SCHWEIGEN BRINGEN LASSEN“

Interview mit Ninoska Pailaküra von der Koordinationsgruppe „Gerechtigkeit für Macarena Valdés“

Vor über vier Jahren wurde die Mapuche und Umweltaktivistin Macarena Valdés tot aufgefunden. Während die Ermittlungen der chilenischen Justiz stagnieren, kämpfen Valdés‘ Angehörige und Unterstützer*innen dafür, dass ihr Tod als Feminizid anerkannt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Ein Gespräch mit Ninoska Pailaküra aus dem Unterstützer*innenkreis über Gewalt gegen Frauen in der Region und den Kampf für Gerechtigkeit.

Von Interview: Susanne Brust

„La Negra“ wurde ermordet! Wahrheit und Gerechtigkeit für Macarena Valdés
Illustration: Coordinadora de Justicia para Macarena Valdés, @justiciaparamacarenavaldes


Wie kam es dazu, dass du in feministischen Kontexten im Allgemeinen und speziell in der Koordinationsgruppe „Gerechtigkeit für Maca-*rena Valdés“ arbeitest?

So wie viele andere Frauen habe ich zuerst im Haus von Rubén, dem Partner von Macarena Valdés, geholfen. Das war ungefähr vor vier Jahren. Mit der Zeit wurde ich Teil der Gruppe, die Arbeiten im Haus und die Betreuung der Kinder übernimmt. Auch das war für mich schon Teil des Kampfes für die Gerechtigkeit für Maracena, seitdem gehöre ich zur Koordinationsgruppe.

Welche Bedeutung hatte diese gegenseitige Unterstützung in einer schwierigen Zeit?
Wir in der Gemeinde sind glücklich, dass Macarenas Familie so viel Unterstützung bekommen hat. Die größte Sorge in der Gemeinde war, dass Rubén und die Kinder allein dastehen würden. Ich persönlich glaube, dass die Kinder am wichtigsten sind, Macarenas Söhne. Mit der Zeit habe ich eine Art Mutterrolle für sie eingenommen, sie aufgezogen und mich um sie gekümmert. Es fühlt sich so an, als wären sie meine Kinder. Ich bin Teil ihres Kampfes geworden, aber auch Teil ihres Schmerzes. Ich habe ihnen dabei geholfen, nach und nach zu heilen. Ich denke, das war das Wichtigste nach Macarenas Tod: ihren Kindern bei der Heilung zu helfen. Auch in der Gemeinde waren viele sehr verletzt nach Macarenas Tod.

Woran arbeitet eure Gruppe aktuell?
Die Koordinationsgruppe versucht, dem Fall mehr Aufmerksamkeit zu geben. Dieses Jahr haben wir zum vierten Todestag von Macarena viele virtuelle Aktionen gestartet. Generell verbreiten wir das ganze Jahr über Illustrationen und die Arbeiten unserer Unterstützer*innen.

Hat die Pandemie eure Arbeit verändert?
Kaum. Aber die Krise hat uns dahingehend getroffen, dass wir uns nicht mehr ins Gesicht schauen können. Eine virtuelle Unterhaltung ist nicht das Gleiche, es fehlt die Wärme. Und das, was wir sagen, fühlt sich durch so einen digitalen Apparat manchmal sehr kalt an.

Was bedeutet der Tod von Macarena Valdés im Zusammenhang mit der Gewalt gegen Frauen in der Region?
Für uns in der Gemeinde ist es sehr deutlich, dass ihr Tod eine Warnung war. Die Warnung, dass uns das gleiche passieren kann, wenn wir weiterhin unsere Stimme erheben. Sie wollten Angst stiften, haben aber nicht gemerkt, dass Macarena bereits einen Samen des Widerstands in jeder Frau gesät hatte. Auch wenn sie sie getötet haben, so erblüht er jetzt in jeder von uns. Für Macarenas Familie und ihre Freundinnen war es ein großes Leid, aber aus der Wut heraus konnten sie Kräfte sammeln, um für sie zu kämpfen. Für sie und gegen die Straflosigkeit.

Das heißt, Macarenas Tod hat euch Frauen keine Angst gemacht?
Nein, im Gegenteil! Die Frauen in der Gemeinde sammelten daraus noch mehr Kraft, um zu demonstrieren und für ihre Rechte einzustehen. Sie wollen sich angesichts all dieser Ungerechtigkeiten nicht zum Schweigen bringen lassen.

Macarena war Frau, Mapuche und Umweltaktivistin. Wie ist das miteinander verbunden?
Bei den Mapuche ist die Frau diejenige, die am stärksten mit der Erde verbunden ist. Deswegen verstehe ich sehr gut, dass Macarena ihre natürliche Umgebung und den Fluss als gleichwertiges Wesen verteidigen wollte. Sie war Mapuche, aber eben auch Frau und Mutter. Deswegen hat sie für eine bessere Zukunft für ihre Kinder und Enkel gekämpft. Zu ihrer Vorstellung von dieser Zukunft gehörten keine Wasserkraftwerke. Macarena wollte nicht, dass die Erde als ökonomisches Gut ausgebeutet wird.

Welche Formen von Gewalt erleben Frauen in deiner Umgebung?
Die Mapuche erleben von Kindesbeinen an Gewalt: Rassismus, Diskriminierung, die Vertreibung vom eigenen Land, die Polizeigewalt. Der chilenische Staat deckt all das. Und das erleben Frauen, Kinder und Männer – alle gleich.

Wie wehrt ihr euch gegen diese Gewalt?
Wir Frauen kümmern uns gegenseitig um uns und unterstützen Frauen, die Gewalt erfahren haben. Gleichzeitig versuchen wir, Selbstverteidigungskurse zu organisieren. Wenn es nötig ist, habe ich zumindest irgendeine Art von Waffe dabei, um mich zu verteidigen. Ich laufe immer mit einem Messer herum, es ist mein Schutz. Ich musste es aber noch nie benutzen.

Welche Art von Selbstverteidigung lernt ihr?
Wir haben ein paar Mal zusammen mit anderen Frauen die Mapuche-Kampfsportart kollellaullin geübt. Auch Macarenas Söhne trainieren darin.

Gibt es in der Gemeinde eigene Wege, um mit Fällen von Gewalt gegen Frauen umzugehen?
Als Macarena noch lebte, fanden in ihrem Haus Kurse für Menschen aus der Gemeinde statt, die die Schule nicht abgeschlossen hatten. Viele brauchten den Abschluss jedoch für die Arbeit, um den Führerschein zu machen oder für andere Angelegenheiten. Wenn Macarena in diesem Zusammenhang davon mitbekam, dass manche Männer ihren Frauen und der Beziehung nicht die angemessene Bedeutung zukommen ließen, gingen sie das Thema aus der Perspektive der Kosmovision der Mapuche an. Dabei waren sie immer darum bemüht, die Identität und Integrität der Frau zu bewahren.

Was kritisiert ihr an der juristischen Aufarbeitung des Falles von Macarena Valdés?
Bis jetzt hat die chilenische Justiz nichts, aber auch gar nichts unternommen. Sie hat nicht einmal ein Blatt Papier bewegt. Im Gegenteil: Sie wollten die Untersuchungen abschließen, schon drei Mal sind die Berichte der Autopsie verloren gegangen. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, uns zu widersprechen, obwohl internationale Gutachten zeigen, dass Macarena umgebracht wurde.

Was fordert oder erwartet ihr von den chilenischen Gerichten und der Polizei?
Wir fordern, dass es Gerechtigkeit gibt und dass die Mörder von Macarena gefunden und für ihr brutales Verbrechen bestraft werden. Und natürlich hoffen wir, dass unser Kampf dazu führt, dass sich so etwas nicht wiederholt. Eigentlich fordern wir ja nur, dass der chilenische Staat und seine juristischen Institutionen ihre Arbeit machen – schließlich werden sie dafür bezahlt.

 

Ninoska Pailaküra
ist Mapuche und engagiert sich in der Koordinationsgruppe „Gerechtigkeit für Macarena Valdés“. Die Gruppe von Unterstützer*innen leistet den Angehörigen der verstorbenen Umweltaktivistin praktische Hilfe und macht mit Aktionen auf ihren Fall aufmerksam. Gemeinsam fordern sie Wahrheit und Gerechtigkeit im Fall Macarena Valdés. (Foto: privat)

 

 

 

 


Der Fall Macarena Valdés
Die Umweltaktivistin und Mapuche Macarena Valdés wurde am 22. August 2016 erhängt in ihrem Haus in Tranguil nahe der Kleinstadt Pangipulli in der chilenischen Región de los Ríos aufgefunden. Ihr damals elfjähriger Sohn entdeckte sie, auch ihr anderthalbjähriger Sohn befand sich zu diesem Zeitpunkt im Haus.

Verschiedene Tatsachen ließen von Beginn an Zweifel an der Theorie der Staatsanwaltschaft, Valdés hätte Suizid begangen. So beschreiben Angehörige sie in keiner Weise als depressiv oder gar suizidal. Ein psychologisches Gutachten, das aus Gesprächen mit Angehörigen, Freund*innen und Bewohner*innen der Gemeinde rekonstruiert wurde, konnte dies im Februar 2020 bestätigen.

Stattdessen vermuten Angehörige, dass Valdés als Aktivistin Opfer eines gezielten Mordes wurde. Die junge Frau, von Freund*innen La Negra genannt, hatte sich gemeinsam mit ihrem Partner Rubén Collío gegen den Bau eines Kleinwasserkraftwerkes engagiert (siehe LN 526) – ein Projekt des österreichischen Unternehmens RP Global und der chilenischen Firma Saesa. Gemeinsam mit anderen Anwohner*innen stellte sich Valdés dagegen und setzte sich für den Schutz des anliegenden Flusses Tranguil ein. Außerdem protestierten sie gegen die wachsende Polizeipräsenz in der ohnehin konfliktreichen Region.

Drohungen gegen Umweltaktivist*innen nahmen zu, als der Konflikt sich mit dem Bau des Kraftwerks verschärfte. So auch im Fall Macarena Valdés: Mónica Paillamilla, die Vermieterin und Bekannte der Familie, hatte noch am Tag vor Macarenas Tod Drohungen von drei Mitarbeitern der Baufirma erhalten. Diese waren auf ihr Grundstück gekommen, um Paillamilla davon zu überzeugen, die Familie Valdés-Collío rauszuwerfen. Als sie das Problem am nächsten Tag mit der Familie besprechen wollte, war Macarena Valdés schon tot. Auch nach ihrem Tod erhielten die Anwohner*innen und Angehörigen Drohungen. Ihnen solle „das gleiche passieren wie der Frau von Collío“, berichtet eine Nachbarin in einem Medienbericht.

Eine erste Autopsie des rechtsmedizinischen Dienstes des Justizministeriums in Valdivia ergab zwar, dass die Todesursache „Erstickung durch Erhängen“ gewesen sei und es keine Anzeichen auf Einwirkung Dritter gebe. Eine von Angehörigen angeforderte unabhängige Autopsie bewies im Jahr 2018 aber, dass Valdés bereits tot war, als sie aufgehängt wurde. Der britische Forensiker und Gutachter des Internationalen Strafgerichtshofs, John Clark, bestätigte diese Erkenntnis später. Außerdem ergab eine Untersuchung der chilenischen Ermittlungspolizei (PDI) DNA-Spuren einer unbekannten weiblichen Person an dem Seil, an dem Valdés aufgehängt war.

Über vier Jahre nach ihrem Tod laufen die Ermittlungen noch immer, nun nicht mehr als Suizid, sondern unter dem Begriff „Leichenfund“. Die Angehörigen und Unterstützer*innen der Familie von Macarena Valdés plädieren stattdessen dafür, ihren Tod als feminicidio empresarial („Feminizid durch ein Unternehmen“) zu dokumentieren.

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