
Seit etwa vier Jahren importiert Deutschland Flüssiggas über schwimmende LNG-Terminals. LNG steht für „Liquefied Natural Gas“ und gelangt derzeit hauptsächlich aus den USA, wo es durch Fracking gewonnen wird, über Norddeutschland in deutsche Haushalte. Mit Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine hatte die Bundesrepublik begonnen, Alternativen für russische Gaslieferungen zu suchen. Nun zeichnet sich eine ähnliche Tendenz durch Spannungen zwischen den USA und Europa ab.
In diesem Kontext hat der deutsche staatliche Energieversorger SEFE mit dem argentinischen Konzern Southern Energy eine Liefervereinbarung über acht Jahre getroffen, um ab 2027 LNG zu importieren. Die deutsche Bundesregierung muss jetzt entscheiden, ob sie für den dafür notwendigen Ausbau der Infrastruktur im Golfo San Matías in Patagonien eine ungebundene Finanzkredit-Garantie (UFG) erteilen will, wie die deutsche NGO urgewald berichtet. Urgewald geht davon aus, dass hinter der Voranfrage zur UFG die Deutsche Bank steckt: Sie sei bereits maßgeblich an einem Kredit in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar für eine Öl- und eine Gaspipeline beteiligt, die vom gigantischen Vaca-Muerta-Fracking-Gebiet an die Küste des Golfo San Matías verlaufen soll – in der gleichen Region, in der auch die LNG-Lieferinfrastruktur für das genannte LNG-Geschäft für SEFE entstehe, heißt es in einer Pressemitteilung der NGO.
In Argentinien regt sich derweil Protest. Im März 2025 gründete sich die Kampagne „Golfo Azul Para Siempre“ (etwa: „Blauer Golf für immer“). Als Teil der Organisation Fundación Ambiente y Recursos Naturales (FARN) setzt sie sich gegen den Ausbau der Infrastruktur am Hafen von Punta Colorada sowie gegen den Bau zweier Pipelines – einer für Öl und einer für Gas – von Vaca Muerta zum Atlantik ein. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist es, Einfluss auf potenzielle Kreditgeber der Projekte zu nehmen.
Abhängigkeit von fossilen Exporten
Aus Sicht von „Golfo Azul Para Siempre“ und der deutschen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald steht der Ausbau fossiler Infrastruktur in Südamerika mit deutschen Steuergeldern im Widerspruch zur Energiewende und zu den international vereinbarten Klimazielen. Die Organisationen kritisieren zudem, dass eine solche wirtschaftliche Zusammenarbeit die Regierung von Präsident Javier Milei stütze, dessen neoliberaler Kurs in Teilen Europas auf Kritik stößt. Laut urgewald haben bereits mehrere Finanzinstitute, darunter die Weltbank-Tochter IFC und die französische Bank BNP Paribas, die Finanzierung von Öl- und Gasprojekten im Golfo San Matías ausgeschlossen. Regine Richter, Expertin für Außenwirtschaftsförderung bei urgewald, sagt: „Unter der schwarz-roten Bundesregierung drohen regionale und globale Gefahren den wirtschaftlichen Interessen Weniger untergeordnet zu werden. Umweltminister Carsten Schneider muss intervenieren.”
Die Ölpipeline, die die Stadt Allen in der Provinz Río Negro mit Punta Colorada an der Küste derselben Provinz verbindet, befindet sich bereits im Bau und soll Ende 2026 in Betrieb gehen. Die Gaspipeline ist noch in Planung. Nach Angaben von Ana Domínguez, Projektkoordinatorin bei „Golfo Azul Para Siempre“, haben die Arbeiten am Hafen jedoch bereits begonnen, darunter der Bau von Speichertanks. Für Domínguez ist das Vorhaben „das Gegenteil von Entwicklung, im Angesicht der Klimakrise ist es ein Rückschritt“.
Nicht nur würde sich Argentinien über Jahrzehnte von fossilen Strukturen und Exporten abhängig machen. Das Hauptproblem für die Kampagne liegt in der maßlosen Umweltzerstörung, die mit den schwimmenden Gasterminals, dem aufkommenden Schiffsverkehr und potenziellem Austreten von Öl und Gas einherginge. Das Gas müsste für den Transport verflüssigt werden. Das würde in großen, schwimmenden Tanks geschehen, in die kaltes Meerwasser eingespeist und nach dem Prozess mit höherer Temperatur wieder ins Meer geleitet würde. Sechs Terminals sind dafür in Planung. Das ist nicht nur kritisch, was die Klimaerwärmung angeht. Es ist ein problematisches Unterfangen für ein Ökosystem mit großer Artenvielfalt: Im Golf leben schützenswerte Tiere, wie Glattwale, Magellan-Pinguine, Delfine und Seepferdchen, die zur Fortpflanzung regelmäßig in den Golf kommen.

Wale kollidieren mit Schiffen
Biologe Mariano Sironi vom Foro Mar Patagónico kennt einige der Wale bereits seit Jahren. Sie kämen immer wieder zur Paarung und zum Auf ziehen der Jungen in den Golf, weil dort wenige Schiffe verkehren. Sollte der Hafen für die riesigen Containerschiffe, welche Öl und Gas in die Welt transportieren, ausgebaut werden, würde das dem Meeresparadies ein Ende setzen: Erhöhte Unterwasser-Lärmbelastung und Kollisionen zwischen Schiffen und Walen wären die Folge. Das bedeutet häufig den Tod der großen Meeressäuger.
Ein möglicher Ausweg ist eine Klage, die FARN gegen die beteiligten Unternehmen Southern Energy, Pan American Energy, YPF, Pampa Energía, Harbour Energy und Golar LNG eingereicht hat. „Das Projekt wurde vorangetrieben, ohne dass die nach argentinischem Recht vorgeschriebenen Umweltprüfungsverfahren ordnungsgemäß eingehalten wurden“, schreibt Cristian Fernández, Rechtskoordinator bei FARN. So würden unter anderem klimatische Studien fehlen, welche die Gesamtauswirkungen der geplanten Infrastruktur analysieren.
Bei den bisher erteilten Umweltgenehmigungen lägen schwerwiegende Unregelmäßigkeiten vor, darunter das Fehlen von Bescheinigungen für einige Projektphasen und das Fehlen wichtiger Infrastrukturkomponenten in den vorgelegten Studien. „Die Organisationen beantragen beim Richter eine einstweilige Verfügung, um alle Bauarbeiten und Aktivitäten im Rahmen des Projekts bis zur Klärung des Falls zu stoppen”, so Fernández weiter. Bisher hat sich das Bundesgericht von Río Negro für unzuständig erklärt, über den Fall zu entscheiden. FARN hat gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt und wartet nun auf die nächste gerichtliche Entscheidung.














