Madres gegen Missbrauch

Druck “Who’s pain is it?” von Zaz

Geboren aus dem Widerstand gegen die Militärdiktatur und getragen von einem jahrelangem Kampf um Rechte, feiert das Plurinationale Treffen von Frauen, Lesben, Travestis (Gender- und politische Identität des Trans-Spektrums in Lateinamerika. Zunächst abwertender Begriff für Cross-Dresser und trans Personen, der von der Gemeinschaft zurückerobert wurde, Anm. d. Übersetzerin), trans, inter und nicht-binären Personen bereits das 40. Jubiläumsjahr. Zentrale Forderungen wie Auslandsverschuldung, existenzsichernde Löhne und Kinderbetreuungseinrichtungen sind bis heute präsent. Die prägende Anwesenheit der Mutter der Plaza de Mayo, Nora Cortiñas, besiegelte ein unerschütterliches Bekenntnis zu Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit und verband die Grundpfeiler des Treffens mit dem Kampf gegen Geschichtsleugnung und staatliche Repression durch die Regierung Mileis. Angetrieben wurde der Prozess vor allem durch lokale Kämpfe, auch wenn internationale Meilensteine den Kontext prägten. Besonders deutlich zeigt sich die Dynamik der Bewegung im jahrzehntelangen Kampf um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Körperliche Selbstbestimmung war lange Zeit tabuisiert und staatlich kontrolliert, wurde jedoch durch Organisierung zu einem zentrale Anliegen des Treffens.

Trotz massiven Widerstands, insbesondere seitens der katholischen Kirche, die gezielt Gegenmobilisierungen unterstützte, verteidigten die Teilnehmerinnen immer wieder die erkämpften Räume, thematisierten die Verflechtungen von Kirche, Staat und Regierungsmacht offen und setzten ihren Kampf für die Legalisierung fort. Der politische Kampf der Aktivistinnen verbunden mit der Nationalen Kampagne für das Recht auf legale, sichere und kostenlose Abtreibung im Jahr 2005 unter dem Motto „Sexualaufklärung, um zu entscheiden, Verhütungsmittel, um nicht abzutreiben, legale Abtreibung, um nicht zu sterben“ legte den Grundstein für die spätere Marea Verde (Grüne Welle), die 2020 zur Verabschiedung des Gesetzes über den freiwilligen Abbruch der Schwangerschaft führte.
Einer der jüngsten Meilensteine war der Übergang vom „Nationalen Frauentreffen“ zum „Plurinationalen Treffen der Frauen, Lesben, Travestis, trans, bisexuellen, inter und nicht-binären Personen“. Diese Umbenennung reagiert auf die Forderungen von LGBTIQ+-Personen und Indigenen Frauen nach größerer Sichtbarkeit und betont einen Feminismus, der über cis Identitäten und den Nationalstaat hinausgeht. Als politische Schule unter freiem Himmel lebt das Treffen von ideologischen und methodologischen Spannungen – etwa zur Sexarbeit. Gleichzeitig wird individueller Schmerz kollektiv geteilt und in transformative Kraft verwandelt.

Ein prägendes Thema der letzten Jahre war sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Hier haben die Madres Protectoras eine wichtige Rolle gespielt, Workshops innerhalb des Treffens organisiert und ihre Kämpfe sichtbar gemacht und gestärkt. Ihr Engagement zieht eine unvermeidliche historische Parallele zu den Madres de Plaza de Mayo, die nach ihren Kindern suchten, ihre Mutterschaft politisierten und sich damit der genozidalen Diktatur entgegen stellten. Heute machen die Madres Protectoras ihre Fürsorge zur politischen Angelegenheit, um gegen ein patriarchales Justizsystem zu kämpfen, das Missbrauch deckt. Das Treffen wirkt dabei als Katalysator, durch den privates Leid zu einer kollektiven Forderung und einem Ruf nach Gerechtigkeit werden, wie das folgende Interview mit Yama Corin, Kunsttherapeutin, feministische Kämpferin, Antifaschistin und „Schützende Mutter“ , eindrücklich zeigt.

Druck von Iman Kanaan @Iman_kanaan

Wer gehört zum Kollektiv der Madres Protectoras und worauf konzentriert sich ihr Kampf?
Wir sind die Frauen, die die Erschütterung, die Fürsorge und den Kampf um Gerechtigkeit für unsere Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, durchlebt haben. Im Laufe der Geschichte mussten schon viele Frauen diese Situation bewältigen, da sexueller Missbrauch schon immer existiert hat und leider meist innerhalb der Familie stattfindet, was eine doppelte Belastung darstellt. Während der Aufschwungphase des Feminismus in Argentinien zwischen 2015 und 2020 sind wir innerhalb dieser Bewegung auf Strategien gestoßen, durch die wir uns eine politische Identität geben konnten: die der Madres Protectoras. Dadurch konnten wir uns als Gruppe unterstützen und verstehen, dass das, was uns so wehtat – weil es unseren Liebsten widerfahren war – kein individuelles Problem ist sondern ein weit verbreitetes, das aus einem patriarchalen System resultiert. Wir erkannten, dass kollektives Handeln wirksam ist und uns aus der Opferrolle herausführt, hin zu einer aktiven, politischen Position.

Was sind eure größten institutionellen, ideologischen und gesellschaftlichen Hürden?
Es gibt zahlreiche Hürden in allen Bereichen. Die erste besteht darin, missbräuchliche Situationen überhaupt als solche erkennen zu können. Häufig halten diese Situationen lange an, weil der Täter genau weiß, dass sein Verhalten illegal ist und deshalb sein Opfer manipuliert und gefügig macht. Schweigen ist somit das erste Hindernis. Uns wurde nie beigebracht, die Anzeichen zu erkennen und wir haben auch keine bekannten Anlaufstellen, an die wir uns bei ersten Zweifeln wenden können. Es passiert auch, dass Betroffene selbst die Situation leugnen, da sie sehr schmerzhaft ist und viele Frauen — das wissen wir aus Erfahrung und Statistik — bereits Opfer von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch waren. So ist es schwierig, die Wiederholung solcher Muster zu durchbrechen.

Was passiert mit dem Umfeld und der Justiz wenn dieses Schweigen einmal gebrochen ist?
Das nächste Hindernis sind patriarchale Vorurteile, nach denen Frauen böswillige Absichten unterstellt werden, wenn sie Missbrauch melden. Weil Täter häufig angesehene Personen mit einem aktiven sozialen, politischen und beruflichen Leben sind, fällt es vielen schwer, ihnen eine solche Tat zuzutrauen. Hinzu kommt ein Justizwesen, das Missbrauchsanzeigen mit derselben Ermittlungsstruktur behandelt wie andere Delikte. Bei traumatischen Ereignissen, die in der Intimsphäre stattfinden, gibt es oft keine physischen Beweise, keine Zeugen und keine Aufzeichnungen, sodass die Beweislast zur zusätzlichen Belastung wird. Betroffene Kinder und Jugendliche können das Geschehen häufig nicht in einer geordneten, „erwachsenen“ Darstellung wiedergeben. Gleichzeitig besteht eine Tendenz, die absoluten Rechte des Mannes zu garantieren. Das führt oft dazu, dass Täter straffrei ausgehen und in vielen Fällen wieder Kontakt zu den betroffenen Kindern bekommen. Von tausend Missbrauchsfällen werden nur hundert gemeldet, und gerade nur einer führt zu einer Verurteilung. Der Kampf der Madres Protectoras besteht in erster Linie darin, die Kinder vor diesem Kontakt zu schützen und anschließend die jahrelangen, zutiefst belastenden Gerichtsver­fahren durchzustehen.

Wie verknüpfen und verorten Sie den Kern Ihrer Forderung innerhalb der breiteren Bewegung?
Viele von uns waren bereits Feministinnen, als wir diese Realität bei unseren Kindern erkannten, und suchten deshalb Unterstützung in feministischen Netzwerken. Da wir diese Gewalt als patriarchal verstehen, waren wir überzeugt, dass der Feminismus diesen Kampf auf seine Agenda setzen müsse. Mit der Zeit ist in den feministischen Bewegungen die Anerkennung der Madres Protectoras als politische Akteurinnen, die Unterstützung verdienen, gewachsen. Dennoch bleibt viel zu tun. Ich selbst musste 2011 Anzeige erstatten und erkannte damals noch nicht, dass meine Situation ein politisches Problem ist, das aus einem System hervorgeht; für mich war es eine persönliche Tragödie. So geht es den meisten, bis wir uns finden.

Wie beteiligen sich die Madres Protectoras an den Plurinationalen Treffen und wie war die Erfahrung, einen eigenen Workshop zu organisieren?
Wir haben mit Aktionen auf öffentlichen Plätzen begonnen. Von Mundanas Agrupación Feminista (Weltliche Feministische Gruppierung) – meinem Netzwerk – und anderen kleinen Gruppen haben wir Fotos mitgebracht, Unterschriften gesammelt und es ab und zu in einen Zeitungsbericht geschafft. Es war, als würden wir die Tür Stück für Stück aufstoßen. Vor einigen Jahren ist es uns gelungen, eine eigene Versammlung der Madres Protectoras zu organisieren: ein riesiger Platz voller Mütter und Unterstützerinnen aus dem ganzen Land. Das war bewegend, weil es zeigte, dass wir alle mit derselben Gewalt der Justiz und denselben Ängsten vor zwanghafter Wiedervereinigung konfrontiert sind, etwas, das wir als institutionellen „Raub“ von Kindern verstehen: sie aus den Armen der Mutter zu reißen und sie zu zwingen, mit ihren Tätern zu leben – eine Art disziplinierende Bedrohung. Danach haben wir mit den Organisationskommissionen verhandelt, um einen eigenen Workshop im offiziellen Programm zu erhalten, der mittlerweile seit zwei Jahren läuft. Dort begegnen wir Mitstreiterinnen aus dem ganzen Land, die sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Prozesse befinden: Die unmittelbare Entdeckung ist nicht dasselbe wie die Verarbeitung nach Jahren vor Gericht. Jede einzelne Angelegenheit zu begleiten ist mühsam,aber die Treffen geben uns die Kraft, uns als aktive politische Akteurinnen zu erkennen, die trotz des Schmerzes einen Ort der Zugehörigkeit haben.

Welche Bilanz ziehst du nach zwei Jahren der Durchführung eurer Workshops?
Es ist schwer, eine Bilanz zu ziehen, ohne den allgemeinen Kontext unserer Arbeiterinnenklasse zu berücksichtigen. Positiv ist zweifellos, dass wir existieren, dass wir uns als Gruppe anerkennen und gemeinsam kämpfen. Aber der aktuelle Kontext mit einer neofaschistischen Regierung, die ein Machtgefüge aufrechterhält, das Täter schützt und uns Feministinnen zum Feind erklärt, indem sie uns falscher Anschuldigungen bezichtigt, macht die Gesamtbilanz schwierig. Dennoch bleiben wir standhaft, um für unsere Sache einzutreten. Sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung – ich glaube, unsere Anzeigen genießen heute mehr Glaubwürdigkeit – als auch innerhalb der feministischen Bewegungen, um Anerkennung und Unterstützung zu erhalten.

Was sind die nächsten Schritte und wie sieht der Kampf für die nächste Zeit aus?
Die erste Herausforderung ist Durchhaltevermögen: organisiert zu bleiben und Situationen zu verändern, in denen Kinder weiterhin Kontakt zu ihren Missbrauchstätern haben. Wir müssen standhaft bleiben, Schulungen anbieten und politische sowie gewerkschaftliche Unterstützung gewinnen, um diese Realität öffentlich sichtbar zu machen. Wir tun das mit großer Überzeugung, aber auch mit viel Schmerz und Erschöpfung. Trotzdem bin ich optimistisch, weil wir gemeinsam handeln: Dieser Weg des Zusammenkommens, des Schutzes und der gegenseitige Unterstützung ist auch eine Form der Wiedergutmachung für unsere Kinder. Wir sagen ihnen damit: Ja, wir haben euch geglaubt, ja, wir kämpfen für Gerechtigkeit, und ja, wir stehen für eure geistige und körperliche Gesundheit sowie euer Wohlergehen ein, um euch eure Rechte und das glückliche Leben zu sichern, das ihr verdient.
Das Plurinationale Treffen ist heute dringlicher denn je, angesichts eines Staates, der beschlossen hat, sein ohnehin mangelhaftes System von Rechten weiter abzubauen. Verkörpert wird das durch eine rechtsextreme Regierung, die nicht nur die Finanzierung von Gleichstellungspolitik kürzt, sondern auch mit aller Härte darum kämpft, im Rahmen ihres „Kulturkampfs“ gesellschaftliche Haltungen für sich zu gewinnen. Es ist kein Zufall, dass die Regierung von Javier Milei, die ideologisch mit Figuren wie Donald Trump auf einer Linie liegt und dubiose Verbindungen zu Ausbeutungsnetzwerken wie denen von Jeffrey Epstein hat, die feministische Bewegung und Kinder als ihre bevorzugten Feindbilder ausgewählt hat. Wir stehen vor einem politischen Projekt, das patriarchale Gewalt legitimiert, nicht nur, indem es sie leugnet, sondern auch, indem es das Schweigen der Täter fördert.
Die Geschichte dieser 40 Jahre der Treffen zeigt, dass wir keine Rückschritte mehr zulassen dürfen. Angesichts der Versuche, uns das Erreichte wieder zu nehmen – vom legalen Schwangerschaftsabbruch bis zur Sexualerziehung – und angesichts all dessen, was uns noch aussteht, hat die Bewegung die Aufgabe, sich auf der Straße zu stärken. Gegen Angst und Faschist*innen muss Organisation gesetzt werden. Denn wir wissen, dass Rechte nicht verhandelbar sind: Sie werden auf der Straße verteidigt, durch den Aufbau von Netzwerken gesichert und im Kampf errungen.

Memoria y Resistencia Mütter standen schon immer in den vordersten Reihe der Kämpfe (Druck von Sandra Feferbaum Siemsen @sandraslabor)


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Ein Samenkorn für intersektionale Feminismen

Aborto libre, seguro y gratuito! Eines der ersten und zentralen Themen von Ni una Menos (Interpretation eines Coverfotos- LN 560 zur Feier des Abtreibungsgesetzes von 2020) Druck von Johanna Fuchs

Wie sieht deine Verbindung zur feministischen Bewegung in Argentinien aus?
Meine Politisierung begann in der Sekundarschule, als ich merkte, dass ich nicht heterosexuell bin. Ich begann, an Pride-Demonstrationen teilzunehmen und mich für LGBT-Themen zu interessieren. Mit der Zeit näherte ich mich über die integrale Sexualerziehung dem Bereich Bildung und Sexualität an. Fragen des Geschlechts und der Sexualitäten sind für mich zentral. Ich war dabei, als über das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe, zur Geschlechtsidentität und über das Recht auf legale, kostenfreie und sichere Abtreibung diskutiert und abgestimmt wurde – von der ersten Behandlung des Gesetzentwurfs im Kongress bis zu seiner Verabschiedung 2020. Darüber habe ich nach und nach einen kritischen Blick auf verschiedene Ungleichheiten entwickelt. Ich glaube, dass die meisten Feminist*innen in Argentinien einen intersektionalen Blick auf diese Frage haben, insbesondere der Transfeminismus.

Vor dem Interview hast du gesagt, dass ihr Mileis politisches Projekt als ein Laboratorium der globalen Rechten versteht und dass ähnliche politische Strategien auch in anderen Ländern angewendet werden könnten. Welche Strategien lehren uns die intersektionalen Feminismen Argentiniens heute, um gegen die extreme Rechte zu kämpfen?
Als Milei letztes Jahr in Davos seine Rede hielt, sagte er, dass Feminismus und „Woke-Kultur” ein Krebsgeschwür seien, das entfernt werden müsse; dass wir diejenigen seien, die das Wachstum des Westens verhindern würden, und er verglich Homosexualität mit Pädophilie. Das war am 23. Januar. Eine Woche später, am 1. Februar, entstanden an vielen Orten Argentiniens und der Welt antifaschistische und antirassistische Pride-Demonstrationen. Diese Art der spontanen Versammlung und Diskussion, versuchen wir vom Red Argentina no se vende (Netzwerk Argentinien steht nicht zum Verkauf) auf internationaler Ebene nachzuahmen. Die Intersektionalität der Feminismen in Argentinien kam dabei deutlich zum Vorschein: Bei der Pride geht es nicht nur um die Fragen geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung, sondern auch um die Unterdrückung der Rentner*innen, die Verschlechterung der Lebensbedingungen, der öffentlichen Gesundheit und der Bildungseinrichtungen. Diese Zusammenführung verschiedener Kämpfe und Sektoren ist das, was unseren Feminismus ausmacht. Deshalb ist die Bewegung einer der großen Feinde der globalen Rechten. Es gelingt ihr, Ungleichheiten sichtbar und für die Bevölkerung nachvollziehbar zu machen – dies kann Grundlage für Politisierung und Widerstand sein.
Der Transfeminismus, gemeinsam mit den queeren Bewegungen ermöglichen einen kollektiven Widerstand gegen Milei, und leisten einen wichtigen Beitrag zur Überwindung des Individualismus.

In welchem Kontext ist die Bewegung vor fast 11 Jahren in Argentinien entstanden und was hat sich verändert?
Ni Una Menos entstand 2015 zu einer Zeit, als Angriffe auf weiblich gelesene Personen sowie der Femizid als extremste Form der sexistischen und patriarchalen Gewalt, stark in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Ni Una Menos entstand als Bewegung gegen Femizide eher aus der Wut heraus. Journalist*innen und Aktivist*innen spielten dabei eine wichtige Rolle: In den ersten Jahren ging es vor allem darum, Gewalt zu dokumentieren, der alle, die keine cis-heterosexuellen Männer sind, ausgesetzt sind.
Die Bewegung Ni Una Menos war ein Wendepunkt, der allen klargemacht hat: Ich bin nicht allein, ich bin nicht verrückt, es handelt sich nicht um eine individuelle Frage, sondern um ein strukturelles Problem von Sexismus, geschlechtsspezifischer Gewalt und Patriarchat. Seitdem sind viele weitere Dimensionen hinzugekommen. Dieser Kampf hat zum Beispiel das Gesetz für sichere und kostenlose legale Abtreibungen erreicht. Ein Meilenstein, auch wenn wir uns heute in einer Situation regressiver Politik mit einer global aufstrebenden Rechten befinden.

Was unternimmt Ni Una Menos angesichts der derzeitigen eindeutig antifeministischen und extrem neoliberalen Regierung unter Milei? Wie sieht ihre politische Arbeit angesichts der Rückschläge aus?
Ich würde sagen, dass besonders der Transfeminismus die antifaschistische und antirassistische Pride aus intersektionaler Perspektive ermöglicht hat. Seit dem ersten Jahr der Regierung Mileis hat die Unterdrückung und Kriminalisierung sozialer Proteste stark zugenommen: Menschen werden festgenommen und angegriffen. Auch Journalist*innen sind davon besonders betroffen.
Die Bewegungen sind fragmentiert, auch wenn die Menschen auf die Straße gegangen sind. Ich glaube, dass es den feministischen und transfeministischen Bewegungen in Argentinien gelungen ist, diese Fragmentierung ein wenig aufzubrechen. Aber Milei ist noch da.
Da wir deutlich machen wollen, worum es dieser Regierung wirklich geht, haben wir zusammen mit der Asamblea en Solidaridad con Argentina en Berlin (Berliner Solidaritätsversammlung mit Argentinien) kürzlich ein Video mit dem Titel „Das Geheimnis von Mileis Kettensäge” veröffentlicht: Es wirft einen kritischen Blick auf die Präsidentschaft von Javier Milei und die Folgen seiner „Kettensägenpolitik“. Unter anderem befasst es sich mit dem „Kulturkampf”, den Milei gegen Frauen und queere Menschen führen will und der zu einem Anstieg der Hassverbrechen gegen Frauen und die LGBTIQ+-Gemeinschaft um mehr als 70 % geführt hat.

Kämpfe verbinden! Darin liegt die Stärke der Bewegung (Druck von Paulina Heeg @paulinaiaia)

Gab es konkrete Fortschritte bei den Mobilisierungen?
Milei hat einige seiner Vorhaben nicht weiterverfolgen können und läuft nicht mehr so fröhlich hetzend durch Davos. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber es ist der Keim einer Widerstandsbewegung entstanden, die Milei aus der Regierung jagen könnte. Natürlich muss jemand anderes die Wahlen gewinnen, aber man braucht die Menschen auf der Straße, um klar zu sagen: no pasarán (dt.: Ihr werdet nicht durchkommen). In diesem Sinne müssen wir es schaffen, den globalen Trend der Fragmentierung zu überwinden, damit sich Menschen zusammenschließen, Versammlungen abhalten, über die Linie der Mobilisierung diskutieren und verstehen, dass Mobilisierung nicht nur LGBT-Personen betrifft, als wäre alles nur eine Frage der Identitätspolitik.

Wie können die Erfahrungen Argentiniens andere Bewegungen in Lateinamerika inspirieren?
Es ist wichtig zu verstehen, dass es nicht um die Rechte von Homosexuellen auf der einen Seite und die Rechte von trans Menschen auf der anderen Seite geht und dass ich mich damit zufrieden gebe, dass ich jetzt mein Dokument ändern kann. Vielmehr gibt es eine Reihe strukturelle Ungleichheiten. Der Schlüssel liegt darin, intersektionale Verbindungen herzustellen. Ich glaube, dass sich da viel getan hat, denn Ni Una Menos als Bewegung hat sich in vielen Bereichen außerhalb Argentiniens verbreitet.

Wie schätzt du die Zukunftsaussichten für die transfeministischen Bewegungen angesichts des Rechtsrucks ein?
Wir müssen innerhalb der Opposition gegen die Regierung Milei eine Massenbewegung schaffen, die ein alternatives Modell vorschlagen kann. Wir brauchen diese Organisation, die aus Versammlungen und verschiedenen Initiativen entsteht, nicht nur aus feministischen Kreisen. Es geht darum, ein alternatives Modell der Organisation des sozialen Lebens zu entwickeln, zunächst als Strategie gegen rechte und rechtsextreme Regierungen und idealerweise als wirklich funktionierende Alternativen zum Kapitalismus.

Was ist deiner Meinung nach die Botschaft der Bewegung?
Für mich bedeutet die Bewegung eine Möglichkeit, etwas zu erreichen, Widerstand zu leisten, andere zu treffen und sich auf eine Weise zu verstehen, die nicht individualistisch orientiert und nicht nur auf eine Frage beschränkt ist. Denn der Weg, den Ni Una Menos eingeschlagen hat, von der Spitze des Eisbergs, dem Femizid – wenn eine Frau getötet wird, weil sie eine Frau ist –, bis zur antifaschistischen und antirassistischen Pride, heißt zu verstehen, dass es um alles geht. Diese Erweiterung der Perspektiven scheint mir das Vermächtnis von Ni Una Menos zu sein. Die Möglichkeit, zusammenzukommen und das Verständnis für Ungleichheiten, für unsere Situation, für unseren Platz in der Welt zu vertiefen und auch anderen Kämpfen Hoffnung zu geben.


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Mit grüner Energie in die Dürre

“Mega-Bergbau raus!” Die Gemeinschaft mobilisiert gegen die Zerstörung ihres Territoriums (Foto: Laura May)

Wenn Anwältin Alejandra Pariani aus ihrem Fenster blickt, sieht sie den Tambillos-Gletscher. „Ich lebe im Paradies“, sagt sie. Die 44-Jährige wohnt alleine mit ihren sieben Hunden und sechs Katzen in einem abgelegenen Lehmhaus, 14 Kilometer entfernt von der Kleinstadt Uspallata, Provinz Mendoza, Argentinien. Nachbarn hat sie keine um sich, nur karge Steinlandschaft und hohe Berge wie den Aconcagua, der mit 6.961 Metern höchste Berg Amerikas.
Das Schmelzwasser der Andengletscher fließt durch Flüsse und ein ausgeklügeltes Kanalsystem Richtung Tal und versorgt rund 1,5 Millionen Menschen und 250.000 Hektar Land mit Wasser. Mit diesen Lebensadern machten indigene Huarpe und Inka die Halbwüste schon vor mehr als 500 Jahren bewohnbar und fruchtbar; heute ist die Region das Zentrum der argentinischen Weinproduktion; Pflanzen gedeihen in Oasen mitten in der Trockenheit. „Mendoza existiert nur wegen des Wassers“, sagt Pariani. Doch heute fürchtet sie um ihr Paradies. Neben dem Klimawandel bedrohe vor allem der Hunger des Weltmarkts nach Rohstoffen das sensible Ökosystem.

In den Steinformationen der Anden befinden sich nach Schätzung der US-Handelsverwaltung rund 30-35 Prozent der weltweiten Kupfervorkommen. Die Nachbarstaaten Peru und Chile liefern bereits fast 40 Prozent des weltweiten Bedarfs. Schon lange wollen internationale Investoren die unerschlossenen Reserven in Argentinien zu Geld machen. Kupfer erlebt aktuell sein weltwirtschaftliches Momentum.
Die Nachfrage nach dem rötlichen Metall soll laut Rohstoffanalysten alleine bis 2040 um rund 70 Prozent steigen. Die Nebenwirkungen des Kupferabbaus sind eine der kontroversesten Seiten grüner Energie. Kupfer leitet Strom, lässt sich leicht biegen und ist recycelbar. Dies macht es zu einem unverzichtbaren Material für die meisten Formen erneuerbarer Energien.
Doch viele Bürger*innen wollen keinen Bergbau an den Quellen ihres Wassers. In Mendoza wird bereits seit der letzten großen Liberalisierungswelle in den 90er Jahren erfolgreich gegen geplante Bergbauprojekte mobilisiert. 2007 wurde auf Druck der Zivilgesellschaft das umfassende Umweltgesetz 7722 eingeführt, das zum Schutz der Wasserressourcen den Einsatz giftiger Substanzen wie Zyanid, Quecksilber und Schwefelsäure in der Metallbergbauindustrie verbietet. Es gilt als zentrales Instrument gegen große Bergbauprojekte und wird oft als „Hüter des Wassers“ bezeichnet. Als das Gesetz 2019 geändert werden sollte, gingen mehr als 50.000 Menschen dagegen auf die Straße. Nach tagelang anhaltenden Demonstrationen mit massiver Polizeirepression wurde die Änderung damals zurückgenommen. Wenn Pariani heute von den Protesten 2019 erzählt, hat sie Tränen in den Augen. „Es waren zehn Tage Kampf, die das Gesetz 7722 gerettet haben“, sagt sie. 2021 strich der Oberste Gerichtshof dann allerdings einen wichtigen Nebensatz des Gesetzes 7722, der neben den genannten Chemikalien auch „ähnliche toxische Substanzen“ verboten hatte.

Dies öffnet heute den Weg für Bergbauprojekte, die Verfahren mit anderen giftigen Stoffen zur Lösung der begehrten Mineralien aus dem Massiv der argentinischen Anden verwenden wollen. Ein Beispiel sind Xanthate, chemische Verbindungen, die im Bergbau hauptsächlich als Sammler bei der Flotation von Sulfiderzen eingesetzt werden, um wertvolle Minerale von taubem Gestein zu trennen. Sie sind effektiv, jedoch hoch oxisch für Wasserorganismen und können trotz vermeintlicher biologischer Abbaubarkeit nahe Gewässer kontaminieren.

Nahe Uspallata, dem Wohnort von Pariani, könnte durch dieses Schlupfloch nun bald ein Bergbauprojekt starten, über das seit Jahren schon gestritten wird. Im Dezember 2025 hat das Provinzparlament Mendoza die Umweltprüfung des San Jorge-Projekts genehmigt. Die Kooperation PSJ Cobre Mendocino, ein Joint Venture zwischen Zonda Metals GmbH (Schweiz) und Grupo Alberdi (Argentinien), will für die Extraktion des Kupfers in San Jorge neben Xanthan auch das moderat toxische Methylisobutylcarbinol (MIBC) einsetzen, betont allerdings: „Keines dieser Reagenzien ist nach Gesetz 7722 verboten. Ihre Verwendung erfolgt kontrolliert, in einem geschlossenen Kreislaufsystem mit hohem Wasseraustausch und unter ständiger Überwachung durch die Kontrollbehörden.“ Jährlich sollen 40.000 Tonnen Kupfer und 40.000 Unzen Gold als Nebenprodukt abgebaut werden.

PSJ schreibt sich „Bergbau für nachhaltige Entwicklung“ auf die Fahne, Pariani hält das für eine Lüge. Neben den eingesetzten Chemikalien wird durch die für den Kupferabbau nötigen Sprengungen des Gesteins zudem Arsen freigesetzt. Einmal verschmutzt, würden die Stoffe im ganzen Tal verteilt, sagt Pariani entgegen PSJ. „Es ist Wasser! Natürlich fließt die Verschmutzung von oben nach unten.” Abgesehen von der Verschmutzung sei der Bedarf von etwa 12 Millionen Litern Süßwasser pro Tag trotz vermeintlichem Kreislaufsystem ein Skandal im trockenen Mendoza.
Seit der durchgewunkenen Umweltprüfung im Dezember mobilisiert die Anwältin deshalb wieder gegen San Jorge. Nach wochenlangem Protestcamp am Westufer des Tunuyán-Flußes am Fuß der Anden macht sie sich am 17. Januar mit tausenden anderen zum „Marsch des Wassers“ zurück nach Uspallata auf. Die Demonstration wirkt surreal. Uspallata ist ein karges und verschlafenes Bergdorf. Im Alltag sind die Frachtlaster nach Chile der größte Unruhefaktor. An diesem Tag kommt kurz vor 19 Uhr eine endlos scheinende Karawane aus Autos hupend den Berg hochgefahren. Menschen aus dem ganzen Tal haben sich versammelt, ihre Ankunft wird von einer jubelnden Menge gefeiert. In den Windschutzscheiben kleben selbstgebastelte Wassertropfen, auf den Schildern stehen Slogans wie „Nein zum Megabergbau“, „Gesetz 772“ oder „Raus San Jorge“.

Die Aktivist*innengruppe ist kein spontaner Zusammenschluss. Es ist ein Kollektiv, das seit Jahren gemeinsam Widerstand leistet. Alte Frauen in Rollstühlen, Kinder, Indigene, Einwanderer, Bauern und Intellektuelle, alle sind fest entschlossen, das Projekt zu verhindern und Mendozas Wasser zu schützen, so wie sie es in der Vergangenheit schon geschafft haben. „In Uspallata wird es keinen Megabergbau geben“, ist sich Pariani sicher. Das Volk verteidige sein Wasser und sein Leben, und das Recht auf Leben stehe in der argentinischen Verfassung.

Für Eber Abarca aus Uspallata sind die Leute im Protestmarsch ein unrealistischer Haufen aus Linken und radikalen Kirchneristen. „Niemand will hier das Wasser verschmutzen“, sagt er. Der 42-Jährige ist in Armut aufgewachsen und hofft auf eine bessere Zukunft für sich und seine Heimatstadt. Das San Jorge-Projekt von PSJ würde Fortschritt und Infrastruktur bringen, sagt er. Gasanschluss, neue Straßen, höhere Gehälter. Die Kooperation habe ihm bereits eine Fortbildung in Bergbaulogistik finanziert, aktuell mache er einen Schweißkurs, ebenfalls gesponsert vom Bergbauunternehmen.

Es sei klar, dass ein kapitalistisches Unternehmen wie PSJ Gewinne machen würde, aber auch die geschätzten ein bis drei Prozent der Gewinne aus dem Projekt, die am Ende in der Region bleiben sollen, seien ein Fortschritt. Die Umweltprüfung sei wasserdicht, die Mobilisierungen rein politisch motiviert. Für ihn ist das Thema Bergbau ein ideologischer Kampf, bei dem er klar auf einer Seite stehe. „Ich bin rechts, nicht Mitte“, sagt er, schimpft nebenbei auf Solidarität mit Palästina und äußert seine Bewunderung für Deutschland, das Militär und das Christentum.
Abarca sagt, nur weil die Region viele Ressourcen habe, heiße das noch lange nicht, dass es auch Reichtum gebe. Klar wollten die Konzerne nur die Ressourcen, die dann in den Produkten fortschrittlicher Länder landen. Aber: „Ihr habt die Umwelt zerstört und jetzt fordert ihr vom globalen Süden, von Argentinien, uns nicht zu entwickeln?“ Er träumt davon, dass das Bergbauunternehmen die Bahn zurück in die Region bringt. „Nicht weil die Investoren gute Menschen sind, sondern weil sie es brauchen“, hofft er.

Laut eigenen Angaben von PSJ bringe das Projekt Innovation, Infrastruktur und gut bezahlte Stellen für die ganze Region, außerdem setze die Kooperation Programme zur sozialen Entwicklung der lokalen Gemeinschaften um. Gegner*innen sagen hierzu allerdings, es sei bereits in den Nachbarprovinzen San Juan und Catamarca zu sehen, dass derartige Megaprojekte nicht dazu führen, dass es der lokalen Bevölkerung besser gehe. „Das mit der Arbeit und dem Wohlstand ist eine Lüge“, sagt Pariani. Dort gebe es nur riesige Krater in der Berglandschaft, Armut und Krankheiten unter der Bevölkerung.
Fortschrittsverweigerer, sagt Abarca. Klar habe der Kapitalismus schlechte Seiten, doch der Kommunismus – und das ist für ihn alles andere als der freie Markt – lasse alle verarmen. Der aktuelle libertäre Kettensägenpräsident Javier Milei mache seiner Meinung nach vieles richtig. „Ich glaube an Mileis Projekt, er will dieses Land wieder produktiv machen.“

Produktivität heißt für den selbsternannten Anarchokapitalisten Milei vor allem Freiheit für Großinvestoren, für die er bereits massive steuerliche und rechtliche Erleichterungen durchgesetzt hat. Unter starkem Beschuss ist vor allem der Umweltschutz, denn Milei leugnet den menschengemachten Klimawandel. Aktuell ist konkret das seit 2010 bestehende Gletscherschutz­gesetz in Gefahr, das den Bergbau in Gletscher- und Permafrostgebieten untersagt. Ende Februar stimmte das Parlament der Aufweichung des Gesetz in erster Instanz zu.

Umweltorganisationen wie Greenpeace warnen, dass die argentinischen Gletscher als strategische Wasserspeicher und Biodiversitätsspeicher für das Weltklima von zentraler Bedeutung seien. PSJ interessiert das nicht, denn San Jorge liegt nicht im periglazialen Gebiet. Andere Großinvestoren wie die Barrick Mining Cooperation mit Sitz in Kanada, welche bereits 2019 eine Klage gegen das Gesetz verloren hatte, stehen allerdings schon in den Startlöchern, um sich Kupfer aus Mileis Ressourcenparadies zu sichern.


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Sehnsucht nach Buenos Aires

© Cinco Rayos

Buenos Aires: Eine Stadt, wo Menschen hingehen, um Künstler*in zu werden. Auch der neunjährige Milo, Protagonist des Coming-of-Age-Films El Tren Fluvial,  träumt vom Leben in der Metropole, wohnt aber mehr als 100 Kilometer entfernt im ländlichen Argentinien. Bei Kinderwettbewerben tanzt er den folklorischen Malambo mit großem Erfolg. Zu Hause ist sein Leben dagegen eintönig: Wenn Milo abends im Vorbeigehen ein paar Töne auf dem Klavier spielt, wird er von seinen emotional nicht verfügbaren, bis zur Böswilligkeit strengen Eltern ermahnt, damit aufzuhören. Das Klavier symbolisiert die Sehnsucht des Jungen nach Kunst und Musik und das Versagen dieses Wunsches durch seine Eltern. Schließlich entscheidet Milo sich, allein in die Großstadt zu fahren.

© Cinco Rayos

El Tren Fluvial wird von instrumentaler Musik, Landschaftsbildern und Aufnahmen der Großstadt Buenos Aires begleitet. Ein schlafender Mann am Bahnhof, ein Straßenverkäufer, die Läden und Restaurants, in denen andere essen, zeigen die Stadt aus der Sicht eines Neunjährigen. In Buenos Aires sucht sich Milo mit Neugier und Harmlosigkeit seinen eigenen Weg und lernt dabei einige einzigartige Persönlichkeiten kennen. Am Ende des Films schließt sich der Kreis. Trotzdem bleiben aber einige Punkte offen, was für die Zuschauer*innen nicht komplett zufriedenstellend ist.

© Cinco Rayos

Der Film hat einen langsamen, aber fesselnden Rhythmus. Es ist der erste Spielfilm der Regisseure Lucas A. Vignale und Lorenzo Ferro. Vignale ist als Regisseur von Musikvideos unter anderem für Bizarrap, Nathy Peluso und J Balvin bekannt. Dadurch erhalten die Tanz- und Musikszenen im Film eine besondere Note. Ferro ist als Sänger und Schauspieler bekannt, unter anderem durch die Filme Simon of the Mountain und Narcos: Mexiko. Zusammen mit dem Hauptdarsteller Milo Barria bilden sie ein gutes Team und machen den Film insgesamt sehenswert.


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Der faire Preis 
für Mate

Foto: Diego Vila

Juan Manuels Finger sind gegerbt und verformt, seine Zähne schief und vergilbt. Ein starker Geruch
nach Zigaretten begleitet seine Worte. Wir treffen uns am Terminal Retiro in Buenos Aires
und fahren mit dem Bus nach Misiones. Juan Manuels Blick schweift ab, er redet ununterbrochen.
Nach zwei Jahren und drei Monaten Abwesenheit kehrt er ins Haus seiner Mutter in Eldorado in der
Nähe von Iguazú zurück. Er war in einer religiösen Einrichtung untergebracht und sagt, er sei von
seinem problematischen Drogenkonsum geheilt worden. „Mit zwölf habe ich mit paco (Kokain-
Abfallprodukt, Anm. d. Übers.) angefangen”, erzählt er, „ich war schlimm”. Er war ebenfalls
zwölf Jahre alt, als er mit der tarefa angefangen hat. Das Wort hat einen portugiesischen Ursprung
und wird in Misiones für die Arbeit auf dem Land, vor allem in der Mateernte, verwendet. Mit Schere
und Säge schlug sich Juan Manuel in die Büsche, um für eine geringe Vergütung am Tag 500
Kilogramm der grünen Blätter zu ernten.

Am Wegesrand sind Matepflanzungen zu sehen, die Winterernte hat begonnen. Nach zwölf Stunden kommen wir in Posadas an. „Hast du yerba für einen Mate?”, fragt mich der tarefero. „Hab’ ich nicht, che”, antworte ich und denke darüber nach, wie paradox dieser Moment doch ist. Misiones empfängt uns mit leichtem Nieselregen und hoher Luftfeuchtigkeit. Alles Grün wirkt hier noch grüner, die Erde ist rot. Sieben Blocks von der Plaza 9 de Julio, dem Stadtzentrum von Posadas, entfernt steht das Instituto Nacional de la Yerba Mate (INYM). Am Eingang weist der Wachmann auf eine schmale Treppe, die in den zweiten Stock führt. Hier erwartet mich eine Beamtin mit Infomaterial über die Aktivitäten des argentinischen Mateinstituts. Mit leiser Stimme, fast flüsternd, erzählt sie, dass das INYM eine autarke Institution und nicht von der Landesregierung abhängig sei. Es bestehe aus zwölf Bereichsleiter *innen,
die die gesamte Produktions kette vertreten: Mühlen, Trocknungs anlagen, Kooperativen, Produzent*innen, tareferos, Industrielle so wie Vertreter*innen der Provinzen Misiones, Corrientes und der Landesregierung.

Kurz nach seinem Amtsantritt Ende 2023 hat Argentiniens Präsident Javier Milei ein Dringlichkeitsdekret unterzeichnet, das dem INYM die Befugnis entzieht, Preise fest – zulegen und die Produktion zu regeln. Im April 2024 erließ das Bundesgericht von Misiones eine einstweili ge Verfügung, die die Funktionen des Instituts vorübergehend wieder – herstellte. Aber weil die Regierung keine neuen Vertreter*innen benannt hat, befindet sich das INYM seitdem in einem Schwebezustand, kopflos und seiner wichtigsten Befugnisse beraubt. In diesem Vakuum erledigt der Markt das Übrige:
Er verschiebt das Gleichgewicht zugunsten derer, die ohnehin schon am meisten Macht haben –
ohne, dass sich für die Verbraucher*innen etwas verbessert. Sie müssen immer noch den gleichen Preis für das Produkt zahlen.

Misiones ist die Provinz mit der bedeutendsten Mateproduktion in Argentinien. In etwa 100 Mühlen werden die Mateblätter von mehr als 13.000 Produzentinnen verarbeitet. Nur fünf dieser Mühlen haben einen Marktanteil von über 60 Prozent und sind damit in einer entscheidenden Position für die Festlegung der Preise. Es ist ein warmer Aprilmorgen und die Stadt ist belebt. Schüler*innen in Schuluniform fluten in der Mittagspause die Straßen. „Spuren, die Geschichte schreiben”, liest man auf der Titelseite der Bien Nuestro, einer Sondernummer, die das INYM 2021 veröffentlichte: „20 Jahre tractorazo”. Als tractorazo wurde eine große Mobilisierung von kleinen und mittleren Produktionsbetrieben bekannt, als die neoliberale Politik der 1990er Jahre zu einer Wirtschaftskrise führte. Daraufhin zogen in den Jahren 2001 und 2002 Demonstrationen zunächst durch Oberá, die zweitgrößte Stadt von Misiones, und später durch die Provinzhauptstadt Posadas. Der Protest führte schließlich zur Gründung des INYM, das sich auf eine lange Tradition der Regulierung des Mateanbaus
beruft. Bereits 1935 war eine erste Mate-Regulierungs komission gegründet worden, die jedoch im Jahr 1991 im Rahmen der neoliberalen Politik von Carlos Menem aufgelöst wurde.

Hugo Sand steht an dem Traktor, mit dem er 2001 und 2002 bei den tractorazos protestiert hat (Foto: Diego Vila)


Eine der charismatischsten und bekanntesten Persönlichkeiten der tractorazos ist der Agraringenieur
Hugo Sand. Gemeinsam mit mehreren Organisationen erstattete er am 18. März 2025
Strafanzeige gegen Milei. Ziel ist es, das argentinische Gesetz über die Gründung des INYM
durchzusetzen, welches das Institut dazu befugt, den Mateanbau zu regulieren und einen Präsidenten
zu ernennen. Mein Weg führt weiter nach Oberá, 100 Kilometer von Posadas entfernt. Ich will aus erster Hand erfahren, wie sich die aktuelle Situation auf Mateproduzent*innen auswirkt.
Der Bus kommt nachmittags in Oberá im Zentrum der Provinz an. 28 Grad und die Luft dick vor Feuchtigkeit. Ich schicke Sand eine Nachricht und er antwortet sofort, er sei auf dem Weg. Sand- helle Augen, langer grauer Bart, die Baskenmütze zur Seite gedreht – fragt nach dem Handschlag:
„Fahren wir zum Hof? Das ist nicht weit.” Wir steigen in einen alten, etwas zerbeulten Lieferwagen
und sind nach zwei Minuten an seinem Haus. Malen’ka, seine Hündin, begrüßt uns. Wir sitzen an einem offenen, funktional gehaltenen und kühlen Ort, an dem der Tee getrocknet wird, den Sand und einer seiner Söhne produzieren. Sand bereitet einen Mate zu und gibt ihn mir.

Seine Familie kam im Jahr 1906 aus Finnland nach Misiones, zunächst in die Region Bonpland und später nach Yerbal Viejo, wo wir uns jetzt befinden. Auf diesem kleinen Landgut haben sie sich 1920 niedergelassen. „Wir haben Matenpflanzen zen, die über 100 Jahre alt sind”, erzählt Sand.
Sand ist sich sicher: Das Landproblem ist eindeutig politisch. Mit seiner Marktflexibilisierung würde Milei argentinische Produzent*innen dazu verpflichten, unter ungünstigen Bedingungen gegen brasilianische und paraguayische Produzentinnen zu konkurrieren. Daten des argen­tinischen Statistik- und Zensusinstituts zufolge haben die Mateimporte aus diesen Ländern im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr um 80 Prozent zugenommen.
Außerdem hat der argentinische Wirtschaftsminister Luis Caputo die Resolution 170/2021 des INYM außer Kraft gesetzt, erklärt Sand. Sie hatte die Aufnahme neuer Matepflanzungen pro Produzent*in auf fünf Hektar im Jahr begrenzt, um kleine Produktionsbetriebe gegenüber großen Playern zu schützen, die große Flächen bepflanzen können. Die Aufhebung der Regelung öffnet nun ausländischen Investoren die Tür, die Mate als reine Kapitalanlage und Geschäftsmöglichkeit begreifen – ungeachtet dessen, dass der exzessive Anstieg des Angebots die Preise drücken und die 13.500 kleinen und mittleren Matebetriebe in Gefahr bringen würde.
Nachdem wir uns den Hof angeschaut und die agrarökologischen Methoden kennengelernt haben, die dort auf 25 Hektar angewendet werden, kehren wir nach Oberá zurück. Auf dem Weg, auf Höhe der Kreuzung Karabén – symbolträchtiger Ort der tractorazos von 2001 und 2002 – sieht man das Protestcamp der Genossenschaft Movimiento Agrario de Misiones (MAM), zu der Sand gehört. Auf einem Plakat steht: „Faire Preise für Mate“. „Heute bin ich dran mit Campen“, sagt der 68-jährige Agraringenieur.
Es ist 8:15 Uhr morgens, als Salvador Torres, Kleinbauer und Freund von Sand, mich an der Tür der Kathedrale von Oberá abholt. Hupend fährt er mit seinem weißen Ford Fiesta vor. Beim Einsteigen lädt mich Gladis, seine Frau und Beifahrerin, auf einen Mate ein. Torres fährt auf der Fernstraße 14, bis wir auf einen Feldweg abbiegen, auf dem gerade eine Planierraupe arbeitet. „Die Erde ist rot vom Eisenoxid“, sagt Salvador. Uns umgibt eine ländliche Umgebung, hier bestimmen Mate- und andere Teepflanzungen die Landschaft. Im Radio läuft Ramón Ayala: „Wald, Mondnacht, Trauer im Matefeld, die Stille schwingt durch die Einsamkeit …“. „Jedes Mal, wenn wir herkommen, bessern sie den Weg aus”, sagt Gladis und unterbricht die Stimme des „Sängers der roten Erde“.
Wir kommen auf dem Hof von Waldemar Salzweder in der Colonia Yapeqú an. Salzweder kommt uns begrüßen: Kleinbauer, groß, grauhaarig mit hellen Augen. „Mein Vater ist mit 19 Jahren vor dem Krieg aus Deutschland geflohen“, sagt Waldemar. Die Familie baute Tabak und später Mate an. Mit der Zeit beschlossen sie, einen Barbacuá-Trockenplatz zu bauen. Diese Art der Matetrocknung wird gegenüber modernen Rohrtrockn­ungstechniken kaum noch genutzt, weil sie deutlich teurer und langsamer ist. „Was der Alte mit seinen Händen gemacht hat, muss ich schützen, erhalten und weiterführen”, meint Waldemar. „Jeder einzelne hat einen Weg gesucht, die Technik zu erneuern. Man muss ihre Anstrengungen wertschätzen.”

„Los gehts, ich muss die 
Hühner füttern”

Laut Daten des INYM gibt es in der Provinz Misiones noch 52 Barbacuá-Trockenplätze. In der Region Oberá, wo es beispielsweise allein in der Gemeinde Guaraní etwa 50 solcher Plätze gab, stehen heute nur noch acht. „Der Geschmack der yerba ist ein anderer”, versichert Salzweder. „Der Rauch verleiht ihr einen besonderen Geschmack, die Mate ist weicher als die schnell getrocknete.“
Aktuell sind in der Trocknungsanlage fünf Arbeiter tätig, die Erzeugnisse werden an die Mühlen verschiedener Kooperativen verkauft, die die yerba mit dem Barbacuá-Siegel als hochwertiges Produkt auf den Markt bringen. Zu seinen Käufer*innen gehören auch Salvador und Gladis, welche die von Waldemar und anderen Produzentinnen der Region verarbeitete yerba erwerben, um ihre Genossenschaft MAM zu beliefern.
„Los gehts, ich muss die Hühner füttern”, beschleunigt Gladis die Unterhaltung. Nach einem letzten Blick auf das zylindrische Backsteingebäude mit Blechdach verabschieden wir uns von Salzweder und machen uns nach Panambí auf.
20 Minuten später kommen wir bei der Landwirtschaftskooperative Río Paraná an, bei der die Barbacuá-Mate gemahlen wird. Edelmiro, der Vorarbeiter, empfängt uns freundlich. Geduldig erklärt er uns den Mahlprozess von der Ankunft der Säcke vom Trocknen bis hin zur Abfüllung in drei Varianten: grob für tereré (mit Eiswasser aufgegossene Mate, Anm. d. Red.), nur Blätter sowie Blätter und Stiele gemischt.

Der Kampf um faire Preise hat 
in der Region Geschichte

Vom Hunger der Hühner getrieben, verabschieden wir uns von „Miro“ und steigen wieder ins Auto. Auf dem Rückweg nach Oberá deutet Salvador auf den Ort Los Helechos: „Hier kamen die Siedler des Massakers von 36 her.“ Das Massaker von Oberá, das sich am 15. März 1936 ereignete, wurde in der offiziellen Geschichts­schreibung jahrzehntelang verschwiegen – bis die Historikerin Silvia Waskiewicz es mit ihrem gleichnamigen Buch Anfang der 2000er Jahre vor dem Vergessen rettete. Damals wurden 200 bis 500 polnische, russische und ukrainische Siedler von Sicherheitskräften auf brutale Weise angegriffen. „Die Polizei von Oberá schoss wild auf sie los“, titelte La República am 17. März 1936. Es gab zahlreiche Tote – wie viele genau, weiß man nicht – und hunderte Verletzte und Festgenommene. „Die Protestierenden forderten gerechte Preise für ihre Produkte und Lösungen für die Ungleichverteilung von Bodeneigentum“, schreibt Waskiewicz. „Die politischen Machthaber wollten die Siedler ‚diszipli­nieren‘“, hatte Hugo Sand es auf seinem Hof beschrieben.
Am frühen Nachmittag hält Salvador mit seinem Wagen vor dem Sitz der MAM, dicht am Ortskern von Oberá. Gladis steigt aus und kann endlich die Hühner füttern.

Die MAM wurde 1971 gegründet, auch wenn ihre Ursprünge in der christlichen Landjugend der 1960er Jahre liegen, die von der Befreiungstheologie beeinflusst war. Von Oberá aus wuchs die Bewegung schnell. 1974 gab es bereits mehr als 300 Basisgruppen in der ganzen Provinz. Ihre Aktionen führten zu Preisverbesserungen bei der yerba, aber endeten 1976 vorerst abrupt. Nach dem Militärputsch wurden viele Führungspersonen der MAM verfolgt, verhaftet, gefoltert und ermordet. „Es war die Niederschlagung der Bewegung von unten“, hält Salvador fest.
Nach der Rückkehr zur Demokratie begann die MAM eine langsame Umstrukturierung. In den 1990er Jahren trieb sie die Entstehung freier Märkte an, auf denen Erzeuger*innen ihre Produkte direkt in der Stadt verkaufen können – heute mit über 3.000 Standbetreiberinnen. Auch begann die Arbeit nach Prinzipien des gerechten Handels. Die Marke Titrayju – Tierra, Trabajo y Justicia („Land, Arbeit und Gerechtigkeit”) wurde geschaffen, um Direktverkäufe an Verbraucherinnen zu ermöglichen. Was den Zugang zu Land betrifft, so erzielte die MAM als Verteidigerin der „Besetzer“ bedeutende Fortschritte, einige davon erst kürzlich, wie beispielsweise die Enteignung von Land in der Region El Soberbio. Mit dem Versprechen eines Wiedersehens verabschiede ich mich von Salvador und Gladis. Ein paar vergilbte Zeitungen, Barbacuá-Mate und Tee unter den Arm geklemmt, laufe ich die Straße hoch. Einzig die Zikaden und das Echo meiner Schritte auf dem Pflaster unterbrechen die tiefe Stille der Mittagsruhe.

Der Sol del Norte (Busunternehmen, Anm. d. Red.) lässt mich an der Haltestelle Rosinseski in der Gemeinde Guaraní aussteigen. Ana Goldenberg hat mir gesagt, ich solle hier, 20 Minuten entfernt von Oberá, aussteigen: rote Erde, ein Baum mit gelben Blumen und die Fernstraße 14. Nur das Brummen der sporadisch vorbeifahrenden Autos und Lastwagen stört die Ruhe eines sonnigen Morgens.

Sie holt mich in einem Fiat Strada, einem kleinen Pick-up, ab. Wir biegen auf einen huckeligen Weg ab, der von reicher Vegetation und Teepflanzungen umsäumt ist. Ein paar Minuten lang werden wir auf unseren Sitzen durchgerüttelt, dann erreichen wir ein schönes Landhaus, in dem fünf gepflegte Hunde – Mujica, Karú, Gemma, Osa und Samba – und zwei Katzen, Lula und Bagheera, gespannt warten.

Ana Goldenberg ist in der französischsprachigen Schweiz geboren, Tochter von Argentinierinnen und Enkelin eines Schweizer Erfinders, der in Misiones lebte. Die 30-jährige Anthropologin und ihr Partner Damián beschlossen, auf einen Hof zu ziehen, auf dem sie nach den Prinzipien der Agrarökologie yerba und andere Produkte anbauen. Wir setzen uns in ein geräumiges, helles Wohnzimmer mit doppelter Deckenhöhe. Sie bereitet einen Mate zu und reicht ihn mir. „Wusstest du, dass der Matebaum bis zu 15 Meter hoch werden kann?“, fragt sie mich. Bäume diesen Ausmaßes hätte ich mir nicht vorstellen können denke ich, während ich den Mate zurückgebe und beobachte, wie Lula sich an der Fensterbrüstung reckt.
„Die Matepflanze kommt ursprünglich aus feuchten, subtropischen Regionen: Misiones, Corrientes, Paraguay und Brasilien. Sie wächst auf natürliche Weise in den Bergen“, sagt Goldenberg. „Misiones heißt wegen der jesuitischen Missionen so, die mit den Guaraní yerba anbauten.“

Ana Goldenberg baut auf ihrem Hof in Guaraní yerba und andere landwirtschaftliche Produkte an (Foto: Diego Vila)

„Diese Regierung will den Anbau auf kleiner Fläche abschaffen“

Vor einigen Jahren gab das INYM auf den Höfen den Impuls für ein Agroforstmodell, das die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel stärken soll. Der Vorschlag bestand darin, einheimische Bäume wie die Röhren-Kassie oder den Pacara-Ohrstöpselbaum zwischen die Mate zu pflanzen, damit diese von deren Schatten, natürlichem Dünger, Frostschutz und anderen Verbesserungen des Ökosystems profitieren können. „Wer den Boden pflegt, pflegt die Pflanze“, ergänzt Goldenberg.

Dahingegen verwandelt der großflächige Anbau in Monokultur mit dem Komplettpaket an Technologie von Maschinen und Dünger den Boden in einen reinen Untergrund und lässt keine natürliche Zusammenarbeit zwischen den Spezies zu. „Diese Regierung will den Anbau auf kleiner Fläche abschaffen“, ist sich Goldenberg sicher. „Ihr Produktivitäts- und Effizienzdiskurs sagt uns ‚Na gut, wenn eure Zahlen nicht stimmen, wechselt doch zu etwas anderem!‘ Und das sagen sie Familien, die seit Generationen yerba anbauen. Was ist mit der kulturellen Frage, der Identität und der Umwelt?“

Kürzlich kam eine Forschungsgruppe des Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas, der Hauptorganisation für wissen­schaftliche Forschung in Argentinien, in die Region, um die einheimische Fauna in den Matepflanzungen zu untersuchen. Mit Wildtierkameras gelang es ihnen, Wild, Ameisen- und Nasenbären sowie andere Tiere zu entdecken. Das zeigt: Die Matepflanzungen sind nicht nur fruchtbar, sondern voller Leben.

„Gehen wir eine Runde über das Grundstück?“, lädt Ana mich ein. Wir verlassen mit den Hunden das Haus und gehen auf einem Pfad am Rande des 14 Hektar großen Naturwaldes entlang. Während sie auf einige Pilze, Blumen und Blätter zeigt, erzählt Goldenberg: „Mein Urgroßvater Marc Étienne Roulet, den alle Don Esteban nannten, hat die Trockentrommel erfunden, was zu dieser Zeit eine bedeutende technologische Verbesserung bedeutete. Und er ließ die Erfindung nicht patentieren, sondern ging von Genossenschaft zu Genossenschaft, um sein Wissen zu teilen. Ich glaube, dass wir diesen Geist heute, in Zeiten von Individualismus und Leistungsgesellschaft, brauchen“, betont sie.
Zwischen den Metallträgern, die das Blechdach des Terminals von El Alcázar, 125 Kilometer von Oberá entfernt, stützen, gurren Tauben. In den Bäumen des zentralen Platzes sitzen Tukane zwischen den Ästen. Nach vier Stunden des Wartens hält vor dem Terminal endlich das Fahrzeug, auf das ich warte. Am Steuer des modernen weißen Lieferwagens sitzt der Mateunternehmer Mario Paredes, der aus Eldorado gekommen ist, um mich abzuholen.

„Heute ist ein wichtiger Tag”, sagt er nervös, als er die Tür öffnet. „Die Guaraní-Gemeinschaft ist gleich in der Nähe”, fügt er hinzu. Ich steige in den Pick-up, der mit Matesäcken vollgestopft ist, und wir fahren los. Es ist die erste Ernte der eigenen Produktion der Gemeinde.
Paredes hat ein Trocknungsverfahren entwickelt, das er SIS (sistema inverso de secado, „Umkehr- Trocknungssystem”) nennt. Es nutzt viel niedrigere Temperaturen als traditionelle Trocknungsarten, weil nur Blätter und keine Stiele geerntet werden. Auf diese Art und Weise, so der Unternehmer, bleiben die Wirkstoffe der Blätter erhalten. Damit konserviert es die besonderen Eigenschaften der yerba, wie das Vitamin C, und verbessert gleich­zeitig das Verhältnis von Kalzium, Eisen und Magnesium.
„Wir machen nicht nur ökologische, sondern auch biodynamische Landwirtschaft“, meint Paredes. „Deswegen benutzen wir im Prozess kein Holz.“ Auch die Lagerungszeit ist beim SIS-Verfahren anders. Um die Eigenschaften der yerba zu erhalten, ist die Devise: Je frischer die yerba genutzt wird, desto besser ist ihre Qualität. „Wir retten das am besten gehütete Geheimnis der Jesuiten vor ihrer Vertreibung im Jahr 1767”, sagt der Unternehmer.
Wir kommen in Tekoa Perutí an und biegen auf einen Feldweg ein, der neben der Fernstraße 12 auf das 700 Hektar großen Gelände der Guaraní-Gemeinschaft führt. Als wir vorbeifahren, beobachten uns Gruppen von Kindern am Straßenrand. Inmitten der üppigen Vegetation, zu der auch Anbaukulturen wie yerba, Mais, Bohnen, Maniok und Süßkartoffeln gehören, liegen die Häuser des Instituts für Wohnungsbau der Provinz Misiones, die zweisprachige Schule und die Schule für landwirtschaftliche Familien, die weiterführende Schulbildung anbietet.

Als das Fahrzeug anhält, nähern sich mehrere Mitglieder der Gemeinde begeistert, um die Säcke mit yerba auszuladen. Vorsichtig legen sie sie vor einer Gruppe von etwa 50 Personen nieder, die auf sie warten.
Aguyjevete”, grüßt Paredes und hebt seine Hände inmitten des Menschenkreises. Ich tue es ihm nach, wiederhole den Gruß auf Mbya Guaraní und spüre die neugierigen Blicke der Anwesenden.
Laut Daten des Regionalmuseums Aníbal Cambas in Posadas von 2022 gibt es in der Provinz Misiones 134 Guaraní-Gemeinschaften. Tekoa Perutí ist mit 300 Familien die zweitgrößte.
Dank einer Gruppe von „begeisterten, sozial engagierten Aktivisten“ (Hugo Sand, Raúl Aramendy und Federico Padolsky), der NGO Servicio Evangélico de Diaconía und dem Unternehmen Finca Delfina von Paredes steht eine Guaraní-Gemeinschaft in Misiones zum ersten Mal kurz davor, eine eigene Marke auf den Markt zu bringen: Yerba Mate Perutí. Sobald die rechtlichen Formalitäten geklärt und die drei Finanzierungsphasen abgeschlossen sind, findet der gesamte Produktionsprozess auf Guaraní-Land statt.
Nach ein paar Worten – sowohl von juru’a (weißen Personen) als auch von Guaraní – gibt es eine Taufzeremonie für die yerba in Form einer Segnung. Der Geiger Bernardino Cabrera tritt vor und spielt eine ruhige Melodie. Dann schließen sich die Autoritäten der Gemeinde an – der cacique Cristian Cabrera, Ezequiel Núñez, Jacinto Rodríguez – und schließlich alle anderen Anwesenden. Mit kleinen Schritten tanzen sie um die Beutel mit ka’a (yerba) herum. Die spirituelle Führerin Hilda Benítez reinigt die Beutel mit dem dichten Rauch ihrer Pfeife, die mit Tabakblättern aus dem Wald gefüllt ist. „Heute ist ein sehr besonderer Tag für die Mbya Guaraní-Gemeinschaft”, sagt Cristian Cabrera. „Wir beginnen, unser eigenes ka’a zurückzugewinnen, das medizinische und spirituelle Eigenschaften hat. Wir werden anfangen, unsere eigene yerba zu konsumieren und unsere kleine Pflanze zu schätzen.” Celene Cabrera, Cabreras Nichte, ist sich der Bedeutung dieses Projekts bewusst, weiß aber vor allem, dass es ein langer Prozess sein wird. „Warum sollten wir rennen, wenn wir noch nicht einmal laufen?“, sagt die 19-Jährige.





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SCHILLERND UND SCHWERMÜTIG

© Agustina Comedi

Der Kurzfilm Playback. Ensayo de una despedida der argentinischen Dokumentarfilmerin Agustina Comedi (El silencio es un cuerpo que cae) entführt die Zuschauer*innen in das Nachtleben der Gruppe Kalas (Grupo Kalas). Als trans Frauen und Dragqueens begehrten sie mit ihren Auftritten gegen die Unsichtbarkeit queeren Lebens im postdiktatorischen Argentinien auf. Doch statt Aufbruch und Ausbruch erleben die in wackeligen Videoaufzeichnungen festgehaltenen Mitglieder den Verlust ihrer „Soldatinnen“ durch HIV.

„La Delpi“, die einzige Überlebende der Gruppe Kalas, kommentiert die alten VHS-Videos. Zeugnis und Bild fallen auseinander, treffen wieder zusammen oder werden von den Antworten ihrer Freund*innen während eines Drag-Contests unterbrochen. In ihren Aussagen bricht sich die Lebensrealität der Trans*-Community schonungslos Bahn. Da wird durch die klassische Frage an die Schönheitskönigin: „Wenn sie Präsidentin sind, welches Dekret würden sie als erstes verabschieden?“ der Graben deutlich, der zwischen situativer Selbstermächtigung und gesellschaftlicher Akzeptanz liegt: „Ein Dekret, dass jede*r Trans* sicher die Straße entlanglaufen kann.“

Dieser Wunsch hat sich in Argentinien auch nicht durch die Verabschiedung des Gesetzes zur Genderidentität (Ley de Identidad de Género) im Jahr 2012 erfüllt. Infolge des Gesetzes verzeichnete das Land zwar einen relativen Rückgang staatlicher Repressionen gegen trans Personen, doch der Kampf gegen die – oftmals tödliche – Gewalt auf den Straßen und im Haus ist weiterhin eine zentrale Forderung von Aktivist*innen.

Vor diesem Hintergrund ist der Film von Comedi zweierlei: eine Hommage an die Akteur*innen der sich nach der Diktatur rekonstituierenden Trans*-Community und ein wertvolles Zeitdokument für heutige Aktivist*innen. Die dokumentarische Tätigkeit als eine Form des Aktivismus zu begreifen, wird in Argentinien seit 2012 von der Gruppe rund um das Archiv der Trans*-Erinnerung (Archivo de la memoria trans) vorgelebt. Auch deren Mitglieder haben die Diktatur überlebt, viele im Exil. Das Sammeln der Dokumente, das Wiederentdecken und Zeigen der gemeinsamen Geschichte bildet eine Grundfeste, von der Trans*–Aktivismus in Argentinien heute ausgeht. Comedi leistet durch ihren Kurzfilm einen ebenso schillernden wie schwermütigen Beitrag über das solidarische Miteinander in vergangenen Kämpfen gegen Marginalisierung und gegen den Tod.


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„Ich wurde Malvinera“

Gabriela Naso (Foto: Juliana Garzón Beltrán)

Wie kam es zu der Idee des Projekts und warum gerade das Thema der Malvinas im Kontext der argentinischen Militärdiktatur?
Während meiner Zeit an der Universität in Lomas de Zamora (Ballungsraum von Buenos Aires, Anm. d. Red.) berichtete ich als Dokumentarjournalistin über Menschenrechtsthemen. In meiner Ausbildung wurden die Malvinas als militärische Heldentat dargestellt, losgelöst von der argentinischen Diktatur. Aber als ich von den Folter-Vorwürfen von Soldaten erfuhr, wurde mir klar, dass sich dort dieselben Praktiken des Staatsterrorismus wiederholt hatten. Der heroische Diskurs hatte diese Kontinuität nur verschleiert. Ende 2016 war ich dann im Rahmen meiner Berichterstattung über die Kampagne zur Identifizierung der 123 gefallenen Soldaten in La Plata und interviewte dort Soldaten, die während des Falklandkriegs gekämpft hatten. Ich erfuhr von dem Gerichtsverfahren, in dem die Misshandlungen untersucht werden und begann, die Geschichte anhand von Interviews mit ehemaligen Kämpfern, Anwälten und Menschenrechtsaktivisten zu rekonstruieren. Ich sammelte immer mehr Zeugenaussagen, über die ich zunächst schriftlich berichtete. Mit der Zeit begann ich aber auch, persönlich an den Aktivitäten der ehemaligen Soldaten in La Plata teilzunehmen. Ich besuchte ihre Dienstagstreffen, begleitete sie bei Demonstrationen und marschierte am 24. März 2019 mit ihnen zur Plaza de Mayo, dem Hauptplatz in Buenos Aires. Auf diesem Weg begegnete ich einer Gruppe, deren Werte ich zutiefst teilte und durch sie verschrieb ich mich der Sache der Malvinas. Ich wurde Malvinera.

Wie verlief der Prozess des Infragestellens des heroischen Diskurses der Streitkräfte und der Rolle des argentinischen Staates?
Es begann damit, dass ich Zugang zu freigegebenen Archiven der Streitkräfte erhielt. Ich entdeckte, wie ein Apparat des Schweigens aufgebaut worden war, nicht nur, um die Soldaten zum Schweigen zu bringen, sondern auch, um die Angehörigen der Verschwundenen zu isolieren. Die Diktatur hatte die Idee einer „Heldentat” durch die Medien gefestigt und „Märtyrerfiguren” erschaffen. Die späteren Amnestiegesetze hatten die Anzeige von Missbräuchen erschwert und erst Jahrzehnte später kam es zu einer Anhörung und einem Gerichtsverfahren. Dabei wurden einige der ehemaligen Soldaten zum Reden ermutigt, aber viele waren weiterhin mit Stigmatisierung und der Normalisierung von Gewalt im Zusammenhang mit dem Militär und Männlichkeitsvorstellungen konfrontiert.

Was denkst du, welche Rolle hatte und hat die Bevölkerung beim Aufbau eines kollektiven Gedächtnisses über den Krieg um die Malvinas?
Anfangs fand die Gesellschaft kein Gehör für die ehemaligen Soldaten und ihre Beschwerden über die auf den Malvinas erlittenen Gewalttaten. Die Gesellschaft schaute in vielen Fällen einfach weg und während die Soldaten in der öffentlichen Debatte als „Helden des Vaterlandes” bezeichnet wurden, fingen einige an, sich als „Antihelden” zu identifizieren. Mit der Zeit, insbesondere seit der Einführung staatlicher Maßnahmen zur Aufarbeitung der Vergangenheit – wie der Freigabe von Archiven und der Unterstützung der Gerichtsverfahren während der Amtszeit von Cristina Fernández de Kirchner –, wurde die Malvinas-Frage auch in der Gesellschaft aus menschenrechtlicher Perspektive betrachtet. Organisationen wie die Provinzkommission für Erinnerung, die Großmütter und Mütter der Plaza de Mayo sowie Bildungsprogramme in Schulen griffen diese Sichtweise auf und trugen dazu bei, den Konflikt neu zu bewerten. Heute erkennt ein Großteil der Bevölkerung an, dass auch auf den Malvinas staatlicher Terrorismus präsent war.

Gab es eine Aussage oder bestimmte Momente während der Dreharbeiten, die dich besonders beeindruckt haben?
Ja, ein Moment, der mich besonders beeindruckt hat, war, als Miguel Anderfuhrn beschloss, seine Anzeige beim Bundesgericht einzureichen. Als er tief bewegt aus dem Gericht kam, hatte er einen intensiven Austausch mit Roberto Cipriano García, dem Anwalt der Provinzkommission für Erinnerung. Miguel sagte, seine Aussage sei „Teil dessen, was allen widerfahren war”. Roberto antwortete ihm, dass sei das, was ihm widerfahren sei und erinnerte ihn daran, dass Überleben nicht bedeute, keine Gewalt erlitten zu haben. Er war mit dem Tod bedroht worden und sie hatten ihm eine Waffe an den Kopf gehalten, weil er versuch hatte, einem festgehaltenen Kameraden zu helfen. Die Vorbereitung und Begleitung dieser Anzeige hatten Jahre gedauert und als er schließlich seine Aussage gemacht hatte, brach er zusammen. Später erzählte er mir, dass er sich fühlte, als wäre eine riesige Last von ihm genommen worden. Ihn und seine Familie in diesem Prozess begleiten zu dürfen, war eine zutiefst bedeutsame Erfahrung. Es war eine dieser Erfahrungen, die den Beruf rechtfertigen und den Sinn der kollektiven Wiedergutmachung verkörpern.

Warum sind die Malvinas so ein wichtiges Thema für die nationale Identität Argentiniens?
Die Malvinas sind für Argentinier ein zentrales Thema, nicht nur, weil es so in der Verfassung festgelegt ist, sondern weil die Inselgruppe ein tiefes Gefühl des argentinischen Volkes hervorruft. Das zeigt sich in Poesie, in Fangesängen und Tätowierungen ebenso wie durch Flaggen und Wandmalereien – die Inseln sind einfach Teil unserer argentinischen Identität und mit der Zeit hat sich dieses Gefühl nur noch verstärkt. Die Bedeutung der Malvinas geht dabei weit über den Krieg von 1833 hinaus (Beginn der britischen Besetzung der Malvinas, Anm. d. Red.). Heute dauert der Streit um die Souveränität mit Großbritannien an, da sich in dieser Region, die reich an natürlichen Ressourcen ist und strategisch mit der Antarktis verbunden ist, ein NATO-Militärstützpunkt befindet. Daher sind die Malvinas nicht nur ein militärischer Konflikt, sondern auch eine Frage der Geopolitik, der Souveränität und des kollektiven Gedächtnisses.

Der Dokumentarfilm wird nun schon seit einigen Monaten gezeigt. Welche Wirkung hatte er, was hat sich verändert und was gibt es noch zu tun?
Der Film wurde insgesamt sehr gut aufgenommen. Die Premiere fand am 1. April dieses Jahres in Buenos Aires in einem Saal mit 400 Zuschauern statt und als ich sah, dass die Hälfte des Saals weinte, dachte ich: „Das funktioniert”. Die Menschen waren tief bewegt, viel mehr als ich erwartet hatte und das ist für mich entscheidend. Der Dokumentarfilm wurde auch auf mehreren Festivals gezeigt: Die Tour übertraf meine Erwartungen, vor allem weil ich aus dem Journalismus komme und die Auseinandersetzung mit der audiovisuellen Sprache eine große Herausforderung für mich war. Aber dank der Unterstützung des Kameramanns Fernando León González und des gesamten Teams ist es uns gelungen, die Geschichte so zu vermitteln, wie wir es wollten. Jetzt hoffen wir, den Film weiterhin in Kulturzentren, Universitäten, Schulen und Gedenkstätten zeigen zu können, um die Diskussion aufrechtzuerhalten. Parallel dazu beginne ich gerade mit der Planung eines neuen Filmprojekts über die Malvinas, das sich auf zwei Frauen konzentriert, die 200 Jahre voneinander getrennt, aber durch dasselbe Land verbunden sind: María Sáez Vernet und Clara Bernet. María war eine der ersten Personen „am Ende der Welt“ und ist Chronistin der Entstehung des argentinischen Volkes auf den Malvinas. Clara, ihre Nachfahrin, ist eine Aktivistin, die die Geschichte dieses Volkes verteidigt und sich für die Entmilitarisierung des Südatlantiks einsetzt. Aus der Perspektive der beiden Frauen können wir meiner Meinung nach einen sehr frischen und interessanten Ansatz bieten, um die Geschichte der Malvinas zu behandeln.

Welche Erkenntnisse lassen sich aus dem Prozess des Films ziehen, um über Mechanismen für Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung in anderen Kontexten von Diktaturen oder bewaffneten Konflikten in Lateinamerika nachzudenken?
Eine zentrale Erkenntnis des Prozesses war, das gesprochene Wort und die Bedeutung kollektiver Räume des Zuhörens wertzuschätzen. Der Dialog mit den Opfern darf keine erneute Viktimisierung sein, sondern muss eine echte Einbeziehung sein, die es ihnen ermöglicht, das Werk für sich anzunehmen. Die ehemaligen Soldaten sollen sich im Film authentisch repräsentiert fühlen. Ich möchte nicht nur Zeugnisse oder Notizen sammeln, sondern damit etwas bewirken. Deshalb ist es wichtig, sowohl mit den Menschen, die von ihren Erfahrungen berichten, als auch mit dem Produktionsteam, das auf die Stimmung und Intensität jedes einzelnen Zeugnisses vorbereitet sein muss, eng zusammenzuarbeiten. Ein Beispiel dafür war das Interview mit Silvio Katz, den ich dabei begleitet habe, seine Vergangenheit auf behutsame und respektvolle Weise in die Gegenwart zu holen. Ich glaube auch, dass öffentliche Maßnahmen notwendig sind, die sich um die psychische Gesundheit derjenigen kümmern, die Konfliktsituationen durchleben und dass der Staat Informationen zur Verfügung stellen muss, damit diese Verbrechen untersucht werden können. Aus kultureller Sicht kann die Kunst einen wichtigen Beitrag zum Aufbau des kollektiven Gedächtnisses leisten.


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Dreifacher Feminizid in Argentinien

Bank erinnert als Mahnmal an Feminizide
Lebend, frei und ohne Angst! In Buenos Aires erinnert eine Bank als Mahnmal an die vielen Feminizide (Foto: Keh Don via Wikmedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Am Mittwoch, dem 24. September, wurden die Leichen der jungen Frauen in einem Haus in Florencio Varela in der Provinz Buenos Aires gefunden. Erste Ermittlungen deuten darauf hin, dass der dreifache Feminizid am 19. September begangen wurde. Die Mädchen stammten aus den marginalisierten Vierteln La Tablada. Brenda und Morena waren Cousinen und Freundinnen von Lara. Am 20. September, ein Tag nach dem Verschwinden der drei, forderten Familienangehörige, Freund*innen sowie Frauen- und Nachbarschaftsorganisationen ihre Rückkehr. Die Familien der Opfer beklagen, dass die Polizei der Provinz Buenos Aires sich in den ersten 24 Stunden weigerte, eine Anzeige aufzunehmen, und zunächst eine unkoordinierte Suche startete.

Es dauerte vier Tage, um den Standort anhand von Mobilfunkantennen zu ermitteln. Die Untätigkeit der Polizei wurde von reißerischen Medienberichten begleitet, die schon vor dem Fund der Körper den Tod der drei jungen Frauen verkündeten und suggerierten, sie seien selbst an ihrem Verschwinden Schuld. Die weiteren Ermittlungen weisen auf die Verwicklung einer Drogenbande hin, die in den armen Vierteln der autonomen Stadt Buenos Aires, wie den Villas 1–11–14 und Villa 21–24, sowie in der gesamten Provinz operiert. Es gab mehrere Festnahmen, bislang jedoch keine offiziellen Analysen oder Verurteilungen.

Im Vorfeld der Zwischenwahlen hat sowohl die peronistische Provinzregierung unter Axel Kicillof als auch die Nationalregierung von Javier Milei vermieden politische Verantwortung zu übernehmen. So bemüht sich der Sicherheitsminister der Provinz Buenos Aires, Javier Alonso, die Ereignisse als Racheakt einer internationalen Drogenbande zu kategorisieren und nicht etwa als „Narco-Femizinid“ (Feminizid, der, anders als die Mehrheit der Feminizide, nicht im Kontext von persönlichen Beziehungen – zum Beispiel durch den Partner oder Ex-Partner – begangen wird, sondern im Zusammenhang mit der Eskalation und Normalisierung extremer patriarchaler Gewalt durch die Strukturen des Drogenhandels steht, die das Leben insgesamt, insbesondere jedoch das von Frauen, entwerten, Anm. d. Red.). Statt die Verzögerungen bei der Such- und Fahndungsaktion durch die ihm unterstellten Sicherheitskräfte zu erklären, suchte Alonso die Motive zügig außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs.

Feminizide werden verleugnet


Derweil versuchte Kicillof auf X, die Verantwortung für die Bekämpfung des Drogenhandels, die in der Stadt Buenos Aires klar bei ihm liegt, auf die Allgemeinheit abzuwälzen: „Wir müssen uns alle am Kampf gegen die Ausrottung des Drogenhandels beteiligen. Sonst wird er stärker und Straflosigkeit breitet sich aus.” Die prekäre wirtschaftliche Lage der Ermordeten, die sie besonders vulnerabel für die Verbrechen des Kartells machte, wurde bislang von keinem Politiker angemessen betrachtet.

Die Ministerin für nationale Sicherheit und Kandidatin für den Senat Patricia Bullrich wiederum negiert die Existenz von Feminiziden und geschlechtsspezifischer Gewalt in diesem und anderen Fällen gänzlich. Bullrich behauptete wiederholt, Gewalt und Feminizide seien das Resultat feministischer Kämpfe. „Wenn du den Eindruck vermittelst, dass du empowert bist und jeden mit Füßen treten kannst, sei es einen Mann, deinen Vater oder deine Mutter, dann wird er sich letztendlich gegen dich wenden, wenn du ihn mit Füßen trittst“, erklärte sie. Weiterhin stellte Bullrich fest, dass „das durch den extremen Feminismus entstandene Ungleichgewicht zu Situationen führt, in denen die Gewalt so stark ist, dass sie die Person zerstört, die diese Dynamik hervorbringt“.

Geldwäsche, Drogenhandel und Armut


Diese patriarchalen Äußerungen werden in einem größeren politischen Zusammenhang getätigt, in dem beide Fraktionen 2024 mit ihren Stimmen unmittelbar die Möglichkeiten für Geldwäsche und anderen dubiosen Aktivitäten eröffneten und mittrugen. Rechtswidrige Gewinne können auf verschiedenen Wegen in das legale Finanzsystem gelangen, beispielsweise durch die Gründung von Scheinfirmen, die Zusammenarbeit mit Kreditinstituten und den Erwerb von Vermögenswerten (Fahrzeuge, Immobilien) oder Börsenprodukten.

Schon in der vergangenen Legislaturperiode sind verschiedene Verbindungen von Mitgliedern der nationalen Regierung zum Drogenhandel ans Licht gekommen. So etwa der Fall des ehemaligen Vorsitzenden des Haushalts- und Finanzausschusses der Abgeordnetenkammer, Luis Espert, der seit 2024 Teil von Mileis Partei La Libertad Avanza („Die Freiheit schreitet voran“) ist und wegen des Skandals seinen Vorsitz und seine Kandidatur in der Provinz Buenos Aires aufgeben musste.

Während die Komplizenschaft des Staates an der Verbreitung von Narcostrukturen vertuscht wird, ignorieren sowohl die Regierung von Milei als auch die Provinzregierung von Kicillof die prekäre Lage junger Menschen in den Armenvierteln der Stadt, die sie besonders anfällig für das organisierte Verbrechen macht. In dieser Altersgruppe sieht es für Frauen besonders düster aus: Bei Frauen unter 29 liegt die Arbeitslosenquote bei 23 Prozent. Die Armut in den einfachen Vierteln Argentiniens bietet einen fruchtbaren Boden für das organisierte Verbrechen. Kartelle und Banden nutzen die Notlage der Jugendlichen aus, um sie als „Soldaten“ zu rekrutieren oder, im Falle der Mädchen, sexuell auszubeuten. An diesen Tatsachen tragen der Staat und die Regierung die Verantwortung.

Der Narco-Feminizid an Morena, Brenda und Lara ist der gewaltsame Ausdruck einer Staatspolitik, die Jugendliche, Frauen und Kinder konsequent aller Perspektiven beraubt. Am 29. September meldete die Beobachtungsstelle für geschlechtsspezifische Gewalt Ahora que sí nos ven (Jetzt sehen sie uns) alarmierende Zahlen: 178 Feminizide (einer alle 36 Stunden) und 287 versuchte Feminizide wurden allein in den ersten neun Monaten des Jahrs 2025 gemeldet. Nur 15 Prozent der Opfer erstatteten Anzeige, 14 der Täter gehörten den Sicherheitskräften an, 149 Kinder verloren ihre Mutter.

Diese erschreckenden Zahlen sind, zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels, noch unvollständig und umfassen nicht die 14 im Oktober verübten Feminizide, 12 davon in weniger als einer Woche. Das ist nicht nur das makabre Resultat der 2024 begonnenen Abschaffung von mehr als 13 Programmen und Maßnahmen zur Geschlechtergleichstellung. Bereits vor Mileis Amtszeit waren die Mittel knapp und politische Maßnahmen defizitär. Das Programm Acompañar begleitetet Frauen in hochgefährdeten Gewaltsituationen – im Jahr 2023 unterstützte es mehr als 100.000 Menschen. 2024 wurde das Budget um 90 Prozent gekürzt und für den Haushalt 2025 ist es nicht mehr als erkennbarer Posten aufgeführt. Die Mittel für die Telefonhotline 144, den wichtigsten kostenlosen Hilfsdienst für Opfer von Gewalt, wurden 2024 um zwei Drittel gekürzt. Im Haushaltsentwurf für 2026 ist kein entsprechender Posten geführt.

Sparpolitik und erhöhter Armutsindex



Diese Einsparungen fügen sich in die bestehende Austeritätspolitik im Bereich der reproduktiven und sexuellen Gesundheit, umfassender Sexualaufklärung sowie der Finanzierung der wirksamen Umsetzung des 2020 verabschiedeten Gesetzes zur Legalisierung der Abtreibung ein. Die Sparpolitik geht Hand in Hand mit Diskursen, die Gewalt gegen Frauen ideologisch legitimieren. Dazu passt der, aufgrund seiner Messmethode zweifelhafte Armutsindex von 31,6 Prozent für das erste Halbjahr 2025, ebenso wie das Fehlen von echten Arbeitsplätzen sowie Stipendien und Kürzungen in Gesundheit, Wohnraum, Gehältern, Renten, Invalidenrenten und Sozialhilfe.

Argentiniens lange bestehende prekäre Situation, die nun von Milei verschlimmert wird, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Plünderungen durch ausbeuterische Regierungen und fördert systematisch Gewalt gegen Frauen, Kinder und Jugendliche (LN 605). Derweil reviktimisieren die Medien die Opfer, indem sie aufgrund ihres „Lebensstils“ fadenscheinig zwischen „guten“ und „schlechten“ Opfern unterscheiden. So tragen neben der Regierung Mileis auch Medien zur Legitimation der Gewalt gegen Frauen und gegen Bewegungen, die sich für Frauenrechte, Kinderrechte und Diversität einsetzen, bei. Auf ihre Hetze folgen Taten.

Dabei ist die steigende Zahl von Femiziden gleichzeitig auch ein lateinamerikanischer Trend. Nach Angaben der Lateinamerikanischen Karte der Feminizide von 2024 waren mindestens 4.855 Frauen Opfer eines Feminizids, das sind 13 Feminizide pro Tag und schätzungsweise eine ermordete Frau pro Stunde. Während in Argentinien und ganz Lateinamerika weiterhin grundrechtsverachtene, sexistische Diskurse und Politiken verbreitet werden, kämpft die feministische Bewegung weiter gegen Feminizide, geschlechtsspezifische Gewalt und für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für Brenda, Morena, Lara und alle ermordeten Frauen.


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Sara Hebe: Schrei(b)en wie Shakespeare

24.09.2025 Berlin. Sara Hebe performig at SO36 Club in Kreuzberg. (Foto: Montecruz Foto)

Sara, wie geht es dir, wie läuft die Tour?
Ich bin richtig müde und erkältet. Wir haben mehrere Konzerte in Argentinien gespielt und eines in Kolumbien. Ich möchte alles mitnehmen, was geht, das fordert seinen Preis. Dazu kommt, dass ich mit meinem wundervollen Baby auf Tour bin. Mit einem kaum acht Monate alten Kind zu touren, ist sehr anstrengend, aber es gibt mir auch unglaublich viel. Wir wollten diese Tour unbedingt machen, seit zwei Jahren waren wir nicht mehr in Europa. Es gibt da diesen Song von Flema, einer Punkband aus Argentinien, „Más feliz que la mierda“ („Glücklicher als die ganze Scheiße“).

Ausgerechnet am 12. Oktober spielst du. Wird das also ein antikoloniales Konzert?
Ja, ich muss noch überlegen, was ich dort sage. Wir sind an einem Zeitpunkt der Geschichte, an dem es so wirkt, als würde alles immer schlimmer werden. Es ist unangenehm, auf der Bühne zu stehen und davon zu sprechen, dass in Gaza ein Genozid geschieht, oder aus Argentinien zu kommen und an einem 12. Oktober in Europa zu spielen. Was soll ich sagen – in Richtung Gaza, um humanitäre Hilfe zu liefern, oder ich sage einfach nichts. Einfach nur seine Meinung zu sagen, wird banal. Natürlich werde ich nicht schweigen, aber dieses Gefühl löst einen Konflikt in mir aus.

Von dir als politischer Künstlerin wird erwartet, dass du etwas sagst…
Klar, und gerade haben wir in Argentinien eine Regierung, die eigentlich etwas noch viel Seltsameres als ultrarechts ist und das Land ausliefert. Der Präsident ist schlimmer als Trump, er ist gestört und gewalttätig. Also, was soll ich schon an einem 12. Oktober sagen, dem Tag der Kolonisierung der Amerikas. Wir sind in einem Moment des ‚rette sich wer kann‘ und ich kann mir nicht erlauben zu sagen, nein, ich spiele nicht in Europa an einem 12. Oktober. Vor allem jetzt, da ich eine Tochter habe. Es kommt mir vor wie ein Witz, die Geschichte dreht sich und in Argentinien sind wir wieder Kolonie, wie im Jahr 1800, bevor wir unabhängig wurden. So etwas könnte ich sagen.

Wir haben das letzte Mal 2019 gesprochen, am Ende der Macri-Regierung, als es so schien, als würden die Dinge besser werden. Und heute…
… ist alles etwas schlimmer, aber danach kommt etwas Besseres.

Wie betrifft dich die Situation in Argentinien als unabhängige Künstlerin?
Es betrifft uns alle, die Wirtschaftslage ist sehr seltsam. Was größer wird, sind die Ränder: die armen Menschen werden ärmer, die Mittelschicht fährt in den Urlaub. Ich war nie arm, aber habe weniger Kaufkraft. Was Kultur, Gesundheitsversorgung und öffentliche Bildung angeht, ist die Lage schlimmer. Die Regierung möchte alle Errungenschaften transfeministischer Kämpfe zunichtemachen. Es geht gerade darum, den Femizid wieder aus dem Strafrecht zu nehmen. Nach so vielen Kämpfen diskutieren sie wieder, ob sie, wenn jemand seine Partnerin umbringt, nicht eher von einem Verbrechen aus Leidenschaft sprechen.

Ein Diskurs aus einem anderen Jahrzehnt.
Klar, sie möchten zurück… aber immer, wenn eine Kraft auf einer Seite wirkt, stellt sich dem die gleiche Kraft auf der anderen Seite entgegen. Ich glaube, dass die transfeministische Bewegung die Kraft zurückerlangen wird, die zu Zeiten der progressiveren Regierungen verloren ging, in denen wir es uns zu bequem gemacht haben.

Sprechen wir ein bisschen über Musik. Du wurdest kritisiert für den musikalischen Wechsel von Rap und Punk auf Politicalpari (LN 540) zu Pop und Elektro in Sucia Estrella (LN 575).
Ich schenke der Kritik keine Beachtung, das ist mir egal. Mein nächstes Album ist schon fertig: elektronischer Pop, Dubstep, Drum’n’Bass, Rap, vor allem aber meinen eigenen, besonderen Stil: meine Texte, meine Art zu schreiben und zu singen. Ich rappe, ohne mich selbst als Rapperin zu bezeichnen. Aber ich habe zwei sehr Hiphop-lastige Singles veröffentlicht, „Jova“ mit Santa Salud, einer großartigen katalanischen Rapperin und „FLAM“ mit KLAN, einem befreundeten Rapper aus Argentinien. Meine letzte Single „Siegas“ ist ein Indierock-Song, der sich um die Blindheit dreht, die die sozialen Medien verursachen. Ich war schwanger, als ich das Lied schrieb, und habe mir die Liebe vorgestellt, die ich empfinden würde.

Gibt es Features anderer Künstler*innen auf dem neuen Album?
Ja, da ist Flor Linyera, die heute Abend auch auftritt, Dum Chica, eine sehr gute argentinische Rockband, dann ist da noch Malcriada, eine Digital-Punkband aus Mexiko, die ein bisschen wie Crystal Castles klingt, außerdem Barbi Recanati, noch eine argentinische Künstlerin. Nächstes Jahr im März erscheint das Album.

Deine Lieder sind weniger offensichtlich politisch, aber haben immer noch viel politischen Inhalt, du sprichst von Party, vom Konsum…
Ich werde immer die gleichen Songs spielen scheint mir… zu Beginn habe ich sehr explizit über Politik, Gesellschaft und Drogen gesprochen, aber ich möchte mich nicht wiederholen. In der Essenz sind es immer die gleichen, klassischen Themen: Leben, Tod, Leidenschaft. Ich denke, dass Konsum viel mit Leidenschaft zu tun hat, Leidenschaft viel mit der Liebe… ich würde gerne wie Shakespeare schreiben, all seine Werke sind Klassiker, weil sie von Geschichten, die mit dem menschlichen Wesen zu tun haben, erzählen. Shakespeare ist lange vorbei und jetzt haben wir zum Glück eine neue Welt. Ich versuche, diese zu entziffern und in jedem Buchstaben klassische Geschichten zu erzählen. Was wir als Menschheit fühlen, wird immer das gleiche sein, traurige und glückliche Leidenschaften, Affekte, die uns hemmen, die uns stärken. Wie uns die Welt der Produktion und Industrie unterdrückt, diese Fragen werden immer in meinen Texten sein.

In Deutschland verbreiten manche neoliberalen Politiker ein positives Bild von Milei, sie sehen nur, dass die Inflation sinkt – nicht die Armut der Menschen.
Milei ist echt der Schlimmste. Aber er wird fallen. Die Medien verbreiten so viele Unwahrheiten, wen kümmert die Inflation, die gibt es seit zwei Jahren auf der ganzen Welt. In Argentinien hatten wir sie schon immer, aber wir haben eine Auseinandersetzung um Menschenrechte, die es an keinem anderen Ort der Welt gab, das ist wichtig.

Hast du noch eine letzte Botschaft an die Personen, die uns lesen und die dich hören?
Wir sollten uns nicht so sehr auf die Zukunft festlegen, wir müssen im Hier und Heute weitermachen, neue Formen erfinden, und nicht die Zeit damit verschwenden, so viel von Politikern und Regierungen erwarten. Die wichtigen Fragen sind andere, es geht um Solidarität zwischen uns – und darum, dass sie weiterhin meine Musik hören (lacht).


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“Und wenn es eine ist, ist es eine zu viel”

Dolores Fonzi (links) und die Anwältin Soledad Daya (rechts) (Foto: Jone Karres Azurmendi)

Belén wurde auf dem Filmfestival in San Sebastián im Wettbewerb gezeigt und hat die Silberne Muschel für die beste Nebendarstellerin (Camila Plaate) erhalten. Herzlichen Glückwunsch!
Dolores: Danke! Es ist mein erster Besuch in San Sebastián und wir freuen uns sehr, den Film hier vorstellen zu können. Festivalleiter José Luis Rebordinos ist sehr bemüht, uns eine Plattform zu bieten, um die Probleme unseres Landes und ganz Lateinamerikas sichtbar zu machen.

Es ist mit Verantwortung verbunden, eine wahre Geschichte als Fiktion auf die Leinwand zu bringen. Wie kam es dazu?
Dolores: Wir haben uns bei der Buchvorstellung von Ana Correa kennengelernt. Es ging um ein Kapitel zu „Libertad para Belén” (Buchtitel: Somos Belén), das ich zu einer Preisverleihung vorgestellt hatte. Ich hatte damals mitbekommen, was in Tucumán passierte. Die Autorin Leticia Cristi hatte die Rechte für das Buch gekauft. Sie bot mir an, das Drehbuch zu schreiben, Regie zu führen und am Ende sogar die Rolle der Staatsanwältin zu spielen. Es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Doch der komplizierte Teil war, all die persönlichen Details, die mir für das Drehbuch fehlten, nachzurecherchieren. Wir haben viel Liebe in die Geschichte gesteckt.

Aus welcher Perspektive haben Sie das Drehbuch geschrieben und worauf haben Sie Wert gelegt?
Dolores: Da die Thematik universell ist, wollte ich nicht so sehr auf die persönliche und familiäre Situation des Opfers eingehen. Für mich war interessanter, aus der Sicht der Anwältin zu erzählen. Sie handelt aus einer privilegierten Situation heraus. Ihre Mission ist es, Belén und anderen Frauen zu helfen. Es war wichtig, die Empathie zu vermitteln, die sie motivierte, sich zu engagieren. Dabei konnte ich eine gewisse Ironie und gar Situationskomik in spannungsreichen Szenen einbauen. Humor ist ein wichtiges Stilmittel, damit eine ernste Szene etwas atmen kann und absurde Situationen und Systeme entlarvt werden.

In Argentinien ist Mileis rechtsradikale Partei an der Macht. Es werden zunehmend Grund-*rechte wie die Meinungsfreiheit beschnitten. Wie waren die Dreharbeiten? Haben Sie Druck, Einschüchterung oder sonstige Hürden erlebt?
Dolores: Nein, kaum jemand hat die Dreharbeiten mitbekommen (lacht). Wir hatten keine Angst und haben uns nicht versteckt. Aber wir waren vorsichtig und diskret. Das war auch gut so. Es gab keinerlei Vorfälle und als der Film an die Öffentlichkeit kam, war es eine Überraschung. Es gab keine Zensur, aber Drohungen und Versuche, uns einzuschüchtern. Trotz der bedrohten Pressefreiheit, glauben wir nicht, dass der Film zensiert wird. Es sind jedoch schwierige Zeiten, vieles ist unvorhersehbar. Wer weiß schon, was kommt…

Kann dieser Film zu einem positiven sozialen Wandel beitragen?
Dolores: Film kann keine Wunder vollziehen, aber ja, es bringt die Erinnerung eines Geschehens in die Gegenwart und regt zum Nachdenken an. Ein Film kann positiv auf die Zukunft wirken. Der Film ist Zeugnis und Hommage an diese Frauen, die kämpfen. Er wirft ein Licht auf die Thematik. Wie viele Belens gibt es? Wir wissen es nicht.
Soledad: Es ist eigentlich auch egal, wie viele es sind. Wenn Unrecht geschieht, ist es unerträglich. Ich kann mich erinnern, wie wir über die Legalisierung der Abtreibung diskutierten. Wir fragten uns, wie viele Tote es aufgrund von Komplikationen bei Abtreibungen gibt. Und wenn es nur eine ist, dann ist es schon eine zu viel. In diesem Sinne ist es ein hoffnungsvoller Film. Es gibt überall auf der Welt eine „Belén”. Falls diese Nachricht sie erreicht, dann hat es sich gelohnt, die Geschichte zu erzählen.
Dolores: …und nicht nur Frauen wie „Belén”, sondern auch wie „Soledad”.

Wie ist es für Sie, Ihr “Alter Ego” der Anwältin als Hauptdarstellerin auf der Leinwand zu sehen?
Soledad: Viele Frauen haben heutzutage Angst. Die Arbeit der sozialen Staatsanwaltschaft (comunitaria) genießt nicht gerade einen guten Ruf. Und dieser Film verleiht dem Engagement der Anwaltschaft seinen verdienten Platz. Die Anwält*innen, die für die sozial Schwachen kämpfen. Sie werden weder gut bezahlt, noch gewürdigt. Dafür werden wir anders belohnt. Wir machen viele Jobs unentgeltlich, aus Solidarität, Empathie, aus Überzeugung. Hier im Film werden sie gewürdigt, wie Dolores sagt. Die Ultrarechte in Argentinien spaltet zunehmend die Gesellschaft und die Menschen verlieren die Empathie für Mitmenschen. Der Diskurs wird politisiert und hat eine starke kriminalisierende Komponente: gegen Frauen, gegen Migranten und sozial Schwache.

Wie ist die aktuelle Situation als Frau und Filmemacherin in Argentinien?
Dolores: Ich kann mich nicht beschweren, denn ich befinde mich in einer privilegierten Situation. Es ist nicht einmal der Durchschnitt der Realität der Argentinier, bezüglich Filmprojekte oder die zur Verfügung stehenden Mittel. Ich konnte dieses Projekt durchführen, was ein kleines Wunder ist. Aber generell habe ich keine große Hoffnung. Erst wenn wir wieder einen Regierungswechsel haben, können wir anfangen zu planen, zu träumen und an eine bessere Zukunft zu denken. In diesen Zeiten wird viel über die Zustände lamentiert. Wir müssen aber verstehen, dass auch dies vorbeigeht. Und wenn es soweit ist, müssen wir vorbereitet sein, um eine positive Entwicklung anzustoßen, im Film, in der Kultur und so weiter.

Das ist ein hoffnungsvolles Zukunftsbild. Was können Sie konkret verändern?
Dolores: Dieser Film stößt hoffentlich eine Debatte auch in anderen lateinamerikanischen Ländern an, wo Abtreibung immer noch illegal ist. Ich hoffe wirklich, dass der Film inspiriert und Mut macht. Ich fühle bei den Demonstrationen und Märschen, dass die Gesellschaft angesichts der Ungerechtigkeit aufwacht und zusammenhält.
Soledad: Ich bin Präsidentin der Stiftung „Mujeres por mujeres” (Frauen für Frauen), wir verteidigen Frauen, die seit 2012 durch Abtreibung kriminalisiert wurden. Wir repräsentieren Opfer sexueller Gewalt. Nun haben wir das Spektrum erweitert und helfen auch Frauen mit Behinderung oder transsexuellen Personen; denn man kann und sollte Frauen- und Menschenrechte nicht nur in Teilen und separat betrachten.


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Der kollektive Gesang der Freiheit

Eine junge Frau mit akuten Unterleibsschmerzen kommt in die Notaufnahme eines öffentlichen Krankenhauses im ländlichen Tucumán, Nord­argentinien. Sie wankt kurz darauf blutend aus der Toilette und wird ohnmächtig. Nun geht alles sehr schnell. Als sie im OP-Saal aufwacht, ist sie in Handschellen gefesselt und wird hastig von Polizisten abgeführt. Der aktionsreiche Einstieg lässt uns als Zuschauerinnen nicht mehr los. Es folgen zwei Jahre Gefängnis, mit der Anklage, auf der Toilette abgetrieben zu haben.

Belén erzählt die wahre Geschichte einer jungen Frau, die 2014 durch die Hölle ging (Belén ist der fiktive Name). Nach einem von Lügen und Intransparenz geprägten Prozess wurde sie zu acht Jahren Haft verurteilt. Als eine Anwältin davon hörte und sich spontan für sie einsetzte, wurde der Fall bekannt, erregte großes mediales Aufsehen und löste eine soziale, feministische Bewegung aus, die auf den Straßen die Freiheit Beléns forderte. „La ola verde” (die grüne Welle), forderte nicht nur die Befreiung dieser unschuldigen Frau, sondern die Entkriminalisierung von (freiwilliger oder unfreiwilliger) Abtreibung.

Nun hat die Schauspielerin und Regisseurin Dolores Fonzi das Justizdrama geschrieben, inszeniert und darin mitgewirkt. Das Drehbuch basiert auf dem Roman von Ana Correa (2019) „Somos Belén” (Wir sind Belén). Im Mittelpunkt steht jedoch der Kampf der Anwältin Soledad Deza um die Wiederaufnahme des Falls und Gerechtigkeit. Fonzi selbst spielt nicht das Opfer, sondern die Anwältin, die eigentliche „Heldin”, kraftvoll und überzeugend. Sie konfrontiert selbst Belén, die ihr zunächst misstraut, fordert aber auch Richterinnen, Beamtinnen, Anwältinnen, die öffentliche Meinung und das gesamte System heraus: ein System, das Frauen bestraft und kriminalisiert. Der soziale und mediale Druck war offensichtlich erfolgreich, denn 2021 wurde Abtreibung in Argentinien schließlich legalisiert.

Die Erzählweise ist klassisch und folgt damit den Konventionen des Justizdramas. Es bleibt aber nicht dabei. Im Laufe der Geschichte entsteht eine soziale Bewegung auf den Straßen, die sich für Belén engagiert. Es ist eine wachsende Welle massiver Straßenproteste. Die Entrüstung der Menschen ist ansteckend und nimmt Zuschau­er*innen mit auf die Reise. Das Abschlussplädoyer spricht Belén – überwältigt von der unerwartet massiven sozialen Unterstützung. In ihren Augen spiegeln sich die Menschen, die für sie einstehen.

Fonzi gelingt das Zusammenspiel von Gerichtsverfahren und der Kraft der feministischen Bewegung auf den Straßen meisterhaft. Sie zeigt einen Aktivismus, der das kollektive Bewusstsein der letzten Jahre in Argentinien geprägt hat. Sie hat es geschafft, durch die Darstellung dieser etwas surreal wirkenden Geschichte auf ein universelles Problem aufmerksam zu machen und die Widersprüche des Systems zu entlarven. Nicht umsonst ist Belén nominiert, um Argentinien bei der Oscarverleihung zu vertreten. Die Stärke des Films liegt in seiner Wahrheit, seiner Ehrlichkeit, seiner Hoffnung: „El canto colectivo nunca desafina”: Der kollektive Gesang ist die wahre, unge­brochene Stimme.


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Gewinner und Verlierer der Technik

Andrés César lehrt an der Universidad de la Plata in Buenos Aires. (Foto: Annabelle Köchling)

Warum erforschst du Automatisierung und Künstliche Intelligenz in Lateinamerika?
Technische Veränderungen bedeuten enormen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte und bringen Veränderungen in der Gesellschaft mit sich – wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir uns anpassen. Viel wird erleichtert, aber es gibt auch Herausforderungen. Auf kurze Sicht ist es nicht offensichtlich, dass unsere Art, mit Technologie umzugehen, für alle von Vorteil ist. Der Arbeitsmarkt wird beeinflusst und es bestehen Asymmetrien im Zugang zu Technik. In der Regel haben Arbeiter*innen mit höherer Bildung einen Vorteil. Auch bei den Firmen ist es so, dass die mit dem größten Kapital einen Vorteil haben. Das verursacht unterschiedliche Dynamiken in der Gesellschaft und der Wirtschaft. Das finde ich unter anderem so interessant, weil ich in Argentinien lebe – ein Land so ungleich wie der Rest von Lateinamerika. Man ist sich der Asymmetrien bewusst und es ist wichtig zu verstehen, dass unsere Wirtschaften sich noch entwickeln.

Wie sehen diese Asymmetrien aus?
Nicht alle haben den gleichen Zugang zu Technologie. Zum Beispiel sind Menschen in ländlichen Gegenden und in der Peripherie von Großstädten eher ausgeschlossen. Auch wenn heute die meisten Menschen ein Handy mit Internetzugang besitzen, geht es hier um Technologien, die sich auf den Arbeitsmarkt auswirken – etwa der Computer am Arbeitsplatz oder spezielle Automatisierungstechnologien, die auf bestimmte Industrien oder Servicebereiche konzentriert sind. Hier ist eine große Gruppe von Menschen wegen ihres Bildungsniveaus und Wohnorts ausgeschlossen. Darüber hinaus ist auch interessant, das aus demographischer Perspektive zu betrachten. Im Gegenteil zu meiner Generation, die sich Stück für Stück an den technischen Wandel anpassen konnte, geht er für Personen wie meine Eltern sehr schnell. Sie sind an einem Punkt ihres Erwerbslebens, an dem es viele technische Veränderungen gibt, mit denen sie nicht mitkommen.

Lässt sich ein Einfluss neuer Technologien auf die Berufswahl junger Menschen erkennen?
Dazu gibt es bisher wenig Forschung, aber es ist ein fundamentales Thema. Ich denke, die Schulen tun ihr Bestes, um Kindern die neuen Fähigkeiten beizubringen. Dennoch finde ich, dass es nicht genug ist. Die Technik entwickelt sich so schnell, dass Bildungssysteme und Politik nicht hinterherkommen. Vor allem in Ländern mit viel Bürokratie und Problemen im Zugang zu qualitativer Bildung. Es gibt große Disparitäten zwischen öffentlicher und privater Bildung. Das schafft wiederum Asymmetrien.

Inwiefern kann sich technischer Fortschritt auf den Gendergap, also die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, auswirken?
Sowohl in entwickelten Ländern als auch in Entwicklungsländern ist zu beobachten, dass Männer stärker in den Naturwissenschaften und in technischen Karrieren vertreten sind. Zwar nimmt der Frauenanteil zu, aber es besteht ein Unterschied, der schwer zu beseitigen ist. Auf der anderen Seite haben Frauen Vorteile in den sozialen Fähigkeiten. Die sind immer gefragter. Wenn Technologie dazu führt, dass soziale Fähigkeiten mehr wertgeschätzt werden, könnte das den Gendergap beeinflussen. Aber das muss mit politischen Entscheidungen einhergehen.

Kann Technologie dazu beitragen, sozialer Ungleichheit entgegenzuwirken?
Auf kurze Sicht gesehen generiert sie mehr Ungleichheit. Nicht nur zwischen Regionen, die geographisch und wirtschaftlich schon ungleich sind – Regionen, in denen die Technologie sich entwickelt, wachsen schneller. Sondern auch innerhalb der Regionen haben manche Personen Vorteile, wenn sie dank der Technik mehr verdienen. Manager*innen, Firmenchef*innen und Kapitaleigentümer*innen können in Firmen investieren und profitieren mehr als Angestellte. Die Herausforderung besteht darin, dass die Allgemeinheit von diesen Gewinnen etwas hat. Da muss die Politik handeln, indem sie Steuersysteme fortschrittlicher gestaltet und Geld intelligent ausgibt. Vor allem zugunsten der öffentlichen Bildung und Wissenschaft, sodass benachteiligte Personen bereits in der Schule Zugang zu Technik haben. Sodass sich der Arbeitsmarkt stetig wandelt und soziale Klassen aufsteigen. Ich glaube, wenn Regierungen schlau, verantwortungsbewusst und planungssicher agieren, kann das gelingen.

In manchen Ländern sieht man, dass Technologie auch zu einem größeren informellen Sektor führen kann. Wie das?
Für viele junge Menschen, die zuvor einen Job im formellen Sektor in aufstrebenden Unternehmen gefunden haben, gibt es jetzt weniger Möglichkeiten, weil viele dieser Jobs automatisiert werden. Also enden sie im informellen Sektor, bei Onlinehändlern oder Serviceapps. Das erhöht oft den Druck, mehr zu arbeiten, um genug Geld zu verdienen. Außerdem sind sie nicht sozialversichert. Es gibt also Gewinner und Verlierer des technischen Wandels.

Eigentlich könnte der technische Fortschritt uns die Arbeiten abnehmen, die keinem gefallen.
Klar, alles, was nicht gesund ist oder sehr repetitiv. Allerdings entstehen auf kurze Sicht eher Probleme – insbesondere, dass wenige Unternehmen mächtiger werden. Es ist gefährlich, wenn es keinen Wandel hin zu qualitativer Arbeit für alle gibt.

Du hast zu Brasilien, Mexiko, Argentinien und Chile geforscht. Inwiefern unterscheiden sich diese Länder in der Automatisierung?
Es gibt Unterschiede in der Einbindung in die internationale Wertschöpfungskette. Mexiko zum Beispiel ist stark mit den USA verbunden. Die haben viele Produktionsprozesse, zum Beispiel Montagearbeiten von Autos, dorthin verlagert. In Argentinien und Brasilien ist das anders, sie produzieren hauptsächlich für den nationalen Markt. Was aber Informations- und Kommunikationstechnik, Entwicklung und Wirtschaftswachstum angeht, sind die Tendenzen ähnlich.

Inwiefern könnten Automatisierung und KI etwas an der Nord-Süd-Dynamik in der Welt verändern?
Das ist ein großes Thema in akademischen Kreisen. Es gibt Beispiele, wo Industrien oder Firmen in Mexiko viel verlieren, weil Produktionsketten US-amerikanischer Firmen aufgrund der Politik und Kosten in die USA zurückgehen. Das kann die Entwicklung einiger Regionen in Mexiko, die vorher eingebunden waren, verzögern. Auf der anderen Seite sieht man in Südostasien eine bessere Integration und, dass diese Länder weiter in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Sie können sogar Stück für Stück ihren Mehrwert steigern und Löhne erhöhen. Aber immer beobachtet man, dass die Gewinner große Unternehmer*innen sind und Profit weiter konzentriert in deren Händen in zentralen Ländern bleibt. Zwar kann es zu einem Übertragungseffekt auf andere Sektoren, Regionen, Industrien kommen, doch trotz einzelner Knotenpunkte, die Innovationen, Entwicklung und Forschung fördern, sind wir noch weit entfernt vom Niveau der einkommensstarken Ländern, in denen die meisten Innovationen entstehen.
Es kann also sein, dass sich Ungleichheiten zwischen Norden und Süden noch verschärfen. Meine Hoffnung ist aber, dass es auf lange Sicht zu einer Angleichung kommt, auch wenn es darauf keine Garantie gibt, solange sich strukturell nichts ändert. Ich denke da an Finanzoasen oder an Steuerhinterziehung derjenigen, die am meisten Einkommen erzielen. Und wir haben noch nicht von Rohstoffpreisen gesprochen und Materialien, die für Handys, Autos und Computer benutzt werden. Deren Extraktion ist technologieintensiv und oft kommen die Materialien aus dem Globalen Süden. Das hat alles einen enormen intergenerationalen Preis – Flüsse trocknen aus, der Amazonas wird abgeholzt, viele strukturelle Probleme können Entwicklung auf lange Sicht beeinträchtigen. Das geht alles nicht ewig. Was passiert dann nach dieser ganzen Zerstörung? Wer übernimmt die Verantwortung?

Die bekannteste KI ist wohl ChatGPT. Manche unterstellen ihr, sie sei linksgerichtet. Inwiefern könnte das eine Chance für die Gesellschaft sein?
Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel mit einer großen Chance vor uns. Wir lernen gerade noch, wie wir mit Sprachmodellen umgehen. Heute benutzen wir sie für Alltagsprobleme und nicht, um soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten zu beseitigen. Kurzfristig gesehen fällt es mir schwer, dem eine positive Wirkung auf die Entwicklung von Wirtschaft zuzugestehen. Im Bildungsbereich vielleicht eher. Aber auch hier gilt: Wenige Menschen sind in Lateinamerika in technischen Berufen beschäftigt. Die meisten arbeiten im Handel, in persönlichen Dienstleistungen oder im Primärsektor. Da sehe ich wenig positiven Einfluss durch die neuen Technologien. Wenn Technik aber besser genutzt wird, um zum Beispiel Klima- oder Risikoereignisse vorherzusagen, indem Daten besser verwertet werden, kann das in manchen Industrien punktuell Vorteile haben.

Was wäre dein Wunsch, wie wir als Menschheit KI nutzen?
Als Orientierung, ohne sie zu missbrauchen, und wie für alles, indem wir ein Gleichgewicht finden. Es ist wichtig, dass wir kritisch denken. Das ist Teil unserer menschlichen Fähigkeiten, die uns von KI unterscheiden. Damit wir Transformationen erreichen und uns besser mit uns und unserer Arbeit fühlen, mit unserer Umwelt. Damit wir gerechte Gesellschaften schaffen. Das alles ist nicht offensichtlich. Und wenn du als Kind nicht kritisch zu denken gelernt hast, ist es als Erwachsener noch schwieriger. Deshalb sind Bildung und gute Lehrer so wichtig – nicht nur in der Schule, auch in der Familie und im barrio. So lernen wir, mit digitalen Hilfsmitteln vernünftig umzugehen, denn die Welt und die Realität sind außerhalb der Bildschirme.


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Die Schwere des Schweigens

Die Schwere des Schweigens Die Graphic-Novel erzählt von geflüchteten Juden und Jüdinnen nach Argentinien

„Das war für mich interessant und neu, dass es diese vielen Verbindungen zwischen Argentinien und Deutschland gab“, erzählt die deutsche Comicautorin Birgit Weyhe im Verlagsgespräch über ihre neue Graphic Novel Schweigen. Für manche LN-Leser*innen mögen diese Verbindungen vielleicht gar nicht so neu sein. Schließlich flohen nicht nur deutsche Juden und Jüdinnen nach Argentinien, sondern auch etliche Nazi-Größen, SS- und Wehrmachtsangehörige fanden dort nach 1945 einen sicheren Hafen. Wenige Jahrzehnte später profitierte die deutsche Wirtschaft von der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983), de­ren Menschenrechtsverletzungen ­die guten Geschäfte nicht störten.

Von diesen Verbindungen erzählt Schweigen. Und mögen sie vielleicht nicht ganz neu sein, so ist die Art, wie sie hier wiedergegeben und gezeichnet werden, umso interessanter. Im Mittelpunkt stehen die Lebensgeschichten zweier Frauen: Die deutsche Jüdin Ellen Marx floh mit 17 Jahren vor dem Holocaust nach Buenos Aires. Später, unter der argentinischen Militärdiktatur, verschwindet ihre Tochter Nora. Der zweite Handlungsstrang folgt Elisabeth Käsemann, die sich − in den Studierendenbewegungen der 1960er Jahre in der BRD politisiert − ab 1969 in den Armenvierteln von Buenos Aires in Basisorganisationen und Suppenküchen engagiert. Nach dem Militärputsch gerät sie als Linke ins Visier der Militärführung, wird 1977 verhaftet, verschleppt, gefoltert und schließlich ermordet. Das Leid der beiden Frauen zeichnet Weyhe besonders stark: mal explizit, mal verschwommen, mal in einem großen Wirrwarr. Die schlimmsten Erfahrungen werden in schlichten Detailaufnahmen geschildert. Das voluminöse Buch, dessen Seiten mit Zeichnungen in Schwarz, Rot und allerlei Grau- und Brauntönen koloriert sind, verleiht fast das Gefühl, in einem Archiv zu stöbern. Auch wirkt das so, weil Weyhe zwischen den persönlichen Erfahrungen von Ellen Marx, Elisabeth Käsemann, ihren Familien und Freund*innen Kapitel eingestreut hat, die den politischen Kontext in Argentinien und Deutschland sehr anschaulich erklären. Mit politischen Plakaten, Symbolen und bekannten historischen Fotos werden die Situation deutsch-jüdischer Emigrant*innen in Argentinien, die Politisierung bundesdeutscher Studierender in den 60er Jahren und der Peronismus erklärt.


Die Art und Weise, wie die geteilte Geschichte Deutschlands und Argentiniens erzählt wird, zeigt, wie sich bundesdeutsche Regierungen, Behörden und Unternehmen durch ihr jahrzehntelanges Schweigen und Vertuschen der grausamen Verbrechen mitschuldig gemacht haben. Zum anderen wird deutlich, wie wichtig die Rolle der damals aufkeimenden Menschenrechts- und Solidaritätsbewegungen im Kampf gegen dieses Schweigen war.


Die erdrückende Stille, die die Fragen der Angehörigen von Verschwundenen unbeantwortet lässt, zieht sich in dominierendem Schwarz durch alle vier Abschnitte des Comics. So werden die verschiedensten Facetten des Schweigens sichtbar – vom Schweigen über die NS-Verbrechen bis hin zum Schweigen der Angehörigen von Verschwundenen in Argentinien. So kann Ellen Marx, deren Tochter verschwunden ist, nur öffentlich für Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen. Aber mit ihrer eigenen Familie verbleibt sie in der Einsamkeit des Schweigens – das Reden über den persönlichen Verlust ist einfach zu schwer.


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Zu schön, um wahr zu sein

„Ich bin Gaucha und das ist meine Kleidung!“ Auf die Schuluniform hat Guada keine Lust. Stattdessen möchte sie im Unterricht mit blauem Kleid, weißem Halstuch und schwarzem Hut erscheinen – dem Erkennungsmerkmal aller Gauchos und Gauchas, der argentinischen Variante der Cowboys*girls. Wie diese Episode letztlich ausgeht, bleibt ungewiss. Denn dem Dokumentarfilm Gaucho Gaucho der US-amerikanischen Regisseure Michael Dweck und Gregory Kershaw geht es nicht darum, Geschichten zu Ende zu erzählen oder zu problematisieren. Ziel des Films war, das Lebensgefühl der Viehhüter*innen aus dem Norden Argentiniens zu transportieren – und dabei verdammt gut auszusehen.
Beides ist den Filmemachern geglückt, wie zwei Dokumentarfilmpreise bei den Festivals von Sundance und Locarno beweisen. Gaucho Gaucho ist eine Hommage an Menschen, die ein Leben in Einklang mit der Natur verbringen. In wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern im Breitbildformat Cinemascope sehen wir ihnen, manchmal in Zeitlupe, beim Reden, Tanzen, Viehtreiben, Lassowerfen und immer wieder beim Reiten durch die wilde Landschaft zu. Protagonistin des Films ist die 17-jährige Guada, die ein Leben als Gaucha und Rodeoreiterin beginnen will und bereit ist, ihrem Traum alles unterzuordnen. Allerdings wird beim Zusehen klar: Ein Rodeoturnier ist kein Ponyhof. So begleitet die Kamera Guada dabei, wie sie sich stolz darauf vorbereitet, ihr erstes Pferd zuzureiten. Wie die Unternehmung ausgeht, zeigt die nächste Einstellung: Sie schleppt sich auf Krücken durchs Bild. Unterkriegen lässt sich die junge Gaucha nicht: Bald sitzt sie wieder im Sattel.
Gaucho Gaucho folgt neben Guada auch anderen Menschen aus verschiedenen Generationen, die als Gauchos leben: Unter anderem Solano, der seinem 5-jährigen Sohn sein Handwerk beibringt oder dem über 80-jährigen Lelo, der in Rückblicken über sein Leben philosophiert. Der Film gibt der Ästhetik dabei den Vorzug vor Authentizität und wirkt häufig eher wie eine Doku-Fiktion. Die Protagonist*innen werden nicht durch Kommentare aus dem Off oder Interviews vorgestellt, sondern über Gespräche, die sie miteinander führen. Die Aufnahmen sind bewusst selektiv: Kaum vorstellbar, dass die einzigen Autos in der Gegend die verrosteten Schrottkarren sind, an denen die Pferde so elegant vorbei galoppieren. Und auch Smartphones, die garantiert vorhanden sind, werden nicht gezeigt – vermutlich, um die archaische Cowboy*girl-Romantik nicht zu stören. Die Realität von Gaucho Gaucho gleicht so weniger einem Dokumentarfilm als einer aus der Zeit gefallenen Illusion.
Das ändert nichts daran, dass sich der Film in vollen Zügen genießen lässt. Nicht nur die Bilder sind herausragend schön, die Musik ist exzellent ausgewählt. Von gezupften Gitarrenakkorden über die argentinische 60s-Rockband Los Gatos bis zum französischen Komponisten Georges Bizet: Hier passt jedes Stück. So sehr, dass man manchmal fast vergisst, dass die hyperästhetisierte und überidyllische Welt von Gaucho Gaucho in der Wirklichkeit natürlich nicht so existieren kann. Was aber letzten Endes nicht so schlimm ist: Denn wo sonst als im Kino sollte es erlaubt sein, von einer Welt zu träumen, die ein bisschen zu schön ist, um wahr zu sein.


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Ni una menos

Illustration: Maria Victoria Rodríguez García

Die Bewegung der letzten 10 Jahre hat Unmengen an Gesetzesveränderungen erreicht und eine starke Gemeinschaft aufgebaut. „Auch wenn die Bewegung in Argentinien begann, umfasst sie doch eine Problematik, die in ganz Lateinamerika existiert. Was diese Bewegung so besonders macht, ist, dass unsere Stimmen immer dann viel lauter sind, wenn sie geeint sind“, sagte Amy Ramirez, Demo-Teilnehmerin der ersten Stunde von Ni Una Menos, im Interview mit LN 2016.
Heute sehen sich Ni Una Menos und die breitere feministische Bewegung in vielen lateinamerikanischen Ländern und anderswo auf der Welt mit einem rechten Backlash konfrontiert. Errungenschaften wie das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder Selbstbestimmungsrechte für queere Personen werden wieder abgeschafft, Sozialkürzungen betreffen FLINTA* strukturell meist besonders stark.
Doch Feminist*innen sind geübt darin, Widerstand unter widrigsten Umständen zu leisten. Sie gehen nicht nur gegen patriarchale Gewalt auf die Straßen, sondern stehen auch in den vordersten Reihen der Kämpfe gegen Autokratisierung und Faschismus und schlagen Brücken zu anderen Kämpfen, wie zuletzt wieder zum Rentner*innen-Protest in Buenos Aires, bei dem die Aktivist*innen zusammen mit den protestierenden Rentner*innen und Pensionär*innen zur Mittwochsdemo aufriefen (siehe LN 608).
Bis die Angst wieder die Seiten wechselt!


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