Dreifacher Feminizid in Argentinien

Bank erinnert als Mahnmal an Feminizide
Lebend, frei und ohne Angst! In Buenos Aires erinnert eine Bank als Mahnmal an die vielen Feminizide (Foto: Keh Don via Wikmedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Am Mittwoch, dem 24. September, wurden die Leichen der jungen Frauen in einem Haus in Florencio Varela in der Provinz Buenos Aires gefunden. Erste Ermittlungen deuten darauf hin, dass der dreifache Feminizid am 19. September begangen wurde. Die Mädchen stammten aus den marginalisierten Vierteln La Tablada. Brenda und Morena waren Cousinen und Freundinnen von Lara. Am 20. September, ein Tag nach dem Verschwinden der drei, forderten Familienangehörige, Freund*innen sowie Frauen- und Nachbarschaftsorganisationen ihre Rückkehr. Die Familien der Opfer beklagen, dass die Polizei der Provinz Buenos Aires sich in den ersten 24 Stunden weigerte, eine Anzeige aufzunehmen, und zunächst eine unkoordinierte Suche startete.

Es dauerte vier Tage, um den Standort anhand von Mobilfunkantennen zu ermitteln. Die Untätigkeit der Polizei wurde von reißerischen Medienberichten begleitet, die schon vor dem Fund der Körper den Tod der drei jungen Frauen verkündeten und suggerierten, sie seien selbst an ihrem Verschwinden Schuld. Die weiteren Ermittlungen weisen auf die Verwicklung einer Drogenbande hin, die in den armen Vierteln der autonomen Stadt Buenos Aires, wie den Villas 1–11–14 und Villa 21–24, sowie in der gesamten Provinz operiert. Es gab mehrere Festnahmen, bislang jedoch keine offiziellen Analysen oder Verurteilungen.

Im Vorfeld der Zwischenwahlen hat sowohl die peronistische Provinzregierung unter Axel Kicillof als auch die Nationalregierung von Javier Milei vermieden politische Verantwortung zu übernehmen. So bemüht sich der Sicherheitsminister der Provinz Buenos Aires, Javier Alonso, die Ereignisse als Racheakt einer internationalen Drogenbande zu kategorisieren und nicht etwa als „Narco-Femizinid“ (Feminizid, der, anders als die Mehrheit der Feminizide, nicht im Kontext von persönlichen Beziehungen – zum Beispiel durch den Partner oder Ex-Partner – begangen wird, sondern im Zusammenhang mit der Eskalation und Normalisierung extremer patriarchaler Gewalt durch die Strukturen des Drogenhandels steht, die das Leben insgesamt, insbesondere jedoch das von Frauen, entwerten, Anm. d. Red.). Statt die Verzögerungen bei der Such- und Fahndungsaktion durch die ihm unterstellten Sicherheitskräfte zu erklären, suchte Alonso die Motive zügig außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs.

Feminizide werden verleugnet


Derweil versuchte Kicillof auf X, die Verantwortung für die Bekämpfung des Drogenhandels, die in der Stadt Buenos Aires klar bei ihm liegt, auf die Allgemeinheit abzuwälzen: „Wir müssen uns alle am Kampf gegen die Ausrottung des Drogenhandels beteiligen. Sonst wird er stärker und Straflosigkeit breitet sich aus.” Die prekäre wirtschaftliche Lage der Ermordeten, die sie besonders vulnerabel für die Verbrechen des Kartells machte, wurde bislang von keinem Politiker angemessen betrachtet.

Die Ministerin für nationale Sicherheit und Kandidatin für den Senat Patricia Bullrich wiederum negiert die Existenz von Feminiziden und geschlechtsspezifischer Gewalt in diesem und anderen Fällen gänzlich. Bullrich behauptete wiederholt, Gewalt und Feminizide seien das Resultat feministischer Kämpfe. „Wenn du den Eindruck vermittelst, dass du empowert bist und jeden mit Füßen treten kannst, sei es einen Mann, deinen Vater oder deine Mutter, dann wird er sich letztendlich gegen dich wenden, wenn du ihn mit Füßen trittst“, erklärte sie. Weiterhin stellte Bullrich fest, dass „das durch den extremen Feminismus entstandene Ungleichgewicht zu Situationen führt, in denen die Gewalt so stark ist, dass sie die Person zerstört, die diese Dynamik hervorbringt“.

Geldwäsche, Drogenhandel und Armut


Diese patriarchalen Äußerungen werden in einem größeren politischen Zusammenhang getätigt, in dem beide Fraktionen 2024 mit ihren Stimmen unmittelbar die Möglichkeiten für Geldwäsche und anderen dubiosen Aktivitäten eröffneten und mittrugen. Rechtswidrige Gewinne können auf verschiedenen Wegen in das legale Finanzsystem gelangen, beispielsweise durch die Gründung von Scheinfirmen, die Zusammenarbeit mit Kreditinstituten und den Erwerb von Vermögenswerten (Fahrzeuge, Immobilien) oder Börsenprodukten.

Schon in der vergangenen Legislaturperiode sind verschiedene Verbindungen von Mitgliedern der nationalen Regierung zum Drogenhandel ans Licht gekommen. So etwa der Fall des ehemaligen Vorsitzenden des Haushalts- und Finanzausschusses der Abgeordnetenkammer, Luis Espert, der seit 2024 Teil von Mileis Partei La Libertad Avanza („Die Freiheit schreitet voran“) ist und wegen des Skandals seinen Vorsitz und seine Kandidatur in der Provinz Buenos Aires aufgeben musste.

Während die Komplizenschaft des Staates an der Verbreitung von Narcostrukturen vertuscht wird, ignorieren sowohl die Regierung von Milei als auch die Provinzregierung von Kicillof die prekäre Lage junger Menschen in den Armenvierteln der Stadt, die sie besonders anfällig für das organisierte Verbrechen macht. In dieser Altersgruppe sieht es für Frauen besonders düster aus: Bei Frauen unter 29 liegt die Arbeitslosenquote bei 23 Prozent. Die Armut in den einfachen Vierteln Argentiniens bietet einen fruchtbaren Boden für das organisierte Verbrechen. Kartelle und Banden nutzen die Notlage der Jugendlichen aus, um sie als „Soldaten“ zu rekrutieren oder, im Falle der Mädchen, sexuell auszubeuten. An diesen Tatsachen tragen der Staat und die Regierung die Verantwortung.

Der Narco-Feminizid an Morena, Brenda und Lara ist der gewaltsame Ausdruck einer Staatspolitik, die Jugendliche, Frauen und Kinder konsequent aller Perspektiven beraubt. Am 29. September meldete die Beobachtungsstelle für geschlechtsspezifische Gewalt Ahora que sí nos ven (Jetzt sehen sie uns) alarmierende Zahlen: 178 Feminizide (einer alle 36 Stunden) und 287 versuchte Feminizide wurden allein in den ersten neun Monaten des Jahrs 2025 gemeldet. Nur 15 Prozent der Opfer erstatteten Anzeige, 14 der Täter gehörten den Sicherheitskräften an, 149 Kinder verloren ihre Mutter.

Diese erschreckenden Zahlen sind, zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels, noch unvollständig und umfassen nicht die 14 im Oktober verübten Feminizide, 12 davon in weniger als einer Woche. Das ist nicht nur das makabre Resultat der 2024 begonnenen Abschaffung von mehr als 13 Programmen und Maßnahmen zur Geschlechtergleichstellung. Bereits vor Mileis Amtszeit waren die Mittel knapp und politische Maßnahmen defizitär. Das Programm Acompañar begleitetet Frauen in hochgefährdeten Gewaltsituationen – im Jahr 2023 unterstützte es mehr als 100.000 Menschen. 2024 wurde das Budget um 90 Prozent gekürzt und für den Haushalt 2025 ist es nicht mehr als erkennbarer Posten aufgeführt. Die Mittel für die Telefonhotline 144, den wichtigsten kostenlosen Hilfsdienst für Opfer von Gewalt, wurden 2024 um zwei Drittel gekürzt. Im Haushaltsentwurf für 2026 ist kein entsprechender Posten geführt.

Sparpolitik und erhöhter Armutsindex



Diese Einsparungen fügen sich in die bestehende Austeritätspolitik im Bereich der reproduktiven und sexuellen Gesundheit, umfassender Sexualaufklärung sowie der Finanzierung der wirksamen Umsetzung des 2020 verabschiedeten Gesetzes zur Legalisierung der Abtreibung ein. Die Sparpolitik geht Hand in Hand mit Diskursen, die Gewalt gegen Frauen ideologisch legitimieren. Dazu passt der, aufgrund seiner Messmethode zweifelhafte Armutsindex von 31,6 Prozent für das erste Halbjahr 2025, ebenso wie das Fehlen von echten Arbeitsplätzen sowie Stipendien und Kürzungen in Gesundheit, Wohnraum, Gehältern, Renten, Invalidenrenten und Sozialhilfe.

Argentiniens lange bestehende prekäre Situation, die nun von Milei verschlimmert wird, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Plünderungen durch ausbeuterische Regierungen und fördert systematisch Gewalt gegen Frauen, Kinder und Jugendliche (LN 605). Derweil reviktimisieren die Medien die Opfer, indem sie aufgrund ihres „Lebensstils“ fadenscheinig zwischen „guten“ und „schlechten“ Opfern unterscheiden. So tragen neben der Regierung Mileis auch Medien zur Legitimation der Gewalt gegen Frauen und gegen Bewegungen, die sich für Frauenrechte, Kinderrechte und Diversität einsetzen, bei. Auf ihre Hetze folgen Taten.

Dabei ist die steigende Zahl von Femiziden gleichzeitig auch ein lateinamerikanischer Trend. Nach Angaben der Lateinamerikanischen Karte der Feminizide von 2024 waren mindestens 4.855 Frauen Opfer eines Feminizids, das sind 13 Feminizide pro Tag und schätzungsweise eine ermordete Frau pro Stunde. Während in Argentinien und ganz Lateinamerika weiterhin grundrechtsverachtene, sexistische Diskurse und Politiken verbreitet werden, kämpft die feministische Bewegung weiter gegen Feminizide, geschlechtsspezifische Gewalt und für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für Brenda, Morena, Lara und alle ermordeten Frauen.


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Sara Hebe: Schrei(b)en wie Shakespeare

24.09.2025 Berlin. Sara Hebe performig at SO36 Club in Kreuzberg. (Foto: Montecruz Foto)

Sara, wie geht es dir, wie läuft die Tour?
Ich bin richtig müde und erkältet. Wir haben mehrere Konzerte in Argentinien gespielt und eines in Kolumbien. Ich möchte alles mitnehmen, was geht, das fordert seinen Preis. Dazu kommt, dass ich mit meinem wundervollen Baby auf Tour bin. Mit einem kaum acht Monate alten Kind zu touren, ist sehr anstrengend, aber es gibt mir auch unglaublich viel. Wir wollten diese Tour unbedingt machen, seit zwei Jahren waren wir nicht mehr in Europa. Es gibt da diesen Song von Flema, einer Punkband aus Argentinien, „Más feliz que la mierda“ („Glücklicher als die ganze Scheiße“).

Ausgerechnet am 12. Oktober spielst du. Wird das also ein antikoloniales Konzert?
Ja, ich muss noch überlegen, was ich dort sage. Wir sind an einem Zeitpunkt der Geschichte, an dem es so wirkt, als würde alles immer schlimmer werden. Es ist unangenehm, auf der Bühne zu stehen und davon zu sprechen, dass in Gaza ein Genozid geschieht, oder aus Argentinien zu kommen und an einem 12. Oktober in Europa zu spielen. Was soll ich sagen – in Richtung Gaza, um humanitäre Hilfe zu liefern, oder ich sage einfach nichts. Einfach nur seine Meinung zu sagen, wird banal. Natürlich werde ich nicht schweigen, aber dieses Gefühl löst einen Konflikt in mir aus.

Von dir als politischer Künstlerin wird erwartet, dass du etwas sagst…
Klar, und gerade haben wir in Argentinien eine Regierung, die eigentlich etwas noch viel Seltsameres als ultrarechts ist und das Land ausliefert. Der Präsident ist schlimmer als Trump, er ist gestört und gewalttätig. Also, was soll ich schon an einem 12. Oktober sagen, dem Tag der Kolonisierung der Amerikas. Wir sind in einem Moment des ‚rette sich wer kann‘ und ich kann mir nicht erlauben zu sagen, nein, ich spiele nicht in Europa an einem 12. Oktober. Vor allem jetzt, da ich eine Tochter habe. Es kommt mir vor wie ein Witz, die Geschichte dreht sich und in Argentinien sind wir wieder Kolonie, wie im Jahr 1800, bevor wir unabhängig wurden. So etwas könnte ich sagen.

Wir haben das letzte Mal 2019 gesprochen, am Ende der Macri-Regierung, als es so schien, als würden die Dinge besser werden. Und heute…
… ist alles etwas schlimmer, aber danach kommt etwas Besseres.

Wie betrifft dich die Situation in Argentinien als unabhängige Künstlerin?
Es betrifft uns alle, die Wirtschaftslage ist sehr seltsam. Was größer wird, sind die Ränder: die armen Menschen werden ärmer, die Mittelschicht fährt in den Urlaub. Ich war nie arm, aber habe weniger Kaufkraft. Was Kultur, Gesundheitsversorgung und öffentliche Bildung angeht, ist die Lage schlimmer. Die Regierung möchte alle Errungenschaften transfeministischer Kämpfe zunichtemachen. Es geht gerade darum, den Femizid wieder aus dem Strafrecht zu nehmen. Nach so vielen Kämpfen diskutieren sie wieder, ob sie, wenn jemand seine Partnerin umbringt, nicht eher von einem Verbrechen aus Leidenschaft sprechen.

Ein Diskurs aus einem anderen Jahrzehnt.
Klar, sie möchten zurück… aber immer, wenn eine Kraft auf einer Seite wirkt, stellt sich dem die gleiche Kraft auf der anderen Seite entgegen. Ich glaube, dass die transfeministische Bewegung die Kraft zurückerlangen wird, die zu Zeiten der progressiveren Regierungen verloren ging, in denen wir es uns zu bequem gemacht haben.

Sprechen wir ein bisschen über Musik. Du wurdest kritisiert für den musikalischen Wechsel von Rap und Punk auf Politicalpari (LN 540) zu Pop und Elektro in Sucia Estrella (LN 575).
Ich schenke der Kritik keine Beachtung, das ist mir egal. Mein nächstes Album ist schon fertig: elektronischer Pop, Dubstep, Drum’n’Bass, Rap, vor allem aber meinen eigenen, besonderen Stil: meine Texte, meine Art zu schreiben und zu singen. Ich rappe, ohne mich selbst als Rapperin zu bezeichnen. Aber ich habe zwei sehr Hiphop-lastige Singles veröffentlicht, „Jova“ mit Santa Salud, einer großartigen katalanischen Rapperin und „FLAM“ mit KLAN, einem befreundeten Rapper aus Argentinien. Meine letzte Single „Siegas“ ist ein Indierock-Song, der sich um die Blindheit dreht, die die sozialen Medien verursachen. Ich war schwanger, als ich das Lied schrieb, und habe mir die Liebe vorgestellt, die ich empfinden würde.

Gibt es Features anderer Künstler*innen auf dem neuen Album?
Ja, da ist Flor Linyera, die heute Abend auch auftritt, Dum Chica, eine sehr gute argentinische Rockband, dann ist da noch Malcriada, eine Digital-Punkband aus Mexiko, die ein bisschen wie Crystal Castles klingt, außerdem Barbi Recanati, noch eine argentinische Künstlerin. Nächstes Jahr im März erscheint das Album.

Deine Lieder sind weniger offensichtlich politisch, aber haben immer noch viel politischen Inhalt, du sprichst von Party, vom Konsum…
Ich werde immer die gleichen Songs spielen scheint mir… zu Beginn habe ich sehr explizit über Politik, Gesellschaft und Drogen gesprochen, aber ich möchte mich nicht wiederholen. In der Essenz sind es immer die gleichen, klassischen Themen: Leben, Tod, Leidenschaft. Ich denke, dass Konsum viel mit Leidenschaft zu tun hat, Leidenschaft viel mit der Liebe… ich würde gerne wie Shakespeare schreiben, all seine Werke sind Klassiker, weil sie von Geschichten, die mit dem menschlichen Wesen zu tun haben, erzählen. Shakespeare ist lange vorbei und jetzt haben wir zum Glück eine neue Welt. Ich versuche, diese zu entziffern und in jedem Buchstaben klassische Geschichten zu erzählen. Was wir als Menschheit fühlen, wird immer das gleiche sein, traurige und glückliche Leidenschaften, Affekte, die uns hemmen, die uns stärken. Wie uns die Welt der Produktion und Industrie unterdrückt, diese Fragen werden immer in meinen Texten sein.

In Deutschland verbreiten manche neoliberalen Politiker ein positives Bild von Milei, sie sehen nur, dass die Inflation sinkt – nicht die Armut der Menschen.
Milei ist echt der Schlimmste. Aber er wird fallen. Die Medien verbreiten so viele Unwahrheiten, wen kümmert die Inflation, die gibt es seit zwei Jahren auf der ganzen Welt. In Argentinien hatten wir sie schon immer, aber wir haben eine Auseinandersetzung um Menschenrechte, die es an keinem anderen Ort der Welt gab, das ist wichtig.

Hast du noch eine letzte Botschaft an die Personen, die uns lesen und die dich hören?
Wir sollten uns nicht so sehr auf die Zukunft festlegen, wir müssen im Hier und Heute weitermachen, neue Formen erfinden, und nicht die Zeit damit verschwenden, so viel von Politikern und Regierungen erwarten. Die wichtigen Fragen sind andere, es geht um Solidarität zwischen uns – und darum, dass sie weiterhin meine Musik hören (lacht).


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“Und wenn es eine ist, ist es eine zu viel”

Dolores Fonzi (links) und die Anwältin Soledad Daya (rechts) (Foto: Jone Karres Azurmendi)

Belén wurde auf dem Filmfestival in San Sebastián im Wettbewerb gezeigt und hat die Silberne Muschel für die beste Nebendarstellerin (Camila Plaate) erhalten. Herzlichen Glückwunsch!
Dolores: Danke! Es ist mein erster Besuch in San Sebastián und wir freuen uns sehr, den Film hier vorstellen zu können. Festivalleiter José Luis Rebordinos ist sehr bemüht, uns eine Plattform zu bieten, um die Probleme unseres Landes und ganz Lateinamerikas sichtbar zu machen.

Es ist mit Verantwortung verbunden, eine wahre Geschichte als Fiktion auf die Leinwand zu bringen. Wie kam es dazu?
Dolores: Wir haben uns bei der Buchvorstellung von Ana Correa kennengelernt. Es ging um ein Kapitel zu „Libertad para Belén” (Buchtitel: Somos Belén), das ich zu einer Preisverleihung vorgestellt hatte. Ich hatte damals mitbekommen, was in Tucumán passierte. Die Autorin Leticia Cristi hatte die Rechte für das Buch gekauft. Sie bot mir an, das Drehbuch zu schreiben, Regie zu führen und am Ende sogar die Rolle der Staatsanwältin zu spielen. Es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Doch der komplizierte Teil war, all die persönlichen Details, die mir für das Drehbuch fehlten, nachzurecherchieren. Wir haben viel Liebe in die Geschichte gesteckt.

Aus welcher Perspektive haben Sie das Drehbuch geschrieben und worauf haben Sie Wert gelegt?
Dolores: Da die Thematik universell ist, wollte ich nicht so sehr auf die persönliche und familiäre Situation des Opfers eingehen. Für mich war interessanter, aus der Sicht der Anwältin zu erzählen. Sie handelt aus einer privilegierten Situation heraus. Ihre Mission ist es, Belén und anderen Frauen zu helfen. Es war wichtig, die Empathie zu vermitteln, die sie motivierte, sich zu engagieren. Dabei konnte ich eine gewisse Ironie und gar Situationskomik in spannungsreichen Szenen einbauen. Humor ist ein wichtiges Stilmittel, damit eine ernste Szene etwas atmen kann und absurde Situationen und Systeme entlarvt werden.

In Argentinien ist Mileis rechtsradikale Partei an der Macht. Es werden zunehmend Grund-*rechte wie die Meinungsfreiheit beschnitten. Wie waren die Dreharbeiten? Haben Sie Druck, Einschüchterung oder sonstige Hürden erlebt?
Dolores: Nein, kaum jemand hat die Dreharbeiten mitbekommen (lacht). Wir hatten keine Angst und haben uns nicht versteckt. Aber wir waren vorsichtig und diskret. Das war auch gut so. Es gab keinerlei Vorfälle und als der Film an die Öffentlichkeit kam, war es eine Überraschung. Es gab keine Zensur, aber Drohungen und Versuche, uns einzuschüchtern. Trotz der bedrohten Pressefreiheit, glauben wir nicht, dass der Film zensiert wird. Es sind jedoch schwierige Zeiten, vieles ist unvorhersehbar. Wer weiß schon, was kommt…

Kann dieser Film zu einem positiven sozialen Wandel beitragen?
Dolores: Film kann keine Wunder vollziehen, aber ja, es bringt die Erinnerung eines Geschehens in die Gegenwart und regt zum Nachdenken an. Ein Film kann positiv auf die Zukunft wirken. Der Film ist Zeugnis und Hommage an diese Frauen, die kämpfen. Er wirft ein Licht auf die Thematik. Wie viele Belens gibt es? Wir wissen es nicht.
Soledad: Es ist eigentlich auch egal, wie viele es sind. Wenn Unrecht geschieht, ist es unerträglich. Ich kann mich erinnern, wie wir über die Legalisierung der Abtreibung diskutierten. Wir fragten uns, wie viele Tote es aufgrund von Komplikationen bei Abtreibungen gibt. Und wenn es nur eine ist, dann ist es schon eine zu viel. In diesem Sinne ist es ein hoffnungsvoller Film. Es gibt überall auf der Welt eine „Belén”. Falls diese Nachricht sie erreicht, dann hat es sich gelohnt, die Geschichte zu erzählen.
Dolores: …und nicht nur Frauen wie „Belén”, sondern auch wie „Soledad”.

Wie ist es für Sie, Ihr “Alter Ego” der Anwältin als Hauptdarstellerin auf der Leinwand zu sehen?
Soledad: Viele Frauen haben heutzutage Angst. Die Arbeit der sozialen Staatsanwaltschaft (comunitaria) genießt nicht gerade einen guten Ruf. Und dieser Film verleiht dem Engagement der Anwaltschaft seinen verdienten Platz. Die Anwält*innen, die für die sozial Schwachen kämpfen. Sie werden weder gut bezahlt, noch gewürdigt. Dafür werden wir anders belohnt. Wir machen viele Jobs unentgeltlich, aus Solidarität, Empathie, aus Überzeugung. Hier im Film werden sie gewürdigt, wie Dolores sagt. Die Ultrarechte in Argentinien spaltet zunehmend die Gesellschaft und die Menschen verlieren die Empathie für Mitmenschen. Der Diskurs wird politisiert und hat eine starke kriminalisierende Komponente: gegen Frauen, gegen Migranten und sozial Schwache.

Wie ist die aktuelle Situation als Frau und Filmemacherin in Argentinien?
Dolores: Ich kann mich nicht beschweren, denn ich befinde mich in einer privilegierten Situation. Es ist nicht einmal der Durchschnitt der Realität der Argentinier, bezüglich Filmprojekte oder die zur Verfügung stehenden Mittel. Ich konnte dieses Projekt durchführen, was ein kleines Wunder ist. Aber generell habe ich keine große Hoffnung. Erst wenn wir wieder einen Regierungswechsel haben, können wir anfangen zu planen, zu träumen und an eine bessere Zukunft zu denken. In diesen Zeiten wird viel über die Zustände lamentiert. Wir müssen aber verstehen, dass auch dies vorbeigeht. Und wenn es soweit ist, müssen wir vorbereitet sein, um eine positive Entwicklung anzustoßen, im Film, in der Kultur und so weiter.

Das ist ein hoffnungsvolles Zukunftsbild. Was können Sie konkret verändern?
Dolores: Dieser Film stößt hoffentlich eine Debatte auch in anderen lateinamerikanischen Ländern an, wo Abtreibung immer noch illegal ist. Ich hoffe wirklich, dass der Film inspiriert und Mut macht. Ich fühle bei den Demonstrationen und Märschen, dass die Gesellschaft angesichts der Ungerechtigkeit aufwacht und zusammenhält.
Soledad: Ich bin Präsidentin der Stiftung „Mujeres por mujeres” (Frauen für Frauen), wir verteidigen Frauen, die seit 2012 durch Abtreibung kriminalisiert wurden. Wir repräsentieren Opfer sexueller Gewalt. Nun haben wir das Spektrum erweitert und helfen auch Frauen mit Behinderung oder transsexuellen Personen; denn man kann und sollte Frauen- und Menschenrechte nicht nur in Teilen und separat betrachten.


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Der kollektive Gesang der Freiheit

Eine junge Frau mit akuten Unterleibsschmerzen kommt in die Notaufnahme eines öffentlichen Krankenhauses im ländlichen Tucumán, Nord­argentinien. Sie wankt kurz darauf blutend aus der Toilette und wird ohnmächtig. Nun geht alles sehr schnell. Als sie im OP-Saal aufwacht, ist sie in Handschellen gefesselt und wird hastig von Polizisten abgeführt. Der aktionsreiche Einstieg lässt uns als Zuschauerinnen nicht mehr los. Es folgen zwei Jahre Gefängnis, mit der Anklage, auf der Toilette abgetrieben zu haben.

Belén erzählt die wahre Geschichte einer jungen Frau, die 2014 durch die Hölle ging (Belén ist der fiktive Name). Nach einem von Lügen und Intransparenz geprägten Prozess wurde sie zu acht Jahren Haft verurteilt. Als eine Anwältin davon hörte und sich spontan für sie einsetzte, wurde der Fall bekannt, erregte großes mediales Aufsehen und löste eine soziale, feministische Bewegung aus, die auf den Straßen die Freiheit Beléns forderte. „La ola verde” (die grüne Welle), forderte nicht nur die Befreiung dieser unschuldigen Frau, sondern die Entkriminalisierung von (freiwilliger oder unfreiwilliger) Abtreibung.

Nun hat die Schauspielerin und Regisseurin Dolores Fonzi das Justizdrama geschrieben, inszeniert und darin mitgewirkt. Das Drehbuch basiert auf dem Roman von Ana Correa (2019) „Somos Belén” (Wir sind Belén). Im Mittelpunkt steht jedoch der Kampf der Anwältin Soledad Deza um die Wiederaufnahme des Falls und Gerechtigkeit. Fonzi selbst spielt nicht das Opfer, sondern die Anwältin, die eigentliche „Heldin”, kraftvoll und überzeugend. Sie konfrontiert selbst Belén, die ihr zunächst misstraut, fordert aber auch Richterinnen, Beamtinnen, Anwältinnen, die öffentliche Meinung und das gesamte System heraus: ein System, das Frauen bestraft und kriminalisiert. Der soziale und mediale Druck war offensichtlich erfolgreich, denn 2021 wurde Abtreibung in Argentinien schließlich legalisiert.

Die Erzählweise ist klassisch und folgt damit den Konventionen des Justizdramas. Es bleibt aber nicht dabei. Im Laufe der Geschichte entsteht eine soziale Bewegung auf den Straßen, die sich für Belén engagiert. Es ist eine wachsende Welle massiver Straßenproteste. Die Entrüstung der Menschen ist ansteckend und nimmt Zuschau­er*innen mit auf die Reise. Das Abschlussplädoyer spricht Belén – überwältigt von der unerwartet massiven sozialen Unterstützung. In ihren Augen spiegeln sich die Menschen, die für sie einstehen.

Fonzi gelingt das Zusammenspiel von Gerichtsverfahren und der Kraft der feministischen Bewegung auf den Straßen meisterhaft. Sie zeigt einen Aktivismus, der das kollektive Bewusstsein der letzten Jahre in Argentinien geprägt hat. Sie hat es geschafft, durch die Darstellung dieser etwas surreal wirkenden Geschichte auf ein universelles Problem aufmerksam zu machen und die Widersprüche des Systems zu entlarven. Nicht umsonst ist Belén nominiert, um Argentinien bei der Oscarverleihung zu vertreten. Die Stärke des Films liegt in seiner Wahrheit, seiner Ehrlichkeit, seiner Hoffnung: „El canto colectivo nunca desafina”: Der kollektive Gesang ist die wahre, unge­brochene Stimme.


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Gewinner und Verlierer der Technik

Andrés César lehrt an der Universidad de la Plata in Buenos Aires. (Foto: Annabelle Köchling)

Warum erforschst du Automatisierung und Künstliche Intelligenz in Lateinamerika?
Technische Veränderungen bedeuten enormen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte und bringen Veränderungen in der Gesellschaft mit sich – wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir uns anpassen. Viel wird erleichtert, aber es gibt auch Herausforderungen. Auf kurze Sicht ist es nicht offensichtlich, dass unsere Art, mit Technologie umzugehen, für alle von Vorteil ist. Der Arbeitsmarkt wird beeinflusst und es bestehen Asymmetrien im Zugang zu Technik. In der Regel haben Arbeiter*innen mit höherer Bildung einen Vorteil. Auch bei den Firmen ist es so, dass die mit dem größten Kapital einen Vorteil haben. Das verursacht unterschiedliche Dynamiken in der Gesellschaft und der Wirtschaft. Das finde ich unter anderem so interessant, weil ich in Argentinien lebe – ein Land so ungleich wie der Rest von Lateinamerika. Man ist sich der Asymmetrien bewusst und es ist wichtig zu verstehen, dass unsere Wirtschaften sich noch entwickeln.

Wie sehen diese Asymmetrien aus?
Nicht alle haben den gleichen Zugang zu Technologie. Zum Beispiel sind Menschen in ländlichen Gegenden und in der Peripherie von Großstädten eher ausgeschlossen. Auch wenn heute die meisten Menschen ein Handy mit Internetzugang besitzen, geht es hier um Technologien, die sich auf den Arbeitsmarkt auswirken – etwa der Computer am Arbeitsplatz oder spezielle Automatisierungstechnologien, die auf bestimmte Industrien oder Servicebereiche konzentriert sind. Hier ist eine große Gruppe von Menschen wegen ihres Bildungsniveaus und Wohnorts ausgeschlossen. Darüber hinaus ist auch interessant, das aus demographischer Perspektive zu betrachten. Im Gegenteil zu meiner Generation, die sich Stück für Stück an den technischen Wandel anpassen konnte, geht er für Personen wie meine Eltern sehr schnell. Sie sind an einem Punkt ihres Erwerbslebens, an dem es viele technische Veränderungen gibt, mit denen sie nicht mitkommen.

Lässt sich ein Einfluss neuer Technologien auf die Berufswahl junger Menschen erkennen?
Dazu gibt es bisher wenig Forschung, aber es ist ein fundamentales Thema. Ich denke, die Schulen tun ihr Bestes, um Kindern die neuen Fähigkeiten beizubringen. Dennoch finde ich, dass es nicht genug ist. Die Technik entwickelt sich so schnell, dass Bildungssysteme und Politik nicht hinterherkommen. Vor allem in Ländern mit viel Bürokratie und Problemen im Zugang zu qualitativer Bildung. Es gibt große Disparitäten zwischen öffentlicher und privater Bildung. Das schafft wiederum Asymmetrien.

Inwiefern kann sich technischer Fortschritt auf den Gendergap, also die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, auswirken?
Sowohl in entwickelten Ländern als auch in Entwicklungsländern ist zu beobachten, dass Männer stärker in den Naturwissenschaften und in technischen Karrieren vertreten sind. Zwar nimmt der Frauenanteil zu, aber es besteht ein Unterschied, der schwer zu beseitigen ist. Auf der anderen Seite haben Frauen Vorteile in den sozialen Fähigkeiten. Die sind immer gefragter. Wenn Technologie dazu führt, dass soziale Fähigkeiten mehr wertgeschätzt werden, könnte das den Gendergap beeinflussen. Aber das muss mit politischen Entscheidungen einhergehen.

Kann Technologie dazu beitragen, sozialer Ungleichheit entgegenzuwirken?
Auf kurze Sicht gesehen generiert sie mehr Ungleichheit. Nicht nur zwischen Regionen, die geographisch und wirtschaftlich schon ungleich sind – Regionen, in denen die Technologie sich entwickelt, wachsen schneller. Sondern auch innerhalb der Regionen haben manche Personen Vorteile, wenn sie dank der Technik mehr verdienen. Manager*innen, Firmenchef*innen und Kapitaleigentümer*innen können in Firmen investieren und profitieren mehr als Angestellte. Die Herausforderung besteht darin, dass die Allgemeinheit von diesen Gewinnen etwas hat. Da muss die Politik handeln, indem sie Steuersysteme fortschrittlicher gestaltet und Geld intelligent ausgibt. Vor allem zugunsten der öffentlichen Bildung und Wissenschaft, sodass benachteiligte Personen bereits in der Schule Zugang zu Technik haben. Sodass sich der Arbeitsmarkt stetig wandelt und soziale Klassen aufsteigen. Ich glaube, wenn Regierungen schlau, verantwortungsbewusst und planungssicher agieren, kann das gelingen.

In manchen Ländern sieht man, dass Technologie auch zu einem größeren informellen Sektor führen kann. Wie das?
Für viele junge Menschen, die zuvor einen Job im formellen Sektor in aufstrebenden Unternehmen gefunden haben, gibt es jetzt weniger Möglichkeiten, weil viele dieser Jobs automatisiert werden. Also enden sie im informellen Sektor, bei Onlinehändlern oder Serviceapps. Das erhöht oft den Druck, mehr zu arbeiten, um genug Geld zu verdienen. Außerdem sind sie nicht sozialversichert. Es gibt also Gewinner und Verlierer des technischen Wandels.

Eigentlich könnte der technische Fortschritt uns die Arbeiten abnehmen, die keinem gefallen.
Klar, alles, was nicht gesund ist oder sehr repetitiv. Allerdings entstehen auf kurze Sicht eher Probleme – insbesondere, dass wenige Unternehmen mächtiger werden. Es ist gefährlich, wenn es keinen Wandel hin zu qualitativer Arbeit für alle gibt.

Du hast zu Brasilien, Mexiko, Argentinien und Chile geforscht. Inwiefern unterscheiden sich diese Länder in der Automatisierung?
Es gibt Unterschiede in der Einbindung in die internationale Wertschöpfungskette. Mexiko zum Beispiel ist stark mit den USA verbunden. Die haben viele Produktionsprozesse, zum Beispiel Montagearbeiten von Autos, dorthin verlagert. In Argentinien und Brasilien ist das anders, sie produzieren hauptsächlich für den nationalen Markt. Was aber Informations- und Kommunikationstechnik, Entwicklung und Wirtschaftswachstum angeht, sind die Tendenzen ähnlich.

Inwiefern könnten Automatisierung und KI etwas an der Nord-Süd-Dynamik in der Welt verändern?
Das ist ein großes Thema in akademischen Kreisen. Es gibt Beispiele, wo Industrien oder Firmen in Mexiko viel verlieren, weil Produktionsketten US-amerikanischer Firmen aufgrund der Politik und Kosten in die USA zurückgehen. Das kann die Entwicklung einiger Regionen in Mexiko, die vorher eingebunden waren, verzögern. Auf der anderen Seite sieht man in Südostasien eine bessere Integration und, dass diese Länder weiter in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Sie können sogar Stück für Stück ihren Mehrwert steigern und Löhne erhöhen. Aber immer beobachtet man, dass die Gewinner große Unternehmer*innen sind und Profit weiter konzentriert in deren Händen in zentralen Ländern bleibt. Zwar kann es zu einem Übertragungseffekt auf andere Sektoren, Regionen, Industrien kommen, doch trotz einzelner Knotenpunkte, die Innovationen, Entwicklung und Forschung fördern, sind wir noch weit entfernt vom Niveau der einkommensstarken Ländern, in denen die meisten Innovationen entstehen.
Es kann also sein, dass sich Ungleichheiten zwischen Norden und Süden noch verschärfen. Meine Hoffnung ist aber, dass es auf lange Sicht zu einer Angleichung kommt, auch wenn es darauf keine Garantie gibt, solange sich strukturell nichts ändert. Ich denke da an Finanzoasen oder an Steuerhinterziehung derjenigen, die am meisten Einkommen erzielen. Und wir haben noch nicht von Rohstoffpreisen gesprochen und Materialien, die für Handys, Autos und Computer benutzt werden. Deren Extraktion ist technologieintensiv und oft kommen die Materialien aus dem Globalen Süden. Das hat alles einen enormen intergenerationalen Preis – Flüsse trocknen aus, der Amazonas wird abgeholzt, viele strukturelle Probleme können Entwicklung auf lange Sicht beeinträchtigen. Das geht alles nicht ewig. Was passiert dann nach dieser ganzen Zerstörung? Wer übernimmt die Verantwortung?

Die bekannteste KI ist wohl ChatGPT. Manche unterstellen ihr, sie sei linksgerichtet. Inwiefern könnte das eine Chance für die Gesellschaft sein?
Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel mit einer großen Chance vor uns. Wir lernen gerade noch, wie wir mit Sprachmodellen umgehen. Heute benutzen wir sie für Alltagsprobleme und nicht, um soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten zu beseitigen. Kurzfristig gesehen fällt es mir schwer, dem eine positive Wirkung auf die Entwicklung von Wirtschaft zuzugestehen. Im Bildungsbereich vielleicht eher. Aber auch hier gilt: Wenige Menschen sind in Lateinamerika in technischen Berufen beschäftigt. Die meisten arbeiten im Handel, in persönlichen Dienstleistungen oder im Primärsektor. Da sehe ich wenig positiven Einfluss durch die neuen Technologien. Wenn Technik aber besser genutzt wird, um zum Beispiel Klima- oder Risikoereignisse vorherzusagen, indem Daten besser verwertet werden, kann das in manchen Industrien punktuell Vorteile haben.

Was wäre dein Wunsch, wie wir als Menschheit KI nutzen?
Als Orientierung, ohne sie zu missbrauchen, und wie für alles, indem wir ein Gleichgewicht finden. Es ist wichtig, dass wir kritisch denken. Das ist Teil unserer menschlichen Fähigkeiten, die uns von KI unterscheiden. Damit wir Transformationen erreichen und uns besser mit uns und unserer Arbeit fühlen, mit unserer Umwelt. Damit wir gerechte Gesellschaften schaffen. Das alles ist nicht offensichtlich. Und wenn du als Kind nicht kritisch zu denken gelernt hast, ist es als Erwachsener noch schwieriger. Deshalb sind Bildung und gute Lehrer so wichtig – nicht nur in der Schule, auch in der Familie und im barrio. So lernen wir, mit digitalen Hilfsmitteln vernünftig umzugehen, denn die Welt und die Realität sind außerhalb der Bildschirme.


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Die Schwere des Schweigens

Die Schwere des Schweigens Die Graphic-Novel erzählt von geflüchteten Juden und Jüdinnen nach Argentinien

„Das war für mich interessant und neu, dass es diese vielen Verbindungen zwischen Argentinien und Deutschland gab“, erzählt die deutsche Comicautorin Birgit Weyhe im Verlagsgespräch über ihre neue Graphic Novel Schweigen. Für manche LN-Leser*innen mögen diese Verbindungen vielleicht gar nicht so neu sein. Schließlich flohen nicht nur deutsche Juden und Jüdinnen nach Argentinien, sondern auch etliche Nazi-Größen, SS- und Wehrmachtsangehörige fanden dort nach 1945 einen sicheren Hafen. Wenige Jahrzehnte später profitierte die deutsche Wirtschaft von der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983), de­ren Menschenrechtsverletzungen ­die guten Geschäfte nicht störten.

Von diesen Verbindungen erzählt Schweigen. Und mögen sie vielleicht nicht ganz neu sein, so ist die Art, wie sie hier wiedergegeben und gezeichnet werden, umso interessanter. Im Mittelpunkt stehen die Lebensgeschichten zweier Frauen: Die deutsche Jüdin Ellen Marx floh mit 17 Jahren vor dem Holocaust nach Buenos Aires. Später, unter der argentinischen Militärdiktatur, verschwindet ihre Tochter Nora. Der zweite Handlungsstrang folgt Elisabeth Käsemann, die sich − in den Studierendenbewegungen der 1960er Jahre in der BRD politisiert − ab 1969 in den Armenvierteln von Buenos Aires in Basisorganisationen und Suppenküchen engagiert. Nach dem Militärputsch gerät sie als Linke ins Visier der Militärführung, wird 1977 verhaftet, verschleppt, gefoltert und schließlich ermordet. Das Leid der beiden Frauen zeichnet Weyhe besonders stark: mal explizit, mal verschwommen, mal in einem großen Wirrwarr. Die schlimmsten Erfahrungen werden in schlichten Detailaufnahmen geschildert. Das voluminöse Buch, dessen Seiten mit Zeichnungen in Schwarz, Rot und allerlei Grau- und Brauntönen koloriert sind, verleiht fast das Gefühl, in einem Archiv zu stöbern. Auch wirkt das so, weil Weyhe zwischen den persönlichen Erfahrungen von Ellen Marx, Elisabeth Käsemann, ihren Familien und Freund*innen Kapitel eingestreut hat, die den politischen Kontext in Argentinien und Deutschland sehr anschaulich erklären. Mit politischen Plakaten, Symbolen und bekannten historischen Fotos werden die Situation deutsch-jüdischer Emigrant*innen in Argentinien, die Politisierung bundesdeutscher Studierender in den 60er Jahren und der Peronismus erklärt.


Die Art und Weise, wie die geteilte Geschichte Deutschlands und Argentiniens erzählt wird, zeigt, wie sich bundesdeutsche Regierungen, Behörden und Unternehmen durch ihr jahrzehntelanges Schweigen und Vertuschen der grausamen Verbrechen mitschuldig gemacht haben. Zum anderen wird deutlich, wie wichtig die Rolle der damals aufkeimenden Menschenrechts- und Solidaritätsbewegungen im Kampf gegen dieses Schweigen war.


Die erdrückende Stille, die die Fragen der Angehörigen von Verschwundenen unbeantwortet lässt, zieht sich in dominierendem Schwarz durch alle vier Abschnitte des Comics. So werden die verschiedensten Facetten des Schweigens sichtbar – vom Schweigen über die NS-Verbrechen bis hin zum Schweigen der Angehörigen von Verschwundenen in Argentinien. So kann Ellen Marx, deren Tochter verschwunden ist, nur öffentlich für Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen. Aber mit ihrer eigenen Familie verbleibt sie in der Einsamkeit des Schweigens – das Reden über den persönlichen Verlust ist einfach zu schwer.


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Zu schön, um wahr zu sein

„Ich bin Gaucha und das ist meine Kleidung!“ Auf die Schuluniform hat Guada keine Lust. Stattdessen möchte sie im Unterricht mit blauem Kleid, weißem Halstuch und schwarzem Hut erscheinen – dem Erkennungsmerkmal aller Gauchos und Gauchas, der argentinischen Variante der Cowboys*girls. Wie diese Episode letztlich ausgeht, bleibt ungewiss. Denn dem Dokumentarfilm Gaucho Gaucho der US-amerikanischen Regisseure Michael Dweck und Gregory Kershaw geht es nicht darum, Geschichten zu Ende zu erzählen oder zu problematisieren. Ziel des Films war, das Lebensgefühl der Viehhüter*innen aus dem Norden Argentiniens zu transportieren – und dabei verdammt gut auszusehen.
Beides ist den Filmemachern geglückt, wie zwei Dokumentarfilmpreise bei den Festivals von Sundance und Locarno beweisen. Gaucho Gaucho ist eine Hommage an Menschen, die ein Leben in Einklang mit der Natur verbringen. In wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern im Breitbildformat Cinemascope sehen wir ihnen, manchmal in Zeitlupe, beim Reden, Tanzen, Viehtreiben, Lassowerfen und immer wieder beim Reiten durch die wilde Landschaft zu. Protagonistin des Films ist die 17-jährige Guada, die ein Leben als Gaucha und Rodeoreiterin beginnen will und bereit ist, ihrem Traum alles unterzuordnen. Allerdings wird beim Zusehen klar: Ein Rodeoturnier ist kein Ponyhof. So begleitet die Kamera Guada dabei, wie sie sich stolz darauf vorbereitet, ihr erstes Pferd zuzureiten. Wie die Unternehmung ausgeht, zeigt die nächste Einstellung: Sie schleppt sich auf Krücken durchs Bild. Unterkriegen lässt sich die junge Gaucha nicht: Bald sitzt sie wieder im Sattel.
Gaucho Gaucho folgt neben Guada auch anderen Menschen aus verschiedenen Generationen, die als Gauchos leben: Unter anderem Solano, der seinem 5-jährigen Sohn sein Handwerk beibringt oder dem über 80-jährigen Lelo, der in Rückblicken über sein Leben philosophiert. Der Film gibt der Ästhetik dabei den Vorzug vor Authentizität und wirkt häufig eher wie eine Doku-Fiktion. Die Protagonist*innen werden nicht durch Kommentare aus dem Off oder Interviews vorgestellt, sondern über Gespräche, die sie miteinander führen. Die Aufnahmen sind bewusst selektiv: Kaum vorstellbar, dass die einzigen Autos in der Gegend die verrosteten Schrottkarren sind, an denen die Pferde so elegant vorbei galoppieren. Und auch Smartphones, die garantiert vorhanden sind, werden nicht gezeigt – vermutlich, um die archaische Cowboy*girl-Romantik nicht zu stören. Die Realität von Gaucho Gaucho gleicht so weniger einem Dokumentarfilm als einer aus der Zeit gefallenen Illusion.
Das ändert nichts daran, dass sich der Film in vollen Zügen genießen lässt. Nicht nur die Bilder sind herausragend schön, die Musik ist exzellent ausgewählt. Von gezupften Gitarrenakkorden über die argentinische 60s-Rockband Los Gatos bis zum französischen Komponisten Georges Bizet: Hier passt jedes Stück. So sehr, dass man manchmal fast vergisst, dass die hyperästhetisierte und überidyllische Welt von Gaucho Gaucho in der Wirklichkeit natürlich nicht so existieren kann. Was aber letzten Endes nicht so schlimm ist: Denn wo sonst als im Kino sollte es erlaubt sein, von einer Welt zu träumen, die ein bisschen zu schön ist, um wahr zu sein.


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Ni una menos

Illustration: Maria Victoria Rodríguez García

Die Bewegung der letzten 10 Jahre hat Unmengen an Gesetzesveränderungen erreicht und eine starke Gemeinschaft aufgebaut. „Auch wenn die Bewegung in Argentinien begann, umfasst sie doch eine Problematik, die in ganz Lateinamerika existiert. Was diese Bewegung so besonders macht, ist, dass unsere Stimmen immer dann viel lauter sind, wenn sie geeint sind“, sagte Amy Ramirez, Demo-Teilnehmerin der ersten Stunde von Ni Una Menos, im Interview mit LN 2016.
Heute sehen sich Ni Una Menos und die breitere feministische Bewegung in vielen lateinamerikanischen Ländern und anderswo auf der Welt mit einem rechten Backlash konfrontiert. Errungenschaften wie das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder Selbstbestimmungsrechte für queere Personen werden wieder abgeschafft, Sozialkürzungen betreffen FLINTA* strukturell meist besonders stark.
Doch Feminist*innen sind geübt darin, Widerstand unter widrigsten Umständen zu leisten. Sie gehen nicht nur gegen patriarchale Gewalt auf die Straßen, sondern stehen auch in den vordersten Reihen der Kämpfe gegen Autokratisierung und Faschismus und schlagen Brücken zu anderen Kämpfen, wie zuletzt wieder zum Rentner*innen-Protest in Buenos Aires, bei dem die Aktivist*innen zusammen mit den protestierenden Rentner*innen und Pensionär*innen zur Mittwochsdemo aufriefen (siehe LN 608).
Bis die Angst wieder die Seiten wechselt!


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Wo ist der Mate?

© Likeliness Increases, LLC

2024 ging eine Tiktok-Abstimmung mit dem Titel „Man vs. Bear“ viral. Darin wurden Frauen gefragt, wem sie lieber allein im Wald begegnen würden: Einem Mann oder einem Bären? Der Bär gewann mit überwältigendem Vorsprung. Als Gründe wurden genannt, Bären seien vorhersehbarer, würden Frauen als Menschen behandeln und zudem sei das Schlimmste, was sie begehen könnten, ein Mord. Was den Schluss zulässt: Männer, die allein durch den Wald streifen, sollte man tunlichst meiden.

Hätte Isabel (Mia Maestro), die Protagonistin des mehr als seltsamen Berlinale Special-Beitrags After this Death diesen Ratschlag nur beherzigt, sie hätte sich und vor allem dem Publikum ihres Films Einiges erspart. Unglücklicherweise sucht sie aber nicht sofort das Weite, als ihr beim Waldspaziergang der nervige mansplainer Elliott (Lee Pace) in einer Höhle auflauert, wo sie unschuldig an ihrem Matebecher nippt (an irgendetwas muss man schließlich erkennen, dass sie Argentinierin ist!). Zunächst geht sie auf seine alles andere als subtilen Avancen noch nicht ein. Doch abends nimmt Isabels Freundin Alice (wie immer ein Lichtblick: Gwendolin Christie) sie mit ins Wunderland eines Indierock-Clubs. Und Sachen gibt’s, am Mikro der offenbar sagenhaft angesagten Band steht tatsächlich Elliott! Auf der Bühne verdreht dieser zur Freude seines sektenartigen Publikums zu kryptischen Lyrics und dünnen Elektrobeats meist seltsam die Finger, warum auch immer. Obwohl es ihm an Groupies nicht mangelt, sucht er sich dann die verheiratete und hochschwangere Isabel als Objekt der Begierde aus. Die ist auch schon bald bereit zur Paarung – wer kann schon einem echten Rockstar widerstehen? An der folgenden Affäre ist dann Isabels plötzlicher Fetisch für seine verschwitzten Füße bei Weitem nicht das Einzige, was Fragen aufwirft. Warum wohnt Elliott, der große Star, allein mit seinem Bruder in einem Bretterverschlag mitten im Nirgendwo? Wieso nennt er einen gigantischen Katzenbaum sein Eigen, obwohl weit und breit keine Katze zu sehen ist? Und warum trinkt Isabel plötzlich keinen Mate mehr?

Die Antworten kennt wohl allein der argentinische Regisseur Lucio Castro (End of the Century). Oder auch nicht, wie er bei der Fragerunde nach der Premiere des Films auf der Berlinale überdeutlich durchscheinen ließ. Er schreibe Drehbücher nach der „Eichhörnchen-Methode“, mal vor, mal zurück, mal zur Seite – deshalb sei es auch gar nicht so wichtig, welche Szene des Films an welcher Stelle komme. Aha. After this Death macht gegen Ende noch eine Reihe weiterer absurder Geheimnisse auf, die aber allesamt nicht aufgelöst werden und deswegen auch nicht groß etwas zur Sache tun. Wer in dem Film wann stirbt oder auch nicht, soll sich sein Publikum offensichtlich selbst zusammenreimen – beliebiger kann man ein Drehbuch nicht schreiben. Für diejenigen, die sich Stress und Eintrittsgeld sparen möchten, hier deshalb eine plausible (wenn auch nicht ganz ernst gemeinte) Erklärung: Isabel hat die Höhle nie verlassen, denn in ihrer Kalebasse befand sich kein Mate sondern Ayahuasca oder ein ähnlich halluzinogenes Getränk. So wäre der Rest des chaotisch-mysteriösen Plots nichts weiter als ein schiefgegangener Drogentrip. Fazit: Von diesem Film sollte man sich besser so weit fern halten wie von einsamen Männern im Wald.


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Im Hipster-Horrorland

© MUBI

1998 veröffentlichte die ecuadorianische Band Los Conquistadores ein Video zu ihrem Song „Mi conejito“ (Mein Häschen). Zu einer Cumbia mit schlüpfrigem Text (Ein Hase „ohne Unterhose“ hüpft dort des Nachts durch allerhand Betten) tanzt die Gruppe darin in lächerlichen Hasenkostümen vor einem Bergpanorama. Das Video ging viral und ist bis heute ein steter Quell der Heiterkeit vor allem im lateinamerikanischen Teil des Internets.

So weit, so gut. Wäre da nicht die argentinische Künstlerin und Regisseurin Amalia Ulman. Die scheint bis heute von „Mi conejito“ dermaßen fasziniert zu sein, dass sie diese kulturelle Meisterleistung aus den Anden zum Anlass für ihren neuesten Kinofilm Magic Farm nahm. Klingt nach einer Idee, die nur schiefgehen kann? Bingo. Magic Farm ist einer dieser Filme, bei denen man schon nach 10 Minuten weiß: In der Zeit, die nun folgt, könnte ich wahrscheinlich auch meine Steuererklärung machen oder das Bad putzen und der Erkenntnisgewinn wäre größer.  

Der Plot klingt bereits ziemlich verdächtig. Ein Hipster-Team, das Content für einen TV-Trash-Kanal produziert, soll in Lateinamerika nach einem Sänger mit Hasenmaske (na, klingelt’s?) suchen und ihn seinem Publikum als Absurdität der Woche zum Fraß vorwerfen. Stattdessen landet man aber aufgrund einer Fehlbuchung in einem völlig anderen Land (Argentinien), weil dort ein Ort den gleichen Namen hat. Dass die gringos dort über eine Ansammlung billigster und altbackenster Lateinamerika-Klischees stolpern, geschenkt. Noch schlimmer ist, dass die Geschichte nach den ersten 20 Minuten im Prinzip auch schon endet, denn im Film passiert fortan nichts mehr von Belang. Lieblose Love-Stories, vorhersehbare Enthüllungen der Filmcrew-Mitglieder und vor allem extrem unlustige Versuche im Feld Humor (sie Gags zu nennen, würde den ernsthaften Versuchen anderer Filmemacher*innen nicht gerecht) geben sich die Klinke in die Hand. Nur ein Beispiel: Vier oder fünf Mal werden spanisch/englische Missverständnisse und Verwechslungen (auf dem Niveau „My Online Friends – OnlyFans“) als Lacher herangezogen. Und als wäre das noch nicht genug, werden diese meist auch noch von einer dritten Person (zum Beispiel die selbst mitspielende Regisseurin Ulman) übersetzt – irgendwie müssen die gähnenden Lücken in der Handlung schließlich gefüllt werden.

Die „subversive“ Message des Films ist ebenfalls sehr schnell klar: Das Dorf hat ein massives Problem mit giftigen Pestiziden. Was die plan- und kulturlosen Hipster-Gringos natürlich nicht kapieren, obwohl es ihnen buchstäblich ins Gesicht springt. Und so wird der „Witz“ die restliche Laufzeit des Films noch ermüdend ausgewalzt, damit ihn auch wirklich alle Zuschauer*innen verstehen. 

Amalia Ulman kann es viel besser, wie sie mit ihrem Debütfilm El Planeta bereits bewiesen hat. Nach Magic Farm bleibt dagegen als einzige Frage, warum eine eigentlich renommierte Schauspielerin wie Chloë Sevigny sich diese Farce angetan hat. Sollte sie für einen Film mit dem gleichen Namen zugesagt haben und dann unverhofft in dieser Nummer gelandet sein, es würde zumindest thematisch ins Bild passen. Ach ja, und wer noch nach einem Wink mit dem Hasenohr gesucht hat: Im Abspann des Films läuft das Lied „Mi conejito“ von Los Conquistadores…


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Milei will dem „Nie wieder“ ein Ende setzen

Zum Originaltext hier klicken

Rodolfo Walsh, einer der bedeutendsten Journalisten Argentiniens, der 1976 von der letzten zivil-militärischen Diktatur des Landes entführt und verschleppt wurde, schrieb einst: „Unsere herrschenden Klassen haben immer darauf hingearbeitet, dass die Arbeiter keine Geschichte, keine Doktrin, keine Helden oder Märtyrer haben. Jeder Kampf muss von Neuem beginnen, losgelöst von den vorherigen Kämpfen. Die kollektive Erfahrung geht verloren, die Lektionen werden vergessen.“ Milei entpuppt sich als Musterschüler dieser Maxime. In den letzten Tagen des Jahres 2024 und den ersten Tagen des neuen Jahres startete die Regierung einen erbitterten Angriff auf die Politik, die Institutionen und die Mitarbeiter*innen im Bereich der Menschenrechte.

Genauer gesagt begann der Angriff der libertären Regierung auf das Feld bereits vor ihrem Amtsantritt. Während seines Wahlkampfs leugnete der jetzige Präsident, dass die Zahl der während der Diktatur inhaftierten und verschwundenen Personen 30.000 betrage. Zudem ernannte er Victoria Villarruel, eine Politikerin mit Verbindungen zur Militärfamilie und einer geschichtsrevisionistischen Haltung zu seiner Vizepräsidentin. In den letzten Dezembertagen ging die Regierung jedoch noch weiter: Sie entließ hunderte Beschäftigte verschiedener Erinnerungs- und Gedenkstätten sowie der Menschenrechtssekretariate, die dem Justizministerium unterstehen.

Die Regierung kündigte außerdem an, das Centro Cultural de la Memoria Haroldo Conti zu schließen, ein Kultur- und Bildungszentrum, das seit 2008 auf dem Gelände der ehemaligen Mechanikschule der Marine (ESMA) angesiedelt ist. Die ESMA war einer der wichtigsten geheimen Haftorte der Diktatur und wurde 1998 in einen Ort des Gedenkens und der Menschenrechtsförderung umgewandelt. Das Zentrum trägt den Namen eines der bedeutendsten argentinischen Schriftsteller und Journalisten, der zum Symbol des revolutionären Kampfes der 1970er Jahre wurde. Bis vor wenigen Wochen bot das Zentrum Theater, Literatur, Tanz, Fotografie und Musik an. Es arbeiteten 87 Personen dort. Die Beschäftigten fürchten nun, dass die angekündigte „Umstrukturierung“ in Wirklichkeit eine endgültige Schließung der ESMA bedeutet.

„Seit seiner Gründung ermöglicht das Conti, den Schrecken der Vergangenheit durch Kunst aufzuarbeiten. Es zielt darauf ab, zu erweitern, zu vernetzen, zu improvisieren und neue Wege in der Pädagogik der Erinnerung zu gehen. Ich glaube, die Regierung greift uns an, weil sie generell die Kultur angreift – und weil wir hier organisiert sind und einen kollektiven Widerstandskern bilden“, sagt Nana González, Mitarbeiterin des Conti und stellvertretende Sekretärin der Gewerkschaft Asociación Trabajadores del Estado, die aktivste Gewerkschaft dieses Bereiches, gegenüber den Lateinamerika Nachrichten.

Um gegen die Entlassungen und die Schließung zu kämpfen, organisierten die Beschäftigten des Conti ein großes Festival, das die Unterstützung der Zivilgesellschaft für die Menschenrechtsorganisationen und -institutionen zeigte und das Motto „Nunca Más“ bekräftigte – in Argentinien ein zentraler Ausdruck des Konsenses, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit nie wieder zuzulassen. Im Rahmen ihres Protestplans planen sie weitere Aktionen bis zum 24. März, dem Tag, an dem an den Beginn des Militärputsches erinnert und dieser verurteilt wird.

Doch das Conti ist nicht die einzige Institution auf dem Gelände der ehemaligen ESMA, die von Entlassungen und Kürzungen betroffen ist. Auch das Museo Sitio de Memoria ESMA, das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, das Nationale Archiv der Erinnerung und die Menschenrechtssekretariate, die in dem 2004 wiedererlangten Raum zusammen mit anderen Organisationen und Einrichtungen arbeiten, sind von starken Kürzungen betroffen. Ähnliche Maßnahmen gibt es zudem in vielen anderen Menschenrechtsinstitutionen im ganzen Land.

„Es geht nicht nur um die Entlassungswelle der letzten Zeit, sondern auch um die finanzielle Aushöhlung jeglicher Menschenrechtspolitik, die die Arbeit in allen Provinzen erheblich erschwert“, erklärt Guillermo Amarilla Molfino. Er ist Sohn von Marcela Esther Molfino und Guillermo Amarilla, die während der Diktatur verschleppt wurden und bis heute verschwunden sind. Dank der Arbeit der Organisation Abuelas de Plaza de Mayo konnte er 2009 seine Identität zurückerlangen, nachdem er 29 Jahre unter einem anderen Namen und in einer anderen Familie gelebt hatte. Trotz der aktuellen Angriffe des Staates gab die Organisation Ende Dezember bekannt, dass das 138. Enkelkind identifiziert wurde – ein Lichtblick inmitten der feindseligen Atmosphäre.

„Feindseligkeit.“ Amarilla Molfino betont dieses Wort und sagt, dass er nicht erklären könne, warum die Regierung so viel davon gegenüber den Menschenrechtsinstitutionen verspüre. „Oft fragen Besucher des Museums, warum die Diktatur so grausam war. Warum die Täter solche Tyrannen waren. Warum Menschen gefoltert und lebend ins Meer geworfen wurden. Es gibt unzählige Antworten, aber die Schuldigen sollten sie geben. Ähnlich verhält es sich heute mit der Regierung: Wir wissen nicht, warum sie uns so angreift. Vielleicht liegt es daran, dass hier die Interessen der großen wirtschaftlichen Mächte auf dem Spiel stehen, die einst Komplizen der zivil-militärischen Diktatur waren.“

Der Angriff auf die Menschenrechte geht unterdessen weiter. 2024 wurden nur 20 Prozent des für die Menschenrechtssekretariate vorgesehenen Budgets ausgezahlt und im März wird mit einer neuen Entlassungswelle in Institutionen und Orten des Gedenkens gerechnet. Darüber hinaus prangerten die Behörden in den letzten Wochen des Jahres einerseits illegale Spionageaktivitäten der Sicherheitskräfte bei den Protestaktionen der Arbeiter*innen an und andererseits juristische Manöver, die darauf abzielen, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilte Unterdrücker*innen freizulassen oder zu begünstigen.

„Wir rufen die Welt auf, hinzusehen und entsprechend zu handeln. Es ist entscheidend, jeden Rückschritt zu stoppen und die demokratischen Werte und Menschenrechte zu verteidigen, die wir uns so hart erkämpft haben“, appellierte Estela de Carlotto, Präsidentin der Abuelas de Plaza de Mayo, vor wenigen Wochen. Für 2025 kündigte die Organisation an, die internationalen Allianzen und Unterstützung auszubauen, um den Angriffen des Staates entgegenzuwirken. Dieselbe Leistung, die vor mehr als vierzig Jahren jene „Verrückten“ unternahmen, die verzweifelt nach ihren Söhnen und Töchtern suchten und letztendlich das heute fest verankerte „Nunca Más“ durchsetzten.


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Gestärkte Rücken

Jedes Jahr seit 1986 kommen viele tausend compañeres aus ganz Argentinien an einem Ort zusammen. Das Treffen ist ein Ort der Stärkung für kommende Kämpfe, dort, wo es am notwendigsten ist. In diesem Jahr fiel die Wahl auf die Provinz Jujuy. Im Wahljahr 2023 hatte der damalige Gouverneur der Provinz eine Änderung der Verfassung von Jujuy angeordnet, die nicht nur die extraktivistische Wirtschaft vorantrieb, sondern sich auch über die Gemeinschaftsrechte der Indigenen Völker und Arbeitsrechte hinwegsetzte (siehe LN 591/592). Der breite Widerstand dagegen löste eine heftige Repression gegen die Jujeñxs aus.

Horizontal und partizipativ

Auf den Treffen gibt es verschiedenste Workshops, kulturelle Programmpunkte und mindestens zwei Demonstrationen: eine gegen Trans- femizide und Hassverbrechen gegen LGBTIQ+-Personen und eine große Abschlussdemonstration.

In diesen Tagen begegnet man Menschen aus dem ganzen Land, die lokal aktivistisch tätig sind. Plötzlich entstehen mögliche gemeinsame Pläne, Erklärungen und Initiativen, um sich wieder zu treffen. Die Dynamik ist horizontal und partizipativ. Es wird nicht abgestimmt, sondern versucht, geteilte Positionierungen über das jeweilige Thema zu erreichen.

In der derzeitigen politischen Lage, mit einer ultrarechten Regierung, die den Staat aushöhlt und feministischen und Menschenrechtsaktivismus offen angreift, haben sich viele von uns dafür entschieden, an einem Workshop teilzunehmen, der auch schon im vergangenen Jahr gut besucht war: der Antifaschismus-Workshop. Dort haben wir uns über Begriffskonzepte ausgetauscht, um das Phänomen zu verstehen und Erfahrungen geteilt, wie wir das vergangene Jahr in unseren sozialen Bewegungen politisch erlebt haben. Gleichzeitig haben wir uns mit den Charakteristiken der Ultrarechten in jeder Provinz vertraut gemacht. Wir haben unsere feministischen Errungenschaften Revue passieren lassen und verstanden, dass wir nicht aus Zufall Lieblingsobjekt der Angriffe sind: In unserem Land scheinen die traditionellen und ultrarechten Gruppen ihre Gemeinsamkeiten im frauen- und LGBTIQ+-feindlichen Diskurs und in der allgemeinen Stigmatisierung unserer Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit zu finden.

Die Auseinandersetzung über den digitalen Raum als Ort, in dem Ultrarechte sich wohlfühlen, war auch eine Möglichkeit, uns über unsere Recherchewerkzeuge auszutauschen. Viele von uns sind der Meinung, dass die sozialen Netzwerke sehr wichtig sind, um zu verstehen, wie Ultrarechte agieren, wer sie sind und wie ihre Agenda aussieht. Wir wollen damit nicht nur das alte Motto „Wissen ist Macht” verteidigen, sondern die Recherche auch in unsere alltäglichen politischen Praxen aufnehmen.

Jahrzehnte der Organisierung und des gemeinsamen Kampfes stärken uns den Rücken. In Momenten des Rechtsrucks ist es manchmal leicht, das zu vergessen. Aber die Möglichkeiten sind da. Es reicht zu sehen, wie wir uns die Straßen jeder Provinz zurückholen, gemeinsam und vergeschwistert in einer gemeinsamen Bewegung, um zu wissen: Dieser traurige Zustand bleibt nicht für immer.


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Hochschulen im Fadenkreuz

Landesweite Mobilisierung Studierende im Kampf gegen Mileis Sparkurs (Foto: Aurelia Tens)

In den vergangenen Monaten fügte der argentinische Präsident Javier Milei seiner langen Liste von Feinden einen weiteren wichtigen Sektor des Landes hinzu: die staatlichen Universitäten. Mit ständigen Beleidigungen und Angriffen nahm der Staatschef die Hochschulen ins Visier, indem er ihnen zunächst einen Budgetkrieg und danach einen eher symbolischen Krieg erklärte. Im Rahmen dieser Kampagne behauptete er in den Medien, dass die Universitäten unregelmäßig geführt würden und ordnete an, diese zu überprüfen − obwohl dies gesetzlich bereits seit vielen Jahren geschieht. Als Reaktion darauf, und auf eine mögliche Blockade eines Gesetzes, welche die Finanzierung von öffentlichen Hochschulen sichern sollte, begannen Behörden, Lehr- und Verwaltungspersonal sowie Studierende mit Streiks, landesweiten Demonstrationen und Unterrichtsstunden (auf der Straße), um ein Zeichen im Kampf für öffentliche Bildung zu setzen.

Im April 2024 begann das erste Kapitel dieses Konflikts: Die Universitätsgemeinschaft − wegen fehlenden Budgets in die Enge getrieben − beschloss, in allen Provinzen Straßenproteste zu organisieren. In Buenos Aires, dem Zentrum der Proteste, nahmen schätzungsweise 800.000 Menschen teil. Die Forderung richtete sich dagegen, dass die Regierung die Betriebsausgaben (das, was der Staat den Universitäten zur Deckung aller Kosten außer Gehältern überweist) auf dem Stand von Januar 2023 eingefroren hatte. Das bedeutete, dass die Universitäten immer noch den gleichen Betrag wie im Vorjahr erhielten, jedoch bei einer mittlerweile auf 300 Prozent angestiegenen Inflationsrate.

Neben dem Streit um den Haushalt folgten weitere um die Finanzierungsanpassung der Universitäten.. Entschlossen, den Staat zu zerstören sowie alle öffentlichen und kostenlosen Dienstleistungen, haben die Angriffe des Präsidenten ein klares Ziel: Die öffentlichen Institutionen zu delegitimieren, die er als „Kostenfaktor” betrachtet. So kam es Anfang Oktober zu einer erneuten Massenmobilisierung in allen Provinzen, und die Studierenden beschlossen, mehr als hundert Fakultäten im ganzen Land zu besetzen. Ein bedeutsames Ereignis in einem Land, das für seine hohe Bildungsqualität und den universellen Zugang zu diesem Recht bekannt ist.

Zwischen Universität und Volk besteht eine enge Verbundenheit

„Dies beweist, dass die Regierung die öffentlichen Universitäten schließen will. Sie will sie verkaufen und möchte keine kostenlose und hochwertige Bildung für alle. Aber das kann sie nicht direkt sagen, weil es sehr unpopulär ist“, erklärt Luki Grimson, Student der Politikwissenschaft an der Universidad de Buenos Aires, der größten des Landes, gegenüber LN. Grimson weiter: „Wir wollen mehr öffentliche Bildung, damit junge Menschen, die heute unter der Armutsgrenze leben, dank der Universität an eine bessere Zukunft denken können. Milei hingegen will sie privatisieren und dem Markt überlassen.“

Die Regierung weist solche Ziele zurück. LN gegenüber antwortete der stellvertretende Staatssekretär für Universitätsangelegenheiten, Alejandro Álvarez, dass weder ein Plan zur Schließung oder Verkleinerung des Studienangebots existiere noch eine Privatisierung vorgesehen sei. Aus seiner Sicht habe die Regierung bei Amtsantritt ein System vorgefunden, das daran gewöhnt sei, ohne jegliche Maßstäbe zu wirtschaften und sich mehr auf die Beschaffung eines höheren Budgets für die Bürokratie konzentriere, anstatt die Abschlussquoten zu verbessern. Auf die Frage, wie die Regierung das nationale Universitätssystem gestalten wolle, antwortete der Beamte, man müsse qualitativ hochwertige Abschlüsse in kürzerer Zeit erreichen und das System effizienter gestalten.

Doch einige Fakten widersprechen dieser Darstellung: Wenn das Ziel darin besteht, die Studiendauer zu verkürzen, warum hat die Regierung dann ein Gesetz blockiert, das eine Gehaltsanpassung für Lehrkräfte und nicht-akademische Universitätsmitarbeiter*innen vorsah? Warum sieht das Bildungsbudget für 2025 den niedrigsten Anteil am Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zehn Jahren vor? Und warum beleidigt und delegitimiert der Präsident die 66 staatlich geführten Universitäten?

Belén Sotelo, Vorsitzende der Gewerkschaft der Lehrkräfte an der Universidad de Buenos Aires, teilt Grimsons Ansicht und glaubt ebenfalls, dass eine Absicht bestehe, das Terrain für eine Kommerzialisierung der Hochschulbildung vorzubereiten. Zu den positiven Aspekten der vergangenen Monate zählt sie die breite Unterstützung durch die Gesellschaft: „Die Menschen unterstützen uns, weil die Universitäten historisch gesehen in unserem Land für sozialen Aufstieg stehen und tief im Bewusstsein der Bevölkerung verwurzelt sind. Zwischen der Universität und dem Volk besteht eine Verbundenheit, die schwer zu brechen ist.“

Unis stehen für sozialen Aufstieg

Es besteht zudem eine Kontroverse darüber, welche Institution die interne Kontrolle über die Hochschulen ausüben soll. Die Universitäten fordern, dass dies im Rahmen der Regelungen zur Hochschulautonomie geschieht, und lehnen die von Milei vorgeschlagene Behörde ab. Milei nutzt dies, um das Narrativ zu verbreiten, dass die Institutionen unrechtmäßige Geschäfte betreiben und keine Rechenschaft ablegen wollen. „Wir werden sie prüfen. Die Diebe werden in Argentinien keinen Frieden haben, denn wer Unrecht tut, zahlt dafür. Ich werde sie ins Gefängnis bringen“, erklärte er in den vergangenen Wochen. Seine Position ist jedoch nicht sehr populär: Laut einer Umfrage betrachten 86,4 Prozent der Befragten die öffentlichen Universitäten als Stolz des Landes.


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Rote Linie in Gefahr

Ehemaliges Haft-, Folter-, und Vernichtungszentrum Olimpo Menschenketten vor dem Zentrum im August 2024 (Foto: Tomás Fernández)

Seit seinem Amtsantritt vor knapp neun Monaten demontiert der argentinische Präsident Javier
Milei die Politik der Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit, für die Argentinien in der Region und weltweit bekannt ist. Errungenschaften der letzten Jahrzehnte in der Erinnerungspolitik werden
zunichte gemacht: Milei entzieht den zuständigen Regierungsstellen die Mittel, entlässt deren
Mitarbeiter*innen, baut Programme ab und ändert Vorschriften, die den Zugang zu Archiven für die juristische und historische Forschung erschweren. Dieser Angriff wird von Debatten begleitet, die die Strafprozesse zur Aufarbeitung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit delegitimieren. Zum Beispiel, indem die Straffreiheitsgesetze und Begnadigungen der 1980er und 1990er Jahre gelobt werden oder Positionen lauter werden, die behaupten, dass die Streitkräfte in den letzten Jahrzehnten durch die kritische Aufarbeitung der Vergangenheit gedemütigt würden. Diese Rückschritte in der Erinnerungsarbeit spitzten sich vor einem Monat zu, als ein Foto von regierungsnahen Kongressabgeordneten mit wegen Folter und Mord während der letzten Diktatur einsitzenden Verurteilten in einem Bundesgefängnis öffentlich wurde. Vier Jahrzehnte nach der Rückkehr der Demokratie besteht die Gefahr, dass die rote Linie, die nur mit großen gesellschaftlichen und institutionellen Anstrengungen gezogen werden konnte, wieder verschwindet.

Eine nicht so alte Diktatur

Am 24. März 2024 jährte sich zum 48. Mal der Militärputsch in Argentinien. Die Diktatur dauerte
sieben Jahre und hinterließ Zehntausende Verschwundene, Ermordete, Verbannte und Inhaftierte, etwa 500 gestohlene Kinder, deren Identität vertauscht wurde, sowie ein in diesem Land bis dahin unbekanntes Ausmaß an Armut und Auslandsverschuldung. Unmittelbar nach dem Ende der Diktatur im Jahr 1983 begann ein nachhaltiger Prozess der Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit, der im Laufe der Jahrzehnte verschiedene Etappen durchlief, mit Schwankungen und nie frei von Schwierigkeiten. Über die Jahre engagierten sich verschiedene Verwaltungseinrichtungen, die drei Staatsgewalten und die Staatsanwaltschaft als außerparlamentarisches Organ gemeinsam, was von einem Großteil der Gesellschaft getragen wurde. Besonders betroffen von den gegenwärtigen Angriffen auf die Erinnerungsarbeit sind die Verfolgung und Bestrafung der Verantwortlichen für die während der Diktatur begangenen Massenverbrechen, sowie die Freigabe und Untersuchung der Archive der Streit- und Sicherheitskräfte. Auch Prozesse der Wiedergutmachung für die Opfer, der Suche nach den gestohlenen Säuglingen und Kindern und der Wiederaufbau der mit der Unterdrückung in Verbindung stehenden Orte, um sie als Erinnerungsorte neu zu beleben, sind bedroht.

In Bezug auf die juristische Aufarbeitung ist eines besonders alarmierend: Präsident Javier Milei
lobte kürzlich die Begnadigungen von Militärs zwischen 1989 und 1990, Vizepräsidentin Victoria
Villarruel ermutigte die Suche nach einer „juristischen Lösung” für die Inhaftierten und die Ministerin für Sicherheit, Patricia Bullrich, betonte, es gäbe Inhaftierte „ohne Grund” und dass „[die Inhaftierung] zu einem Racheakt geworden ist”. Beamte des Verteidigungsministeriums besuchten hochrangige Mitglieder der damaligen repressiven Militär- und Polizeistruktur, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit inhaftiert sind. Außerdem trafen sich sechs Abgeordnete der Regierungspartei mit Personen, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden, um Strategien zur Straffreiheit zu entwickeln.

Fortschritte zur Aufarbeitung

In den letzen eineinhalb Jahren stützte sich die Aufarbeitung in Argentinien auf den Beitrag der staatlichen Archive der Streit- und Sicherheitskräfte, die 2010 freigegeben wurden. Es gab Fortschritte hinsichtlich der Zusammenstellung und Analyse von Dokumenten in wichtigen Bereichen wie dem Verteidigungs- und dem Sicherheitsministerium. Dies ermöglichte, die Strukturen und Befehlsketten des repressiven Systems zu verstehen und Verantwortliche im Militärpersonal zu identifizieren. Das derzeitige Verteidigungsministerium beendete diese Arbeit, indem Mitarbeiter*innen seitens der Regierung als „Verfolgungsgruppe“ und des McCarthyismus bezichtigt wurden, sowie ihre Rechtmäßigkeit als „parajuristisch“ diffamiert wurde.

Darüber hinaus weigerten sich sowohl das Verteidigungs- als auch das Sicherheitsministerium,
auf die von der Nationalen Kommission für das Recht auf Identität (CONADI) gestellten Anträge, Auskünfte über die Archive der Streit- und Sicherheitskräfte zu geben. Die 1992 gegründete Stiftung sucht nach Kindern, die während der Militärdiktatur verschwunden sind und zumeist von Familien adoptiert wurden, die Streit- und Sicherheitskräften nahe standen. Die Regierung beschloss außerdem, die der CONADI unterstellte Sonderermittlungseinheit (UEI) aufzulösen und damit auch ihren direkten Zugriff auf Archive einzustellen, wodurch bisher Fälle von Kindesdiebstahl dokumentiert und die Ermittlungen der Richter*innen und Staatsanwält*innen unterstützt werden konnten.

Argentinien war zudem Vorreiter in der Region bei der Verabschiedung eines progressiven Gesetzes
für Gedenkstätten. Dieses sieht sowohl ein Kennzeichnung von Orten vor, die als geheime Zentren für Inhaftierung, Folter und Vernichtung dienten, als auch die Unterstützung von Gedenkstätten durch Bildungs-, Kultur-, Kunst- und Forschungsaktivitäten. All das dient der Vermittlung und Förderung der Menschenrechte. Die Regierung halbierte zunächst die Stellen des Nationalen Sekretariats für Menschenrechte. Und obwohl ein großer Teil der Mitarbeiter*innen wieder eingestellt wurde, sind ihre Verträge nun auf drei Monate befristet. Dies bringt nicht nur die Mitarbeiter*innen in eine prekäre Lage, sondern auch die Nachhaltigkeit dieser Einrichtungen. Gleichwohl sind die Räume unterfinanziert, und die geplanten Infrastrukturarbeiten wurden vollständig eingestellt.

Der symbolträchtigste dieser wiedergewonnenen Erinnerungsräume auf nationaler und internationaler Ebene ist die ehemalige Marineschule (ESMA), die zum Nationalen Historischen Denkmal, zum Kulturgut der Wirtschaftsorganisation MERCOSUR und zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Im Mai besichtigte eine Gruppe von Unteroffizieren der Marine das Gelände, die an zwei symbolträchtigen
Orten den Marsch der Marine anstimmten und ein Loblied auf die ESMA sangen. Vor einem der an den Todesflügen eingesetzten Flugzeuge haben sie Selbstporträts aufgenommen. Die beteiligten Besucher*innen teilten die Fotos in den Sozialen Medien mit expliziten Botschaften, in denen sie ihren Besuch als einen Akt der Rückeroberung eines „usurpierten Raums“ bezeichneten. Auf eine öffentliche Anfrage zur Erklärung hin, spielte Verteidigungsminister Luis Petri den Vorfall herunter.

Die mit der Erfahrung des Staatsterrorismus verbundene Vermittlungsarbeit, die an Gedenkstätten und auch von Lehrenden in Bildungseinrichtungen geleistet wird, wird heute von der Regierung als „Aktion der Indoktrination“ bezeichnet und als Mittel verzerrender oder bösartiger Darstellungen disqualifiziert. Gleichzeitig verwenden hochrangige Beamte eine breite Palette von Argumenten, die typisch für das Repertoire der Leugner*innen oder Relativist*innen sind: Sie schaffen Kontroversen über die Opferzahlen, leugnen den systematischen Charakter der begangenen Verbrechen, verharmlosen oder ignorieren diese, rechtfertigen die staatliche Gewalt, entmenschlichen die Opfer und diskreditieren Aktivist*innen im Kampf um Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit.

Wiedergutmachung in Gefahr

Auch die Politik der finanziellen Wiedergutmachung für die Opfer des Staatsterrorismus, die seit 1990 unter wechselnden Regierungen fortgesetzt, aufrechterhalten und ausgeweitet wurde, ist in Gefahr. Der Minister für Justiz und Menschenrechte kündigte eine umfassende Prüfung aller laufenden Entschädigungsanträge an, die 22.500 Akten umfassen würde. Das Ministerium teilte mit, dass während der laufenden Prüfung „die Zahlungen gestoppt werden“ und begründete die Entscheidung mit der Annahme, dass es sich um „ein Festival der Zahlungen, der Schaffung von Strukturen, um Geld vom Staat zu erhalten“ handele, in der klaren Absicht, die Erinnerungspolitik zu delegitimieren. Ihre Demontage erfolgt im Zusammenhang wiederholter Erklärungen des Präsidenten, der Vizepräsidentin und verschiedener Minister, die sich gegen den Prozess der Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit und für die Gewaltakte der Streitkräfte während der Diktatur aussprechen. Im Kabinett herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass man „die Vergangenheit hinter sich lassen“ muss. Die neue Regierung fördert eine Verachtungskultur für den Prozess der Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit, während sie gleichzeitig die Lehren der letzten Jahrzehnte verwirft und die Akteur*innen stigmatisiert, die diese vorangetrieben und weitergeführt haben.

Dieser Paradigmenwechsel zwingt die Teile der Gesellschaft in die Defensive, die seit der Wiederherstellung der Demokratie im Jahr 1983, unter verschiedenen Regierungen und mit dem Engagement aller Staatsgewalten, eine Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung der Verbrechen aufgebaut haben. Letztlich handelt es sich um den Versuch, die kritische Bilanz der Diktaturerfahrung umzuschreiben, die die argentinische Gesellschaft über Jahrzehnte mühsam aufgebaut hat, um die Gültigkeit autoritären Konsenses wiederherzustellen.


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// Das Soziale Medienfeld nicht räumen

Soziale Medien gehören heute zu den wichtigsten Kanälen der Kommunikation. Bei jungen Menschen haben sie sich nicht nur als Mittel zur Kontaktaufnahme etabliert, sondern sind auch zentrale Quelle für politische Informationen. Etwa 73 Prozent der 16- bis 24-Jährigen in Deutschland nutzen laut Statista soziale Medien.

Doch die utopische Hoffnung der frühen Jahre des Internets, dass soziale Netzwerke demokratische und konstruktive Debattenräume sind, steht heute einer Realität gegenüber, in der vor allem die Rechten von den Mechanismen dieser Plattformen profitieren. Mechanismen wie zum Beispiel Algorithmen, die polemische, emotionsgeladene Beiträge favorisieren und die Entstehung von Filterblasen und Echo-Kammern provozieren. Soziale Medien bilden heute ein Umfeld, in dem einfache, polarisierende Botschaften bevorzugt werden. Negative Emotionen wie Angst oder Wut, mit denen rechte Diskurse gekonnt spielen, haben es daher leichter.

In Zeiten des Daten- und Überwachungskapitalismus sind zudem nicht nur die internen Dynamiken und ihre Auswirkungen Objekt der notwendigen Kritik, sondern auch die dahinterstehenden Besitzverhältnisse. Elon Musk & Co scheffeln massenweise Geld mit den Daten der Nutzer*innen und erweitern ihre Möglichkeiten der Einflussnahme. Aber es wäre ein gravierender Fehler, dies festzustellen und dann das Feld jenen zu überlassen, die daraus Vorteile ziehen. Die Skepsis der Linken gegenüber den Dynamiken der sozialen Medien ist zwar fundiert, jedoch nicht konstruktiv, wenn sie an dieser Stelle hängen bleibt. Genauso wie in Bezug auf andere Produkte im Kapitalismus können Boykott oder Ansätze des kritischen Konsums eine Möglichkeit sein, reichen aber als Strategie nicht aus. Vor allem helfen sie nicht dabei, die Linke wieder zu der Massenbewegung zu machen, die sie sein muss, um etwas zu verändern. Ob wir es wollen oder nicht: In der Gesellschaft, wie sie heute ist, sind soziale Medien zentral für politische Arbeit.

Und es gibt durchaus Beispiele dafür, wie diese erfolgreich von linken Gruppen und Organisationen genutzt wurden. Die Transnationalität der heutigen feministischen Bewegung geht zu großen Teilen auf das Nutzen sozialer Medien als Kommunikationskanäle zur Verbreitung von Informationen, Vernetzung und Mobilisieurng zurück. Als 2019 Feminist*innen auf der ganzen Welt die Performance „Un violador en tu camino“ (dt.: Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) des chilenischen Kollektivs Las Tesis nachahmten, nachdem diese über Facebook, Youtube und Instagram weltweit Berühmtheit erlangt hatte, wurde dies symbolisch deutlich. Auch die Kampagne #MileiNoSosBienvenido der Asamblea en Solidaridad con Argentina in Berlin und anderen Städten Deutschlands und Europas im vergangenen Monat kann als Positivbeispiel dienen: Mit der Kombination von verschiedenen Straßenaktionen und Publikationen ist es der Asamblea in kurzer Zeit gelungen, Tausende zu mobilisieren und Presseaufmerksamkeit zu generieren – alles mit Social Media als Hauptkommunikationskanal.

Es ist also möglich, linke Präsenz durch soziale Medien zu verstärken, Referenzfiguren und Perspektiven gerade an jüngere Leute heranzutragen. Dabei ist es zentral, das Publikum zu verstehen. Es geht meistens nicht nur um Aufklärung, sondern um Dialog und darum, gemeinsame Aktionsperspektiven zu finden. Die sozialen Medien können eine unterstützende Funktion für Aktivismus haben. Und für diese Funktion muss gekämpft werden. Seit es das Internet gibt, gibt es auch kritische Menschen, die sich die virtuellen Räume aneignen und sich, genau wie auch aus anderen Räumen, nicht vertreiben lassen. Die entsprechende kreative Hackerstrategie können wir uns zueigen machen.


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