Paraguay besiegt Deutschland bei der Männer-Fußball-Weltmeisterschaft

Am 29. Juni siegte Paraguay über Deutschland und schaltete die europäische Mannschaft im Achtelfinale aus. Im Laufe der Partie erzielten beide Teams jeweils ein Tor, sodass das Elfmeterschießen über den Einzug in die nächste Runde entscheiden musste. Das Team aus Deutschland, das zuvor noch nie ein Elfmeterschießen bei einer Männer-WM verloren hatte, verschoss drei Elfmeter und ermöglichte damit den historischen Erfolg Paraguays.

Der Sieg löste im ganzen Land große Begeisterung aus. Per offiziellem Dekret erklärte Präsident Santiago Peña den 30. Juni zum nationalen Feiertag. Seit 2010 hatte Paraguay nicht mehr an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Bei der WM 2026 kehrte die Nationalmannschaft mit namhaften Spielern zurück, darunter Gustavo Gómez, der guaranischer Abstammung ist, sowie Torhüter Orlando Gill, der sich insbesondere durch seine Paraden im Elfmeterschießen auszeichnete.

Die südamerikanische Mannschaft schied jedoch im Achtelfinale nach einer Niederlage gegen Frankreich aus, das in der zweiten Halbzeit den entscheidenden Treffer erzielte. Zum Redaktionsschluss ist Argentinien die einzige verbleibende lateinamerikanische Nationalmannschaft im Turnier.


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Kulturkampf von
 oben rechts

Schreckgespenst Genderideologie Von Lobby kann man vor allem auf rechtskonservativer Seite sprechen (Foto: Johanna Fuchs)

„Ab heute sieht die offizielle Politik der Regierung der Vereinigten Staaten vor, dass es nur zwei Geschlechter gibt: männlich und weiblich.“ Es ist der 20. Januar 2025 und mit diesen Worten eröffnet Donald Trump seine zweite Amtszeit als Präsident. Fünf Tage nach Trumps Rede legt Argentiniens Präsident Javier Milei beim Weltwirtschaftsforum in Davos mit den Leitlinien für seinen Kulturkampf nach. Seine Rede hat Agustín Laje verfasst, er ist Geschäftsführer der Fundación Faro, einem lokalen Think Tank, der libertäre politische Führungskräfte ausbildet. „Sie wollen uns weismachen, dass Frauen Männer und Männer Frauen sind, nur weil sie sich selbst so wahrnehmen. Und sie schweigen dazu, dass ein Mann als Frau verkleidet seinen Rivalen im Boxring tötet, oder ein Häftling behauptet, eine Frau zu sein, und am Ende jede Frau vergewaltigt, die ihm im Gefängnis über den Weg läuft“, versichert Milei. Das Publikum aus Politiker*innen, Unternehmer*innen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft spendet seiner Rede nur spärlichen Applaus.

Der Geschlechterbinarismus ist ein wichtiger Bestandteil des politischen Programms der globalen extremen Rechten. Die Behauptung, es gebe ausschließlich zwei Geschlechter, soll von Staaten über Stiftungen bis hin zu NGOs, im privaten wie im öffentlichen Bereich gefestigt werden. Dazu instrumentalisieren rechte Akteure moralische Panik: In ihrer Erzählung können trans Personen in einem Gefängnis vergewaltigen oder ihren Gegner in einem Boxkampf töten, Schwule sind Pädophile und Feministinnen gewalttätig. In der Angst liegt der Kern der antifeministischen und anti-trans Erzählung, die konservative Gruppen weltweit unisono verbreiten.

In Argentinien löste Mileis Rede eine entschlossene Reaktion aus: Am 1. Februar 2025 fand der erste bundesweite antirassistische und antifaschistische Pride-Marsch statt (siehe LN 609), der bislang größte Widerstand gegen die Regierung von Milei und seine Partei La Libertad Avanza (LLA). Doch nur wenige Tage später unterzeichnete der Präsident das Dekret 62/2025, das Artikel 11 des seit 2012 in Argentinien geltenden Gesetzes zur Geschlechtsidentität änderte. Hormonbehandlungen und Operationen bei Minderjährigen sind fortan verboten. LGBTIQ*-Organisationen erklärten, dass mit dieser Ankündigung versucht werde, trans Menschen zu stigmatisieren: denn laut dem geltenden Gesetz durften chirurgische Eingriffe auch bisher nur bei volljährigen Personen durchgeführt werden.

Konservative Bündnisse verfolgen in ihrem „Kulturkampf“ eine facettenreiche Strategie, und ihre koordinierten Angriffe haben einen gemeinsamen Feind: die „Gender-Ideologie”, wie sie die feministische Bewegung abwertend bezeichnen. Nuria Alabao, Anthropologin und Forscherin zu Feminismus und Rechtsextremismus, beschreibt in ihrem Buch Las guerras de género (Die Geschlechterkriege), wie sich Ende der 1960er Jahre das Bündnis zwischen Liberalen und religiösen Konservativen entwickelte. „Wenn man von Geschlechterkriegen spricht, darf man nicht vergessen, dass Geschlecht für die Strukturierung der gesellschaftlichen reproduktiven Ordnung zentral ist. Das heißt, es organisiert beispielsweise die Pflege und die Reproduktion der Arbeitskräfte im kapitalistischen Sinne“, erklärt die Autorin und wagt eine Hypothese: Die extreme Rechte versucht, politische Fragen auf die Ebene eines moralischen Konflikts zu verlagern.

Moralische oder materielle Debatte?


Wenn sich Wirtschaft und Moral verbinden, um den Fundamentalismus vergangener Zeiten und die traditionelle Familie zu fördern, muss die LGBTIQ*-Community als Sündenbock herhalten. Dazu bedienen sich Rechte ebenso verlogener wie wirkungsvoller Argumente: Der angebliche Schutz und die Fürsorge für Kinder vor einer „indoktrinierenden Sexualerziehung“; ein Gesetz zur Geschlechtsidentität, das „die Verstümmelung von Körpern fördert“, und Behandlungen, die „Frauen auslöschen“.
Hier gebe es ein „Spannungsfeld zwischen der elterlichen Verantwortung und der Genehmigung ür die staatliche Sexualerziehung. Die konservativsten Kreise wollen, dass die Erziehung zu Hause stattfindet. Und wer würde sie übernehmen? Die Frauen“, sagt Maria Luisa Peralta, lesbische Aktivistin und Expertin für internationale Politik, die die Debatten bei den Vereinten Nationen und der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) aufmerksam verfolgt.

„Das Ziel ist es, viele Dinge innerhalb der Familien zu privatisieren, damit sich der Staat aus der Bereitstellung dieser Dienstleistungen zurückzieht“, erklärt sie. In diesem Sinne ist das Gesetz zur Geschlechtsidentität ein attraktives Ziel für die extreme Rechte. Die Angriffe reichen von Lobbyarbeit im Kongress bis hin zu großen Zusammenschlüssen. Carolina Zabala stammt aus Neuquén und nahm im Mai 2025 an einer „Informationsveranstaltung gegen die Sexualisierung von Kindern und institutionelles Grooming“ des argentinischen Senats teil. Bei einer Ausstellung in der Schule ihrer Töchter sei ihr eine Zeichnung eines 8-jährigen Jungen aufgefallen: „Es war eine Gegenüberstellung, die zeigte, dass das, was früher ein Mädchen war, nun ein Junge sein konnte und umgekehrt. Allein den Gedanken, wie viel Schaden und Verwirrung man bei diesem Kind gesät hatte, konnte ich kaum ertragen“, erklärte sie bei der Veranstaltung, die von LLA-Senator Juan Carlos Pagotto und dem Verein Padres Unidos organisiert wurde. Veranstaltungen dieser Art finden häufig in den Sälen des Senats statt, dessen Präsidentin Victoria Villarruel ist.

Schnittstellen zu transfeindlichem Feminismus


Am 16. April 2025 fällte der Oberste Gerichtshof des Vereinigten Königreichs ein historisches und sehr umstrittenes Urteil, das die Definition des Begriffs „Frau“ im Gleichstellungsgesetz von 2010 präzisierte und damit trans Frauen vom Zugang zu Rechten ausschließt, die feministische Kämpfe errungen haben. Im Februar 2025 dann forderte die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Reem Alsalem, Regierungen dazu auf, die rechtliche Definition des Geschlechts auf das biologische Geschlecht zu stützen. Das Völkerrecht schütze Frauen aufgrund ihres biologischen Geschlechts, nicht aufgrund ihrer subjektiven Selbstidentifikation, so Alsalem.

Laut Maria Luisa Peralta lehnen viele der Organisationen, die Alsalem unterstützen, Sexarbeit, Leihmutterschaft, und die Konzepte Geschlecht und geschlechtsspezifische Gewalt an sich ab. Die Verbindung zwischen ultrakonservativen Organisationen und Feminismus, der trans Personen ausschließt (TERF) ist laut Peralta nicht schwer herzustellen: „In dem von Alsalem erstellten Bericht über geschlechtsspezifische Gewalt wird unter anderem die Organisation Alliance Defending Freedom (ADF) genannt, eine konservative, christliche Organisation mit Sitz in den Vereinigten Staaten, die sich für Religionsfreiheit, Elternrechte, die Heiligkeit des Lebens und die traditionelle Ehe einsetzt.“

Eine weitere Organisation, die im Bericht als Quelle genannt wird, ist Matria, ein brasilianischer Verein, der laut eigener Aussage für den Schutz der Pubertät und des Frauensports und gegen die Manipulation der Sprache kämpft, die die Rechte von Frauen und Mädchen beeinträchtige. Die Women’s Liberation Front (WoLF) ist eine radikale feministische Organisation mit Sitz in den Vereinigten Staaten, die 2013 von Lierre Keith gegründet wurde. Viele der Frauen, die derzeit der Organisation angehören, werden zu Podiumsdiskussionen eingeladen, die von der Stiftung Atlas Network organisiert werden, Thinktanks, die den Liberalismus und die Prinzipien des freien Marktes fördern, sowie von der Heritage Foundation. Jennifer Chávez, Mitglied von WoLF, verlas dort einen Brief, in dem sie die zunehmende Sichtbarkeit und Akzeptanz von trans Personen als „eine gesellschaftliche Ansteckung im Internet“ bezeichnete.

Die von politischen Parteien gegründeten Stiftungen bilden eine fruchtbare Allianz im Kampf um die „kulturelle Vorherrschaft“. Das Herzstück, in dem Gespräche geführt und gemeinsame Strategien entwickelt werden, ist die Conservative Political Action Conference (CPAC), die 1974 zur Unterstützung der Republikanischen Partei in den USA gegründet wurde, um den Widerstand gegen die Legalisierung der Abtreibung zu organisieren. Die CPAC fand im Dezember 2024 zum ersten Mal in Argentinien statt, mit Präsident Javier Milei als Gastgeber. Der Gipfel diente als Plattform für Persönlichkeiten der globalen Rechten, wie Santiago Abascal (VOX) sowie Anhänger*innen Bolsonaros und Trumps, und offenbarte deren transnationale Vernetzung. Die Verbindung zum Trumpismus und damit auch die zentrale Rolle der Heritage Foundation ist entscheidend: Der Thinktank, der in der Vergangenheit Ronald Reagan oder Margaret Thatcher unterstützte, vertritt nicht nur ultrakonservative Interessen, sondern ist auch der Architekt des „Projekts 2025“, dem Fahrplan der Trump-Regierung für strenge Grenzkontrollen, erweiterte präsidiale Befugnisse und die Stärkung christlicher Werte und der traditionellen Familie einschließlich der Anordnung, nur zwei Geschlechter anzuerkennen.

Ultrakonservative in strategischen
 Positionen

Stiftungen liefern den Parteien nicht nur die ideologische Grundlage, sondern verleihen ihnen auch finanzielle und militante Stärke: In Europa organisieren sie sich über das Forum Madrid, insbesondere die spanische Partei VOX unter der Führung von Santiago Abascal, die eine finanzielle Symbiose mit ihrem Propagandaarm, der Stiftung Disenso, unterhält. Der Rechnungshof dokumentierte millionenschwere Überweisungen von VOX an Disenso und deckte damit auf, wie Parteigelder direkt in eine ultrakonservative und antifeministische Agenda fließen, um die europäische Politik zu beeinflussen. In Argentinien kopiert die Regierung von Milei diese Struktur mit der Fundación Faro.

Als Milei im Dezember 2023 sein Amt antritt, hat er keine Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung und vertritt eine neue Partei, die bis kurz vor den Wahlen weder über ein örtliches Netzwerk noch über institutionalisierte wirtschaftliche oder soziale Unterstützung verfügt. In dem Buch Está entre nosotros von Pablo Semán taucht der Begriff des „Fusionismus“ auf, der entscheidend ist, um die Strategie und Identität der radikalen Rechten in Argentinien zu verstehen. Der Fusionismus bezieht sich nicht auf eine Zusammenführung auf ideologischer Ebene, sondern auf einen Mechanismus der politischen Koexistenz von unterschiedlichen historischen Strömungen der Rechten in Argentinien: Liberale sollen in strategische Positionen der Regierung gebracht werden, gleichzeitig werden Brücken zu den verschiedenen ultrakonservativen Sektoren im Land geschlagen.

Eine dieser Schlüsselpositionen ist das Kultussekretariat, das bis Ende 2025 von Nahuel Sotelo geleitet wurde, frischgebackener Abgeordneter für die Provinz Buenos Aires und Vertrauter von Santiago Caputo. Sotelo war im Amt auf den ehemaligen Abgeordneten aus Neuquén, Francisco Sánchez, gefolgt, der zum Red Política de Valores gehört – einer globalen Koalition von Politiker*innen und Führungskräften, die sich „der Verteidigung des Lebens und der Familie verschrieben haben“ – und deren Konferenzen Cumbres Transatlánticas unter anderem den ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu ihren Gastgebern zählten.

Eine weitere dieser Ernennungen betraf Ana Belén Marmora mit Vergangenheit in der ultrakatholischen Organisation Frente Joven im Sekretariat für Kinder, Jugendliche und Familie. Marmora stammt aus dem katholischen Extremismus der De La Torre in San Miguel, einer bekannten Hochburg der Anti- Rechte-Politik in der Provinz Buenos Aires. Marmora war dort tätig, bis sie ins Sekretariat für Menschenrechte berufen und Direktorin des Internationalen Zentrums zur Förderung der Menschenrechte (CIPDH) wurde.

Zu diesem Netzwerk gesellt sich die Wissenschaftlerin Úrsula Basset. Die Doktorin der Rechtswissenschaften an der Katholischen Universität Argentiniens (UCA) wurde aus dem Außenministerium entlassen, um in den Zuständigkeitsbereich des Justizministeriums zu wechseln. Im Jahr 2010 hatte sie das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe als „zerstörerisch“ und „unvernünftig“ bezeichnet und spielte im Senat eine wichtige Rolle als Gegnerin des Gesetzentwurfs zum freiwilligen Schwangerschaftsabbruch.

„Argentinien hat das biologische 
Konzept der Frau gegen die
Genderideologie verteidigt”

Als eine Art Jahresrückblick 2025 veröffentlichte Agustín Laje einen ausführlichen Tweet, in dem er die „Erfolge“ des Kulturkampfes der Regierung aufzählte. „Argentinien hat das biologische Konzept der Frau gegen die Genderideologie verteidigt, die die Frau von der internationalen Agenda zugunsten des Konzepts ‚Gender‘ tilgen will“, so Lajes Kreuzzug gegen trans Personen, ganz im Einklang mit TERFs.
Doch welche politischen Spektren teilen die strategischen Ziele, die die Libertären im sogenannten Kulturkampf verfolgen, wirklich? Wie knüpfen sie an eine gesellschaftliche Stimmung an, die zum Faschismus neigt? Die antifaschistische und antirassistische Pride-Demonstration wurde von der LGBTIQ*-Community einberufen und war eine bundesweite Basisbewegung quer durch alle Lager, die eine oppositionelle gesellschaftliche Stimmung aufgegriffen hat.

Es bleibt abzuwarten, ob diese Stimmung in irgendeiner Weise wiederbelebt werden kann: als Ablehnung, als Hoffnung oder einfach als Ungehorsam gegenüber dem von der Regierung vorgeschlagenen Projekt, das nicht nur LGBTIQ*-Personen und Feministinnen ausschließt, sondern auch alte Menschen, Menschen mit Behinderung und Arme. Es ist diese Andersartigkeit, über die der Mantel der moralischen Panik gelegt wird, um eine Ordnung wiederherzustellen, die nur für wenige funktioniert.


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Frederic Schnatterer: Freiheit für wen? Mileis Argentinien als Versuchslabor der Ultrarechten

Coverbild des Buchs "Freiheit für wen? Mileis Argentinien als Versuchslabor der Ultrarechten". Zu sehen ist ein Foto von Milei mit Kettensäge

Röhrende Kettensäge, Rockermähne, Rumgezeter: Ende 2023 übernahm Javier Milei die Präsidentschaft in Argenti­nien. Aus Parlamentswahlen im Herbst 2025 ging er, flankiert von der US-Regierung, gestärkt hervor. Auch international heißt es über den selbsternannten Anarchokapitalisten oft, er bringe Argentinien nach Jahrzehnten der Misswirtschaft wieder auf Vordermann. Doch woraus besteht sein ultraliberales Schockprogramm? Wer profitiert von, wer leidet unter der Rosskur? Welchen Schaden nimmt die Demokratie? Ist die Kettensäge Ausdruck einer international erstarkenden Ultrarechten in einer Welt des Umbruchs? Und: Wie steht es um den Widerstand in einem Land, das sich einer rebellischen Tradition rühmt? Ausgehend von Mileis Schlachtruf »Es lebe die Freiheit, verdammt!« fragt der Autor, wessen Freiheit gemeint ist. Dafür sprach er mit Expertinnen, Politikern, Aktivistinnen und Journalisten, war auf Demonstrationen, in Suppenküchen oder bei Militärparaden. Er besuchte Lithium- und Kupferminen, das Öl- und Gasfeld Vaca Muerta und Wahlkampfveranstaltungen. Seine Analyse gibt, journalistisch aufbereitet, Hinweise darauf, welche Lehren aus dem Projekt Milei zu ziehen sind.

Frederic Schnatterer, Jg. 1988, studierte Spanisch, Geschichte und Lateinamerikastudien in Berlin und Buenos Aires. Später als Redakteur unter anderem bei den LN tätig, heute freier Journalist und Autor zwischen Berlin, Madrid und Buenos Aires.

Frederic Schnatterer // Freiheit für wen? Mileis Argentinien als Versuchslabor der Ultrarechten // Neue Kleine Bibliothek 357 PapyRossa Verlag // 2026 // Paperback // 187 Seiten // 16,90 Euro


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Ich komme von nirgendwo, von hier

© Ezequiel Salinas

Der Wald ist sonnendurchflutet, aber die Stimmung angespannt. Aufgeregte Stimmen einiger Frauen verstummen an einer Polizeiabsperrung, die Kamera folgt einer Gruppe Menschen bergauf: Soldaten und Polizisten, die schusssichere Westen tragen, als sei jederzeit ein Angriff zu befürchten. Daneben Beamt*innen der Nationalpolizei in weißen Overalls und Personen in ziviler Kleidung. Langsam wird deutlich: die Szene ist Teil der Ermittlungen zur Ermordung des Mapuche Rafael Nahuel durch Angehörige der argentinischen Prefectura Naval. Der Film Bosque arriba en la montaña(Wald oben auf dem Berg) beginnt am Tatort, doch lange Zeit nach der Tat.

Während Freund*innen des jungen Mapuche nur mit Mühe die Fassung bewahren können, als sie berichten, wie Nahuel in jener Nacht angeschossen neben ihnen zu Boden ging, zeigen sich die Polizisten wortkarg und unberührt. Keine Stimme aus dem Off ordnet das Gezeigte ein, oft untermalen nur die Geräusche des Waldes und das schwere Atmen der Person, die sich mit der Kamera den Berg hinaufquält, das Gezeigte. Collagen aus Fotos des Tatorts und von Gerichtsakten überlagern die Bilder und schärfen das Gefühl: Was hier geschehen ist, lässt sich nicht aufarbeiten. Wie zum Beweis nimmt uns Regisseurin und Menschenrechtsanwältin Sofía Bordenave unkommentiert mit in den nächsten Abschnitt des offiziellen Aufarbeitungsprozesses.

Den größten Teil des Films nimmt die Hybrid-Übertragung eines Prozesstags aus einem Gerichtssaal ein. Wie in der Szene im Wald wird hier erst langsam deutlich, was eigentlich geschieht. Die Angeklagten sind teilweise nur per Video zugeschaltet, es gibt Übertragungs- und Verständigungsprobleme: auf die einfache Frage eines Anwalts der Verteidigung, ob die Ausbildung der Prefectura Naval den Einsatz tödlicher Waffen gegen fliehende Personen vorsieht, täuschen die angeklagten Polizisten konsequent Tonprobleme vor. Den Mapuche, die als Zeug*innen aussagen, wird verwehrt, in Mapudungun zu reden. Der Hauptangeklagte wirft kurzerhand den Richtern vor, für den Niedergang des Landes verantwortlich zu sein.

Eine Fahrt in einem alten Renault R12 über endlose Landstraßen erlöst kurzzeitig aus der quälenden Prozessbetrachtung. Mit im Auto sitzt die Mapuche Mirta Ñancunao, die erklärt, warum sie nicht sagen kann, woher sie kommt, nur, dass sie von hier ist: Die Geschichte ihrer Familie ist die eines Genozids, einer ewigen Vertreibung. Nachdem die sogenannte Eroberung der Wüste die überlebenden Indigenen immer weiter nach Süden drängte, wurde schließlich der Urwald zugunsten von Pinienplantagen abgeholzt und zugewiesenes Land nach Gutdünken wieder weggenommen. Regisseurin Sofía Bordenave greift auf einen unglaublichen Schatz alter Fotografien zurück. Die Bilder von Soldaten und Dampfzügen in Patagonien bebildern nicht nur die Erzählung, sondern auch Aussagen des Gerichtsprozesses und machen deutlich, dass Gewalt und Vertreibung nie aufgehört haben. Ebensowenig wie der Widerstand, wie etwa Archivaufnahmen der Punkszene Bariloches aus den 1990er Jahren beweisen. Dort fanden junge, in der Stadt aufgewachsene Mapuche einen Ausdruck für ihre Wut und gleichzeitig Zugehörigkeit in der Gemeinschaft.

Sofía Bordenave ist ein Film gelungen, der gerade weil er hauptsächlich anhand der offiziellen Ermittlung und Verfahren erzählt wird, umso schmerzhafter wirkt. Bis auf das Interview mit Ñancunao, stehen die Aussagen genauso für sich wie die atemberaubenden Naturaufnahmen, die man spätestens nach diesem Film mit einem anderen Blick sieht.

Trotz der schleppenden Aufarbeitung sind die beteiligten Beamten für den Mord an Rafael Nahuel verurteilt worden. In einer weiteren Instanz wurden die Urteile wurden bestätigt, doch bis zu einer Verhandlung vor dem obersten Gericht bleiben die Beamten auf freiem Fuß. Die Gewalt, die dahintersteht, geht unvermindert weiter.


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„Es gibt keine Kohle“

Immer mit Kettensäge Das Cover des beim PapyRossa-Verlag erscheinenden Buchs

„Heute könnte es heiß werden“, sagt Nancy Yulán. Die 63-Jährige spricht nicht von den Temperaturen, die an diesem Oktobernachmittag angenehm frühlingshaft sind. Sie meint das Vorgehen der Polizei. „Ich habe immer eine Gasmaske und eine Taucherbrille dabei. Man weiß nie, was passiert“, ergänzt die Rentnerin und schiebt ihre Brille zurecht. Mittlerweile halte sie sich lieber etwas im Hintergrund, achte auf ihre Unversehrtheit, nachdem sie bereits drei Mal habe ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. „Ich wurde von Gummigeschossen getroffen, sie haben mich mit Schlagstöcken malträtiert“, erzählt Yulán. Auf dem Kopf trägt sie einen Fahrradhelm. „Zur Sicherheit“, sagt sie.

Wenige Meter entfernt, in der ersten Reihe der Versammlung, kommt es zu lauten Wortgefechten zwischen Demonstrierenden und Einsatzkräften. Ein alter Mann, mindestens 70 Jahre alt, wird von einem Polizisten geschubst, geht zu Boden und muss behandelt werden. Yulán ist jeden Mittwoch hier, vor dem Kongressgebäude im Zentrum von Buenos Aires. „Seit fast zwei Jahren“, sagt sie. „Seit dem ersten Tag der Regierung Milei sind wir auf der Straße. Und hier bleiben wir, bis er weg ist.“ Woche für Woche protestieren die Rentnerinnen und Rentner auf dem Platz. Mittlerweile sind die Demonstrationen zu einem Symbol des Widerstands gegen den Sozialkahlschlag der Milei-Regierung und die immer schlechtere Versorgungslage der Bevölkerung geworden. Das betont auch Manuel Gutiérrez. Er ist Vorsitzender des Koordinierungstisches (Mesa de Coordinación de los Jubilados de la República Argentina), der die Rentnerproteste organisiert.

Nicht ohne Stolz sagt er: „Unser Kampf ist zu einer Bastion des Widerstands gegen die Grausamkeit dieser Regierung geworden, zu einer Bastion des Kampfes der gesamten Bevölkerung.“ Auch Yulán ist Teil der Mesa. Früher war sie im mittlerweile aufgelösten Movimiento al Socialismo (MAS) aktiv. Am Koordinierungstisch nimmt sie nun als autoconvocada teil, wie sie betont, also unabhängig von einer politischen Organisation. Andere Aktive gehören zu linken Parteien oder Gewerkschaften. Sie treffen sich in einem Lokal nur wenige Straßenblocks vom Kongress entfernt. Im ersten Stock eines alten Gebäudes, das wie so viele im Zentrum von Buenos Aires ein wenig baufällig wirkt, liegt die Kommandozentrale. Hier werden die Demonstrationen geplant, Pressemitteilungen und Positionen kontrovers diskutiert. Auch Ausstellungen organisieren sie.

Der Kürzungskurs der Regierung trifft besonders die Ärmsten, die vermeintlich Schwächsten und diejenigen, die ohnehin Tag für Tag zusehen müssen, wie sie über die Runden kommen. An den Rentnerinnen und Rentnern, so hat es den Anschein, wollen Milei und seine Regierung ein Exempel statuieren. Besonders jene, die nur die gesetzlich vereinbarte Mindestpension erhalten, leiden. Sie liegt deutlich unterhalb der Armutsgrenze. Im Oktober 2025 betrug sie weniger als 350.000 Pesos und damit etwa 200 Euro im Monat. Derweil lag der Wert eines Grundwarenkorbs (Canasta básica alimentaria) laut dem Statistikamt Indec im Monat zuvor bei mehr als 500.000 Pesos. Bezieher der Grundrente gelten, sofern sie keine weiteren Einkünfte aufweisen können, offiziell also nicht nur als arm, sondern als indigentes, bedürftig.

Nancy Yulán gehört nicht zu denen, die nur die Mindestrente beziehen. „Vor zwei Jahren bin ich in Rente gegangen“, erzählt sie. Zuvor habe sie als Lehrerin für Spanisch, Latein und Literatur gearbeitet. Doch auch wenn ihre Pension nominell etwas höher sei, „bedeutet das nicht, dass wir privilegiert sind oder gut über die Runden kommen“, sagt sie. „Seit Milei Präsident ist, haben sich alle Renten verschlechtert. Sie klagt: „In zwei Jahren habe ich fast 40 Prozent meines Einkommens verloren.“ Am kulturellen Leben könne sie überhaupt nicht mehr teilnehmen, auch neue Kleidung könne sie sich nicht mehr leisten. „Doch natürlich gibt es Rentner, die sich in einer noch viel kritischeren Lage befinden. Viele müssen bereits in Suppenküchen essen oder hausen in Pensionen, weil sie sich die Mieten einfach nicht mehr leisten können.“ Ein älterer Herr reicht der früheren Lehrerin ein Megafon.

Heute soll auch sie zu den Demonstrierenden sprechen, in wenigen Tagen stehen die Zwischenwahlen an. Während Yulán ihre Taucherbrille vom Kopf zieht und sich in Position bringt, fällt ihr eine graue Locke ins Gesicht. Letztlich bleibt es an diesem Mittwoch vergleichsweise friedlich. Das liegt eher am besonnenen Auftreten der maximal 500 Protes­tierenden, denen ein martialisches Aufgebot von 800 Polizeikräften gegenübersteht. Die sorgen penibel dafür, dass der Verkehr auf den Straßen nicht blockiert wird. Grundlage ist das sogenannte Antipiquete-Protokoll von Sicherheitsministerin Patricia Bullrich, das diese nur vier Tage nach Amtsantritt der Regierung beschlossen hatte. Um es durchzusetzen, wenden die Polizeikräfte regelmäßig präventiv Gewalt an.

Besonders rigoros gingen sie dabei im März 2025 vor. Am Rande der wöchentlichen Rentnerdemonstration traf eine Tränengaskartusche den freiberuflichen Fotojournalisten Pablo Grillo am Kopf. Später legten Video- und Fotoaufnahmen des Geschehens nahe, dass die Polizei gezielt auf ihn geschossen hatte. Grillo verbrachte mehrere Wochen im Koma. Auch wenn er letztlich überlebte: Die Folgen der Attacke werden bleiben. Von vielen der demonstrierenden Rentnerinnen und Rentner wird der Fotograf als Märtyrer gesehen. Auch Paco Olveira kommt jeden Mittwoch vor das Kongressgebäude. Und auch er wurde bereits Opfer von Polizeigewalt. Mit 23 Jahren war der Pater von Spanien nach Buenos Aires gezogen. Er ist geblieben. Heute ist er Teil der Gruppe „Priester im Einsatz für die Armen“. Ich treffe Olveira in Isla Maciel.

Von dem Viertel heißt es, es sei wie La Boca, nur ohne Menschenmassen. Ein Arbeiterviertel, geschaffen von mehrheitlich italienischen Einwanderern, die um 1900 die typischen Holzhütten erbauten, deren Fassade mit Wellblech verkleidet ist. Im Gegensatz zu La Boca, das heute ein attraktives Ziel für Touristen aus aller Welt ist, sind die Häuschen hier heruntergekommen, die Blechfassaden grau statt bunt gestrichen. Die Straßen von Isla Maciel sind holprig, Müll liegt herum. Die Armut der Bewohner ist sichtbar.

Hier hat die von Olveira ins Leben gerufene Stiftung Isla Maciel ihre Räumlichkeiten. An diesem Vormittag ist es noch ruhig, erst in einigen Stunden werden die bedürftigen Bewohner des Viertels Schlange stehen, um eine Gratismahlzeit zu bekommen. Im ersten Stock warten Jugendliche darauf, von einem Zahnarzt untersucht zu werden. Der Priester grüßt eine junge Frau, die gerade Mutter geworden ist. Er kennt sie aus einer Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen war. Der Kontakt zu den Menschen von Isla Maciel, das wird deutlich, ist eng und väterlich. Olveira trägt einen schlabbrigen Pullover und einen bereits grauen Dreitagebart. Um seinen Hals hängt eine Kette mit dem Bild der Jungfrau von Luján, der argentinischen Schutzheiligen der Armen.

In der kleinen Bibliothek, die im Obergeschoss des Gebäudes liegt, erklärt der Priester: „Wir wollen nicht nur Dienstleistungen anbieten. Wir wollen uns organisieren, um die Lebensverhältnisse langfristig zu ändern.“ Seine Überzeugungen leitet er dabei aus dem Evangelium ab. „Dort sagt Jesus, er komme mit guten Neuigkeiten für die Armen. Und meiner Meinung nach ist die einzige gute Neuigkeit für einen Armen, nicht mehr arm zu sein.“

Der brasilianische Erzbischof Hélder Câmara habe einmal gesagt, wenn er einem Armen Brot gebe, nenne man ihn einen Heiligen. Wenn er aber frage, warum der Arme nichts zu essen habe, beschimpfe man ihn als Kommunisten. Olveira sagt: „Dieser Satz hat mich tief geprägt.“ Für ihn bedeute er: „Ich stelle mich gegen diejenigen, die dafür sorgen, dass die Armen kein Brot haben.“ In anderen Worten: „Wenn man auf der Seite der Unterdrückten steht, muss man gegen die Unterdrücker kämpfen.“
Im heutigen Argentinien bedeute das, so Olveira, sich etwa mit den demonstrierenden Rentnerinnen und Rentnern zu solidarisieren. „Besonders spürbar sind die Folgen der Grausamkeit der Milei-Regierung in den vielen Armenvierteln“, sagt er.

Der Priester lebt selbst in einer der Villas Miseria, einer Elendssiedlung. Er sagt: „Im Alltagsleben ist eine deutliche Verschlechterung bemerkbar.“ Da könne die Regierung noch so oft behaupten, die Armutsrate sei zurückgegangen, die Realität sehe anders aus. „Heute sind meine Nachbarn in der Villa nicht mehr nur arm. Sie sind bedürftig“, empört sich Olveira. „Früher hatten sie wenigstens Suppenküchen, in denen sie etwas zu essen bekamen. Heute jedoch sind 90 Prozent der Küchen geschlossen.“

Seit die Regierung Milei an der Macht ist, wurden die Suppenküchen systematisch ausgehungert. Sandra Pettovello, zuständig für das unter der Regierung neu geschaffene „Ministerium für Humankapital“,­ ­­strich ihnen die Lebensmittel­lieferungen. Statt sie auszuliefern, ließ die Regierung Nahrungsmittel in Lagerhallen im ganzen Land verrotten. In ihrer Verachtung für Arme setzte die Regierung außerdem darauf, die Organisationen zu diffamieren, die Solidarküchen betrieben. So veröffentlichte Pettovellos Minis­terium im Mai 2024 eine Liste, mit der behauptet wurde, dass gut die Hälfte der in Argentinien registrierten Küchen nicht wirklich existieren“. Organisationen, die solche betrieben, warf die Regierung Korruption und persönliche Bereicherung vor.

Die Küche, die Olveira und seine Stiftung in Isla Maciel betreiben, funktioniert noch. Dank einer Klage gegen den Staat, die mit Hilfe der Menschenrechtsorganisation CELS angestrengt und gewonnen werden konnte. In der Küche bereiten vier Frauen die heutige Mahlzeit vor, seit 8 Uhr morgens. Im Hintergrund läuft das Radio. Die Lebensmittel kommen größtenteils aus Spenden, heute wird es einen Salat aus Reis, Linsen und Karotten geben, dazu kleine selbstgebackene Brötchen. Von Montag bis Freitag werden so täglich rund 200 Personen aus dem Viertel ernährt. „Der Großteil der Suppenküchen hatte nicht die Möglichkeit, gegen die Regierung zu klagen“, erklärt der Priester. Sie sind heute geschlossen.


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„Wir sind Keine Unternehmerische Gewerkschaft“

„Nein zur Arbeitsreform“ SiTraRepA am Tag des Generalstreiks und der Parlamentsabstimmung (Foto: Merle Nanami)

Unter welchen Bedingungen arbeiten Lieferfahrer*innen wie du in Buenos Aires und Argentinien im Allgemeinen?
Wir werden nicht als Angestellte anerkannt. Das führt auch dazu, dass wir weder einen Stundenlohn noch den nötigen Versicherungsschutz haben. Wir bekommen ungefähr einen Dollar pro gelieferte Bestellung. Und dann haben wir alle möglichen Probleme: Wir haben keinen Wohnraum, mieten sehr prekäre Zimmer, manche unserer Genossen schlafen auf der Straße. Es gibt gravierende Gesundheitsprobleme, die nicht gelöst werden können, weil wir keine Sozialversicherung haben.
Außerdem herrscht in Argentinien eine große Krise: Die Wirtschaft befindet sich in der Rezession, die Lieferbranche wächst. Wir werden immer mehr Rider, weil es woanders Entlassungen und Arbeitslosigkeit gibt. Wir werden mehr, aber gleichzeitig wird wegen der schlechten Wirtschaftslage weniger konsumiert. Die Unternehmen hinter den Apps nutzen diese riesige Masse an Lieferfahrern aus, erweitern ihre Lieferdistanzen und stellen höhere Anforderungen an den Arbeitsrhythmus bis hin zur Sperrung des Kontos des Fahrers. Das endet in einem Nadelöhr, aus dem es scheinbar kein Entkommen gibt.

Was ändert sich mit der Reform für Arbeiter*innen von Lieferunternehmen?
Wir bezeichnen diese Reform als Gegenreform. Zunächst einmal schließt die Reform uns vom argentinischen Arbeitsvertragsgesetz zwischen zwei meiner Meinung nach ohnehin schon ungleichen Beteiligten – nämlich Arbeitgeber und Arbeitnehmer – im ersten Artikel direkt aus. Bisher konnten wir im Falle von Kündigungen oder der Sperrung unserer Arbeitskonten in der App des jeweiligen Unternehmens, über die wir Aufträge erhalten, vor Gericht gehen und Rechtsansprüche stellen. Aber von nun an haben wir diese Möglichkeit nicht mehr. Gleichzeitig wird die Figur des selbstständigen Lieferfahrers gesetzlich abgesichert. Wir sind also jetzt auch formell keine Angestellten, sondern Selbstständige. Der Arbeitsbetrug, den wir schon vorher erlebt haben, ist mit der Reform gesetzlich abgesichert. Damit wird uns jede Möglichkeit genommen, für unsere Rechte zu kämpfen und uns beispielsweise gewerkschaftlich zu organisieren.

Wie ist deine Gewerkschaft SiTraRepA im Jahr 2020 entstanden?
SiTraRepA ist aus den Organisationserfahrungen der Lieferfahrerinnen und Lieferfahrer während der Pandemie entstanden, als der Liefersektor stark gewachsen ist. Wir galten als systemrelevante Arbeitskräfte, hatten aber keinerlei Rechte. Also kamen wir auf der Straße miteinander ins Gespräch. Wir haben uns an den Orten organisiert, an denen wir Lieferfahrer uns ganz natürlich treffen: vor den Eingängen der Einkaufszentren, auf den Plätzen. Unsere sogenannten Solidaritätsstände waren anfangs ein Komitee für Solidarität und gegenseitige Unter­stützung.
Von da an haben wir Kundgebungen vor den Firmensitzen von Unternehmen wie Glovo organisiert. Später demonstrierten wir auch vor dem damaligen Arbeitsministerium (heute kein Ministerium mehr, sondern Sekretariat in Mileis Ministerium für Humankapital, Anm. d. Red.). Wir forderten eine Vollkaskoversicherung, eine Arbeitsunfallversicherung und die pünktliche und ordnungsgemäße Auszahlung unserer Löhne durch die Unternehmen. Man empfing uns und teilte uns erstens mit, dass wir nicht als Arbeitnehmer gelten würden und zweitens, dass man nicht zuständig sei, da wir keine gewerkschaftliche Vertretung hätten.

Also habt ihr beschlossen, eine Gewerkschaft zu gründen?
Damals hat ein Teil dieser Bewegung erkannt, dass wir ein rechtliches Instrument – nämlich die Gewerkschaft – brauchen, um für die Anerkennung des Arbeitsverhältnisses und unserer Rechte zu kämpfen. Also machten wir uns an die Arbeit, ausgehend von den Solidaritätskundgebungen und den Strukturen, die wir 2020 aufgebaut hatten. Wir sammelten Unterschriften von Kollegen, um Mitglieder für die Gewerkschaft zu gewinnen.
Im Juni 2021 haben wir die Gewerkschaft beim damaligen Arbeitsministerium angemeldet. Seitdem haben wir zehnmal vor dem Ministerium demonstriert. In der Zwischenzeit haben wir weitere Mitglieder gewonnen, Druck ausgeübt und vier positive Bescheide erhalten. Aber es gibt eben auch eine politische Dimension. Hier in Argentinien ist die Anerkennung einer Gewerkschaft keine Frage des Gesetzes. Sie hängt vom Willen des Staates ab, direkt vom Ministerium, jetzt Sekretariat, das uns die Anerkennung erteilen muss. Daher ist der Prozess blockiert, denn die Anerkennung der Gewerkschaft der Lieferfahrer würde bedeuten, anzuerkennen, dass ein Arbeits­verhältnis besteht.

Wogegen kämpft ihr heute und wie ist SiTra­-RepA organisiert?
Unser Kampf richtet sich ganz klar gegen das Modell der Uberisierung. Wir sind der Ansicht, dass es kein Geschäftsmodell geben darf, das seine gesamten Gewinne auf Kosten der Arbeitnehmer-rechte erzielt. Wir greifen die Unternehmen an und führen Kampagnen durch, in denen wir sie als Ausbeuter bezeichnen, die sich auf unsere Kosten bereichern. Aber wir stellen auch zentrale Forderungen an den Staat, der den Unternehmen erlaubt, außerhalb der heute in Argentinien geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen zu operieren.
Die Gewerkschaft hat 2.500 Mitglieder. Die Solidaritätsstände finden wöchentlich statt, sie sind die Hauptstruktur der Gewerkschaft und ihre wichtigste Institution. Dort stellen wir einen Tisch mit einem SiTraRepA-Plakat auf und bringen Werkzeug zum Reparieren von Motorrädern und Fahrrädern mit, zum Beispiel eine Luftpumpe. Im Winter haben wir etwas Warmes zu trinken dabei, im Sommer etwas Kühles. Wir sprechen über die verschiedenen Kampagnen, verteilen Mate-rialien und Flyer, um weiterhin neue Mitglieder für die Gewerkschaft zu gewinnen. Außerdem organisieren einige von uns Fußballspiele und gemeinsame Mahlzeiten, manche kommen zu den Demonstrationen, und einige, die sich besonders engagieren, tragen zur dauerhaften Organisati-onsarbeit der Gewerkschaft bei.

Belén D’Ambrosio & SiTraRepA (Foto: Merle Nanami)

Was unterscheidet SiTraRepA von traditionellen Gewerkschaften?
Die traditionelle Gewerkschaftsbewegung, wie sie heute in Argentinien existiert, entfernt sich immer mehr von der Basis ihrer Arbeiter – das ist ein weltweites Phänomen. SiTraRepA ist eine Basisgewerkschaft, deren Ansatz darin besteht, dort zu sein, wo die Arbeitnehmer sind. Die Arbeiter sollen die Hauptakteure unserer gewerkschaftlichen Organisation sein. Das ist der größte Unterschied. Und, dass wir klassenbewusst sind und uns solidarisch mit allen Arbeitern zeigen – wir sind keine unternehmerische Gewerkschaft.

Wir treffen uns auf dem sechsten Internationalen Antikapitalistischen Camp. Warum seid ihr hier?
Das Camp wird von der Jugendorganisation von YaBasta! organisiert. Viele der Jugendlichen, die sich politisch engagieren, arbeiten selbst als Rider oder leben vom Ausliefern. Deshalb werden wir, die im Lieferdienst arbeiten und gewerkschaftlich organisiert sind, hierher eingeladen, um über unsere Erfahrungen der Basisorganisation zu berichten. Wir glauben, dass dies ein sehr wichtiger Bildungsbereich ist, denn wir Arbeiter müssen auch politische Themen diskutieren können.
Außerdem ist es für die Lieferfahrer schwer, Geld zusammenzubekommen um sich mal auszuruhen und Urlaub zu machen. Deshalb ist dies auch eine Gelegenheit für die Kollegen, auf sehr zugängliche Weise ein paar Tage an einem schönen Ort mit Menschen zu verbringen, die unseren Kampf unterstützen. Alle jungen Leute, die hier sind, unterstützen SiTraRepA bei jeder Mobilisierung, kommen zu unseren Solidaritätskundgebungen, um uns zu helfen. Auch deshalb sind wir bei solchen Veranstaltungen gern dabei.


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Rechte Realitätsverweigerer

Milei-Konferenz ohne Milei Gründungsveranstaltung des Milei-Instituts in Sachsen (Foto: Frederic Schnatterer)

Es war nur der jüngste Rückschlag für die Regierung von Javier Milei in Argentinien. Ende März suspendierte ein Arbeitsgericht in Buenos Aires 82 der insgesamt 218 Artikel des erst kürzlich beschlossenen Arbeitsgesetzes. Nach Ansicht des zuständigen Richters sind die Anzeichen dafür, dass die Abschnitte gegen die Verfassung des Landes verstoßen, „ernsthaft und schwerwiegend“. Geklagt hatte der Gewerkschaftsdachverband CGT. Die Regierung kündigte an, Berufung gegen die Entscheidung einlegen zu wollen. Das Paket hatte die Regierung Ende Februar durch das Parlament gebracht (siehe Kasten auf Seite 37). Unter dem Namen „Gesetz zur Arbeitsmodernisierung“ sieht es unter anderem Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden und die radikale Beschneidung des Streikrechts vor. Ganze Bereiche wie der Bildungs- und der Gesundheitssektor, aber auch das Verkehrswesen und die Energiewirtschaft gelten demnach als „essenziell“. Entsprechend muss garantiert werden, dass in ihnen 75 Prozent der normalen Aktivität aufrechterhalten wird.

Das Arbeitsgesetz gilt als der größte Erfolg der ultrarechten Milei-Regierung in der zweiten Hälfte ihrer Amtszeit. Seit seiner Verabschiedung hat es allerdings den Anschein, als sei das Hoch überschritten, auf dem sich die Regierung nach dem Sieg bei der Parlamentswahl im Oktober 2025 befand. Darauf deuten auch jüngste Umfragewerte. Laut einer weiteren Befragung der Universität San Andrés sehen nur noch 37 Prozent der Befragten den Präsidenten positiv, während 62 Prozent eine negative Meinung haben.
Besondere Sorge bereitet den Befragten der Zustand der argentinischen Wirtschaft, den 65 Prozent als „besorgniserregend“ bezeichnen. Fast drei Viertel nehmen den Arbeitsmarkt als problematisch wahr. Die Umfrage markiert zudem einen grundlegenden Trend. Statt der weiterhin hohen Inflationsrate werden mittlerweile andere Themen als wichtigste Probleme identifiziert. Im März waren es das niedrige Lohnniveau (37 Prozent), dicht gefolgt von fehlenden Jobs (36 Prozent) und der Korruption (33 Prozent).
Diese Einschätzungen haben handfeste Gründe. Mittlerweile tritt immer offener zutage, auf wessen Kosten Milei regiert. Sein Regierungsprojekt fußt auf einer strengen Haushaltspolitik.

Regelmäßig betont der Präsident, der ausgeglichene Staatshaushalt sei „nicht verhandelbar“. Erreicht wurde er durch rigorose Kürzungen von Sozialausgaben, das Streichen von Subventionen, Entlassungen im öffentlichen Dienst und in staat­lichen Unternehmen, die Schließung von Ministerien und das Ende öffentlicher Bauaufträge. Gleichzeitig liberalisierte die Regierung die Wirtschaft und senkte – auch mithilfe des überteuerten Wechselkurses der Landeswährung Peso – die Inflationsrate. Voraussichtlich lag die Teuerung im März im Vergleich zum Vormonat allerdings immer noch bei mehr als drei Prozent.
In der Folge sind die Preise für viele grundlegende Waren und Dienstleistungen stark angestiegen, während die Realeinkommen insbesondere der unteren Bevölkerungsschichten gesunken sind.

Ihnen bleibt immer weniger Geld für Waren des alltäglichen Bedarfs. Laut dem Consulting-Unternehmen Scentia gingen die Einkäufe in Apotheken, Supermärkten, Nachbarschaftsläden, Kiosken und im Onlineverkauf im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat um 3,4 Prozent zurück. 2024 brach der Konsum gegenüber 2023 gar um fast 14 Prozent ein. Gleichzeitig werden immer mehr Autos, Motorräder oder Haushaltsgegenstände gekauft und Auslandsreisen unternommen. Das bedeutet: Besserverdienende können sich heute mehr leisten als früher. Die Statistiken, die den reinen Durchschnitt des Privatkonsums abbilden, zeigen daher einen Anstieg an. Damit brüstet sich die Regierung.

Es tritt immer offener zutage, auf 
wessen Kosten Milei regiert


Ein ähnliches, auf den ersten Blick widersprüchliches Bild ergibt sich mit Blick auf die Wirtschaftsaktivität im Land. 2025 wuchs das Bruttoinlandsprodukt Argentiniens mit 4,4 Prozent deutlich. Was von der Regierung als Erfolg gefeiert wird, muss in seiner Aussagekraft eingeschränkt werden. Zunächst wird zum Vergleich eine real schrumpfende Wirtschaft der vorherigen Jahre herangezogen. Außerdem entwickeln sich unterschiedliche Wirtschaftsbereiche höchst verschieden. 2025 waren es der Bergbau, die Landwirtschaft und das Finanzgeschäft, die deutlich wachsen konnten. Beim Agrarsektor lag das nicht zuletzt an den deutlich verbesserten klimatischen Bedingungen, denn 2024 war Argentinien von einer Dürre heimgesucht worden. Bereiche wie die Industrieproduktion oder die Bauwirtschaft hingegen liegen in ihrer Wirtschafts­leistung heute sogar unter dem Niveau von 2023. Beides sind – im Gegensatz zu den wachsenden Sektoren – Bereiche, die viel Arbeitskraft benötigen.

Wegen teurer Kredite, steigender Energiekosten und dem überbewerteten Peso bei gleichzeitig vergünstigten Importen schließen immer mehr Unternehmen ihre Produktionsstandorte. Seit Milei im Dezember 2023 das Präsidentenamt übernommen hat, haben mehr als 22.000 Firmen dicht gemacht, das entspricht mehr als 30 am Tag. Mehr als 300.000 Beschäftigte verloren so ihre Jobs. Viele von ihnen versuchen, sich mit Tätigkeiten wie Uber-Fahren oder Essenslieferungen über Wasser zu halten (siehe Seite 34). Der informelle Sektor wächst. Dort Arbeitende haben wenige bis gar keine Rechte und Absicherungen.

Doch nicht alle kommen in einer informellen Beschäftigung unter, die offizielle Erwerbslosigkeit steigt. Mitte März gab das Statistikinstitut Indec bekannt, dass 7,5 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung keinen Job haben. Das sind 1,1 Punkte mehr als im Vorjahresmonat und entspricht rund 1,6 Millionen Menschen. Diejenigen, die noch eine Beschäftigung haben, verdienen immer weniger. Heute liegt der Durchschnittslohn fast sechs Prozentpunkte unter dem Lohn, der zum Ende der Amtszeit von Alberto Fernández 2023 galt. Bereits damals war das für viele zu wenig, um in Würde zu leben. Die Erzählung, durch den Abbau von Regulierungen für die Privatwirtschaft bringe Milei das Land wieder auf die rechte Bahn, verfängt nicht mehr. Und auch die Behauptung der Regierung, sie sei „anders“ als die Vertreter*innen der „Kaste“, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick hätten, bekommt immer tiefere Risse – dabei war es nicht zuletzt dieses Narrativ, das Milei 2023 zum Wahlsieg verholfen hatte. Als der Präsident im Februar samt Delegation zu einem Treffen von Wirtschaftsvertretern in New York flog, nahm der Kabinettschef, Manuel Adorni, auch seine Frau mit auf die Reise, obwohl sie keinen offiziellen Posten bekleidete.

Die Kaste sind nicht mehr die anderen


Mittlerweile sind noch weitere Vorwürfe gegen Adorni hinzugekommen, die zumindest nahelegen, dass er deutlich über seine Verhältnisse lebt, darunter ein Privatflug ins uruguayische Punta del Este, Immobilienkäufe sowie teure Uhren. El Diario AR rechnete vor, dass mehrere wichtige Regierungsmitglieder, darunter neben Adorni auch Wirtschaftsminister Luis Caputo und die Schwester des Präsidenten, Karina Milei, allein im ersten Amtsjahr ihren Reichtum deutlich vergrößert haben
Hinzu kommt der Betrugsskandal um die Kryptowährung $Libra, die der Staatschef persönlich im Februar 2025 über soziale Medien bewarb und der die Regierung weiter beschäftigt. Mittlerweile gibt es Hinweise darauf, dass der Unternehmer Mauricio Novelli im Vorlauf direkten Kontakt zu Javier und Karina Milei gehabt haben könnte. Die Rede ist von einem Vertrag über fünf Millionen US-Dollar dafür, dass der Präsident die Kryptowährung öffentlich unterstützt. Nachdem $Libra im Februar 2025 nach Mileis Post zunächst rapide an Wert gewonnen hatte, zogen die hinter der Währung stehenden Unternehmer ihr Kapital schlagartig ab. Tausende Privatpersonen verloren ihre Investitionen.

Derlei Realitäten über Argentinien schaffen es nur selten in die mediale Berichterstattung im deutschsprachigen Raum. Stattdessen überwiegen positive Meldungen über das vermeintliche Wirtschaftswunder, das Milei mit seinem Deregulierungskurs ermöglicht haben soll. Rechtslibertäre Kreise versuchen, das nun auch hierzulande für sich zu nutzen. Am 14. März kamen im sächsischen Schkeuditz mehrere hundert Teilnehmer*innen zur ersten „Milei-Konferenz“ zusammen, die unter dem Motto „Deutschland deregulieren. Jetzt!“ stand. Veranstaltet wurde die Konferenz vom „Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa“, das Ende des vergangenen Jahres gegründet worden war und seinen Sitz in Dresden hat. Hinter ihm stehen insbesondere drei neoliberale und libertäre Vereine, die sich bereits in der Vergangenheit mit Lobeshymnen für Milei überboten haben und die kein Problem damit haben, mit Ultrarechten zusammenzuarbeiten: die Hayek-Gesellschaft, das Mises-Institut sowie das 2025 gegründete „Team Freiheit“ rund um die ehemalige AfD-Chefin Frauke Petry und den Kurzzeit-Ministerpräsidenten von Thüringen, Thomas Kemmerich, damals FDP.

Kettensäge in Schkeuditz

Der argentinische Staatschef hat für diese Kreise vor allem eine mobilisierende Funktion. Auf der Homepage des Instituts heißt es, Milei habe „dem Projekt der wirtschaftspolitischen Deregulierung mit der Kettensäge eine international wirkmächtige Metapher verliehen“. Diese soll nun dazu genutzt werden, die eigenen Kräfte zu bündeln, sich in der Öffentlichkeit Sichtbarkeit zu verschaffen und die eigene Agenda stark zu machen. Milei dient als Symbol für die gewünschte Zerschlagung von Sozialstaat, Arbeiter*innenrechte und Beschränkungen für das Kapital.

Milei selbst hatte an dem Tag offensichtlich besseres zu tun und fuhr nach Madrid, anstatt in Sachsen vorbeizuschauen. Dort traf er mit dem Chef der faschistischen Vox-Partei, Santiago Abascal, zusammen. Später zeichnete ihn der deutsche Volkswirt Philipp Bagus vor dem Madrid Economic Forum im Namen des Mises-Instituts mit dem Ludwig-von-Mises-Gedenkpreis aus. Das zeigt: Noch sind die ultrarechten und rechtslibertären Kräfte in Spanien bedeutender als ihre Gleichgesinnten in Deutschland. Das Milei-Institut ist angetreten, das zu ändern.


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Kein Vergessen!

Die ersten Verschwundenen
waren Indigene  Verschiedene Gruppen kamen am 24. März in Buenos Aires zusammen (Foto: Lourdes Alfonso)

„Historische Erinnerungsarbeit ist von zentraler Bedeutung, damit sich das, was geschehen ist, nicht wiederholt. Gerade in der Gegenwart ist es entscheidend, sich bewusst zu machen, was passiert ist. Vergessen darf keine Option sein. Was wir heute hier tun, ist bereits eine Form der Verteidigung von Erinnerung: sie sichtbar und präsent zu halten. Wichtig ist, Veranstaltungen zu organisieren, die unterschiedliche Menschen ansprechen, vor allem junge Menschen, die die Ereignisse von vor 50 Jahren nicht selbst erlebt haben. Wir müssen die Erinnerung aktiv verteidigen: durch kulturelle Veran­staltungen, durch Kunst, Musik, Malerei. Und natürlich durch Protest auf der Straße.“
César, Cumbia Core, Festival für die Erinnerung, Berlin

„Es ist wichtig, sich als Gesellschaft gemeinsam zu erinnern, um zu verhindern, dass sich Fehler wiederholen. Erinnerung ermöglicht es uns, in die Zukunft zu blicken, ohne die Vergangenheit auszublenden. Gleichzeitig geht es darum, eine aktive, lebendige Erinnerungskultur zu entwickeln. In diesem Prozess können wir uns begegnen, uns wiedererkennen als handelnde Subjekte unserer Gegenwart und unserer Zukunft. Für mich bedeutet Erinnerungsarbeit aus der Ferne, Brücken zu schlagen und Verbindungen zu knüpfen: zu meiner Familie, zu meinen Angehörigen, zu meinem Volk und zu all jenen, mit denen ich eine gemeinsame kollektive Erinnerung teile.“
Ricky, Asamblea en Solidaridad con Argentina, Festival für die Erinnerung, Berlin

„Für mich ist es jedes Jahr im März schwierig, nicht in Argentinien zu sein. Ich habe das Bedürfnis, am 24. März an der Demonstration teilzunehmen, auf die Plaza de Mayo zu gehen und gemeinsam mit anderen zu erinnern. Die Distanz ist belastend, vor allem, weil ich teilweise in einem deutschen Kontext lebe, in dem die Tiefe dieses Themas nicht immer vollständig verstanden wird. Eine Möglichkeit, damit umzugehen, ist, mich mit anderen auszutauschen und Gemeinschaft zu bilden. Genau darin liegt für mich ein Weg, Erinnerung gemeinsam zu gestalten.“
Ligia Liberatori, Künstlerin,
Festival für die Erinnerung, Berlin

Erinnerung durch Musik und Kunst  Der Chor Canto
Diáspora beim Festival (Foto: Johanna Fuchs)

„Historische Erinnerung hilft uns nur dann, eine bessere Gegenwart zu gestalten, wenn wir ihre Lehren im Alltag aktiv aufrechterhalten. Der Satz „Nie wieder“ allein reicht nicht aus: Er schützt uns nicht automatisch davor, dass sich Geschichte wiederholt. Erinnerung muss täglich neu geschaffen werden. Sie ist nichts Statisches, sondern etwas, das wir jeden Tag aktiv gestalten und verteidigen. Für mich bedeutet das, diese Erinnerung mit Freude und Widerstandskraft zu tragen. Vor allem aber mit Freude, denn sie ist für mich die stärkste Form des Widerstands.“
Malén Zapata, H.I.J.O.S. Deutschland,
Festival für die Erinnerung, Berlin

„Das „Nie wieder“ kann nur Bestand haben, solange wir die Erinnerung am Leben halten. Solange wir sie weiter aufbauen und politisch aktivieren. Nur so können wir das Vermächtnis all jener fortführen, die gekämpft und ihre Rechte sowie die Rechte anderer verteidigt haben. Besonders in einer Zeit, in der rechte Kräfte erstarken, ist dieses Erbe entscheidend: in Argentinien, in den USA, in ganz Lateinamerika, aber auch hier in Deutschland. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, dass Erinnerung zum Motor politischen Engagements und Aktivismus wird.
Ich bin in Argentinien in der Demokratie aufgewachsen. Die Stimmen, die mich am meisten geprägt und inspiriert haben, sind die der Abuelas und Madres de Plaza de Mayo. Sie sind ein herausragendes Beispiel für Widerstand: Sie haben ihr ganzes Leben lang gegen unterschiedliche Regierungen und Repressionen gekämpft, wurden diffamiert, als „verrückt“ bezeichnet und sie sind dennoch standhaft geblieben. Sie haben unermüdlich nach ihren Kindern und Enkeln gesucht. Das sind die Stimmen, die ich weiterhin hören möchte.“
Mora, Bloque Latinoamericano Berlin, Festival für die Erinnerung, Berlin

Erinnerung an und Widerstand gegen den
Raub von Mapuche-Territorien Eine Kontinuität von der Diktatur bis heute (Foto: Lourdes Alfonso)

“Heute hier auf dem Platz zu sein, ist für mich ein Recht und eine Pflicht. Ich will hier sein, um für Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit zu kämpfen: für diejenigen, die hier sind, für diejenigen, die nicht mehr hier sind, für diejenigen, die nicht daran glauben, und für uns, die wissen, dass das real war, was geschehen ist. Wir müssen weiterkämpfen, denn es gibt keinen anderen Weg. Uns wurde nie etwas geschenkt, und man wird versuchen, uns zum Vergessen zu bringen, doch wir werden die Erinnerung nicht aufgeben.“
Teilnehmende Person der Demonstration am 24. März 2026, Buenos Aires

„Heute ist ein äußerst wichtiger Moment, um auf die Straße zu gehen und zu kämpfen, vor allem, um diejenigen zum Schweigen zu bringen, die leugnen, was geschehen ist. Dieser Ort ist ein zentraler Treffpunkt: Er ist voller Menschen, und wir kämpfen hier alle gemeinsam, vereint mit den Großmüttern, den Müttern, den Kindern und den Enkeln.“
Teilnehmende Person der Demonstration am 24. März 2026, Buenos Aires

„Ich muss heute hier sein. Denn ich bin 51 Jahre alt und habe all die Zeiten Argentiniens miterlebt, an die in den Reden erinnert wurde. Ich wollte daher gemeinsam mit meiner Familie heute die Großmütter begleiten und weiterhin die Wiederherstellung der Identität all jener fordern, die noch fehlen, nach denen wir immer noch suchen.“
Teilnehmende Person der Demonstration am 24. März 2026, Buenos Aires

Nunca más!
Um das zu erreichen, braucht
es Erinnerungsarbeit und
lebendige Demokratie
(Foto: Johanna Fuchs)


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Mehr Bergbau, weniger Gletscherschutz

Das argentinische Abgeordnetenhaus hat in der Nacht zum 9.4 ein neues Gletschergesetz verabschiedet. Nach mehr als elf Stunden Debatte stimmten 137 der anwesenden 251 Abgeordneten der Reform zu, die es den Provinzregierungen ermöglicht, Gletschergebiete für den Bergbau freizugeben. Ziel der ultraliberalen Regierung unter Präsident Javier Milei ist es, den Bergbau in den argentinischen Anden zu fördern. Gegen die geplante Lockerung hatten Umweltschützer am Mittwoch vor dem Kongress in Buenos Aires demonstriert.


Der Abgeordnete Gabriel Bornoroni, von der Regierungspartei La Libertad Avanza, erklärte, dass das Gesetz der wirtschaftlichen Erholung des Landes diene. „Unter Milei exportieren wir wieder Gas und Erdöl. So stellt sich Argentinien wieder auf“, sagte Bornoroni. Der trotzkistische Abgeordnete Nicolás del Caño kritisierte, dass die von der Reform betroffene Indigene Bevölkerung bei der Ausarbeitung nicht gehört wurde, obwohl dies gesetzlich vorgesehen ist. „Das ist ein Gesetz für Barrick Gold und weitere multinationale Konzerne aus der ganzen Welt“, sagte del Caño.


Argentinien hatte seit 2010 einen umfassenden Gletscherschutz. Dieser verbot jegliche Eingriffe in
die knapp 17.000 bislang gezählten Gletscher in den argentinischen Anden und ihre Umgebung. Mit der neuen Reform dürfen Gletscherbereiche nun unter anderem für Bergbau freigegeben werden, sofern sie
keine Funktion für die Wasserversorgung der Bevölkerung erfüllen. Die Entscheidung obliegt dabei den Provinzregierungen. Die Regierung Milei erwartet durch die Reform Bergbauinvestitionen von mehr als 20 Milliarden US-Dollar.


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Madres gegen Missbrauch

Druck “Who’s pain is it?” von Zaz

Geboren aus dem Widerstand gegen die Militärdiktatur und getragen von einem jahrelangem Kampf um Rechte, feiert das Plurinationale Treffen von Frauen, Lesben, Travestis (Gender- und politische Identität des Trans-Spektrums in Lateinamerika. Zunächst abwertender Begriff für Cross-Dresser und trans Personen, der von der Gemeinschaft zurückerobert wurde, Anm. d. Übersetzerin), trans, inter und nicht-binären Personen bereits das 40. Jubiläumsjahr. Zentrale Forderungen wie Auslandsverschuldung, existenzsichernde Löhne und Kinderbetreuungseinrichtungen sind bis heute präsent. Die prägende Anwesenheit der Mutter der Plaza de Mayo, Nora Cortiñas, besiegelte ein unerschütterliches Bekenntnis zu Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit und verband die Grundpfeiler des Treffens mit dem Kampf gegen Geschichtsleugnung und staatliche Repression durch die Regierung Mileis. Angetrieben wurde der Prozess vor allem durch lokale Kämpfe, auch wenn internationale Meilensteine den Kontext prägten. Besonders deutlich zeigt sich die Dynamik der Bewegung im jahrzehntelangen Kampf um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Körperliche Selbstbestimmung war lange Zeit tabuisiert und staatlich kontrolliert, wurde jedoch durch Organisierung zu einem zentrale Anliegen des Treffens.

Trotz massiven Widerstands, insbesondere seitens der katholischen Kirche, die gezielt Gegenmobilisierungen unterstützte, verteidigten die Teilnehmerinnen immer wieder die erkämpften Räume, thematisierten die Verflechtungen von Kirche, Staat und Regierungsmacht offen und setzten ihren Kampf für die Legalisierung fort. Der politische Kampf der Aktivistinnen verbunden mit der Nationalen Kampagne für das Recht auf legale, sichere und kostenlose Abtreibung im Jahr 2005 unter dem Motto „Sexualaufklärung, um zu entscheiden, Verhütungsmittel, um nicht abzutreiben, legale Abtreibung, um nicht zu sterben“ legte den Grundstein für die spätere Marea Verde (Grüne Welle), die 2020 zur Verabschiedung des Gesetzes über den freiwilligen Abbruch der Schwangerschaft führte.
Einer der jüngsten Meilensteine war der Übergang vom „Nationalen Frauentreffen“ zum „Plurinationalen Treffen der Frauen, Lesben, Travestis, trans, bisexuellen, inter und nicht-binären Personen“. Diese Umbenennung reagiert auf die Forderungen von LGBTIQ+-Personen und Indigenen Frauen nach größerer Sichtbarkeit und betont einen Feminismus, der über cis Identitäten und den Nationalstaat hinausgeht. Als politische Schule unter freiem Himmel lebt das Treffen von ideologischen und methodologischen Spannungen – etwa zur Sexarbeit. Gleichzeitig wird individueller Schmerz kollektiv geteilt und in transformative Kraft verwandelt.

Ein prägendes Thema der letzten Jahre war sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Hier haben die Madres Protectoras eine wichtige Rolle gespielt, Workshops innerhalb des Treffens organisiert und ihre Kämpfe sichtbar gemacht und gestärkt. Ihr Engagement zieht eine unvermeidliche historische Parallele zu den Madres de Plaza de Mayo, die nach ihren Kindern suchten, ihre Mutterschaft politisierten und sich damit der genozidalen Diktatur entgegen stellten. Heute machen die Madres Protectoras ihre Fürsorge zur politischen Angelegenheit, um gegen ein patriarchales Justizsystem zu kämpfen, das Missbrauch deckt. Das Treffen wirkt dabei als Katalysator, durch den privates Leid zu einer kollektiven Forderung und einem Ruf nach Gerechtigkeit werden, wie das folgende Interview mit Yama Corin, Kunsttherapeutin, feministische Kämpferin, Antifaschistin und „Schützende Mutter“ , eindrücklich zeigt.

Druck von Iman Kanaan @Iman_kanaan

Wer gehört zum Kollektiv der Madres Protectoras und worauf konzentriert sich ihr Kampf?
Wir sind die Frauen, die die Erschütterung, die Fürsorge und den Kampf um Gerechtigkeit für unsere Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind, durchlebt haben. Im Laufe der Geschichte mussten schon viele Frauen diese Situation bewältigen, da sexueller Missbrauch schon immer existiert hat und leider meist innerhalb der Familie stattfindet, was eine doppelte Belastung darstellt. Während der Aufschwungphase des Feminismus in Argentinien zwischen 2015 und 2020 sind wir innerhalb dieser Bewegung auf Strategien gestoßen, durch die wir uns eine politische Identität geben konnten: die der Madres Protectoras. Dadurch konnten wir uns als Gruppe unterstützen und verstehen, dass das, was uns so wehtat – weil es unseren Liebsten widerfahren war – kein individuelles Problem ist sondern ein weit verbreitetes, das aus einem patriarchalen System resultiert. Wir erkannten, dass kollektives Handeln wirksam ist und uns aus der Opferrolle herausführt, hin zu einer aktiven, politischen Position.

Was sind eure größten institutionellen, ideologischen und gesellschaftlichen Hürden?
Es gibt zahlreiche Hürden in allen Bereichen. Die erste besteht darin, missbräuchliche Situationen überhaupt als solche erkennen zu können. Häufig halten diese Situationen lange an, weil der Täter genau weiß, dass sein Verhalten illegal ist und deshalb sein Opfer manipuliert und gefügig macht. Schweigen ist somit das erste Hindernis. Uns wurde nie beigebracht, die Anzeichen zu erkennen und wir haben auch keine bekannten Anlaufstellen, an die wir uns bei ersten Zweifeln wenden können. Es passiert auch, dass Betroffene selbst die Situation leugnen, da sie sehr schmerzhaft ist und viele Frauen — das wissen wir aus Erfahrung und Statistik — bereits Opfer von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch waren. So ist es schwierig, die Wiederholung solcher Muster zu durchbrechen.

Was passiert mit dem Umfeld und der Justiz wenn dieses Schweigen einmal gebrochen ist?
Das nächste Hindernis sind patriarchale Vorurteile, nach denen Frauen böswillige Absichten unterstellt werden, wenn sie Missbrauch melden. Weil Täter häufig angesehene Personen mit einem aktiven sozialen, politischen und beruflichen Leben sind, fällt es vielen schwer, ihnen eine solche Tat zuzutrauen. Hinzu kommt ein Justizwesen, das Missbrauchsanzeigen mit derselben Ermittlungsstruktur behandelt wie andere Delikte. Bei traumatischen Ereignissen, die in der Intimsphäre stattfinden, gibt es oft keine physischen Beweise, keine Zeugen und keine Aufzeichnungen, sodass die Beweislast zur zusätzlichen Belastung wird. Betroffene Kinder und Jugendliche können das Geschehen häufig nicht in einer geordneten, „erwachsenen“ Darstellung wiedergeben. Gleichzeitig besteht eine Tendenz, die absoluten Rechte des Mannes zu garantieren. Das führt oft dazu, dass Täter straffrei ausgehen und in vielen Fällen wieder Kontakt zu den betroffenen Kindern bekommen. Von tausend Missbrauchsfällen werden nur hundert gemeldet, und gerade nur einer führt zu einer Verurteilung. Der Kampf der Madres Protectoras besteht in erster Linie darin, die Kinder vor diesem Kontakt zu schützen und anschließend die jahrelangen, zutiefst belastenden Gerichtsver­fahren durchzustehen.

Wie verknüpfen und verorten Sie den Kern Ihrer Forderung innerhalb der breiteren Bewegung?
Viele von uns waren bereits Feministinnen, als wir diese Realität bei unseren Kindern erkannten, und suchten deshalb Unterstützung in feministischen Netzwerken. Da wir diese Gewalt als patriarchal verstehen, waren wir überzeugt, dass der Feminismus diesen Kampf auf seine Agenda setzen müsse. Mit der Zeit ist in den feministischen Bewegungen die Anerkennung der Madres Protectoras als politische Akteurinnen, die Unterstützung verdienen, gewachsen. Dennoch bleibt viel zu tun. Ich selbst musste 2011 Anzeige erstatten und erkannte damals noch nicht, dass meine Situation ein politisches Problem ist, das aus einem System hervorgeht; für mich war es eine persönliche Tragödie. So geht es den meisten, bis wir uns finden.

Wie beteiligen sich die Madres Protectoras an den Plurinationalen Treffen und wie war die Erfahrung, einen eigenen Workshop zu organisieren?
Wir haben mit Aktionen auf öffentlichen Plätzen begonnen. Von Mundanas Agrupación Feminista (Weltliche Feministische Gruppierung) – meinem Netzwerk – und anderen kleinen Gruppen haben wir Fotos mitgebracht, Unterschriften gesammelt und es ab und zu in einen Zeitungsbericht geschafft. Es war, als würden wir die Tür Stück für Stück aufstoßen. Vor einigen Jahren ist es uns gelungen, eine eigene Versammlung der Madres Protectoras zu organisieren: ein riesiger Platz voller Mütter und Unterstützerinnen aus dem ganzen Land. Das war bewegend, weil es zeigte, dass wir alle mit derselben Gewalt der Justiz und denselben Ängsten vor zwanghafter Wiedervereinigung konfrontiert sind, etwas, das wir als institutionellen „Raub“ von Kindern verstehen: sie aus den Armen der Mutter zu reißen und sie zu zwingen, mit ihren Tätern zu leben – eine Art disziplinierende Bedrohung. Danach haben wir mit den Organisationskommissionen verhandelt, um einen eigenen Workshop im offiziellen Programm zu erhalten, der mittlerweile seit zwei Jahren läuft. Dort begegnen wir Mitstreiterinnen aus dem ganzen Land, die sich in unterschiedlichen Phasen ihrer Prozesse befinden: Die unmittelbare Entdeckung ist nicht dasselbe wie die Verarbeitung nach Jahren vor Gericht. Jede einzelne Angelegenheit zu begleiten ist mühsam,aber die Treffen geben uns die Kraft, uns als aktive politische Akteurinnen zu erkennen, die trotz des Schmerzes einen Ort der Zugehörigkeit haben.

Welche Bilanz ziehst du nach zwei Jahren der Durchführung eurer Workshops?
Es ist schwer, eine Bilanz zu ziehen, ohne den allgemeinen Kontext unserer Arbeiterinnenklasse zu berücksichtigen. Positiv ist zweifellos, dass wir existieren, dass wir uns als Gruppe anerkennen und gemeinsam kämpfen. Aber der aktuelle Kontext mit einer neofaschistischen Regierung, die ein Machtgefüge aufrechterhält, das Täter schützt und uns Feministinnen zum Feind erklärt, indem sie uns falscher Anschuldigungen bezichtigt, macht die Gesamtbilanz schwierig. Dennoch bleiben wir standhaft, um für unsere Sache einzutreten. Sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung – ich glaube, unsere Anzeigen genießen heute mehr Glaubwürdigkeit – als auch innerhalb der feministischen Bewegungen, um Anerkennung und Unterstützung zu erhalten.

Was sind die nächsten Schritte und wie sieht der Kampf für die nächste Zeit aus?
Die erste Herausforderung ist Durchhaltevermögen: organisiert zu bleiben und Situationen zu verändern, in denen Kinder weiterhin Kontakt zu ihren Missbrauchstätern haben. Wir müssen standhaft bleiben, Schulungen anbieten und politische sowie gewerkschaftliche Unterstützung gewinnen, um diese Realität öffentlich sichtbar zu machen. Wir tun das mit großer Überzeugung, aber auch mit viel Schmerz und Erschöpfung. Trotzdem bin ich optimistisch, weil wir gemeinsam handeln: Dieser Weg des Zusammenkommens, des Schutzes und der gegenseitige Unterstützung ist auch eine Form der Wiedergutmachung für unsere Kinder. Wir sagen ihnen damit: Ja, wir haben euch geglaubt, ja, wir kämpfen für Gerechtigkeit, und ja, wir stehen für eure geistige und körperliche Gesundheit sowie euer Wohlergehen ein, um euch eure Rechte und das glückliche Leben zu sichern, das ihr verdient.
Das Plurinationale Treffen ist heute dringlicher denn je, angesichts eines Staates, der beschlossen hat, sein ohnehin mangelhaftes System von Rechten weiter abzubauen. Verkörpert wird das durch eine rechtsextreme Regierung, die nicht nur die Finanzierung von Gleichstellungspolitik kürzt, sondern auch mit aller Härte darum kämpft, im Rahmen ihres „Kulturkampfs“ gesellschaftliche Haltungen für sich zu gewinnen. Es ist kein Zufall, dass die Regierung von Javier Milei, die ideologisch mit Figuren wie Donald Trump auf einer Linie liegt und dubiose Verbindungen zu Ausbeutungsnetzwerken wie denen von Jeffrey Epstein hat, die feministische Bewegung und Kinder als ihre bevorzugten Feindbilder ausgewählt hat. Wir stehen vor einem politischen Projekt, das patriarchale Gewalt legitimiert, nicht nur, indem es sie leugnet, sondern auch, indem es das Schweigen der Täter fördert.
Die Geschichte dieser 40 Jahre der Treffen zeigt, dass wir keine Rückschritte mehr zulassen dürfen. Angesichts der Versuche, uns das Erreichte wieder zu nehmen – vom legalen Schwangerschaftsabbruch bis zur Sexualerziehung – und angesichts all dessen, was uns noch aussteht, hat die Bewegung die Aufgabe, sich auf der Straße zu stärken. Gegen Angst und Faschist*innen muss Organisation gesetzt werden. Denn wir wissen, dass Rechte nicht verhandelbar sind: Sie werden auf der Straße verteidigt, durch den Aufbau von Netzwerken gesichert und im Kampf errungen.

Memoria y Resistencia Mütter standen schon immer in den vordersten Reihe der Kämpfe (Druck von Sandra Feferbaum Siemsen @sandraslabor)


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Ein Samenkorn für intersektionale Feminismen

Aborto libre, seguro y gratuito! Eines der ersten und zentralen Themen von Ni una Menos (Interpretation eines Coverfotos- LN 560 zur Feier des Abtreibungsgesetzes von 2020) Druck von Johanna Fuchs

Wie sieht deine Verbindung zur feministischen Bewegung in Argentinien aus?
Meine Politisierung begann in der Sekundarschule, als ich merkte, dass ich nicht heterosexuell bin. Ich begann, an Pride-Demonstrationen teilzunehmen und mich für LGBT-Themen zu interessieren. Mit der Zeit näherte ich mich über die integrale Sexualerziehung dem Bereich Bildung und Sexualität an. Fragen des Geschlechts und der Sexualitäten sind für mich zentral. Ich war dabei, als über das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe, zur Geschlechtsidentität und über das Recht auf legale, kostenfreie und sichere Abtreibung diskutiert und abgestimmt wurde – von der ersten Behandlung des Gesetzentwurfs im Kongress bis zu seiner Verabschiedung 2020. Darüber habe ich nach und nach einen kritischen Blick auf verschiedene Ungleichheiten entwickelt. Ich glaube, dass die meisten Feminist*innen in Argentinien einen intersektionalen Blick auf diese Frage haben, insbesondere der Transfeminismus.

Vor dem Interview hast du gesagt, dass ihr Mileis politisches Projekt als ein Laboratorium der globalen Rechten versteht und dass ähnliche politische Strategien auch in anderen Ländern angewendet werden könnten. Welche Strategien lehren uns die intersektionalen Feminismen Argentiniens heute, um gegen die extreme Rechte zu kämpfen?
Als Milei letztes Jahr in Davos seine Rede hielt, sagte er, dass Feminismus und „Woke-Kultur” ein Krebsgeschwür seien, das entfernt werden müsse; dass wir diejenigen seien, die das Wachstum des Westens verhindern würden, und er verglich Homosexualität mit Pädophilie. Das war am 23. Januar. Eine Woche später, am 1. Februar, entstanden an vielen Orten Argentiniens und der Welt antifaschistische und antirassistische Pride-Demonstrationen. Diese Art der spontanen Versammlung und Diskussion, versuchen wir vom Red Argentina no se vende (Netzwerk Argentinien steht nicht zum Verkauf) auf internationaler Ebene nachzuahmen. Die Intersektionalität der Feminismen in Argentinien kam dabei deutlich zum Vorschein: Bei der Pride geht es nicht nur um die Fragen geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung, sondern auch um die Unterdrückung der Rentner*innen, die Verschlechterung der Lebensbedingungen, der öffentlichen Gesundheit und der Bildungseinrichtungen. Diese Zusammenführung verschiedener Kämpfe und Sektoren ist das, was unseren Feminismus ausmacht. Deshalb ist die Bewegung einer der großen Feinde der globalen Rechten. Es gelingt ihr, Ungleichheiten sichtbar und für die Bevölkerung nachvollziehbar zu machen – dies kann Grundlage für Politisierung und Widerstand sein.
Der Transfeminismus, gemeinsam mit den queeren Bewegungen ermöglichen einen kollektiven Widerstand gegen Milei, und leisten einen wichtigen Beitrag zur Überwindung des Individualismus.

In welchem Kontext ist die Bewegung vor fast 11 Jahren in Argentinien entstanden und was hat sich verändert?
Ni Una Menos entstand 2015 zu einer Zeit, als Angriffe auf weiblich gelesene Personen sowie der Femizid als extremste Form der sexistischen und patriarchalen Gewalt, stark in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Ni Una Menos entstand als Bewegung gegen Femizide eher aus der Wut heraus. Journalist*innen und Aktivist*innen spielten dabei eine wichtige Rolle: In den ersten Jahren ging es vor allem darum, Gewalt zu dokumentieren, der alle, die keine cis-heterosexuellen Männer sind, ausgesetzt sind.
Die Bewegung Ni Una Menos war ein Wendepunkt, der allen klargemacht hat: Ich bin nicht allein, ich bin nicht verrückt, es handelt sich nicht um eine individuelle Frage, sondern um ein strukturelles Problem von Sexismus, geschlechtsspezifischer Gewalt und Patriarchat. Seitdem sind viele weitere Dimensionen hinzugekommen. Dieser Kampf hat zum Beispiel das Gesetz für sichere und kostenlose legale Abtreibungen erreicht. Ein Meilenstein, auch wenn wir uns heute in einer Situation regressiver Politik mit einer global aufstrebenden Rechten befinden.

Was unternimmt Ni Una Menos angesichts der derzeitigen eindeutig antifeministischen und extrem neoliberalen Regierung unter Milei? Wie sieht ihre politische Arbeit angesichts der Rückschläge aus?
Ich würde sagen, dass besonders der Transfeminismus die antifaschistische und antirassistische Pride aus intersektionaler Perspektive ermöglicht hat. Seit dem ersten Jahr der Regierung Mileis hat die Unterdrückung und Kriminalisierung sozialer Proteste stark zugenommen: Menschen werden festgenommen und angegriffen. Auch Journalist*innen sind davon besonders betroffen.
Die Bewegungen sind fragmentiert, auch wenn die Menschen auf die Straße gegangen sind. Ich glaube, dass es den feministischen und transfeministischen Bewegungen in Argentinien gelungen ist, diese Fragmentierung ein wenig aufzubrechen. Aber Milei ist noch da.
Da wir deutlich machen wollen, worum es dieser Regierung wirklich geht, haben wir zusammen mit der Asamblea en Solidaridad con Argentina en Berlin (Berliner Solidaritätsversammlung mit Argentinien) kürzlich ein Video mit dem Titel „Das Geheimnis von Mileis Kettensäge” veröffentlicht: Es wirft einen kritischen Blick auf die Präsidentschaft von Javier Milei und die Folgen seiner „Kettensägenpolitik“. Unter anderem befasst es sich mit dem „Kulturkampf”, den Milei gegen Frauen und queere Menschen führen will und der zu einem Anstieg der Hassverbrechen gegen Frauen und die LGBTIQ+-Gemeinschaft um mehr als 70 % geführt hat.

Kämpfe verbinden! Darin liegt die Stärke der Bewegung (Druck von Paulina Heeg @paulinaiaia)

Gab es konkrete Fortschritte bei den Mobilisierungen?
Milei hat einige seiner Vorhaben nicht weiterverfolgen können und läuft nicht mehr so fröhlich hetzend durch Davos. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber es ist der Keim einer Widerstandsbewegung entstanden, die Milei aus der Regierung jagen könnte. Natürlich muss jemand anderes die Wahlen gewinnen, aber man braucht die Menschen auf der Straße, um klar zu sagen: no pasarán (dt.: Ihr werdet nicht durchkommen). In diesem Sinne müssen wir es schaffen, den globalen Trend der Fragmentierung zu überwinden, damit sich Menschen zusammenschließen, Versammlungen abhalten, über die Linie der Mobilisierung diskutieren und verstehen, dass Mobilisierung nicht nur LGBT-Personen betrifft, als wäre alles nur eine Frage der Identitätspolitik.

Wie können die Erfahrungen Argentiniens andere Bewegungen in Lateinamerika inspirieren?
Es ist wichtig zu verstehen, dass es nicht um die Rechte von Homosexuellen auf der einen Seite und die Rechte von trans Menschen auf der anderen Seite geht und dass ich mich damit zufrieden gebe, dass ich jetzt mein Dokument ändern kann. Vielmehr gibt es eine Reihe strukturelle Ungleichheiten. Der Schlüssel liegt darin, intersektionale Verbindungen herzustellen. Ich glaube, dass sich da viel getan hat, denn Ni Una Menos als Bewegung hat sich in vielen Bereichen außerhalb Argentiniens verbreitet.

Wie schätzt du die Zukunftsaussichten für die transfeministischen Bewegungen angesichts des Rechtsrucks ein?
Wir müssen innerhalb der Opposition gegen die Regierung Milei eine Massenbewegung schaffen, die ein alternatives Modell vorschlagen kann. Wir brauchen diese Organisation, die aus Versammlungen und verschiedenen Initiativen entsteht, nicht nur aus feministischen Kreisen. Es geht darum, ein alternatives Modell der Organisation des sozialen Lebens zu entwickeln, zunächst als Strategie gegen rechte und rechtsextreme Regierungen und idealerweise als wirklich funktionierende Alternativen zum Kapitalismus.

Was ist deiner Meinung nach die Botschaft der Bewegung?
Für mich bedeutet die Bewegung eine Möglichkeit, etwas zu erreichen, Widerstand zu leisten, andere zu treffen und sich auf eine Weise zu verstehen, die nicht individualistisch orientiert und nicht nur auf eine Frage beschränkt ist. Denn der Weg, den Ni Una Menos eingeschlagen hat, von der Spitze des Eisbergs, dem Femizid – wenn eine Frau getötet wird, weil sie eine Frau ist –, bis zur antifaschistischen und antirassistischen Pride, heißt zu verstehen, dass es um alles geht. Diese Erweiterung der Perspektiven scheint mir das Vermächtnis von Ni Una Menos zu sein. Die Möglichkeit, zusammenzukommen und das Verständnis für Ungleichheiten, für unsere Situation, für unseren Platz in der Welt zu vertiefen und auch anderen Kämpfen Hoffnung zu geben.


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Mit grüner Energie in die Dürre

“Mega-Bergbau raus!” Die Gemeinschaft mobilisiert gegen die Zerstörung ihres Territoriums (Foto: Laura May)

Wenn Anwältin Alejandra Pariani aus ihrem Fenster blickt, sieht sie den Tambillos-Gletscher. „Ich lebe im Paradies“, sagt sie. Die 44-Jährige wohnt alleine mit ihren sieben Hunden und sechs Katzen in einem abgelegenen Lehmhaus, 14 Kilometer entfernt von der Kleinstadt Uspallata, Provinz Mendoza, Argentinien. Nachbarn hat sie keine um sich, nur karge Steinlandschaft und hohe Berge wie den Aconcagua, der mit 6.961 Metern höchste Berg Amerikas.
Das Schmelzwasser der Andengletscher fließt durch Flüsse und ein ausgeklügeltes Kanalsystem Richtung Tal und versorgt rund 1,5 Millionen Menschen und 250.000 Hektar Land mit Wasser. Mit diesen Lebensadern machten indigene Huarpe und Inka die Halbwüste schon vor mehr als 500 Jahren bewohnbar und fruchtbar; heute ist die Region das Zentrum der argentinischen Weinproduktion; Pflanzen gedeihen in Oasen mitten in der Trockenheit. „Mendoza existiert nur wegen des Wassers“, sagt Pariani. Doch heute fürchtet sie um ihr Paradies. Neben dem Klimawandel bedrohe vor allem der Hunger des Weltmarkts nach Rohstoffen das sensible Ökosystem.

In den Steinformationen der Anden befinden sich nach Schätzung der US-Handelsverwaltung rund 30-35 Prozent der weltweiten Kupfervorkommen. Die Nachbarstaaten Peru und Chile liefern bereits fast 40 Prozent des weltweiten Bedarfs. Schon lange wollen internationale Investoren die unerschlossenen Reserven in Argentinien zu Geld machen. Kupfer erlebt aktuell sein weltwirtschaftliches Momentum.
Die Nachfrage nach dem rötlichen Metall soll laut Rohstoffanalysten alleine bis 2040 um rund 70 Prozent steigen. Die Nebenwirkungen des Kupferabbaus sind eine der kontroversesten Seiten grüner Energie. Kupfer leitet Strom, lässt sich leicht biegen und ist recycelbar. Dies macht es zu einem unverzichtbaren Material für die meisten Formen erneuerbarer Energien.
Doch viele Bürger*innen wollen keinen Bergbau an den Quellen ihres Wassers. In Mendoza wird bereits seit der letzten großen Liberalisierungswelle in den 90er Jahren erfolgreich gegen geplante Bergbauprojekte mobilisiert. 2007 wurde auf Druck der Zivilgesellschaft das umfassende Umweltgesetz 7722 eingeführt, das zum Schutz der Wasserressourcen den Einsatz giftiger Substanzen wie Zyanid, Quecksilber und Schwefelsäure in der Metallbergbauindustrie verbietet. Es gilt als zentrales Instrument gegen große Bergbauprojekte und wird oft als „Hüter des Wassers“ bezeichnet. Als das Gesetz 2019 geändert werden sollte, gingen mehr als 50.000 Menschen dagegen auf die Straße. Nach tagelang anhaltenden Demonstrationen mit massiver Polizeirepression wurde die Änderung damals zurückgenommen. Wenn Pariani heute von den Protesten 2019 erzählt, hat sie Tränen in den Augen. „Es waren zehn Tage Kampf, die das Gesetz 7722 gerettet haben“, sagt sie. 2021 strich der Oberste Gerichtshof dann allerdings einen wichtigen Nebensatz des Gesetzes 7722, der neben den genannten Chemikalien auch „ähnliche toxische Substanzen“ verboten hatte.

Dies öffnet heute den Weg für Bergbauprojekte, die Verfahren mit anderen giftigen Stoffen zur Lösung der begehrten Mineralien aus dem Massiv der argentinischen Anden verwenden wollen. Ein Beispiel sind Xanthate, chemische Verbindungen, die im Bergbau hauptsächlich als Sammler bei der Flotation von Sulfiderzen eingesetzt werden, um wertvolle Minerale von taubem Gestein zu trennen. Sie sind effektiv, jedoch hoch oxisch für Wasserorganismen und können trotz vermeintlicher biologischer Abbaubarkeit nahe Gewässer kontaminieren.

Nahe Uspallata, dem Wohnort von Pariani, könnte durch dieses Schlupfloch nun bald ein Bergbauprojekt starten, über das seit Jahren schon gestritten wird. Im Dezember 2025 hat das Provinzparlament Mendoza die Umweltprüfung des San Jorge-Projekts genehmigt. Die Kooperation PSJ Cobre Mendocino, ein Joint Venture zwischen Zonda Metals GmbH (Schweiz) und Grupo Alberdi (Argentinien), will für die Extraktion des Kupfers in San Jorge neben Xanthan auch das moderat toxische Methylisobutylcarbinol (MIBC) einsetzen, betont allerdings: „Keines dieser Reagenzien ist nach Gesetz 7722 verboten. Ihre Verwendung erfolgt kontrolliert, in einem geschlossenen Kreislaufsystem mit hohem Wasseraustausch und unter ständiger Überwachung durch die Kontrollbehörden.“ Jährlich sollen 40.000 Tonnen Kupfer und 40.000 Unzen Gold als Nebenprodukt abgebaut werden.

PSJ schreibt sich „Bergbau für nachhaltige Entwicklung“ auf die Fahne, Pariani hält das für eine Lüge. Neben den eingesetzten Chemikalien wird durch die für den Kupferabbau nötigen Sprengungen des Gesteins zudem Arsen freigesetzt. Einmal verschmutzt, würden die Stoffe im ganzen Tal verteilt, sagt Pariani entgegen PSJ. „Es ist Wasser! Natürlich fließt die Verschmutzung von oben nach unten.” Abgesehen von der Verschmutzung sei der Bedarf von etwa 12 Millionen Litern Süßwasser pro Tag trotz vermeintlichem Kreislaufsystem ein Skandal im trockenen Mendoza.
Seit der durchgewunkenen Umweltprüfung im Dezember mobilisiert die Anwältin deshalb wieder gegen San Jorge. Nach wochenlangem Protestcamp am Westufer des Tunuyán-Flußes am Fuß der Anden macht sie sich am 17. Januar mit tausenden anderen zum „Marsch des Wassers“ zurück nach Uspallata auf. Die Demonstration wirkt surreal. Uspallata ist ein karges und verschlafenes Bergdorf. Im Alltag sind die Frachtlaster nach Chile der größte Unruhefaktor. An diesem Tag kommt kurz vor 19 Uhr eine endlos scheinende Karawane aus Autos hupend den Berg hochgefahren. Menschen aus dem ganzen Tal haben sich versammelt, ihre Ankunft wird von einer jubelnden Menge gefeiert. In den Windschutzscheiben kleben selbstgebastelte Wassertropfen, auf den Schildern stehen Slogans wie „Nein zum Megabergbau“, „Gesetz 772“ oder „Raus San Jorge“.

Die Aktivist*innengruppe ist kein spontaner Zusammenschluss. Es ist ein Kollektiv, das seit Jahren gemeinsam Widerstand leistet. Alte Frauen in Rollstühlen, Kinder, Indigene, Einwanderer, Bauern und Intellektuelle, alle sind fest entschlossen, das Projekt zu verhindern und Mendozas Wasser zu schützen, so wie sie es in der Vergangenheit schon geschafft haben. „In Uspallata wird es keinen Megabergbau geben“, ist sich Pariani sicher. Das Volk verteidige sein Wasser und sein Leben, und das Recht auf Leben stehe in der argentinischen Verfassung.

Für Eber Abarca aus Uspallata sind die Leute im Protestmarsch ein unrealistischer Haufen aus Linken und radikalen Kirchneristen. „Niemand will hier das Wasser verschmutzen“, sagt er. Der 42-Jährige ist in Armut aufgewachsen und hofft auf eine bessere Zukunft für sich und seine Heimatstadt. Das San Jorge-Projekt von PSJ würde Fortschritt und Infrastruktur bringen, sagt er. Gasanschluss, neue Straßen, höhere Gehälter. Die Kooperation habe ihm bereits eine Fortbildung in Bergbaulogistik finanziert, aktuell mache er einen Schweißkurs, ebenfalls gesponsert vom Bergbauunternehmen.

Es sei klar, dass ein kapitalistisches Unternehmen wie PSJ Gewinne machen würde, aber auch die geschätzten ein bis drei Prozent der Gewinne aus dem Projekt, die am Ende in der Region bleiben sollen, seien ein Fortschritt. Die Umweltprüfung sei wasserdicht, die Mobilisierungen rein politisch motiviert. Für ihn ist das Thema Bergbau ein ideologischer Kampf, bei dem er klar auf einer Seite stehe. „Ich bin rechts, nicht Mitte“, sagt er, schimpft nebenbei auf Solidarität mit Palästina und äußert seine Bewunderung für Deutschland, das Militär und das Christentum.
Abarca sagt, nur weil die Region viele Ressourcen habe, heiße das noch lange nicht, dass es auch Reichtum gebe. Klar wollten die Konzerne nur die Ressourcen, die dann in den Produkten fortschrittlicher Länder landen. Aber: „Ihr habt die Umwelt zerstört und jetzt fordert ihr vom globalen Süden, von Argentinien, uns nicht zu entwickeln?“ Er träumt davon, dass das Bergbauunternehmen die Bahn zurück in die Region bringt. „Nicht weil die Investoren gute Menschen sind, sondern weil sie es brauchen“, hofft er.

Laut eigenen Angaben von PSJ bringe das Projekt Innovation, Infrastruktur und gut bezahlte Stellen für die ganze Region, außerdem setze die Kooperation Programme zur sozialen Entwicklung der lokalen Gemeinschaften um. Gegner*innen sagen hierzu allerdings, es sei bereits in den Nachbarprovinzen San Juan und Catamarca zu sehen, dass derartige Megaprojekte nicht dazu führen, dass es der lokalen Bevölkerung besser gehe. „Das mit der Arbeit und dem Wohlstand ist eine Lüge“, sagt Pariani. Dort gebe es nur riesige Krater in der Berglandschaft, Armut und Krankheiten unter der Bevölkerung.
Fortschrittsverweigerer, sagt Abarca. Klar habe der Kapitalismus schlechte Seiten, doch der Kommunismus – und das ist für ihn alles andere als der freie Markt – lasse alle verarmen. Der aktuelle libertäre Kettensägenpräsident Javier Milei mache seiner Meinung nach vieles richtig. „Ich glaube an Mileis Projekt, er will dieses Land wieder produktiv machen.“

Produktivität heißt für den selbsternannten Anarchokapitalisten Milei vor allem Freiheit für Großinvestoren, für die er bereits massive steuerliche und rechtliche Erleichterungen durchgesetzt hat. Unter starkem Beschuss ist vor allem der Umweltschutz, denn Milei leugnet den menschengemachten Klimawandel. Aktuell ist konkret das seit 2010 bestehende Gletscherschutz­gesetz in Gefahr, das den Bergbau in Gletscher- und Permafrostgebieten untersagt. Ende Februar stimmte das Parlament der Aufweichung des Gesetz in erster Instanz zu.

Umweltorganisationen wie Greenpeace warnen, dass die argentinischen Gletscher als strategische Wasserspeicher und Biodiversitätsspeicher für das Weltklima von zentraler Bedeutung seien. PSJ interessiert das nicht, denn San Jorge liegt nicht im periglazialen Gebiet. Andere Großinvestoren wie die Barrick Mining Cooperation mit Sitz in Kanada, welche bereits 2019 eine Klage gegen das Gesetz verloren hatte, stehen allerdings schon in den Startlöchern, um sich Kupfer aus Mileis Ressourcenparadies zu sichern.


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Sehnsucht nach Buenos Aires

© Cinco Rayos

Buenos Aires: Eine Stadt, wo Menschen hingehen, um Künstler*in zu werden. Auch der neunjährige Milo, Protagonist des Coming-of-Age-Films El Tren Fluvial,  träumt vom Leben in der Metropole, wohnt aber mehr als 100 Kilometer entfernt im ländlichen Argentinien. Bei Kinderwettbewerben tanzt er den folklorischen Malambo mit großem Erfolg. Zu Hause ist sein Leben dagegen eintönig: Wenn Milo abends im Vorbeigehen ein paar Töne auf dem Klavier spielt, wird er von seinen emotional nicht verfügbaren, bis zur Böswilligkeit strengen Eltern ermahnt, damit aufzuhören. Das Klavier symbolisiert die Sehnsucht des Jungen nach Kunst und Musik und das Versagen dieses Wunsches durch seine Eltern. Schließlich entscheidet Milo sich, allein in die Großstadt zu fahren.

© Cinco Rayos

El Tren Fluvial wird von instrumentaler Musik, Landschaftsbildern und Aufnahmen der Großstadt Buenos Aires begleitet. Ein schlafender Mann am Bahnhof, ein Straßenverkäufer, die Läden und Restaurants, in denen andere essen, zeigen die Stadt aus der Sicht eines Neunjährigen. In Buenos Aires sucht sich Milo mit Neugier und Harmlosigkeit seinen eigenen Weg und lernt dabei einige einzigartige Persönlichkeiten kennen. Am Ende des Films schließt sich der Kreis. Trotzdem bleiben aber einige Punkte offen, was für die Zuschauer*innen nicht komplett zufriedenstellend ist.

© Cinco Rayos

Der Film hat einen langsamen, aber fesselnden Rhythmus. Es ist der erste Spielfilm der Regisseure Lucas A. Vignale und Lorenzo Ferro. Vignale ist als Regisseur von Musikvideos unter anderem für Bizarrap, Nathy Peluso und J Balvin bekannt. Dadurch erhalten die Tanz- und Musikszenen im Film eine besondere Note. Ferro ist als Sänger und Schauspieler bekannt, unter anderem durch die Filme Simon of the Mountain und Narcos: Mexiko. Zusammen mit dem Hauptdarsteller Milo Barria bilden sie ein gutes Team und machen den Film insgesamt sehenswert.


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Der faire Preis 
für Mate

Foto: Diego Vila

Juan Manuels Finger sind gegerbt und verformt, seine Zähne schief und vergilbt. Ein starker Geruch
nach Zigaretten begleitet seine Worte. Wir treffen uns am Terminal Retiro in Buenos Aires
und fahren mit dem Bus nach Misiones. Juan Manuels Blick schweift ab, er redet ununterbrochen.
Nach zwei Jahren und drei Monaten Abwesenheit kehrt er ins Haus seiner Mutter in Eldorado in der
Nähe von Iguazú zurück. Er war in einer religiösen Einrichtung untergebracht und sagt, er sei von
seinem problematischen Drogenkonsum geheilt worden. „Mit zwölf habe ich mit paco (Kokain-
Abfallprodukt, Anm. d. Übers.) angefangen”, erzählt er, „ich war schlimm”. Er war ebenfalls
zwölf Jahre alt, als er mit der tarefa angefangen hat. Das Wort hat einen portugiesischen Ursprung
und wird in Misiones für die Arbeit auf dem Land, vor allem in der Mateernte, verwendet. Mit Schere
und Säge schlug sich Juan Manuel in die Büsche, um für eine geringe Vergütung am Tag 500
Kilogramm der grünen Blätter zu ernten.

Am Wegesrand sind Matepflanzungen zu sehen, die Winterernte hat begonnen. Nach zwölf Stunden kommen wir in Posadas an. „Hast du yerba für einen Mate?”, fragt mich der tarefero. „Hab’ ich nicht, che”, antworte ich und denke darüber nach, wie paradox dieser Moment doch ist. Misiones empfängt uns mit leichtem Nieselregen und hoher Luftfeuchtigkeit. Alles Grün wirkt hier noch grüner, die Erde ist rot. Sieben Blocks von der Plaza 9 de Julio, dem Stadtzentrum von Posadas, entfernt steht das Instituto Nacional de la Yerba Mate (INYM). Am Eingang weist der Wachmann auf eine schmale Treppe, die in den zweiten Stock führt. Hier erwartet mich eine Beamtin mit Infomaterial über die Aktivitäten des argentinischen Mateinstituts. Mit leiser Stimme, fast flüsternd, erzählt sie, dass das INYM eine autarke Institution und nicht von der Landesregierung abhängig sei. Es bestehe aus zwölf Bereichsleiter *innen,
die die gesamte Produktions kette vertreten: Mühlen, Trocknungs anlagen, Kooperativen, Produzent*innen, tareferos, Industrielle so wie Vertreter*innen der Provinzen Misiones, Corrientes und der Landesregierung.

Kurz nach seinem Amtsantritt Ende 2023 hat Argentiniens Präsident Javier Milei ein Dringlichkeitsdekret unterzeichnet, das dem INYM die Befugnis entzieht, Preise fest – zulegen und die Produktion zu regeln. Im April 2024 erließ das Bundesgericht von Misiones eine einstweili ge Verfügung, die die Funktionen des Instituts vorübergehend wieder – herstellte. Aber weil die Regierung keine neuen Vertreter*innen benannt hat, befindet sich das INYM seitdem in einem Schwebezustand, kopflos und seiner wichtigsten Befugnisse beraubt. In diesem Vakuum erledigt der Markt das Übrige:
Er verschiebt das Gleichgewicht zugunsten derer, die ohnehin schon am meisten Macht haben –
ohne, dass sich für die Verbraucher*innen etwas verbessert. Sie müssen immer noch den gleichen Preis für das Produkt zahlen.

Misiones ist die Provinz mit der bedeutendsten Mateproduktion in Argentinien. In etwa 100 Mühlen werden die Mateblätter von mehr als 13.000 Produzentinnen verarbeitet. Nur fünf dieser Mühlen haben einen Marktanteil von über 60 Prozent und sind damit in einer entscheidenden Position für die Festlegung der Preise. Es ist ein warmer Aprilmorgen und die Stadt ist belebt. Schüler*innen in Schuluniform fluten in der Mittagspause die Straßen. „Spuren, die Geschichte schreiben”, liest man auf der Titelseite der Bien Nuestro, einer Sondernummer, die das INYM 2021 veröffentlichte: „20 Jahre tractorazo”. Als tractorazo wurde eine große Mobilisierung von kleinen und mittleren Produktionsbetrieben bekannt, als die neoliberale Politik der 1990er Jahre zu einer Wirtschaftskrise führte. Daraufhin zogen in den Jahren 2001 und 2002 Demonstrationen zunächst durch Oberá, die zweitgrößte Stadt von Misiones, und später durch die Provinzhauptstadt Posadas. Der Protest führte schließlich zur Gründung des INYM, das sich auf eine lange Tradition der Regulierung des Mateanbaus
beruft. Bereits 1935 war eine erste Mate-Regulierungs komission gegründet worden, die jedoch im Jahr 1991 im Rahmen der neoliberalen Politik von Carlos Menem aufgelöst wurde.

Hugo Sand steht an dem Traktor, mit dem er 2001 und 2002 bei den tractorazos protestiert hat (Foto: Diego Vila)


Eine der charismatischsten und bekanntesten Persönlichkeiten der tractorazos ist der Agraringenieur
Hugo Sand. Gemeinsam mit mehreren Organisationen erstattete er am 18. März 2025
Strafanzeige gegen Milei. Ziel ist es, das argentinische Gesetz über die Gründung des INYM
durchzusetzen, welches das Institut dazu befugt, den Mateanbau zu regulieren und einen Präsidenten
zu ernennen. Mein Weg führt weiter nach Oberá, 100 Kilometer von Posadas entfernt. Ich will aus erster Hand erfahren, wie sich die aktuelle Situation auf Mateproduzent*innen auswirkt.
Der Bus kommt nachmittags in Oberá im Zentrum der Provinz an. 28 Grad und die Luft dick vor Feuchtigkeit. Ich schicke Sand eine Nachricht und er antwortet sofort, er sei auf dem Weg. Sand- helle Augen, langer grauer Bart, die Baskenmütze zur Seite gedreht – fragt nach dem Handschlag:
„Fahren wir zum Hof? Das ist nicht weit.” Wir steigen in einen alten, etwas zerbeulten Lieferwagen
und sind nach zwei Minuten an seinem Haus. Malen’ka, seine Hündin, begrüßt uns. Wir sitzen an einem offenen, funktional gehaltenen und kühlen Ort, an dem der Tee getrocknet wird, den Sand und einer seiner Söhne produzieren. Sand bereitet einen Mate zu und gibt ihn mir.

Seine Familie kam im Jahr 1906 aus Finnland nach Misiones, zunächst in die Region Bonpland und später nach Yerbal Viejo, wo wir uns jetzt befinden. Auf diesem kleinen Landgut haben sie sich 1920 niedergelassen. „Wir haben Matenpflanzen zen, die über 100 Jahre alt sind”, erzählt Sand.
Sand ist sich sicher: Das Landproblem ist eindeutig politisch. Mit seiner Marktflexibilisierung würde Milei argentinische Produzent*innen dazu verpflichten, unter ungünstigen Bedingungen gegen brasilianische und paraguayische Produzentinnen zu konkurrieren. Daten des argen­tinischen Statistik- und Zensusinstituts zufolge haben die Mateimporte aus diesen Ländern im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr um 80 Prozent zugenommen.
Außerdem hat der argentinische Wirtschaftsminister Luis Caputo die Resolution 170/2021 des INYM außer Kraft gesetzt, erklärt Sand. Sie hatte die Aufnahme neuer Matepflanzungen pro Produzent*in auf fünf Hektar im Jahr begrenzt, um kleine Produktionsbetriebe gegenüber großen Playern zu schützen, die große Flächen bepflanzen können. Die Aufhebung der Regelung öffnet nun ausländischen Investoren die Tür, die Mate als reine Kapitalanlage und Geschäftsmöglichkeit begreifen – ungeachtet dessen, dass der exzessive Anstieg des Angebots die Preise drücken und die 13.500 kleinen und mittleren Matebetriebe in Gefahr bringen würde.
Nachdem wir uns den Hof angeschaut und die agrarökologischen Methoden kennengelernt haben, die dort auf 25 Hektar angewendet werden, kehren wir nach Oberá zurück. Auf dem Weg, auf Höhe der Kreuzung Karabén – symbolträchtiger Ort der tractorazos von 2001 und 2002 – sieht man das Protestcamp der Genossenschaft Movimiento Agrario de Misiones (MAM), zu der Sand gehört. Auf einem Plakat steht: „Faire Preise für Mate“. „Heute bin ich dran mit Campen“, sagt der 68-jährige Agraringenieur.
Es ist 8:15 Uhr morgens, als Salvador Torres, Kleinbauer und Freund von Sand, mich an der Tür der Kathedrale von Oberá abholt. Hupend fährt er mit seinem weißen Ford Fiesta vor. Beim Einsteigen lädt mich Gladis, seine Frau und Beifahrerin, auf einen Mate ein. Torres fährt auf der Fernstraße 14, bis wir auf einen Feldweg abbiegen, auf dem gerade eine Planierraupe arbeitet. „Die Erde ist rot vom Eisenoxid“, sagt Salvador. Uns umgibt eine ländliche Umgebung, hier bestimmen Mate- und andere Teepflanzungen die Landschaft. Im Radio läuft Ramón Ayala: „Wald, Mondnacht, Trauer im Matefeld, die Stille schwingt durch die Einsamkeit …“. „Jedes Mal, wenn wir herkommen, bessern sie den Weg aus”, sagt Gladis und unterbricht die Stimme des „Sängers der roten Erde“.
Wir kommen auf dem Hof von Waldemar Salzweder in der Colonia Yapeqú an. Salzweder kommt uns begrüßen: Kleinbauer, groß, grauhaarig mit hellen Augen. „Mein Vater ist mit 19 Jahren vor dem Krieg aus Deutschland geflohen“, sagt Waldemar. Die Familie baute Tabak und später Mate an. Mit der Zeit beschlossen sie, einen Barbacuá-Trockenplatz zu bauen. Diese Art der Matetrocknung wird gegenüber modernen Rohrtrockn­ungstechniken kaum noch genutzt, weil sie deutlich teurer und langsamer ist. „Was der Alte mit seinen Händen gemacht hat, muss ich schützen, erhalten und weiterführen”, meint Waldemar. „Jeder einzelne hat einen Weg gesucht, die Technik zu erneuern. Man muss ihre Anstrengungen wertschätzen.”

„Los gehts, ich muss die 
Hühner füttern”

Laut Daten des INYM gibt es in der Provinz Misiones noch 52 Barbacuá-Trockenplätze. In der Region Oberá, wo es beispielsweise allein in der Gemeinde Guaraní etwa 50 solcher Plätze gab, stehen heute nur noch acht. „Der Geschmack der yerba ist ein anderer”, versichert Salzweder. „Der Rauch verleiht ihr einen besonderen Geschmack, die Mate ist weicher als die schnell getrocknete.“
Aktuell sind in der Trocknungsanlage fünf Arbeiter tätig, die Erzeugnisse werden an die Mühlen verschiedener Kooperativen verkauft, die die yerba mit dem Barbacuá-Siegel als hochwertiges Produkt auf den Markt bringen. Zu seinen Käufer*innen gehören auch Salvador und Gladis, welche die von Waldemar und anderen Produzentinnen der Region verarbeitete yerba erwerben, um ihre Genossenschaft MAM zu beliefern.
„Los gehts, ich muss die Hühner füttern”, beschleunigt Gladis die Unterhaltung. Nach einem letzten Blick auf das zylindrische Backsteingebäude mit Blechdach verabschieden wir uns von Salzweder und machen uns nach Panambí auf.
20 Minuten später kommen wir bei der Landwirtschaftskooperative Río Paraná an, bei der die Barbacuá-Mate gemahlen wird. Edelmiro, der Vorarbeiter, empfängt uns freundlich. Geduldig erklärt er uns den Mahlprozess von der Ankunft der Säcke vom Trocknen bis hin zur Abfüllung in drei Varianten: grob für tereré (mit Eiswasser aufgegossene Mate, Anm. d. Red.), nur Blätter sowie Blätter und Stiele gemischt.

Der Kampf um faire Preise hat 
in der Region Geschichte

Vom Hunger der Hühner getrieben, verabschieden wir uns von „Miro“ und steigen wieder ins Auto. Auf dem Rückweg nach Oberá deutet Salvador auf den Ort Los Helechos: „Hier kamen die Siedler des Massakers von 36 her.“ Das Massaker von Oberá, das sich am 15. März 1936 ereignete, wurde in der offiziellen Geschichts­schreibung jahrzehntelang verschwiegen – bis die Historikerin Silvia Waskiewicz es mit ihrem gleichnamigen Buch Anfang der 2000er Jahre vor dem Vergessen rettete. Damals wurden 200 bis 500 polnische, russische und ukrainische Siedler von Sicherheitskräften auf brutale Weise angegriffen. „Die Polizei von Oberá schoss wild auf sie los“, titelte La República am 17. März 1936. Es gab zahlreiche Tote – wie viele genau, weiß man nicht – und hunderte Verletzte und Festgenommene. „Die Protestierenden forderten gerechte Preise für ihre Produkte und Lösungen für die Ungleichverteilung von Bodeneigentum“, schreibt Waskiewicz. „Die politischen Machthaber wollten die Siedler ‚diszipli­nieren‘“, hatte Hugo Sand es auf seinem Hof beschrieben.
Am frühen Nachmittag hält Salvador mit seinem Wagen vor dem Sitz der MAM, dicht am Ortskern von Oberá. Gladis steigt aus und kann endlich die Hühner füttern.

Die MAM wurde 1971 gegründet, auch wenn ihre Ursprünge in der christlichen Landjugend der 1960er Jahre liegen, die von der Befreiungstheologie beeinflusst war. Von Oberá aus wuchs die Bewegung schnell. 1974 gab es bereits mehr als 300 Basisgruppen in der ganzen Provinz. Ihre Aktionen führten zu Preisverbesserungen bei der yerba, aber endeten 1976 vorerst abrupt. Nach dem Militärputsch wurden viele Führungspersonen der MAM verfolgt, verhaftet, gefoltert und ermordet. „Es war die Niederschlagung der Bewegung von unten“, hält Salvador fest.
Nach der Rückkehr zur Demokratie begann die MAM eine langsame Umstrukturierung. In den 1990er Jahren trieb sie die Entstehung freier Märkte an, auf denen Erzeuger*innen ihre Produkte direkt in der Stadt verkaufen können – heute mit über 3.000 Standbetreiberinnen. Auch begann die Arbeit nach Prinzipien des gerechten Handels. Die Marke Titrayju – Tierra, Trabajo y Justicia („Land, Arbeit und Gerechtigkeit”) wurde geschaffen, um Direktverkäufe an Verbraucherinnen zu ermöglichen. Was den Zugang zu Land betrifft, so erzielte die MAM als Verteidigerin der „Besetzer“ bedeutende Fortschritte, einige davon erst kürzlich, wie beispielsweise die Enteignung von Land in der Region El Soberbio. Mit dem Versprechen eines Wiedersehens verabschiede ich mich von Salvador und Gladis. Ein paar vergilbte Zeitungen, Barbacuá-Mate und Tee unter den Arm geklemmt, laufe ich die Straße hoch. Einzig die Zikaden und das Echo meiner Schritte auf dem Pflaster unterbrechen die tiefe Stille der Mittagsruhe.

Der Sol del Norte (Busunternehmen, Anm. d. Red.) lässt mich an der Haltestelle Rosinseski in der Gemeinde Guaraní aussteigen. Ana Goldenberg hat mir gesagt, ich solle hier, 20 Minuten entfernt von Oberá, aussteigen: rote Erde, ein Baum mit gelben Blumen und die Fernstraße 14. Nur das Brummen der sporadisch vorbeifahrenden Autos und Lastwagen stört die Ruhe eines sonnigen Morgens.

Sie holt mich in einem Fiat Strada, einem kleinen Pick-up, ab. Wir biegen auf einen huckeligen Weg ab, der von reicher Vegetation und Teepflanzungen umsäumt ist. Ein paar Minuten lang werden wir auf unseren Sitzen durchgerüttelt, dann erreichen wir ein schönes Landhaus, in dem fünf gepflegte Hunde – Mujica, Karú, Gemma, Osa und Samba – und zwei Katzen, Lula und Bagheera, gespannt warten.

Ana Goldenberg ist in der französischsprachigen Schweiz geboren, Tochter von Argentinierinnen und Enkelin eines Schweizer Erfinders, der in Misiones lebte. Die 30-jährige Anthropologin und ihr Partner Damián beschlossen, auf einen Hof zu ziehen, auf dem sie nach den Prinzipien der Agrarökologie yerba und andere Produkte anbauen. Wir setzen uns in ein geräumiges, helles Wohnzimmer mit doppelter Deckenhöhe. Sie bereitet einen Mate zu und reicht ihn mir. „Wusstest du, dass der Matebaum bis zu 15 Meter hoch werden kann?“, fragt sie mich. Bäume diesen Ausmaßes hätte ich mir nicht vorstellen können denke ich, während ich den Mate zurückgebe und beobachte, wie Lula sich an der Fensterbrüstung reckt.
„Die Matepflanze kommt ursprünglich aus feuchten, subtropischen Regionen: Misiones, Corrientes, Paraguay und Brasilien. Sie wächst auf natürliche Weise in den Bergen“, sagt Goldenberg. „Misiones heißt wegen der jesuitischen Missionen so, die mit den Guaraní yerba anbauten.“

Ana Goldenberg baut auf ihrem Hof in Guaraní yerba und andere landwirtschaftliche Produkte an (Foto: Diego Vila)

„Diese Regierung will den Anbau auf kleiner Fläche abschaffen“

Vor einigen Jahren gab das INYM auf den Höfen den Impuls für ein Agroforstmodell, das die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel stärken soll. Der Vorschlag bestand darin, einheimische Bäume wie die Röhren-Kassie oder den Pacara-Ohrstöpselbaum zwischen die Mate zu pflanzen, damit diese von deren Schatten, natürlichem Dünger, Frostschutz und anderen Verbesserungen des Ökosystems profitieren können. „Wer den Boden pflegt, pflegt die Pflanze“, ergänzt Goldenberg.

Dahingegen verwandelt der großflächige Anbau in Monokultur mit dem Komplettpaket an Technologie von Maschinen und Dünger den Boden in einen reinen Untergrund und lässt keine natürliche Zusammenarbeit zwischen den Spezies zu. „Diese Regierung will den Anbau auf kleiner Fläche abschaffen“, ist sich Goldenberg sicher. „Ihr Produktivitäts- und Effizienzdiskurs sagt uns ‚Na gut, wenn eure Zahlen nicht stimmen, wechselt doch zu etwas anderem!‘ Und das sagen sie Familien, die seit Generationen yerba anbauen. Was ist mit der kulturellen Frage, der Identität und der Umwelt?“

Kürzlich kam eine Forschungsgruppe des Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas, der Hauptorganisation für wissen­schaftliche Forschung in Argentinien, in die Region, um die einheimische Fauna in den Matepflanzungen zu untersuchen. Mit Wildtierkameras gelang es ihnen, Wild, Ameisen- und Nasenbären sowie andere Tiere zu entdecken. Das zeigt: Die Matepflanzungen sind nicht nur fruchtbar, sondern voller Leben.

„Gehen wir eine Runde über das Grundstück?“, lädt Ana mich ein. Wir verlassen mit den Hunden das Haus und gehen auf einem Pfad am Rande des 14 Hektar großen Naturwaldes entlang. Während sie auf einige Pilze, Blumen und Blätter zeigt, erzählt Goldenberg: „Mein Urgroßvater Marc Étienne Roulet, den alle Don Esteban nannten, hat die Trockentrommel erfunden, was zu dieser Zeit eine bedeutende technologische Verbesserung bedeutete. Und er ließ die Erfindung nicht patentieren, sondern ging von Genossenschaft zu Genossenschaft, um sein Wissen zu teilen. Ich glaube, dass wir diesen Geist heute, in Zeiten von Individualismus und Leistungsgesellschaft, brauchen“, betont sie.
Zwischen den Metallträgern, die das Blechdach des Terminals von El Alcázar, 125 Kilometer von Oberá entfernt, stützen, gurren Tauben. In den Bäumen des zentralen Platzes sitzen Tukane zwischen den Ästen. Nach vier Stunden des Wartens hält vor dem Terminal endlich das Fahrzeug, auf das ich warte. Am Steuer des modernen weißen Lieferwagens sitzt der Mateunternehmer Mario Paredes, der aus Eldorado gekommen ist, um mich abzuholen.

„Heute ist ein wichtiger Tag”, sagt er nervös, als er die Tür öffnet. „Die Guaraní-Gemeinschaft ist gleich in der Nähe”, fügt er hinzu. Ich steige in den Pick-up, der mit Matesäcken vollgestopft ist, und wir fahren los. Es ist die erste Ernte der eigenen Produktion der Gemeinde.
Paredes hat ein Trocknungsverfahren entwickelt, das er SIS (sistema inverso de secado, „Umkehr- Trocknungssystem”) nennt. Es nutzt viel niedrigere Temperaturen als traditionelle Trocknungsarten, weil nur Blätter und keine Stiele geerntet werden. Auf diese Art und Weise, so der Unternehmer, bleiben die Wirkstoffe der Blätter erhalten. Damit konserviert es die besonderen Eigenschaften der yerba, wie das Vitamin C, und verbessert gleich­zeitig das Verhältnis von Kalzium, Eisen und Magnesium.
„Wir machen nicht nur ökologische, sondern auch biodynamische Landwirtschaft“, meint Paredes. „Deswegen benutzen wir im Prozess kein Holz.“ Auch die Lagerungszeit ist beim SIS-Verfahren anders. Um die Eigenschaften der yerba zu erhalten, ist die Devise: Je frischer die yerba genutzt wird, desto besser ist ihre Qualität. „Wir retten das am besten gehütete Geheimnis der Jesuiten vor ihrer Vertreibung im Jahr 1767”, sagt der Unternehmer.
Wir kommen in Tekoa Perutí an und biegen auf einen Feldweg ein, der neben der Fernstraße 12 auf das 700 Hektar großen Gelände der Guaraní-Gemeinschaft führt. Als wir vorbeifahren, beobachten uns Gruppen von Kindern am Straßenrand. Inmitten der üppigen Vegetation, zu der auch Anbaukulturen wie yerba, Mais, Bohnen, Maniok und Süßkartoffeln gehören, liegen die Häuser des Instituts für Wohnungsbau der Provinz Misiones, die zweisprachige Schule und die Schule für landwirtschaftliche Familien, die weiterführende Schulbildung anbietet.

Als das Fahrzeug anhält, nähern sich mehrere Mitglieder der Gemeinde begeistert, um die Säcke mit yerba auszuladen. Vorsichtig legen sie sie vor einer Gruppe von etwa 50 Personen nieder, die auf sie warten.
Aguyjevete”, grüßt Paredes und hebt seine Hände inmitten des Menschenkreises. Ich tue es ihm nach, wiederhole den Gruß auf Mbya Guaraní und spüre die neugierigen Blicke der Anwesenden.
Laut Daten des Regionalmuseums Aníbal Cambas in Posadas von 2022 gibt es in der Provinz Misiones 134 Guaraní-Gemeinschaften. Tekoa Perutí ist mit 300 Familien die zweitgrößte.
Dank einer Gruppe von „begeisterten, sozial engagierten Aktivisten“ (Hugo Sand, Raúl Aramendy und Federico Padolsky), der NGO Servicio Evangélico de Diaconía und dem Unternehmen Finca Delfina von Paredes steht eine Guaraní-Gemeinschaft in Misiones zum ersten Mal kurz davor, eine eigene Marke auf den Markt zu bringen: Yerba Mate Perutí. Sobald die rechtlichen Formalitäten geklärt und die drei Finanzierungsphasen abgeschlossen sind, findet der gesamte Produktionsprozess auf Guaraní-Land statt.
Nach ein paar Worten – sowohl von juru’a (weißen Personen) als auch von Guaraní – gibt es eine Taufzeremonie für die yerba in Form einer Segnung. Der Geiger Bernardino Cabrera tritt vor und spielt eine ruhige Melodie. Dann schließen sich die Autoritäten der Gemeinde an – der cacique Cristian Cabrera, Ezequiel Núñez, Jacinto Rodríguez – und schließlich alle anderen Anwesenden. Mit kleinen Schritten tanzen sie um die Beutel mit ka’a (yerba) herum. Die spirituelle Führerin Hilda Benítez reinigt die Beutel mit dem dichten Rauch ihrer Pfeife, die mit Tabakblättern aus dem Wald gefüllt ist. „Heute ist ein sehr besonderer Tag für die Mbya Guaraní-Gemeinschaft”, sagt Cristian Cabrera. „Wir beginnen, unser eigenes ka’a zurückzugewinnen, das medizinische und spirituelle Eigenschaften hat. Wir werden anfangen, unsere eigene yerba zu konsumieren und unsere kleine Pflanze zu schätzen.” Celene Cabrera, Cabreras Nichte, ist sich der Bedeutung dieses Projekts bewusst, weiß aber vor allem, dass es ein langer Prozess sein wird. „Warum sollten wir rennen, wenn wir noch nicht einmal laufen?“, sagt die 19-Jährige.





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SCHILLERND UND SCHWERMÜTIG

© Agustina Comedi

Der Kurzfilm Playback. Ensayo de una despedida der argentinischen Dokumentarfilmerin Agustina Comedi (El silencio es un cuerpo que cae) entführt die Zuschauer*innen in das Nachtleben der Gruppe Kalas (Grupo Kalas). Als trans Frauen und Dragqueens begehrten sie mit ihren Auftritten gegen die Unsichtbarkeit queeren Lebens im postdiktatorischen Argentinien auf. Doch statt Aufbruch und Ausbruch erleben die in wackeligen Videoaufzeichnungen festgehaltenen Mitglieder den Verlust ihrer „Soldatinnen“ durch HIV.

„La Delpi“, die einzige Überlebende der Gruppe Kalas, kommentiert die alten VHS-Videos. Zeugnis und Bild fallen auseinander, treffen wieder zusammen oder werden von den Antworten ihrer Freund*innen während eines Drag-Contests unterbrochen. In ihren Aussagen bricht sich die Lebensrealität der Trans*-Community schonungslos Bahn. Da wird durch die klassische Frage an die Schönheitskönigin: „Wenn sie Präsidentin sind, welches Dekret würden sie als erstes verabschieden?“ der Graben deutlich, der zwischen situativer Selbstermächtigung und gesellschaftlicher Akzeptanz liegt: „Ein Dekret, dass jede*r Trans* sicher die Straße entlanglaufen kann.“

Dieser Wunsch hat sich in Argentinien auch nicht durch die Verabschiedung des Gesetzes zur Genderidentität (Ley de Identidad de Género) im Jahr 2012 erfüllt. Infolge des Gesetzes verzeichnete das Land zwar einen relativen Rückgang staatlicher Repressionen gegen trans Personen, doch der Kampf gegen die – oftmals tödliche – Gewalt auf den Straßen und im Haus ist weiterhin eine zentrale Forderung von Aktivist*innen.

Vor diesem Hintergrund ist der Film von Comedi zweierlei: eine Hommage an die Akteur*innen der sich nach der Diktatur rekonstituierenden Trans*-Community und ein wertvolles Zeitdokument für heutige Aktivist*innen. Die dokumentarische Tätigkeit als eine Form des Aktivismus zu begreifen, wird in Argentinien seit 2012 von der Gruppe rund um das Archiv der Trans*-Erinnerung (Archivo de la memoria trans) vorgelebt. Auch deren Mitglieder haben die Diktatur überlebt, viele im Exil. Das Sammeln der Dokumente, das Wiederentdecken und Zeigen der gemeinsamen Geschichte bildet eine Grundfeste, von der Trans*–Aktivismus in Argentinien heute ausgeht. Comedi leistet durch ihren Kurzfilm einen ebenso schillernden wie schwermütigen Beitrag über das solidarische Miteinander in vergangenen Kämpfen gegen Marginalisierung und gegen den Tod.


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