
Am Mittwoch, dem 24. September, wurden die Leichen der jungen Frauen in einem Haus in Florencio Varela in der Provinz Buenos Aires gefunden. Erste Ermittlungen deuten darauf hin, dass der dreifache Feminizid am 19. September begangen wurde. Die Mädchen stammten aus den marginalisierten Vierteln La Tablada. Brenda und Morena waren Cousinen und Freundinnen von Lara. Am 20. September, ein Tag nach dem Verschwinden der drei, forderten Familienangehörige, Freund*innen sowie Frauen- und Nachbarschaftsorganisationen ihre Rückkehr. Die Familien der Opfer beklagen, dass die Polizei der Provinz Buenos Aires sich in den ersten 24 Stunden weigerte, eine Anzeige aufzunehmen, und zunächst eine unkoordinierte Suche startete.
Es dauerte vier Tage, um den Standort anhand von Mobilfunkantennen zu ermitteln. Die Untätigkeit der Polizei wurde von reißerischen Medienberichten begleitet, die schon vor dem Fund der Körper den Tod der drei jungen Frauen verkündeten und suggerierten, sie seien selbst an ihrem Verschwinden Schuld. Die weiteren Ermittlungen weisen auf die Verwicklung einer Drogenbande hin, die in den armen Vierteln der autonomen Stadt Buenos Aires, wie den Villas 1–11–14 und Villa 21–24, sowie in der gesamten Provinz operiert. Es gab mehrere Festnahmen, bislang jedoch keine offiziellen Analysen oder Verurteilungen.
Im Vorfeld der Zwischenwahlen hat sowohl die peronistische Provinzregierung unter Axel Kicillof als auch die Nationalregierung von Javier Milei vermieden politische Verantwortung zu übernehmen. So bemüht sich der Sicherheitsminister der Provinz Buenos Aires, Javier Alonso, die Ereignisse als Racheakt einer internationalen Drogenbande zu kategorisieren und nicht etwa als „Narco-Femizinid“ (Feminizid, der, anders als die Mehrheit der Feminizide, nicht im Kontext von persönlichen Beziehungen – zum Beispiel durch den Partner oder Ex-Partner – begangen wird, sondern im Zusammenhang mit der Eskalation und Normalisierung extremer patriarchaler Gewalt durch die Strukturen des Drogenhandels steht, die das Leben insgesamt, insbesondere jedoch das von Frauen, entwerten, Anm. d. Red.). Statt die Verzögerungen bei der Such- und Fahndungsaktion durch die ihm unterstellten Sicherheitskräfte zu erklären, suchte Alonso die Motive zügig außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs.
Feminizide werden verleugnet
Derweil versuchte Kicillof auf X, die Verantwortung für die Bekämpfung des Drogenhandels, die in der Stadt Buenos Aires klar bei ihm liegt, auf die Allgemeinheit abzuwälzen: „Wir müssen uns alle am Kampf gegen die Ausrottung des Drogenhandels beteiligen. Sonst wird er stärker und Straflosigkeit breitet sich aus.” Die prekäre wirtschaftliche Lage der Ermordeten, die sie besonders vulnerabel für die Verbrechen des Kartells machte, wurde bislang von keinem Politiker angemessen betrachtet.
Die Ministerin für nationale Sicherheit und Kandidatin für den Senat Patricia Bullrich wiederum negiert die Existenz von Feminiziden und geschlechtsspezifischer Gewalt in diesem und anderen Fällen gänzlich. Bullrich behauptete wiederholt, Gewalt und Feminizide seien das Resultat feministischer Kämpfe. „Wenn du den Eindruck vermittelst, dass du empowert bist und jeden mit Füßen treten kannst, sei es einen Mann, deinen Vater oder deine Mutter, dann wird er sich letztendlich gegen dich wenden, wenn du ihn mit Füßen trittst“, erklärte sie. Weiterhin stellte Bullrich fest, dass „das durch den extremen Feminismus entstandene Ungleichgewicht zu Situationen führt, in denen die Gewalt so stark ist, dass sie die Person zerstört, die diese Dynamik hervorbringt“.
Geldwäsche, Drogenhandel und Armut
Diese patriarchalen Äußerungen werden in einem größeren politischen Zusammenhang getätigt, in dem beide Fraktionen 2024 mit ihren Stimmen unmittelbar die Möglichkeiten für Geldwäsche und anderen dubiosen Aktivitäten eröffneten und mittrugen. Rechtswidrige Gewinne können auf verschiedenen Wegen in das legale Finanzsystem gelangen, beispielsweise durch die Gründung von Scheinfirmen, die Zusammenarbeit mit Kreditinstituten und den Erwerb von Vermögenswerten (Fahrzeuge, Immobilien) oder Börsenprodukten.
Schon in der vergangenen Legislaturperiode sind verschiedene Verbindungen von Mitgliedern der nationalen Regierung zum Drogenhandel ans Licht gekommen. So etwa der Fall des ehemaligen Vorsitzenden des Haushalts- und Finanzausschusses der Abgeordnetenkammer, Luis Espert, der seit 2024 Teil von Mileis Partei La Libertad Avanza („Die Freiheit schreitet voran“) ist und wegen des Skandals seinen Vorsitz und seine Kandidatur in der Provinz Buenos Aires aufgeben musste.
Während die Komplizenschaft des Staates an der Verbreitung von Narcostrukturen vertuscht wird, ignorieren sowohl die Regierung von Milei als auch die Provinzregierung von Kicillof die prekäre Lage junger Menschen in den Armenvierteln der Stadt, die sie besonders anfällig für das organisierte Verbrechen macht. In dieser Altersgruppe sieht es für Frauen besonders düster aus: Bei Frauen unter 29 liegt die Arbeitslosenquote bei 23 Prozent. Die Armut in den einfachen Vierteln Argentiniens bietet einen fruchtbaren Boden für das organisierte Verbrechen. Kartelle und Banden nutzen die Notlage der Jugendlichen aus, um sie als „Soldaten“ zu rekrutieren oder, im Falle der Mädchen, sexuell auszubeuten. An diesen Tatsachen tragen der Staat und die Regierung die Verantwortung.
Der Narco-Feminizid an Morena, Brenda und Lara ist der gewaltsame Ausdruck einer Staatspolitik, die Jugendliche, Frauen und Kinder konsequent aller Perspektiven beraubt. Am 29. September meldete die Beobachtungsstelle für geschlechtsspezifische Gewalt Ahora que sí nos ven (Jetzt sehen sie uns) alarmierende Zahlen: 178 Feminizide (einer alle 36 Stunden) und 287 versuchte Feminizide wurden allein in den ersten neun Monaten des Jahrs 2025 gemeldet. Nur 15 Prozent der Opfer erstatteten Anzeige, 14 der Täter gehörten den Sicherheitskräften an, 149 Kinder verloren ihre Mutter.
Diese erschreckenden Zahlen sind, zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels, noch unvollständig und umfassen nicht die 14 im Oktober verübten Feminizide, 12 davon in weniger als einer Woche. Das ist nicht nur das makabre Resultat der 2024 begonnenen Abschaffung von mehr als 13 Programmen und Maßnahmen zur Geschlechtergleichstellung. Bereits vor Mileis Amtszeit waren die Mittel knapp und politische Maßnahmen defizitär. Das Programm Acompañar begleitetet Frauen in hochgefährdeten Gewaltsituationen – im Jahr 2023 unterstützte es mehr als 100.000 Menschen. 2024 wurde das Budget um 90 Prozent gekürzt und für den Haushalt 2025 ist es nicht mehr als erkennbarer Posten aufgeführt. Die Mittel für die Telefonhotline 144, den wichtigsten kostenlosen Hilfsdienst für Opfer von Gewalt, wurden 2024 um zwei Drittel gekürzt. Im Haushaltsentwurf für 2026 ist kein entsprechender Posten geführt.
Sparpolitik und erhöhter Armutsindex
Diese Einsparungen fügen sich in die bestehende Austeritätspolitik im Bereich der reproduktiven und sexuellen Gesundheit, umfassender Sexualaufklärung sowie der Finanzierung der wirksamen Umsetzung des 2020 verabschiedeten Gesetzes zur Legalisierung der Abtreibung ein. Die Sparpolitik geht Hand in Hand mit Diskursen, die Gewalt gegen Frauen ideologisch legitimieren. Dazu passt der, aufgrund seiner Messmethode zweifelhafte Armutsindex von 31,6 Prozent für das erste Halbjahr 2025, ebenso wie das Fehlen von echten Arbeitsplätzen sowie Stipendien und Kürzungen in Gesundheit, Wohnraum, Gehältern, Renten, Invalidenrenten und Sozialhilfe.
Argentiniens lange bestehende prekäre Situation, die nun von Milei verschlimmert wird, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Plünderungen durch ausbeuterische Regierungen und fördert systematisch Gewalt gegen Frauen, Kinder und Jugendliche (LN 605). Derweil reviktimisieren die Medien die Opfer, indem sie aufgrund ihres „Lebensstils“ fadenscheinig zwischen „guten“ und „schlechten“ Opfern unterscheiden. So tragen neben der Regierung Mileis auch Medien zur Legitimation der Gewalt gegen Frauen und gegen Bewegungen, die sich für Frauenrechte, Kinderrechte und Diversität einsetzen, bei. Auf ihre Hetze folgen Taten.
Dabei ist die steigende Zahl von Femiziden gleichzeitig auch ein lateinamerikanischer Trend. Nach Angaben der Lateinamerikanischen Karte der Feminizide von 2024 waren mindestens 4.855 Frauen Opfer eines Feminizids, das sind 13 Feminizide pro Tag und schätzungsweise eine ermordete Frau pro Stunde. Während in Argentinien und ganz Lateinamerika weiterhin grundrechtsverachtene, sexistische Diskurse und Politiken verbreitet werden, kämpft die feministische Bewegung weiter gegen Feminizide, geschlechtsspezifische Gewalt und für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für Brenda, Morena, Lara und alle ermordeten Frauen.












