
Am Ende ist wieder Ordnung eingekehrt, auch im Studio von Radio Capital in Asunción. Wo vorher der ekstatisch tanzende Moderator Narciso (Diro Romero) vor kreischenden Jugendlichen die neusten Rock’n’Roll Hits aus den USA präsentiert, spielt nun wieder Chinita Montiel, die Grande Dame der paraguayischen Folklore, vor einem brav sitzenden und im Takt mitklatschenden Publikum. Auf einer Brache werden Rock’n’Roll-Platten verbrannt – und Narcisos Leiche wird brennend in seinem Bett entdeckt. Narciso, der im Paraguay der späten 1950er Jahre angesiedelte zweite Langspielfilm von Marcelo Martinessi (u.a. zwei Silberne Bären für Las herederas 2018) beginnt mit dem letzten Auftritt des schnauzbärtigen, charismatischen und – wie der Name schon andeutet – sehr von sich selbst eingenommenen Narciso. In Buenos Aires hat er den Rock’n’Roll kennengelernt und ist nun in seine Heimat zurückgekehrt. Während die Unterdrückung der Militärdiktatur unter Paraguays Diktator Stroessner, im Film nur „El Rubio“ (der Blonde) genannt, in alle Bereiche des Lebens sickert, versucht Narciso, die aus den USA die Welt erobernden Hits von Chuck Berry, Little Richard, oder Bill Haley & His Comets (bei Narciso „y sus cometas“) in das noch provinzielle Asunción zu bringen.

Dazu muss er zunächst Radiodirektor Lulú (Manuel Cuenca) von seiner Show überzeugen. Das ist die Musik, die die Welt hört, erklärt der junge Mann Lulú. Der erwidert nur: Aber wir sind in Paraguay. Dass Lulú schließlich nachgibt, liegt nicht nur an der Intervention des charismatischen US-Botschaftsmitarbeiters Mister Wesson (Nahuel Perez Biscayart). Denn der heimlich schwule Lulú, der die Nächte auf den Straßenstrichen und Cruising Areas Asuncións verbringt, fühlt sich zu Narciso hingezogen. Und auch der dandyhafte Mr. Wesson, über dessen sexuelle Orientierung eh gemunkelt wird, kommt Narciso immer näher.
Neben queerem Begehren, das unterdrückt umso ungehemmter ausbricht, und Indigener Sichtbarkeit – ganz selbstverständlich wird in Teilen des Films Guaraní gesprochen – spielt das Radio eine große Rolle: als das Medium der Zeit, bevor das Fernsehen nach Paraguay kam. In einer Radionovela wird die Geschichte Draculas eindrücklich als Live-Hörspiel inszeniert und dient als gelungene Parabel auf die Militärdiktatur. „El Rubio“ beschwert sich persönlich über die Show: er mag keine düsteren Geschichten.

„In der Verzweiflung liegt eine eigene Ruhe“ bemerkt der Dracula-Darsteller (Arturo Fleitas), als von Razzien und Festnahmen „unmoralischer“ Jugendlicher berichtet wird. Und so dauert es nicht lange, bis schwere Fäuste auch gegen die Türe des Studios hämmern. Mister Wesson ist noch dabei, als der Diktator das neue, mit US-Hilfe aufgebaute Wasserwerk eröffnet. Doch die Protagonist*innen der Gegenkultur sind da schon alle auf Militärlastwagen abtransportiert. Narciso fängt die Brüchigkeit seiner Epoche wundervoll ein und ist gleichzeitig von beängstigender Aktualität: Wie dort gegen queere Menschen und Künstler*innen als „Invertierte“ gehetzt wird, vor denen Kinder und gute Sitten beschützt werden müssen, lässt unweigerlich an die allgegenwärtige Hetze weltweit erstarkender faschistischer Strömungen denken.
Martinessis Narziss blüht zwar nur als kurze Stichflamme auf. Dennoch beweist er, dass sich das Begehren auch von noch so autoritär agierenden Regimes nie ganz einhegen lässt. Die Reise in die Glanzzeiten des Radios, ein großartiger Soundtrack voller Rock’n’Roll-Hits und die Repräsentation queeren und Indigenen Lebens und kulturellen Widerstands gegen die Militärdiktatur machen Narciso zu einer unbedingten Empfehlung. Sollte der Film auf der Berlinale einen der queeren Teddy-Awards gewinnen, wäre das mehr als verdient.








Ein Kreuzfahrtschiff irgendwo in Südpatagonien. Chico Ventana („Fensterjunge“, Daniel Quiroga), putzt lethargisch das Deck (und die Fenster), sieht desinteressiert Walen hinterher und zeigt auch sonst nicht den Einsatz, den sich seine Vorgesetzten von einem dynamisch-ambitionierten Angestellten erwarten. Vielleicht liegt es daran, dass Chico auch körperlich nur noch die halbe Zeit an Bord ist, seit er entdeckt hat, dass eine geheime Tür im Unterdeck in ein Apartment in Montevideo führt.





