DIE MÄCHTIGE MÖGLICHKEIT, DAS GEMEINSAME ZU SCHAFFEN

Kollektive Kraft “Der feministische Kampf in Lateinamerika”
Illustration: Agustina Di Mario, @aguslapiba

 

Auslöser für die Gründung von Ni Una Menos war die sich organisierende Wut über eine Serie von brutalen Feminiziden. Dass mit Ni Una Menos „nichts mehr so sein würde, wie zuvor“ war das allgegenwärtige Gefühl bei den Teilnehmer*innen der ersten massiven Demonstration am 3. Juni 2015. Sie sollten recht behalten. Eine neue Bewegung für ein Ende der Toleranz der tödlichen Gewalt war entstanden. Schnell wurde allerdings klar, dass es, um Gewalt gegen Frauen zu verstehen, auch darum gehen muss, ein ganzes Muster von Gewalt zu verstehen.

Ein Muster von Gewalt, das nicht erst mit Feminizid beginnt, sondern mit alltäglichen Praktiken, mit sexistischen Rollenzuschreibungen, mit gewaltvollen Situationen in Familien oder Paarbeziehungen. Mit der Objektifizierung und Kontrolle von Körpern, mit Prekarität und ökonomischer Ungleichheit und den daraus resultierenden Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnissen, mit privater Verschuldung, dem Gender Pay Gap, mit unbezahlter und ungleich verteilter Reproduktions- und Sorgearbeit. Diese miteinander verschränkten Formen der Gewalt dienen letztendlich zur Disziplinierung derer, die sich den für sie vorgesehenen Rollen nicht fügen.

Es ist diese Einsicht, dass physische Gewalt gegen Frauen und Queers nicht einfach da ist und ihre Opfer bedauert, betrauert und lamentiert werden können, sondern dass diese Gewalt einen Zweck im System erfüllt: Ungleichheit zu zementieren und den Status Quo zu erhalten. Sie ist grundlegend, um über die bloße Verurteilung patriarchaler Gewalt hinauszugehen, aus einer vorgeschriebenen Opferrolle auszubrechen und gesamtgesellschaftliche Forderungen zu stellen.

Diese Perspektive erlaubt es, geschlechtsspezifische Gewalt aus der Eindimensionalität zu holen und sie als Ausdruck eines Musters aus ökonomischen Abhängigkeiten, Ausbeutung, sozialen und finanziellen Zwängen des kapitalistischen Systems zu begreifen. Die so notwendige Politisierung der Gewalterfahrung dient also als Strategie für die feministische Bewegung, aus der sie ihre Schlagkraft nimmt: Patriarchale Gewalt wird thematisiert und politisch nutzbar gemacht, indem sie ausgehend von einer alltäglichen, geteilten Erfahrung alles radikal in Frage stellt.

Die Verschränkung der verschiedenen Formen von Gewalt ist dabei zentral und ausschlaggebend für das linke antikapitalistische Selbstverständnis der Bewegung. Es geht darum, zu verdeutlichen, dass konkrete alltägliche Gewalterfahrungen nicht losgelöst von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen passieren. Es ist nicht nur die sichtbare, körperliche Gewalt und ihr vielleicht extremster Ausdruck im Feminizid, sondern auch die Gewalt, die zunächst unsichtbar(er) bleibt, die naturalisiert und als gegeben hingenommen wird und daher schwerer zu durchbrechen ist. Der feministische Streik ist hier das Instrument, das diese Verschränkung am klarsten thematisiert hat, indem er im Protest gegen brutale Feminizide auch Fragen nach strukturellen ökonomischen Gewaltverhältnissen aufgeworfen hat.

Die Kritik an Gewalt in ihren vielfältigen Formen dient daher als Analyseinstrument, um Alltagsprobleme verständlich zu machen und in einen größeren Kontext zu setzen, aber auch als verbindendende Erfahrung feminisierter Körper. Über diese geteilte Erfahrung entsteht eine Art kollektiver Ungehorsam und Widerstand, der ein wichtiger Grundstein für einen radikaleren feministischen, revolutionären Gedanken ist: Wenn wir körperliche Gewalt gegen Frauen verurteilen, wie sie auch im liberalen und bürgerlichen Common Sense verurteilt wird, und uns dagegen wehren, bedeutet das aber gleichzeitig, uns auch gegen andere Formen der Gewalt zu wehren. Denn diese stehen miteinander in Verbindung: die physische ist ein Ausdruck der anderen Formen der Gewalt und ein Mittel, diese anderen Formen aufrechtzuerhalten.

Die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, wie es das erklärte Ziel des 25. Novembers als Internationaler Aktionstag ist, ist letztlich nicht gewollt, denn sie hat eine Funktion im kapitalistischen und patriarchalen System. Keine neue Erkenntnis, die jedoch mit Ni Una Menos über einen kollektiven Lernprozess zu einer radikalen Politisierung einer tatsächlichen Massenbewegung geführt hat. Ni Una Menos hat es geschafft, Frauen in einer Bewegung zu vereinen, die davor nicht über feministische Begriffe oder Unterdrückung nachgedacht hatten.

Die Frage nach dem Wie ist die, die oft und vor allem in Orten mit schwacher Bewegung wie Deutschland gestellt wird und die Marta Dillon, Ni Una Menos-Aktivistin der ersten Stunde, versucht zu beantworten. Einen massentauglichen Feminismus zu machen, bedeute zu erlauben, dass alle über Feminismus reden können. Dass er herauskommt aus einer akademischen Blase, auch wenn es akademische Konzepte braucht, die das Alltags- und Arbeitsleben und konkrete Problemlagen erklären können. Das Patriarchat zum Beispiel. 🙂 „Vor 2015 hat in Argentinien niemand vom Patriarchat geredet, heute reden alle davon und vor allem davon, dass es fallen wird.“, grinst sie. Es geht um das Erkennen einer sozialen Struktur, die unterdrückend ist. „Das ist das, was es explodieren lässt“.

Dass derartige Konzepte verfügbar gemacht werden, führte in Argentinien dazu, dass sich viele junge Leute in der Bewegung wiedergefunden haben, meint Marta. „Die Schülerinnen hier sind super mächtig. Sie sagen zum Beispiel: ,Nach Ni Una Menos ist mir klargeworden, dass das Problem die Beziehungen zwischen Geschlechtern als Machtbeziehungen waren‘. Wenn du wie die Oberstufenschülerinnen heute die Geschlechterbeziehungen als Machtbeziehungen denken lernst, verstehst du andere Machtbeziehungen und verstehst andere Unterdrückungen. Es ist wie ein erster Vektor der Politisierung.“ Es geht um die Möglichkeit zu denken, dass patriarchale Gewalt nicht nur mit Prügel oder sexualisierter Gewalt zu tun hat, sondern mit einem ökonomischen und politischen Gefüge. Und diese Möglichkeit verändert das alltägliche Erfahren.

Reden über sexistische Gewalt war von Anfang an eine wichtige Organisierungserfahrung. Dadurch wurde klar, dass Gewalt kein Thema der Anderen ist, wie Marta erklärt. „Gewalt ist keine Erfahrung der ‚Armen‘ oder der ‚Migrantinnen‘, es ist eine allgemeine Erfahrung, die durch die ganze Gesellschaft geht. Die machistischen Wunden anzuerkennen, die wir fast alle haben, ist eine lange, aber sehr notwendige Aufgabe. Weil das, was du daraus entstehen lassen musst, ist Ungehorsam.“

Dass dieser Ungehorsam entstehen kann, ist ein kollektiver Prozess. Dabei geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen, dass die eigenen keine vereinzelten Erfahrungen sind, dass sie sichtbar und öffentlich gemacht werden; dass sie diskutiert, entindividualisiert und aus Kategorien individueller Schuld und Moralisierung heraus-*geholt werden.

Zentral für die Kollektivierung der Erfahrungen, aber auch für die Organisierung und Mobilisierung, sind die Versammlungen – Asambleas. In Vorbereitung auf die ersten feministischen Streiks zum 8. März entstanden in den verschiedensten Organisierungszusammenhängen, Gremien, Arbeitsplätzen, Nachbarschaften und Gewerkschaften separate Frauenversammlungen. „Gewalt ist immer das Thema, das zuerst auf den Tisch kommt“, erzählt Marta über die Versammlungen.

Asambleas sind laut Marta ein Ort um gleichzeitig identitätspolitische sowie materielle Probleme aufzuzeigen. „Gewalt ist kein identitätspolitisches Thema an sich, aber es schafft eine soziale Beziehung, die die Klasse und den Ort wo du geboren bist, übersteigt. Das erzeugt die Idee von einer gemeinsamen Erfahrung von feminisierten Körpern. Es hat mit dem Gefühl zu tun, nicht mehr isoliert zu sein.“ Die Politisierung, sagt Marta, komme mit dieser körperlichen Erfahrung, einer quasi existenziellen Einsicht, die man geradezu spüre. „Sich klar zu werden, über all die Situationen, wo du zum Schweigen gebracht wurdest, all die Situationen, wo sie dir auf den Arsch geschaut haben, nur weil du über die Straße gehst…Es geht darum, dieses Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es notwendig ist, zu sagen: Es reicht!“. Heute, fünf Jahre nach der ersten Ni Una Menos-Demonstration hat sich die Toleranzgrenze für machistische Gewalt merklich verschoben. Aus dem ¡Basta! ist eine starke selbstbewusste Bewegung geworden.

Es geht also um das Erfahren einer Gemeinsamkeit – aus der Gegenstrategie entsteht, eine kollektive Kraft. Marta: „Der Feminismo popular gibt dir auch eine Möglichkeit, dich in deinen eigenen Rebellionen wiederzuerkennen, sogar dann als es noch kein Kollektiv gab. Die Situationen, in denen du Nein gesagt hast, in denen du die Stirn geboten hast. Das macht dich schon zur Feministin. Das ist mächtig. Die Möglichkeit, das Gemeinsame zu schaffen.“

Das ist der Verdienst der feministischen Bewegung, die längst über Ni Una Menos hinausgewachsen ist: Sie hat die Fähigkeit zur Empörung entfacht, einen Prozess des kollektiven Lernens angestoßen, des Empowerments, dessen Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist. „Der Feminismus in Argentinien ist eine Erfahrung, verstehst du?“, schließt Marta das Gespräch. „Mit anderen Frauen auf der Straße sein, gemeinsam dieses Gefühl des Ungehorsams spüren. Es gibt mikropolitische Rebellionen, die sich in deinem Zuhause abspielen. Aber du machst die nicht allein, weil du weißt, dass es andere Frauen in der gleichen Situation gibt. Du kannst zurück nach Hause gehen und sagen: Weißt du was? Halt’s Maul.“

 

TROTZ ALLEM: EIN FEST

Verónica Gago ist Aktivistin, Journalistin und Mitglied im Kollektivverlag Tinta Limón. Gago lehrt als promovierte Sozialwissenschaftlerin an den öffent­lichen Universitäten UBA und UNSAM in Buenos Aires. Foto: Florencia Tricheri

 

Frau Gago, Sie sind seit der Entstehung von Ni Una Menos im Jahr 2015 in der Bewegung aktiv. Wie hat sich diese entwickelt und was ist das Neue an diesem Feminismus, der es schafft, hunderttausende Menschen auf die Straße zu bringen?
Die Bewegung ist größer und massiver geworden, aber auch mehr im Mainstream angekommen. Das bedeutet, die Fähigkeit der Femi­nismen, sich mit einer ‚sozialen Konfliktivität’ zu verbinden, ist gewachsen. Soziale Konfliktivität meint die sozialen Probleme, mit denen die Gesellschaft heute konfrontiert ist. Die Parole Ni Una Menos (Keine einzige weniger) hat eine große Reichweite und schafft es, das Problem der Feminizide in die Öffentlichkeit zu bringen. In diesem Rahmen fanden die massenhaften Proteste von 2015 und 2016 statt. Im Oktober 2016 haben wir zum ersten Mal zu einem Frauenstreik aufgerufen. Das war eine Wende, weil wir aus dem Drehbuch ausgebrochen sind. Da wurden wir gefragt: Aber was hat ein Streik mit einem Feminizid zu tun? Mit dem Instrument des Streiks konnten wir sagen: Es reicht mit der Gewalt.
Aber um Gewalt gegen Frauen zu verstehen, muss ein ganzes Muster an Gewalt verstanden werden, das mit der ökonomischen, politischen und sozialen und der repressiven Gewalt des Staates verbunden ist. Wenn wir nicht verstehen, wie die Formen der Ausbeutung, die Kürzungen der Sozialleistungen oder die aktuelle Sozialreform, die die Regierung von Mauricio Macri systematisch vorantreibt, den Alltag beeinflussen, können wir nicht verstehen, warum Frauenkörper zu einem privilegierten Territorium für verschiedene Formen von Gewalt werden.

Wie hat die Bewegung den Alltag von Frauen in Argentinien verändert? Gibt es ein vor und ein nach bzw. während Ni Una Menos?
Heute können wir dem Grauen der Gewalt die Fähigkeit zur Mobilisierung entgegensetzen. Das erzeugt ein Bild, ein Gefühl und eine Erfahrung von kollektiver Kraft auf zwei Ebenen. Es geht um Trauer und Wut, aber auch um Schmerz und um einen Kampf. Trotz allem ist es ein Fest: Dieses ermächtigende Gefühl, gemeinsam auf der Straße zu sein. Dort verurteilen wir die Feminizide, die die größte Stufe der Gewalt darstellen, aber auch die anderen alltäglichen Formen der Gewalt, die mit Familienbeziehungen und zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch mit staatlicher Gewalt zu tun haben.
Dieses Gefühl hat die alltägliche Erfahrung verändert. Dieser massive öffentliche Moment gemeinsamer Stärke kann damit verbunden werden, wie diese Stärke übersetzt wird. Das heißt, wie sie sich in unseren alltäglichen Beziehungen verbindet, sich konkretisiert und materialisiert, in den Formen, die wir haben, um diese Gewalterfahrungen zu erzählen. Und sie, während wir sie erzählen, auch auf bestimmte Weise zu konzeptualisieren. Das bedeutet zum Beispiel, dass in Argentinien nicht mehr von Verbrechen aus Leidenschaft gesprochen wird. Der Feminizid wird als politisches Verbrechen verstanden.

Die argentinische Frauenbewegung beschäftigt sich heute nicht nur mit explizit feministischen Themen, sondern bezieht Stellung zur aktuellen Regierungspolitik, positioniert sich zum Sozialabbau, staatlicher Repression oder Landkonflikten und ist dadurch heute zur größten oppositionellen Bewegung im Land geworden. Wie habt ihr es geschafft, diese Vielfalt an Themen in die Bewegung aufzunehmen und eine gemeinsame Position dazu zu finden?
Die feministische Bewegung hat es geschafft, eine Vielzahl von Stimmen, Beschwerden und Forderungen in sich zu vereinen und verschiedene Themen auf besondere Art zu artikulieren. Zum Beispiel die Landkonflikte der indigenen Mapuche, die kriminalisiert und verfolgt werden, mit denen feministische Organisationen Bündnisse eingegangen sind. Wir wollen wissen, was diese Aggression und Gewalt gegen Körper und Territorium ausmacht.

Es geht um die Fähigkeit, die aktuelle Sozialreform aus einer feministischen Diagnose heraus zu verstehen, warum sie ganz besonders Frauen betrifft – als vormalige Empfängerinnen von Kindergeld oder von Rentenansprüchen aus unbezahlter oder informeller Arbeit als Hausfrauen oder Hausangestellte. Oder es geht darum, die Gewerkschaften zu hinterfragen und uns dabei mit den Genossinnen zu verbünden, die die vertikalen Strukturen in den Gewerkschaften bekämpfen und sie für interne Demokratisierungsprozesse öffnen wollen. Wir befassen uns mit dem patriarchalen Justizsystem, mit dem Zugang zum Gesundheitssystem und mit den Forderungen der Migrantinnen, die auf die rassistische Politik dieser Regierung hinweisen. Wir haben ein ganzes Geflecht aus Forderungen geknüpft, mehr als nur das, es ist ein Geflecht aus Kämpfen. Was diesen Grad der Politisierung der feministischen Bewegung ermöglicht hat, ist, dass wir aus den Grenzen ausgebrochen sind, aus jener Begrenzung, die uns oft auf eine ‚Gender-Agenda’ limitieren will. Als könnten wir nur über geschlechterspezifische Themen sprechen, die ihre Sprache, ihre Kodes und vor allem ihre Grenzen haben.

Wir haben damit gebrochen und einen sehr langen und arbeitsreichen Prozess öffentlicher Versammlungen angestoßen, in dem der Streik als politischer Prozess entwickelt wurde. Der Streik vom 8. März hat wie ein organisatorischer Horizont für die Vielfalt an Forderungen und Beschwerden und vor allem der verschiedenen Kämpfe funktioniert. Diese verwebte Artikulation untereinander macht aus dieser Bewegung eine absolut politische, radikale, massive und transversale Bewegung.

Angesichts der Größe der Bewegung scheint es fast unmöglich für konservative oder reaktionäre Teile der Gesellschaft, feministische Forderungen zu ignorieren. Wie sind die Reaktio­nen aus diesen Kreisen und wie positio­nieren sich auch gerade konservative Frauen zu den Forderungen der Bewegung?
Es gibt zwei Reaktionen, eine traditionellere aus den konservativen Teilen der Gesellschaft und einen Versuch der neoliberalen Übernahme unserer Forderungen durch die Regierung. Eine starke Diskussion gibt es um die Forderung nach Entkriminalisierung und Legalisierung der Abtreibung, gegen die konservative Teile der Gesellschaft unter starker Beachtung bestimmter Medien demonstrieren. Das ist eine klare Reaktion auf die Ausmaße, die der Ruf nach Recht auf Schwangerschaftsabbruch mittlerweile in unserem Land angenommen hat. Auch weil diese Forderung das Potenzial hat, verschiedene Debatten über Kirche, Selbstbestimmung der Körper und rassistische und klassistische Dimen­sionen der Abtreibung zu verbinden. Denn auch wenn Abtreibung illegal ist, können Frauen aus Mittel- und Oberschicht in privaten Kliniken sicher ihre Schwangerschaft abbrechen.

Die Reaktion der Regierung ist neoliberal. Es wird versucht, Präsident Macri als jemanden zu inszenieren, der offen für eine feministische Agenda sei. Er hat gesagt: ‚Ich bin ein später Feminist’. Die regierungstreuen Medien haben diesen Versuch der Regierung, die feministische Agenda zu kapern, gefeiert. Präsident Macri hat in einigen Parlamentssitzungen den Mutterschutz und die Lohnungleichheit angesprochen und Gesetzesprojekte eingebracht. Wir finden, das ist eine opportunistische Nutzung unserer Forderungen, die in einem Kontext von Massenentlassungen und totaler Prekarisierung von angestellten und informellen Arbeiterinnen und Gewerkschafterinnen, einer massiven Kürzung von staatlichen Sozialleistungen und der aktuellen Sozialreform zu sehen ist.

Die großen Mobilisierungen zum Frauen*streik am 8. März und anderen Demonstrationen sprühen vor Kampfgeist und Freude und beschwören eine Revolution. Wie geht es weiter?
Durch die Veränderung der sozialen Beziehungen und der Machtbeziehungen, die durch diesen Prozess ständig ausgeübt werden, ist er unumkehrbar geworden. Es ist eine Revolution auf den Straßen, in den Betten, auf den öffentlichen Plätzen und in den Häusern. Die feministische Dynamik hat auch die Schülerinnen eingenommen, heute stellen sie sich einer Bildungsreform entgegen oder machen klar, wie wichtig integrale Sexualkunde ist – ein anderes Projekt, das die Regierung abschaffen will. Am Streik haben auch Kleinbäuerinnen teilgenommen, denn eine ganze Dimension des Feminismus beschäftigt sich mit sozialen und territorialen Konflikten und großen neoextraktivistischen Projekten in der Region.

Wenn dieser umfassende und vielfältige Feminismus sich in Verbindung mit einer wach­senden sozialen Konfliktivität weiterentwickelt, hat er die Fähigkeit, weiterhin eine gemeinsame Ebene hervorzubringen, in der Kämpfe zusammenwachsen, in der es ein konkretes materielles Muster verschiedener verknüpfter Institu­tionen und Initiativen gibt, um Erfahrungen zu artikulieren. Der Feminismus als gemeinsamer Code, der heute eine politische Orga­nisations­­kraft ­in den Stadtvierteln, Gewerk­schaften und Uni­versitäten hervorbringt. Wir sehen auch, dass diese so mächtige und kämpfer­ische Stärke eine schwere Gegenoffensive erlebt.

Seit längerem charakterisieren wir das Problem der Feminizide als den Moment, in dem der Körper der Frau als Feld der Auseinandersetzung und als Kriegsbeute offensichtlich wird. Zum Beispiel die kürzliche Ermordung der brasilianischen Politikerin Marielle Franco, aber auch die Ermordung der Menschenrechtsaktivistin Gavis Moreno in Ecuador oder die Inhaftierung verschiedener indigener Genossinnen, die seit Jahren wegen Rückforderungen ihrer Territorien im Konflikt stehen. Wir beobachten durch die Ermordungen von wichtigen Führungsfrauen ein Aufrüsten der politischen, polizeilichen und kirchlichen Kräfte in diesem Krieg. Es war kein Zufall, dass Marielle Franco eine Frau war, die den Nukleus rassistischer Gewalt, die Militärpolizei in den Favelas, diskutiert hat. Hier in Argentinien passiert das Gleiche mit den Müttern, die die Übergriffe der Polizei auf Kinder und Jugendliche in den Armenvierteln öffentlich machen. Frauen, die die kollektive Kraft nutzen und daraus eine mächtige Stimme machen, werden zum Ziel der Kontraoffensive einer misogynen Reaktion auf diese politische Kraft.

Zwar sind die Verhältnisse in Deutschland anders, aber auch hier müssen wir gegen sexualisierte Gewalt kämpfen. Was können wir von eurer Bewegung lernen?
Nach und nach übersetzen sich die Erfahrungen der Organisierung, der Radikalisierung und der Art und Weise, die soziale Konfliktivität zu verstehen, und finden zueinander. Und gleichzeitig taucht in jedem Ort und jedem Konflikt die Frage auf, was es bedeutet, sich diesen Konflikt in der feministischen Bewegung zu eigen zu machen. Die Hauptaufgabe ist es, die sozialen Konflikte aufzuzeichnen, über Strategien für Bündnisse nachzudenken und ausgehend von diesen konkreten und ungewöhnlichen Allianzen einzugreifen. Ungewöhnlich in dem Sinne, dass ganz verschiedene Akteurinnen und Kräfte miteinander kommunizieren können, sich zusammenfinden und vermischen. Und dann für eine Aktion zu mobilisieren, aus gerade dieser Vielfalt heraus, aus der sich heute die Kraft des Feminismus zusammensetzt.