
Wie sieht deine Verbindung zur feministischen Bewegung in Argentinien aus?
Meine Politisierung begann in der Sekundarschule, als ich merkte, dass ich nicht heterosexuell bin. Ich begann, an Pride-Demonstrationen teilzunehmen und mich für LGBT-Themen zu interessieren. Mit der Zeit näherte ich mich über die integrale Sexualerziehung dem Bereich Bildung und Sexualität an. Fragen des Geschlechts und der Sexualitäten sind für mich zentral. Ich war dabei, als über das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe, zur Geschlechtsidentität und über das Recht auf legale, kostenfreie und sichere Abtreibung diskutiert und abgestimmt wurde – von der ersten Behandlung des Gesetzentwurfs im Kongress bis zu seiner Verabschiedung 2020. Darüber habe ich nach und nach einen kritischen Blick auf verschiedene Ungleichheiten entwickelt. Ich glaube, dass die meisten Feminist*innen in Argentinien einen intersektionalen Blick auf diese Frage haben, insbesondere der Transfeminismus.
Vor dem Interview hast du gesagt, dass ihr Mileis politisches Projekt als ein Laboratorium der globalen Rechten versteht und dass ähnliche politische Strategien auch in anderen Ländern angewendet werden könnten. Welche Strategien lehren uns die intersektionalen Feminismen Argentiniens heute, um gegen die extreme Rechte zu kämpfen?
Als Milei letztes Jahr in Davos seine Rede hielt, sagte er, dass Feminismus und „Woke-Kultur” ein Krebsgeschwür seien, das entfernt werden müsse; dass wir diejenigen seien, die das Wachstum des Westens verhindern würden, und er verglich Homosexualität mit Pädophilie. Das war am 23. Januar. Eine Woche später, am 1. Februar, entstanden an vielen Orten Argentiniens und der Welt antifaschistische und antirassistische Pride-Demonstrationen. Diese Art der spontanen Versammlung und Diskussion, versuchen wir vom Red Argentina no se vende (Netzwerk Argentinien steht nicht zum Verkauf) auf internationaler Ebene nachzuahmen. Die Intersektionalität der Feminismen in Argentinien kam dabei deutlich zum Vorschein: Bei der Pride geht es nicht nur um die Fragen geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung, sondern auch um die Unterdrückung der Rentner*innen, die Verschlechterung der Lebensbedingungen, der öffentlichen Gesundheit und der Bildungseinrichtungen. Diese Zusammenführung verschiedener Kämpfe und Sektoren ist das, was unseren Feminismus ausmacht. Deshalb ist die Bewegung einer der großen Feinde der globalen Rechten. Es gelingt ihr, Ungleichheiten sichtbar und für die Bevölkerung nachvollziehbar zu machen – dies kann Grundlage für Politisierung und Widerstand sein.
Der Transfeminismus, gemeinsam mit den queeren Bewegungen ermöglichen einen kollektiven Widerstand gegen Milei, und leisten einen wichtigen Beitrag zur Überwindung des Individualismus.
In welchem Kontext ist die Bewegung vor fast 11 Jahren in Argentinien entstanden und was hat sich verändert?
Ni Una Menos entstand 2015 zu einer Zeit, als Angriffe auf weiblich gelesene Personen sowie der Femizid als extremste Form der sexistischen und patriarchalen Gewalt, stark in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Ni Una Menos entstand als Bewegung gegen Femizide eher aus der Wut heraus. Journalist*innen und Aktivist*innen spielten dabei eine wichtige Rolle: In den ersten Jahren ging es vor allem darum, Gewalt zu dokumentieren, der alle, die keine cis-heterosexuellen Männer sind, ausgesetzt sind.
Die Bewegung Ni Una Menos war ein Wendepunkt, der allen klargemacht hat: Ich bin nicht allein, ich bin nicht verrückt, es handelt sich nicht um eine individuelle Frage, sondern um ein strukturelles Problem von Sexismus, geschlechtsspezifischer Gewalt und Patriarchat. Seitdem sind viele weitere Dimensionen hinzugekommen. Dieser Kampf hat zum Beispiel das Gesetz für sichere und kostenlose legale Abtreibungen erreicht. Ein Meilenstein, auch wenn wir uns heute in einer Situation regressiver Politik mit einer global aufstrebenden Rechten befinden.
Was unternimmt Ni Una Menos angesichts der derzeitigen eindeutig antifeministischen und extrem neoliberalen Regierung unter Milei? Wie sieht ihre politische Arbeit angesichts der Rückschläge aus?
Ich würde sagen, dass besonders der Transfeminismus die antifaschistische und antirassistische Pride aus intersektionaler Perspektive ermöglicht hat. Seit dem ersten Jahr der Regierung Mileis hat die Unterdrückung und Kriminalisierung sozialer Proteste stark zugenommen: Menschen werden festgenommen und angegriffen. Auch Journalist*innen sind davon besonders betroffen.
Die Bewegungen sind fragmentiert, auch wenn die Menschen auf die Straße gegangen sind. Ich glaube, dass es den feministischen und transfeministischen Bewegungen in Argentinien gelungen ist, diese Fragmentierung ein wenig aufzubrechen. Aber Milei ist noch da.
Da wir deutlich machen wollen, worum es dieser Regierung wirklich geht, haben wir zusammen mit der Asamblea en Solidaridad con Argentina en Berlin (Berliner Solidaritätsversammlung mit Argentinien) kürzlich ein Video mit dem Titel „Das Geheimnis von Mileis Kettensäge” veröffentlicht: Es wirft einen kritischen Blick auf die Präsidentschaft von Javier Milei und die Folgen seiner „Kettensägenpolitik“. Unter anderem befasst es sich mit dem „Kulturkampf”, den Milei gegen Frauen und queere Menschen führen will und der zu einem Anstieg der Hassverbrechen gegen Frauen und die LGBTIQ+-Gemeinschaft um mehr als 70 % geführt hat.

Gab es konkrete Fortschritte bei den Mobilisierungen?
Milei hat einige seiner Vorhaben nicht weiterverfolgen können und läuft nicht mehr so fröhlich hetzend durch Davos. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber es ist der Keim einer Widerstandsbewegung entstanden, die Milei aus der Regierung jagen könnte. Natürlich muss jemand anderes die Wahlen gewinnen, aber man braucht die Menschen auf der Straße, um klar zu sagen: no pasarán (dt.: Ihr werdet nicht durchkommen). In diesem Sinne müssen wir es schaffen, den globalen Trend der Fragmentierung zu überwinden, damit sich Menschen zusammenschließen, Versammlungen abhalten, über die Linie der Mobilisierung diskutieren und verstehen, dass Mobilisierung nicht nur LGBT-Personen betrifft, als wäre alles nur eine Frage der Identitätspolitik.
Wie können die Erfahrungen Argentiniens andere Bewegungen in Lateinamerika inspirieren?
Es ist wichtig zu verstehen, dass es nicht um die Rechte von Homosexuellen auf der einen Seite und die Rechte von trans Menschen auf der anderen Seite geht und dass ich mich damit zufrieden gebe, dass ich jetzt mein Dokument ändern kann. Vielmehr gibt es eine Reihe strukturelle Ungleichheiten. Der Schlüssel liegt darin, intersektionale Verbindungen herzustellen. Ich glaube, dass sich da viel getan hat, denn Ni Una Menos als Bewegung hat sich in vielen Bereichen außerhalb Argentiniens verbreitet.
Wie schätzt du die Zukunftsaussichten für die transfeministischen Bewegungen angesichts des Rechtsrucks ein?
Wir müssen innerhalb der Opposition gegen die Regierung Milei eine Massenbewegung schaffen, die ein alternatives Modell vorschlagen kann. Wir brauchen diese Organisation, die aus Versammlungen und verschiedenen Initiativen entsteht, nicht nur aus feministischen Kreisen. Es geht darum, ein alternatives Modell der Organisation des sozialen Lebens zu entwickeln, zunächst als Strategie gegen rechte und rechtsextreme Regierungen und idealerweise als wirklich funktionierende Alternativen zum Kapitalismus.
Was ist deiner Meinung nach die Botschaft der Bewegung?
Für mich bedeutet die Bewegung eine Möglichkeit, etwas zu erreichen, Widerstand zu leisten, andere zu treffen und sich auf eine Weise zu verstehen, die nicht individualistisch orientiert und nicht nur auf eine Frage beschränkt ist. Denn der Weg, den Ni Una Menos eingeschlagen hat, von der Spitze des Eisbergs, dem Femizid – wenn eine Frau getötet wird, weil sie eine Frau ist –, bis zur antifaschistischen und antirassistischen Pride, heißt zu verstehen, dass es um alles geht. Diese Erweiterung der Perspektiven scheint mir das Vermächtnis von Ni Una Menos zu sein. Die Möglichkeit, zusammenzukommen und das Verständnis für Ungleichheiten, für unsere Situation, für unseren Platz in der Welt zu vertiefen und auch anderen Kämpfen Hoffnung zu geben.







