
Die Sicherheitssituation war zuletzt so schlimm, dass sogar öffentliche Schulen bedroht und erpresst wurden und am 8. Oktober in Lima ein Attentat auf Agua Marina, eine der bekanntesten Musikgruppen Perus, verübt wurde. Bei der Schießerei wurden sechs Menschen verletzt. Die Proteste und das Attentat auf die beliebte Band führten zu einem politischen Kipppunkt: Am Freitagabend, den 9. Oktober, wurde die Interimspräsidentin Dina Boluarte (parteilos, vormals Perú Libre) per Amtsenthebungsverfahren durch den Kongress abgesetzt – mit einer Mehrheit von 122 Stimmen ohne Gegenstimmen und Enthaltungen.
Boluarte hatte im Dezember 2022 nach der Amtsenthebung gegen Ex-Präsident Pedro Castillo durch den Kongress das Amt übernommen. Ihre Amtszeit wurde durch eine Koalition von rechten bis ultrarechten Parteien und besonders der Partei des Fujimorismo, Fuerza Popular, getragen. Sie war von Korruptionsskandalen, eskalierender organisierter Gewalt und einer sich drastisch verschlechternden Sicherheitslage geprägt. Zehntausende Menschen in verschiedenen Teilen Perus hatten daher immer wieder, besonders von Dezember 2022 bis März 2023, ihre Absetzung und Neuwahlen gefordert. Im Kontext dieser Proteste und Blockaden wurden unter Boluartes Regierung 60 Personen getötet.
Nach sechs Versuchen wurde Boluarte nun als Interimspräsidentin abgesetzt. Grundlage ihrer Absetzung war die Klausel der „dauerhaften moralischen Unfähigkeit“, welche bereits im Falle Castillos 2022 und Amtsenthebungsverfahren gegenüber weiteren Ex-Präsidenten genutzt wurde. Aber warum wurde Boluarte, die mit 94 Prozent Ablehnung als die unbeliebteste Regierungschefin Lateinamerikas gilt, nicht schon früher abgesetzt? Dabei handelte es sich nicht um einen plötzlichen Sinneswandel, der den Kongress überraschte, sondern schlicht um politisches Kalkül. Der Vorgang signalisiert weder ein Ende des Autoritarismus noch eine Änderung der Machtstrukturen. Vielmehr offenbart er eine hartnäckige Machterhaltungsstrategie einer korrupten Elite.
Schließlich wurde am 10. Oktober der Parlamentspräsident José Jerí Oré der Partei Somos Perú als Präsident vereidigt. Er eröffnete seine Antrittsrede mit dem Versprechen, „eine Regierung des Übergangs, der Empathie und einer breit angelegten nationalen Versöhnung zu führen“ und wendete sich mit diesem Versprechen direkt an die jungen Menschen, die protestieren.
Doch trotz der großen Worte gehen die Proteste mit voller Kraft weiter. Denn Jerí sehen die Menschen auf den Straßen nicht als Alternative. Die „Generación Z Perú“ erklärt ihre kategorische Ablehnung von Jerí als Präsidenten aufgrund seines „fragwürdigen und widerwärtigen Rufs”, insbesondere wegen Korruptionsvorwürfen, seiner Zustimmung zu Gesetzen, die Kriminalität begünstigen und vor allem wegen Vergewaltigungsvorwürfen. Sie fordern seinen Rücktritt und die Übernahme seines Amtes durch ein Kongressmitglied, das nicht den Fraktionen angehört, die Boluarte unterstützt und das Verbrechen begünstigt haben.

Gegen Jerí laufen Verfahren wegen Ungehorsam gegenüber der Obrigkeit und mutmaßlicher illegaler Bereicherung; ein Verfahren wegen mutmaßlicher Vergewaltigung wurde eingestellt. Einer gerichtlichen Anordnung zur Wahrnehmung psychologischer Behandlung aufgrund von pathologischem Sexualverhalten kam er nicht nach. Viele Nutzerinnen der sozialen Medien in Peru bringen ihre Ablehnung vor allem aufgrund der Vergewaltigungsvorwürfe zum Ausdruck. So auch die bekannte Pop-Andino Sängerin Milena Warthon: „Wir Peruanerinnen fühlen uns nicht sicher mit einem Präsidenten, der der Vergewaltigung angeklagt war.“
Der Journalist César Hildebrandt kritisiert in seiner Kolumne der Zeitung La República: „Der neue Präsident José Jerí, der Mann aus dem Gelage, das in einer Vergewaltigung endete. Das ist der perfekte Mann, damit der Kongress der Unterwelt weiter regieren kann.“ Denn auch der Kongress verzeichnete laut einer Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Ipsos Perú zuletzt Ablehnungswerte von 89 Prozent.
Tatsächlich richtet sich die Ablehnung gegen den Kongress, auch wenn sie nicht immer bewusst artikuliert wird. Der Politikwissenschaftler Omar Coronel spricht hier von einer Ablehnung einer „autoritären Koalition“. Gemeint ist damit ein Bündnis aus rechten, konservativen und teilweise auch opportunistischen linken Parteien, welches systematisch die Demokratie schwächt: Es untergräbt die Gewaltenteilung, kontrolliert zentrale Institutionen und sichert sich gleichzeitig Straffreiheit. Bereits zu Beginn umfasste diese autoritäre Koalition die Armee, das Verfassungsgericht, die Staatsanwaltschaft und große Teile der Medien in Lima. Später wurden auch die Ombudsstelle (Defensoría del Pueblo) sowie die Nationale Richter- und Staatsanwalt-Kommission (Junta Nacional de Justicia) einbezogen. Durch die Vereinnahmung dieser Institutionen konnte das Parlament Macht konzentrieren und wirksame Kontrollmechanismen erheblich schwächen. So wurden Gesetze und Reformen vorangetrieben, die die informelle Wirtschaft und organisiertes Verbrechen begünstigen. Insofern lässt sich der drastische Anstieg der Kriminalität auch als Ausdruck einer Erosion staatlicher Autorität verstehen.
Indes reißen die Proteste nicht ab. Nachdem am 6. Oktober ein weiterer Streik durch die Transportgewerkschaftlerinnen ausgerufen worden war, welche besonders von der steigenden Unsicherheit, Erpressungen und Bedrohungen betroffen sind und seit September 2024 immer wieder umfangreichen Protest mobilisieren, zeigte sich in den letzten Wochen mehr und mehr die Präsenz weiterer Akteur*innen: die Generation Z. Während es nicht neu ist, dass die sogenannte Generation Z auf die Straße geht und die Proteste mitträgt, ist doch die Identifikation als eine eigenständige Gruppe eine neue und gleichzeitig transnationale Entwicklung.
Generation Z ruft zu Protesten auf
Lose organisiert und mit One Piece-Piratenflaggen ziehen die Protestierenden selbst die Verbindung zu Protesten in Nepal, Madagaskar, Serbien und Marokko – Proteste, die auch vor allem von der jungen Generation getragen werden. Im Namen „Generación Z Perú“ werden offizielle Erklärungen gemacht, jedoch bleibt der Ton anarchistisch. So versteht sich beispielsweise das Colectivo Dignidad als Teil der Bewegung, aber schreibt, sie lehnen „jede Möglichkeit ab, dass sich jemand als Anführer oder Vertreter der Generation Z oder der Protestbewegung versteht”.
Die Generation Z ist das bislang sichtbarste Gegengewicht zur autoritären Elite. Die Forderungen sind pragmatisch und im Vordergrund stehen vor allem Sicherheit, ein Ende der Korruption und saubere Wahlen. Doch die Bewegung bleibt heterogen: Während einige Jugendliche demokratische Prinzipien betonen, sehnen sich andere nach einer „harten Hand“ gegen Kriminalität – ein Nährboden für autoritäre Versuchungen nach dem Vorbild eines „peruanischen Bukele“. Trotz dieser Spannungen zeigen die Proteste, dass die Zivilgesellschaft in Peru noch handlungsfähig ist. Gelingt es der Jugendbewegung, weiter Druck auszuüben, ohne sich vereinnahmen zu lassen, könnte sie nicht nur die autoritären Muster durchbrechen, sondern auch eine Erneuerung der politischen Kultur einleiten.
Seit Mitte September ziehen die Protestierenden immer wieder durch die Avenida Abancay in Lima und vor den Kongress der Republik, ebenso in anderen Städten wie Chiclayo, Ayacucho, Cusco, Huaraz, Arequipa, Iquitos, Chimbote. Sie stellen sich Sicherheitskräften entgegen, die immer stärkere Gewalt gegen Protestierende anwenden.

Ein Toter durch Schüsse der Polizei
Am Abend des 15. Oktober wurde der Rapper Trvko während der Proteste durch einen Schuss getötet. Trvko, mit vollem Namen Eduardo Mauricio Ruiz Sanz, war Teil des „Hip-Hop Blocks“ der Demo. Mittlerweile ist bestätigt, dass es sich bei dem Täter um einen Polizisten in Zivil handelte. Der getötete 32-jährige Rapper aus San Martin de Porres in Lima hatte gemeinsam mit dem Kollektiv für kommunitäre Kunst „SMP 01“ sozialkritischen Rap gemacht und hinterlässt ein neunjähriges Kind. Die Eskalation spitzte sich zu: ein Todesopfer, mindestens 100 Verletzte sowie der Fall eines unbeteiligten kleinen Mädchens, das durch eine Tränengasgranate am Oberkörper getroffen und schwer verletzt wurde. Die Forderung nach Gerechtigkeit angesichts der Polizeigewalt reißt nicht ab.
Auch in Berlin, tausende Kilometer entfernt, ist der Ruf nach Gerechtigkeit zu hören. Auf Einladung des Berliner Kollektivs Todas Las Sangres versammelten sich am 13. Oktober zahlreiche Mitglieder der peruanischen Community im Ballhaus Prinzenallee. Darüber hinaus sammelt das Kollektiv Spenden, um die sogenannten „Brigadas Solidarias“ zu unterstützen – Freiwilligengruppen, die in Peru an vorderster Front Erste Hilfe leisten und Verletzte der Proteste versorgen. Doch ihre Mittel schwinden: Masken, Verbandsmaterial, Kochsalzlösung – vieles fehlt. Umso wichtiger wird jede einzelne Geste der Unterstützung.
Unter diesem Zeichen stand die Solidaritätsveranstaltung in Berlin im Oktober. Bunt verzierte retablos stehen auf der Bühne, während der Duft von pachamanca, einem typischen peruanischen Gericht aus verschiedenen Wurzelgemüsen, Kartoffeln und Fleischsorten, in der Luft liegt und peruanische Musik das Stimmengewirr begleitet. Ziel war es, die peruanische Community zusammenzubringen, einen Austausch zu ermöglichen und ein Bewusstsein für die dramatische Lage in Peru zu schaffen. Einer der Organisatoren, Manu Benza, betont: „Auch wir Peruanerinnen und Peruaner im Ausland sind von dieser Realität nicht unberührt. Unsere Familien leben dort und leiden Tag für Tag unter der Gleichgültigkeit eines korrupten Systems – eines Systems, das nicht begreift, wie dringend ein Wandel nötig ist.”
Am 22. Oktober ruft der neue Präsident als Maßnahme gegen die organisierte Gewalt den Ausnahmezustand in Lima und Callao aus. Auch unter Boluarte wurde dieser mehrmals mit der Begründung der Bekämpfung der steigenden Gewalt im öffentlichen Raum ausgerufen. Allerdings taugt die Ausrufung des Ausnahmezustands wenig, um das strukturelle Problem der Unsicherheit zu lösen und stellt zudem einen Eingriff in die Rechte der Bürger*innen dar.
Ein halbes Jahr vor den Wahlen steht Peru erneut vor einem politischen Wendepunkt – und doch scheint vieles beim Alten zu bleiben. Seit den Verfassungsreformen von 2020 hat sich das Machtgefüge im Staat drastisch verschoben: Der Kongress agiert heute als faktische „Supermacht“. Hinzu kommt eine tiefe Repräsentationskrise. Bereits bei den Wahlen 2021 blieben rund 60 Prozent der Stimmen im Parlament unberücksichtigt – ein Rekordwert. Gesellschaftlich ist das Land gespalten: Während politische Lager zunehmend polarisiert agieren, wächst in der Bevölkerung Gleichgültigkeit und Resignation. Viele Peruaner*innen haben das Vertrauen in die demokratischen Institutionen verloren. Die Wahl 2026 könnte so weniger ein Aufbruch als eine erneute Bewährungsprobe für eine fragile Demokratie werden.
Die entscheidende Frage ist nun, ob die politische Elite Perus einer elektoralen, demokratischen Logik folgt, also Wahlen respektiert, transparente Verfahren garantiert und politische Teilhabe ermöglicht. Oder folgt sie autoritären Machtinteressen, indem sie die Wahlen durch Anfechtung der Ergebnisse delegitimiert, Oppositionskräfte einschränkt und auf Repression oder mediale Propaganda setzt? Ein unabhängiger Wahlprozess ist unerlässlich. Ohne ihn droht eine weitere Verschärfung der politischen und sozialen Krise, die letztlich den endgültigen Zusammenbruch der Demokratie herbeiführen könnte.
Es geht ums Ganze – um den sozialen Zusammenhalt und die Wiederherstellung eines Mindestmaßes an Empathie, das in der peruanischen Gesellschaft durch tief verwurzelten Rassismus und Klassismus massiv beschädigt wurde. Abende der Begegnung wie im Ballhaus Prinzenallee sind dabei einer von vielen wichtigen Bausteinen.













