LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Esperançar

Fiquem juntas
Nenhuma de nós
Nenhuma
Vai aguentar sózinha
Fiquem Juntas!
É preciso procurar
As outras
É preciso ser procurada
Pelas Outras
Fiquem juntas,
Uma Chora
A outra enxuga
Outra Cai
Uma levanta
Fiquem Juntas!
Nenhuma de nós
Nenhuma vai agüentar sozinha
Precisamos mais do que nunca
Ter sempre uma mulher por perto. Fiquem juntas!


Hoffnung geben

Bleibt zusammen
Keine von uns
Nicht eine
Wird es allein ertragen
Bleibt zusammen!
Es bleibt nichts als sie zu suchen
Die anderen
Es bleibt nichts als sich suchen zu lassen
Von den anderen
Bleibt zusammen,
Die eine weint
Die andere trocknet Tränen
Die eine fällt
Die andere hilft ihr auf
Bleibt Zusammen!
Keine von uns
Nicht eine wird es allein ertragen
Wir brauchen es mehr als jemals zuvor
Immer eine Frau in unserer Nähe zu haben. Bleibt zusammen!

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farias Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

Bacterias

Soy un microbio, una bacteria danzante,
un grano de arena en un desierto colorido,
una pestaña ajena que vive en otro párpado.
Soy el sol que nos alumbra sin saber que se llama sol,
la luna que nos guía sin tener luz propia,
nosotros mismos como seres divinos.
Mis dramas son más dramas que tus dramas,
los vidrios de mis ventanas, el fin del mundo.
Bajo y subo escaleras sin saber hacia dónde voy.
Sus huesos no son tan huesos entre mis manos,
su piel menos tersa en mi boca.
Persisto en una búsqueda que en mi espejo tampoco existe.
Soy un microbio, una bacteria danzante,
una bocina en un barrio de sordos,
una revolución sin escudos ni banderas.

Bakterien

Eine Mikrobe, eine tanzende Bakterie,
Sandkorn aus einer bunten Wüste,
Wimper, die einem fremden Lid beiwohnt, bin ich.
Bin die Sonne, die uns beleuchtet, ihres Namens ungewiss,
Mond, der uns führt, ohne eigenes Licht,
wir selbst als göttliche Wesen.
Meine Dramen sind dramatischer als deinige,
die Gläser meiner Fenster, das Ende der Welt.
Treppen rauf, Treppen runter, meines Weges ungewiss.
Ihre Knochen, zwischen meinen Händen, sind solche nicht,
ihre Haut weniger glatt in meinem Mund.
Ich beharre auf einer Suche, die auch in meinem Spiegel nicht vorkommt.
Eine Mikrobe, eine tanzende Bakterie,
ein Hupengetöse in einem Gehörlosenviertel,
eine Revolution ohne Wappen und Flaggen, bin ich.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

 

Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

MI VIDA SIN MÍ

en la casa de mi madre
la humedad hizo que el techo cediera
sobre las cajas de cartón con mis viejos diarios
donde mi gemela desconocida
la que habita este lugar cuando no estoy
dejó escrito tu nombre en letra cursiva
lo deletreo y me siento una encargada del mantenimiento de mí misma
que persigue sus recuerdos escabulléndose como diminutas lagartijas
de una puerta a otra de la mente
hasta tropezar con una habitación donde mi madre
comparte un rincón con mis muñecas
esos cadáveres de nenas momificados
y pinta rosas realistas
mientras yo escucho cedés de autoestima
y olas de mar
me ajusto el camisón
con un hilito de piel muerta
el mismo que nos ata
a este cuarto con humedades
en la soledad sin fin
de la vida adulta


MEIN LEBEN OHNE MICH

im Haus meiner Mutter
gab die feuchte Decke schließlich nach
über den Kartons mit meinen alten Tagebüchern
in denen meine unbekannte Zwillingsschwester
die diesen Ort bewohnt wenn ich nicht da bin
in Schreibschrift deinen Namen hinterlassen hat
ich buchstabiere ihn und fühle mich wie meine eigene Selbsterhaltungsbeauftragte
die ihren Erinnerungen nachjagt und wie winzige Eidechsen
von einer Tür des Geistes zur nächsten huscht
bis sie auf einen Raum stößt in dem meine Mutter
eine Ecke mit meinen Puppen teilt
diese Mädchenleichen mumifiziert
und realistisch rosig
während ich mir Selbstwert-CDs
und Meeresrauschen anhöre
nähe ich mir das Nachthemd enger
mit einem Fädchen toter Haut
dasselbe das uns
an dieses feuchte Zimmer bindet
in der endlosen Einsamkeit
des Erwachsenenlebens

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Luciana Amado Sandberg (@_lulu_lunera_)

Afuer (a) dentro

Llegué
dejé el pañuelo
el cartel
la bandera
los volantes
/me saqué
los borcegos
la ropa
/quedé
desnuda
de calle
de lucha
de marcha
de plaza
/te pedí
que me llenes
de algo
que sea
solo
de vos
y de mí


Drauß
en
drinn

Angekommen
das grüne Tuch*
das Transpi
die Fahne
die Flyer
abgelegt
/ mir
die Stiefel
die Klamotten
ausgezogen
/ ich blieb
nackt zurück
von der Straße
von der Demo
von der Plaza
/ ich wollte von dir
dass du mich füllst
mit etwas
dass nur
dir
und mir
gehört

* Das Pañuelo ist ein grünes Halstuch, das Symbol der argentinischen Bewegung für das Recht auf Abtreibung.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

LO QUE UNO ES

Lo que uno es se rompe
se rompe
lo que uno es
es falla
de fábrica
calibrable
cada tanto
por tecnologías
bajo órdenes
de policías
secretas
controles
remotos
retocan
inadvertidamente
lo que uno es
pero
como toda cosa
dentro
del proceso productivo
en esta fase
del gran reino
animal
lo que uno es se rompe
se rompe
lo que uno es
es reemplazado
por otra
pieza.

WAS EINER IST

Was einer ist geht kaputt
geht kaputt
was einer ist
ist Fabrikations-
fehler
okkasionell
kalibrierbar
durch Technologie
auf Kommando
der geheimen
Polizei
Fern-
bedienungen
korrigieren
unbemerkt
was einer ist
aber
wie jedes Ding
im
produktiven Prozess
dieser Phase
des großen Tier-
reichs
geht kaputt was einer ist
geht kaputt
was einer ist
wird ersetzt
durch ein
Ersatzteil.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

 

De dónde vengo y a dónde voy

Me preguntan siempre
de dónde vengo
qué edad tengo
qué hago aquí
y adónde voy.

A veces siento
que no es simple curiosidad,
si quieres saber de verdad
te diré que:

vengo del vientre
de mi madre
voy donde me lleva
mi intuición
y sigo siendo una niña
en mi interior.

No hay vallas
muros ni fronteras
que me detengan,
cruzo el océano
con mi imaginación.

Subo los Andes
para tocar el cielo
no tengo miedo
mi hogar es
el mundo entero.



Woher ich komme und wohin ich gehe

Sie fragen mich immer
woher ich komme
wie alt ich bin
was ich hier mache
und wohin ich gehe.

Manchmal fühle ich
dass es nicht bloße Neugier ist,
wenn du es wirklich wissen willst
werde ich dir sagen:

ich komme aus dem Bauch
meiner Mutter
ich gehe dahin,
wo meine Intuition mich hinführt
und in meinem Innern
bin ich immer noch ein Kind.

Es gibt weder Zäune
Mauern noch Grenzen
die mich aufhalten,
ich überquere den Ozean
mit meiner Vorstellungskraft.

Ich erklimme die Anden
um den Himmel zu berühren
ich habe keine Angst
meine Heimat ist
die gesamte Welt.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

 

Posso vislumbrar meu futuro
num mundo de caricatos moribundos
Sou o anterior e assim sendo
mais belo, mais eu, mais puro
Era apenas uma sombra
hoje, sobra luz agonizante
como pás de cal em cima do assunto
Monólogo: monótono proparoxítona
ou seja, me sentas na sílaba fraca
A palavra mata.
A palavra mesmo morta mata.
Olho ao redor e pressinto
labirintos em espirais coloridos
longe do arco-íris; perto de ti
tão perto que te confunde
A roda emperra na areia da frase solta
e eu guardo meu riso de escárnio
para usá-lo na presença
de apenas uma testemunha:
O meu retrovisor.

 

Ich sehe den Schimmer meiner Zukunft
in einer Welt grotesker Moribunder
Der Vorige bin ich und darum
schöner, selbster, reiner
Kaum mehr als ein Schatten war ich
heute, verbleichendes Licht überflüssig
wie die Schippe Kalk aufs begrabene Thema
Monolog: monotones Proparoxytonon
das heißt, du setzt mich auf die schwache Silbe
Das Wort tötet.
Selbst das tote Wort tötet.
Ich sehe mich um und spüre
bunte Labyrinthe in Spiralen
fern dem Regenbogen; nah bei dir
so nah, dass es dich verwirrt
Das Rad blockiert im Sand des losen Satzes
und ich hebe mir mein höhnisches Lachen auf
zur Benutzung
vor nur einem Zeugen:
Meinem Rückspiegel.

GUERILLERO DES STILS

Er ist vermutlich eines der letzten unentdeckten Genies der chilenischen Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum. Pablo de Rokha – legendärer Erzfeind seines Namensvetters Neruda und Wegbereiter der literarischen Moderne Chiles – erlebt mehr als ein halbes Jahrzehnt nach seinem Suizid eine verdiente Renaissance. Einen wichtigen Beitrag zu diesem späten Comeback leistet nicht zuletzt die junge Generation Latein-amerikas, welche de Rokhas zutiefst sozialkritischen Gedichten eine neue Plattform bietet. Trotz seiner enormen Wichtigkeit als Begründer des Avantgardismus in Chile und seiner Nähe zu literarischen Größen wie Pablo Neruda und Vicente Huidobro verwundert es, dass sein Werk bisher nicht in deutscher Sprache zu lesen war. Mit der zweisprachigen Anthologie „Mein Herz brüllt wie ein rotes Tier. Gedichte 1916 – 1966“ eröffnet Reiner Kornberger durch seine hingebungsvolle Übersetzung der deutschsprachigen Leserschaft das Universum der Zerrissenheit de Rokhas.

Wichtigste Konstante im Leben und Inspirationsquelle für sein Schaffen stellte seine Frau, die Dichterin Winétt de Rokha dar. Die gegenseitige künstlerische Bezugnahme der beiden aufeinander ist so stark, dass das Werk Pablos in seinem Ganzen nur in Zusammenhang mit Winétts Lyrik zu erfahren ist. So enthält diese Gesamtschau eine bezeichnende Auswahl an Gedichten von Winétt und kommt damit einem Willen Pablos nach. Die Anthologie stellt den literarischen Dialog zwischen den beiden Liebenden wieder her. Sie liest sich wie ein offenes Buch ihrer innigen Verbindung, aber auch ihrer geteilten Erschütterung über die menschliche Existenz – geprägt von Ausbeutung und Fremdbestimmung.

Ungeachtet dieser besonderen Verbindung zeigen die Texte eine intensive Auseinandersetzung mit dem Selbst. Die Suche nach Identität und der Ausdruck des persönlichen Schmerzes ist jedoch niemals losgelöst von der Außenwelt, sondern offenbart sich als Spiegel, welcher die desolaten sozialen und psychischen Zustände des modernen Menschen reflektiert. Tragische Übertreibung und radikaler Expressionismus durchziehen das Werk. Dabei bleibt de Rokha auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen für den zerrissenen Menschen der Moderne stets seinen linken politischen Überzeugungen treu. Stilistisch sprengt er dabei jeden Rahmen, bedient sich einerseits volkstümlicher Kunstformen, wie dem Canto oder der Satire und begründet andererseits eine eigene metasprachliche Ästhetik. Als einen „Guerillero des Stils“ tauft ihn sein Übersetzer daher zu Recht. Zerfall, Verwesung und Widersprüchlichkeit prägen die sprachlichen Bilder, welche eine von den Schrecken des Krieges geläuterte Menschheit abbilden.

Die Verzweiflung der Zeit äußert sich in Winétts Werk weniger gewaltig, doch sie spielt bewusst mit der Sprache und stellt eine explosive Diskrepanz zwischen Form und Inhalt her. Das Entsetzen über den Kapitalismus, psychische Zerrüttung und scharfe Kritik am Faschismus drücken sich in frommer Form und sanften Versen aus.

De Rokha ist nicht einfach zu fassen, weshalb die detaillierte Übersicht über Leben und Schaffen des Dichterpaars eine hilfreiche Einführung des Übersetzers darstellt. Die Anthologie ist ein energiegeladenes Werk, das mal erschüttert, mal erzürnt, Abgründe eröffnet und dann wieder tief berührt. Vor allem aber revolutioniert es das ästhetische Empfinden.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Sanguínea
(anotaciones sobre el corazón humano)

el estudio de la anatomía humana oculta una simbología detrás
de lo que entendemos como sistema / órgano / aurículas y
ventrículos y venas y arterias y válvulas y sangre

tenemos un corazón:
un músculo hueco y piramidal una bomba inteligente aspirante
formada por dos bombas en paralelo que trabajan al unísono
latiendo entre sesenta y ochenta veces por minuto bombeando
cinco litros por minuto

sientes cómo late
lees y hablas sobre él
morirás sabiendo
que lo tuviste y jamás se lo entregaste
a nadie
que no te arrepientes de nada

tenemos dos ojos / dos pulmones / dos riñones
y un estómago y a veces tenemos un corazón:
una bomba de tiempo cuando el cuerpo grita sobre sí mismo
no sé cuándo el mío ha tentado
explotar

he forzado la enfermedad para ser un arma
pero
contra quién

luego de cien mil latidos siete mil quinientos setenta y un litros
de sangre
a veces lo ignoro a veces
lo observo lento
a veces
solo
escucho
su vacío


Bluts-
(notizen zum menschlichen herzen)

das studium der menschlichen anatomie verbirgt eine symbolik hinter
dem, was wir als system / organ / vorhöfe und kammern und
venen und arterien und klappen und blut verstehen

wir haben ein herz:
einen pyramidenförmigen hohlmuskel eine intelligente saugpumpe
bestehend aus zwei parallelen pumpen die im einklang arbeiten
zwischen sechzig- und achtzigmal pro minute pochen fünf
liter pro minute pumpen

du fühlst wie es pocht
du liest und sprichst darüber
du wirst im wissen darum sterben
dass du es hattest und nie jemandem
überlassen hast
dass du nichts bereust

wir haben zwei augen / zwei lungen / zwei nieren
und einen magen und manchmal haben wir ein herz:
eine zeitbombe wenn der körper über sich selber schreit
ich weiß nicht wann meins versucht hat
zu explodieren

ich habe die krankheit gezwungen eine waffe zu sein
aber
gegen wen

nach hunderttausend schlägen 
siebentausendfünfhunderteinundsiebzig litern blut
ignoriere ich es manchmal und manchmal
kommt es mir langsam vor
manchmal
höre ich
nur
seine leere

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

Enfance (Extrait)

Tandis que l’aïeule égrène ses prophéties
les étoiles se posent sur les lèvres
de la petite fille
celle qui refuse les tutus l’organdi
le marché aux illusions des marionnettistes
À la tombée de la nuit
elle dérobe les masques confondus
les fait voler en éclats au bas des falaises
Comme chaque animal
elle fait confiance à ses antennes
à ses côtés nul corps céleste
nul ange gardien
Elle va dans l’espérance de ses semelles
et dans la lumière de l’instant

 

Kindheit (Auszug)

Während die Ahnin ihre Prophezeiung aufsagt
legen sich die Sterne auf die Lippen
des kleinen Mädchens
das Tutus und Batist verweigert
den Trugbildermarkt der Marionettenspieler
Bei Einbruch der Nacht
stiehlt sie die vertauschten Masken
zerschmettert sie am Fuß der Klippen
Wie jedes Tier
vertraut sie auf ihre Fühler
an ihrer Seite kein Himmelskörper
kein Schutzengel
Sie geht in der Hoffnung ihrer Schritte
und im Licht des Augenblicks

 

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

Fines del siglo XVI (1584), Pedro Sarmiento de Gamboa, a bordo del bajel «Nuestra Señora de la Esperanza», fundó la “Ciudad del Rey Don Felipe», hoy «Puerto del Hambre»: el sitio es testamento mudo del primer enclave español a orillas del Estrecho; murieron allí 300 colonos que quedaron esperando ese barco: “Nuestra Señora de la Esperanza”.

 

EN PUERTO DE HAMBRE UN NIÑO PIDE ENCONTRAR LA ESPERANZA

 

Detrás de la pared de la iglesia
yo pinté el ese barco que yo pido
para Navidad, yo pido cien barcos
entrando en el Puerto antes
que yo sea grande quiero
y también cien barcos de juguete
y un árbol lleno
de cosquillas, de terror.
Pero mejor los barcos y no
más lágrima para mi hermano, ni palabra
de mi madre, sino barcos
ese barco, uno, por favor
te prometo, portarme
bien yo quiero
que los barcos
me lleven hasta el sol.
Muchos más barcos quiero
cien más barcos, mejor
que sean mil.

_________________________________________________

 

Ende des 16. Jahrhunderts (1584) gründete Pedro Sarmiento de Gamboa an Bord des Fregattenschiffs „Nuestra Señora de la Esperanza“ (Unsere Liebe Frau der Hoffnung) die „Ciudad del Rey Don Felipe“ (Stadt des Königs Don Felipe), heute „Puerto del Hambre“ (Hafen des Hungers): Der Ort ist stummer Zeuge der ersten spanischen Enklave an der Magellanstraße; 300 Siedler verhungerten dort, weil das Schiff „Unsere Liebe Frau der Hoffnung“ nie zurückkam.

 

IN PUERTO DEL HAMBRE WÜNSCHT SICH EIN KIND, DIE HOFFNUNG ZU TREFFEN

 

Hinten auf die Wand von der Kirche
hab ich das Schiff gemalt, was ich mir wünsche
zu Weihnachten, ich wünsch mir hundert Schiffe,
die in den Hafen laufen, bevor
ich groß bin, genau, und außerdem
hundert Spielzeugschiffe
und ein Baum voll mit
Kitzeln, mit Schreck.
Aber lieber Schiffe und keine
Tränen mehr für meinen Bruder oder Wörter
von meiner Mutter, einfach nur Schiffe,
dieses Schiff, nur eins, bitte bitte
ich versprech dir, ich bin auch
brav, ich will,
dass die Schiffe
mich mitnehmen zur Sonne.
Und noch mehr Schiffe will ich, noch
hundert Schiffe mehr, noch besser
wären tausend.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

Rucanuco

Casa de nuco en lengua nativa.
Pájaro que nunca llegamos a conocer
ni nos fue presentado.
Quizás estuvimos frente a frente
quizás algún ladrido escuchado
venía de su garganta.
Vivíamos ya la época de nombres
sin representación concreta
y cosas tranquilamente innombradas.

 

Rucanuco

Haus der Sumpfohreule, in der Sprache der Eingeborenen.
Vogel, den wir niemals kennenlernten,
der uns auch nicht gezeigt wurde.
Vielleicht standen wir direkt vor ihm
Vielleicht stammte ein gehörtes Bellen
aus seiner Kehle.
Wir lebten längst in der Zeit der Namen
ohne konkrete Entsprechungen
und der einfach unbenannten Dinge.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

Pequeña acción militar con fondo musical wagneriano

El moscardón
como helicóptero de potencia extranjera
o emisario de una guerra incomprensible
se introduce en el cuarto
haciendo reconocimiento
de todos los rincones
Zumba feliz en la muerte del silencio

De súbito
es hallado y condenado a pena capital
En todo caso
nadie sabrá nunca
el motivo de su invasión
pero es sin duda necesario
desquitarnos del mundo
en sus perturbadoras alas

Un golpe certero
Una demolición
Una cacería
Un chivo expiatorio
Un mosco expiatorio
y ¡Zas! La vida

 

Kleine Militäraktion mit Wagner im Hintergrund

Die Schmeißfliege
dringt ins Zimmer ein
wie ein Hubschrauber einer fremden Macht
oder der Bote eines unverständlichen Krieges
und kundschaftet
alle Ecken aus
Summt zufrieden als die Stille stirbt

Plötzlich
wird sie aufgespürt und zum Tode verurteilt
Ganz sicher
wird nie jemand
das Motiv ihres Eindringens erfahren
aber es ist zweifellos notwendig
uns an der Welt zu rächen
auf ihren nervigen Schwingen

Ein treffsicherer Schlag
Ein Akt der Vernichtung
Eine Treibjagd
Ein Sündenbock
Eine Sündenfliege
und Zack! Das Leben

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

 

El arquetipo

Se están pudriendo en la calma de sus vidas reprimidas.

En la mansedumbre de un sistema que descuartiza en silencio,
los espacios del alma y la integridad humana.

El límite de los descuartizados está desbordando.
Se asomara con toda la valentía y amor propio…

Aparecerá el color más oscuro de la sangre
pululando en la piel de los manipuladores, abusadores y corruptos.
Cuya doctrina e ideología les reventará en sus caras y manchara sus manos.

Ya llegará la muerte silente de este arquetipo inhumano,
dando paso a una rebeldía humanizadora y revitalizadora.
En donde los oprimidos serán los caudillos que descuartizan este sistema *que va en decadencia.

André Nilo, Sportlehrer, Recoleta (Santiago)

 

Der Urtyp

Der Hund Negro Matapacos wurde durch zahlreiche Teilnahmen an den Studierendenprotesten 2010/2011 bekannt

Sie verrotten in der Trägheit ihrer unterdrückten Leben.

Im Gehorsam eines Systems, das in der Stille
die Orte der Seele und der menschlichen Integrität zerteilen.

Die Grenze der Zerteilten ist überschritten.
Sie wird mit all dem Mut und der Liebe zu sich selbst erscheinen…

Die dunkelste Farbe des Blutes wird auftauchen
Sich auf der Haut der Manipulatoren, Missbrauchenden und Korrupten ausbreiten.
Deren Doktrin und Ideologie in ihren Gesichtern zerplatzen und ihre Hände besudeln wird.

Der leise Tod dieses menschlichen Urtyps wird kommen,

einer menschenwürdigen und wiederbelebenden Rebellion Platz machen.
Wo die Unterdrückten die Anführer sein werden, die dieses System zerteilen,
das in Verfall geraten ist.

 

 

 

Carrusel

Busco las palabras
Para darle voz
Al puño apretado
A nuestra determinación

Busco las palabras
Para enseñarte de amor
Compartir una sonrisa
En tiempos de unión

Busco las palabras
Que dibujen las lágrimas
Después del golpe que dio
El rojo aluvión

Busco las palabras
Para cuando nos despedimos
Sin saber de verdad
Si volveremos a hablar

Busco las palabras
Para el asco que da
En las calles tu actuar
Supuesto defensor criminal

Busco las palabras
Pero no las encuentro
Es tanto lo que siento
Carrusel de emoción

Bastián (29), Concepción (Región Bío Bío)

 

 

Karussel

Ich suche nach Wörtern,
um mit geballter Faust
unserer Entschlossenheit
eine Stimme zu verschaffen

Ich suche nach Wörtern
um dir Liebe zu zeigen
ein Lächeln zu teilen
in Zeiten der Einigkeit

Ich suche nach Wörtern
die die Tränen zeichnen
nach dem Schlag
den die rote Flut versetzt hat

Ich suche nach Wörtern
für unseren Abschied
ohne wirklich zu wissen
ob wir uns noch einmal sprechen werden

Ich suche nach Wörtern
für den Ekel, den mir
dein Auftreten auf der Straße beschert
angeblicher Verteidiger – Krimineller

Ich suche nach Wörtern
aber ich finde sie nicht
es ist so viel, das ich fühle
Karussell der Gefühle

 

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

SECRETOS DE JUVENTUD

Es triste entrar al supermercado del barrio
y advertir que amigos de la adolescencia
con quienes se creyó
en la confianza y la libertad
sean hoy los guardias que de reojo
te persiguen por los pasillos
desconfiando de cada uno de tus movimientos.


JUGENDGEHEIMNISSE
Es ist traurig, in den Supermarkt im Kiez zu gehen
und zu erkennen, dass Freunde von früher
mit denen man als Jugendliche
an Vertrauen und Freiheit glaubte
heute Sicherheitsleute sind, die dir verstohlen
durch die Gänge hinterherblicken
und jeder deiner Bewegungen misstrauen.

 

 

María Paz Valdebenito (*1987) ist eine chilenische Künstlerin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen La fábrica del Sibilino (Chile, 2011), Las vigías de Terpsícore (Chile, 2013) Cabalgando Lejanías (Peru-Ecuador, 2016) und Tonada del náufrago (Argentinien, 2017). Ihre erste EP mit dem Titel Contrafinal ist in Vorbereitung.

Sarah Otter (*1980) studierte Germanistik, Komparatistik sowie Spanische Philologie in Potsdam und Granada und übersetzt regelmäßig für das Poesiefestival Latinale. Zuletzt erschien in einer gemeinsamen Übersetzung mit Léonce W. Lupette und Johanna Schwering der Gedichtband Oben das Meer unten der Himmel von Enrique Winter (2018).

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl