Lyrik aus Lateinamerika

Hermana

Haremos el viaje.
Caminaremos juntas atravesando la cordillera.
El recorrido lo haremos sincronizadas
como si fuera una coreografía
de dos bailarinas guerrilleras
en medio de las montañas.

Hablaremos con los ojos,
sabremos qué camino tomar en cada encrucijada.
No le tendremos miedo a los abismos,
hemos saltado un par y nadado en medio del río caudaloso
donde varias piedras se tropiezan unas con otras.
Ahí descansaremos,
miraremos como el río sigue su camino y fluye en el medio del cañón.
Beberemos su agua transparente,
nos reflejaremos en el río y lloraremos caudales de mares.
Haremos el camino real que va del cielo a la tierra
y nos inventaremos la cima.
Acumularemos cristales unos sobre otros,
le rezaremos a la madre de nuestras madres,
a la que se aisló
por una justa causa,
si una causa es justa.
Respiraremos ese aire nítido que llena los pulmones
que viene desde las raíces de los árboles
para limpiar cada bronquio.
Recogeremos flores y haremos un ramo que dibujaremos en medio de una hoguera.
Dormiremos a la intemperie
en medio de la noche salvaje.
Hermana, ese camino lo debemos hacer pronto
antes de que no sea posible,
antes de que se convierta en otro país
y nosotras
en otras.

Schwester

Wir werden auf Reise gehen.
Gemeinsam wandern, die Kordilleren überqueren.
Die Strecke synchron laufen
als wäre es die Choreografie
zweier Guerilla-Tänzerinnen
mitten in den Bergen.

Wir werden mit den Augen sprechen,
an jeder Abzweigung wissen, welchen Weg wir nehmen.
Wir werden keine Angst vor den Abgründen haben,
über ein paar sind wir schon gesprungen und im schäumenden Fluss geschwommen
wo die Steine übereinander kullern.
Dort werden wir rasten,
schauen, wie der Fluss seinem Lauf folgt und durch den Canyon fließt.
Wir werden sein klares Wasser trinken,
uns in dem Fluss spiegeln und Meeresströme weinen.
Den Königsweg werden wir nehmen, der vom Himmel zur Erde führt
und seinen Gipfel erfinden.
Wir werden Kristalle aufeinander türmen,
zur Mutter unserer Mütter beten,
die fortging,
für einen gerechten Zweck,
wenn denn ein Zweck gerecht ist.
Wir werden unsere Lungen füllen, mit dieser klaren Luft
die den Wurzeln der Bäume entströmt
und uns die Bronchien reinigt.
Wir werden Blumen pflücken und einen Strauß binden, den wir zeichnen, mitten in einem Feuer.
Wir werden unter freiem Himmel schlafen
irgendwo in der wilden Nacht.
Schwester, diesen Weg werden wir bald gehen müssen
bevor es unmöglich wird,
bevor dies sich in ein anderes Land verwandelt
und wir uns
in andere.

Lyrik aus Lateinamerika

Una curva peligrosa

Vivo enfrente de una curva peligrosa,
la gente se pone nerviosa porque los autos son grandes y nadie sabe muy bien quién es
y qué merece.

Por ahí caminaban dos hombres, hablando,
sus manos sueltas, colgadas hacia ellos mismos.
Los imaginé tomados de las manos,
todo se veía diferente.

Qué frágil la distancia entre esos hombres que ahora están enamorados
y la forma en la que esa curva podría atropellarnos a todos,

o peor aún,

atropellar al recuerdo de ti girando hacia los dos lados de la calle,
entrando sin llave a esta casa donde se teje sin herramientas para unir la nada,
donde los pájaros solo pasan una vez al día,
sin entrar, sin quedarse.

Un recuerdo tan estable como el cemento que sostiene esta casa a punto de caer,
y como el amor entre estos dos hombres que acaban de bifurcar en direcciones contrarias.

Eine gefährliche Kurve

Ich lebe an einer gefährlichen Kurve,
die Menschen werden nervös, weil die Autos groß sind und niemand so wirklich weiß, wer darin ist und was sie verdienen.

Dort entlang gingen zwei Männer, redend, ihre Hände lose neben ihren Körpern hängend, zueinander gerichtet.
Ich stellte mir vor, wie sie Händchen halten,
alles sah anders aus.

Wie zerbrechlich ist der Abstand zwischen diesen beiden Männern, die jetzt verliebt sind,
und die Art und Weise, wie diese Kurve uns alle umwerfen könnte,

oder noch schlimmer,

die Erinnerung an dich umwerfen könnte, wie du dich umdrehst in beide Richtungen der Straße,
ohne Schlüssel in das Haus trittst, wo man ohne Werkzeuge strickt, um das Nichts zu vereinen,
wo die Vögel nur einmal am Tag vorbeikommen,
ohne einzutreten, ohne zu bleiben.

Eine Erinnerung, die so stabil ist, wie der Zement, der dieses Haus am Rande des Einsturzes hält,
und wie die Liebe zwischen diesen beiden Männern, die gerade in entgegengesetzte Richtungen abgebogen sind.

Lyrik aus Lateinamerika

Illustration: Joan Farías Luan / cuadernoimaginario.cl

Qué bueno está buscar en Google

me separo? me parte?
si me parte me destroza o me agranda?

en qué bar sucede buenos aires?

dónde te encuentro?
me esperaste?

cómo hago para desescribir al monstruo que me destruye por la noche el alma?
quién es el que me grita que no?

cómo amarrarme la lengua cómo explotar la nube negra cómo quitarme el nombre

cómo saber de dónde soy?

Google-Suchen sind toll

soll ich mich trennen? was heiß das physisch?
bin ich zweigeteilt klein gemacht oder größer?

in welcher bar passiert buenos aires?

wo finde ich dich?
hast du auf mich gewartet?

was mache ich, um das monster, das nachts meine seele frisst, zu entschreiben?
wer entgegnet mir ein geschrienes nein?

wie kann ich meine zunge zäumen, wie die schwarze wolke zerpplatzen, wie meinen namen ablegen

wie wissen woher ich bin?

Lyrik aus Lateinamerika

Illustration: Joan Farías Luan

UN RUIDO LLENA LAS HOJAS

Nosotros en el campo
rodeados por la nada
abrazados por el trigo.

Un inodoro en medio de un descampado.
No tengo pena, me digo. Hasta que apareces tú
y tus enormes piernas me llevan hacia el campo.

Nosotros en el campo con la vida recién estrenada y
tus zapatos de granjero amasando las orillas de la hierba.
Nosotros en el campo donde tú me has llevado
caminando sin rumbo.

De pronto un ruido llena las hojas.
Recuerdo que mi teléfono se ha hecho pedazos y
solo el campo nos escucha.

Cuando llegamos a la orilla donde una casa
—apenas construida—
se hace mesa
recuerdo que has olvidado al perro y tu mochila.
Me echo a reír sobre las hojas
hasta que me doy cuenta de que te has ido.

EIN RAUSCHEN ERFÜLLT DAS LAUB

Wir auf dem Feld
vom Nichts umgeben
vom Weizen umarmt.

Ein Toilettenbecken mitten auf dem Brachland.
Ich glaube schamlos zu sein, bis du auftauchst
und deine riesigen Beine mich aufs Feld tragen.

Wir auf dem Feld
mit frisch eingeweihtem Leben
und deine Bauernschuhe
zerdrücken den Wiesenrand.

Wir auf dem Feld.
Du brachtest mich her
nach ziellosem Umherstreifen.

Plötzlich erfüllt ein Rauschen das Laub.
Ich erinnere mich, dass mein Telefon aufgab
und nur das Feld uns hört.

Als wir zum Ackerrand gelangen,
wo ein nie fertiggestelltes Haus
uns zum Tisch wird,
hast du Hund und Gepäck vergessen.

Ich lache über das Laub
bis ich bemerke, dass du gegangen bist.

Sandra Rosas, Master of Arts von der Freien Universität Berlin. Sie hat zwei Gedichtbänder veröffentlicht: Blinde Pupillen/ Pupilas ciegas (KLAK Verlag, 2019) und El mar que no vio mamá (LP5 editora, 2023). Sie war am Anfang des Jahres 2023 Stipendiatin der Berliner Senat (nicht deutschsprachige Literatur).

Inés Noé (Berlin, 1991) hat Kultur- und Literaturwissenschaften in Frankfurt (Oder) und Buenos Aires studiert. Nach Aufenthalten in Bolivien, Chile, Argentinien und Kasachstan lebt sie in Berlin. Sie ist seit 2020 ehrenamtliches Redaktionsmitglied von alba.lateinamerika lesen und übersetzt aus dem Spanischen ins Deutsche.

Die Übersetzung dieses Gedichts wurde durch das Siesta Festival 2023 ermöglicht und ist in dessen Rahmen entstanden.

Lyrik aus Lateinamerika

Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

Medo

Tenho medo
Deste medo
De ter medo
Medo do desconhecido
Este velho conhecido
Que insiste em se esconder
Medo dos segredos
No infinito do não saber
Tenho medo do agora
Deste momento
Tão sozinho
Medo tenho
Da incompreensão
Do meu vizinho
Tenho tanto medo
Medo mesmo
De estar sozinho
Medo do esquecimento
Dos momentos sem carinho

Medo, medo, medo
Dos fantasmas do inconsciente
Ciento do medo que tenho
De não estar ciente

Medo, medo, medo
Do futuro
Do presente
Medo do desconhecer
Da noite sem luar
Do dia que tarda
Medo de mim mesmo
Do que um dia fui
Medo de não puder planejar
Medo do futuro que não terei
Medo, medo, medo
Deste medo de ter medo
Do medo do medo de amar …

Angst

Ich habe Angst
Vor dieser Angst
Angst zu haben
Angst vor dem Unbekannten
Diesem alten Bekannten
Der sich ungern freiwillig zeigt
Angst vor Geheimnissen
Im unendlichen Raum des Unwissens
Ich habe Angst vor dem Jetzt
Vor diesem Augenblick
In dem ich so allein bin
Habe Angst
Vor Unverständnis
Vor meinem Nachbarn
Ich habe solche Angst
Wirklich Angst
Allein zu sein
Angst vor dem Vergessenwerden
Vor Momenten ohne Zärtlichkeit

Angst, Angst, Angst
Vor den Geistern des Unbewussten
Bewusst meiner Angst
Vor dem Verlust des Bewusstseins

Angst, Angst, Angst
Vor der Zukunft
Der Gegenwart
Angst vor dem Nichtwissen
Vor der Nacht ohne Mond
Vor dem Tag, der bald naht
Angst vor mir selbst
Vor dem, was ich einst war
Angst, dass sich das Planen nicht lohnt
Angst vor fehlenden Perspektiven
Angst, Angst, Angst
Vor dieser Angst, Angst zu haben
Angst vor der Angst zu lieben …

Lyrik aus Lateinamerika

LEVANTAMIENTO

Llenamos sus calles, sus plazas,
con rebeldía tejida de mil colores,
llegamos de lejos;
a exigir nuestros derechos,
en las manos traemos el dolor de la tierra,
en la mirada la esperanza de un mañana digno,
en el pecho traemos un grito.

Para ustedes los poderosos, los blanqueados
los podridos de avaricia, la única ley,
que pesa sobre el empobrecido sentencia;
no pensar, no reclamar,
no protestar, no levantar la mirada.
Ustedes pueden romper el orden constitucional,
nosotros ni siquiera llegar a la capital.

Ustedes pueden comprar jueces y fiscales,
a nosotros ni siquiera se nos garantiza el debido proceso.
Pero tiemblan, ustedes tiemblan,
saben que juntos y organizados, les jodemos el bolsillo.

No volverán a ver un agricultor callado
no volverán a ver a una madre de rodillas,
jamás volverán a ver silencio en los estudiantes
¡Nunca más un runa sometido!

Para ustedes los poderosos, los blanqueados
los podridos de avaricia, la única ley,
que pesa sobre el empobrecido sentencia;
no pensar, no reclamar,
no protestar, no levantar la mirada.
Ustedes pueden romper el orden constitucional,
nosotros ni siquiera llegar a la capital.

Ustedes pueden comprar jueces y fiscales,
a nosotros ni siquiera se nos garantiza el debido proceso.
Pero tiemblan, ustedes tiemblan,
saben que juntos y organizados, les jodemos el bolsillo.

No volverán a ver un agricultor callado
no volverán a ver a una madre de rodillas,
jamás volverán a ver silencio en los estudiantes
¡Nunca más un runa sometido!

Ustedes los poderosos,
que solo en campaña llegan al pueblo,
nos abren sus brazos de lejos, de lejitos nomás,
no vaya a ser que se les pegue lo apestoso.
No saben leer los caminos enlodados,
no saben leer las escuelas sin techo,
no saben leer el hambre ni el frío,
ustedes, no saben leer fuera de sus doctorados.

Ustedes los gobierno tienen aliados
nosotros tenemos ayllu,
ustedes los poderosos tiene negocios,
nosotros tenemos el ayni, la minka.

Y si nos quitan la vida con su dictadura
nuestros hijos, nuestras hijas,
volverán mañana a tomarse sus calles y sus plazas,
la lucha será dura pero, en ellos, en ellas volveremos.

ERHEBUNG

Wir füllen ihre Straßen, ihre Plätze,
mit Rebellion gewebt in tausend Farben
wir kommen von weit her;
unsere Rechte zu fordern,
in den Händen tragen wir den Schmerz der Erde,
im Blick die Hoffnung auf ein Morgen der Würde,
in der Brust tragen wir einen Schrei.

Für euch ihr Mächtigen, ihr weiß Getünchten,
in Geiz Verfaulten, heißt das einzige Gesetz,
das über den arm Gemachten einen Schiedsspruch auflastet;
nicht denken, nicht einfordern,
nicht protestieren, nicht den Blick erheben.

Ihr könnt die Verfassungsordnung brechen,
wir gelangen nicht einmal zur Hauptstadt.
Ihr könnt Richter und Staatsanwälte kaufen,
uns wird nicht einmal der gebührende Prozess garantiert.
Doch erzittert, erzittert ihr,
ihr wisst, zusammen und organisiert ficken wir euch den Geldbeutel.

Ihr werdet nicht noch einmal einen verstummten Landarbeiter sehen,
werdet nicht noch einmal eine Mutter auf Knien sehen,
niemals werdet ihr wieder Schweigen bei den Studenten sehen,
Nie mehr ein unterworfener Runa!

Ihr Mächtigen,
die ihr alleinig durch eine Kampagne zum Volk gelangt,
ihr uns die Arme von weither, von weitem nur öffnet,
damit ihr bloß nicht die Pestilenz berührt.
Ihr vermögt nicht zu lesen die verschlammten Wege,
vermögt nicht zu lesen die Schulen ohne Dach,
vermögt nicht zu lesen Hunger und Kälte,
ihr vermögt nicht zu lesen außerhalb eurer Doktortitel.

Ihr Regierungen habt Verbündete,
wir haben ayllu,
ihr Mächtigen habt Geschäfte,
wir haben ayni, minka .

Und wenn ihr uns mit eurer Diktatur das Leben raubt,
unsere Söhne, unsere Töchter
kehren morgen zurück, eure Straßen und eure Plätze einzunehmen,
der Kampf wird hart sein, aber in unseren Söhnen, unseren Töchtern kehren wir zurück.

Lyrik aus Lateinamerika

El fin

I
El fin de las cosas nos acerca.
No sabemos qué queremos.
Sabemos qué no queremos.
No queremos que los edificios caigan.
No queremos que los puentes exploten.
No queremos que los autos sigan dando vueltas en el aire.
No queremos que llueva.
No queremos ver agua en todo lo que vemos.
No queremos dejar de querernos.
Nos acercamos.
Y esperamos juntos.
Y el olor que sentimos a quemado es cada vez más fuerte y el
cielo, más rojo.
Y no vemos hacia la ventana porque no queremos ver y nos
acostamos y nos empezamos a sacar la ropa.
Nos acostamos desnudos.
Uno al lado del otro.
El fin del mundo nos vuelve románticos.

Das Ende

I
Das Ende der Dinge bringt uns zusammen.
Wir wissen nicht, was wir wollen.
Wir wissen nur, was wir nicht wollen.
Dass Gebäude einstürzen.
Dass Brücken explodieren.
Dass Autos sich in der Luft überschlagen.
Dass es regnet.
Dass wir in allem, was wir sehen, Wasser sehen.
Dass wir aufhören, uns zu lieben.
Wir kommen zusammen.
Und warten gemeinsam.
Der Brandgeruch wird immer stärker, der
Himmel röter.
Aber wir blicken nicht zum Fenster, weil wir es nicht sehen wollen, und wir
legen uns hin und ziehen uns die Kleider aus.
Wir legen uns nackt hin.
Seite an Seite.
Das Ende der Welt macht uns romantisch.

Giuliana Kiersz (1991, Buenos Aires) ist Schriftstellerin, Dramaturgin und Künstlerin. In ihrem Schaffen erforscht sie unser Verhältnis zur Sprache in bestimmten Kontexten, um Welten zu bauen, die den politischen und sozialen Horizont verschieben. Ihr Werk El fin wurde mit dem X Premio Germán Rozenmacher ausgezeichnet und für das Internationale Festival Buenos Aires 2019 sowie das Festival Aleph 2020 inszeniert.

Timo Berger ist freier Journalist, Kulturveranstalter und Übersetzer. 2002 war er Praktikant der Lateinamerika Nachrichten. Als letzte Veröffentlichung gab er Buenos Aires. Eine literarische Einladung (Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2019) heraus. Für die Veröffentlichung der ins Deutsche übersetzten Werke von Giuliana Kiersz ist er derzeit auf Verlagssuche und freut sich über sachdienliche Hinweise.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

(Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl)

ON THE ROCKS
El dolor se tragó mis ideas, mis proyectos, mis locuras.
En su lugar quedó un hueco, una cala donde el mar se acomoda por las noches, despacio.
Cuando hay luna, descontrolado, sube a buscarla.
Entonces me despierta una sirena.

ON THE ROCKS
Der Schmerz verschlang meine Ideen, meine Projekte, meine Spinnereien.
An ihrer Stelle blieb ein Loch, eine Bucht, in der sich das Meer abends langsam niederlässt.
Wenn der Mond da ist, steigt es zügellos und sucht ihn.
Dann weckt mich eine Sirene.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

Espiral

A noite é um morcego manso
sobrevoando uma cidade quase adormecida,
tomando cada rua, cada casa,

como um cheiro adocicado de fruta
quase apodrecida que penetrasse uma casa,
ganhasse cada quarto, cada sala,

como cheiro morno de coisa morta
ainda há pouco se espalhando
por uma cidade quase entorpecida,

como uma noite que descesse sobre casas
mortas, como uma peste, como se
nunca houvesse havido dia.

A noite é um morcego morto.

Spirale

Die Nacht ist eine Fledermaus,
die fast schlafende Stadt überkreisend.
Nimmt jede Straße, jedes dunkle Haus.

Wie der süßliche Duft einer fast verdorbenen
Frucht, er dränge in die Häuser ein,
gewänne jedes Zimmer, jeden Raum.

Wie der zarte Duft von etwas Totem,
gerade verstorben, der sich ausbreitet
in einer fast betäubten Stadt.

Wie eine Nacht, die auf die toten Häuser
hinabsänke, eine Pest,
als wenn es niemals Tag gewesen wäre.

Die Nacht ist eine tote Fledermaus.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

XII
Ahora miremos el cielo,
hablemos del día en que antes de ser tú
fuiste nube
y tu pasatiempo era atravesar el cielo volando
volverte
dragón
oveja
elefante
todos los animales
sobre el fondo celeste.

No, no me digas que no te acuerdas.
Si desde ese día
busco y busco
entre mis recuerdos
uno tan liviano como ese.
El día en que también yo
fui nube
viento
sol
el color anaranjado de los días.

XII
Schauen wir jetzt zum Himmel
und reden von dem Tag, an dem du noch nicht du selbst
sondern Wolke warst
und zum Zeitvertreib über den Himmel flogst
Drache
Schaf
Elefant
wurdest
alle Tiere
vor hellblauem Grund.

Sag mir nicht, du erinnerst dich nicht.
Denn seitdem suche ich
in meinen Erinnerungen
nach einem so leichten Tag
wie diesem.
Der Tag, an dem auch ich
Wolke
Wind
Sonne war
der orangene Farbton der Tage.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Sarah Gödde

Habla la roca: No quiero más, dice.
Habla la mano en la pintura escrita.
Habla el metal mujer lo injusto el niño.
Todo habla pero el ojo ya no ve.

Es spricht das Gestein: Ich will nicht mehr, sagt es.
Es spricht die Hand in der geschriebenen Malerei.
Es spricht das Metall Frau das Ungerechte das Kind.
Alles spricht, aber das Auge sieht nicht mehr.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

DIESE VERDAMMTEN LIEBESGEDICHTE
Für M.

Um dir nah zu sein
muss ich meinen Namen ändern
und dieses Gefühl der Ermattung in mir vergessen. Ich weiß nicht
was ich tun werde. Ich weiß auch nicht, ob ich
noch üben muss: Ich habe die Liebe
schon lange nicht mehr gekostet.
Alles ist Aufruhr, aber auf dieser Seite scheint die Sonne.
Und ich trinke ein Gläschen Rum,
um dir nah zu sein
werde ich Straßen, Medusen, die Sterne auswendig lernen. Ich weiß, du lebst
nur ein paar Kilometer von hier
und mein Lächeln ist eine Fliederwolke in zartem Rosa
an jener Straßenecke, wo die Pfingstrosen tanzen. Ich werde
mich erst glücklich wähnen, wenn ich
ein Fenster aufreiße. Um dir nah zu sein, muss ich
dir ohne zu zögern begegnen und im Gespräch
über nutzlose Dinge bestehen. Die Autos, die Wolken
der sengende Wind
in den Baumwollkleidern
und in meiner Hosentasche Gnadenrauten – all diese Einsamkeiten werden
in meinen Händen eine sanfte Taube.
Um dir nah zu sein, muss ich manchmal einfach nur schweigen
und in einen Apfel beißen. Um dir nah zu sein
werde ich für einen zärtlichen Augenblick mein Klavierspiel unterbrechen
und Toastbrot kaufen. Ich werde
zwei kleine Sonnenblumenblätter
in meine Hosentaschen stopfen. Nichts Einfacheres,
und Törichteres liebe ich.
Jetzt bin ich doch leicht berauscht und weiß nicht mehr,
ob ich dir auf diese Art und Weise nah sein kann.

MALDITOS POEMAS DE AMOR
Para M.

Para llegar a ti
tendré que cambiar mi nombre
y reemplazar esta fatiga de mi vida. Yo no sé
qué haré. Tampoco sé si tenga que
hacer ejercicios: hace tiempo
que no gozo del amor.
Todo es furor y hace sol por este lado.
Y tomo una pequeña copa de ron,
para llegar a ti
repetiré calles, medusas, estrellas. Yo sé que vives
a un puñado de kilómetros
y mi sonrisa es una nube lila detenida
en la esquina donde bailan las peonías. Tendré que
ser feliz abriendo
una ventana. Para llegar a ti tengo
que caminar sin demora, por el discurso de
las cosas inútiles. Los autos y las nubes,
enardecido viento
en la ropa de algodón
y la ruda en los bolsillos, esta soledad serán una
dulce paloma entre mis manos.
Para llegar a ti tendré callarme a veces
y morder una manzana. Para llegar a ti
tiernamente dejaré de tocar un rato mi piano
y compraré algunas tostadas. Y meteré
dos hojitas de un girasol
a mis bolsillos. Nada más simple
y estúpido amo.
Ahora estoy ebrio y no sé
si así pueda llegar a ti.

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

TRANSE, SONHO DA MULHER DO PESCADOR

— Eu a amei, no entanto
Como quarenta mil…
— Menos,
Contudo, do que um amante.

No fundo, ela, onde há lodo.
— Mas eu a —
amei??

„Diálogo de Hamlet com a consciência“,
Marina Tsvetáieva (tradução de Aurora Bernardini)

pedra que rola não cria musgo
árvore torta morre por fungo
— a nova insurge das dobras —
somente renasce quem se areja
ao sol se oferta, o peito à mostra
— areia que somos do cosmos —
e volta ao repouso junto à duna

lá umes amigues em que acredito
tomam nacos de carvão pra esboçar
enquanto deitada dentro do barco
canto pra mais outre queride monstre

dust to dust vem cá sim
dá uma molhada aqui
coalha tinta da china
e roda, roda e vira
ah, solta a roda e vem
te lamberam o cu
ao teu gosto tão bem

do encosto junto à duna ressurge
Ofélia aprendiz das inteirezas
arrasta do rancho a embarcação
e navega como quer, refeita

TREIBEN, TRAUM DER FISCHERSFRAU

 „Ich aber hab sie mehr geliebt
Als Tausende …“
„Und weniger doch
Als ein Geliebter.“

„Zum Grunde ging sie, wo es Schlaf nicht gibt.“
„Ich aber, hab ich sie geliebt?“

„Hamlets Dialog mit dem Gewissen“,
Marina Zwetajewa (Übersetzung von Ilma Rakusa)

rollender stein setzt kein moos an
windschiefer baum stirbt am pilz
– das neue erwächst aus der falz –
nur wer sich lüftet wird wiedergeboren
wer sich darbietet der sonne, mit bloßer brust
– kosmossand sind wir –
und zurückkehrt, sich ausruht in den dünen

dort sitzen vertraute an die ich glaube
zeichnen mit einem stück kohle
während ich liege im boot und wieder mal
singe für ein geliebtes monster

dust to dust komm doch mal her
auf einen sprung ins meer
rinnsaal wie tusche
und dreh dich, dreh, dreh um
ach, lass den dreh, komm her
sie leckten dir den arsch
genau wie du es magst

hinter dem hügel bei der düne kehrt
Ophelia zurück, hat von den ganzheiten gelernt
sie entreißt der horde das boot
und segelt nach ihrer Manier, wie neu

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

Sóplame al oído (dijo) que no vaya a decir ninguna estupidez
al oído y luego a la boca (sóplame) (dime ahí) en lo cóncavo
ahí (desde ahí) que resuene tu voz en silencio adentro
tu voz con todos sus sonidos en silencio (en lo cóncavo)
­-pensó- y pensó en ese caracol que es el oído
ese caracol que escucha la espiral -pensó también-
la voz entrando (o saliendo) por la espiral
(ahí sóplame) -dijo- al fondo de esa espiral arriba
la escalera de caracol?
-pensó- el vértigo de la caída
como si no pasara nada/ pero todo pasa
un susurro al oído -eso es todo- el aliento cálido que entra
-el caracol que se estremece- eso es todo
la vida -pensó- es un susurro.

Hauch mir ins ohr (sagte sie) bloß nichts dummes sagen
ins ohr und dann in den mund (hauche) (sag es mir dort) im hohlen
dort (von dort) damit deine stimme in stille widerhallt innen
deine stimme mit all ihren klängen in stille (im hohlen)
-dachte sie- und dachte an das ohr diese muschel
diese muschel die hört die windung -dachte sie auch-
die stimme dringt ein (oder geht hinaus) über die windung
(dorthin hauche) -sagte sie- bis hinten auf diese windung nach oben
schneckengewinde, wendeltreppe?
-dachte sie= der rausch beim fallen
als würde nichts passieren/ aber alles passiert
ein flüstern ins ohr -das ist alles- der warm eindringende atem
-die muschel erschauert- das ist alles
das leben -dachte sie- ist ein flüstern.

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