LYRIK AUS LATEINAMERIKA

 

Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

MI VIDA SIN MÍ

en la casa de mi madre
la humedad hizo que el techo cediera
sobre las cajas de cartón con mis viejos diarios
donde mi gemela desconocida
la que habita este lugar cuando no estoy
dejó escrito tu nombre en letra cursiva
lo deletreo y me siento una encargada del mantenimiento de mí misma
que persigue sus recuerdos escabulléndose como diminutas lagartijas
de una puerta a otra de la mente
hasta tropezar con una habitación donde mi madre
comparte un rincón con mis muñecas
esos cadáveres de nenas momificados
y pinta rosas realistas
mientras yo escucho cedés de autoestima
y olas de mar
me ajusto el camisón
con un hilito de piel muerta
el mismo que nos ata
a este cuarto con humedades
en la soledad sin fin
de la vida adulta


MEIN LEBEN OHNE MICH

im Haus meiner Mutter
gab die feuchte Decke schließlich nach
über den Kartons mit meinen alten Tagebüchern
in denen meine unbekannte Zwillingsschwester
die diesen Ort bewohnt wenn ich nicht da bin
in Schreibschrift deinen Namen hinterlassen hat
ich buchstabiere ihn und fühle mich wie meine eigene Selbsterhaltungsbeauftragte
die ihren Erinnerungen nachjagt und wie winzige Eidechsen
von einer Tür des Geistes zur nächsten huscht
bis sie auf einen Raum stößt in dem meine Mutter
eine Ecke mit meinen Puppen teilt
diese Mädchenleichen mumifiziert
und realistisch rosig
während ich mir Selbstwert-CDs
und Meeresrauschen anhöre
nähe ich mir das Nachthemd enger
mit einem Fädchen toter Haut
dasselbe das uns
an dieses feuchte Zimmer bindet
in der endlosen Einsamkeit
des Erwachsenenlebens

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Illustration: Luciana Amado Sandberg (@_lulu_lunera_)

Afuer (a) dentro

Llegué
dejé el pañuelo
el cartel
la bandera
los volantes
/me saqué
los borcegos
la ropa
/quedé
desnuda
de calle
de lucha
de marcha
de plaza
/te pedí
que me llenes
de algo
que sea
solo
de vos
y de mí


Drauß
en
drinn

Angekommen
das grüne Tuch*
das Transpi
die Fahne
die Flyer
abgelegt
/ mir
die Stiefel
die Klamotten
ausgezogen
/ ich blieb
nackt zurück
von der Straße
von der Demo
von der Plaza
/ ich wollte von dir
dass du mich füllst
mit etwas
dass nur
dir
und mir
gehört

* Das Pañuelo ist ein grünes Halstuch, das Symbol der argentinischen Bewegung für das Recht auf Abtreibung.

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Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

LO QUE UNO ES

Lo que uno es se rompe
se rompe
lo que uno es
es falla
de fábrica
calibrable
cada tanto
por tecnologías
bajo órdenes
de policías
secretas
controles
remotos
retocan
inadvertidamente
lo que uno es
pero
como toda cosa
dentro
del proceso productivo
en esta fase
del gran reino
animal
lo que uno es se rompe
se rompe
lo que uno es
es reemplazado
por otra
pieza.

WAS EINER IST

Was einer ist geht kaputt
geht kaputt
was einer ist
ist Fabrikations-
fehler
okkasionell
kalibrierbar
durch Technologie
auf Kommando
der geheimen
Polizei
Fern-
bedienungen
korrigieren
unbemerkt
was einer ist
aber
wie jedes Ding
im
produktiven Prozess
dieser Phase
des großen Tier-
reichs
geht kaputt was einer ist
geht kaputt
was einer ist
wird ersetzt
durch ein
Ersatzteil.

 

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De dónde vengo y a dónde voy

Me preguntan siempre
de dónde vengo
qué edad tengo
qué hago aquí
y adónde voy.

A veces siento
que no es simple curiosidad,
si quieres saber de verdad
te diré que:

vengo del vientre
de mi madre
voy donde me lleva
mi intuición
y sigo siendo una niña
en mi interior.

No hay vallas
muros ni fronteras
que me detengan,
cruzo el océano
con mi imaginación.

Subo los Andes
para tocar el cielo
no tengo miedo
mi hogar es
el mundo entero.



Woher ich komme und wohin ich gehe

Sie fragen mich immer
woher ich komme
wie alt ich bin
was ich hier mache
und wohin ich gehe.

Manchmal fühle ich
dass es nicht bloße Neugier ist,
wenn du es wirklich wissen willst
werde ich dir sagen:

ich komme aus dem Bauch
meiner Mutter
ich gehe dahin,
wo meine Intuition mich hinführt
und in meinem Innern
bin ich immer noch ein Kind.

Es gibt weder Zäune
Mauern noch Grenzen
die mich aufhalten,
ich überquere den Ozean
mit meiner Vorstellungskraft.

Ich erklimme die Anden
um den Himmel zu berühren
ich habe keine Angst
meine Heimat ist
die gesamte Welt.

 

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Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

 

Posso vislumbrar meu futuro
num mundo de caricatos moribundos
Sou o anterior e assim sendo
mais belo, mais eu, mais puro
Era apenas uma sombra
hoje, sobra luz agonizante
como pás de cal em cima do assunto
Monólogo: monótono proparoxítona
ou seja, me sentas na sílaba fraca
A palavra mata.
A palavra mesmo morta mata.
Olho ao redor e pressinto
labirintos em espirais coloridos
longe do arco-íris; perto de ti
tão perto que te confunde
A roda emperra na areia da frase solta
e eu guardo meu riso de escárnio
para usá-lo na presença
de apenas uma testemunha:
O meu retrovisor.

 

Ich sehe den Schimmer meiner Zukunft
in einer Welt grotesker Moribunder
Der Vorige bin ich und darum
schöner, selbster, reiner
Kaum mehr als ein Schatten war ich
heute, verbleichendes Licht überflüssig
wie die Schippe Kalk aufs begrabene Thema
Monolog: monotones Proparoxytonon
das heißt, du setzt mich auf die schwache Silbe
Das Wort tötet.
Selbst das tote Wort tötet.
Ich sehe mich um und spüre
bunte Labyrinthe in Spiralen
fern dem Regenbogen; nah bei dir
so nah, dass es dich verwirrt
Das Rad blockiert im Sand des losen Satzes
und ich hebe mir mein höhnisches Lachen auf
zur Benutzung
vor nur einem Zeugen:
Meinem Rückspiegel.

 

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Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

Enfance (Extrait)

Tandis que l’aïeule égrène ses prophéties
les étoiles se posent sur les lèvres
de la petite fille
celle qui refuse les tutus l’organdi
le marché aux illusions des marionnettistes
À la tombée de la nuit
elle dérobe les masques confondus
les fait voler en éclats au bas des falaises
Comme chaque animal
elle fait confiance à ses antennes
à ses côtés nul corps céleste
nul ange gardien
Elle va dans l’espérance de ses semelles
et dans la lumière de l’instant

 

Kindheit (Auszug)

Während die Ahnin ihre Prophezeiung aufsagt
legen sich die Sterne auf die Lippen
des kleinen Mädchens
das Tutus und Batist verweigert
den Trugbildermarkt der Marionettenspieler
Bei Einbruch der Nacht
stiehlt sie die vertauschten Masken
zerschmettert sie am Fuß der Klippen
Wie jedes Tier
vertraut sie auf ihre Fühler
an ihrer Seite kein Himmelskörper
kein Schutzengel
Sie geht in der Hoffnung ihrer Schritte
und im Licht des Augenblicks

 

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Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

 

Fines del siglo XVI (1584), Pedro Sarmiento de Gamboa, a bordo del bajel «Nuestra Señora de la Esperanza», fundó la “Ciudad del Rey Don Felipe», hoy «Puerto del Hambre»: el sitio es testamento mudo del primer enclave español a orillas del Estrecho; murieron allí 300 colonos que quedaron esperando ese barco: “Nuestra Señora de la Esperanza”.

 

EN PUERTO DE HAMBRE UN NIÑO PIDE ENCONTRAR LA ESPERANZA

 

Detrás de la pared de la iglesia
yo pinté el ese barco que yo pido
para Navidad, yo pido cien barcos
entrando en el Puerto antes
que yo sea grande quiero
y también cien barcos de juguete
y un árbol lleno
de cosquillas, de terror.
Pero mejor los barcos y no
más lágrima para mi hermano, ni palabra
de mi madre, sino barcos
ese barco, uno, por favor
te prometo, portarme
bien yo quiero
que los barcos
me lleven hasta el sol.
Muchos más barcos quiero
cien más barcos, mejor
que sean mil.

_________________________________________________

 

Ende des 16. Jahrhunderts (1584) gründete Pedro Sarmiento de Gamboa an Bord des Fregattenschiffs „Nuestra Señora de la Esperanza“ (Unsere Liebe Frau der Hoffnung) die „Ciudad del Rey Don Felipe“ (Stadt des Königs Don Felipe), heute „Puerto del Hambre“ (Hafen des Hungers): Der Ort ist stummer Zeuge der ersten spanischen Enklave an der Magellanstraße; 300 Siedler verhungerten dort, weil das Schiff „Unsere Liebe Frau der Hoffnung“ nie zurückkam.

 

IN PUERTO DEL HAMBRE WÜNSCHT SICH EIN KIND, DIE HOFFNUNG ZU TREFFEN

 

Hinten auf die Wand von der Kirche
hab ich das Schiff gemalt, was ich mir wünsche
zu Weihnachten, ich wünsch mir hundert Schiffe,
die in den Hafen laufen, bevor
ich groß bin, genau, und außerdem
hundert Spielzeugschiffe
und ein Baum voll mit
Kitzeln, mit Schreck.
Aber lieber Schiffe und keine
Tränen mehr für meinen Bruder oder Wörter
von meiner Mutter, einfach nur Schiffe,
dieses Schiff, nur eins, bitte bitte
ich versprech dir, ich bin auch
brav, ich will,
dass die Schiffe
mich mitnehmen zur Sonne.
Und noch mehr Schiffe will ich, noch
hundert Schiffe mehr, noch besser
wären tausend.

 

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Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

 

Rucanuco

Casa de nuco en lengua nativa.
Pájaro que nunca llegamos a conocer
ni nos fue presentado.
Quizás estuvimos frente a frente
quizás algún ladrido escuchado
venía de su garganta.
Vivíamos ya la época de nombres
sin representación concreta
y cosas tranquilamente innombradas.

 

Rucanuco

Haus der Sumpfohreule, in der Sprache der Eingeborenen.
Vogel, den wir niemals kennenlernten,
der uns auch nicht gezeigt wurde.
Vielleicht standen wir direkt vor ihm
Vielleicht stammte ein gehörtes Bellen
aus seiner Kehle.
Wir lebten längst in der Zeit der Namen
ohne konkrete Entsprechungen
und der einfach unbenannten Dinge.

 

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SECRETOS DE JUVENTUD

Es triste entrar al supermercado del barrio
y advertir que amigos de la adolescencia
con quienes se creyó
en la confianza y la libertad
sean hoy los guardias que de reojo
te persiguen por los pasillos
desconfiando de cada uno de tus movimientos.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

JUGENDGEHEIMNISSE

Es ist traurig, in den Supermarkt im Kiez zu gehen
und zu erkennen, dass Freunde von früher
mit denen man als Jugendliche
an Vertrauen und Freiheit glaubte
heute Sicherheitsleute sind, die dir verstohlen
durch die Gänge hinterherblicken
und jeder deiner Bewegungen misstrauen.

 

 

María Paz Valdebenito (*1987) ist eine chilenische Künstlerin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen La fábrica del Sibilino (Chile, 2011), Las vigías de Terpsícore (Chile, 2013) Cabalgando Lejanías (Peru-Ecuador, 2016) und Tonada del náufrago (Argentinien, 2017). Ihre erste EP mit dem Titel Contrafinal ist in Vorbereitung.

Sarah Otter (*1980) studierte Germanistik, Komparatistik sowie Spanische Philologie in Potsdam und Granada und übersetzt regelmäßig für das Poesiefestival Latinale. Zuletzt erschien in einer gemeinsamen Übersetzung mit Léonce W. Lupette und Johanna Schwering der Gedichtband Oben das Meer unten der Himmel von Enrique Winter (2018).

Illustration: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl

 

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Illustration: Joan Farias Luan, www.cuadernoimaginario.cl

 

MUJER AUSENTE CON TELÉFONO

Esculca sus recuerdos
toma café
revisa sus actualizaciones
y vuelve a sí misma
como una desterrada
de la historia.
¡Qué difícil es espiar
a la amada!
cuando ésta
[con su felicidad editada]
sonríe al mundo
junto a un hombre
al que ella
no logra
reconocer
seguir
ni omitir.

ABWESENDE FRAU MIT TELEFON

Sie durchstöbert ihre Erinnerungen
trinkt Kaffee
überprüft ihre Updates
und kehrt wieder zu sich selbst zurück
wie eine aus der Geschichte
Gestoßene.
Wie schwierig ist es doch
die Geliebte auszuspionieren!
wenn diese
[mit ihrem aufgesetzten Glücklichsein]
die Welt anlächelt
an der Seite eines Mannes
den sie
weder
zuordnen
noch verfolgen
noch übergehen kann.

 

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HOMO SAPIENS

„Creció en mi frente un árbol.
Creció hacia dentro.“
Octavio Paz

sou máquina?

sou sujeito?

ou sou sujeito à maquina?

sou um ser centrípeto
eu sei
quando cismo
assumo meu eixo
quando assumo
sou o centro
de mim mesma

me assumindo
sou eu sendo

e a máquina
vem
e a máquina
me ajuda
e a máquina
me atropela
a máquina vem
e me esfacela

e a máquina vem
e faz as dela
computa meus dados
registra a minh´idade
as vezes soft
as vezes hard

sou um ser centrípeto
eu sei
quando cismo
assumo:
diante da máquina
sou um pássaro
diante da máquina
sou um fraco
diante da máquina
sou um fluxo de sangue
procurando ser de aço.

 

 

HOMO SAPIENS

„Es wuchs in meiner Stirn ein Baum.
Er wuchs nach innen.”
Octavio Paz

bin ich maschine?

bin ich subjekt?

oder objekt der maschine?

ich bin zentripetal
ich weiß
wenn ich grüble
stehe ich für mich gerade
geradestehend
bin ich zentrum
meiner selbst

für mich einstehend
bin ich seiend

und die maschine
kommt
und die maschine
hilft mir
und die maschine
überrollt
die maschine
zerfetzt mich

und die maschine
kommt
und macht ihr ding
benutzt meine daten
registriert mein alter
mal soft
mal hard

ich bin zentripetal
ich weiß
wenn ich grüble
gestehe ich ein
vor der maschine
bin ich ein vogel
vor der maschine
bin ich schwach
vor der maschine
bin ich ein blutstrom
der sein soll wie stahl.

 


Elisabete Albuquerque-Wegenast (1950, Buri, Brasilien) studierte Literatur- und Sprachwissenschaften an der Universidade de São Paulo und erwarb einen Master of Arts an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und Ästhetische Praxis. Sie arbeitete in Deutschland und Brasilien im Kulturbereich und als Kulturpädagogin. So war sie etwa im Amazonasgebiet im Rahmen eines Projekts zur Einführung der Schrift in oralen Kulturen tätig. Zurzeit schreibt sie Lyrik und Essays und lebt in Berlin.

Lea Hübner ist freiberufliche Übersetzerin für Spanisch und Portugiesisch, vom Dokument überEssay, vom Ausstellungskatalog bis Lyrik. Sie studierte Lateinamerikanistik an der Freien Universität Berlin mit Schwerpunkt Brasilianistik sowie Spanisch und Philosophie. Sie lebt in Berlin und hat in den letzten Jahren insbesondere Graphic Novels ins Deutsche übertragen, zuletzt Angola Janga. Eine Geschichte von Freiheit von Marcelo D’Salete (bahoe books, 2019).
* Übersetzt von Rudolf Wittkopf, in: Octavio Paz, In mir der Baum. Gedichte. Spanisch und Deutsch, Frankfurt/M. 1990, 198f.

Illustration: Joan Farias Luan, www.cuadernoimaginario.cl

 

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

De periférico a Madrid

Yo atravesaba un puente
en la mañana de un miércoles, de un jueves.
Los puentes son pura soledad a las 5 aeme:
Su hueso cuelga helado.
Hay homicidios o churros calientes, pero no locos,
sí pervertidos o señoritas decentes.
Yo andaba por el puente cuando/ mientras/ para.
¿cómo le explico de mi pasarela por sus andamios?
Allí era sigilo. Abajo el camión a Izazaga, el fordcito rojo, la ardiente prisa.
Sabía de mí como se entera uno de las corrientes de aire. Es que uno es otro
cuando recorre un puente. Sin metáforas, sin oxígeno,
la vida repartida en peldaños miserables.
Descubierto todo: su errática existencia, su débil osamenta
y el paso y paso de todos, de cualquiera.
Yo atravesaba un puente.

 

Vom Autobahnring nach Madrid

Ich überquerte eine Brücke
an einem Mittwoch-, einem Donnerstagmorgen.
Brücken sind pure Einsamkeit um 5 Uhr früh:
Ihr Knochen hängt eisig.
Es gibt Morde oder heiße Churros, aber keine Verrückten,
wohl Perverse oder anständige Fräulein.
Ich ging über die Brücke als/ während/ damit.
Wie kann ich Ihnen meinen Weg über ihr Gerüst erklären?
Dort war vorsichtige Stille. Unten der Bus nach Izazaga, der kleine rote Ford, die brennende Eile.
Sie wusste von mir, wie man Luftströme bemerkt. Man ist halt ein anderer,
wenn man über eine Brücke läuft. Ohne Metaphern, ohne Sauerstoff,
das Leben verteilt über elende Stufen.
Alles aufgedeckt: die unstete Existenz, das schwache Gerippe
und das Vorbei und Vorüber von allen, von irgendwem.
Ich überquerte eine Brücke.

 

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

otro de estudiante de postgrado

entre tantas otras cosas
impronunciables

que nos legó
la dictadura

la desprofesionalización
del profesorado

que leo en un artículo
comillas científico

la desprofesionalización
del profesorado

cuantas veces
es preciso

decirlo en voz alta
frente a una audiencia

para darle el acento adecuado

 

noch so ein doktorand

unter den vielen
unaussprechlichen dingen

die uns die diktatur
vermachte

die entprofessionalisierung
des lehrkörpers

lese ich in einem anführungszeichen
wissenschaftlichen artikel

die entprofessionalisierung
des lehrkörpers

wie oft
ist es nötig

es lauthals vor einer zuhörerschaft
zu wiederholen

um auch wirklich den richtigen ton anzuschlagen

 

 

LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Don Marcos
hace alarde de nunca haber cruzado la frontera de forma ilegal

con documentos falsos         sí

siempre por la garita
viendo al oficial de migración a los ojos

con nombre falso                  sí

nunca por el cerro
nunca por el desierto
nunca por el río

nunca crucé de forma ilegal nunca pues siendo yo.

// Aus Omar Pimienta, El álbum de las rejas (2016)

 

Don Marcos
prahlt damit, die Grenze nie illegal überquert zu haben

mit gefälschten Dokumenten          ja

immer durch die Passkontrolle
dem Grenzbeamten in die Augen blickend

unter falschem Namen                     ja

niemals durch die Berge
niemals durch die Wüste
niemals durch den Fluss

ich bin nie illegal rüber         also niemals         als ich selbst.

 

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GELIEBTE ERDE

Die Wege meiner geliebten Heimat Kolumbiens gehend

Lernte ich deine Geheimnisse kennen, dein Innerstes

Offene Arme eines weiten Berges, der meine Nächte beschützte und mir Erholung schenkte nach den langen Tagen

Grüner Umhang wie der Schoß der alten Mutter?

Wieviele Nächte warst du Zeuge meiner Ängste, Träume, Freuden und Unruhen?

Wie viele Nächte und Tage warst du in der Schlacht, in der der Krieg ohne Milde dir, mit Bomben, Raketen und Granaten, die ruhige Stille aus deinem Inneren stahl?

Und trotzdem warst du immer diese alte Mutter, die mit offenen Armen ihre Söhne und Töchter empfing, jene, die zwischen Helecho und Palmas geboren wurden

Geliebte Erde!

Heute bitte ich um Entschuldigung, dich verletzt zu haben

Als ich voller Ignoranz deine Kinder verstümmelte und tötete, jene die du in deinem Busen behalten hast, als jene Mutter, die sich voller Hingabe um ihre Kinder kümmert: sie vor dem Perversen zu schützen, der nicht zögert, sie zu misshandeln.

Ich umarme dich heute liebevoll und spreche aus, was mir auf der Seele liegt:

Dass ich aus dir einen großen grünen Berg machen werde

Ein warmes Nest für alle

Wie der Schoß der alten Mutter