“SICH NICHT ZUM SCHWEIGEN BRINGEN LASSEN”

“La Negra” wurde ermordet! Wahrheit und Gerechtigkeit für Macarena Valdés
Illustration: Coordinadora de Justicia para Macarena Valdés, @justiciaparamacarenavaldes


Wie kam es dazu, dass du in feministischen Kontexten im Allgemeinen und speziell in der Koordinationsgruppe „Gerechtigkeit für Maca-*rena Valdés“ arbeitest?

So wie viele andere Frauen habe ich zuerst im Haus von Rubén, dem Partner von Macarena Valdés, geholfen. Das war ungefähr vor vier Jahren. Mit der Zeit wurde ich Teil der Gruppe, die Arbeiten im Haus und die Betreuung der Kinder übernimmt. Auch das war für mich schon Teil des Kampfes für die Gerechtigkeit für Maracena, seitdem gehöre ich zur Koordinationsgruppe.

Welche Bedeutung hatte diese gegenseitige Unterstützung in einer schwierigen Zeit?
Wir in der Gemeinde sind glücklich, dass Macarenas Familie so viel Unterstützung bekommen hat. Die größte Sorge in der Gemeinde war, dass Rubén und die Kinder allein dastehen würden. Ich persönlich glaube, dass die Kinder am wichtigsten sind, Macarenas Söhne. Mit der Zeit habe ich eine Art Mutterrolle für sie eingenommen, sie aufgezogen und mich um sie gekümmert. Es fühlt sich so an, als wären sie meine Kinder. Ich bin Teil ihres Kampfes geworden, aber auch Teil ihres Schmerzes. Ich habe ihnen dabei geholfen, nach und nach zu heilen. Ich denke, das war das Wichtigste nach Macarenas Tod: ihren Kindern bei der Heilung zu helfen. Auch in der Gemeinde waren viele sehr verletzt nach Macarenas Tod.

Woran arbeitet eure Gruppe aktuell?
Die Koordinationsgruppe versucht, dem Fall mehr Aufmerksamkeit zu geben. Dieses Jahr haben wir zum vierten Todestag von Macarena viele virtuelle Aktionen gestartet. Generell verbreiten wir das ganze Jahr über Illustrationen und die Arbeiten unserer Unterstützer*innen.

Hat die Pandemie eure Arbeit verändert?
Kaum. Aber die Krise hat uns dahingehend getroffen, dass wir uns nicht mehr ins Gesicht schauen können. Eine virtuelle Unterhaltung ist nicht das Gleiche, es fehlt die Wärme. Und das, was wir sagen, fühlt sich durch so einen digitalen Apparat manchmal sehr kalt an.

Was bedeutet der Tod von Macarena Valdés im Zusammenhang mit der Gewalt gegen Frauen in der Region?
Für uns in der Gemeinde ist es sehr deutlich, dass ihr Tod eine Warnung war. Die Warnung, dass uns das gleiche passieren kann, wenn wir weiterhin unsere Stimme erheben. Sie wollten Angst stiften, haben aber nicht gemerkt, dass Macarena bereits einen Samen des Widerstands in jeder Frau gesät hatte. Auch wenn sie sie getötet haben, so erblüht er jetzt in jeder von uns. Für Macarenas Familie und ihre Freundinnen war es ein großes Leid, aber aus der Wut heraus konnten sie Kräfte sammeln, um für sie zu kämpfen. Für sie und gegen die Straflosigkeit.

Das heißt, Macarenas Tod hat euch Frauen keine Angst gemacht?
Nein, im Gegenteil! Die Frauen in der Gemeinde sammelten daraus noch mehr Kraft, um zu demonstrieren und für ihre Rechte einzustehen. Sie wollen sich angesichts all dieser Ungerechtigkeiten nicht zum Schweigen bringen lassen.

Macarena war Frau, Mapuche und Umweltaktivistin. Wie ist das miteinander verbunden?
Bei den Mapuche ist die Frau diejenige, die am stärksten mit der Erde verbunden ist. Deswegen verstehe ich sehr gut, dass Macarena ihre natürliche Umgebung und den Fluss als gleichwertiges Wesen verteidigen wollte. Sie war Mapuche, aber eben auch Frau und Mutter. Deswegen hat sie für eine bessere Zukunft für ihre Kinder und Enkel gekämpft. Zu ihrer Vorstellung von dieser Zukunft gehörten keine Wasserkraftwerke. Macarena wollte nicht, dass die Erde als ökonomisches Gut ausgebeutet wird.

Welche Formen von Gewalt erleben Frauen in deiner Umgebung?
Die Mapuche erleben von Kindesbeinen an Gewalt: Rassismus, Diskriminierung, die Vertreibung vom eigenen Land, die Polizeigewalt. Der chilenische Staat deckt all das. Und das erleben Frauen, Kinder und Männer – alle gleich.

Wie wehrt ihr euch gegen diese Gewalt?
Wir Frauen kümmern uns gegenseitig um uns und unterstützen Frauen, die Gewalt erfahren haben. Gleichzeitig versuchen wir, Selbstverteidigungskurse zu organisieren. Wenn es nötig ist, habe ich zumindest irgendeine Art von Waffe dabei, um mich zu verteidigen. Ich laufe immer mit einem Messer herum, es ist mein Schutz. Ich musste es aber noch nie benutzen.

Welche Art von Selbstverteidigung lernt ihr?
Wir haben ein paar Mal zusammen mit anderen Frauen die Mapuche-Kampfsportart kollellaullin geübt. Auch Macarenas Söhne trainieren darin.

Gibt es in der Gemeinde eigene Wege, um mit Fällen von Gewalt gegen Frauen umzugehen?
Als Macarena noch lebte, fanden in ihrem Haus Kurse für Menschen aus der Gemeinde statt, die die Schule nicht abgeschlossen hatten. Viele brauchten den Abschluss jedoch für die Arbeit, um den Führerschein zu machen oder für andere Angelegenheiten. Wenn Macarena in diesem Zusammenhang davon mitbekam, dass manche Männer ihren Frauen und der Beziehung nicht die angemessene Bedeutung zukommen ließen, gingen sie das Thema aus der Perspektive der Kosmovision der Mapuche an. Dabei waren sie immer darum bemüht, die Identität und Integrität der Frau zu bewahren.

Was kritisiert ihr an der juristischen Aufarbeitung des Falles von Macarena Valdés?
Bis jetzt hat die chilenische Justiz nichts, aber auch gar nichts unternommen. Sie hat nicht einmal ein Blatt Papier bewegt. Im Gegenteil: Sie wollten die Untersuchungen abschließen, schon drei Mal sind die Berichte der Autopsie verloren gegangen. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, uns zu widersprechen, obwohl internationale Gutachten zeigen, dass Macarena umgebracht wurde.

Was fordert oder erwartet ihr von den chilenischen Gerichten und der Polizei?
Wir fordern, dass es Gerechtigkeit gibt und dass die Mörder von Macarena gefunden und für ihr brutales Verbrechen bestraft werden. Und natürlich hoffen wir, dass unser Kampf dazu führt, dass sich so etwas nicht wiederholt. Eigentlich fordern wir ja nur, dass der chilenische Staat und seine juristischen Institutionen ihre Arbeit machen – schließlich werden sie dafür bezahlt.

 

ZUFÄLLIGER TOD EINES AKTIVISTEN

Hunderte Menschen verabschiedeten sich in Quintero vom Aktivisten Alejandro Castro (Foto: Frente Fotográfico)

 

„Ein Anarchist, der verhört wurde, fiel durch ein Fenster. Während meine Kollegen ziemlich vernünftig behaupten, dass der Anarchist Selbstmord begangen hatte, war das Urteil des Gerichts, dass der Tod des Anarchisten ein Unfall war.“ So der ermittelnde Polizeikommissar in der weltberühmten Groteske von Dario Fo „Zufälliger Tod eines Anarchisten“, das auf der wahren Geschichte des Todes des Anarchisten Guiseppe Pinelli basiert. Die Realität für Aktivist*innen in Chile ist mindestens genauso bitter, wie das Theaterstück grotesk ist. Aktivist*innen werden bedroht, zusammengeschlagen, sterben in scheinbaren Unfällen oder bringen sich um. Ermittlungen verlaufen im Sande, Verantwortliche werden selten ausfindig gemacht.
Für das Jahr 2017 hatte die internationale Nichtregierungsorganisation Global Witness in ihrem Bericht „At what cost“ (Zu welchen Kosten) mehr als 120 ermordete Aktivist*innen in Lateinamerika gemeldet, die Zahlen für 2018 sind noch nicht bekannt. Besonders in Kolumbien, Mexiko und Brasilien ist der Einsatz für die Umwelt oft tödlich, nicht zuletzt wegen einer entgrenzten staatlichen Gewalt, ausgeübt von Paramilitärs und Milizen. Diese morden öffentlich und offensichtlich; der Terror gegen die Aktivist*innen soll einschüchtern und tut das auch.

Nicht nur Macarena Valdés ist unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen

In Chile hingegen, wo die Sicherheitslage stabiler ist und staatliche Gewalt in Uniform daherkommt, sterben Umweltaktivist*innen einen stillen Tod. Ihr Ableben wird nur zu gerne als Suizid kategorisiert, wohl am offensichtlichsten im Fall der jungen Mapuche und Umweltaktivistin Macarena Valdés (s. LN 526) Am 22. August 2016 fand ihr damals elfjähriger Sohn seine Mutter erhängt in ihrem Haus in Tranguil in der Nähe der Kleinstadt Pangipulli im Süden Chiles auf. Sie muss gestorben sein, während ihr anderer – zum damaligen Zeitpunkt eineinhalbjähriger – Sohn im Haus war. Nur einen Tag zuvor waren sie und ihr Ehemann Rubén Collío von Unbekannten wegen ihres Einsatzes gegen ein Wasserkraftwerk bedroht worden. Das Projekt wird von der österreichischen Firma RP Global und der chilenischen Firma Saesa vorangetrieben. Das Kleinwasserkraftwerk, das mittlerweile in Betrieb ist, verspricht Energiesicherheit und Jobs im armen Süden Chiles. „Am 21. haben sie dem Eigentümer des Grundstücks, auf dem wir wohnen, gedroht. Wenn er uns nicht rauswerfen würde, würde uns etwas sehr Schlimmes passieren, weil es Leute gebe, die uns Schaden zufügen wollten. Am nächsten Tag fand man Macarena erhängt in unserem Haus auf, ohne Erklärung”, so Collío in einem Interview mit Radio UChile.
Trotz der Morddrohungen gegen Valdés ist sich die Staatsanwaltschaft bis heute sicher, dass sie Suizid begangen hat. Und das obwohl es mittlerweile ein forensisches Gutachten gibt, das besagt, dass Valdés zum Zeitpunkt, an dem sie aufgehängt wurde, bereits tot war. RP Global bestreitet jedwede Verbindung zum Tod von Valdés.

(Foto: Frente Fotográfico)

Valdés ist nicht die einzige Aktivist*in, die unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen ist. Die Gemeinden Quintero, Ventanas und Puchuncaví, rund 50 Kilometer nördlich der Küstenmetropole Valparaíso gelegen, sind in Chile zum Symbol für eine fehlgeleitete Industriepolitik geworden. 1961 wurde der Industriepark Ventanas eingerichtet, er ist eine der sogenannten zonas de sacrificio, der geopferten Zonen, in denen dem industriellen Fortschritt alles, das Meer, die Luft und auch die Gesundheit und das Leben von Menschen untergeordnet, sprich „geopfert“ wird. Mittlerweile gibt es 14 Fabriken und Kraftwerke in der Region, die Wohlstand versprechen, aber Gift und Galle liefern.
Ein trauriger Höhepunkt dieser permanenten Umweltkatastrophe fand im August 2018 statt. Eine Giftwolke zog durch Quintero, die dazu führte, dass mindestens 301 Personen, darunter 53 Schüler*innen, mit Vergiftungserscheinungen behandelt werden mussten. Die lokale Bevölkerung reagierte mit Protest, es gab Straßenblockaden und Schulbesetzungen, die mit Wasser­werfereinsätzen und Tränengas beantwortet wurden. Schließlich wurde auch noch das Militär entsandt, das mit Gummigeschossen auf Demonstrant*innen schoss.
Einer derjenigen, der die Proteste mitorganisierte, war der junge Gewerkschafter Alejandro Castro (27) von der Kleinfischergewerkschaft Sindicato S24. Am 24. September wurde er erhängt neben der U-Bahn in Valparaíso aufgefunden. Die Geschichten gleichen sich. „Ich habe Zweifel, genau wie seine ganze Familie, und das sind berechtigte Zweifel, denn es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass Alejandro sie durchlebt hat. Er wurde von Carabineros der siebten Polizeistation in Santiago bedroht. Sie haben unsere Leute angegriffen. Er war mein Freund, er ist mein Freund, er hatte einen Sohn, er war ein engagierter Mann, mit viel Disziplin, Loyalität, er war ein Verteidiger der Umwelt wie kein anderer.“ erklärte Carolina Orellana Sepúlveda, eine Freundin von Castro der Tageszeitung La Tercera.
Mehrere Quellen bestätigten, dass Castro bedroht wurde. Bei einer Demonstration hat ein unbekannter Polizist ihm zugerufen: „Alejandro Csatro, wir haben dich auf dem Zettel!“ Für die ermittelnden Behörden war dennoch schnell klar, dass sich Castro das Leben genommen hat und dass keinerlei Dritte an seinem Tod beteiligt waren. Auch wenn selbst die Kriminalpolizei davon ausgeht, dass Castro wiederholt bedroht wurde. Wieder ein Aktivist, der in der Öffentlichkeit erhängt aufgefunden wurde, nachdem er bedroht wurde. Anders als im Fall von Macarena Valdés ermittelt im Fall von Castro ein Sonderstaatsanwalt, die Ergebnisse seiner Ermittlungen stehen allerdings noch aus.
Am 31. Januar 2019 wurde der 47-jährige Marcelo Vega Cortés in der Mündung des Lingue-Flusses tot aufgefunden. Sein Pick-up-Truck war halb versenkt. Vega war Präsident der Vereinigung der indigenen Gemeinschaften von Chan Chan und ein historischer Gegner der Installation einer Pipeline der Firma Celulosa Arauco – CELCO zur Deponierung von Abfällen im Meer von Mehuín.
Eliab Viguera, Sprecherin des Komitees zur Verteidigung des Meeres von Mehuín, wies darauf hin, dass die Bedingungen, unter denen das von Vega besetzte Fahrzeug gefunden wurde, „eine äußerst gründliche Untersuchung verdienen, da der LKW halb untergetaucht war, eine Situation, die es Marcelo ermöglicht hätte, aus dem Fahrzeug auszusteigen und sich zu retten, vor allem, da es sich um eine Person mit Kenntnissen im Tauchen handelt”. Es ist gut möglich, dass es sich beim Tod von Vega um einen einfachen Autounfall handelt. Zweifel bleiben aber trotzdem bestehen – gerade auch, weil Gewalt gegen Aktivist*innen in Chile alltäglich ist. Zuletzt wurde am 22. April bekannt, dass Manuel Montenegro von der Gewerkschaft Sinamoc brutal zusammengeschlagen wurde. Sinamoc befindet sich im Arbeitskampf mit der Firma Acciones, die in Talca ein neues Gefängnis baut. Im Arbeitskampf geht es darum, dass Acciones fünf Arbeiter, die sich in Verhandlung mit der Firma befanden, entlassen hat. Montenegro wurde in einem Internetcafé mit Knüppeln verprügelt. Nach Angaben des Onlinemagazins El porteño riefen die Angreifer, bevor sie flüchteten: „Wenn du nicht abhaust und aufhörst die Firma zu nerven, wirst du das teuer bezahlen. Und wenn du nicht die Forderungen zurückziehst, bringen wir deine Familie um.“
Rodrigo Mundaca, von der Organisation Modatima, die sich in Petorca, wo Avocado-Plantagen ganze Landstriche austrocknen, für Umweltschutz einsetzt, hält diese vielen zufälligen Todesfälle für unwahrscheinlich. Mundaca selbst wurde wegen seinem Einsatz für das Wasser in Petorca mit Mord gedroht, genau wie seine Partnerin. „All dies führte zu einem Wiederaufleben von Drohungen und Folgemaßnahmen, so dass der Staatsanwalt der Region Valparaíso, Pablo Gómez, im Juli 2018 Schutzmaßnahmen für mich und unsere Kollegin Verónica Vilches erließ”, so Mundaca in der Onlinezeitschrift El soberano. Dort ergänzt er auch: „Mehrere Genossen haben davon berichtet, dass versucht wurde, sie zu überfahren, sie bei der Arbeit zu verfolgen … Es ist offensichtlich. In Chile müssen wir anfangen, uns anzusehen, was mit den sozialen Kämpfern passiert.“ Kleinkriegen lassen will er sich, wie viele andere Aktivist*innen auch, trotz der Gewalt nicht, trotz der Drohungen, trotz der vielen zufälligen Todesfälle: „Wir werden aber deswegen nicht aufhören zu kämpfen und Probleme sichtbar zu machen.“

KEIN SELBSTMORD

Rúben Collío Der Ehemann der toten Umweltaktivistin will weiter für die Aufklärung des Falls kämpfen (Foto: David Rojas Kienzle)

 

Rubén Collío sitzt an seinem Verkaufsstand in Panguipulli, einer Kleinstadt in den Ausläufern der Anden in der Región de los Ríos. Der freundliche Mann, der mit allen Kund*innen scherzt und schnackt, verkauft hier auf einem Markt selbst hergestellten Schmuck an Freund*innen, Dorfbewohner*innen und Tourist*innen. Collío ist Witwer, seine Frau Macarena Valdés – von Freund*innen La Negra genannt – wurde 2016 tot aufgefunden, scheinbar erhängt in ihrem eigenen Haus in Tranguil.

Das Dorf ist nur schwer als solches zu bezeichnen, eher handelt es sich um eine Schotterpiste, die von der Straße zwischen Coñaripe und Liquiñe abgeht und an der Häuser aufgereiht sind. Mehr Provinz geht kaum. Collío ist studierter Umweltingenieur, Mapuche und 2013 aus Santiago nach Tranguil gezogen, „um aus der Stadt rauszukommen“, wie er sagt.

Panguipulli ist eine Touristenhochburg. Jeden Sommer strömen tausende Chilen*innen in die Kleinstadt und die Dörfer der Gegend, um die Seen- und Berglandschaft zu genießen und der drückenden Hitze Santiagos und der anderen weiter nördlich gelegenen Städte zumindest zeitweise zu entkommen. Die Kommune ist arm, die Ärmste in der Regíon de los Ríos. Seitdem die Ausbeutung der ursprünglichen Wälder nicht mehr funktioniert, weil diese fast vollständig kahlgeschlagen wurden, ist jedes Mittel, das ökonomischen Aufschwung verspricht, recht. Die Generierung von Elektrizität ist ein solches Mittel. Allein im Gebiet der Kommune Panguipulli gibt es nach Angaben des Netzwerks der Umweltorganisationen von Panguipulli acht Wasserkraftprojekte, dazu seien mehr als 300 Wasserkonzessionen an private Akteur*innen vergeben worden.

Am 22. August 2016 fand ihr damals elfjähriger Sohn Macarena Valdés erhängt in ihrem Haus auf.

Macarena Valdés und Rubén Collío waren aktiv gegen eines dieser Wasserkraftprojekte, ein Minilaufwasserkraftwerk, das vom österreichischen Unternehmen RP Global und der chilenischen Firma Saesa geplant und gebaut wurde. Mit ihrem Protest begannen auch die Probleme für die Familie mit vier Kindern. Die Gemeinde ist gespalten in Befürworter*innen des Projekts und Gegner*innen. Das Wasserkraftwerk verspricht Jobs und Geld, beides rar in Tranguil, besonders im Winter.

Am 22. August 2016 fand ihr damals elfjähriger Sohn Macarena Valdés erhängt in ihrem Haus auf. Sie muss gestorben sein, während ihr anderer – zum damaligen Zeitpunkt eineinhalbjähriger – Sohn im Haus war. Nur einen Tag zuvor waren sie und Collío von Unbekannten wegen ihres Einsatzes gegen das Wasserkraftwerk bedroht worden. „Am 21. haben sie dem Eigentümer des Grundstücks, auf dem wir wohnen, gedroht. Wenn er uns nicht rauswerfen würde, würde uns etwas sehr Schlimmes passieren, weil es Leute gebe, die uns Schaden zufügen wollten. Am nächsten Tag fand man Macarena erhängt in unserem Haus auf, ohne Erklärung”, so Collío in einem Interview mit dem Radio UChile.

Was danach passierte, ist eine Geschichte von Schikane, Repression und offensichtlichem Unwillen der Justiz, dem Verdacht der Ermordung von Macarena Valdés nachzugehen. Denn die Staatsanwaltschaft in Panguipulli, die die Ermittlungen übernahm, legte sich schnell auf die These fest, dass Valdés Suizid begangen habe. Obwohl es aus ihrem Umfeld keinerlei Anzeichen gab, dass sie depressiv, gar suizidal gewesen sei, und trotz der bekannten Drohungen gegenüber ihrer Familie.

Und nicht nur das: Nach Valdés’ Tod wurde gegen ihren Mann Rubén Collío ermittelt, weil er angeblich dazu aufgerufen habe, Lastwagen anzuzünden. In Chile, wo die Berichterstattung über die Auseinandersetzungen zwischen Mapuche, Großgrundbesitzer*innen und Staat sich vor allem auf direkte Aktionen militanter Mapuche konzentriert, ist das ein schwerwiegender Vorwurf. „Das war eine Lüge. Im September 2016, kurz nachdem La Negra umgebracht wurde, haben sie angefangen, gegen mich zu ermitteln. Und warum? Damit sie eine Begründung dafür hatten, im Oktober mit Gewalt die Hochspannungsleitungen zu installieren. Weil es ja einen Terroristen gab, eine Bedrohung. Es kamen dann 60 Polizisten mit Helmen, mit Schutzschildern, acht Streifenwagen und einem gepanzerten Fahrzeug, das sich neben meiner Haustür positioniert hat. Das alles um mich und meine vier Söhne zu kontrollieren.“ Nach Angaben von Collío war die ganze Aktion zu allem Überfluss noch illegal. „Die Staatsanwaltschaft hatte keine Ahnung, dass das passiert. Und sie hatten nicht mal die Erlaubnis, die Kabel zu installieren. Das ist die Art und Weise, wie die Carabineros in den Bergen agieren.“

Die Justiz hat von sich aus keinerlei Anstrengungen unternommen, die Hintergründe aufzuklären.

Collío und andere Anwohner*innen beklagen zudem, dass die Bedrohungen auch nach dem Tod von Macarena Valdés nicht aufgehört haben. Es gab anonyme Anrufe, in denen gedroht wurde, dass man mit ihnen das Gleiche machen würde wie mit Macarena Valdés. Auch das weitere Verhalten der Polizei wirft Fragen auf. „Carabineros haben Leute besucht und ihnen sehr freundlich und nett empfohlen, sich nicht mehr mit mir zu treffen, weil meine Frau ja umgebracht worden sei. ‚Passen Sie auf. Nicht, dass Ihnen das Gleiche passiert‘“, berichtet Collío. Was als freundlicher Hinweis interpretiert werden kann, könnte genauso ein Einschüchterungsversuch gewesen sein.

Die Justiz, vor allem die Staatsanwaltschaft Panguipulli, hat von sich aus keinerlei Anstrengungen unternommen, die Hintergründe von Valdés’ Tod aufzuklären. In einer ersten Autopsie des rechtsmedizinischen Dienstes des Justizministeriums (SML) in Valdivia wurde festgestellt, dass die Todesursache „Erstickung durch Erhängen“ gewesen sei und, dass es keine Anzeichen auf Einwirkung Dritter gegeben habe. Deswegen versuchte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen bereits früh einzustellen.

Collío und seine Unterstützer*innen glaubten derweil nie an die Selbstmordthese. Sie beauftragten eine weitere vom SML aus Valdivia unabhängige Autopsie. Beauftragt wurde Luís Ravanal, der bereits in anderen symbolträchtigen Fällen gerichtsmedizinische Untersuchungen vorgenommen hatte. Unter anderem erwirkte er 2008 mit einem Buch die erneute Autopsie Salvador Allendes, um endgültig festzustellen, wie dieser umgekommen war. Am 25. September 2017 – also über ein Jahr nach Valdés’ Tod – wurde ihre Leiche exhumiert, um sie einer zweiten Autopsie zu unterziehen.

Die Ergebnisse waren schockierend, aber wenig überraschend. Anfang Februar 2018 kam Ravanal zu dem Schluss, dass sich Valdés nicht umgebracht haben konnte. „Es gab keine Anzeichen, die darauf hindeuten, dass sie am Leben war, als sie erhängt wurde. Der Hals – also beim Erhängen der wichtigste Bereich – wird beim lebendigen Erhängen verletzt. Unter solchen Umständen gibt es immer Merkmale: Hinweise auf Blutungen, Verletzungen im Gewebe, in den Organen. Diese Anzeichen fehlen hingegen, wenn ein Erhängen simuliert werden soll“, so Luis Ravanal gegenüber Diario UChile.

“Es gab keine Anzeichen, die darauf hindeuten, dass sie am Leben war, als sie erhängt wurde.”


Die Untersuchung wirft ein schlechtes Licht auf den Gerichtsmediziner Enrique Rocco aus Valdivia, dessen Autopsieergebnisse nach Angaben von Radio Villa Francia bereits in zwei umstrittenen Fällen – einmal ein Gewerkschafter, einmal ein erhängter Gefangener – angezweifelt wurden.

Die Staatsanwaltschaft wollte das Verfahren trotz alledem einstellen. „Beim ersten Mal kann man das ja noch verstehen. Als wir im August das Zweitgutachten beantragten, hatte die Staatsanwaltschaft die Akte aber schon geschlossen, wobei sie doch zwei Jahre zum Ermitteln haben. Sie haben nichts gemacht, keine Verhöre, nichts“, so Collío. „Mit der zweiten Autopsie haben wir belegt, dass Macarena aufgehängt wurde, nachdem sie gestorben war. Aber anstatt in einem Mordverdacht zu ermitteln, zweifeln sie weiter unsere Informationen an.“

Nun fordert die Staatsanwaltschaft zwei zusätzliche Gutachten, die allerdings genauso unabhängig finanziert werden sollen. Vier Millionen Pesos (mehr als 5.000 Euro) müssen Collío und seine Unterstützer*innen aufbringen, damit diese Untersuchungen durchgeführt werden können.
Die Staatsanwaltschaft wiederum hat weitere Anstrengungen unternommen, ihre Selbstmordthese zu stützen. So sollen nach Aussagen von Collío weitere Angaben zu Valdés’ Charakter gemacht werden. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass die Angehörigen mürbe gemacht werden sollen, damit es still um den möglichen Mord an Valdés wird.

Deswegen fordern Collío und Menschenrechtsorganisationen, dass die nationale Staatsanwaltschaft, vergleichbar mit der deutschen Bundesanwaltschaft, sich des Falles annimmt. Collío hatte sich im Februar mit dieser getroffen, bis dato gab es allerdings keine Anzeichen dafür, dass diese der Forderung nachkommt. Vermutlich hat dies auch mit dem Regierungswechsel zu tun. Die vergangene Regierung um Ex-Präsidentin Michelle Bachelet hatte noch ein lateinamerikanisches Abkommen zum Schutz von Umweltaktivist*innen vorangetrieben. Dass die neue Regierung dieses ratifiziert, ist unwahrscheinlich. Präsident Sebastián Piñera hat immer wieder sowohl in seinen Handlungen als auch in seinen Aussagen verdeutlicht, dass er fest auf der Seite von Unternehmen und deren Interessen steht.

In Panguipulli käme das Abkommen sowieso zu spät. Macarena Valdés ist tot und es scheint, dass die genauen Umstände ihres Todes nur aufgeklärt werden können, wenn die sozialen Bewegungen weiter Druck machen. Das Wasser­kraftwerk ist mittlerweile fertig gebaut. Strom lieferte es bis März allerdings nicht.