Linker Lichtblick in Lateinamerika

Kandidat des Pacto Histórico Iván Cepeda beim kolumbianischen Treffen in Madrid am 7. Januar 2026 ( Foto: Diana Sepúlveda)

Kolumbien hob sich in letzter Zeit immer wieder von der voranschreitenden Faschisierung der Gesellschaft (nicht nur) in Lateinamerika ab und stellte sich wiederholt der Einflussnahme von US-Präsident Trump auf die Region entgegen. Anfang des Jahres, nach dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Venezuela und der Entführung des venezolanischen Präsidenten und seiner Frau durch US-Streitkräfte, verurteilte Kolumbiens Präsident Petro dies scharf. Obwohl den anfänglichen Spannungen zwischen den USA und Kolumbien versöhnlichere Töne folgten, ist Gustavo Petro einer der wenigen Staatsoberhäupter, die Trump diskursiv Einhalt gebieten und ihm widersprechen.

Ein Lichtblick in der aktuellen politischen Landschaft. Auch deshalb sind die Hoffnungen auf den Wahlsieg des linken Präsidentschaftskandidaten Iván Cepeda groß, um die progressive Politik der letzten Jahre fortzuführen. Am 8. März fanden in Kolumbien Parlamentswahlen sowie Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl statt. Über 20 Millionen Kolumbianer*innen nahmen daran teil, mehr als bei den Parlamentswahlen 2022. Die eindeutige Gewinnerin ist das linke Regierungsbündnis Pacto Histórico. Damit stellt eine linke Partei erstmals in der Geschichte des Landes die stärkste Fraktion im Parlament. Allerdings verfügt keine der Parteien über die Mehrheit im Senat, die für die Regierungsfähigkeit notwendig ist. Daher werden auch in dieser Legislaturperiode wieder Allianzen und Koalitionen mit den traditionellen Parteien notwendig sein.

In den Umfragen zur Präsidentschaftswahl am 31.Mai liegt der linke Kandidat Iván Cepeda klar vorne. Der nationale Wahlrat, die oberste Wahlbehörde Kolumbiens, hatte Cepeda kurzfristig aus den Mitte-links Vorwahlen ausgeschlossen. Dies führte zu heftiger Kritik linker Organisationen, die daraufhin als Zeichen der Unterstützung einzelner Kandidat*innen die Vorwahl boykottierten. Lediglich 595.000 Personen nahmen daraufhin an diesen Vorwahlen teil, aus denen Roy Barreras mit 257.000 Wahlstimmen als Sieger hervorging. Cepeda geht nun direkt als Kandidat in den ersten Wahlgang, muss dort aber auch gegen Barreras antreten. Die Folge ist eine Schwächung des linken Lagers im ersten Wahlgang.

Linker Kandidat Cepeda führt in den Umfragen

Aber auch die Rechte erlangte am 8. März wichtige Wahlsiege. Die Partei Centro Democrático ist nach dem Pacto Histórico die zweitstärkste Kraft im Parlament. Zeitgleich fanden auch die Vorwahlen der Rechten statt. Daran nahmen viele gemäßigte bis extrem rechte Kandidat*innen teil, darunter Paloma Valencia vom Centro Democrático, die politische Favoritin von Ex-Präsident Álvaro Uribe, die über drei Millionen Stimmen bekam. Sie geht als Frontfrau der Rechten in die erste Wahlrunde.

Ihr folgte in den Vorwahlen auf Platz zwei der Mitte-rechts Kandidat Juan Daniel Oviedo. Oviedo punktete mit seinen vermeintlich gemäßigten Positionen aus der „Mitte der Gesellschaft“. In Fernsehdebatten zwischen den verschiedenen Präkandidat*innen vertrat er gemäßigtere Positionen als seine Kontrahent*innen. So beschrieb er etwa als Einziger Israels Vorgehen in Gaza als Genozid und erkannte „gewisse Errungenschaften der Petro-Regierung“ an. Dennoch wurde er vielfach für seine Teilnahme an der Vorwahl der Rechten kritisiert, behauptet er doch von sich selbst, ein Teil der Mitte zu sein. Oviedo erlebte in der letzten Woche vor den Wahlen einen großen Aufschwung, nachdem er von Abelardo de la Espriella, Kandidat der extremen Rechten, öffentlich homophob beleidigt wurde. Nun tritt Oviedo als Vizepräsidentschaftskandidat von Valencia an. Das Duo inszeniert sich als progressive Rechte und Vertretung der politischen Mitte. „Ein Witz“, nannte das Kandidat Cepeda in einem Interview mit dem Journalisten Daniel Coronell: „Dass Paloma Valencia von einem Tag auf den anderen Teil der Mitte geworden sein soll, ist ein politischer Betrug. Sie steht für Álvaro Uribe“.

Im Interview mit der Journalistin Maria Jimena Duzán sagte Juan Daniel Oviedo, er wolle „die Unterschiede in eine Strategie umwandeln“. Und die Unterschiede stechen ins Auge: Oviedo ist schwul, Valencia greift seit Jahren die vermeintliche „Genderideologie“ an. Auch in Bezug auf andere Themen, wie die Umsetzung des Friedensabkommens von 2016, Reformen der Sonderjustiz für den Frieden, die Legalisierung von Marihuana, gleichgeschlechtliche Ehe und Adoption, sind sie gespalten. Dabei stilisiert sich Oviedo progressiver, als er tatsächlich ist. Seit Jahren arbeitet er mit verschiedenen rechten Regierungen des Landes zusammen. Auch ist fraglich, inwiefern er seine Ansichten im Fall einer Regierungsbildung überhaupt durchsetzen könnte.

Deutlich wird, dass die Rechte eine zweigleisige Strategie fährt: Auf der einen Seite versucht sie den rhetorischen und bisher erfolgreichen Spagat, die rechte Paloma Valencia als gemäßigte Kandidatin zu inszenieren, um so die Stimmen des weniger konservativen Teils des Mitte-rechts Lagers für sich zu gewinnen. Zumindest einige rechte Gruppen wird sie dadurch aber nicht erreichen: Kolumbien ist weiterhin ein sehr religiös-konservatives und machistisches Land, und es ist fraglich, ob die rechte Wähler*innenschaft eine Frau als Präsidentin und einen schwulen Mann als Vizepräsidenten wählen würde. Für diesen Fall steht auf der anderen Seite der Anwalt Abelardo de la Espriella bereit. Dieser äußerte 2025 in einem Radiointerview, er würde im Fall seines Wahlsiegs „die Linke ausweiden“. In den letzten Monaten stand der offen rechtsextreme Kandidat in Umfragen stabil an zweiter Stelle hinter Cepeda. Nach Valencias vorübergehendem Aufschwung in den letzten Wochen kämpfen de la Espriella und Valencia nun um Platz zwei in den Umfragen. Dies wird die Rechte voraussichtlich im ersten Wahlgang spalten. Dennoch: Iván Cepeda muss nun gegen zwei starke (extrem) rechte Kandidat*innen antreten. „Wir werden im ersten Wahlgang siegen!“ ist deshalb der viel beschworene Wahlkampfaufruf von Cepeda – wenig realistisch, doch notwendig, denn im zweiten Wahlgang wird das rechte Lager geschlossen hinter einer Kandidatur stehen. Dies würde dann einen linken Wahlsieg erheblich erschweren.

Rechtes Lager gespalten, aber weiterhin stark

Dennoch steht fest: Die Rechte im Land ist besorgt. Der kontinuierliche Aufstieg der Linken seit der Wahl von Gustavo Petro im Jahr 2022 zeugt von einem gesellschaftlichen Wandel. Diese Sorgen der Rechten erkennt man an den Schmierkampagnen gegen Cepeda. Er wird von Valencia und dem Centro Democrático als Guerillero dargestellt, als „Architekt des gescheiterten totalen Friedens“, als Kommunist – eine Bezeichnung, die historisch in Kolumbien einem Todesurteil gleichkommt. Tatsächlich kommt Cepeda aus einer kommunistischen Tradition. Seine Mutter Yira Castro gehörte der kommunistischen Partei an, und sein Vater Manuel Cepeda war Senator der linken Partei Unión Patriótica und wurde 1994 im Rahmen der Ausrottung der Partei von Seiten des Paramilitarismus ermordet. Seitdem kämpft Iván Cepeda für Frieden, Gerechtigkeit und für die Opfer des Konflikts. Er ist Mitgründer des MOVICE, der Bewegung für Opfer von Staatsverbrechen. In seiner langjährigen Laufbahn als Senator hat er stets Menschenrechtsverbrechen und den Paramilitarismus angeprangert – sowie die Verstrickungen Álvaro Uribes mit Paramilitärs. Cepeda macht aus seiner linken Gesinnung keinen Hehl, spart aber auch nicht an Kritik an den Verbrechen der ehemaligen FARC-Guerilla.

Im Interview mit dem Journalisten Daniel Coronell sagte er kürzlich, er arbeite seit Jahren „dezidiert für den Frieden“, und das sei „ein Recht und eine Pflicht, aber keine kriminelle Handlung, wie Álvaro Uribe und seine Kandidat*innen es darstellen“. Auch prangerte er die Doppelmoral der Rechten an: „Die extreme Rechte wirft uns vor, das venezolanische, kubanische oder nicaraguanische Modell in Kolumbien einführen zu wollen“. Dabei seien es „die Sprecher*innen der extremen Rechten, die ins Ausland reisen und in Washington oder Miami versuchen, ausländische Einflüsse in unseren Wahlkampf einzubringen. Sie sind es, die eine ausländische Intervention anstreben“, präzisiert Cepeda. Die Vizepräsidentschaftskandidatin von Iván Cepeda ist die indigene Politikerin Aída Quilcué. Quilcué ist Teil des Nasa-Volkes und führt den Vorsitz im Regionalen Indigenenrat des Cauca (CRIC). Sie ist eine der bekanntesten Indigenen Führungspersönlichkeiten des Landes. Ihre Kandidatur steht, so Cepeda, für „das Beste aus Traditionen, Widerstand, sozialem Kampf und dem Aufbau eines gerechten und demokratischen Landes“. Mit ihrer Nominierung setzt Cepeda ein wichtiges Signal und würdigt den jahrhundertelangen Kampf Indigener Bewegungen in Kolumbien. Im Fall eines Wahlsiegs wäre Quilcué die erste Indigene Vizepräsidentin des Landes.

Die Senatorinnen Quilcué und Valencia kommen beide aus der Region Cauca, könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Valencia kommt aus einer aristokratischen weißen Familie von Großgrundbesitzern aus Popayán. 2015 äußerte sie den rassistischen Vorschlag, den Bundesstaat Cauca wegen „ethnischer Konflikte“ in zwei zu teilen: ein Indigenes Gebiet und ein Gebiet für die mestizische Bevölkerung. Auch danach äußerte sie sich immer wieder in rassistischer Manier über die Indigenen des Cauca und ihre Kämpfe um den Schutz ihrer Territorien. 2025 schlug sie vor, den Indigenen Reservaten, deren Mitglieder sich an Straßenblockaden beteiligen, die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln sowie staatliche Transferzahlungen zu entziehen. Auch die Indigenen Völker seien Teil Kolumbiens, konterte Quilcué Mitte März in einer Plenarsitzung des Senats. Valencia solle die Indigenen nicht für den Wahlkampf instrumentalisieren und dürfe nicht „die jahrtausendealte Präsenz unserer Indigenen Völker in Frage stellen. Historisch von der Rechten regiert und mit den USA alliiert, könnte Kolumbien nun auch in den kommenden vier Jahren für eine starke linke Bewegung in Lateinamerika stehen.


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// ENTEIGNEN INSPIRIERT

„Die Ergebnisse in Berlin, bei denen die Linke stark abgeschnitten hat, sind sogar in Kolumbien gute Nachrichten“, sagt Verónica Vélez, eine in Berlin lebende, kolumbianische Aktivistin gegenüber LN nach den Wahlen vom 26. September. Damit meint sie den Ausgang des Volksentscheids zur Enteignung großer Immobilienkonzerne. „Die sozialen und politischen Bewegungen gegen Zwangsräumungen in Bogotá sind während der Pandemie stärker geworden. Die Möglichkeiten, für die das Berliner Referendum steht, haben eine große Bedeutung für den Kampf gegen Ungleichheit und das Recht auf Dasein und Wohnung.“ Dass der mit 56 Prozent Zustimmung zur Enteignung an den Berliner Urnen klar ausgefallene aktivistische Erfolg internationale Strahlkraft entfaltet und auch in den von Mietenspekulation gebeutelten Großstädten Lateinamerikas inspiriert, ist ein doppelter Erfolg.

Doch was den Subkontinent betrifft, sind leider nicht alle Ergebnisse der Wahlen in Deutschland so positiv. Für die deutsche Lateinamerikapolitik_bedeuten sie zunächst einen Rückschlag: Mehrere Parlamentarier*innen, die zuvor für eine kritische Öffentlichkeit zur Menschenrechtslage in Kolumbien und Brasilien sorgten oder bei Vorfällen von Polizeigewalt und politischer Verfolgung Druck bei den entsprechenden Regierungen ausübten, werden im neuen Bundestag nicht mehr vertreten sein. Dazu gehört beispielsweise Heike Hänsel (Die Linke), die durch das Programm „Parlamentarier schützen Parlamentarier” kolumbianische Abgeordnete wie Iván Cepeda unterstützt hat. Oder Uwe Kekeritz (Bündnis 90 / Die Grünen), der in der Vergangenheit maßgeblich Kleine Anfragen zur Lateinamerikapolitik der Bundesregierung stellte. Ohne die langjährigen Expert*innen wird die Lateinamerikapolitik der Fraktionen – zumindest vorübergehend – geschwächt. Mit Spannung erwartet werden auch die neuen Personalien der achtköpfigen Gemeinsamen Kommission von Auswärtigem Amt und Bundestag zum Thema Colonia Dignidad, aus der vier Abgeordnete ausgeschieden sind.

Angesichts von Einbußen an Fachexpertise zur Lateinamerikapolitik werden der Aktivismus und die Solidarität von außerparlamentarischen Gruppierungen umso wichtiger. Die parlamentarische Beobachtung der Menschenrechtslage in den Ländern Lateinamerikas erfordert Druck von außerparlamentarischen Akteur*innen. Auch bei dem verabschiedeten, aber noch nicht in Kraft getretenen Lieferkettengesetz muss die Zivilgesellschaft den Regierenden klarmachen, dass es erweitert und vor allem umgesetzt werden muss.

Es ist zu hoffen, dass nach dem bevorstehenden Regierungswechsel in einigen deutschen Ministerien künftig Politiker*innen sitzen, die empfänglicher für aktivistischen Druck sind und diesen an Entscheidungsträger*innen in Lateinamerika weitergeben. Bei den bevorstehenden deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen Ende November sollte die mögliche Neubesetzung an der Spitze des Verkehrsministeriums deutlicher fordern als der bisherige Amtsinhaber von der CSU, dass die Eisenbahnlinie Ferrogrão, die indigene Territorien bedroht, nicht gebaut wird. Auch ein Austritt Brasiliens aus der ILO-Konvention 169, die die Konsultation von Indigenen bei Baumaßnahmen auf ihren Territorien zwingend vorschreibt, müsste sanktioniert werden. Gerade weil diese Konvention in Deutschland erst im Juni 2021 ratifiziert wurde – nach langjährigem Druck der Zivilgesellschaft.

Vom Aktivismus der Berliner*innen, die sich weiter für die Kampagne „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ engagieren, und deren Anbindung an verschiedene gesellschaftliche Akteur*innen könnte sich die außerparlamentarische Lateinamerikapolitik in den kommenden Monaten inspirieren lassen. Werden die parlamentarischen Organisationen schwächer, müssen sich die sozialen Bewegungen mehr Gehör verschaffen.


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ELN BOMBT SICH INS ABSEITS

Während die ELN selbst die über den Jahreswechsel vereinbarte bilaterale Waffenruhe eingehalten haben will, sollen die Regierungstruppen während des Stillstandes ihre Soldaten strategisch positioniert und ein ELN-Camp bombardiert haben. In ihrem Schreiben erklärt das Nationale Kommando der ELN den Angriff auf die Polizeiakademie zu einem „legitimen Akt der Selbstverteidigung“.
Mit dem Schreiben wird offiziell, was die Regierung unter Präsident Iván Duque bereits kurz nach dem Anschlag am 17. Januar behauptet hatte. Bei dem Angriff mit einer Autobombe starben 21 Menschen, darunter der Attentäter. 68 weitere Personen wurden verletzt. Duque erklärte kurz darauf die Friedensgespräche mit der ELN für beendet. „Es reicht, ELN – es reicht mit den Toten, es reicht mit Entführungen und mit Attentaten gegen die Umwelt. Kolumbien sagt euch: Es reicht!” sagte Duque in einer Fernsehansprache. Er forderte die Guerillagruppe zu konkreten Taten auf, wozu insbesondere die Freilassung von mehreren Geiseln aus der Gewalt der ELN zähle sowie ein Ende sämtlicher krimineller Handlungen. In den vergangenen 17 Monaten habe die ELN 400 terroristische Aktionen in 13 Bundesstaaten, mit 339 Opfern und mehr als 100 Toten verübt, so Duque. Er brachte die Guerilla auch mit der Welle ermordeter Menschenrechtsaktivist*innen in Verbindung, die Kolumbien seit Monaten erschüttert. Der Attentäter soll demnach ein Sprengstoffexperte der ELN mit engen Verbindungen zu mehreren Personen des Oberkommandos der Guerilla gewesen sein. Unter anderem soll er Verbindungen zu Gustavo Aníbal Giraldo Quinchía, alias „Pablito“, einem der größten internen Kritiker des Friedensprozesses zwischen ELN und Regierung gehabt haben. Ein weiterer Verdächtiger, der ebenfalls Mitglied der ELN sein soll, wurde später in Bogotá festgenommen.

„Es reicht“, sagen alle

Am Sonntag nach dem Attentat demonstrierten rund 35.000 Kolumbianier*innen in Bogotá für ein Ende der Gewalt und forderten: „Es reicht!“. Duque hatte sein Amt am 7. August 2018 mit der Ankündigung angetreten, den Prozess zu beenden, sofern die Guerilla nicht eine Reihe, aus Sicht der ELN unrealistischer Bedingungen, wie etwa einen einseitigen Waffenstillstand erfülle. Die im Zuge der Friedensgespräche ausgesetzten Haftbefehle gegen zehn Kommandanten der Guerilla würden ab sofort wieder in Kraft gesetzt, erklärte Duque. Er bat die internationale Gemeinschaft um die Festnahme der ELN-Führungsriege. Aktuell halten sich die Kommandanten in Kuba auf, wo sie auf die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen warten. Duque hatte diese seit seinem Amtsantritt ausgesetzt. Die Regierung ignorierte damit gleichzeitig einen Leitfaden, den die ELN gemeinsam mit der Vorgängerregierung von Juan Manuel Santos für einen möglichen Abbruch der Gespräche vereinbart hatte. Diese Protokolle sollten die Rückkehr der ELN-Kommandanten nach Kolumbien regeln.
Kuba erklärte, sich zu den Haftbefehlen gegen die ELN-Kommandeure zunächst beraten zu wollen: „Das kubanische Außenministerium wird sich streng an die Protokolle der Friedensverhandlungen halten, die von der Regierung und der ELN unterzeichnet wurden. Dazu zählt auch das Protokoll für den Fall eines Scheiterns der Verhandlungen. Das Ministerium berät sich mit anderen Garantiemächten. Kuba erklärt Kolumbien sein Beileid“, schrieb der kubanische Kanzler Bruno Rodríguez auf Twitter.
Der Senator Iván Cepeda und der Ex-Minister Álvaro Leyva baten derweil den kolumbianischen Hohen Kommissar für Frieden, Miguel Ceballos, in einer Erklärung darum, die bereits zwischen der Regierung Santos und der ELN vereinbarten Punkte anzuerkennen. Ceballos solle sämtliche Dokumente aus den Verhandlungen an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen übergeben. „Wir glauben, dass diese historischen Vereinbarungen, die mit viel Aufwand erreicht wurden, nicht verschleudert werden sollten“, sagte Cepeda. „Deswegen sollen, im Fallen eines neuen Friedensprozesses, die bereits vereinbarten Punkte und die gesammelten Erfahrungen die Basis für einen baldigen Frieden mit der ELN bilden.“ Dies sei möglich, weil im Gegensatz zu den Friedensverhandlungen mit den Revolutionären Bewaffneten Streitkräften Kolumbiens (FARC) nicht unter der Prämisse „Nichts ist vereinbart, bis alles vereinbart ist“, verhandelt worden sei, so Cepeda. Zu den Vereinbarungen zählen demnach unter anderem die Entminung von Gebieten in der Region Nariño, ein humanitäres Abkommen für die Region Chocó und eine Garantie für die Beteiligung der Zivilgesellschaft am Friedensabkommen.

Es gibt den Versuch, die schon getroffenen Vereinbarungen zu retten

Der UN-Sicherheitsrat verurteilte den Angriff auf die Polizeischule bei einer Sitzung Ende Januar und forderte die Regierung und die Guerilla auf, den Friedensprozess fortzusetzen. Auch die Mitglieder der politischen Partei FARC, die aus der entwaffneten ehemaligen Guerilla hervorgegangen ist, riefen die Verhandlungspartner zu weiteren Gesprächen auf. Der politische Rat der FARC erklärte zudem, er sei von dem Bekennerschreiben der ELN äußert überrascht und enttäuscht gewesen. Bis dahin hätte die Partei die Hoffnung bewahrt, dass hinter dem Attentat andere Täter*innen und Gründe steckten. Gleichzeitig forderte der Rat die Regierung jedoch auch dazu auf, die Protokolle für den Abbruch der Gespräche einzuhalten: „Der traurige Fakt, dass es sich um ein Attentat auf eine Polizeischule handelte, darf nicht dazu instrumentalisiert werden, die Tür vor zukünftigen Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft zu verschließen“, so die FARC in einer offiziellen Mitteilung. Die FARC erklärten sich zudem bereit, zwischen Regierung und ELN zu vermitteln.

FARC bieten sich als Vermittler an

Im Gegensatz zu anderen Guerillagruppen ist die ELN basisdemokratisch organisiert. Einzelne Kommandos reagieren autonom und werden nicht durch die Führungsriege der Guerilla gesteuert. Daher kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Aktionen einzelner Kommandos, die den Friedensverhandlungen kritisch gegenüberstehen und diese nicht mittragen wollen.
Der Angriff auf die Polizeischule zeigt, wie umstritten der Friedensprozess innerhalb der Guerilla tatsächlich ist. Erschwert wird der Prozess durch die schleppende Umsetzung des Friedensabkommens mit der FARC. Seit der Unterzeichnung des Abkommens zwischen FARC und kolumbianischer Regierung eskalierte die Gewalt gegenüber Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen in einigen Gebieten Kolumbiens. Mehr als 300 Aktivist*innen wurden seit der Unterzeichnung getötet, darunter auch unzählige bereits entwaffnete Angehörige der FARC. Entsprechend riskant erscheint ein einseitiger Waffenstillstand der ELN-Guerilla. In ihrem Bekennerschreiben forderte die ELN daher erneut eine dauerhafte gegenseitige Waffenruhe. „Präsident Duque, wir wollen betonen, dass der Weg des Krieges nicht die Zukunft Kolumbiens ist“, schreibt das ELN-Kommando. „Es ist der Frieden, deswegen erinnern wir daran, dass das Beste für das Land eine Fortsetzung der Gespräche wäre.“

 


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