
Wie hat sich die ehemalige Wiedereingliederungszone (ETCR) Agua Bonita 2 in den letzten zehn Jahren verändert?
Unsere Gemeinde war sehr stark vom Konflikt betroffen. Als wir in La Montañita ankamen, gab es keine Supermärkte, keine Gemüseläden, nichts dergleichen. In den letzten Jahren hat sich Handel entwickelt und die Wirtschaft verbessert sich. Wir haben gemeinsam mit den Menschen Straßen gebaut und repariert. Die Menschen können nun im Tourismusbereich arbeiten, weil das Abkommen Sicherheit gebracht hat. Eine sehr wichtige Veränderung ist, dass die Grundstücke der Kleinbauern sowohl auf kommunaler als auch auf Departementsebene an Wert gewonnen haben.
Wir haben mittlerweile eine Gemeindebibliothek, die auch als Ort der Erinnerung und der pädagogischen Arbeit dient. Außerdem haben wir das Kulturhaus, das von der Gemeinschaft selbst betrieben wird. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass die Stadtverwaltung eine Lehrerin einstellt, die Kinder verschiedener Altersstufen unterrichtet. Außerdem werden zum Beispiel Tanz und Theater unterrichtet. Heute gibt es hier Wandmalereien, die eine Botschaft des Friedens und des Schutzes der Natur vermitteln. Diese kulturellen Aktivitäten tragen zum Frieden bei. Die Kinder lernen, dass es besser ist, solche Aktivitäten zu machen. Wir haben sehr viele Erfahrungen und Dinge am eigenen Leib erlebt, und wollen nicht, dass sich die Geschichte für die nächsten Generationen wiederholt. Wenn junge Menschen eine andere Perspektive haben, werden sie nicht in den Krieg ziehen.
Welche Rolle haben die Unterzeichner*innen des Abkommens bei diesen Veränderungen gespielt?
Zum einen sind wir eine recht große Bevölkerungsgruppe: Wenn hundert, zweihundert Familien in eine Gemeinde ziehen, wächst die Bevölkerung. Und mit uns kamen Mittel und Projekte mit dem Schwerpunkt auf die Wiedereingliederung, die sich aber auf die gesamte Gemeinschaft auswirken. Wenn beispielsweise Mittel für eine Schule bereitgestellt werden, wirkt sich das auf alle aus. Ein weiteres Beispiel: Es wurde in Kühltanks investiert, damit die Menschen ihre Milch dort lagern können, ohne dass sie verdirbt. Das führt zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Kleinbauern. Ein weiterer Punkt ist, dass wir gemeinsam als Gemeinschaft Geld zusammengelegt und Land gekauft haben. Wir haben gezeigt, wie man durch Zusammenhalt und gemeinschaftliches Engagement viel erreichen kann.
Wie bewertet ihr die staatliche Unterstützung während der Petro-Regierung?
Auf lokaler Ebene hat diese Regierung unser Vertrauen gewonnen. Das Wiedereingliederungsprogramm (PRI) wurde in den Nationalen Entwicklungsplan integriert und wir konnten es auf regionaler Ebene ausweiten. Und auch das Wiedereingliederungssystem wurde etabliert. Das ist sehr wichtig, da es von den staatlichen Stellen ein viel größeres Engagement im Hinblick auf die Wiedereingliederung erforderte. Dieses System verbindet Institutionen, Programme und Akteure miteinander, damit die Ressourcen in die Regionen gelangen und eine Politik zur Wiedereingliederung auf den Weg gebracht werden kann. Das war im Friedensabkommen festgelegt, wurde jedoch erst unter der Regierung von Gustavo Petro umgesetzt. Aber konkret, bei den für uns viel wichtigeren Themen wie Land und Wohnraum, ist leider nicht viel passiert.
Wie ist derzeit die Situation bezüglich Zugang zu Wohnraum und Land?
Wir haben eine Genossenschaft gegründet und ein Grundstück gekauft. Dort haben wir bestimmte Flächen als Naturschutzgebiet ausgewiesen, weil uns Umweltschutz sehr wichtig ist. Das verringert die Fläche für Ackerland. Außerdem ist der Boden dort im Allgemeinen nicht sehr ertragreich und das Land reicht für die Anzahl der Genossenschaftsmitglieder nicht aus. Er ist genug für die Genossenschaft und für die Wohnungen, aber nicht dafür, dass die Familien dort selbst anbauen können. Wir kommen aus einer kleinbäuerlichen Tradition, deshalb ist uns diese Verbundenheit mit dem Land sehr wichtig. Bisher haben wir von keiner Regierung und keiner Behörde Unterstützung für Land oder Wohnraum bekommen. Die kleinen Hütten, die wir haben, sind das Ergebnis unserer eigenen Anstrengungen. Die Häuser, die man uns anfangs gebaut hat, waren für sechs Monate gedacht, jetzt sind wir schon seit zehn Jahren hier. Man hat uns Baumaterialien wie Superboard oder Eternit für die Dächer gegeben – das ist sogar verboten, weil es krebserregend ist. Das ist alles schon kaputt und nun müssen die Menschen selbst Mittel auftreiben, um die Häuser nach und nach zu erneuern und zu flicken.
Welche sind eure wichtigsten Produktionsprojekte und wie funktionieren sie?
Mit Turipaz betreiben wir einen gemeinschaftsorientierten Tourismus, um unsere genossenschaftlichen Prozesse sichtbar zu machen und so die Kommerzialisierung zu fördern. Der Tourismus ist für uns außerdem sehr wichtig für die Friedenspädagogik und den Umweltschutz. Was die Landwirtschaft betrifft, bauen wir hauptsächlich Ananas und Zuckerrohr an. Wir haben innerhalb der Genossenschaft verschiedene Produktionszweige eingerichtet. Einige arbeiten in der Landwirtschaft, andere in der Viehzucht, wieder andere setzen auf den Tourismus, auf die Schuhherstellung und die Bekleidungsindustrie, und andere Genossenschaftsmitglieder haben sich eher dem Sport zugewandt und einen Sportplatz angelegt. Einige Genossinnen haben „Esencias de Paz“ gegründet. Sie bauen Aroma- und Heilpflanzen an, und in einer Anlage werden diese Produkte zu Essenzen verarbeitet, aus denen dann Lippenstifte oder Seifen hergestellt werden.
Sind in den Genossenschaften nur die Untereichnerinnen oder auch andere vertreten?
Es sind Unterzeichnerinnen und andere vertreten. Ein Teil unseres Prozesses besteht darin, wieder zu unseren Familien zu finden. Viele Kameraden haben mit Partnerinnen, die nicht im Kampf waren, eine Familie gegründet – oder umgekehrt. Wir mussten auch Verantwortung für die zurückgelassenen Familie übernehmen: für die Großeltern, die Eltern. Viele mussten ihre Kinder aufgrund der Situation während des Konflikts zurücklassen und konnten nie Zeit mit ihnen verbringen. Einige haben nun wieder zusammengefunden, neue Menschen sind dorthin gezogen und arbeiten dort. Heute sind wir eine Gemeinschaft wie jede andere auch, mit dem besonderen Merkmal, dass wir eine Kultur der gemeinschaftlichen Arbeit pflegen.
Nehmt ihr euch nach wie vor als Unterzeichnerinnen des Abkommens wahr? Ist diese Kategorie wichtig für euch oder würdet ihr sie gerne irgendwann ablegen?
Die Bezeichnung hat eine Geschichte und eine gewisse Bedeutung, denn hinter allen von uns steht ein Kampf. Wir hatten einen Grund, zu den Waffen zu greifen und unser Leben für den Kampf um die Rechte der Bevölkerung zu opfern. Aber wir sind nicht nur Unterzeichnerinnen, wir sind Teil der Gesellschaft, wir sind führende Aktivist*innen, wir arbeiten mit den anderen kommunalen Bürgervereinigungen zusammen. Von dort aus kämpfen wir Seite an Seite mit den anderen Gemeinden für jene soziale Veränderungen, die wir uns für unsere Region wünschen. Die Kämpfe von damals sind dieselben wie heute: Wir fordern eine Schule, Land, das wir bewirtschaften können, und Wohnraum. Die Landfrage war der Auslöser des Konflikts, und sie ist bis heute nicht gelöst. Es wurde lediglich beschlossen, den Kampf mit dem Wort als einziger Waffe fortzusetzen.
Seit dem Abkommen wurden hunderte ehemalige Kämpferinnen ermordet. Wie ist die Sicherheitslage bei euch?
Bedrohungen und Unsicherheit wird es immer geben. Anders zu denken, Rechte einzufordern und für soziale Anliegen zu kämpfen, führt zu Bedrohungen – nicht nur für die Unterzeichnerinnen, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Denn es gibt immer diejenigen, die alles beim Alten belassen wollen. Hier werden alle, die Rechte einfordern, sofort zum militärischen Ziel erklärt: Beschäftigte in der Landwirtschaft, soziale Organisationen, diejenigen, die Menschenrechte, Arbeitsrechte und das Recht auf Leben einfordern und verteidigen. Aber das wird uns nicht einschüchtern. Die guten Beziehungen zu den Menschen der Region geben uns Sicherheit, wir passen aufeinander auf und schützen uns gegenseitig.
Der neue rechtsextreme Präsident Abelardo de la Espriella hat erklärt, er wolle das Abkommen angreifen – was sind eure Aussichten?
Leider gibt es in dieser Regierung keinen Dialog, sondern nur Tod. Das wird weder für uns noch für die Gesellschaft insgesamt einfach sein, denn es betrifft nicht nur uns, sondern auch die Wirtschaft, die Sicherheit, die Soldaten, die in den Tod geschickt werden, und sogar die Rechte der Frauen. Aber wenn er der Staatschef unseres Landes ist, dann müssen wir eben mit ihm sprechen, uns einigen und Hand in Hand zusammenarbeiten, wo immer es möglich ist. Wir verschließen uns dem Dialog nicht, denn genau das hat es uns ermöglicht, hier zu sein und zu Einigungen zwischen den verschiedenen Parteien zu gelangen.
Das Friedensabkommen hängt nicht von einer einzelnen Regierung ab, sondern ist eine staatliche Verpflichtung. Vielleicht werden die Mittel für die Umsetzung gestrichen, aber wir sind nun einmal Kämpfer*innen. Wir haben schon viel durchgemacht und wissen, wie man sich wieder aufrappelt, wenn schwierige Situationen auftreten.








