„DIE PROJEKTE SIND EIN BEWEIS UNSERES FRIEDENSWILLENS“

ANDRÉS MAURICIO ZULUAGA
bekannt als Martín Batalla, ist Rapper und Künstler und war seit 2005 Mitglied der ehemaligen FARC. Heute leitet er eine Kooperative von 120 ehemaligen Guerillerxs in Anorí im Nordwesten Kolumbiens, die verschiedene Produkte in den Bereichen Bekleidung, Lebensmittel und Schmuck herstellt. Er ist Gründer der Textil-Kooperative Confecciones la Montaña, einem der bekanntesten Wiedereingliederungsprojekte der ehemaligen FARC-Kämpfer*innen und koordiniert die 28 Schneidereien von Ecomún, dem nationalen Verband der Produktionsgenossenschaften der ehemaligen Guerilla. (Foto: Confecciones la Montaña)

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Du bist vor Kurzem nach Europa gekommen, was ist der Grund für Deine Ausreise aus Kolumbien?
Vor Kurzem erhielt ich Anrufe und Nachrichten aus den USA und Mexiko, die mich bedrängten, über Drogenhandelsrouten und -umschlagplätze zu sprechen.

Das ist besorgniserregend, weil es sich um ein systematisches Vorgehen handelt, in dem in Kolumbien die Morde an Unterzeichnern des Abkommens mit vorgegebenen gerichtlichen Anklagen wegen angeblichen Drogenhandels in Verbindung gebracht werden. Diese Unterstellungen und auch konkrete Drohungen haben mich dazu bewogen, das Land zu verlassen. Außerdem haben wir eine Agenda in Europa, um über das Friedensabkommen und die Schwierigkeiten bei der Umsetzung in Kolumbien zu sprechen.

Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens 2016 wurden in Kolumbien 284 Ex-Kombattant*innen getötet. Wie ordnest Du diese Situation ein?
Allein 2021 wurden mehr als 100 ehemalige Kämpfer, die sich dem Friedensabkommen verpflichtet hatten, getötet und seit der Unterzeichnung des Abkommens wurden mehr als 1.000 soziale Aktivisten, die für nichts als ihre Grundrechte kämpfen, ermordet. Dieses Problem beschränkt sich also nicht nur auf das Friedensabkommen, sondern ist eine historische Konstante, die sich zu bestimmten Zeiten verschärft.

Die Unterzeichner des Abkommens leiten und entwickeln heute soziale und ökonomische Projekte, beteiligen sich an politischen Prozessen und sind gesellschaftlich aktiv in den Gemeinden. Deshalb verstehe ich diese Morde als Teil der Stra-tegie, die politische Opposition und soziale Aktivisten systematisch zu vernichten, um die Bestrebungen für eine Veränderung in Kolumbien von der politischen Landkarte zu löschen.

Wer tötet die Ex-Kombattant*innen und welche Interessen stehen dahinter?
Die Akteure sind vielfältig, wobei der kolumbianische Staat sowohl durch sein Handeln als auch durch seine Untätigkeit eine sehr große und direkte Verantwortung trägt. Die Regierung hat die im Friedensabkommen vorgesehenen Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit der Gemeinden und der ehemaligen Kämpfer nicht umgesetzt. Gleichzeitig hat sie viele der Strategien zur Beseitigung und Verfolgung des Paramilitarismus nicht nur ignoriert, sondern ist diesen Strukturen gegenüber nachsichtig und arbeitet mit ihnen zusammen. Ohne diese Unterstützung durch den Staat könnte der Paramilitarismus gar nicht überleben.

Außerdem sprechen wir mit den Bauern darüber, freiwillig illegale Anbaukulturen (wie z.B. Kokapflanzen, Anm. d. Red.) zu ersetzen, was dazu geführt hat, dass wir in vielen Gebieten von Gruppen, die Drogenhandel und andere illegale Geschäfte betreiben, als Feinde angesehen werden.

Was hat sich in Anorí nach dem Friedensabkommen verändert?
Nach der Niederlegung der Waffen gab es eine sehr kurze, schöne und ruhige Zeit. Die Realität der Regionen, in denen der Konflikt stattgefunden hatte, veränderte sich, es entstand ein Gefühl des Friedens und der Gelassenheit. Wir sahen, dass andere Wege möglich waren. Aber dann kam die Regierung Duque mit ihrem Versprechen, das Friedensabkommen zu zerstören; sie wechselte die militärische Führung aus und hielt ihren Teil der Vereinbarung nicht ein. Bewaffnete Gruppen begannen wieder zu erstarken und wir gerieten in eine neue Konfliktdynamik. Viele Menschen sind der Meinung, dass wir seit Duques Regierungsantritt viele Errungenschaften verloren haben. Die Situationen in den Regionen sind jedoch sehr unterschiedlich. In Anorí zum Beispiel sind bisher keine paramilitärischen Strukturen angekommen. Es gibt einen historischen Widerstand der Gemeinden gegen den Paramilitarismus und im Gegensatz zu anderen Regionen wurde hier kein einziger ehemaliger FARC-Kämpfer getötet. Die ELN (Guerilla Nationale Befreiungsarmee, Anm. d. Red.) und eine sehr kleine Splittergruppe ehemaliger FARC-Mitglieder haben zwar einen gewissen Einfluss in der Region, aber die Realität in Anorí ist völlig anders als vor sechs Jahren.

Der soziale und politische Konflikt wird jedoch wieder spürbar denn zusätzlich zu den Drohungen und Morden führt die Nichteinhaltung des Abkommens durch den Staat zu zunehmenden sozialen Konflikten mit den Gemeinden und Bauern. Selbst wenn die FARC nicht mehr existieren, werden mit Sicherheit andere bewaffnete Formen der Gewalt auftauchen, wenn wir die Ursachen, die zum Aufstand geführt haben, nicht beseitigen. Die Realität in den Gebieten ist komplex, vor allem dort, wo Paramilitärs und andere Gruppen die Kontrolle übernehmen.

Wie erklärst Du die relative Stabilität in Anorí im Vergleich zu anderen Regionen des Landes?
Die Gemeinden wissen es zu schätzen, dass wir mit der Kooperative einen anderen Weg einschlagen, neue wirtschaftliche Möglichkeiten und Al-ternativen für die Gemeinschaft schaffen, Bündnisse mit den Bauern eingehen und ihnen Arbeit geben. Diese Prozesse werden respektiert, und so haben wir verhindert, dass Anorí zu einem Ort starker Konfrontation wird. Dies zeigt, dass es möglich ist, diese Konflikte zu beenden und Frieden in den Gebieten zu schaffen, wenn wir den Menschen Chancen und Arbeitsplätze geben und eine neue Wirtschaft schaffen.

Wie hat sich der Prozess dieser Produktionsprojekte nach der Unterzeichnung des Abkommens gestaltet?
Es war und ist eine große Lernerfahrung für uns. Der Eintritt in die Legalität erfordert formale Kenntnisse der administrativen und wirtschaftlichen Abläufe einer Genossenschaft. Ein weiterer sehr wichtiger Lernprozess fand im Bereich der Produktion statt. Die FARC haben Rucksäcke, Hängematten und Westen hergestellt, aber im Rahmen einer Strategie und Logik des bewaffneten Konflikts und nicht, um diese Produkte zu verkaufen. Wir erlernen jetzt die technische Seite, die Verfahren und Qualitätsstandards, um neue Sektoren zu erreichen und die Botschaft des Friedens in andere Länder und Städte zu tragen.

Aber der Staat hat uns in diesem Prozess sehr allein gelassen. Nach der Unterzeichnung des Abkommens warteten wir vier Jahre lang auf die staatlichen Mittel, um die Genossenschaften für die Produktion zu gründen. Als sie schließlich eintrafen, hatten wir bereits konsolidierte Projekte. Dies ist auch ein Beweis für unseren Friedenswillen und unser Engagement, um voranzukommen.

Ein weiteres komplexes Thema ist der Zugang zu Land. Wir haben uns dazu verpflichtet, uns durch produktive Projekte in den vom Konflikt am stärksten betroffenen Gebieten wieder in das zivile Leben einzugliedern, aber wir haben keinen Zugang zu Land, was bedeutet, dass wir keine Möglichkeit haben, diese Projekte durchzuführen. Wenn der Ex-Kombattant kein Haus hat und weiterhin seinen Rucksack von hier nach dort trägt, ist eine würdige Wiedereingliederung nicht möglich.

Was passiert mit den territorialen Gebieten für die Ausbildung und Wiedereingliederung (ETCR)?
Die ETCR wurden für sechs Monate geplant und haben nur eine prekäre Infrastruktur. Mittlerweile sind wir aber schon seit vier oder fünf Jahren dort. Im ETCR in Anorí kann man nirgends etwas anbauen oder Häuser bauen. Außerdem gehört das Land dem Staat und wir haben keine Sicherheit, dort bleiben zu können, was ein großes Problem darstellt. Wir haben andere Ländereien gepachtet, auf denen wir einige Projekte entwickeln aber um eine Produktion aufzubauen brauchen wir eine Zukunftsperspektive und das geht nicht an einem Ort, von dem uns der Staat jederzeit vertreiben kann.

Können auch Bauern und Bäuerinnen aus den Gemeinden Mitglied in den Genossenschaften sein oder gilt dies nur für ehemalige Kämpfer*innen?
Laut Satzung kann jeder unserer Genossenschaft angehören. Ziel ist, dass sie offen sind, dass sie nicht nur ein Werkzeug für die Wiedereingliederung ehemaliger Kämpfer sind, sondern auch für die soziale Entwicklung der Gemeinden. In der Realität sehen wir uns jedoch im Organisationsprozess mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Wir haben kein Land und keinen Wohnraum, weshalb wir uns zunächst der Organisation von Genossenschaften und produktiven Projekten für ehemalige Kämpfer gewidmet haben, denn darüber ergibt sich die Möglichkeit der Wiedereingliederung. Aber das schließt nicht aus, dass die Bauern sich an den verschiedenen Produktionsprojekten beteiligen, die wir in dem Gebiet entwickeln. In Confecciones la Montaña erhalten die Menschen zum Beispiel einen monatlichen Mindestlohn.

Die große Mehrheit der 13.000 Unterzeichner*innen steht nach wie vor zum Abkommen und bleibt in den Gebieten. Fühlt Ihr Euch noch als Teil eines Kollektivs?
Es gibt Konflikte und unterschiedliche Positionen denn die Lebensrealitäten sind landesweit sehr heterogen. Aber es gibt ein grundlegendes kollektives Verständnis. Die überwiegende Mehrheit der Menschen fühlt sich als fariana (dt. etwa „FARC-angehörig“, Anm. d. Red.): Wir sind eine Familie, waren zusammen im Krieg und fühlen uns als Teil des gleichen Kampfes.

Es gibt mehrere Instanzen zur Wiedereingliederung aber unsere Zusammengehörigkeit beschränkt sich nicht auf einzelne Institutionen. Was wir erreichen müssen, ist, dass alle gemeinsam an der Umsetzung des Friedensabkommens arbeiten, denn momentan suchen wir immer noch nach einer politischen Lösung und die werden wir zersplittert nicht erreichen können. Es darf aber auch nicht eine einzelne Instanz geben, die alles kontrolliert oder alle vertritt.

Die Genossenschaften sind eine grundlegende Struktur für die im Friedensprozess festgelegte Wiedereingliederung. Wie fügt sich das in den allgemeinen Prozess der Umsetzung des Abkommens ein?
Die Frage der Produktion allein reicht nicht aus, um das Abkommen voranzubringen. Es gibt Leute, die wollen, dass wir uns nur der Herstellung von Rucksäcken widmen und den politischen Teil vergessen. Aber wir sind keine Geschäftsleute, wir haben gerade ein Friedensabkommen unterzeichnet. Diese Genossenschaft existiert dank dieser Tatsache und dank einer Vorstellung von den Veränderungen, die wir erreichen wollen.

Die produktive Entwicklung ist von grundlegender Bedeutung, aber wenn sie uns weiterhin umbringen, wenn sie die Reform des ländlichen Raums oder das Sicherheitsprogramm nicht umsetzen, wenn sie die Bauern mit der Substitution von illegalen Anbaukulturen allein lassen, dann wird es irgendwann zu einer Explosion kommen. Wir brauchen ein Gleichgewicht und einen umfassenden Wandel.

Was hälst Du von Avanzar, der neu gegründeten Bewegung der Unterzeichner*innen?
Es gibt Leute, die meinen, dass sie die Partei spalten und dass sie keine Leninisten mehr sind. Aber in den Wiedereingliederungsgebieten gibt es auch Menschen, die mit der Partei Comunes (ursprünglich als politische Organisation aus der Guerilla infolge des Friedensschlusses unter dem Namen FARC gegründete Partei, seit 2021 Comunes, Anm. d. Red.) unzufrieden sind. Avanzar erweitert die Möglichkeiten, sich für den Weg zum Frieden einzusetzen, indem sie mit den Gemeinden und sozialen Bewegungen kämpft. Sie scheint mir ein gültiger und wichtiger Ausdruck, solange sie sich für die Umsetzung und für eine politische Lösung des Konflikts in Kolumbien einsetzt.