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¡Chile Sí, Junta No!

Die Fußballweltmeisterschaft 1974 in der BRD war aus zwei Gründen nicht nur ein sportliches, sondern auch ein politisches Ereignis: Zum ersten Mal qualifizierte sich die DDR für die Endrunde einer Fußballweltmeisterschaft. Sie schloss nicht nur die erste Finalrunde als Gruppensieger ab, sondern konnte durch das legendäre Tor von Jürgen Sparwasser auch dem „Klassenfeind“ aus der BRD eins auswischen. 1:0 stand es nach Abpfiff am 22. Juni 1974 im Berliner Olympiastadion.
Aber für einige politisch Aktive in Berlin war etwas anderes wichtiger: Nur neun Monate nach dem blutigen Putsch vom 11. September 1973 in Chile gegen die Volksfrontregierung des demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende, trat die chilenische Nationalmannschaft ebenfalls in der Endrunde der WM an und spielte in der 1. Finalrunde gegen die BRD, die DDR und Australien. Das erste Spiel dieser Gruppe bestritt Chile am 14. Juni gegen die BRD. Schon Monate vorher wurde in der Soli-Szene ausgiebig diskutiert: Dieses Ereignis konnte unmöglich stattfinden, ohne die Anwesenheit der chilenischen Spieler und die Medienaufmerksamkeit dazu zu nutzen, die Situation in Chile an zu prangern und sich mit den von der Militärjunta brutal Unterdrückten in Chile solidarisch zu zeigen. Nicht nur im Chile-Komitee (schon im August 1973 in West-Berlin von Chile-Rückkehrern gegründet), sondern auch in vielen anderen politisch aktiven Gruppen in West-Berlin wurden Aktionen diskutiert und geplant. Auch viele „undogmatische Gruppen“ an den Universitäten beteiligten sich. Nicht jedoch die Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW) und die ihr nahe stehenden Studierendenvereinigungen. Der „diplomatische“ Triumph der Teilnahme einer endlich hoffähigen DDR-Mannschaft an der Weltmeisterschaft sollte nicht durch ungeordnete Politaktionen gestört werden. Damit vertraten sie ungewollt einen ähnlichen Standpunkt wie die Pinochet-Regierung in Chile: Diplomatische Reputation geht über alles. Chile sollte der Weltöffentlichkeit nicht als Folter- und Unterdrückungsstaat, sondern als Fußballnation vorgeführt werden.

Jenseits juristischer Grenzen

Den „Spontis“ aus der Solidaritätsszene, die die diplomatischen Verrenkungen der Realsozialisten nicht mitmachen und die die Militärjunta öffentlich brandmarken wollten, juckte es in den Fingern, eine spektakuläre Aktion zu planen. Schnell wurde im Chile-Komitee die richtige Losung gefunden: „¡Chile Sí, Junta No!“ Das versteht jede und jeder, und damit auch diejenigen, die kein Spanisch sprechen. Es sollte jeder Eindruck vermieden werden, dass gegen Chile oder die ChilenInnen demonstriert wurde. Im Gegenteil sollte gerade für und mit ihnen gegen die Verbrechen der Militärjunta protestiert werden. Schnell wurde klar, dass spektakuläre Aktionen nur gelingen konnten, wenn die Grenzen des „rechtlich Zulässigen“ überschritten wurden. Um das Chile-Komitee als Organisation nicht angreifbar zu machen, bildete sich im Umfeld des Komitees eine Arbeitsgruppe von zehn bis fünfzehn Personen. Beteiligt waren Mitglieder des Sozialistischen Arbeitskollektivs vom Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität Berlin (SAK-JUR) und andere „undogmatische Linke“.
Sie wollten eine Aktion vorbereiten, für die es bisher kein Vorbild gab: Während des Spiels und somit mitten in der weltweiten Fernsehübertragung sollten mehrere Personen mit chilenischen Flaggen, auf denen deutlich „¡Chile Sí, Junta No!“ zu lesen war, auf das Spielfeld stürmen. Hierzu brauchte es einige logistische Vorbereitung: Die Gruppe inspizierte mehrmals das Olympiastadion, um zu erkunden, wie der Graben und die Plexiglaswand, die das Spielfeld von den Zuschauerrängen trennten, überwunden werden konnten. 1974 gab es noch keine nennenswerten Hooliganauftritte in deutschen Stadien, die Sicherheitsmaßnahmen waren noch sehr lückenhaft. Später zeigte sich im Spiel, dass auch die Ordner nicht flächendeckend gleich dicht postiert waren, so dass die Akteure die Lücken ausnützen konnten.

Sprung über die Barriere

Erst einmal musste jedoch fleißig trainiert werden. Hierzu stellte Winni, damals Jurastudent, seine im Süden von West-Berlin gelegene „Datsche“ zur Verfügung. „Es war wie auf dem Hundeübungsplatz“, so einer der Beteiligten. Jedenfalls waren die Akteure, heute in die Jahre gekommen, damals noch athletisch genug, um den Sprung über die Barriere schaffen zu können. Dann mussten noch etliche chilenische Flaggen besorgt werden. Nicht besonders schwer zu bewerkstelligen, da wegen der in dieser Zeit häufig stattfindenden Chile-Solidaritätsdemonstrationen fast jede Wohngemeinschaft eine chilenische Fahne zu Hause hatte. Fleißige KünstlerInnen verzierten die Fahnen mit Farbe, manche nähten sogar den Slogan „¡Chile Sí, Junta No!“ auf die Fahnen.
Eintrittskarten für das erste Spiel der Gruppe I zu bekommen, war im Jahr 1974 kein Problem, allerdings sehr teuer für das Budget der meisten AktivistInnen. Es gelangten ungefähr 150 bis 200 Personen, ChilenInnen wie Deutsche aus der Solidaritätsbewegung, ins Stadion. Sie verteilten sich auf mehrere Zuschauerblöcke: Jeweils kleinere Einsatzgruppen Gruppen von circa drei bis vier Personen aus den Vorbereitungsgruppen waren in jedem Block präsent. Darunter auffällig viele schwangere Frauen, deren Bauch aus chilenischen Fahnen bestand. Wegen der Gefahr von härteren Repressalien für chilenische AktivistInnen nach der Aktion wurde verabredet, dass die Aktion auf dem Spielfeld nur von Deutschen durchgeführt werden sollte. Die Kontrollen konnten problemlos passiert werden und zum verabredeten Zeitpunkt zum Ende der ersten Halbzeit ging es los: Mehrere Gruppen machten sich von ihren Stehplätzen auf – das Berliner Olympiastadion war 1974 noch nicht so luxuriös ausgebaut wie heute – um den Barrikadensprung zu wagen und in die Geschichte der Solidaritätsbewegung mit Chile mit einer der sympathischsten Aktionen einzugehen. Die Gruppe, die sich gegenüber der Haupttribüne einquartiert hatte, schaffte es zuerst auf das Spielfeld. Die anderen hatten ihre Plätze auf den oberen Rängen und mussten sich erst durch viele vor ihnen stehenden Fußballfans durchwühlen.

Gelebte Solidarität

Mindestens drei Personen aus den Gruppen, die das Feld stürmen wollten, schafften es tatsächlich auf das Spielfeld. Das Ziel war, in den Mittelkreis zu laufen und dabei die Fahne mit dem Nein zur Junta, aber dem Ja zu Chile zu schwenken. Wie reagierten die Spieler? Sie blieben einfach stehen und spielten nicht weiter. Von den Rängen skandierten die mitgekommenen UnterstützerInnen fleißig: „¡Chile Sí, Junta No!“, aber schon damals wollte weder der Deutsche Fußballbund (DFB) noch das Fernsehen der BRD von „Politik“ etwas hören oder wissen: Die Mikrofone an diesen Blöcken wurden herunter gedreht, obwohl im Stadion selbst die Rufe gut zu hören waren. Auch in der Fernsehübertragung wurde von den deutschen Kameras versucht, die Fahnen schwenkenden Menschen auf dem Spielfeld möglichst nicht vor der Linse zu haben. Anders bei den ausländischen Fernsehsendern: Die Bilder wurden nicht zensiert und gingen um die Welt. Nach circa einer Minute war auch der letzte der Fahnenschwenker von den Ordnern überwältigt und vom Platz gezerrt.
Diejenigen, die auf das Spielfeld gerannt waren, wurden kurzzeitig festgenommen, ihre Personalien aufgenommen. Eine halbe Stunde nach dem Spiel wurden sie jedoch wieder freigelassen. Keinem, soweit bekannt, brachte die Aktion letztendlich juristischen Ärger ein. Zu später Stunde versammelten sich alle in der verabredeten Kneipe, um eine Bilanz der Aktion zu ziehen. Später erfuhren alle Beteiligten, dass in Chile die Aktion während der Übertragung des Fußballspiels ganz kurz zu sehen war, bevor das chilenische Fernsehen ausblendete, bis die „Störung“ beseitigt war.
Einer der damals Aktiven erinnert sich: „Wir wollten mit der Aktion verschiedene Dinge erreichen: Uns war es wichtig klar zu stellen, dass unsere Protestaktion sich nicht gegen Chile, sondern gegen die Militärjunta richtete – und dass diese Botschaft ganz besonders in Chile und Lateinamerika so ankam. Wir wollten ein öffentliches Signal der Solidarität gegen die Diktatur setzen. Hinterher haben wir erfahren, dass unsere Botschaft auch genau so angekommen ist.“
Die Fußballweltmeisterschaft 1974 erlebte einen kurzen, großen Moment, der nichts mit Fußball zu tun hatte: Mitten in der finstersten Zeit der chilenischen Geschichte eine knappe Minute gelebter internationaler Solidarität mit Chile.

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