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Angst vor den Roten

Frau Zehnder, wie haben Sie den Putsch vom 11. September 1973 in Chile erlebt?

Ich wohnte damals in Santiago. Meine Tochter war gerade sechs Wochen alt und ich war im Mutterschutz. Da ich eigentlich als Buchhalterin arbeitete, verdiente ich einigermaßen und hatte mir ein kleines Haus mieten können. Dort bot ich immer ein paar Leuten ein Quartier an, die als politische Flüchtlinge aus anderen Ländern kamen, vor allem Bolivianern und Argentiniern.
In den Tagen vor dem Putsch gab es in Santiago viele Attentate, mit denen die Militärs die Stimmung aufheizten. Sie schoben die Morde zwar den Kommunisten in die Schuhe, aber eigentlich waren sie selbst die Urheber. Jeden Tag, jede Nacht hörten wir Explosionen. Aber am 10. September war es ganz still. Da sagten die Bolivianer: Morgen früh gibt es einen Militärputsch. Sie kannten sich aus, sie hatten das schon ein paar Mal erlebt.

Wurden Sie in den Tagen danach verfolgt?

Alle Flüchtlinge aus meinem Haus, das waren ungefähr zehn, wurden abgeholt und ins Nationalstadion gebracht. Die Angst war groß, was mit ihnen passieren würde. Es wurden so viele umgebracht in den ersten Tagen, und die Lastwagen, die aus dem Nationalstadion kamen, waren voller Leichen. Aber die Leute aus meinem Haus haben alle überlebt.

Was ist Ihnen selbst passiert?

Ich konnte mich zunächst noch einigermaßen frei bewegen und habe mich auf die Suche nach den Verhafteten gemacht. Im Laufe der Zeit wurde es aber auch für mich eng. Ich wurde einmal verhört, musste untertauchen und kam schließlich in einem Flüchtlingslager des UNHCR [Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, Anm.d.R.] unter. Dort begann für mich eine Zeit, in der ich mich völlig leer fühlte, nur meine Tochter beschäftigte mich. Einmal kamen vier Frauen, die wollten etwas von mir wissen. Aber ich wollte überhaupt nichts erzählen, nur schlafen, mich um meine Tochter kümmern, nichts weiter. Ich lebte dort, aber es war, als ob ich gar nicht richtig lebte. Das dauerte rund 20 Tage, bis Anfang November. Als wir hier ankamen, schneite es schon.

Im November 1973 kamen Sie in die Schweiz?

Ja, aber das hatte ich nie gewollt. Nicht in die Schweiz! Das waren ja die Kapitalisten. Ich hatte gehofft, ich käme entweder nach Holland oder nach Schweden, diese beiden Länder waren besonders aktiv in ihrem Einsatz für Verfolgte. Aber mich haben die Schweizer mitgenommen. Alle Länder, die aufnahmebereit waren, schickten ihre Beamten in das Flüchtlingslager. Dort brachten sie uns in einen Raum, wir stellten uns in einer Reihe auf und dann wählten sie aus. Sie schauten, ob wir jung oder alt waren, ob wir bei guter Gesundheit waren, fragten, ob wir ausgebildet waren oder nicht, ob wir studiert hatten.

Und was wurde aus denen, die nicht gesund und jung und gebildet waren?

Die blieben dort! Wir erfuhren überhaupt nicht, um welche Länder es ging. Man sagte uns, morgen früh kommt ein Bus der UNO. Dann wurden wir zum Flughafen gebracht und waren gespannt, wer uns dort in Empfang nehmen würde. Wir sahen, dass es ein Schweizer Flugzeug war, und erfuhren so, wohin es ging. In diesen Stunden habe ich mich etwas gefühlt wie ein Tier auf dem Markt, so wie sie uns von der einen Seite und von der anderen beschaut haben. Aber gut, es ging um unser Leben! Wir haben uns nicht beschwert, dass man uns so behandelte. Wir hatten immer noch Angst, auch dort in dem Flüchtlingslager. Ich glaube, das war eine der wenigen Situationen in meinem Leben, in denen ich mich nicht gewehrt habe. Obwohl es viel Grund dazu gegeben hätte.

Wie sind Sie in der Schweiz empfangen worden?

Uns war kalt, und wir sind alle erst einmal krank geworden (sie lacht). Untergebracht wurden wir in einem Hotel in Pully bei Lausanne, wo wir anderthalb Monate blieben. In den ersten Wochen durften wir das Haus nicht verlassen. Ich erinnere mich, dass da alte Spanier kamen, die den Bürgerkrieg mitgemacht hatten und in der Schweiz lebten. Sie interessierten sich nun für uns und unsere Geschichte. Die Polizei ließ sie in den ersten Wochen nicht zu uns, wir wurden isoliert. Die Angst vor uns Roten war einfach riesig.
Über Weihnachten 1973 waren wir bei einem Kinderarzt in Genf. Es hatte nämlich eine Kampagne gegeben, dass Familien über Weihnachten Flüchtlinge aufnehmen sollten. Das war wunderbar. Er konnte Spanisch, und er hat meine Tochter, die eine Mittelohrentzündung bekam, gleich versorgt.

Wie erhielten Sie Ihr Asyl?

Das ging ganz einfach. Ich war unter den 200 Flüchtlingen, die mit dem Kontingent des Schweizer Bundesrates aufgenommen wurden. Wir waren unter den ersten, die aus Chile kamen.

Wenig später kam dann die so genannte Freiplatzaktion [siehe Kasten, Anm.d.R.] zustande. Erinnern Sie sich daran?

Ja, die war sehr wichtig. Dabei machte die Polizei den Flüchtlingen viele Probleme, denn die waren ja quasi illegal ins Land gekommen und baten dann hier um Asyl. Die meisten kamen über italienische Flughäfen und reisten über die Tessiner Grenze ein. Dort wurde streng kontrolliert. Eine schwierige Zeit.

Wie gestaltete sich Ihr Kontakt zu Kollegen, zu Nachbarn?

Zunächst lief das sehr schlecht, ich konnte mich ja überhaupt noch nicht verständlich machen. Französisch lernte ich erst später, dann war es kein Problem mehr. Viele Leute verhielten sich sehr ablehnend. Und wir wurden genau kontrolliert! Unsere Nachbarn wurden aufgefordert, zu melden, was ihnen auffiel – zum Beispiel, ob wir Besuch erhielten. Einmal kam ein Ehepaar zu Besuch, chilenische Flüchtlinge, die in Schweden Asyl erhalten hatten. Nachdem sie zwei Wochen da waren, kam die Polizei und teilte ihnen mit, dass sie am nächsten Tag abreisen müssten.
Auf der anderen Seite gab es auch Menschen, die uns halfen. Das Protestantische Sozialzentrum in Moutier hat uns sehr unterstützt. Sie besorgten uns Flüchtlingen im Ort eine bessere Wohnung, und ich begann dann auch, Kurse zu besuchen. Sie überzeugten mich endlich, dass es gut wäre, etwas für meine Bildung zu tun, die Sprache zu lernen, mich mit meiner neuen Umgebung zu beschäftigen. Das hat lange gedauert.

Warum? Wenn Sie sich bis dahin nicht integrieren wollten – hatten Sie dann den Wunsch, so bald wie möglich nach Chile zurückzukehren?

Nein. Wenn ich zurückgekehrt wäre, wäre ich mit Sicherheit verhaftet worden. Das war keine Perspektive. Ich sah überhaupt keine Perspektive, das war ja das Problem. Denn auch der Aufenthalt in der Schweiz öffnete mir keine Fenster. Zunächst habe ich mich nur in meinen vier Wänden wohl gefühlt, ich wollte sonst vom Land nichts wissen. Ich suchte nichts! Ich hatte Frieden, hatte Ruhe. Es gab dann eine Gruppe von Jugendlichen, die sich um uns kümmerten. Es waren nur ein paar wenige, aber sie kamen immer wieder, setzten sich zu mir an den Tisch, unterhalten konnten wir uns nicht, aber sie kamen wieder. Ich machte ihnen Tee oder Kaffee.

Haben denn die Behörden Versuche unternommen, Sie zu integrieren?

Uns Flüchtlingen wurde nicht klar gemacht, was wir von der Schweiz erwarten konnten und was nicht. Die Lebensumstände hier waren uns überhaupt nicht vertraut. Da gab es so skurrile Szenen wie bei einer Freundin, bei der irgendwann der Mann von den Rundfunkgebühren vor der Tür stand und eine Nachzahlung für die letzten zwei Jahre verlangte. In Chile zahlte man damals überhaupt keine Rundfunkgebühren, jeder hatte so viele Geräte wie er wollte. Sie hat sich furchtbar aufgeregt und ihr Radio zum Fenster hinausgeworfen.
Aber das gilt auch für wichtige Themen. Zum Beispiel hätte man uns klar machen können, dass wir besser leben könnten, wenn wir einen Job haben. Die Abhängigkeiten, sei es von einem Mann, der das Geld verdient, oder von einer Behörde, die einen versorgt, die waren sehr unangenehm in diesem fremden Land. Auch dem Protestantischen Sozialzentrum gegenüber fühlte ich mich etwas unwohl, weil ich von ihnen etwas erhielt, was ich nicht selbst verdient hatte. Erst als ich dann selbst gearbeitet habe, hat sich das langsam geändert.

Haben Sie dann nach Ihren Kursen Arbeit gefunden?

Ich fand hier etwas, in unserem Dorf. Sie fragten zum Glück nicht, woher ich kam. Sie brauchten jemanden, ich brauchte Arbeit, also fing ich an. Bei der ersten Lohnauszahlung wollten sie meine Papiere sehen, und ich zeigte ihnen meinen Flüchtlingspass. Das war eine echte Katastrophe. Ich bin sicher, sie hätten mich nicht dabehalten, wenn sie mich nicht unbedingt gebraucht hätten. Sie hatten vor uns Flüchtlingen aus dem kommunistischen Chile eine riesige Angst – dass wir Gewerkschaften gründen könnten, dass wir die Beschäftigten kommunistisch beeinflussen würden und so weiter. Dass wir unsere Revolution nun hier machen würden, wo sie in Chile gescheitert war.

Dieses Interview ist Teil einer fortlaufenden Reihe, die sich mit der lateinamerikanischen Realität in der Schweiz beschäftigt – sowohl historisch als auch aktuell. Ziel ist es, ein breites Spektrum lateinamerikanisch-schweizerischer Themen zu betrachten und darüber kritisch zu berichten.

KASTEN:
Die Freiplatzaktion

Beim Ungarn-Aufstand 1956 und dem sowjetischen Einmarsch in Prag 1968 war die Schweizer
Exekutive, der Bundesrat, noch umstandslos bereit gewesen, Tausende von Flüchtlingen aufzunehmen. Anders 1973: Die Menschen aus Chile flohen schließlich nicht vor einem kommunistischen Regime, sondern waren selbst Linke. Erst unter massivem Druck sagte der Bundesrat ein Kontingent von 200 Flüchtlingen aus Chile zu, angesichts der Tausenden Verfolgten in Chile ein Hohn. Im Dezember 1973 riefen engagierte Schweizerinnen und Schweizer deshalb alle politischen und kirchlichen Gemeinden auf, je fünf Plätze für politische Flüchtlinge aus Chile zur Verfügung zu stellen. Binnen kürzester Zeit wurden „Freiplätze” für 3000 Flüchtlinge zugesagt, obwohl sich viele Gemeinden verschlossen und sich die großen kirchlichen Hilfswerke querstellten. Die Swissair verweigerte anfangs Flüchtlingen die Beförderung, und der Bundesrat erließ, nachdem die ersten fünf Menschen tatsächlich eingetroffen waren, eine Visumspflicht für Chileninnen und Chilenen. Bis in die achtziger Jahre konnten dennoch rund 2000 Flüchtlinge in die Schweiz gerettet werden – oft unter hohem Einsatz der „Freiplätzler”, die manche Flüchtlinge persönlich aus Chile herausholten.

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