DIESE WELT IST EIN HUNGRIGER MENSCH

Politicalpari, das neue Album der argentinischen Rapperin Sara Hebe ist als empowernder Soundtrack eine Kampfansage an die Welt der alten, sich an ihre Macht klammernden Männer.
Das vierte Album der Künstlerin verschmilzt Reggaeton-Slang und Politik zu einer Party in zwölf Tracks. Das Album ist ein Aufruf zur Organisation, zur Kollektivbildung gegen die Vereinzelung und das Gefühl des Verlorenseins. „Ich möchte diesen Planeten verlassen, aber ertrage ihn weiter. Etwas muss geschehen, damit er sich ändert, diese Welt ist ein hungriger Mensch“ singt Hebe in „Urgente“ („Dringend“) um dann in „Rayan“ Kritik an der Sicherheitsgesellschaft in die Liebeserklärung an eine Stewardess zu verpacken und nebenbei das Recht auf Bewegungsfreiheit für alle Menschen einzufordern.


Seit Beginn ihrer Laufbahn bedient sich Sara Hebe Elementen verschiedener Stile

Seit über zehn Jahren ist Sara Hebe Teil der Hip-Hop-Landschaft in Argentinien. 2009 veröffentlichte die aus dem patagonischen Chubut stammende Sängerin ihr erstes, selbst produziertes Album La hija del loco („Die Tochter des Verrückten“), welche bereits einige ihrer bekannten Lieder, wie Tuve que quemar („Es musste brennen“) enthält. Die früheren Songs waren noch auf im Internet gefundenen Tracks gerappt. Seit dem zweiten Album Puentera zeichnet sich ihr Sidekick Ramiro Jota, Beatmaker und Produzent, der gelegentlich auch an Gitarre und Bass unterstützt, für die musikalische Basis verantwortlich. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger und Perkussionist, Edu Morote, begleitet er Hebe wieder auf der aktuellen Tour.
Seit Beginn ihrer Laufbahn bedient sich Sara Hebe Elementen verschiedener Stile. Mit Leichtigkeit findet sie dabei eine den Inhalten angemessene musikalische Form: so beschwört ein antifaschistischer Cumbia eine soziale Bewegung namens El Deseo („Der Wunsch“) herauf. Im Reaggeton La noche („Die Nacht“) wird, gemeinsam mit der paraguayischen Sängerin Mi$$il, der Nacht und der in ihr zelebrierten Feste gehuldigt. Ignatia, ein rotzig-elektronischer Punkrocksong erinnert an eine gescheiterte Beziehung.
Sara Hebes Verse, von auf an Wände gesprayten Sprüchen und auf Demos skandierten Parolen inspiriert, finden wiederum den Weg zurück auf die Straße, beispielsweise auf Banner feministischer Großdemos. Sie besucht Orte sozialer Kämpfe, um mit dem Aktivist*innen und Betroffenen ins Gespräch zu kommen und sie zu unterstützen.
ACAB (Cinco puntos) beinhaltet einen der stärksten, eindrücklichsten Verse des Albums: „Niemand begeht Selbstmord in einer Polizeistation, ich würde eher abtreiben, als einen Sohn zu haben, der Polizist wird.“ Die Wut erklärt sich aus den selbst erfahrenen Demütigungen und den von der Polizei getöteten Freund*innen. Auch findet sich eine Anspielung auf den Aktivisten Santiago Maldonado, der im August 2017 während Protesten im Mapuche-Gebiet gewaltsam verschwunden gelassen worden war. Ein Teil des Songs steuert die queere Rapperin Sasha Sathya bei, die ebenfalls auf einen reichen Erfahrungsschatz schlechter Erlebnisse mit der Ordnungsmacht zurückgreifen kann.
Das Album erscheint beim katalanischen Label Propaganda Pel Fet und wurde vorab frei zugänglich auf Youtube veröffentlicht. Politicalpari schließt über den trashig angehauchten Dancehalltrack MMQTF, mit No te dejes („Hör nicht auf“) – ein letzter Aufschrei gegen die Resignation, auch wenn alles den Bach runtergeht.

DEN SCHMERZ WEG TANZEN

Schon die ersten Takte des neuen Albums von La Yegros laden mit einem fetten, basslastigen Beat zum Tanzen ein. Beinahe 40 Minuten dauert dieses Fest namens Suelta, eine explosive Mischung aus südamerikanischer Folklore, angereichert mit Elementen elektronischer Musik. Suelta el dolor, den Schmerz loslassen, darum geht es.

La Yegros ist vor allem Mariana Yegros, aufgewachsen in Morón, einem Vorort von Buenos Aires und nun im südfranzösischen Montpellier wohnhaft. Ihre Eltern stammen aus der an Paraguay und Brasilien grenzenden argentinischen Provinz Misiones und brachten sie früh mit der dort typischen Folklore in Kontakt. Wohl auch deshalb ist die Sängerin, die gerne als Königin des digitalen Cumbias bezeichnet wird, nicht nur auf diesen Stil limitiert. Auch andere Varianten der nordargentinischen Folklore, wie Chamamé, Carnavalito, Huayno und Chacarera sind in ihrer Musik präsent. Der von treibender Percussion, Charango, Akkorden und andinden Flöten getragene Sound wird von den elektronischen Klängen gelungen ergänzt. Zwischendurch klingen auch rockige Töne durch, wie im kämpferischen Sube la Presión. Cuando, ein Lied, welches in zwei verschiedenen Arrangements vertreten ist, erinnert in der von Streichern dominierten, das Album abschließenden Version ein wenig an einen französischen Chanson.

La Yegros singt von klassischen Themen der Folklore, wie der Schönheit der Natur, von den Anden bis in die Selva, dem Tanzen oder der Liebe. Manchmal ist die Stimmung melancholisch, aber nie verzweifelt, eher kämpferisch. Dabei sticht besonders das feministische Tenemos Voz hervor, welches die schottische Musikerin Soom T. durch einen ungewöhnlichen, da englischsprachigen, Rap-Part bereichert. Unterstützt wird La Yegros von ihrem argentinischen Produzenten Gaby Kerpel, unter dem Namen King Coya als Urgestein der elektronischen Folklore bekannt. An Suelta wirken darüber hinaus Eduardo Cabra, besser bekannt als Visitante vom puerto-ricanischen Duo Calle 13, und Jori Collignon von der südafrikanisch-niederländischen Band Skip&Die als Gastproduzenten mit. Auch Daniel Martín, Komponist von La Yegros’ bekanntestem Lied Viene de mi, steuert wieder einige Songs bei. Das Album erscheint auf ihrem eigenen Label Canta la Selva. Sehenswert sind übrigens auch die aufwendig gestalteten Musikvideos, im Besonderen das zu Tenemos Voz, in dem ein reales Wandgemälde trickfilmmäßig zum Leben erweckt wird.

Vor allem aber ist La Yegros eine Liveband, die in den sechs Jahren ihres Bestehens bereits unzählige Konzerte in über zwanzig verschiedenen Ländern gespielt hat. Ihre ausgedehnte Tour, die sie erst quer durch Europa und dann Südkorea führt, hat bereits begonnen. In Deutschland gibt La Yegros drei Konzerte. Am 27. April in Kassel, am 7. Mai in Berlin und am 25. Juli in Würzburg. Wer ein bisschen loslassen möchte, dem sei ein Besuch empfohlen.

 

La Yegros´ Konzerte in Deutschland im Sommer 2019:

07.05. Berlin @ Gretchen, Support: Louie Prima, Event: https://www.facebook.com/events/313326652647004/

25.07. Würzburg @ Hafensommer Würzburg, Link: https://www.hafensommer-wuerzburg.de/programm/programm-details/latina-beatz-somos-guerreras-la-yegros.html

16.07. Stuttgart @ Sommerfestival der Kulturen, Link: https://sommerfestival-der-kulturen.de/