
Zwischen Soundcheck und Konzertbeginn huscht Barbi Recanati an diesem Sommernachmittag aus dem Badehaus auf dem RAW-Gelände in Berlin. Im Hintergrund läuft Reggaeton, sie trägt ein T-Shirt mit der Anti-Atom-Sonne. Auf dem unverkennbaren gelben Kreis prangt der Schriftzug „Heterosexuality? Nein Danke.“ Es ist das dritte Mal, dass die argentinische Rockmusikerin in Berlin auftritt, „technisch gesehen“ sagt Barbi Recanati im Interview, „das erste Mal ist ewig her. 2007 war ich anderthalb Monate in der Stadt und habe viele Konzerte gespielt.“ Dieser Abend ist ihr erster Auftritt mit Band in der Stadt. In Argentinien ist Barbi Recanati seit vielen Jahren wichtiger Teil der alternativen Musikszene. Bekannt wurde sie als Sängerin der Band Utopians, die sich 2017 auflöste, seitdem ist sie solo unterwegs. Auf die Frage nach ihrem dritten Album Único y nuestro (Einzigartig und unser), das letzten Dezember erschienen ist (siehe LN 619) erzählt Recanati, dass ihnen der Sound ihres 2020 erschienen ersten Albums Ubicación en tiempo real (Live-Standort, siehe LN 550) so gut gefiel, dass sie diese Formel auf dem zweiten Album El final de las Cosas (Das Ende der Dinge) wiederholt hätten. „Dieses Mal wollten wir es anders machen und sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden.“ Juan Manuel Segovia und Tomás Molina Lera waren als Produzenten an dem einjährigen Schaffensprozess des Albums beteiligt und begleiten Barbi Recanati auf der Tour an Gitarre und Schlagzeug. Inés Copertino ergänzt die Band an Bass und Synthesizer.
Doch was ist dieses Einzigartige und Unsrige, das dem Album den Titel gibt? Recanati erzählt von der besonderen Stimmung, die in Argentinien auf ihren Konzerten entsteht. „Der größte Teil meines Publikums ist lesbisch. So kommen auch die nicht queeren Besucher in Kontakt mit queeren Räumen. Die Konzerte sind sehr politisch, wir sprechen viel von Aktivismus. Was dort geschieht ist sehr einzigartig und wir teilen es mit dem Publikum, es ist sehr unser. Das hat mehr mit dem Publikum als mit der Band zu tun.“ In Europa oder in Japan, wo sie auf einer Reise spontan in einem Plattenladen in Tokyo auftreten konnte, unterscheide sich das: „Dort kommen Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, die oft auf Reisen sind oder temporär an dem Ort wohnen. In Argentinien ist das anders. Obwohl das Land von Migration geprägt ist, geht auf Rockkonzerte hauptsächlich ein argentinisches Publikum. Aber etwas von dieser besonderen Atmosphäre bleibt auf der Tour erhalten. Und ein Rechtsextremer wird kaum auf das Konzert einer Band gehen, in der eine Lesbe singt.“ Im Podcast Lesboteca erzählt Barbi Recanati, wie sie sich mitten in der Pandemie in ihre jetzige Partnerin verliebt hat. „Das ist verrückt, denn meine Ästhetik, nur wenig femme, hat dazu geführt, dass ich mich eigentlich nur vor mir selbst outen musste. Die meisten Personen, die mich kannten, sind schon immer davon ausgegangen, dass ich lesbisch bin.“ Der Pogo, in dem ich mich wenige Stunden später wiederfinde, ist der lesbischste Ort, den ich seit langer Zeit erlebt habe. Der Anschlag auf den Berliner CSD liegt nicht lange zurück, ich denke daran und stelle berührt fest, wie sicher und wohl ich mich hier als queere Person fühle.
Auch abseits der Musik sorgt Barbi Recanati für queere und feministische Sichtbarkeit: sie arbeitet bei verschiedenen Sendungen des Radiosender Futurock FM mit und hat gemeinsam mit der ecuadorianisch-kolumbianischen Comiczeichnerin Powerpaola das Buch Mostras del Rock über vergessene Frauen in der Geschichte des Rocks veröffentlicht. Das von ihr mitgegründete Label GOZA verbreitet als digitale Plattform Musik von vor allem feministischen und queeren Künstler*innen.
In Argentinien, erzählt Recanati, sei die Musik ein wichtiger Ort für politischen Aktivismus. „Davon hat sich die neue Regierung bedroht gefühlt und den Kulturkampf ausgerufen.“ Was nach hinten losging, denn: „alle Konzerte sind politisch geworden“, sagt sie und erzählt, dass auf fast jeder Musikveranstaltung nun irgendjemand etwas gegen den Präsidenten rufen würde. Kurz zuvor hatten viele argentinische Künstlerinnen, auch solche, die sich sonst kaum politisch äußern, zu den Großdemonstrationen gegen das „Proyecto de Ley de Tierras“ (Gesetzentwurf zum Landverkauf an ausländische Investorinnen, siehe S. 28) aufgerufen. „Früher haben sich viele Musiker den Regierungen näher gefühlt und die Diskussionen fanden eher innerhalb der Gruppierungen statt. Heutzutage wirst du kaum einen Musiker finden, der auf einer Linie mit der Regierung ist. Die Diskussion findet mehr mit dem Außen statt und es gibt ein gemeinsames Unwohlsein, das alle verbindet. Niemand will, dass das Land verkauft wird.“
Das Konzert beginnt mit dem schleppenden „El sur“ (Der Süden). Vor der Bühne fast ausschließlich queere FLINTA (Frauen, Lesben, Inter Menschen, Nichtbinäre Menschen, Trans Menschen und Agender Menschen), die textsicher mitsingen oder Arm in Arm hüpfend die Melodien mitgrölen. Barbi Recanati, deren Insta Bio lautet „ich mache sehr lange Songs und tanze seltsam“ („ein Witz über Zeiten von TikTok und Spotify, in denen Songs kaum noch zwei Minuten dauern dürfen. Wir machen nicht unbedingt lange Lieder, aber manchmal gibt es eben einen zweiminütigen Instrumentalpart am Ende oder ein sehr langes Intro, wir liegen nicht im Trend“), hält ihr Versprechen und geht in verrenkten Bewegungen in der Musik auf wie das Publikum, die wir uns schwitzend schubsen, mit entrückten Blicken.
„Das ist ein Lied, perfekt um zu weinen und dabei zu tanzen, perfekt für Berlin“, kündigt Barbi Recanati „Mojarse en Invierno“ an und schwärmt später davon, dass Berlin ihre zweite Lieblingsstadt sei, nach Buenos Aires. Ihr einziger deutscher Satz: „Willst du ficken?“ führt zu einem zustimmenden Schrei einer Besucherin. Im Refrain des Songs „Submundo“ (Unterwelt) heißt es: „Ich will dich küssen / ich langweile mich / ändern wir die Welt / warum versuchen wir es nicht mit einer Unterwelt / einzigartig / unser“. Auch wenn diese Gemeinschaft temporär und fragil ist, etwas davon bleibt.


