
Sara, wie geht es dir, wie läuft die Tour?
Ich bin richtig müde und erkältet. Wir haben mehrere Konzerte in Argentinien gespielt und eines in Kolumbien. Ich möchte alles mitnehmen, was geht, das fordert seinen Preis. Dazu kommt, dass ich mit meinem wundervollen Baby auf Tour bin. Mit einem kaum acht Monate alten Kind zu touren, ist sehr anstrengend, aber es gibt mir auch unglaublich viel. Wir wollten diese Tour unbedingt machen, seit zwei Jahren waren wir nicht mehr in Europa. Es gibt da diesen Song von Flema, einer Punkband aus Argentinien, „Más feliz que la mierda“ („Glücklicher als die ganze Scheiße“).
Ausgerechnet am 12. Oktober spielst du. Wird das also ein antikoloniales Konzert?
Ja, ich muss noch überlegen, was ich dort sage. Wir sind an einem Zeitpunkt der Geschichte, an dem es so wirkt, als würde alles immer schlimmer werden. Es ist unangenehm, auf der Bühne zu stehen und davon zu sprechen, dass in Gaza ein Genozid geschieht, oder aus Argentinien zu kommen und an einem 12. Oktober in Europa zu spielen. Was soll ich sagen – in Richtung Gaza, um humanitäre Hilfe zu liefern, oder ich sage einfach nichts. Einfach nur seine Meinung zu sagen, wird banal. Natürlich werde ich nicht schweigen, aber dieses Gefühl löst einen Konflikt in mir aus.
Von dir als politischer Künstlerin wird erwartet, dass du etwas sagst…
Klar, und gerade haben wir in Argentinien eine Regierung, die eigentlich etwas noch viel Seltsameres als ultrarechts ist und das Land ausliefert. Der Präsident ist schlimmer als Trump, er ist gestört und gewalttätig. Also, was soll ich schon an einem 12. Oktober sagen, dem Tag der Kolonisierung der Amerikas. Wir sind in einem Moment des ‚rette sich wer kann‘ und ich kann mir nicht erlauben zu sagen, nein, ich spiele nicht in Europa an einem 12. Oktober. Vor allem jetzt, da ich eine Tochter habe. Es kommt mir vor wie ein Witz, die Geschichte dreht sich und in Argentinien sind wir wieder Kolonie, wie im Jahr 1800, bevor wir unabhängig wurden. So etwas könnte ich sagen.
Wir haben das letzte Mal 2019 gesprochen, am Ende der Macri-Regierung, als es so schien, als würden die Dinge besser werden. Und heute…
… ist alles etwas schlimmer, aber danach kommt etwas Besseres.
Wie betrifft dich die Situation in Argentinien als unabhängige Künstlerin?
Es betrifft uns alle, die Wirtschaftslage ist sehr seltsam. Was größer wird, sind die Ränder: die armen Menschen werden ärmer, die Mittelschicht fährt in den Urlaub. Ich war nie arm, aber habe weniger Kaufkraft. Was Kultur, Gesundheitsversorgung und öffentliche Bildung angeht, ist die Lage schlimmer. Die Regierung möchte alle Errungenschaften transfeministischer Kämpfe zunichtemachen. Es geht gerade darum, den Femizid wieder aus dem Strafrecht zu nehmen. Nach so vielen Kämpfen diskutieren sie wieder, ob sie, wenn jemand seine Partnerin umbringt, nicht eher von einem Verbrechen aus Leidenschaft sprechen.
Ein Diskurs aus einem anderen Jahrzehnt.
Klar, sie möchten zurück… aber immer, wenn eine Kraft auf einer Seite wirkt, stellt sich dem die gleiche Kraft auf der anderen Seite entgegen. Ich glaube, dass die transfeministische Bewegung die Kraft zurückerlangen wird, die zu Zeiten der progressiveren Regierungen verloren ging, in denen wir es uns zu bequem gemacht haben.
Sprechen wir ein bisschen über Musik. Du wurdest kritisiert für den musikalischen Wechsel von Rap und Punk auf Politicalpari (LN 540) zu Pop und Elektro in Sucia Estrella (LN 575).
Ich schenke der Kritik keine Beachtung, das ist mir egal. Mein nächstes Album ist schon fertig: elektronischer Pop, Dubstep, Drum’n’Bass, Rap, vor allem aber meinen eigenen, besonderen Stil: meine Texte, meine Art zu schreiben und zu singen. Ich rappe, ohne mich selbst als Rapperin zu bezeichnen. Aber ich habe zwei sehr Hiphop-lastige Singles veröffentlicht, „Jova“ mit Santa Salud, einer großartigen katalanischen Rapperin und „FLAM“ mit KLAN, einem befreundeten Rapper aus Argentinien. Meine letzte Single „Siegas“ ist ein Indierock-Song, der sich um die Blindheit dreht, die die sozialen Medien verursachen. Ich war schwanger, als ich das Lied schrieb, und habe mir die Liebe vorgestellt, die ich empfinden würde.
Gibt es Features anderer Künstler*innen auf dem neuen Album?
Ja, da ist Flor Linyera, die heute Abend auch auftritt, Dum Chica, eine sehr gute argentinische Rockband, dann ist da noch Malcriada, eine Digital-Punkband aus Mexiko, die ein bisschen wie Crystal Castles klingt, außerdem Barbi Recanati, noch eine argentinische Künstlerin. Nächstes Jahr im März erscheint das Album.
Deine Lieder sind weniger offensichtlich politisch, aber haben immer noch viel politischen Inhalt, du sprichst von Party, vom Konsum…
Ich werde immer die gleichen Songs spielen scheint mir… zu Beginn habe ich sehr explizit über Politik, Gesellschaft und Drogen gesprochen, aber ich möchte mich nicht wiederholen. In der Essenz sind es immer die gleichen, klassischen Themen: Leben, Tod, Leidenschaft. Ich denke, dass Konsum viel mit Leidenschaft zu tun hat, Leidenschaft viel mit der Liebe… ich würde gerne wie Shakespeare schreiben, all seine Werke sind Klassiker, weil sie von Geschichten, die mit dem menschlichen Wesen zu tun haben, erzählen. Shakespeare ist lange vorbei und jetzt haben wir zum Glück eine neue Welt. Ich versuche, diese zu entziffern und in jedem Buchstaben klassische Geschichten zu erzählen. Was wir als Menschheit fühlen, wird immer das gleiche sein, traurige und glückliche Leidenschaften, Affekte, die uns hemmen, die uns stärken. Wie uns die Welt der Produktion und Industrie unterdrückt, diese Fragen werden immer in meinen Texten sein.
In Deutschland verbreiten manche neoliberalen Politiker ein positives Bild von Milei, sie sehen nur, dass die Inflation sinkt – nicht die Armut der Menschen.
Milei ist echt der Schlimmste. Aber er wird fallen. Die Medien verbreiten so viele Unwahrheiten, wen kümmert die Inflation, die gibt es seit zwei Jahren auf der ganzen Welt. In Argentinien hatten wir sie schon immer, aber wir haben eine Auseinandersetzung um Menschenrechte, die es an keinem anderen Ort der Welt gab, das ist wichtig.
Hast du noch eine letzte Botschaft an die Personen, die uns lesen und die dich hören?
Wir sollten uns nicht so sehr auf die Zukunft festlegen, wir müssen im Hier und Heute weitermachen, neue Formen erfinden, und nicht die Zeit damit verschwenden, so viel von Politikern und Regierungen erwarten. Die wichtigen Fragen sind andere, es geht um Solidarität zwischen uns – und darum, dass sie weiterhin meine Musik hören (lacht).








