WO KOMMT DIE KOHLE HER?

Die Steinkohlemine El Cerrejón Fast die gesamte hier geförderte Kohle wird nach Europa exportiert (Foto: Tanenhaus via commons.wikimedia.org, CC BY 2.0)

Anfang Oktober protestierten in Deutschland verschiedene Gruppen unter dem Namen deCOALonize Europe für einen weltweiten Kohleausstieg. Das Bündnis führte unter anderem in Dortmund, Hamburg und Bremen Demonstrationen und Blockaden durch. Es fordert einen vollständigen Ausstieg aus der Verstromung von Kohle – als ersten Schritt in Richtung Klimagerechtigkeit. Denn ein europäischer Ausstieg aus der Kohleförderung verlagert den Kohleabbau nur in andere Regionen. Steinkohletagebaue weiten sich dort aus, wo sie häufig nicht sichtbar sind: Der Tagebau El Cerrejón, im Norden Kolumbiens, ist die größte Mine Lateinamerikas und mittlerweile die größte Steinkohlegrube der Welt. In Europa wird die Kohle verstromt und CO2 in die Atmosphäre freigesetzt, doch die Folgen spürt man in Europa wesentlich schwächer als vor Ort. Die, die von der Kohle profitieren, sind nicht die, die unter den Folgen leiden.
Dabei ist der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromgewinnung in Kolumbien überraschend hoch: Allein die Wasserkraftwerke liefern 85 Prozent der elektrischen Energie. Gleichzeitig wird in Kolumbien Steinkohle gefördert wie sonst nur in den USA oder Russland. 2017 wurden in La Guajira und der südlicheren Region Cesar knapp 90 Millionen Tonnen aus der Erde geholt. Fast die gesamte Steinkohle wird exportiert. Der Kohletagebau El Cerrejón und andere Minen gehören meist multinationalen Konzernen, die diese Kohle aus dem nahe gelegenen Karibikhafen Puerto Bolívar direkt nach Europa verschiffen lassen. Auch nach Deutschland, wo Energiekonzerne wie RWE, E.ON und Vattenfall sie zur Stromgewinnung nutzen.

Der europäische Kohleausstieg verlagert den Kohleabbau und seine fatalen Folgen nur in andere Regionen

Die Bewohner*innen der Dörfer rund um die Mine El Cerrejón leiden unter ständigen Sprengungen, verschmutztem Regenwasser und der Belastung durch Schwefelsäure im Río Ranchería. Auch Räumungen ganzer Gemeinden für den Kohleabbau und paramilitärische Gruppen sind eine ständige Bedrohung. Nicht nur die unmittelbaren Folgen setzen dem Land zu, denn die Kohle kommt in anderer Form zurück. Die Verstromung von Steinkohle ist ebenso ineffektiv und dreckig wie die von Braunkohle: Um die gleiche Menge Energie zu gewinnen, wird bei der Verbrennung von Steinkohle im Vergleich zum Diesel 40 Prozent mehr CO2 freigesetzt. Damit ist die Steinkohle ein Anheizer des Klimawandels. Laut den Vereinten Nationen ist Kolumbien einer der extrem betroffenen Staaten. Mindestens die Hälfte der Fläche ist besonders anfällig für klimatische Veränderungen. Weite Teile der küstennahen Gebiete liegen nur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel und werden bereits jetzt häufig überflutet. Gleichzeitig schmelzen die Andengletscher, deren Abflüsse die Bevölkerung seit Jahrhunderten mit sauberem Wasser versorgen. In La Guajira wird letzteres knapp – auch wegen des Kohleabbaus. Allein die Mine El Cerrejón verbraucht täglich 17 Millionen Liter Wasser. Im Rahmen der Proteste von deCOALonize Europe im Ruhrgebiet sagte die kolumbianische Aktivistin María Fernanda Herrera Palomo gegenüber der Online-Zeitung scharf-links.de dazu: „In La Guajira schützen indigene Wayuu und afrokolumbianische Gemeinden den für sie lebensnotwendigen Fluss Arroyo Bruno vor der Zerstörung durch den Kohleabbau. Wir schließen uns mit unseren Aktionen diesen mutigen Kämpfen an. Deshalb blockieren wir hier die Blutkohle.“

Über 19 indigene und afrokolumbianische Gemeinschaften wurden für den Tagebau von El Cerrejón zwangsumgesiedelt


Klimagerechtigkeit ist ein schwer greifbarer Begriff. Am Rande von El Cerrejón haben die Menschen den Zusammenhang verstanden: Hier wird die Kohle abgebaut und die Landschaft zerstört, ihre Lebensgrundlage verschwindet. „Ich wünsche mir, dass die Menschen in Deutschland sich bewusst werden, wo die Kohle herkommt, die sie konsumieren. Und über die Konsequenzen“, zitiert deCOALonize Europe Luz Ángela Uriana Epiayu, Bewohnerin eines Dorfes am Rande des riesigen Tagebaus. Über 19 indigene und afrokolumbianische Gemeinschaften wurden für den Tagebau von El Cerrejón zwangsumgesiedelt, oft mit brachialer Gewalt. Die Entschädigungen ersetzen nicht den Verlust der Lebens- und Einkommensgrundlagen. Wirtschaftliche und soziale Strukturen werden zerstört, ehemalige Kleinbauernfamilien landen in Vorstadtsiedlungen. Wer sich wehrt, muss in La Guajira mit Morddrohungen rechnen.
Das zeigt das Beispiel der Fuerza de Mujeres Wayuu, der Organisation der indigenen Wayuu-Frauen. Im April 2019 erhielten sie von Paramilitärs der Águilas Negras (Schwarze Adler) Drohbriefe. In Cesar wurden allein zwischen 1996 und 2006 59.000 Menschen vertrieben und 2.600 ermordet. Vor Gericht bestätigten die paramilitärischen Milizen in vielen Fällen, dass sie von Drummond, einem der Minenbetreiber, beauftragt wurden. „Die Morde und die Finanzierung paramilitärischer Einheiten stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. Arbeiter klagen regelmäßig über fehlende Gewerkschaftsfreiheit, zu lange Arbeitszeiten und schlechten Gesundheitsschutz“, so Alirio Uribe, Menschenrechtsanwalt in einer Informationsbroschüre von deCOALonize Europe.
Diese Zustände sollen auch in Europa nicht länger unbekannt bleiben. Anfang Oktober gelang deCOALonize ein erfolgreicher Schritt: An verschiedenen Orten in Deutschland blockierten sie Kohleinfrastruktur. In Hamburg blockierten 200 Aktivist*innen den Zugang zum Kraftwerk Moorburg mit Kanus. In Nordrhein-Westfalen störten Aktivist*innen mit der Besetzung eines Krans den Betrieb des Trianel Steinkohlekraftwerks Lünen und organisierten gemeinsam mit Fridays for Future eine Fahrraddemo in Dortmund. „Das Klimapaket beweist wieder, dass die Bundesregierung lieber kapitalistische Interessen bedient, als Antworten auf die bevorstehende Klimakatastrophe zu finden“, sagt Aktivistin Jennifer Schneiders aus Hamburg. „Und es ist unsere Verantwortung, uns dem mutigen Widerstand in den Abbauregionen anzuschließen und hier den sofortigen Kohleausstieg zu fordern“, ergänzt ihre Mitstreiterin Lina Ottner. Die Bewohner*innen um El Cerrejón werden diese Worte sicher gerne hören.

 

DER FRIEDE MUSS ZUNÄCHST ZUHAUSE HERGESTELLT WERDEN

Welche Position hat Fuerza de Mujeres Wayuu zum Friedensabkommen?
Wir als Organisation unterstützen das Friedensabkommen. Was wir gesehen, gelesen und woran wir teilgenommen haben, lässt uns daran glauben, dass die Guerilla demobilisiert werden kann, dass die Guerilla ihre Waffen abgeben wird. Durch die UNO gibt es auf internationalem Niveau eine Garantie, dass andere Länder den Prozess begleiten. Wir wissen, dass noch einige Themen fehlen, aber wir glauben, dass das Friedensabkommen mit der Zeit vervollständigt wird. Ich bin der Meinung, dass das Abkommen bereits sehr weit geht und die Rechte vieler Gruppen, wie die der Indigenen, einbezieht. Jetzt wird es anders sein als bei der Demobilisierung der Paramilitärs. Das war fiktiv, es gab keine Kontrolle. Außerdem gab es keine Volksabstimmung.

Wie beurteilen Sie den Ausgang des Referendums?

DERIS PAZ
ist Aktivistin bei der indigenen Organisation Fuerza de Mujeres Wayuu. Sie ist Mitbegründerin der Organisation der Wayuu im nord-östlich gelegenen Verwaltungsbezirk La Guajira. Die Sozialarbeiterin versteht sich als Menschenrechtsverteidigerin. Fuerza de Mujeres Wayuu sieht sich als Plattform verschiedener Gemeinden. Die Koordinator*innen arbeiten zu juristischen Fragen, dem Empowerment von Frauen und Themen wie Bergbau, Wasser und Bildung. (Foto: privat)

Wie bereits gesagt, haben wir, die sozialen Organisationen und Opfer des bewaffneten Konflikts, die Hoffnung, dass wir Frieden erlangen. Das Ergebnis war unglaublich knapp: 18,26 Prozent der Gesamtbevölkerung hat für „Ja“ und 18,42 Prozent für „Nein“ gestimmt; 63,32 Prozent der Bevölkerung enthielten sich, wahrscheinlich weil es einen Mangel an Klarheit und Bildung gab, den die Regierung nicht realisiert hat. Wir können nicht leugnen, dass das Ergebnis der Wahl demotiviert, aber unser Ziel ist weiterhin für den Frieden anzutreten und uns weiter an den Verhandlungstisch zu setzen. Obwohl nichts sicher ist, führen wir unsere Arbeit fort, um unsere Position als Konstrukteurinnen des Friedens zu festigen.

Welche Arbeit hat die Organisation während des bewaffneten Konflikts geleistet?
Die Indigenen mussten während des bewaffneten Konflikts in La Guajira viele falsos positivos (als „falsche Erfolge“ werden die willkürlich ermordeten Zivilist*innen bezeichnet, Anm. d. Red.) erfahren. Ein Wayuu wurde ermordet und dann als Soldat oder guerillero angezogen, um es so aussehen zu lassen, als ob La Guajira ein strategisches Gebiet für illegal bewaffnete Gruppen wäre. Indigene wurden bedroht und wenn sie nicht gingen, umgebracht. Viele wurden vertrieben. Unsere Arbeit bestand also darin, den Leuten zu erklären, wie sie ihre Vertreibung anzeigen und verhindern können. Die Paramilitärs haben die Arbeit der Fuerza de Mujeres Wayuu erkannt und sind dann in die Gemeinden gekommen und haben die Unterlagen zerrissen. Schließlich musste auch unsere Organisation den Bezirk verlassen.

Was ist Ihre persönliche Erfahrung?
Mich hat es auch getroffen, ich musste für acht Jahre in einen anderen Bezirk gehen. Sie ermordeten einen meiner Onkel, damit ich meine Arbeit einstelle. Sie wollten auch meine Schwester umbringen und wir mussten innerhalb von zwei Stunden verschwinden. Wir Frauen, die vertrieben wurden und sogar im Opferregister (Registro Único de Víctimas) registriert sind, haben unsere Arbeit nicht aufgegeben. Aber die Regierung hat uns bisher nicht garantiert, dass wir in unsere Territorien zurückkehren können.

Sie haben gesagt, dass Sie nun optimistisch sind, aber auch Punkte im Friedensabkommen offenbleiben. Können Sie dafür Beispiele geben?
Ein wichtiges Thema, das uns Sorgen bereitet, ist die Frage des Bergbaus. Wie das Problem des Bergbaus in La Guajira in den indigenen Gemeinden verdrängt wird. Für uns ist nämlich klar und wir wussten, mit dem Bergbau im Territorium gibt es keinen Frieden. Wir sagten das und wussten auch, dass die ersten Schritte gemacht werden müssen, indem man die Guerilla entwaffnet. Dann können weitere Abkommen gemacht werden. Denn der Bergbau ist ein Thema, das uns sehr schadet.
Sie sind aktiv gegen den Kohleabbau in El Cerrejón. Inwiefern schadet Ihnen der Tagebau?
Ja, El Cerrejón ist ein Beispiel für unsere Arbeit gegen den Bergbau. Wir führen aktuell einen Kampf, damit der Fluss Ranchería nicht umgeleitet wird. Der Fluss versorgt alle indigenen Gemeinden der Wayuu mit Wasser. Er ist unsere einzige Wasserquelle, aber El Cerrejón möchte den Fluss umleiten, weil es darunter die beste Steinkohle gibt.

Wie reagiert das Unternehmen auf Ihren Widerstand?
Wir haben uns nie mit El Cerrejón zusammengesetzt. Sie haben uns darum gebeten, da sie gesehen haben, dass wir gegen sie sind. Sie wollen wissen, was Fuerza de Mujeres Wayuu will. Wir sagen, wir wollen nur, dass es keinen Bergbau gibt. Dass sie gehen. Wir wollen keine Art des Dialogs mit dem Unternehmen, weil es eine Annäherung wäre. Damit würden wir den Bergbau unter einigen Bedingungen akzeptieren. Aber wir haben eine klare Position: Wir wollen keinen Bergbau. Statt den Gemeinden etwas zu nützen, brachte der Bergbau uns Schäden für die Umwelt, Armut, Anstieg von Krankheiten und Lärmbelastung.

Würden Sie immer noch sagen, dass es mit Bergbau keinen Frieden gibt?
Ja, klar. Es kann sein, dass es bald keine bewaffneten Gruppen mehr gibt, aber wir erfahren immer noch Verschmutzung, sie sind dabei uns unsere Wasserquelle zu nehmen. Wir sind uns bewusst, dass Dinge fehlen und wir haben die Hoffnung, dass wir sie auf diesem Weg in Ordnung bringen können.

Was ist sonst noch für die Schaffung des  Friedens nötig?
Der Bezirk La Guajira wusste immer, dass der multinationale Konzern und die Paramilitärs Alliierte sind. Die Wayuu haben das Problem, dass unser Gebiet militarisiert ist, weil die Interessen der Multis gesichert werden. Einen weiteren Kampf führen wir dafür, dass die privaten Sicherheitskräfte abgezogen werden. Sie beschützen uns nicht, wir fühlen uns durch sie bedroht.

Was glauben Sie, wird jetzt passieren?
Jetzt wird es sich ein wenig beruhigen. Wir denken, dass plötzlich die „gewöhnliche“ Kriminalität ansteigen kann, da angenommen wird, dass es keine Paramilitärs mehr gibt. Der ehemalige Präsident Álvaro Uribe Vélez könnte die kriminellen Gruppen bewaffnen. Das wäre eine Aktion des Expräsidenten, um das Volk anzugreifen. Ich glaube an die Entwaffnung der Guerilla, aber in irgendeinem Moment könnten die kriminellen Gruppen wieder bewaffnet werden.

Welche Rolle spielen internationale Netzwerke für den Kampf gegen die Kohle, oder insgesamt für Klimagerechtigkeit?
Wir haben auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Organisationen Allianzen. Einige kümmern sich nur darum, all die Auswirkungen, die die Kohle abbauenden multinationalen Konzerne in La Guajira erzeugen, international sichtbar zu machen. Wenn diese sagen, dass sie die realen Auswirkungen nicht kannten, sollen sie diese durch unsere Partner kennenlernen.

Wenn die zerstörerischen Auswirkungen öffentlich gemacht werden, welche Handlungen erwarten Sie in Deutschland?
Wir wissen, dass Deutschland eines der Länder ist, das Kohle aus Kolumbien kauft. Die Idee ist, den Menschen bewusst zu machen, was für Konsequenzen das für unsere indigenen Gemeinden hat. Den Leuten zu sagen, dass der Bergbau viel Umweltverschmutzung, viele Krankheiten und Vertreibung gebracht hat. Wir haben nur Nachteile, während andere Personen einen Nutzen haben. Wir wollen in diesem Moment, dass Deutschland sich eine Strategie überlegt, um keine Kohle mehr kaufen zu müssen. Dass auch in Deutschland gesagt wird: Nein zum kolumbianischen Bergbau. Nein zu kolumbianischer Kohle. Und ja zum Buen Vivir und dem Überleben der indigenen Völker.

In Deutschland gibt es zivilgesellschaftlichen Anti-Kohle-Protest, wie beispielsweise das Bündnis Ende Gelände. Was wünschen Sie sich von solchen Bewegungen?
Eine Möglichkeit ist, uns in die Debatten mit einzubeziehen. Außerdem sind die Medien wichtig. Ich glaube, es reicht nicht, nur privat darüber zu sprechen. Wir müssen einen gemeinsamen Kampf beginnen, mit Zusammenschlüssen zwischen Zivilgesellschaft, Gewerkschaften, Unternehmen und Menschenrechtsorganisationen, um so aufzuzeigen, was in den indigenen Gemeinden passiert. Wenn Deutschland aufhört, kolumbianische Kohle zu kaufen, gerät El Cerrejón in eine Krise. Es muss ein Kampf der Allianzen sein, denn alleine werden wir es nicht können.

Welche Rolle haben Frauen bei Ihrem Widerstand? Beziehungsweise, welche Beziehung sehen Sie zwischen Feminismus und dem Widerstand gegen Extraktivismus?
Kulturell sind wir Frauen in den Gemeinden Vermittlerinnen des Konflikts, des Dialogs. Gleichzeitig sind wir unserer Rolle als Fuerza de Mujeres Wayuu gerecht geworden, indem wir andere Frauen empowert haben. Und wir sahen ein Ergebnis: Wir sehen das Empowerment der Frauen in den Gemeinden: Frauen, die vorher nicht von Rechten gesprochen haben und diese nicht kannten, partizipieren nun und verteidigen ihre Rechte. Ich weiß nicht, ob wir Feministinnen sind. Ich habe es nie gesagt, weil ich kein klares Konzept vom Feminismus im Kopf habe. Ich weiß nur, dass ich eine Frau bin, die die Menschenrechte und Rechte von Frauen und der Wayuu verteidigt. Ich weiß nur, dass ich eine Frau bin, die Teil einer Organisation ist, die ihr Territorium verteidigen möchte. Und natürlich ist es mir als Frau wichtig, damit weiterzumachen: mehr Frauen auszubilden und zu orientieren. Je mehr ausgebildete Frauen es gibt, desto mehr wird der Bezirk La Guajira vorankommen.

Wie verstehen Sie denn die Arbeit als Vermittlerin?
Immer Frieden herstellend. Wir sind überzeugt, dass bevor Frieden in Havanna geschaffen wird, bevor er mit der Regierung geschaffen wird, der Frieden zuhause hergestellt wird. Frieden wird hergestellt beim Kaffee kochen überm Lagerfeuer oder wenn ich eine Tasche mache. Mit meinen Gedanken stelle ich Frieden her. Deshalb sind wir überzeugt, dass wir auch zum Frieden beitragen, wenn wir die Wayuu bilden.

HUNGER UND WASSERMANGEL

Lange Wege: In vielen Orten von Alta Guajira fehlt Zugang zu Trinkwasser (Foto: Carolina L. Mosquera CC Y-NC-ND 2.0)
Lange Wege: In vielen Orten von Alta Guajira fehlt Zugang zu Trinkwasser (Foto: Carolina L. Mosquera CC Y-NC-ND 2.0)

Die Not ist zu einem Dauerzustand geworden. „Seit vier Jahren hat sich in La Guajira nichts geändert”, sagte einer der Vertreter der Wayúu, Javier Rojas, bei einem Interview mit BLU Radio am 3. Februar. Eine Woche später erklärte die neue Gouverneurin Oneida Pinto von der rechtsliberalen Partei Cambio Radical den Verwaltungsbezirk im Nordosten Kolumbiens für zahlungsunfähig. Sie könne die anhaltende Krise nicht allein bewältigen, sagte sie gegenüber Präsident Juan Manuel Santos bei einem Besuch in der Hauptstadt Bogotá. Zusätzliche 27 Millionen Euro sollen dem Institut für das Wohl der Familie (ICBF) in La Guajira zur Verfügung gestellt werden, entschied der Präsident am 11. Februar.
Doch die Regierung hat das Ausmaß der Situation in La Guajira noch nicht begriffen, so Javier Rojas, der die Wayúus in Manaure vertritt. Nach einem aktuellen Bericht der Tageszeitung El Tiempo sind mehr als 34.000 Kinder in der Region unterernährt. Zwischen 2008 und 2015 starben insgesamt 4.770 Kinder unter sechs Jahren an vermeidbaren Missständen. Während Präsident Santos die Statistiken für übertrieben hält, gehen die Indigenen der Region, die eine eigene Volkszählung durchgeführt haben, von mehr als 5.000 Todesfällen von Kindern allein bis zum Jahr 2013 aus
„Die zunehmende Armut im Schatten großer Bergbauprojekte wurde von der Regierung bewusst ­ignoriert”, erklärte Rojas in dem Interview. Nun ist der Fluss Ranchería, die wichtigste Wasserquelle für die Wayúu, komplett ausgetrocknet. In den von der indigenen Gruppe traditionell betriebenen Salinen zur Salzgewinnung gibt es kaum Arbeit. Die von der Sonne verbrannten Felder und die geringen Fangquoten der kleinen Fischer*innen erlauben den Wayúu kaum Nahrung zu erwirtschaften, geschweige denn Geld zu verdienen. „Die Unterernährung vernichtet unsere Kinder”, beklagte der Vertreter der größten indigenen Volksgruppe Kolumbiens.
Die steigenden Temperaturen – eine Folge des Wetterphänomens El Niño – sowie die anhaltende Dürre in der Region verstärken die humanitäre Krise noch, sind aber nicht deren einzige Ursachen. Denn bereits vor zehn Jahren wurde der Zugang zu Trinkwasser für die Bevölkerung erheblich eingeschränkt: durch die Umleitung des Flusses Ranchería sowie den Bau eines Damms für die Versorgung von El Cerrejón, einem der größten Steinkohlebergwerke weltweit (siehe LN 492).
Während eine Ortschaft mit 47.000 Einwohner*innen pro Tag etwa 7,5 Millionen Liter Wasser konsumiert, verbraucht die Mine täglich 17 Millionen Liter. Dabei gibt es in vielen Ortschaften in Alta Guajira, dem Norden der Region, nahezu keinen Zugang zu Wasserquellen oder Wasserversorgungssystemen.
Mittlerweile hat der Wassermangel die Landwirtschaft der Region lahmgelegt. 90 Prozent der Familien leiden unter ständig wiederkehrenden Engpässen bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. Dazu verdrängt der industrielle Fischfang die handwerkliche Fischerei der Wayúu, so der Anthropologe Weildler Guerra im Interview mit El Tiempo. Seitdem Venezuela im vergangenen September die Grenze zu Kolumbien geschlossen hat, um den Schmuggel von staatlich subventionierten Gütern zu unterbinden, sind die Bewohner*innen der kolumbianischen Seite der Halbinsel auf sich allein gestellt.
„Als die Kohleförderung anfing, haben wir stückweise tausende Hektar unseres Grundbesitzes verloren”, hieß es in einem Kommuniqué derWayúu beim Tribunal der Völker 2008. „Die Situation hat einen Punkt erreicht, an dem die Wayúu in Albania (Region Alta Guajira) keinen Zugang mehr zum Fluss haben, weil das an die Mine angrenzende Land privatisiert wurde. Unsere Stadtgemeinde liegt 500 Meter von der Mine entfernt. Wir essen Kohlenstaub und müssen mit den ständigen Sprengungen und dem Getöse der Müllabfuhr leben. Andere Stadtgemeinden wurden von der 150 km langen Eisenbahnroute einfach abgeschnitten”.
El Cerrejón wurde vor und während des Baus von der Regierung als Hoffnungsschimmer dargestellt. Das Bergwerk bringe Wohlstand und Entwicklung in einer der ärmsten Regionen des Landes, hieß es. Zwischen 2002 und 2010 erhielt der Verwaltungsbezirk umgerechnet ca. 1 Milliarde Euro als Entschädigung für die Kohleförderung. Albania, die jüngste Gemeinde in La Guajira, liegt unmittelbar vor der 69.000 Hektar großen Kohlengrube und gilt als Musterbeispiel der Region. Durch den Bergbau verwandelte sich ein Gebiet von zerstreuten Rancherías in eine Kleinstadt, in der heute laut dem Statistikamt Kolumbiens (DANE) mehr als 26.000 Menschen leben. Offiziellen Angaben zufolge erhielt Albania 2013 ca. 50 Millionen Euro für die Nutzungsrechte der angrenzenden Mine. 70 Prozent davon wurden angeblich durch das ICBF in Gesundheitseinrichtungen, Wasserversorgungssysteme und Schulen investiert.
Doch die Korruption bleibt eine allgegenwärtige Geißel für den Verwaltungsbezirk im Norden Kolumbiens. Letztes Jahr wurden 14 Mitarbeiter*innen des ICBF wegen Veruntreuung von über einer halben Million Euro verhaftet. Sie werden beschuldigt, Einrichtungen erfunden und falsche Angaben über Kinder gemacht zu haben, die durch Programme begünstigt wurden. Auch Mahlzeiten, die kostenlos verteilt werden sollten, sollen sie zu Preisen verkauft haben, die den Einkaufspreis um das Fünffache überstiegen. Nachdem die Medien erneut auf die anhaltende humanitäre Krise in La Guajira hinwiesen, wurden im Januar zwölf weitere Personen wegen Korruption hinter Gitter gebracht. Sogar die Direktorin des ICBF in La Guajira, Cristina Plaza Milchensen, verurteilte die Existenz von Mafiastrukturen innerhalb ihres eigenen Instituts, das für die Entwicklung und den Schutz der Kinder der Region sowie für die Verwaltung von Geldern der Zentralregierung zuständig ist.
Dabei war La Guajira schon immer eine Hochburg paramilitärischer Gruppierungen. Der Ex-Gouverneur Juan Francisco ‘Kiko’ Gómez wurde 2013 wegen Mordes, Paramilitarismus und Veruntreuung von Staatsgeldern inhaftiert. Laut der Zeitschrift Semana war er ein wichtiger Unterstützer der ehemaligen Bürgermeisterin von Albania, Oneida Pinto. Sie bekleidet seit 2015 das Amt der Gouverneurin von La Guajira. Bei der Kampagne für ihr aktuelles Amt versprach die Wayúu-Politikerin, die Schuld zu begleichen, die Kolumbien gegenüber indigenen Gruppen hat. Doch in ihrer Zeit als Bürgermeisterin Albanias gelang es ihr weder die gewaltsamen Vertreibungen der Wayúu und anderer Indigenen zu verhindern noch die Kindersterblichkeit in den umliegenden Dörfern zu reduzieren.
Radio Macondo schreibt in einem Bericht,El Cerrejón sei zum Schauplatz menschlicher Ausbeutung geworden. 60.000 Menschen wurden für die Kohlengrube mit dem Versprechen auf Arbeit zwangsvertrieben. Die wenigsten von ihnen arbeiten heute in der Mine. Durch die Einschränkung ihres Lebensraumes sowie der Verknappung und Verseuchung ihrer Ressourcen sind die Grundlagen, die den Wayúu ermöglichten in der Wüste zu überleben, bedroht.
Ohne effektive Maßnahmen, um wenigstens den Zugang zu Trinkwasser zu sichern, wird Kolumbiens indigene Bevölkerung weiterhin schrumpfen, die Gemeinden werden auseinanderbrechen und schon bald völlig verschwunden sein.