FERIENGLÜCK UM JEDEN PREIS

Fotos: David Rojas Kienzle

Eine meterbreite Schneise der Verwüstung zieht sich durch den Wald. Auf dem Boden sind noch die Spuren des schweren Geräts zu sehen, das hundert Jahre alte Bäume umgewalzt hat. Rechts und links sind abgesägte Stämme achtlos in den verbleibenden Wald fallengelassen worden. Die von den Kettensägen ausgespuckten Späne liegen zwischen meterlangen Baumstücken. Auf den Pfützen, die sich im von Bulldozern gepflügten Pfad bilden, schimmert ein farbenfroher Ölfilm. Carla Amsteins (27) und Cristobal Punolef (26) führen uns durch Chankafiel, ein Feuchtgebiet, das nördlich am Dorf Coñaripe anschließt und das südlich vom Llancahuefluss begrenzt wird. „Spannend ist hier, dass der Fluss ursprünglich wegen der Bewegung der Erde und des Vulkans nicht so weit in diese Richtung verlief. Deswegen ist die Vegetation hier anders.“, erklärt Amsteins. „Vor 60 Jahren verlief der Fluss anders, dort wo das Schilf wächst“, ergänzt Punolef und zeigt auf eine von hohem Gras überwucherte Lichtung im Wald.

Amsteins und Punolef sind Teil eines Protestcamps, das am Rand von Chankafiel aufgebaut wurde, als Dorfbewohner*innen entdeckten, dass das Feuchtgebiet dabei war zerstört zu werden. Das gute Dutzend Aktivist*innen hat Zelte aufgeschlagen und dokumentiert diese Zerstörung, aber auch das einzigartige Ökosystem, das bedroht ist. Fischotter, Eisvögel, monitos del monte, ein vom Aussterben bedrohtes, in Chile endemisches Beuteltier, Frösche, Kröten und zahllose Pflanzenarten haben sie hier schon gesehen. „Hier werden traditionell auch changuis, eine Pilzsorte, gesammelt. Neben allem anderen hat das hier also auch eine Bedeutung für die Ernährung“, meint Punolef. „Mit den Führungen, die wir hier anbieten, machen wir gleichzeitig auch Kontrollgänge und überwachen, ob neu interveniert wurde“, ergänzt Amsteins. Bis jetzt waren die Aktivist*innen erfolgreich. Nachdem sie das Camp eingerichtet hatten, haben die Bau- und Zerstörungsmaßnahmen fürs Erste aufgehört.
Chankafiel hat neben der Bedeutung als Ökosystem auch eine besondere Bedeutung für die in der Region lebenden Mapuche. In mapuzungun, der Sprache der Mapuche, bedeutet der Name „kollektive Heilung“. Es ist ein Ort, an dem Heilpflanzen wachsen, aber auch kollektive Rituale durchgeführt werden. „Der Ort hat eine spirituelle Bedeutung, die eng mit der Biodiversität verbunden ist. In der Weltanschauung der Mapuche haben alle Lebensformen ohne Ausnahme eine Bedeutung“, meint Punolef. Neben der großflächigen Zerstörung von Wald wurde auch ein rewe, ein Totempfahl, umgepflügt und zerstört. Mittlerweile hat die Mapuchegemeinde Antimilla diesen wieder aufgestellt, um der Bedeutung des Chankafiel nochmals Nachdruck zu verleihen.

Vom Tourismus wollen alle ein bisschen abhaben

Ohnehin wurde die Schneise im Wald illegal geschlagen. Die Eigentümer*innen des Landes, auf dem das Feuchtgebiet steht, haben das Grundstück in Parzellen aufgeteilt und verkauft. Als puerto Coñaripe – Hafen Coñaripe wird das Immobilienprojekt beworben, mit privatem Zugang zum See, für Boote und Jetskis. Das Land, auf dem das passieren soll, ist rechtlich betrachtet allerdings nicht Bauland, sondern Agrarfläche. Das allerdings stört kaum im dünn besiedelten Süden Chiles. Wo kein Richter ist, ist auch kein Henker. Dabei sind nicht einmal die Eigentumsverhältnisse hundertprozentig sicher geklärt. Ganz Coñaripe ist auf Land gebaut, dessen Landtitel eigentlich Mapuchegemeinden zusteht. Nachdem das Dorf allerdings 1964 nach einem Ausbruch des Villarica-Vulkans von einem Schlammstrom vollständig zerstört wurde, wurde es etwas versetzt neu aufgebaut. „Coñaripe ist quasi illegal gebaut“, erklärt Punolef.

Dort wo heute Coñaripe steht, lebten schon seit Menschengedenken Mapuche. Wie üblich existiert das Dorf aber offiziell erst, seit weiße Siedler Ende des 19. Jahrhunderts dort ihre Hütten und Häuser bauten, um in der Holzindustrie zu arbeiten. Knapp 1.500 Einwohner*innen leben das ganze Jahr dort. In den Ferienmonaten Januar und Februar sieht die Sache ganz anders aus. Zu Zehntausenden strömen Familien aus ganz Chile in die Region. Das verschlafene Nest sowie die an Seen und Flüssen angrenzenden Nachbardörfer werden von Tourist*innen überrannt. Die Gäste selbst sind höchst willkommen, bilden sie doch die Einkommensgrundlage für die meisten Bewohner*innen. Ferienhäuser werden vermietet, der Einzelhandel boomt und einmal im Jahr, Mitte Februar, gibt es mittlerweile sogar ein Festival mit Schlagersänger*innen und Feuerwerk. Von diesem Kuchen wollen alle ein Stückchen abhaben. Scheinbar um jeden Preis. Deswegen soll auch das Ökosystem in Chankafiel zerstört werden, zahlungskräftige Käufer*innen sollen sich dort eine gated community bauen können. „Entwicklung“ ohne Rücksicht auf Verluste.

Dieses Entwicklungskonzept vertreten allerdings nicht nur lokale Eigentümer*innen von Land oder Dorfbewohner*innen. Die ganze Region scheint vom Glauben erfasst zu sein, dass der Tourismus der ökonomische Heilsbringer sein wird. So ist geplant, eine Landstraße quer durch den Nationalpark Villarrica zu bauen. Das Schutzgebiet, das bereits 1940 um den Vulkan Villarrica herum eingerichtet wurde, grenzt an einem Ende an Coñaripe, am anderen an den international bekannten Abenteuertourismushot-spot Pucón, der Tourist*innen aus der ganzen Welt anzieht, die dort raften, Ski fahren, klettern und wandern gehen. Die Hoffnung ist, dass mit der neuen Landstraße, die eben bis nach Pucón reichen soll, mehr zahlungskräftige Tourist*innen den Weg nach Coñaripe finden und dort mehr Geld hängen bleibt. Auch die Anbindung für Notfälle soll verbessert werden.

Wer am Ende von den Tourist*innen profitieren soll, ist allerdings nicht ganz klar. „Was passieren wird, ist, dass die Landstraße kommen wird. Es werden Parzellen am Rand der Straße für die Tourismusindustrie vergeben werden. Es werden Leute mit viel Kapital und technischem Wissen kommen, die schnell Projekte aufziehen können. Und für die Leute von hier, die weder Kapital, noch technisches Wissen haben, ist es drei Mal so schwierig, so ein Projekt auf die Beine zu stellen“, meint Patricio Alfari Antimilla von der Mapuchegemeinde Antimilla. Die Befürchtung ist, dass Coñaripe auch weiterhin innerchilenische Peripherie bleibt. Profite werden abgeschöpft und der lokalen Bevölkerung bleibt die Rolle der Angestellten. Schließlich werden für die Läden während der Saison billige Arbeitskräfte benötigt und die Gärten der gated community müssen ja auch noch gepflegt werden.

Rücksicht auf ökologische Belange tritt, beim Vorantreiben touristischer Entwicklung immer weiter in den Hintergrund, selbst im Nationalpark. Schon jetzt sind Teile des Parks auf der Seite von Pucón privatisiert. Kioske und Skigebiete reichen bis tief ins eigentliche Schutzgebiet hinein. Wirklich interventionsarm sind die wenigsten Bereiche. Nationalparks werden von der CONAF verwaltet, der dem Landwirtschaftsministerium unterstellten nationalen Waldbehörde. Mit einer Reform der letzten linksliberalen Regierung wurden die geschützten Bereiche, also Nationalparks, dem Umweltministerium unterstellt. „Eine der größten Kritiken an diesem Gesetz ist, dass Konzessionen für Tourismus privatisiert werden“, sagt Amsteins. „Was am Ende mit Tourismus zu tun hat, ist dem Wirtschaftsministerium unterstellt. Und das chilenische Wirtschaftssystem basiert auf Neoliberalismus und der Privatisierung von Gemeingütern.“

Die Aktivist*innen im Chankafiel haben die Hoffnung, zumindest dieses kleine Gebiet vor der vermeintlichen Entwicklung retten zu können und dem ein anderes Konzept von Tourismus entgegenzusetzen, das des kommunitären Basistourismus. „Das Konzept wurde aus Bolivien und Peru adaptiert, wo es ein Netz von indigenen Völkern gibt, die Schutzgebiete selber verwalten und Besucher empfangen“, so Amsteins. Ziel ist es, eine Form von Tourismus zu schaffen, die nicht zur Ausbeutung und Zerstörung der Natur und bestehenden Gemeinschaften führt. Das Konzept steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Ob sich das Projekt gegen das finanzstarke Entwicklungsmodell durchsetzen kann, ist mehr fraglich.

Der Aufbau von Strukturen und die physische Präsenz im Chankafiel sind aber nur ein Teil der Auseinandersetzung. Auch auf juristischer Ebene gehen die Aktivist*innen gegen das Projekt vor. In der Provinzhauptstadt Valdivia haben sie einen Schutzantrag gestellt. Das Gericht hat daraufhin alle Baumaßnahmen auf dem Gelände solange untersagt, bis abschließend geprüft ist, ob diesem Antrag stattgegeben wird oder nicht. Cristobal Punolef meint: „Die Leute kommen wegen der Landschaft und der Natur. Den Wald zu zerstören, das Feuchtgebiet trocken zu legen, das ist doch ein Teufelskreis. Und das alles ist Teil einer absurden Logik.“ Vielleicht bleibt es am Ende ja zumindest in Chankafiel bei lediglich einer Schneise der Zerstörung.

INSEL PER MAUSKLICK

Es gibt sie wirklich – diese Orte von denen man denkt, es gibt sie gar nicht. Türkisblaues Wasser, weiße Sandstrände aus zerriebenen Korallen, Kokosnusspalmen. Und dazu dieser Name: Pearl Keys. Natürlich Karibik. Und natürlich nicht unentdeckt von westlichen Investor*innen. Die Geschichte der Inselgruppe wenige Kilometer vor der nicaraguanischen Atlantikküste ist eine von vielen, die zeigt, dass genügend US-Dollar eben doch ausreichen, um das Paradies zu kaufen.
Wer es bis auf die Pearl Keys schaffen will, muss ein wenig Zeit mitbringen. Von den großen Städten auf der nicaraguanischen Pazifikseite mit ihrer Tourismusin­frastruktur sind es bei guter Fahrt sechs Stunden bis nach El Rama, Verkehrsknotenpunkt und Tor zur Karibik. Wer bereits frühmorgens in El Rama ankommt, hat die Chance noch am selben Tag den einzigen Bus nach Pearl Lagoon zu nehmen. Ein alter US-amerikanischer Schulbus quält sich fünf Stunden lang und bis zum Überquellen beladen mit Menschen und Versorgungsgütern über steinige Wege in die Fischerstadt Pearl Lagoon. Unterwegs wird Spanisch zu Englisch, aus Reggaeton wird Dancehall und statt der mestizischen Mehrheit im spanischsprachigen Teil Nicaraguas sind schließlich überwiegend Kreol*innen auf den Straßen anzutreffen. Vom Fußballplatz, an dem der Bus hält, sind es nur wenige Meter bis zur Küste und zum kleinen Hafen, von dem die Fischer ablegen, um in der weitläufigen Lagune ihr Glück zu versuchen. Früher ernährten die Perlen, die der Lagune ihren Namen verliehen, einen Großteil der Küstenbewohner*innen. Dagegen verdient heute so mancher sein Geld damit, Tourist*innen mit dem Boot auf eine der Inseln zu bringen. Eine alternative Einnahmequelle, nachdem die noch vorhandenen zwölf Inseln 1997 privatisiert wurden.
Ursprünglich waren es 18 Koralleninseln, die in geringer Entfernung voneinander unweit der Küste lagen. Manche von ihnen bieten gerade Platz für eine Palme, die größten lassen sich in 20 Minuten zu Fuß umrunden. In ihrer Geschichte waren sie Anlaufpunkte für Pirat*innen und Drogenhändler*innen. Die Bewohner*innen von Pearl Lagoon nutzten vor allem die reichlichen Kokosnüsse, um Kokosöl herzustellen. In Folge des Klimawandels sind bereits sechs der Koralleninseln verschwunden, auch die noch vorhandenen sind bedroht. Lieber schnell zuschlagen, dachte sich wohl der griechischstämmige Inselspekulant und US-Bürger Peter Tsokos, als er vor 19 Jahren sieben Inseln für einen Spottpreis von 40.000 US-Dollar kaufte. Das Geschäft bleibt bis heute undurchsichtig, wer daran beteiligt war und mit welchen Mitteln Tsokos es einfädelte, davon existieren verschiedenste Versionen in Pearl Keys. Trotzdem fanden sich die Inseln auf tropical-islands.com wieder, Tsokos Verkaufsseite für Trauminseln. Interessent*innen ließen nicht lange auf sich warten: ein neureicher Franzose, ein neuseeländischer Fischfangfan, ein Playboy-Bunny aus England und weitere finanzstarke Karibikfreund*innen erfüllten sich ihren Inseltraum für sechsstellige Summen.
Die Pearl Keys veränderten sich nach dem Verkauf. Die Eigentümer*innen bauten Häuser oder setzten Affen aus; auf einer Insel steht noch eine von der Zeit gezeichnete „Coconut-Bar“, deren Eigentümerin einst wilde Cocktailpartys feierte und in einem Pool in Herzform badete, alles in pink. Auf einer anderen Insel wurde eine englische Reality-Show gedreht, ein inszeniertes Abenteuerleben samt Affären und Kidnapping.
Gleichzeitig regte sich Widerstand gegen den undurchsichtigen Verkauf und das neue Treiben auf den Inseln. Die Demonstrationen in Pearl Lagoon und die mediale Aufmerksamkeit für die extrovertierten Käufer*innen erzeugten solch großen Druck, dass Ex-Präsident Arnoldo Alemán sich genötigt sah, den Inseln einen Besuch abzustatten und seine gute Absicht zu beteuern, das Land den ursprünglichen Eigentümer*innen zurückzugeben.
Dabei blieb es zunächst, bis sich die nicaraguanische Anwältin María Luisa Acosta des Falls annahm und für die Rückgabe der Pearl Keys einsetzte. Was folgte, liest sich wie aus einem Gangsterroman: Acosta kommt eines Tages in ihr Haus in Managua zurück und findet ihren Ehemann tot auf. Erschossen. Der Mord und die Verbindung zu Tsokos werden zum Lieblingsthema der Presse und verschiedener Verschwörungstheorien. Der vermeintliche Mörder wird nach großem Druck (unter anderem von Amnesty International) in Costa Rica aufgespürt. Angeblich soll er bei der Festnahme gesagt haben, Tsokos habe ihn geschickt. Dieser wiederum tauchte in der Folge unter.
Der Streit um die Pearl Keys wiederum sollte keine Ruhe finden. Immer wieder tauchten die Inseln im Internet auf, immer wieder fanden sich neue Eigentümer*innen, immer wieder kam es zu Streit mit den Bewohner*innen aus Pearl Lagoon, die mittlerweile einige Inseln zurückerobert haben. Andere wiederum sind nach wie vor im Besitz von ausländischen Eigentümer*innen.
Zu Besuch kommen diese nur selten. Auf die Inseln passen derweil Angestellte auf. So wie Stanislavo. Während seine Familie im zwei Bootsstunden entfernten Bluefields wohnt, verbringt er Sommer und Winter alleine auf der Insel, gelegentlich kommt einer seiner Söhne zu Besuch, manchmal auch seine Frau. Das verringert die Langeweile, die ansonsten nur durch die Tourist*innen unterbrochen wird, die hin und wieder die Inseln besuchen oder gar auf ihnen übernachten. „Leider spricht fast keiner von denen Spanisch“, sagt Stanislavo. Wann sein Inselbesitzer das nächste Mal kommt, weiß er nicht, wann er das letzte Mal da war, kann Stanislavo sich auch nicht genau erinnern. Das sei lange her.
Es wird Abend, Zeit sich um ein Lagerfeuer zu kümmern. Die Palmenblätter und getrockneten Kokosnussschalen lassen das Feuer schnell auflodern. Gemütlich. Bei klarem Himmel spendet ansonsten auch der Mondschein ausreichend Licht, um sich auf der Insel zurechtzufinden. Etwas weiter im Osten, über das nun dunkelblaue Wasser hinweg, leuchtet auf einer anderen Insel ebenfalls ein Feuer.
Es ist schön hier, sehr schön. Das findet auch Stanislavo in diesem Moment. Und trotzdem – oder wohl genau darum – wird über das Schicksal von zwölf kleinen Inseln in türkisblauem Wasser irgendwo dort drüben entschieden, auf der anderen Seite des Ozeans, wo andere Kontinente beginnen.

…………………..