Ich spüre die Last meiner Freiheit auf meinen Schultern. Denn während ich frei herumlaufen kann, befinden sich Hunderte Menschen in Nicaragua hinter Gittern: zum Schweigen gebracht, verschwundengelassen, gefoltert, vergessen.
Ich war eine politische Gefangene. Am 13. Juni 2021 wurde ich im Rahmen der Repressionswelle vor den Wahlen (im November 2021, Anm. d. Red.) festgenommen, zusammen mit sieben Präsidentschaftskandidatinnen, Dutzenden von sozialen und politischen Führerungspersonen, Journalistinnen, Menschenrechtsaktivistinnen und Unternehmerinnen (siehe LN 565/566). Ich verbrachte 606 Tage in Einzelhaft im Gefängnis El Chipote. Allein, ohne das Recht zu kommunizieren, zu lesen oder zu schreiben. Es gab Einschränkungen bei der Ernährung, kaum Zugang zu Tageslicht und sehr seltene Familienbesuche. Es waren schreckliche Jahre, in denen meine Familie eine der schlimmsten Zeiten ihres Lebens durchlebte.
Doch meine Geschichte ist kein Einzelfall. Nach Angaben von Monitoreo Azul y Blanco (Die Organisation erfasst Beschwerden über Menschenrechtsverletzungen im politischen Kontext, Anm. d. Red.) sind seit 2018 in Nicaragua mehr als 5.000 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert worden. Dank der Berichte des Mechanismus zur Anerkennung politischer Gefangener (zivilgesellschaftliche Organisation zur Erhebung und Überprüfung von Informationen über Festnahmen und Strafverfolgungen, Anm. d. Red.) liegen uns heute die Namen von 73 derzeit inhaftierten Personen vor. In Wirklichkeit ist die Zahl jedoch höher, die Dunkelziffer enorm, denn Angst verhindert, dass die Familien Anzeige erstatten. Sie schweigen, um nicht ebenfalls verhaftet zu werden.
Berichte bestätigen, dass die derzeitigen Gefangenen mit noch schlechteren Haftbedingungen konfrontiert sind als in den Jahren zuvor. Die Repressionswelle im Juli und August 2025 ist durch extreme Gewalt gekennzeichnet: Im August starben zwei politische Gefangene in staatlichem Gewahrsam. Ihre Familien erfuhren erst von ihrem Tod, als sie einen Anruf erhielten, um ihre Leichen abzuholen. Außerdem willkürliche Verhaftungen: Ganze Familien wurden aus ihren Häusern verschleppt, Mütter, Väter, Töchter und Söhne sind en bloc verschwunden. Durch die Normalisierung des Verschwindenlassens ist es heute zur Routine geworden, Monate und Jahre ohne Nachrichten von geliebten Menschen zu sein. Das ist nicht nur ein Akt der Bestrafung, sondern eine kalkulierte Strategie, um Familien, Gemeinschaften und Widerstandsnetzwerke zu zerstören und Terror als Methode der sozialen Kontrolle einzusetzen. Ich denke an die Familien, die zu den Polizeistationen in Jinotepe pilgern, die Gefängnisse El Chipote in Managua oder La Modelo in Tipitapa auf der Suche nach ihren Angehörigen abklappern. Sie erhalten keine Antworten, sondern nur Drohungen, Patrouillen vor ihren Häusern, um sie einzuschüchtern und zum Schweigen zu zwingen, obwohl die ganze Nachbarschaft die Verhaftung gesehen hat.
Am 18. Juli 2025 wurde der 64-jährige Mauricio Alonso zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn unter Schlägen aus seinem Haus gezerrt. Seine Frau wurde nach wenigen Stunden freigelassen, er 38 Tage später tot aufgefunden, der Sohn bleibt weiterhin verschwunden. Einige Tage später wurde der Tod von Carlos Cárdenas in Polizeigewahrsam bekannt. Ähnliche Umstände, dasselbe Muster. Diese Verbrechen bestätigen eine systematische Praxis. Seit 2019 sind mindestens sechs Menschen in staatlichem Gewahrsam gestorben, darunter mein Freund Hugo Torres (siehe LN 573).
Die Unterdrückung ist gegenüber alten und kranken Menschen besonders gnadenlos. Von den 73 oben erwähnten Gefangenen sind 22 über 60 Jahre alt und leiden alle unter schweren gesundheitlichen Problemen. Das Gefängnis beschleunigt ihren körperlichen und geistigen Verfall. Mein 69 Jahre alter Freund Eddy Danilo Meléndez ist seit mehr als 1.468 Tagen inhaftiert. Er leidet an Parkinson in fortgeschrittenem Stadium, sodass er weder gehen noch seine Medikamente selbst einnehmen kann. Internationale Normen verlangen alternative Maßnahmen; in Nicaragua dagegen werden die Gefangenen zu einer langsamen und irreversiblen Folter verurteilt.
Jeder Tag hinter Gittern ist ein gestohlener Tag
Auf der Liste der politischen Gefangenen stehen mindestens zwölf Angehörige Indigener Völker, die nicht nur willkürlichen Verhaftungen ausgesetzt sind, sondern auch einer systematischen Politik der kulturellen Verleugnung und Diskriminierung: Es ist ihnen verboten ihre Sprache zu sprechen oder ihre traditionelle Medizin zu nutzen. Nancy Enríquez und Brooklyn Rivera, Miskito-Führungspersonen der Partei Yatama, sind seit mehr als 700 Tagen inhaftiert, Nancy in Isolationshaft, Brooklyn verschwunden.
Als wir 2021 für 80 Tage verschwunden waren, war das ein Skandal. Amnesty International veröffentlichte sogar einen Bericht, dank dem ich meine Mutter zum ersten Mal seit meiner Verhaftung sehen konnte. Heute sind gewaltsame Verschleppungen von Menschen die Regel: 33 von den 73 registrierten Personen sind verschwunden: Darunter Angélica Chavarría, seit 480 Tagen spurlos verschwunden, Fabiola Tercero, Carmen María Sáenz und Lesbia Gutiérrez seit mehr als 420 Tagen sowie Julio Quintana, ehemaliger sandinistischer Guerillero, der bereits unter der Somoza-Diktatur gefoltert wurde, und der Journalist Leo Cárcamo sind seit mehr als 290 Tagen verschwunden, Alejandro Hurtado 229 Tage. Die Unterdrückungsmaschinerie richtet sich auch gegen den eigenen Kreis des Präsidentenpaars Ortega-Murillo. Heute sind ehemalige Verbündete und viele andere Funktionärinnen und Aktivistinnen der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) inhaftiert oder wurden verschwundengelassen.
Den Preis bezahlen die Familien. Man stelle sich vor, was das bedeutet: jeden Morgen dieselbe unbeantwortete Frage, jeden Abend dieselbe Qual der Ungewissheit. Und wenn die Familien wissen, in welchem Gefängnis die Gefangenen sich befinden, steht hinter jedem Häftling eine Familie, die das Unerträgliche erträgt: stundenlanges Anstehen in der Sonne, um Pakete mit Lebensmitteln, Medikamenten und Hygieneartikeln abzugeben; Ausgaben von Hunderten von Dollar, die sie nicht haben. Wenn dieder Gefangene Ernährerin ist, fällt die ganze Familie der Armut anheim. Ist ein Familienmitglied inhaftiert und verschwindet, ist das Schweigen das Schrecklichste daran. Die Familien gehen von Polizeistationen zu Gefängnistoren, nur um bedroht, verfolgt und abgewiesen zu werden. Bei manchen war schon zweimal in diesem Jahr die einzige Antwort, die sie erhielten, ein Anruf: „Kommen Sie und holen Sie die Leiche ab!”
Die Gefangenen in Nicaragua dürfen nicht im Schweigen begraben werden. Jeder Tag hinter Gittern ist ein gestohlener Tag. Jede Woche ohne Medikamente ist ein langsames Todesurteil. Jeder Monat ohne Nachrichten ist eine weitere offene Wunde im Herzen ihrer Familien.











