Nicaragua | Nummer 559 – Januar 2021

SELBSTERMÄCHTIGUNG GEGEN GEWALT UND EXTRAKTIVISMUS

Interview mit Ana Celia Tercero über die Arbeit der nicaraguanischen Frauenorganisation APADEIM

Das Projektgebiet der Frauenorganisation Asociación para el Desarrollo Integral de la Mujer (APADEIM) ist der Landkreis El Viejo, der vom Zuckerrohranbau im großen Maßstab geprägt ist. Im Interview mit den LN berichtet Ana Celia Tercero über die prekäre Lebenssituation der Frauen in diesem Gebiet und über die Arbeit von APADEIM, deren Leiterin sie ist.

Von Interview: Elisabeth Erdtmann

Ana Celia Tercero ist Leiterin der Frauenorganisation APADEIM (Asociación para el Desarrollo Integral de la Mujer, „Vereinigung für die ganzheitliche Entwicklung der Frau“) in El Viejo, Nicaragua. APADEIM stärkt die Fähigkeiten und Rechte von Frauen aus ländlichen Gemeinden durch die Förderung von Bildungs- und Organisationsprozessen sowie Maßnahmen zum wirtschaftlichen Empowerment und Umweltschutz. Projektgebiet ist dabei der Landkreis El Viejo im Departement Chinandenga.
(Foto: Isabell Nordhausen/INKOTA)


APADEIM war 2019 an der Veröffentlichung einer regionalen Studie über die Auswirkungen des extraktiven Zuckerrohranbaus auf die Gemeinden in den Anbaugebieten in Guatemala, El Salvador und Nicaragua beteiligt und verantwortlich für den Länderbericht zu Nicaragua (siehe LN 557). Welche weiteren Schwerpunkte über die Wissenschaft hinaus verfolgen Sie in Ihrer Arbeit?
Ich habe eine Forschungsarbeit durchgeführt, die in einer 2017 begonnenen Diplomarbeit bestand. Ausgehend von dieser Forschungsarbeit ergab sich das Interesse an der Fortsetzung weiterer Untersuchungen, welche die Problematik des Zuckerrohranbaus vertiefen und auch andere Umweltfragen mit einbeziehen. Auf diese Weise entstand die regionale Forschungsarbeit in Bezug auf diese drei Länder. Beide Untersuchungen waren sehr wichtig, um Informationen zu erhalten und die Situation vor allem der Frauen bekannt zu machen, die in einem problematischen Umfeld leben. Ein bedeutender Aspekt über die wissenschaftliche Arbeit hinaus ist es, konkrete Aktionen mit den Gruppen durchzuführen, die sich aufgrund der Ausbreitung der Zuckerrohr-Monokultur in einer ernsten, gesundheitsgefährdenden Situation befinden. Das macht es notwendig, an Themen über die Auswirkungen des Zuckerrohranbaus zu arbeiten und die Fähigkeiten der Menschen in den betroffenen Gemeinschaften zu stärken, ihre Rechte gegenüber dieser Form der kapitalistischen Ausbeutung zu verteidigen, die immer mehr Armut in den Gemeinschaften erzeugt. Ein weiteres wichtiges Thema, an dem gearbeitet werden muss, ist die Verteidigung des Territoriums und des Zugangs zu sauberem Wasser. Dann die Erstellung von Berichten über die Übergriffe der Zucker produzierenden Unternehmen, denen die Gemeinschaften ausgesetzt sind, um damit vor nationalen und internationalen Gremien Klage zu erheben und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Ihr Projektgebiet ist der Landkreis El Viejo im nordwestlichen Departamento Chinandega, ein Zuckerrohranbaugebiet mit vorherrschender extraktiver Plantagenwirtschaft. Wie würden Sie die Lebensrealität der Frauen in den ländlichen Gemeinden ihres Einzugsbereichs beschreiben und wie die vordringlichsten Aufgaben?
Die Erfahrungen, die uns die Frauen berichten, wenn es darum geht, außerhalb des Hauses zu arbeiten, sind die, dass sie verschiedenen Arten von Gewalt vonseiten der Männer ausgesetzt sind. Die Männer kontrollieren die Zeiten ihrer Abwesenheit, obwohl die Arbeit, die die Frauen außerhalb des Hauses verrichten, dazu beiträgt, ein Einkommen zu sichern, das die Kosten für Lebensmittel und Medikamente deckt, eben auch für den Mann. Die Männer überwachen und kontrollieren nicht nur die Ausgeh- und Ankunftszeiten, sie kontrollieren auch das Geld. In einigen Fällen geben Frauen das Geld dem Ehemann, um körperlicher und sexueller Gewalt zu entgehen. Diskriminierung und Gewalt bedeuten eine Verletzung der Würde der Frau, die Ziele unserer Organisation müssen für diese Frauen also einen Gewinn bedeuten. Dafür müssen Maßnahmen in Angriff genommen werden, die dazu beitragen, dass Frauen, die auf dem entlohnten Arbeitsmarkt beschäftigt sind, nicht aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Es besteht eine enorme Ungleichheit zwischen Männern und Frauen im Bereich der bezahlten Arbeit. In unserem Projektgebiet leben die Frauen in einer Situation extremer Armut, häuslicher Gewalt und fehlendem Zugang zu Gesundheit und Bildung. Hinzu kommen Probleme mit dem Zugang zu sauberem Wasser und menschenwürdigem Wohnraum.

Auf welchen Methoden und Strategien basiert Ihre Arbeit, um die sukzessive Auflösung ökonomischer Abhängigkeiten und die Selbstermächtigung ländlicher Frauen zu erreichen?
APADEIM hat in mehrjähriger Arbeit eine Strategie entwickelt, die auf der Initiierung von Prozessen im Bereich der persönlichen Bildung, der Kenntnis der Menschenrechte und insbesondere der Frauenrechte basiert. Das Projekt befasst sich mit Fragen der wirtschaftlichen Ermächtigung und der Prävention von Gewalt gegen Frauen. Da es sich bei unserem Projektgebiet um eine Zone vielfältiger Bedrohungen handelt, befassen wir uns auch mit dem Risiko von Naturkatastrophen. In unseren neuen strategischen Plan haben wir das Thema der kommunalen Entwicklungsarbeit und das Umweltthema aufgenommen. In diesem Zusammenhang werden wir auch die Frage der Verteidigung des Territoriums gegen die Expansion des extraktiven Zuckerrohranbaus behandeln sowie dessen Auswirkungen auf die Lebensbedingungen und die damit verbundenen Rechte. Wichtig ist, ganzheitliche Prozesse durchzuführen, die es den Frauen nicht nur ermöglichen, sich aus der Gewalt zu befreien, die sie unterwirft und ihre Lebensqualität beeinträchtigt, sondern ebenso notwendig ist, dass sie Zugang zu Krediten, Land und Gesundheitsversorgung erhalten. Dieser Prozess findet sehr langsam statt und erfordert große Anstrengungen, doch erreichen Frauen auf diese Weise allmählich ihre Selbstermächtigung und sind oft in der Lage, so der Gewalt zu entkommen. Bildungsprozesse und die Entwicklung persönlicher Ermächtigung nehmen sehr viel Zeit in Anspruch, weil wir es mit Angelegenheiten zu tun haben, die starke, kulturell bedingte Strukturen, machismo und Patriarchat berühren, und die Demontage dieses Systems erfordert viel Kraft und gemeinschaftliches Zusammenwirken. Dennoch denke ich, dass es weiterhin entschiedener Schritte bedarf, um Instanzen mit Rechtsgarantien hervorzubringen.

Der Einbruch der Covid-19-Pandemie hat überall die Lage armer Menschen dramatisch verschlechtert. Vor welchen Herausforderungen steht in diesem Zusammenhang die Arbeit von APADEIM?
Die wichtigste Herausforderung besteht darin, unsere Arbeit fortzusetzen, die, weil sie gemeinschaftlich ist, den unmittelbaren Kontakt mit den Frauen und den Familien erfordert. Wir mussten für die Realisierung unserer Aktivitäten verschiedene Strategien und neue Arbeitsmethoden entwerfen, zum Beispiel die Nutzung digitaler Plattformen, Telearbeit, psychologischer Online-Betreuung, Online-Sitzungen, -Treffen, -Gespräche und so weiter. Zugleich sind wir mit einer Situation konfrontiert, die mehr Unterdrückung und Gewalt hervorruft. Beispielsweise sind Quarantäne und Arbeitslosigkeit Faktoren, die Frauen weitaus mehr schaden. Es gibt viel Stress und allgemein verbreitete Gewalt, in unserer Region haben die Feminizide sehr zugenommen (vgl. LN-Dossier Nr. 18 ¡Vivas nos queremos! Perspektiven auf und gegen patriarchale Gewalt). Die Nutzung von Plattformen stellt eine große Herausforderung für diejenigen dar, die nicht über die Mittel verfügen, Telefontarife zu bezahlen oder in Gemeinden mit geringem Netzzugang leben und kaum andere Möglichkeiten haben, da sie nicht einmal über ein Mindestmaß an grundlegenden Dienstleistungen wie Wasser von trinkbarer Qualität, Elektrizität oder zugängliche Verkehrswege verfügen. Das Team von APADEIM zieht verschiedene Szenarien und Strategien in Erwägung. Um mit den einzelnen Gruppen in direkter Form arbeiten zu können, sehen wir Arbeiten von zu Hause aus und den Gebrauch von Protokollen vor. Somit gelingt es uns, durch den Einsatz geeigneter Mittel, unsere Arbeit fortzusetzen. Weil die gemeinschaftlich ist, erfordert sie Anwesenheit, damit unmittelbare Betreuung und produktive technische Hilfe geleistet werden kann und in den entfernten, weit abgelegenen Gemeinschaften ankommt.

Ist APADEIM territorial und international mit anderen Organisationen vernetzt?
APADEIM ist mit Organisationen der internationalen Zusammenarbeit verbunden, die mit uns zusammenarbeiten, damit wir unsere Arbeit in den ländlichen Gemeinden verwirklichen können. Auf territorialer Ebene gehen wir Allianzen mit Organisationen und Netzwerken ein, um zu verwandten Themen zu arbeiten. Wir sind Teil einer Plattform, die einen Prozess zur Förderung einer Friedenskultur vorantreibt, wobei wir hoffen, dass wir 2021 unter Mitwirkung des Internationalen christlichen Friedensdienstes EIRENE ein Bildungsprojekt initiieren können.

Als Nichtregierungsorganisation ist APADEIM von dem neuen „Gesetz zur Regulierung ausländischer Agenten“ betroffen, das seit dem 19. Oktober 2020 in Kraft ist (siehe LN 558). Kernstück dieses Gesetzes ist die Einführung verschärfter Auflagen gegen Organisationen, die Unterstützung aus dem Ausland erhalten und die minutiöse Kontrolle über deren Tätigkeit beinhaltet. Wie könnte sich dieses Gesetz in der Zukunft auf Ihre Arbeit auswirken? Welche Gefahren sehen Sie für ihre Arbeit?
Wir stehen hier vor einer ziemlich schwierigen Situation. Das Gesetz bringt uns in eine komplizierte Lage, da seine Mechanismen sehr viel Aufwand erfordern wie das Erstellen regelmäßiger Berichte, Protokolle, bürokratische Formalitäten. Diese Verfahren sind nicht agil, denn die behördliche Bearbeitung dieser Dokumentation, die jedes Jahr bei den entsprechenden Behörden einzureichen ist, wird sich hinziehen. Es ist vorauszusehen, dass sich diese Verfahrensweise etabliert und Dienstwege unter Umständen einige Zeit in Anspruch nehmen werden, so dass unsere Aktivitäten irgendwann beeinträchtigt werden könnten. Die Organisationen treffen die notwendigen Vorkehrungen, um die eingeführten Verordnungen zu erfüllen. Wir stehen mit den jetzigen regulatorischen Rahmenbedingungen vor einem neuen Orientierungsprozess.

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