Illustrieren, um zu provozieren

„Ich weiß nicht mehr, wie ich diesen Horror erzählen soll“ Ce Larrea zeichnet gegen die Hoffnungslosigkeit an (Illustrationen: Cecilia Larrea)

Casimira entstand vor fünfzehn Jahren. Damals war sie noch kein politisches Projekt. „Am Anfang
sprach ich über mein Privatleben, über Dinge, die ich nicht in Worte fassen konnte“, erinnert sich
Larrea an eine Zeit, in der sie das große Unbehagen, das sie damals empfand, noch nicht benennen
konnte. Allmählich nahm dieses Unbehagen Gestalt an: „Es gab Dinge, die mich ärgerten, aber
ich wusste nicht, wie ich sie erklären sollte. Später stellte ich fest, dass all das bereits einen Namen
hatte, dass es Menschen gab, die sich schon seit Jahren damit beschäftigt hatten.“

Theorie so übersetzen, dass sie verständlich wird

Der Wendepunkt kam, als sie in die akademische Welt eintrat. Sie kam aus dem Feld der audiovisuellen Medien. Der Kontrast war sofort spürbar: schwierige Texte, Begriffe, die sie nicht verstand, und ein ständiges Gefühl der Ausgrenzung. „Es gab Sätze, in denen ich jedes einzelne Wort googeln musste. Es war sehr frustrierend, zu wissen, dass ich keinen Zugang zu diesen Informationen hatte“, stellt die Künstlerin fest. Dies war der Zeitpunkt, an dem sich Larreas Persönlichkeit zu wandeln begann.

Die Figur der Casimira sprach nicht mehr nur über Persönliches, sondern wurde zu einer Stimme, die komplexe Zusammenhänge in Alltagssprache übersetzt. „Ich wollte, dass meine Mutter, meine Tante und die Nachbarin aus dem Laden sie verstehen“, sagt sie. Dieses Bedürfnis, Theorie in eine allgemein verständliche Sprache zu übersetzen, ist heute ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit.

Jede Karikatur erfordert Recherche. Um beispielsweise einen Gesetzestext zu zeichnen, liest sie ihn zunächst vollständig durch, schaut sich begleitende Artikel an, vergleicht verschiedene Fassungen und versucht zu verstehen, worum es dabei geht. Was wie eine schnelle Illustration aussieht, kann Tage der Lektüre in sich tragen. Die Zeichnung erscheint nicht als Ergänzung zum politischen Diskurs, sondern als eigenständige Form des Denkens: „Für mich ist das Denken in Bildern eine Art der Erforschung. Es ist eine Art, die Welt zu verstehen.“

So fungiert Casimira heute als öffentliche Stimme, obwohl sie als etwas Persönliches begann. Die Künstlerin meint sogar, dass die Figur ihr nicht mehr vollständig gehört: „Es gibt Leute, die mich Casimira nennen, und das bringt mich zum Lachen. Wir haben zwar dieselbe Persönlichkeit, aber ich habe das Gefühl, dass sie mittlerweile ein Eigenleben führt.“ Diese Distanz ermöglicht es ihr, Gedanken auszudrücken, die sie vielleicht nicht direkt äußern würde. Darin liegt auch die politische Kraft der Zeichnung: Während eine Person infrage gestellt oder angegriffen werden kann, hat eine Illustration die Fähigkeit, verbreitet zu werden, sich zu wiederholen und erhalten zu bleiben. In einem Kontext, in dem soziale Medien alles unmittelbar und vergänglich machen, setzt die Künstlerin auf das Gegenteil: die Rückkehr zum Papier, zum Plakat, zum Buch, zum Gedruckten.

Zeichnen in einem Land, das sich an die Angst gewöhnt

In Ecuador über Politik zu sprechen bedeutet heute, unweigerlich auf das Thema der Gewalt zu kommen. Diese Veränderung hat sich auch in Casimiras bildnerischem Schaffen niedergeschlagen. „Vor kurzem kam mir ein Gedanke, der mich sehr traurig stimmte: Ich habe gelernt, Maschinenpistolen aus dem Gedächtnis zu zeichnen“, sagt sie. Was früher eine Ausnahme war, ist mittlerweile Alltag geworden. Und genau hier taucht eine der zentralen Fragen ihres Werks auf: Wie lässt sich das Grauen darstellen, ohne es zu normalisieren?

„Ich weiß nicht, ob wir Gewalt einfach nur darstellen sollten oder ob wir nicht auch die Welt zeichnen müssen, die wir uns wünschen. Nicht, um zu verschleiern, was geschieht, sondern um einen Horizont zu haben“, überlegt Larrea. Dieser Horizont zeigt sich in kleinen Veränderungen. Menschen, die früher nicht über Politik gesprochen haben, wollen jetzt wissen, wann eine Demonstration stattfindet, und Menschen, die die Nachrichten nicht verfolgen, stoßen auf Larreas Zeichnungen. „Vielleicht wird eine Zeichnung kein Gesetz verändern, aber dennoch kann sie dazu beitragen, dass mehr Menschen davon erfahren. Und das ist schon mal etwas.“

Gleichzeitig wird die Illustration zu einer Form der Erinnerung. Bei Protesten oder in Augenblicken sozialer Konflikte dienen die Zeichnungen als ein Verzeichnis dessen, was geschieht. Nicht unbedingt für die institutionelle Gerechtigkeit, sondern für das kollektive Gedächtnis. „Sie dient dazu, dass sich die Menschen erinnern. Sie dient dazu, dass nicht vergessen wird, was geschehen ist“, erklärt die Künstlerin.

Sichtbar machen, was im offiziellen Diskurs außen vor bleibt

Larreas Arbeit geht von einer klaren Prämisse aus: Ein Gebiet ist kein leerer Raum, sondern ein lebendiger Ort, der systematisch unsichtbar gemacht wurde. Von dort aus knüpft ihre Praxis an die Kämpfe gegen den Rohstoffabbau an – nicht aus einer romantischen Perspektive, sondern auf der Grundlage von Forschung und Zuhören: „Uns wurde immer gesagt, dass es an diesen Orten nichts gibt. Und das ist eine Lüge. Ich versuche zu zeigen, dass es dort Gemeinschaften, Wasser, Tiere, Geschichten gibt – eine ganze Welt, die man auslöschen will.“ In diesem Sinne bricht ihr Werk auch mit der Vorstellung, dass nur das Menschliche zählt. Wasser, Tiere und das Land stehen im Mittelpunkt und erinnern daran, dass „es nicht nur um Menschen geht, sondern um alles, was diesen Raum bewohnt“.

Von allen, für alle Illustration von Ce Larrea, die das Cover der April-LN schmückt

Ihre Arbeit bewegt sich an der komplexen Schnittstelle, an der Feminismus, Territorium, Gemeinschaften und Natur miteinander verflochten sind. Obwohl sie sich selbst als Feministin versteht, hinterfragt sie, ob diese Kategorie ausreicht, um die Kämpfe in Lateinamerika zu erklären: „Hier ist alles miteinander verflochten, es geht nicht nur um eine Sache.“ Davon ausgehend will ihre Arbeit weder dekorativ noch neutral sein, sondern eine politische Praxis, die versucht, sichtbar zu machen, was oft im offiziellen Diskurs außen vor bleibt. In diesem Prozess erscheint Kunst eher als Mittel denn als Lösung. „Sie ist eine Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten. Es ist nicht die einzige, aber sie ist notwendig“, bekräftigt sie. Sie ist
sich jedoch auch der Risiken bewusst, insbesondere bei der Darstellung von Gewalt, nämlich der
Gefahr, sie zu ästhetisieren oder zur Gewohnheit werden zu lassen. Deshalb betont sie die
Notwendigkeit, subtilere Darstellungsformen zu finden, die nicht die Logik des Horrorspektakels
reproduzieren.

Beim Gedanken an die aktuelle politische Lage in Lateinamerika, geprägt von zunehmenden sozialen Spannungen, drängt sich ihr ein eindringliches Bild auf: „Es wäre eine riesige Bombe in Schwarz-Weiß. Aber nicht nur als Zerstörung, sondern mit dem Gedanken, dass nach dieser Explosion vielleicht etwas Neues entstehen könnte.“ Denn im Grunde geht es nicht nur darum, das, was geschieht, darzustellen, sondern auch darum, welche Bilder wir benötigen, um uns nicht daran zu gewöhnen. In dieser unbequemen, dringlichen und offenen Suche will ihr Werk keine endgültigen Antworten geben, sondern etwas Wertvolleres: eine Sichtweise, die dazu zwingt, innezuhalten, zu hinterfragen und vor allem nicht wegzuschauen.


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Ni una menos

Illustration: Maria Victoria Rodríguez García

Die Bewegung der letzten 10 Jahre hat Unmengen an Gesetzesveränderungen erreicht und eine starke Gemeinschaft aufgebaut. „Auch wenn die Bewegung in Argentinien begann, umfasst sie doch eine Problematik, die in ganz Lateinamerika existiert. Was diese Bewegung so besonders macht, ist, dass unsere Stimmen immer dann viel lauter sind, wenn sie geeint sind“, sagte Amy Ramirez, Demo-Teilnehmerin der ersten Stunde von Ni Una Menos, im Interview mit LN 2016.
Heute sehen sich Ni Una Menos und die breitere feministische Bewegung in vielen lateinamerikanischen Ländern und anderswo auf der Welt mit einem rechten Backlash konfrontiert. Errungenschaften wie das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder Selbstbestimmungsrechte für queere Personen werden wieder abgeschafft, Sozialkürzungen betreffen FLINTA* strukturell meist besonders stark.
Doch Feminist*innen sind geübt darin, Widerstand unter widrigsten Umständen zu leisten. Sie gehen nicht nur gegen patriarchale Gewalt auf die Straßen, sondern stehen auch in den vordersten Reihen der Kämpfe gegen Autokratisierung und Faschismus und schlagen Brücken zu anderen Kämpfen, wie zuletzt wieder zum Rentner*innen-Protest in Buenos Aires, bei dem die Aktivist*innen zusammen mit den protestierenden Rentner*innen und Pensionär*innen zur Mittwochsdemo aufriefen (siehe LN 608).
Bis die Angst wieder die Seiten wechselt!


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LYRIK AUS LATEINAMERIKA

Illustration: Joan Farías Luan (www.cuadernoimaginario.cl)

Prueba de vida

Cara frente al fuego cuenta una historia.
Su boca la modula lentamente
y la suelta como a un animal.
Todo relato lleva intrínseca la buena noticia de poder contarlo
de haber sobrevivido.
Todo relato es un testimonio,
una prueba de vida.


Lebensbeweis

Mit dem Gesicht zum Feuer erzählt er eine Geschichte.
Sein Mund formt sie bedächtig
und lässt sie frei wie ein Tier.
Jeder Bericht trägt die gute Nachricht in sich, *vom Überleben erzählen zu können.
Jeder Bericht ist ein Zeugnis,
ein Lebensbeweis.


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ILLUSTRATOR*INNEN

 

 

Agustina Di Mario kommt aus Alta Gracia in der Provinz Córdoba, Argentinien. Sie zeichnet, um, wie sie selbst sagt, auszudrücken, was sie denkt und fühlt. Instagram: @aguslapiba
(Bild: Agustina Di Mario)

 


Die afrobrasilianische Illustratorin Denise Silva ist aktivistisch im Kontext des Schwarzen Feminismus organisiert. Mit ihrer Kunst protestiert sie, wie sie selbst sagt, gegen jede Art von Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Dabei richtet sie ihren Fokus auf die Ermächtigung Schwarzer Frauen. Instagram: @ise_camaleoa
(Foto: privat)

 


In ihrer Kunst kombiniert Emmalynn González ihre Praxis auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit mit ihren Erfahrungen als Frau aus Puerto Rico. Hierfür wählt sie bunte, helle und retro anmutende Farben, um ernste und tabuisierte Themen gleichermaßen zugänglich zu machen. Instagram: @eg_atelier
(Foto: privat)

 

Magda Castría ist eine argentinische Illustration, Grafikde-signerin, Feministin und Antispeziesistin. Instagram: @magdacastria
(Bild: Magda Castría)

 


Manai Kowii
ist kichwa Künstlerin und glaubt, wie sie selbst schreibt, an das Träumen und an die Arbeit im Kollektiv. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs Warmi Muya, in dem Künstlerinnen verschiedener indigener Gruppen in Ecuador aktiv sind. Instagram: @narymanai
(Foto: privat)

 


Mora Galafassi aus Argentinien arbeitet als Illustratorin und Verlagsgraphikerin. Ihre Zeichnungen wurden in mehreren Büchern und der Zeitschrift Prosódica arte y pensamiento desde los márgenes veröffentlicht. Instagram: @mora.gala
(Foto:privat)

 


Die Zeichnerin und Malerin Paulyna Ardilla beschäftigt sich in ihrer Kunst mit sexueller Aufklärung und weiblicher Lust. Instagram: @paulyna_ardilla
(Foto: privat)


Pilar Emitxin ist feministische Illustratorin und Graphikdesignerin. Sie ist Teil des Bündnisses Ni Una Menos Córdoba und Redaktionsmitglied der Zeitschrift Amazonas. Außerdem arbeitet sie mit selbstverwalteten feministischen Organisationen und Asambleas zusammen, die im Kontext von Landkämpfen in Argentinien und ganz Abya Yala aktiv sind. Instagram: @emitxin
(Foto: privat)

 

Producciones y Milagros Agrupación Feminista sind eine kleine mexikanische Organisation mit einem der größten auf feministische Bewegungen und Frauenkämpfe spezialisierten Fotoarchiv in Mexiko und Lateinamerika. Unter dem Motto „Lebendiges Archiv – Lebendige Erinnerung“ bringen sie Archivaufnahmen als kollektive Paste-up-Aktionen in Form von Illustrationen oder interaktiven Fotoausstellungen wieder zurück auf die Straße. Instagram: @produccionesymilagros

 


Shawna Pancarita Farinango ist otavalo-kichwa digitale Künstlerin. Ihre Arbeit ist, wie sie selbst sagt, inspiriert von der Widerstandskraft ihrer Gemeinschaft, der Schönheit der Pachamama und den starken und mächtigen warmí (Frauen), die sie umgeben. In ihrer Arbeit thematisiert sie, was es bedeutet, in einem „marginalisierten Braunen indigenen Körper zu leben.“ Instagram: @jasmine_shawnaf
(Foto: Eli Farinango)

 


Die Illustratorin Valeria Araya aus Santiago de Chile ist Teil der Colectiva Mecha. Sie wurde für die Publikation „Latin Identities: The best Latin American Illustrations 2019“ und im Jahr 2020 für den Publikumspreis der 14. Ausgabe des Illustrationspreises Lateinamerika ausgewählt. Ihre Kunst ist eine ständige Kreuzung zwischen dem Analogen und Digitalen und betrachtet Frauen aus einer alltäglichen und politischen Sicht. Wenn sie nicht gerade zeichnet, probiert sie neue Techniken wie Collage oder Keramik aus und schaut Filme, statt zu schlafen. Instagram: @onreivni
(Bild: Valeria Araya)


Xueh oder Xuehka bezeichnet sich als Verteidigerin von Gleichheit und Vielfalt und glühende Verfechterin der Freiheit. Sie studierte Bildende Kunst an der Nationalen Universität von Kolumbien, Illustration an der Kunstschule Diez in Madrid und Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Weissensee in Berlin, wo sie derzeit auch lebt. Instagram: @xuehka
(Foto: María Luisa Rapela)

 


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