
„Wir bauen Frieden inmitten der Gewalt auf“, sagt Madeline Tatiana Escobar Quilindo. Die Psychologin arbeitete im Cauca für PROMOPAZ, ein Projekt der kolumbianischen Pastoral Social Cáritas und Caritas international. Als sie im Juni 2025 mit einer kolumbianischen Delegation nach Berlin kam, befand sich das Projekt in seiner dritten und letzten Phase. Die Delegation wollte Erfahrungen aus Cauca, Caquetá und Nariño sichtbar machen und für eine Fortsetzung der deutschen Finanzierung werben. Doch dazu kam es nicht, die Finanzierung wurde eingestellt.
Wie dringend diese Arbeit ist, zeigt sich besonders im Cauca. Das Friedensabkommen von 2016 führte zur Entwaffnung und Demobilisierung großer Teile der FARC-EP und markierte damit einen historischen Einschnitt. Doch mit dem Rückzug der Guerilla verschwand der bewaffnete Konflikt aus vielen Territorien nicht. Andere bewaffnete Akteure dehnten ihren Einfluss aus, neue Gruppen entstanden und bestehende Strukturen spalteten sich auf. Bei einer Veranstaltung im Juni 2026 beschrieb die Nasa-Aktivistin Rosalba Velasco die Lage im Cauca deshalb als komplizierter als zuvor: „Früher gab es einen Akteur, heute gibt es mehrere; sie streiten um die Kontrolle des Territoriums“,_erklärte sie._Für die Gemeinden bedeutet diese Fragmentierung, dass Gewalt und Rekrutierung zum Alltag vieler Familien gehören.
Für Escobar Quilindo beginnt Friedensarbeit deshalb nicht mit einem fertigen Konzept, das von außen in eine Gemeinde getragen wird. „Das Territorium hat seine Formen bereits“, sagt sie. „Durch ihre Kultur, durch ihre Musik, durch ihre eigene Sprache“ gestalte die Bevölkerung bereits ihr Zusammenleben. Musik und Tanz verbänden die Menschen. „Das sind Formen, Frieden im Territorium aufzubauen.“
Mit Jugendlichen des Volks der Nasa begleitete Escobar Quilindo den Prozess Tejiendo Vida (dt. Leben weben). Dahinter stand auch die Prävention von Rekrutierung, allerdings nicht unter diesem Namen. In Gebieten, in denen bewaffnete Akteure präsent sind, kann bereits das direkte Sprechen darüber Menschen gefährden. „Wie spreche ich über Rekrutierung, ohne dass das Leben dieser Jugendlichen oder mein eigenes in Gefahr gerät?“, beschreibt Escobar Quilindo die Herausforderung.
Tejiendo Vida setzte deshalb bei Erinnerung, Musik und Malerei an. Jugendliche gestalteten Wandbilder und T-Shirts, organisierten kulturelle Treffen und kamen über ihre Wünsche, Beziehungen und unterschiedliche Formen von Gewalt ins Gespräch. „Es ist Prävention von Zwangsrekrutierung, aber aus ihren eigenen Formen heraus“, sagt Escobar Quilindo. Die kulturellen Aktivitäten sollten Vertrauen schaffen. Erst nach langer gemeinsamer Arbeit konnte Rekrutierung offen thematisiert werden. „Das hat uns zwei Jahre gekostet.“
Was sie beschreibt, ist kein isolierter Ansatz. Bei der Veranstaltung über Land, Kultur und Autonomie im Juni 2026 sprach auch der Nasa-Musiker und Anthropologe Daniel Valencia Velasco über die Rolle von Kunst für Jugendliche. Er ist seit seinem achten Lebensjahr in der Indigenen Bewegung aktiv und wuchs in einer politisch organisierten Familie auf. Diese Erfahrungen bringt er heute in seine künstlerische Arbeit ein. „Die künstlerische Arbeit soll die Kinder wieder verwurzeln“, sagt Valencia Velasco. Dabei trennt er kulturelle Praxis nicht von politischer Bildung: „Kunst und Politik sind eine gute Kombination, um der Welt zu begegnen.“
Prävention durch die Stärkung sozialer und politischer Räume
Rosalba Velasco, Nasa und Führungsperson aus dem Norden des Cauca, beschreibt Verwurzelung dabei nicht als Verpflichtung, im Territorium zu bleiben. „Wie schaffen wir es, dass Kinder in der Gemeinschaft bleiben können?“, fragt sie. Dazu gehöre auch, jene Jugendliche zu begleiten, die für ein Studium oder aus anderen Gründen fortgehen, damit sie die Verbindung zur Gemeinschaft nicht verlieren. „Für die Jugendlichen ist politische Bildung wichtig“, betont Velasco. Entscheidend sei, auch außerhalb des Territoriums weiter über Gemeinschaft zu sprechen und die Verbindung zur eigenen Organisation und Herkunft aufrechtzuerhalten.
Ähnliche Überlegungen finden sich in der 2025 erschienenen Broschüre Land, Kultur und Autonomie. Leonardo Valencia Piamba, damals Koordinator der Jugendabteilung des CRIC, bezeichnet dort den bewaffneten Konflikt als größtes Problem Indigener Jugendlicher. Neben Rekrutierung nennt er fehlende Perspektiven und den Verlust der Verbindung zur eigenen Kultur als Herausforderungen. Der CRIC begegnet dem unter anderem mit politischer Bildung und Kulturarbeit. „Wir nutzen Tanz, Musik, Weben, um das Interesse der Jugendlichen für ihre Indigene Kultur zu wecken, und darüber auch für die organisatorischen und politischen Prozesse“, erklärt Valencia Piamba. Durch solche Aktivitäten hätten sich Jugendliche bereits gegen den Anschluss an bewaffnete Gruppen entschieden.
Kultur ist dabei breiter verstanden als Kunst für Bühne oder Museum. Luis Fernando Acalo Igon, Koordinator der Minga der Indigenen Kunst innerhalb des CRIC, beschreibt sie als kollektiven Prozess. „Für uns ist Kunst etwas Erlebtes, Lebendiges.“ Nicht allein das fertige Werk ist entscheidend, sondern der gemeinschaftliche Prozess. Dazu gehören Musik und Tanz ebenso wie Weben, traditionelle Speisen, Sprache oder spirituelle Praktiken. In ihnen wird die Beziehung zum Territorium weitergegeben.
Damit bekommt auch das Verwurzeln, von dem Valencia Velasco und Escobar Quilindo sprechen, eine politische Bedeutung. Es geht nicht darum, Indigene Identität als unveränderlich zu definieren oder jungen Menschen vorzuschreiben, im Territorium zu bleiben. Viele studieren oder arbeiten in Städten, manche sprechen die Sprache ihrer Eltern oder Großeltern nicht mehr und erleben außerhalb ihrer Gemeinden Rassismus oder Distanz zur eigenen Herkunft. Kulturarbeit soll Verbindungen schaffen, über die Jugendliche ihre Geschichte, ihre Gemeinschaft und deren politische Prozesse weiter als Teil des eigenen Lebens erfahren können.
Musik, Tanz und Erinnerung beseitigen weder Armut noch bewaffnete Gruppen und ersetzen auch nicht die Verantwortung des Staates. Sie können aber Teil einer breiteren Strategie sein, in der psychosoziale Begleitung, politische Bildung, familiäre Unterstützung und gemeinschaftliche Organisation ineinandergreifen. Prävention bedeutet aus dieser Perspektive nicht, Jugendliche lediglich zu beschäftigen, sondern Gemeinschaften als soziale und politische Räume zu stärken und Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, bevor ein bewaffneter Akteur als einzige Perspektive verstanden wird.
Damit verschiebt sich auch die Frage danach, was Frieden bedeutet. Das Abkommen von 2016 schuf einen nationalen Rahmen und eröffnete für viele Menschen die Hoffnung auf ein Ende jahrzehntelanger Gewalt. Die Erfahrungen aus dem Cauca zeigen jedoch, dass ein unterschriebenes Abkommen allein nicht darüber entscheidet, wie Frieden in einer Gemeinde gelebt werden kann.
Friedensarbeit im Alltag
Nicolás Caballero Pineda begleitete PROMOPAZ auf nationaler Ebene und arbeitete daran, die unterschiedlichen regionalen Prozesse miteinander zu verbinden. Für ihn war ein wichtiges Ergebnis, aus der Sicht der jeweiligen Territorien „über Frieden ohne Nachnamen sprechen zu können“. Gemeinschaften sollten nicht lediglich Empfänger*innen einer bereits definierten Friedenspolitik sein. Sie verfügen über eigene Vorstellungen davon, welche Formen von Zusammenleben, Würde und Sicherheit sie brauchen.
Auch in den Indigenen Debatten über Kunst, Jugend und Autonomie erscheint Frieden deshalb nicht nur als politisches Abkommen. Acalo Igon verbindet Kunst ausdrücklich mit „Frieden und Territorium“. Jugendliche, die Musik machen oder tanzen, entwickelten darüber ein eigenes Verständnis ihres Territoriums und der Konflikte, die es prägen. Frieden bedeute deshalb nicht nur politisches Handeln, sondern auch, sich im eigenen Territorium wohlzufühlen und dort ein eigenes Selbstverständnis entwickeln zu können.
Diese Perspektive stellt Verhandlungen und nationale Friedenspolitik nicht infrage. Sie ergänzt sie um eine Ebene, ohne die ein Abkommen im Alltag abstrakt bleiben kann: die lange Arbeit daran, Vertrauen aufzubauen, Erinnerung weiterzugeben, Zugehörigkeit zu ermöglichen und gemeinschaftliche Strukturen zu stärken. Sie beginnt häufig im Kleinen: mit einem Lied, einem Wandbild, einem Treffen oder der Weitergabe von Sprache. Von dort kann sie in politische Beteiligung und gemeinschaftliche Organisation übergehen.
Gerade deshalb ist Kontinuität entscheidend. Dass PROMOPAZ nach seiner dritten Phase nicht weiterfinanziert wurde, steht im Kontrast zu der Langfristigkeit, die Escobar Quilindo für solche Prozesse beschreibt. „Es kann nicht aus zwei psychosozialen Workshops, einem Advocacy- und einem Menschenrechtsworkshop bestehen, denn so funktioniert es nicht“, sagte sie 2025 in Berlin. Nach Jahrzehnten der Gewalt brauche Friedensarbeit Zeit und müsse bei den Menschen, Familien und Gemeinschaften beginnen.
Zehn Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens bleibt damit ein Widerspruch bestehen: Während bewaffnete Gruppen Jugendliche rekrutieren, schaffen Gemeinschaften Räume, in denen Musik, Sprache, Erinnerung und politische Bildung andere Beziehungen zur Zukunft ermöglichen. Frieden entsteht nicht nur am Verhandlungstisch, sondern auch von unten, im Alltag und in den Territorien. Oder, wie Escobar Quilindo es formuliert: „Die Gemeinschaft hat die Formen bereits. Von dort aus muss man anfangen, Frieden aufzubauen.“














