
Mit Bleistiften gegen Autoritarismus und Kürzungen (Fotos von Lourdes Alfonso)
São Paulo beherbergt einige der bedeutendsten Universitäten Brasiliens: die Schwesteruniversitäten Universidade Estadual Paulista (Unesp), Universidade Estadual de Campinas (Unicamp) und die Universidade de São Paulo (USP). Letztere gilt laut der britischen Times Higher Education als beste Universität Lateinamerikas. Doch selbst an den besten Universitäten der Welt leiden Studierende unter mangelnder Infrastruktur und unzureichender Unterstützung. Am 11. Mai stürzte in der Bibliothek der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität São Paulo die Decke nach einem Regen teilweise ein, wodurch ein Teil des Bestands verloren ging. Die studentischen Interessenvertretungen berichten über Insekten und Larven im Essen, eine Beeinträchtigung der Ernährungssicherheit auf den Campus. Zudem veröffentlichte die Folha de São Paulo, eine traditionsreiche Zeitung aus São Paulo, eine Fotoreihe, welche die deutliche Verelendung der Studierendenwohnheime zeigt: Gebäude mit Rissen, Pilzbefall und fehlenden Feuerlöschern. Diese Prekarisierung ist einer der Gründe, warum die Studierenden der drei staatlichen Universitäten in São Paulo streiken. Die Hauptforderung betrifft die sogenannte Studierendenverbleibspolitik, also die strukturellen Bedingungen und Dienstleistungen, die Universitäten bereitstellen müssen, um Abbrüche zu minimieren.
„Auf die Einführung von Quotenpolitik vor einigen Jahren war die Universität nicht vorbereitet und konnte die Studierenden nicht in angemessener Qualität aufnehmen“, erklärt der Geschichtsstudent Pedro Chiquitti, Mitglied des Kollektivs Juntos! sowie des Diretório Central dos Estudantes (DCE Livre da USP, Zentraler Studierendenrat) der USP, gegenüber LN.
Zur Demokratisierung des Hochschulsystems wurde 2012 das Quotengesetz in Brasilien eingeführt und schrittweise an den Universitäten umgesetzt. Das Quotensystem berücksichtigt bei den Universitätszulassungen nicht nur die ethnische Zugehörigkeit, sondern auch Schüler*innen aus einkommensschwachen Familien und öffentlichen Schulen und stellt sicher, dass ein bestimmter Prozentsatz der Studienplätze für diese Gruppe reserviert wird. An der Universidade de São Paulo lag der Anteil Schwarzer und Indigener Studierender 2010 bei nur 6 Prozent, stieg jedoch bis 2019 auf 25 Prozent. Die aktuelle Herausforderung hat tief verwurzelte historische Ursachen in Brasilien. Öffentliche Hochschulbildung war über viele Jahre hinweg stark elitär geprägt. Die komplexen und wissensbasierten Aufnahmeprüfungen verlangten hohe Punktzahlen, was Studierende ausschloss, die keinen Zugang zu privilegierten, oft privaten Schulen hatten. Dies führte zu einem elitären und überwiegend weißen Hochschulsystem, das sich wiederum in besseren Arbeits- und Einkommenschancen für diese Gruppe widerspiegelte.

Die Bewegung der Studierenden steht in direktem Zusammenhang mit dem studentischen Wohlbefinden und zugleich mit der Sicherung öffentlicher Politiken, welche die Universität demokratisieren. An der USP ist die Hauptforderung, das Einkommensförderprogramm für einkommensschwache Studierende der Universität von 885 Real auf 1.804 Real (in Euro: von 150 Euro auf 307 Euro) anzupassen. An der Unesp umfassen die Forderungen unter anderem die Ausweitung der Transportbeihilfe für Studierende sowie die Einstellung weiterer Lehrkräfte und weiteren Verwaltungspersonals. An der Unicamp ist die Einführung einer Zugangsquote für trans Personen eine zentrale Forderung als Antwort auf die geringe Präsenz von trans Personen an brasilianischen Universitäten, deren Anteil an der Studierendenschaft auf etwa 0,3 Prozent geschätzt wird. Rund 39 Universitäten in Brasilien verfügen bereits über entsprechende Quotenregelungen.
Reiche besteuern für eine hochwertige Bildung
„Das Ende des Streiks wird durch die Verhandlungen bestimmt, die wir gemeinsam mit der Universitätsleitung führen“, sagt Chiquitti. Die bisherigen Verhandlungen verliefen jedoch kompromisslos. Die Universitätsleitung reagierte lediglich mit einer minimalen Erhöhung von 27 Real im Studierendenförderprogramm, begründet mit Budgetbeschränkungen. Die Finanzlage sorgt auch bei der Lehrer*innenschaft für Sorge. Die Associação de Docentes da Universidade de São Paulo (Adusp, Dozent*innenverband der Universität São Paulo) warnte vor den Entwicklungen der Hochschulfinanzierung. Zusammenfassend stammen die Mittel der drei Universitäten (USP, Unesp und Unicamp) aus einem Anteil der Konsumsteuer des Bundesstaates São Paulo, der Steuer auf den Umlauf von Waren und Dienstleistungen (ICMS), vergleichbar mit der Mehrwertsteuer in Deutschland.
Von dieser Steuer werden 9,57 Prozent an die drei Universitäten verteilt. Dieser feste Prozentsatz ist das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe gewerkschaftlicher Gruppen im öffentlichen Dienst, erkämpft am Ende der 1980er Jahre. Durch die 2024 vom Nationalkongress verabschiedete Steuerreform soll der ICMS jedoch schrittweise durch eine neue Steuer ersetzt werden, wobei bislang nicht garantiert ist, dass die Universitäten weiterhin den gleichen Anteil an Mitteln erhalten.
Ursula Dias Peres, Professorin für Öffentliche Haushalte im Studiengang Public Policy Management an der USP, analysiert: „Die brasilianische Steuerstruktur hatte stets eine wachstumshemmende Tendenz, war eine permanente Quelle föderativer Konflikte durch den Steuerwettbewerb zwischen Bundesstaaten und Gemeinden und hatte einen stark regressiven Effekt auf die Einkommensverteilung. Wir müssen in den zweiten Teil der Steuerreform gehen, mit einer stärkeren Besteuerung der reichsten 10 Prozent des Landes, da wir eines der ungleichsten Länder der Welt sind. Der Kampf um die Rechte von Studierenden an brasilianischen Universitäten ist also eng mit der Besteuerung der reichsten Prozent verbunden ist. Besteuerung wird hier zu einem zentralen Instrument, um die Demokratisierung des Hochschulsystems und die Aufrechterhaltung der Spitzenqualität der Universitäten in São Paulo zu gewährleisten.

Massive Mobilisierungen in vielen Städten Argentiniens
Auch in Argentinien gehen Studierende auf die Straße. Am 12. Mai fand in Argentinien eine landesweite Mobilisierung statt. In Städten wie Córdoba, Buenos Aires, Rosario, Santa Fé und Mendoza forderten über 1,5 Millionen Menschen ein Ende der Haushaltskürzungen für Universitäten. Die Aktion ist Teil der Marcha Federal Universitaria, (Bundesweiter Universitätsprotest), Mobilisierungen, die seit 2024 Studierende, Lehrkräfte und Universitätsbeschäftigte zusammenbringen, nachdem die Exekutive beschlossen hatte, kein neues Budget für die Hochschulbildung 2024 vorzulegen und stattdessen das Budget des Vorjahres beizubehalten. Die zentrale Forderung bei der vierten großen Demonstration im Mai 2026 ist die Umsetzung des Universitätsfinanzierungsgesetzes mit zwei Kernpunkten: die Anpassung der Mittel für die Hochschulbildung und der Gehälter von Lehrkräften und Verwaltungspersonal an die Inflation. Das Gesetz erlebte ein politisches Tauziehen: Es wurde am 21. August 2025 vom Kongress verabschiedet, im September legte jedoch die Exekutive ein Veto ein. Der Kongress hob das Veto am 2. Oktober erneut auf. Am 21. desselben Monats erließ Milei ein Dekret, das die Umsetzung des Gesetzes aussetzt, bis der Kongress die Budgetmittel zur Durchführung festlegt. Daraufhin reichte die argentinische Hochschulgemeinschaft Klage ein, sodass ein Bundesgericht die Exekutive zur sofortigen Umsetzung des Gesetzes verpflichtete.
Gehälter unterhalb der Armutsgrenze
Laut dem Argentinischen Zentrum für politische Ökonomie (CEPA) führt das Fehlen inflationsgerechter Gehaltsanpassungen zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen der Beschäftigten an öffentlichen Universitäten: Ein Teil der Lehrkräfte sowie das gesamte Verwaltungspersonal erhalten inzwischen Gehälter unterhalb der Armutsgrenze, mit starkem Kaufkraftverlust und direkter Beeinträchtigung der Lebensqualität. Diese Situation beunruhigt nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Studierende: „Ich bin heute hier, weil ein Gesetz nicht eingehalten wird und weil das, was in Argentinien passiert, verfassungswidrig ist. Wir sind hier, um das gegenüber einer Regierung zu verteidigen, die Lehrkräfte ständig angreift, und ich möchte nicht, dass die Menschen, die mich unterrichten, unterhalb der Armutsgrenze bezahlt werden“, sagt Jazmín, Studentin der Universidad Nacional de las Artes in Buenos Aires. gegenüber LN.

Von Brasilien bis Argentinien kämpfen Studierende weiterhin für das Recht, bei der Verteilung staatlicher Haushaltsmittel angemessen berücksichtigt zu werden. Doch es geht auch um das Recht auf eine würdevolle Zukunft der nächsten Generationen. „Ich bin mit meiner Tochter gekommen, auch damit sie eine Chance auf Bildung hat“, erklärte eine Unterstützerin der Demonstration in Argentinien. In brasilianischer Solidarität mit Argentinien ergänzt Chiquitti: „Wir hoffen sehr, dass der Kampf der Jugend, der Studierendenbewegung hier in São Paulo und in Argentinien Millionen von Studierenden und junge Menschen ansteckt, nicht nur in Lateinamerika, sondern weltweit. Das soll zeigen, dass die Jugend nicht das Zukunftsmodell akzeptieren wird, das uns verkauft wird: ein neoliberales Zukunftsmodell der individuellen Selbstverantwortung, des ‚Jeder gegen jeden‘, der Privatisierung und der Prekarisierung unserer Zukunft.“
















