Die Melancholie des Verbrechens

© Triángulo

Machado (Juan Lugo) arbeitet nahe Toulouse in der Weinlese, als er von einer alten Bekannten den Auftrag erhält, einen Edelstein aus der Krone einer Marienstatue in einer Kirche in Medellín zu rauben. Nach kurzem Zögern reist der wortkarge Machado in die lange nicht mehr besuchte Heimat. Am Flughafen erwartet ihn eine Frau, die ihm direkt einen Revolver überreicht. Denn vor dem Diebstahl gilt es, einen unbeliebten und als gefährlich geltenden Pfarrer aus dem Weg zu räumen. Die Information, dass sein Auftrag einen Mord beinhaltet, nimmt Machado ebenso ungerührt zur Kenntnis, wie er vorher seiner Freundin in Frankreich von dem Job erzählt hat. Der Coup läuft so glatt, dass jegliche Spannung, die sich aufbaut, schnell wieder abflacht.

© Triángulo

Piedras Preciosas, der erste Langfilm des kolumbianischen Regisseurs Simón Veléz, ist kein Gangsterfilm, sondern ein nachdenklicher Streifen, der den Bildern mehr Raum gibt als der Handlung. Ob das Riesenrad am Ufer der Garonne in Toulouse, die Seilbahn über Medellín oder bunte Vögel in einem Park, die Machado gedankenverloren im Gras hockend zeichnet: es ist diese Aneinanderreihung gelungen komponierter Bilder und ungewöhnlicher Perspektiven, die die Stimmung des Films prägt, aber auch ratlos zurücklasst.  Die Absurdität der Inszenierung scheint den manchmal wahllos auftauchenden Charakteren dabei bewusst zu sein: Machado wird, selbst als Priester mit dem charakteristischen weißen Collar (Kragen) verkleidet, stets als Padre – Vater – angesprochen und um Rat gefragt – auch von einer Frau, die ihrem Sohn ausreden möchte, selbst Pfarrer zu werden. Klar, er solle lieber Schauspieler werden, erwidert Machado. Diesen lakonischen Dialogen wohnt ein eigener Witz inne, sie stellen Sehgewohnheiten auf die Probe: die Erwartung, die Zuschauer*innen an diesen Film haben könnten, werden stets unterlaufen. Neben dem wachen Auge für Stimmungen und dem funkelnden Glanz der Diamanten – immer wieder werden in langen Einstellungen Hände gezeigt, die langsam und genüsslich in verschiedenen Edelsteinen wühlen – bleibt der Film zurückhaltend.  

© Triángulo

Am Ende liegen Machado und seine Freundin in ihrem Zimmer in Toulouse und überlegen, was sie nun mit ihrem Reichtum anfangen können – als sei es nichts weiter Besonderes. Über die fehlende Spannung und die inhaltlichen Lücken können die schönen Bilder dabei nur bedingt hinwegtrösten.


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Zwischen Schlangen und Smartphones

Juunt Pastaza entsari | Waters of Pastaza | Die Kinder vom Río Pastaza, Berlinale 2022 (Foto: © Inês T. Alves)

Bewertung: 3 / 5

Appetitlich sehen sie aus, die Früchte, die sich die Kinder von den Bäumen holen und öffnen, indem sie sie gegen deren riesige Stämme schlagen. Aber auch ein bisschen wie aus einer anderen Welt. So wie die übergroßen Pilze, Schmetterlinge, Käfer und Spinnen, die sie auf dem Weg durch den tropischen Regenwald finden und in die Hand nehmen. Nur ist diese Welt am Amazonas für die Kinder keine exotische, sondern ihre ganz normale Umgebung. Ohne Erwachsene durch das endlose Grün der meterhohen Vegetation streifen, mit der Machete umgehen, Fische fangen, Feuer machen – auch für Sechs- bis Achtjährige ist das Alltag. Und zu zweit mit dem Kanu über den riesigen Rio Pastaza zu fahren ist, wie für Gleichaltrige woanders den Schulbus zu nehmen.

Die portugiesische Filmemacherin Inês Alves ist für ihre Dokumentation Juunt Pastaza entsari („Die Kinder vom Rio Pastaza“) zur indigenen Gemeinschaft der Achuar gefahren, die im ecuadorianischen Amazonasgebiet an der Grenze zu Peru lebt. Eigentlich nur für ein Bildungsprojekt in der Grundschule der Gemeinschaft gekommen, war sie schon bald von der Autonomie der Kinder beeindruckt, die ihren Alltag umgeben von der spektakulären Natur fast komplett ohne ihre Eltern meistern. Sie beschloss, einen Film mit ihnen zu drehen. Die Perspektive ist dabei nicht voyeuristisch. Vielmehr folgt die Kamera den Kindern bei ihren täglichen Unternehmungen, Spielen und Aufgaben, als wäre sie selbst ein Teil der Gruppe. Einige Aufnahmen wurden sogar von den Kindern selbst gemacht. Interessant ist Juunt Pastaza entsari auch, weil die Siedlung, in der die Kinder wohnen, erst kurz vor Alves‘ Ankunft ans Elektrizitätsnetz angeschlossen wurde. Smartphones sind deshalb natürlich ein begehrtes Spielzeug, der Umgang damit ist aber bald schon so normal, wie eine Schlange um einen Stock zu wickeln.

Juunt Pastaza entsari zeigt, wie anders die Lebenswelt von Kindern in einem Umfeld aussehen kann, das sich völlig von dem den meisten Kinobesucher*innen bekannten unterscheidet. Aber es gibt auch Ähnlichkeiten: So gehören T-Shirts von Frozen oder den regionalen Fußballklubs zu den beliebtesten Kleidungsstücken. In der Berlinale-Sektion Kplus ist der Film gut aufgehoben und ein Kinobesuch für Eltern auch mit kleinen Kindern empfehlenswert. Die schönen Naturaufnahmen und die mit knapp über einer Stunde nicht allzu lange Laufzeit sollten dafür sorgen, dass es trotz eines fehlenden Narrativs oder Off-Kommentars nicht zu langweilig wird.


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