
Die Anhörung war für 13 Uhr angesetzt, doch wie so oft kam es zu Verzögerungen, und wir begannen erst um 15 Uhr. Die Säle im Gefängnis Reclusorio Sur in Xochimilco sind klein und kalt, die Sitze unbequem und die Wände in öligem Weiß gestrichen, das perfekt zur bürokratischen Trostlosigkeit staatlicher Gebäude passt. An diese Orte zu gehen, macht mich traurig.
Das Gefängnis liegt am südlichen Stadtrand von Mexiko-Stadt, einer Gegend, die für ihre Seen und weitläufigen Naturschutzgebiete bekannt ist. Um dorthin zu gelangen, muss man mehrere Kilometer durch Arbeiter*innenviertel fahren. Mehr als vier Jahre sind vergangen, seit Alejandro versucht hat, mich zu töten. Auf dem Beifahrersitz sitzend massiere ich die Narbe an meiner Wange, um das taube Gefühl zu lindern. Ich habe die volle Sensibilität in den verletzten Bereichen nie wieder erlangt. Bis heute trage ich die bleibenden Spuren eines maßlosen Hasses, den ich nicht verstehen kann, an meinem Körper.
Am 16. Januar 2022 wurde ich gegen sechs Uhr morgens mit einem Krankenwagen in das Hauptstadt-Krankenhaus Balbuena gebracht. Ich erinnere mich, dass mir auf der Fahrt schrecklich kalt war. Man sagte mir, ich sei für einige Minuten bewusstlos gewesen. Nach dem Angriff machte ich eine Live-Übertragung und innerhalb weniger Minuten ging ich in den sozialen Netzwerken viral. Ich erschien in den wichtigsten Nachrichtensendungen des nationalen Fernsehens. „Trans-Aktivistin und Sexarbeiterin Natalia Lane in einem Hotel im Viertel Portales mit einem Messer angegriffen“, lauteten die Schlagzeilen.
Wenn man meinen Namen googelt, findet man Fotografien jener Nacht, Bilder, die ein Leben lang schmerzen. Im Krankenhaus wurden die Verletzungen in meinem Gesicht und an meinen Händen genäht.
Einer der Sanitäter notierte in seinem medizinischen Bericht: „Männlicher Patient mit Verletzungen durch eine Stichwaffe an Wange, Nacken, Hand, Handgelenk und linkem Arm. Beruf: Sexarbeiterin.“ Das Stigma wiegt schwer und hat Konsequenzen, wenn man trans und puta ist (die politische Bewegung der Sexarbeiterinnen eignet sich das Wort puta bewusst an und deutet es positiv, Anm. d. Red.). Mein Körper verkörpert all das, was eine Gesellschaft voller Doppelmoral als unerwünscht betrachtet. Sich in einem Land wie Mexiko für Menschenrechte einzusetzen, in dem mehr als 130.000 Menschen verschwunden sind, fühlt sich wie ein Todesurteil an.

Mein Kampf für Gerechtigkeit begann nicht erst im Jahr 2022. Seit ich mich mit 17 Jahren dazu entschloss, mein Geschlecht zu ändern, war in meiner Nachbarschaft, in meiner Familie und in der Schule die immer wiederkehrende Frage: „Ist das ein Mann oder eine Frau?“ Im Jahr 2008 begann ich mein Studium an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) und wurde zur ersten jungen, offenen trans Frau, die an einer öffentlichen Universität Journalismus studierte. Ich bin die Tochter von Eltern aus Oaxaca, die ihr ganzes Leben lang der Arbeiter*innenklasse angehörten. Dank meiner Mutter, die die Toiletten in den Einkaufszentren putzte, und dank meines Vater, der als Busfahrer arbeitete, konnte ich an der wichtigsten Universität Mexikos studieren.
Viele Jahre sind seit meiner Zeit an der Universität vergangen und es scheint, als hätte sich nur wenig verändert. Mexiko verfügt zwar über einen umfassenden rechtlichen Rahmen zum Schutz der Rechte von trans Personen, paradoxerweise steht das Land jedoch an zweiter Stelle in Lateinamerika bei der Zahl der Transfeminizide – nur Brasilien verzeichnet mehr Fälle. Der Begriff Transfeminizid wurde erstmals im August 2024 im Strafgesetzbuch anerkannt. Ich war Mitautorin dieses Gesetzes.
Transfeminizid bezeichnet die Tötung einer trans Frau aufgrund ihrer Geschlechtsidentität und/oder ihres geschlechtlichen Ausdrucks. Die Strafe wird verschärft, wenn die Tat im Kontext von Sexarbeit oder im öffentlichen Raum geschieht. Dieser legislative Erfolg erfüllte mich mit großer Genugtuung. Gleichzeitig war mir bewusst, dass er keine umfassende Antwort auf all das Leid in meinem Land darstellt: Geschriebenes Recht ist nicht zwangsläufig gelebtes Recht. Das Leben einer puta wie mir verändert sich nicht dadurch, dass einem offiziellen Dokument ein weiterer Artikel hinzugefügt wird. Der Begriff der testimonial justice (Zeugnisgerechtigkeit) reicht für Überlebende wie mich nicht aus.
Ich verstehe darunter die Art und Weise, wie Staat Am 20. Mai 2026 wurde der Agressor der trans Aktivistin Natalia Lane von einem Gericht in Mexiko-Stadt wegen versuchten Feminizids zu einer Gefängnisstrafe von 20 Jahren und fünf Monaten verurteilt. Damit blieb es unter der Höchststrafe von 46 Jahren, die das mexikanische Strafrecht für Feminizide vorsieht. Über ihre seelischen und körperlichen Qualen und den unbefriedigenden Ausgang des fünfjährigen Prozesses berichtet die Überlebende des Angriffs im folgenden Artikel.
Die Anhörung war für 13 Uhr angesetzt, doch wie so oft kam es zu Verzögerungen, und wir begannen erst um 15 Uhr. Die Säle im Gefängnis Reclusorio Sur in Xochimilco sind klein und kalt, die Sitze unbequem und die Wände in öligem Weiß gestrichen, das perfekt zur bürokratischen Trostlosigkeit staatlicher Gebäude passt. An diese Orte zu gehen, macht mich traurig.
Das Gefängnis liegt am südlichen Stadtrand von Mexiko-Stadt, einer Gegend, die für ihre Seen und weitläufigen Naturschutzgebiete bekannt ist. Um dorthin zu gelangen, muss man mehrere Kilometer durch Arbeiter*innenviertel fahren. Mehr als vier Jahre sind vergangen, seit Alejandro versucht hat, mich zu töten. Auf dem Beifahrersitz sitzend massiere ich die Narbe an meiner Wange, um das taube Gefühl zu lindern. Ich habe die volle Sensibilität in den verletzten Bereichen nie wieder erlangt. Bis heute trage ich die bleibenden Spuren eines maßlosen Hasses, den ich nicht verstehen kann, an meinem Körper. Am 16. Januar 2022 wurde ich gegen sechs Uhr morgens mit einem Krankenwagen in das Hauptstadt-Krankenhaus Balbuena gebracht. Ich erinnere mich, dass mir auf der Fahrt schrecklich kalt war. Man sagte mir, ich sei für einige Minuten bewusstlos gewesen.
Nach dem Angriff machte ich eine Live-Übertragung und innerhalb weniger Minuten ging ich in den sozialen Netzwerken viral. Ich erschien in den wichtigsten Nachrichtensendungen des nationalen Fernsehens. „Trans-Aktivistin und Sexarbeiterin Natalia Lane in einem Hotel im Viertel Portales mit einem Messer angegriffen“, lauteten die Schlagzeilen. Wenn man meinen Namen googelt, findet man Fotografien jener Nacht, Bilder, die ein Leben lang schmerzen. Im Krankenhaus wurden die Verletzungen in meinem Gesicht und an meinen Händen genäht. Einer der Sanitäter notierte in seinem medizinischen Bericht: „Männlicher Patient mit Verletzungen durch eine Stichwaffe an Wange, Nacken, Hand, Handgelenk und linkem Arm. Beruf: Sexarbeiterin.“
Das Stigma wiegt schwer und hat Konsequenzen, wenn man trans und puta ist (die politische Bewegung der Sexarbeiterinnen eignet sich das Wort puta bewusst an und deutet es positiv, Anm. d. Red.). Mein Körper verkörpert all das, was eine Gesellschaft voller Doppelmoral als unerwünscht betrachtet. Sich in einem Land wie Mexiko für Menschenrechte einzusetzen, in dem mehr als 130.000 Menschen verschwunden sind, fühlt sich wie ein Todesurteil an. Mein Kampf für Gerechtigkeit begann nicht erst im Jahr 2022. Seit ich mich mit 17 Jahren dazu entschloss, mein Geschlecht zu ändern, war in meiner Nachbarschaft, in meiner Familie und in der Schule die immer wiederkehrende Frage: „Ist das ein Mann oder eine Frau?“ Im Jahr 2008 begann ich mein Studium an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) und wurde zur ersten jungen, offenen trans Frau, die an einer öffentlichen Universität Journalismus studierte. Ich bin die Tochter von Eltern aus Oaxaca, die ihr ganzes Leben lang der Arbeiter*innenklasse angehörten. Dank meiner Mutter, die die Toiletten in den Einkaufszentren putzte, und dank meines Vater, der als Busfahrer arbeitete, konnte ich an der wichtigsten Universität Mexikos studieren.
Viele Jahre sind seit meiner Zeit an der Universität vergangen und es scheint, als hätte sich nur wenig verändert. Mexiko verfügt zwar über einen umfassenden rechtlichen Rahmen zum Schutz der Rechte von trans Personen, paradoxerweise steht das Land jedoch an zweiter Stelle in Lateinamerika bei der Zahl der Transfeminizide – nur Brasilien verzeichnet mehr Fälle. Der Begriff Transfeminizid wurde erstmals im August 2024 im Strafgesetzbuch anerkannt. Ich war Mitautorin dieses Gesetzes. Transfeminizid bezeichnet die Tötung einer trans Frau aufgrund ihrer Geschlechtsidentität und/oder ihres geschlechtlichen Ausdrucks. Die Strafe wird verschärft, wenn die Tat im Kontext von Sexarbeit oder im öffentlichen Raum geschieht. Dieser legislative Erfolg erfüllte mich mit großer Genugtuung. Gleichzeitig war mir bewusst, dass er keine umfassende Antwort auf all das Leid in meinem Land darstellt: Geschriebenes Recht ist nicht zwangsläufig gelebtes Recht. Das Leben einer puta wie mir verändert sich nicht dadurch, dass einem offiziellen Dokument ein weiterer Artikel hinzugefügt wird.
Der Begriff der testimonial justice (Zeugnisgerechtigkeit) reicht für Überlebende wie mich nicht aus. Ich verstehe darunter die Art und Weise, wie Staat und Justiz bestimmte Menschen für besonders „würdig” einstuft. Es gibt Opfer, denen mehr und leichter geglaubt wird. Natürlich gehören putas und trans Frauen nicht zu dieser Kategorie, weil unsere bloße Existenz bereits als „verdächtig“ gilt. In keiner Weise entsprechen wir dem Bild des „guten Opfers“, das selbst vom weißen Feminismus häufig vorausgesetzt wird.
Ich denke oft an die kraftvollen Worte der feministischen Aktivistin Gisèle Pelicot: „Die Scham muss die Seite wechseln.“ Doch für Travestis (die Selbstbezeichnung beschreibt eine lateinamerikanische politische Identität von transfem Personen. Zur ausführlichen Einordnung siehe LN 525, Anm. d. Red.) und putas in Lateinamerika liegen die Dinge anders. Die Scham ist das Ergebnis einer endlosen Kette institutioneller und gesellschaftlicher Gewalt. Das Stigma hat jede Faser unserer Körper durchdrungen. Es hat uns fast überall auf der Welt zu einer vermeintlich ständigen Bedrohung gemacht.
Deshalb überrascht es mich nicht, dass das Urteil am 20. Mai in meinem Fall unzureichend ausfiel. Es hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Nach fast zwei Stunden Schlussplädoyers der Anwält*innen, erklärte der Richter meinen Angreifer des versuchten Feminizids für schuldig. Doch meine Anwältinnen und ich mussten feststellen, dass der Richter die Schwere des Angriffs nicht ausreichend berücksichtigte. Die Staatsbediensteten in Mexiko haben eine unerbittliche Art, einen in die Realität von Straflosigkeit und Ohnmacht zurück zu holen. 20 Jahre und fünf Monate Haft für den Angreifer sowie eine Entschädigungszahlung von knapp 2.500 Euro war die Entscheidung des Richters.
Nach fast fünf Jahren juristischen Kampfes, wiederholter Viktimisierung und institutioneller Gewalt entschied der mexikanische Staat, dass mein Leben nicht einmal 3.000 Euro wert sei. Das Urteil berücksichtigte auch nicht die Verletzungen der anderen Opfer: drei Hotelangestellte, die mir zu Hilfe kamen und denen mein Angreifer ebenfalls Stichverletzungen im Gesicht und an den Beinen zufügte. Wir haben alles getan, um eine Haftstrafe von 46 Jahren zu erreichen – die Höchststrafe, die das mexikanische Strafrecht für Feminizide vorsieht. Wir haben dieses Ziel nicht erreicht, doch ich habe dennoch ein ruhiges Gewissen, denn ich habe ihnen ein Stück Gerechtigkeit abgerungen, die Frauen wie mir historisch immer verweigert wurde.

Die Scham muss die Seiten wechseln
Ich schrieb Geschichte, da ich die erste trans Frau wurde, die als Überlebende eines Transfeminizids in Lateinamerika ein entsprechendes Urteil erwirkte. Nie zuvor war es gelungen, den Angreifer einer lebenden Travesti strafrechtlich zu verurteilen. Die Erste zu sein, schmerzt mehr, als es mich mit Stolz erfüllt. Denn wenn du Überlebende einer derart überwältigende Gewalt bist, ist es nicht so einfach, dass die Scham die Seite wechselt. Meine Narben erinnern mich jeden Tag daran, was ich in jener Nacht vielleicht hätte anders machen können. An die Entscheidungen, die ich nicht getroffen habe, und an das Vertrauen in die Welt, das ich verloren habe. Deshalb beschloss ich, an jedem einzelnen Verhandlungstag des Strafprozesses anwesend zu sein. Mit eingezogenem Kopf und einem völlig zerrütteten Nervensystem. Fast fünf Monate lang war ich dort. In einer Sitzung mit meiner Therapeutin ging mir etwas auf, das mich zutiefst wütend machte. Seit Januar habe ich jede Woche dem Mann direkt gegenübergestanden, von Angesicht zu Angesicht, der versucht hat, mich zu töten. Ich musste mit anhören, wie er vor dem Richter unverfroren log und behauptete, er sei unschuldig und ich hätte versucht, ihn zu entführen, um ihm Geld zu rauben.
Die häufigste Form der Kriminalisierung von Sexarbeiterinnen besteht darin, uns als Diebinnen darzustellen. Es ist einfacher, einem durchschnittlichen männlichen Bürger zu glauben als einer puta.
Dieser juristische Kampf hinterließ bei mir einmal mehr emotionale und körperliche Folgen als jene, die ich ohnehin schon mit mir trug: Schilddrüsenunterfunktion, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörung, Haarausfall, Akne, Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust und die Abhängigkeit von psychiatrischen Medikamenten. Deswegen wurde das Urteil der Schwere des erlittenen Schadens nicht gerecht.
Ja, die Scham muss die Seite wechseln. Und das gilt auch für den mexikanischen Staat und das Strafjustizsystem. Sie sollten sich schämen, weil sie Sexarbeiterinnen und arme Travestis erneut im Stich gelassen haben. Als Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum ihr Amt antrat, sagte sie etwas, das für die linken Bewegungen Lateinamerikas wie ein Hoffnungsschimmer klang: „Zum Wohl aller stehen die Armen an erster Stelle. Ich bin nicht allein hierher gekommen, mit mir sind alle Frauen angekommen.” Zwei Jahre nach diesem Versprechen wissen wir, dass nicht alle angekommen sind. Es fehlen die Mütter, die nach ihren verschwundenen Kindern suchen und dafür geheime Massengräber und die Vernichtungslager des Drogenhandels durchkämmen.
Es fehlen die Indigenen Frauen, die für ihr Land kämpfen. Es fehlen die Hausangestellten, die sich gewerkschaftlich organisieren, um Arbeitsrechte durchzusetzen. Wir fehlen, die Sexarbeiterinnen, die Opfer und Überlebenden von Feminiziden, die zu Lebzeiten Wiedergutmachung suchen. Uns wird keine Gerechtigkeit zuteil. Dennoch werden wir weiterhin für die Gerechtigkeiten kämpfen, denn trotz allem wird es immer ein Leben nach dem Feminizid, nach der Ungerechtigkeit und nach der Grausamkeit geben.




