50 Jahre alt wird man nicht alle Tage

Redaktionssitzung auf der Dachterrasse Hier entsteht gerade die Jubiläums-LN zum 50. Geburtstag (Foto: Jan-Holger Hennies)

Was für ein Jahr! Ein wenig erschöpft, aber ziemlich zufrieden blicken wir dieser Tage auf unser zu Ende gehendes Jubiläumsjahr zurück. Es hinterlässt vor allem schöne Erinnerungen: Wir haben mit LN-Gründer*innen und Ehemaligen unseren 50. Geburtstag gefeiert, für den LN-Film und die Jubiläumsausgabe in unseren Archiven gekramt, Veranstaltungen organisiert und 50 Jahre nach dem Putsch gegen Allende Aktivist*innen aus Chile empfangen. Und, wir hätten es fast vergessen: Wir haben wie üblich auch in diesem Jahr zehn Ausgaben der LN produziert und gedruckt. Es war ein volles Jahr, und vieles davon haben wir zusammen mit dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL) auf die Beine gestellt, unserer Schwesterorganisation und Nachbarin im schönen Mehringhof. Dafür sagen wir Danke an alle Beteiligten!

Wie vielen Menschen LN seit 50 Jahren etwas bedeutet und sie dazu motiviert hat, ehrenamtlich mitzumachen, zeigte sich in Berlin schon am 8. Juli: Von nachmittags bis zum frühen Sonntagmorgen wurde gefeiert und getanzt – erst auf der Dachterrasse und dann im Clash, inklusive Einlassstopp wegen drohender Überfüllung und natürlich Cumbia und Caipirinhas. Alle Generationen waren dabei, von den Gründer*innen bis zur aktuellen Redaktion: LN verbindet.

Veranstaltung “Die Internationale der Nationalen” Rechte Netzwerke und ihre Verbindungen zwischen Deutschland und Lateinamerika (Foto: Jara Frey-Schaaber)

Als Kollektiv und als Zeitschrift haben uns in diesen fünf vergangenen Jahrzehnten viele Themen bewegt und treiben uns bis heute um. In unserer Jubiläumsausgabe und der Veranstaltungsreihe sind wir auf die wichtigsten eingegangen: Mit den Besucher*innen von MODATIMA aus Chile ging es, einen Tag vor dem 50. Jahrestag des Putsches, um Neoliberalismus und das Erbe der Diktatur. Am Beispiel Kolumbien sprachen wir über Extraktivismus und Spielräume linker Politik heute. Ende Oktober blickten wir auf rechte Netzwerke zwischen Deutschland und Lateinamerika und die „Internationale der Nationalen“. Vertreter*innen von Zentralamerika-Solidaritätsbewegungen und Kollektiven der lateinamerika­nischen Diaspora diskutierten über Illusionen, Hoffnungen und Kämpfe, Aktivist*innen aus feministischen Zusammenhängen von damals und heute darüber, was sie verbindet oder in Zukunft noch mehr verbinden könnte. Auch für uns als Redaktion und politisch aktive Menschen waren diese Veranstal­tungen wichtige Orte des Austauschs, von denen wir viel für unsere Arbeit mitnehmen.

Wir haben in diesem Jahr viel darüber geredet, warum es LN gibt und bis heute braucht. Aktuelle Entwicklungen wie der Wahlsieg des ultrarechten Javier Milei in Argentinien oder der hiesige Aufstieg der AfD sind einige der vielen Beweise, dass der Bedarf an kritischer Gegenöffentlichkeit alles andere als überholt ist. Und auch geografisch ging es in diesem Jahr zurück zu den Wurzeln: Im April reiste unsere Film-AG an den Gründungsort der Chile-Nachrichten, einem Haus der LN-Gründer*innen Urs und Clarita Müller-Plantenberg in Hessen. Im September dann hat der (teils auch dort gefilmte) Dokumentarfilm Donnerstags, 19 Uhr Premiere gefeiert. „Jedes Heft ist ein kleines Wunder“, sagt Gründer Urs darin. Wir freuen uns riesig, dass es mit dieser schönen Doku ein filmisches Zeitdokument über 50 Jahre LN gibt.

Dieses Jahr haben wir uns auch vorgenommen, mehr Latines für die Mitarbeit in der Redaktion zu gewinnen sowie die Vernetzung mit Kollektiven der lateinamerikanischen Diaspora in Berlin zu vertiefen. Mehrere dieser Gruppen haben in den LN Texte veröffentlicht und gemeinsam mit uns Veranstaltungen organisiert.

Blick ins Archiv und in die Zukunft Schaffen die LN nochmal 50 Jahre? (Foto: Jan-Holger Hennies)

Und, schaffen die LN noch einmal 50 Jahre? „Aaaach, so lange Prognosen …“, weicht Martin Ling, der seit 1989 in unserer Redaktion ist, dieser Frage im Film beinahe aus. Aber ja, wie geht es denn weiter? Zunächst zieht nach diesem vollgepackten Jahr wieder etwas Normalität ein: Wir bauen jeden Monat ein kleines Wunder zusammen und arbeiten die vielen neuen Redakteur*innen ein, die in den vergangenen Wochen den Weg in unsere Redaktion gefunden haben. Das freut uns sehr, denn so erneuert sich unser Kollektiv wieder und wieder. Gleichzeitig gilt es, auch bei diesem Generationswechsel zu erhalten, was LN seit 50 Jahren war und ist: kritisch, solidarisch und unabhängig!

Im Februar steht dann unser nächster Finanzcheck an – und da wird der zweite Teil von Martins Antwort wichtig: „… fünf Jahre wären schon gut!“. Denn es wird nicht einfacher, dieses Projekt, das uns allen so am Herzen liegt, finanziell über die Runden bringen. Die Produktionskosten steigen, gleichzeitig wollen wir unsere Bürostelle fair entlohnen und dabei die Preise für unsere treuen Abonnent*innen nicht erhöhen.

Woher soll das Geld also kommen? Da könnt ihr, die ihr bis hier gelesen habt, sicher helfen: Erzählt doch euren Freund*innen von den LN oder verschenkt ein Abo! Guckt euch unsere verschiedenen Aboarten (von Probe- über PDF- bis Förderabo!) und unsere tollen Prämien (vom Buch von Rita Segato bis zur FDCL-Broschüre!) an und erzählt davon weiter. Schon 100 neue Abos wären für uns ein riesiger Erfolg – nicht nur, weil sie uns finanziell weiterhelfen, sondern auch, weil wir uns freuen, wenn die LN gelesen werden! Eine große Hilfe ist aber auch eine – Deine! – Spende an LN: Damit können wir unsere zusätzlichen Kosten decken und schon mit kleinen Dauerspenden, zum Beispiel zehn Euro im Monat, auch längerfristig planen. Als Dankeschön für jede Spende versenden wir das Passwort, mit dem ihr unseren Jubiläumsfilm über 50 Jahre LN anschauen könnt.

Obwohl es sich manchmal selbstverständlich anfühlt, dass die Produktion der LN weitergeht, weil es immer geklappt hat, sehen wir in unserem Umfeld öfter, dass dies nicht der Fall ist: Mehrere kleine Zeitschriften haben in diesem Jahr die Türen geschlossen. Als Redaktion ist es nicht nur wichtig, bei der Verschickung ein reales Produkt in den Händen zu halten, es macht auch Spaß, im Kollektiv zu arbeiten und dabei Fähigkeiten zu erwerben und Erfahrung zu sammeln. Wir freuen uns, in den kommenden Jahren mit euch weiter auf diese Reise zu gehen.

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Meilenstein Ausschnitt aus dem LN-Cover zur Legalisierung von Abtreibungen in Argentinien (LN 560 – Februar 2021)

Die hart erkämpfte Legalisierung der Abtreibung in Argentinien 2020 war ein Meilenstein für die feministischen Kämpfe in Lateinamerika. Kolumbien folgte 2022 mit einem der liberalsten Abtreibungsgesetzte der Welt und auch in Mexiko haben mittlerweile immer mehr Bundestaaten Schwangerschaftsabbrüche legalisiert.

Auch in anderen Bereichen gibt es Fortschritte: Seit 2018 ist beispielsweise die Anzahl der Gründ­ungen feministischer Medien in Lateinamerika signifikant angestiegen. Zudem haben sich zahlreiche Vernetzungsstrukturen für feministische Journalist*innen gebildet, so auch das seit 2019 jährlich stattfindende Festival Zarelia. Bei diesem tauschen sich über 100 Teilnehmer*innen aus der ganzen Region darüber aus, wie feministischer Journalismus gestärkt werden kann. Die Fotojournalistin María Ruiz vom mexikanischen Onlinemedium Pie de Página beschreibt feministischen Journalismus in einem Interview mit der DW als Notwendigkeit, um der Reviktimisierung, der mangel­nden Präsenz feministischer Themen sowie der Objektivierung und Sexualisierung weiblicher Körper etwas entgegenzusetzen.

So wichtig die Erfolge der marea verde („grüne Welle“) und der feministischen Bewegung insgesamt auch sind, sind sie doch nur einige der vielen Erfolge, die es für den Fall des Patriarchats braucht. Wie Ni Una Menos-Gründerin Marta Dillon 2018 schon analysierte, wurde die Forderung der feministischen Bewegung in Lateinamerika nach einer grundlegenden Veränderung des Systems in den vergangenen Jahren noch stärker formuliert: Feministische Kämpfe müssen antikapitalistisch und antikolonial gedacht werden und sich auf alle Lebensbereiche ausweiten.

Im Hinblick darauf kann auch die feministische Bewegung in Deutschland noch das ein oder andere lernen. In der Vergangenheit haben Bewegungen aus Lateinamerika in Deutschland wichtige Debatten anstoßen können – nicht nur, aber auch in der symbolischen Verbindung von Feminist*innen aus aller Welt durch Performances wie Un violador en tu camino („Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“) vom chilenischen Kollektiv LASTESIS. Nicht zuletzt ist der 8. März als Demonstrations- und Streiktag auch dank vieler Impulse aus Lateinamerika nun wieder eine feste Institution. Viele der heutigen Kämpfe sind transnational, sie werden an verschiedensten Orten der Welt und oft in Bezug aufeinander geführt. Auch feministische Demonstrationen in Deutschland stellen nun die Themen sexualisierte Gewalt und körperliche Selbstbestimrmung in den Mittelpunkt. Wichtige Fragen nach der Organisierung von Care-Arbeit haben weder in Lateinamerika noch hierzulande an Aktualität verloren. Doch insbesondere hier werden auch die Fallstricke deutlich, wenn Feminismus nicht in globalen Zusammenhängen gedacht wird: Zurecht kritisieren Kampagnen wie „Legalisierung jetzt!“ in Berlin die vermeintliche Emanzipation einiger privilegierter Frauen in Deutschland durch die Abgabe von Sorgearbeit an prekarisierte Migrant*innen, unter anderem aus Lateinamerika. Denn Sorgearbeit muss grundsätzlich anders organisiert werden. Auch deshalb werden wir also den feministischen Stimmen aus Lateinamerika und der lateinamerikanischen Diaspora aufmerksam zuhören. Der Blick auf die interne Heterogenität der Bewegung darf dabei nicht fehlen.

Denn bei aller Euphorie, die manches Foto von riesigen feministischen Demonstrationen auslösen kann, wurden in den vergangenen Jahren auch interne Konflikte offenkundig. Sei es die berechtigte Kritik aus Schwarzer oder indigener Perspektive, die einen dekolonialen Feminismus fordern und sich am städtischen Mittelklasse-Fokus der Bewegung stören, oder Probleme wie Transfeindlichkeit in den eigenen Reihen – diverse Stimmen lassen uns erkennen, dass auch diese neue Welle des Feminismus nicht romantisiert werden sollte.

Und apropos nicht romantisieren: „Frauenthemen“, wie sie im Editorial von 1990 (siehe unten) genannt werden, wurden über Jahrzehnte der LN-Geschichte komplett ausgeblendet, wie dort selbstironisch zugegeben wird. Heute sind Artikel, die sich mit feministischen, queeren und intersektionalen Fragen auseinandersetzen, glück­licherweise regelmäßig in den Lateinamerika Nachrichten zu finden. Was mit ein paar Frauen in der Redaktion der 1990er begann, die sich über diese Leerstelle beschwerten, ist heute Schwer­punktthema vieler Mitglieder der Redaktion. Auch die Leser*innen scheint das Thema zu beschäftigen, so ist zum Beispiel das feministische Dossier Nr. 18 „Vivas nos queremos” nicht nur eines der meistgelesenen, sondern in gedruckter Fassung inzwischen sogar vergriffen. Mit Sicherheit werden wir also auch in Zukunft über Bewegung und Entwicklung feministischer Anliegen in Lateinamerika berichten. Schon in den vergangenen zehn Jahren gab es mehr LN-Ausgaben und Artikel zu feministischen Themen als in der gesamten Zeit zuvor – und das ist auch gut so!

Johanna Saggau ist LN-Redakteurin und studiert Lateinamerikastudien
Johanna Fuchs ist LN-Redakteurin und Politikwissenschaftlerin

Vom Heft auf die Leinwand

Von Archiv bis Interview Die Aufnahmen für den LN-Film sind inzwischen alle im Kasten (Foto: Jan-Holger Hennies)

Ein Film über 50 Jahre Lateinamerika Nachrichten. Wo könnte dieser beginnen? Was würde dieser Film erzählen? An einem kühlen Frühlingsabend 2022 sitzt eine kleine Runde aus ehemaligen und aktiven LN-Redakteur*innen im Clash, der Kneipe unterhalb der Redaktionsräume der LN, und stellt sich diese Fragen.

Dass ich zu diesem Zeitpunkt inzwischen ein paar Jahre als Dokumentarfilmer arbeite, hat viel mit meinen journalistischen Anfängen im Redaktionskollektiv zu tun. Auch deshalb gefällt mir die Idee, einen Film über die LN zu machen, als sie mir ein weiterer Redakteur einige Zeit zuvor das erste Mal erzählt.

Bei Cocktails und Cumbia während der Linken Buchtage 2022 wird das erste Mal gedreht.

Wo also anfangen? Am besten in den Mehringhöfen in Berlin, genauer gesagt auf der vom Redaktionskollektiv geliebten Dachterrasse. Bei Cocktails und Cumbia während der Linken Buchtage 2022 wird dort das erste Mal gedreht. Aus der Kneipenrunde, in der die anfängliche Idee diskutiert wurde, ist eine Gruppe von Redakteur*innen geworden, die sich innerhalb des nächsten Jahres auf die Suche machen wird: Nach der Wiese in Hessen, auf der die LN angeblich gegründet wurden (Spoiler: Es gibt sie und wir haben sie gefunden). Aber vor allem auf die Suche nach dem, was das Kollektiv schon so viele Jahre zusammenhält.

Behind the scenes Die Filmgruppe spricht mit Bernd Pickert und Bert Hoffmann über die LN der 90er Jahre (Foto: Mirjana Mitrovic)

Es entsteht ein Film über Menschen, die weiter über das aktuelle Heft reden anstatt den Mauerfall mitzuerleben. Über feministische Revolutionen in Lateinamerika und innerhalb der Redaktion. Über alternativen Journalismus und kritische Solidarität. Über Schreibmaschinen und Open-Source-Software. Über Chili Con Carne und grüne Wiesen. Ein Film über Heftzyklen und die Liebe zum Print-Journalismus. Über kollektive politische Arbeit und Freund*innenschaft. Über prekäre Produktionsbedingungen und ehrenamtliches Engagement. Über Generationen von Redakteur*innen und die stetige Neuerfindung der LN. Nach über einem Jahr und vielen mehrstündigen Interviews mit ehemaligen und aktuellen Redakteur*innen aus allen Dekaden der Zeitschrift steht fest: Der Redaktionstisch lädt zum Verweilen ein, die Redaktionsräume wecken viele liebevolle Erinnerungen. Wir könnten noch ewig weiterreden.

Deutlich geworden ist aber auch, dass die monatliche Heftproduktion mit mal mehr und mal weniger sanftem Druck verbunden ist. Letztlich ist dieser sicher nicht unerheblich für das 50-jährige Bestehen der Zeitschrift. Auch der Film befindet sich nun im Schnitt, in dieser Ausgabe geben einige Filmstills und Auszüge von Interviews bereits einen Vorgeschmack. Ende September wird die Premiere stattfinden – schließlich bietet der 50. Geburtstag Anlass genug, um ihn mehrmals zu feiern.

EINE RUNDE INTERNATIONALISTISCHE SACHE

In diesen Tagen werden viele Freund*innen und compañer@s Urs feiern und an sein spannendes bisheriges Leben erinnern. Von seiner Kindheit und frühen Jugend in Marienburg und von den Wandervögeln wird da die Rede sein. Sicherlich auch von seiner Flucht nach Kriegsende an die Saale, seine Schulzeit in Kassel, seinen Studien der Politik und Physik in Marburg und dann der Soziologie, der Geschichte und Mathematik in Berlin. Und natürlich erwähnen auch alle seine Zeit im Sozialistischen Studentenbund (SDS), wo er, worauf sein Freund Klaus Meschkat wohl zurecht hinwies, eher als 58er, denn als 68er teilnahm. Aus heutiger Sicht muss sein Rausschmiss aus der SPD 1965 und seine anschließende Mitarbeit im Republikanischen Club als Glücksfall der (west-) deutschen Geschichte gedeutet werden: Er verstärkte letztlich sein vehementes und konsequentes außerparlamentarische Engagement, was schließlich auch dazu führte, dass er an der Gründung der Alternativen Liste in Berlin mitwirkte. Mächtig mischte sich Urs später auch in die Ausrichtung der Grünen und der Heinrich Böll Stiftung ein. Als Privatdozent für Soziologie an der FU-Berlin hat er nicht nur die Gründung und Profilierung des Lateinamerika Instituts (LAI) vorangetrieben – und damit wichtige Grundsteine für die deutsche Lateinamerikaforschung gelegt-, sondern Hochschulpolitik insgesamt geprägt. Dies alles, wie auch sonst, immer gegen den Mainstream. Das etablierte westdeutsche Universitätswesen fuhr dann auch eine der schärfsten Attacken gegen ihn, indem es Urs eine Soziologieprofessur verweigerte. Doch auch da hat er dem System angemessen und in historischer Dimension geantwortet: Nach seiner Emeritierung an der FU-Berlin folgte er einem Ruf an das Lateinamerika Institut der Universität Warschau und wurde schließlich in seinem Geburtsland zum „ordentlichen Professor der Soziologie“ ernannt.

Bei LN von Anfang an dabei: Urs Müller-Plantenberg (Foto: privat)

Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, compañera und Ehefrau Clarita hat Urs aber über viele Jahrzehnte wohl vor allem an einem großen Vorhaben gearbeitet: der radikalen Demokratisierung der Gesellschaft, um autoritäre Herrschaft und Herrschaftsverhältnisse zu verhindern und zu verändern. Aus der antifaschistischen Tradition kommend, sind ihre Lebensenergien darauf gerichtet, den Kapitalismus und das Patriarchat zu bekämpfen und diesem ein emanzipatorisches und ökologisches Gesellschaftsprojekt entgegenzusetzen. Dass dies nur mit einer internationalistischen Perspektive und solidarischem Handeln geschehen kann, haben die beiden seit ihrer gemeinsamen Zeit in Chile in den frühen 1970er Jahren  nicht nur kontinuierlich gesagt, geschrieben und gelehrt,  sondern auch gelebt. Urs zeigte schon in den 1960er Jahren, dass ein linker deutscher Mann auch im Alltag Theorie und Praxis zusammenbringen kann. Viele haben ihn damals als Windeln wechselnden, kochenden und abwaschenden Vater zweier wunderbarer Kinder erlebt, der dennoch an der Uni arbeitete und anschließend auf jeder relevanten Demo oder politischen Veranstaltung der Linken im damaligen Westberlin zu sehen war. Zu einem Zeitpunkt also, wo die Kitas noch in den Kinderschuhen steckten. Urs – natürlich durch die vielen politisch aktiven Frauen geprägt, die sein Leben begleiteten-, stritt schon für Geschlechterdemokratie, als die Tomaten gerademal anfingen zu fliegen. Bei den Feten im Lateinamerika Institut in den „wilden 80ern“ war er mit dem Besen noch bei Sonnenaufgang beim Saubermachen zu sehen. Sein Weinglas freilich ganz in der Nähe. Sein Talent zum leckeren Kochen, ähnlich wie seine Gitarren-, Gesangs- und Tangotanzkünste, sind legendär. Nicht unbedingt nur wegen der Qualität, sondern auch auf Grund Urs´ Fähigkeit die Dinge so in Szene zu setzen, dass sie nie produziert wirken, sondern einfach seinem Spaß am Leben und an dem menschlichen Miteinander Ausdruck verleihen.

Auch wenn, oder vielleicht sogar weil, in einer der wohl spannendsten und interessantesten politischen deutschen Nachkriegsbiographien ein Abgeordnetenhaus- oder Bundestagsmandat fehlen: Wohl nur wenige haben über so viele Jahrzehnte so ausdauernd und beharrlich an der Schaffung und Gestaltung von kritischer Wissenschaft, politischer Gegenmacht und demokratischer Kultur in Deutschland mitgewirkt wie er. Seine zwischen Realo-Konstruktion und Fundi-Prinzipientreue oszillierende, aber stets „vorwärts“ laufende politische Biografie ist und bleibt authentisch, weil sie immer von Solidarität, der Lebenslust nach dem Weitermachen und einer großen menschlichen Offenheit geprägt war. Autoritarismus, Obrigkeitshörigkeit, Machismo, Sektierertum, Karrierismus und Selbstsucht sind Urs ein Gräuel. Mehr noch,  er hat diese Eigenschaften nicht nur immer und überall (und viel früher als die meisten) entlarvt und bekämpft: Er hat darüber hinaus gezeigt, das ein deutscher linker Mann anders leben und wirken kann.

Selbst seine dennoch gelegentlich auftauchenden Wutausbrüche manifestieren ihr destruktives Potenzial nur an der bedrohlichen Errötung seines Gesichtes. Als Beweis für seinen „revolutionären Pazifismus“ mag herangeführt werden, dass es Urs in seinem bewegten und viele Menschen bewegenden Leben nicht geschafft hat auch nur einen einzigen Feind oder eine einzige Feindin zu kreieren.

Solidarität, Lebenslust und eine große menschliche Offenheit prägen Urs und seine Biografie.


Generationen von Studierenden und Doktorant*innen, insbesondere diejenigen, die mit ihm studentische Exkursionen etwa 1986 nach Uruguay oder wenige Jahre später nach Chile erleben durften, erfuhren, dass es möglich ist, Wissen an junge Menschen weiterzugeben, ohne Druck zu machen. Urs‘ Kompetenz als Dozent speist sich nicht nur aus seinem unglaublich detaillierten historischen, soziologischen und politischen Wissen, sondern ebenso aus seiner ureigensten Art, es zu vermitteln. Er hat im Laufe der Jahrzehnte seine eigene Messlatte für Erfolg und Misserfolg von Lehr- und Lernprozesse entwickelt und verfeinert. Ein Paulo Freire, aber auch ein Umberto Eco, tauchen dabei höchstens im Hintergrund auf, wären aber sicherlich begeistert. Auch wenn viele von uns zusammenzuckten, als Urs regelmäßig seine Warnung in den Erstsemesterveranstaltung durch den Versammlungsraum hallen lies: ,Studiert bloß nicht so eine brotlose Kunst wie Soziologie oder etwa sogar Lateinamerikanistik!“. Die, die wir uns nicht abschrecken ließen, wurden in den Folgejahren mit spannenden Seminaren belohnt. “Neoliberalismus und Sozialismusdebatte in Lateinamerika“, das Urs gemeinsam mit Franz Hinkelammert gab, war eines davon. Wer sprach schon 1985 vom Neoliberalismus und lies uns Popper, Hayek und Friedman lesen, wenn nicht Urs.

Er hat schon „nachhaltige“ Strukturen geschaffen, als das Wort im deutschen Sprachgebrauch noch gar nicht existierte und es eine dementsprechend ausgerichtete Politik und Praxis noch nicht gab. Die LN sind eines der besten Beispiele hierfür. Im Juni 1973, also kurz vor  dem Putsch gegen Salvador Allende in Chile, erschien die Nummer 1 der Chile­-Nachrichten, sieben Seiten „dick“, mit einer Auflage von 200 Exemplaren. Die erste deutsche Solidaritätszeitschrift mit Lateinamerika war geboren. Angesichts von Diktatur und Exil steigerte sie sukzessive ihre Qualität und Auflage, um einem wachsendem Publikum kritische und alternative Informationen zu liefern.  Der Terror des „Plan Condor“ führte vier Jahre später zu ihrer Umbenennung in Lateinamerika Nachrichten. Urs erkannte die Notwendigkeit, regionaler zu denken und zu berichten, um den politischen Entwicklungen im Subkontinent gerecht zu werden. Schon bald pushte Urs die Idee, einen Verein zu gründen, der auch ein Archiv haben sollte. Mitte 1974 wurde also das Forschungs­ und Dokumentationszentrum Chile Lateinamerika (FDCL) gegründet. Vier Jahre später, den deutschen Herbst vor Augen und in der Wohnung, erfolgte der Einzug in den Kreuzberger Mehringhof, wo FDCL und LN bis heute ihre Bleibe gefunden haben. Die Gründung des Lateinamerika Jahrbuches und auch Urs Mitarbeit in der PROKLA erweiterten und diversifizierten seinen wissenschaftlichen und publizistischen Wirkungsrahmen. Auch in diesen Redaktionen führte er viele kritisch denkende Menschen zusammen.  Dass die genannten Projekte bis heute existieren, hat auch viel damit zu tun, dass es Urs immer gelang „loslassen zu können “. Rotation, Erneuerung und vor allem jungen Leuten Raum geben und sich Raum von ihnen nehmen zu lassen, waren für ihn Programm. „Machen“ und „nicht-machen“ sind die zwei Seiten der selben Medaille für Urs, nachzulesen in einem seiner wohl schönsten Aufsätze mit dem Titel „Zur politischen Ökonomie und politischen Soziologie des Lassens“.

Seitdem sind hunderte vorwiegend junge Menschen seiner Idee einer kritisch-solidarischen Auseinandersetzung in und mit Lateinamerika und in der Welt auf den oben genannten Pfaden nachgegangen. Alleine bei den LN schnaufen Woche für Woche am Donnerstag zahlreiche ehrenamtliche Mitarbeiter*innen die fünf Stockwerke im Mehringhof hinauf. So wie einst Urs.

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