Poesie für Fortgeschrittene

© Películas mirando el techo

Einfach macht es Matías Piñeiro seinen Zuschauer*innen meistens nicht. Die Werke des argentinischen Independent-Filmemachers sind mit ihren verschachtelten Narrativen und oft außerhalb des lateinamerikanischen Kontextes stehenden Leitmotiven nicht einfach zu entschlüsseln. Bislang standen oft Shakespeare oder auch mal asiatische Philosophie im Zentrum von Piñeiros Schaffen. In Tú me abrasas ist Lateinamerika nun bis auf Regisseur und Schauspieler*innen komplett außen vor. In seinem Berlinale-Beitrag verfilmt der Regisseur einen literarischen Dialog der antiken, griechischen Lyrikerin Sappho mit dem 2.500 Jahre später geborenen italienischen Schriftsteller Cesare Pavese.

Klingt kompliziert? Ist es auch und Piñeiros Herangehensweise macht den Einstieg in den Film nicht unbedingt leichter. Aneinandergereiht werden sich wiederholende Bildkompositionen gezeigt: Blumen, Äpfel, Gebäude, eine Spüle, eine Türklingel und immer wieder das Meer. Einige Bilder werden als visuelle Entsprechungen für einzelne Begriffe etabliert, zum Beispiel für die drei Wörter des Filmtitels. Wer sich darauf einlässt, dem erschließt sich – wie so oft bei Piñeiro – die narrative Struktur dann nach einer Weile. Stück für Stück fließen biographische Informationen zu Pavese und Sappho ein, Parallelen werden klar: Unerfüllte Liebe und die Frage nach Akzeptanz oder Lenkung des eigenen Schicksals waren bei beiden Schriftsteller*innen präsent. Gedichte Sapphos und Paveses Text „Meeresschaum“ werden zitiert und auf Buchseiten eingeblendet – Letzteres sehr ausführlich und deutlich. Für das Verständnis ist das von großem Vorteil, man kann Matías Piñeiro also nicht vorwerfen, dass er gar nicht an seine Zuschauer*innen denkt. Elliptisch werden zentrale Themen, Begriffe, Namen (vor allem aus der griechischen Mythologie) und Bilder akustisch und visuell wiederholt. Es stellt sich ein Rhythmus ein und langsam auch ein Verständnis für den philosophischen Dialog über die Jahrtausende, den Pavese mit Sappho führt. Dazu sind Piñeiros Bilder in körnigen 16-Millimeter-Aufnahmen geschickt und poetisch komponiert. Gerade die häufigen Aufnahmen von Meer, Felsen und Wellen fügen sich sehr harmonisch in die akustische Erzählung ein. Auch einige Schauspielerinnen dürfen ab und zu durch Städte, Gärten oder Museen laufen und Tiere wie Vögel, Krebse oder Schildkröten sorgen für Vitalität in der visuellen Sprache. Die ausgewählten Texte thematisieren dagegen meist verzweifeltes Begehren und die Unmöglichkeit glücklicher Liebe und durchziehen Tú me abrasas so mitmelancholischer Stimmung, passend zum traurigen Ende Paveses, der sich selbst das Leben nahm – genau wie der Legende nach auch Sappho, was allerdings historisch nicht gesichert ist.

Tú me abrasasfordert viel von seinem Publikum: Das exotische Thema, die sperrige, nicht-lineare Erzählweise und eine collagenartige, repetitive Bildsprache machen den Film zu einem sehr speziellen Kinoerlebnis, das nicht alle Kinogänger*innen in gleichem Maße ansprechen wird. Wer sich aber nach den ersten Minuten nicht abschrecken lässt und der intellektuellen und ästhetischen Reise des Films weiter folgt, wird mit einer interessanten audiovisuellen Erfahrung, einem Erkenntnisgewinn zum Dialog zweier Dichter*innen und einem überraschend guten Gefühl beim Verlassen des Kinos belohnt.

LN-Bewertung: 3 / 5 Lamas


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Stadt, Land, Kuss

© Cris Lyra / Dezenove Som e Imagens

As boas maneiras (Gute Manieren), der Überraschungserfolg über ein Werwolfbaby in São Paulo gilt bis heute über Brasilien hinaus als Kultfilm im Horrorgenre. Nicht nur das ungewöhnliche Narrativ, auch die gelungenen Schockmomente, der überraschende Stilmix und die warmherzige Darstellung der Protagonist*innen sorgten für Aufsehen und einen Preisregen auf internationalen Festivals. Nun ist Juliana Rojas, die Co-Regisseurin von As boas maneiras, mit dem Episodenfilm Cidade; Campo (Stadt; Land) zum ersten Mal auf der Berlinale zu Gast. Diesmal ist sie allein verantwortlich für Regie und Drehbuch. Und auch wenn Cidade; Campo thematisch eine ganz andere Richtung einschlägt als sein Vorgänger – Rojas’ Handschrift ist unverwechselbar und macht die 42-jährige aktuell zu einer der aufregendsten Stimmen im lateinamerikanischen Kino.

Dabei klingt das Konzept des Films zunächst etwas sperrig: Cidade; Campo besteht aus zwei einstündigen Episoden, die sich inhaltlich nicht überschneiden. Dabei geht es um Migrationsgeschichten vom Land in die Stadt und umgekehrt. Die erste Episode folgt Joana (Fernanda Vianna), die durch den Bruch des Staudamms Brumadinho und den nachfolgenden Erdrutsch ihre Farm und ihre Tiere verloren hat. Nun zieht sie in die Millionenmetropole São Paulo zu ihrer Schwester Tânia (Andrea Marquee), die sie herzlich aufnimmt. Obwohl Joana nach wie vor traumatisiert ist, schafft sie es schnell, Arbeit bei einem Putzdienst zu finden, was ihr findiger Großneffe Jaime (Kalleb Oliveira) für sie per App organisiert. Dort freundet sie sich mit ihren Kolleginnen an und kämpft mit ihnen gegen die fortschreitende Prekarisierung ihrer Arbeitsverhältnisse. Weil Rojas es schafft, der eigentlich unspektakulär verlaufenden Geschichte durch einen genauen Blick auf ihre Hauptfiguren und liebevoll inszenierte Details einen Spannungsbogen zu geben, fällt Abschied von der ersten Episode nach einer Stunde schwer. Doch auch die zweite Episode hat es in sich. Hier zieht Flavia (Mirella Façanha) gemeinsam mit ihrer Partnerin Mara (wie immer großartig: Bruna Linzmeyer) aus der Stadt auf die verlassene kleine Farm ihres verstorbenen Vaters. Von Beginn an werfen sich die beiden Frauen voll ins Land- und Liebesleben (die ästhetisch inszenierten und choreografierten Liebesszenen sind ein Highlight des Films). Dabei herrscht klare Arbeitsteilung: Mara ist Tierärztin und kümmert sich vor allem um das Vieh, Flavia übernimmt die Knochenarbeit auf dem Feld. Nach und nach wird allerdings klar, dass mit der Farm etwas nicht stimmt. Und ohne zu viel zu verraten, zeigt die Regisseurin spät im Film, aber dafür umso gekonnter, dass sie auch an der Klaviatur des Horrorgenres nichts verlernt hat.

Es ist die Mischung aus originellen Inszenierungen, Stilsicherheit in den verschiedenen Genres (Joanas fiktive Putz-App möchte man sich nach den Werbe-Jingles im Film am liebsten sofort herunterladen) und dem Gefühl für Stimmungen, die Cidade; Campo sehr sehenswert macht. Ganz besonders fällt aber immer wieder auf, wie sehr Juliana Rojas ihre Figuren liebt: Oft sind es Außenseiter*innen, die nicht gesellschaftlichen oder körperlichen Idealbildern entsprechen, aber durch ihr Handeln und ihren ehrlichen, liebevollen Umgang miteinander im Handumdrehen das Herz des Publikums gewinnen. Figuren, die das Land Brasilien nach den polarisierenden und auch für die Außenwirkung verheerenden Bolsonaro-Jahren dringend gebrauchen kann. Man wünscht allen, die ihnen zusehen, dass sie sich von ihrer Empathie und Aufrichtigkeit eine Scheibe abschneiden. Und natürlich, dass es bald wieder mehr solcher wunderbaren brasilianischen Filme wie Cidade; Campo gibt.

LN-Bewertung: 5 / 5 Lamas


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Moby Dick im Río Magdalena

© Monte & Culebra

In den späten 1970er-Jahren brachte der Drogenbaron Pablo Escobar auf illegale Weise drei Flusspferde aus Namibia nach Kolumbien in seinen Privatzoo. Nach seinem Tod flohen sie aus seiner Finca Nápoles zwischen Bogotá und Medellín in den nahe gelegenen Río Magdalena, wo sie sich unter tropischen Bedingungen seither prächtig vermehren: Aus dem ursprünglichen Trio sind mittlerweile geschätzt 160 Tiere geworden. In einigen Jahren könnten es Tausende sein, was zu unvorhersehbaren Folgen für Mensch und Ökosystem führen würde. Das Erbe von Escobar macht der Region auch so bis heute zu schaffen. Aktuell plant die kolumbianische Regierung, die Tiere entweder zu sterilisieren oder in ein anderes Land umzusiedeln.

Der dominikanische Regisseur Nelson Carlos De Los Santos Arias stolperte als Rucksacktourist in Kolumbien über die Geschichte und beschloss, einen Film darüber zu machen – die Idee zu Pepe war geboren und hat es in den Wettbewerb der Berlinale geschafft. Seinen Titel gibt dem Film dabei das wohl bekannteste Exemplar der Flusspferdherde: Pepe, ein Bulle, der von der Gemeinschaft ausgestoßen wurde und sich deshalb als erster daran machte, das Territorium um den Río Magdalena auf eigene Faust zu erkunden. Da die kolumbianischen Flusspferde schon einige Spuren in der Popkultur hinterlassen haben – es gibt Podcasts und sogar eine Doku-Soap des National Geographic Channel mit dem reißerischen Titel Cocaine Hippos über sie – musste ein frischer Ansatz her. Der vom experimentellen Film kommende De Los Santos Arias entschied sich dafür, ihre Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive zu erzählen, mit dezidiert antikolonialer Perspektive.

Den Tieren eine glaubwürdige Stimme zu geben, war dabei eine der wichtigsten Aufgaben. Pepe löst diese auf interessante Weise, indem professionelle Sprecher in verschiedenen Sprachen (Spanisch, Afrikaans, Mbukushu) eingesetzt werden, die ihre von banal bis philosophisch reichenden Monologe häufig mit Tierlauten untermalen. Geschickt zieht der Film so mit antikolonialem Dreh eine Parallele zum hunderte Jahre zuvor erfolgten Sklavenhandel: Wie damals Menschen, so wurden hier Tiere gegen ihren Willen von ihrem Heimatkontinent auf einen neuen verschleppt, an den sie sich anpassen mussten. Die Monologe der Flusspferde sind vor allem in der ersten Hälfte des Films zu hören und drehen sich nur am Rand um die Beteiligung Escobars an ihrer Zwangsumsiedlung. Stattdessen geht es mehr um Rangkämpfe, Beschreibung der Umwelt und die Erinnerung und Bedeutung der eigenen Herkunft.

Doch Pepe belässt es nicht nur bei der Flusspferd-Nabelschau, sondern begibt sich ab etwa der Hälfte der Laufzeit auf das Territorium der menschlichen Bewohner*innen am Río Magdalena. Die Szenen dort sehen dokumentarisch aus, sind aber komplett fiktionalisiert. Dieser Abschnitt des Films beginnt mit einer lustigen Episode über zwei junge Handlanger Escobars, die die undankbare Aufgabe haben, die ersten Flusspferde ihres patrón mit einem Lastwagen zu ihrem Bestimmungsort zu bringen. Im weiteren Verlauf kümmert sich der Film dann vor allem um den Fischer Candelario und seine Familie. Candelario stolpert als erstes über einen der nun frei im Fluss herumstreunenden Dickhäuter und wird nicht müde, allen die es interessiert (oder auch nicht), immer wieder seine Geschichte von dem „Baumstamm, Krokodil oder Ungeheuer“, das ihn fast aus dem Boot geworfen hätte, zu erzählen. In seinem Eifer, die Tiere vertreiben zu wollen, wirkt er fast wie ein kolumbianischer Käpt’n Ahab, der Moby Dick aus seinem Fluss jagen möchte. Die Polizei ist daran jedoch eher weniger interessiert und seine Frau Betania hält ihn gar für einen Spinner, was Candelario natürlich nur noch weiter auf die Palme bringt.

Pepe besteht aus einem bunten Sammelsurium aus Themen und filmischen Stilrichtungen (auch Cartoons werden ab und zu eingespielt), die ihre Höhen und Tiefen haben. Manchmal ist das etwas anstrengend. Denn eine durchgehende Handlung soll der Film gar nicht haben und ohne einiges an Insider*innen-Vorwissen besteht die Gefahr, an einigen Stellen den Faden zu verlieren. Zum Glück wird aber alles durch wunderschöne Naturaufnahmen der Flusslandschaften in Südwestafrika und Kolumbien zusammengehalten, was auch für so manche erzählerische Länge oder Merkwürdigkeit entschädigt.

LN-Bewertung: 3 /5 Lamas


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Living la vida de Barrio

© Monociclo Cine

Die Busstrecke ist neu für Sandra, ihre neue Arbeitsstelle liegt außerhalb ihres Wohnviertels in der kolumbianischen Metropole Medellín. Den Ausstieg muss sie deshalb beim Busfahrer in Erfahrung bringen. Mit ungeahntem Erfolg: Die Nachfrage bringt ihr zuerst ein Gratisbonbon und später einen Sitzplatz neben dem Motorista ein. Ein guter Start in ihren neuen Job als Security-Mitarbeiterin in einem Shopping-Center.

Sandra (Alba Liliana Agudelo Posada) ist die Protagonistin in La piel en primavera (Die Haut im Frühling), dem ersten Spielfilm der kolumbianischen Regisseurin Yennifer Uribe Alzate. Wie der Titel verspricht, herrscht Frühling in Medellín, was für die Charaktere des Films bedeutet: Überall ertönt Musik, Arbeit wird dem Vergnügen untergeordnet und es wird geflirtet, was das Zeug hält. Zu Beginn will Sandra dabei zwar nicht mitmachen. Aber irgendwann wird es einfach zu viel: Der halbwüchsige Sohn knutscht mit seiner neuen Freundin auf der Terrasse, die Kolleginnen tratschen über ihre Ausschweifungen beim Betriebsausflug und die Putzfrau preist in den höchsten Tönen die neuen Dildos aus ihrem Nebenerwerb, einem Online-Sex-Shop an. Also Lippenstift aufgetragen, Outfit aufgefrischt und rein ins Dating-Leben!

La piel en primavera ist ein Film, der gar nicht erst versucht, besonders Außergewöhnliches zu präsentieren und vielleicht genau deshalb so gut funktioniert. Das Arbeiter*innenviertel Barrio Belén Las Violetas mit seinen unverputzten Ziegelsteinwänden gibt dazu den passenden Hintergrund ab: Wenig Glamour, aber dafür umso mehr Atmosphäre für eine Geschichte, die so repräsentativ ist für das Leben in einer lateinamerikanischen Großstadt. Die alleinerziehende Sandra lebt selbstbestimmt, ihre Autonomie wird durch das häufige Rauchen auf dem eigenen Balkon visualisiert. Sie holt sich Selbstbewusstsein im Job, trifft sich mit ihren Freundinnen zum Tanzen oder kümmert sich mit wechselndem Erfolg um die Herzensangelegenheiten ihres Teenager-Sohns und um ihr eigenes Liebesleben. Mit Handkamera und häufigen Close-Ups wird den Darsteller*innen auf den Leib gerückt, die Musik spielt unaufhörlich im Hintergrund und die feuchte Hitze der Stadt ist im Kinosaal fast physisch spürbar. Dazu kommt ein ausgefeiltes Surround-Soundmanagement: Im Bus sind die Rufe der Fahrgäste vorne und die Ansagen des Lautsprechers hinten zu hören und auch auf der Straße scheinen Gesprächs- und Geräuschfetzen von überall her zu kommen. Das fühlt sich so gut und mitten aus dem Leben gegriffen an, dass man sogar dem Plot manche klischeehafte Wendung verzeiht. Ohnehin geht es La Piel en Primavera aber offensichtlich mehr um ein Lebensgefühl als um eine ausgefeilte Story: Wer auf verzwickte Drehbuch-Twists hofft, sollte um den Film eher einen Bogen machen. Regisseurin Uribe Alzate ist trotzdem ein locker-vergnüglicher Erstlingsfilm mit Feel-Good-Vibes gelungen, den man einem breiten Publikum als anschauliches Beispiel einer (weiblichen) working-class Lebenswirklichkeit des südamerikanischen Subkontinents empfehlen kann.

LN-Bewertung: 4 / 5 Lamas


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Das Fremde bleibt fremd

© Victor Juca

Argentinien, Taiwan, Deutschland, (Nordost-)Brasilien: Die anDormir de olhos abertos (dt.: „Mit offenen Augen schlafen”) beteiligten Produktionsländer lesen sich wie ein buntes Sammelsurium unterschiedlichster (Film-)Kulturen, bei denen nur schwer vorstellbar ist, wie sie in einem gut 90-minütigen Film zusammenzubringen sind. Dieser undankbar klingenden (aber selbstgewählten) Aufgabe hat sich die deutsche Regisseurin Nele Wohlatz (El futuro perfecto) verschrieben und, Spoiler: Wie zu befürchten erweist sich das Projekt als eine Nummer zu groß.

Dormir de olhos abertosspielt in der Küstenmetropole Recife im brasilianischen Nordosten, genauer gesagt am Strand Boa Viagem, der etwas außerhalb des Zentrums liegt. Der Film folgt zunächst der Touristin Kai (Liao Kai Ro), die einen Strandurlaub mit ihrem argentinischen Partner geplant hat, der sie aber am Flughafen versetzt. Warum er dies tut und warum ihr Urlaub ausgerechnet in Boa Viagem stattfindet (auch in Argentinien und China gibt es Strände und in Brasilien sogar ganz in der Nähe weitaus schönere) – es bleibt ein Rätsel, wie so vieles in diesem Film. Kai stolpert dann jedenfalls, zwar höchst sprachgewandt aber touristisch sichtlich unerfahren, schon bald über chinesische Händler*innen, die Saisonware an gemieteten Verkaufsständen anbieten. Dort kommt sie an einen Stapel Postkarten, auf den die chinesischen Exilantin Xiao Xin (Chen Xiao Xin), die Brasilien mittlerweile schon verlassen hat, den Anfang eines Romans geschrieben hat.

Diese ziemlich konstruierte Ausgangslage (Warum in aller Welt nimmt Xiao Xin nicht einfach ein Buch?) soll das Verbindungsstück zwischen den beiden Erzählebenen sein. Tatsächlich ist sie aber nur der Gipfel des Eisbergs eines Plots, der vor Unglaubwürdigkeit und fallengelassenen Erzählsträngen nur so strotzt. Besonders die arme Touristin Kai trifft es immer wieder hart. So muss sie schon am ersten Tag ohne ersichtlichen Grund auf eine Verkehrsinsel urinieren oder läuft lieber bis zur Dunkelheit durch die Peripherie einer der gefährlichsten Städte der Welt, als sich ein Taxi zu rufen. Dadurch muss sie in einem Love Motel (in Brasilien sehr beliebte Stundenhotels mit entsprechender Ausstattung) die Nacht verbringen, wo sie sich – Achtung Culture Clash-Holzhammer! – sichtlich unwohl fühlt. Am nächsten Tag geht es dann plötzlich doch mit dem Moto-Taxi zurück in ihre Unterkunft. Dies (und vieles andere), so hat man den Eindruck, passiert in Dormir de olhos abertos nur, weil einige Drehbuchszenen vom Reißbrett auf Teufel komm raus untergebracht werden oder auch die Filmfördergelder aus den verschiedenen Ländern eingetrieben werden mussten.

Manchmal wird der Film sogar zu einem echten Ärgernis. Was ein interessanter Einblick in ausbeuterische Arbeits- und Lebensbedingungen von chinesischen Wanderarbeiter*innen hätte werden können, gerät nämlich durch den Fokus auf bemüht-lustige kulturelle Verirrungen oft in die Nähe einer Farce mit rassistischen Einschlägen. So werden die Brasilianer*innen fast durchgängig als feierwütig, übergriffig-beleidigend oder korrupt dargestellt, während die Chines*innen weitgehend zurückhaltend und fast schon unterwürfig auftreten. Der Blick von Regisseurin Wohlatz auf die hölzern geschnitzten Charaktere (ein deutscher ist, ein Schelm der Böses denkt, nicht dabei) ist oft kein mitfühlend-interessierter, sondern wirkt klischeehaft und sieht belustigt oder gar besserwisserisch auf ihre vermeintlich durch ihre Herkunft definierten Eigenarten herab. Im Jahr 2024 ist dieses naive Kulturverständnis nicht mehr zeitgemäß, was insgesamt den Eindruck verfestigt, dass Dormir de olhos abertos nicht über genug Substanz verfügt, um einen Langfilm über die volle Distanz zu tragen.

LN-Bewertung: 1/5 Lamas


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Das Ende von Scham und Schweigen

© Substance Films

„Solange ich lebe, werde ich niemals alt sein!“ sagt eine der Frauen, und es scheint egal, von welcher der Protagonistinnen der Satz stammt. Denn die 68-jährige Ana, die 69-jährige Patricia und die 71-jährige Mayela erzählen in der costa-ricanischen Doku-Fiktion Memorias de un cuerpo que arde (Erinnerungen an einen Körper, der brennt) zwar jede für sich die Geschichten ihres Lebens und vor allem ihrer Liebe und Sexualität. Regisseurin Antonella Sudasassi Furniss verknüpft diese aber so geschickt, dass es keine Rolle mehr spielt, wer zu welchem Zeitpunkt etwas erlebt hat. Im Vordergrund steht die Erzählung, das Zursprachebringen von jahrzehntelang tabuisierten und verschwiegenen Bedürfnissen.

Memorias de un cuerpo que arde bedient sich dabei des Tricks der visuellen Fiktionalisierung. Denn die drei Frauen aus Costa Rica sind im Film nur mit ihrer Stimme präsent, um ihre Anonymität zu wahren. Im Bild zu sehen sind Schauspielerinnen wie Sol Carballo oder Paulina Bernini. Diese spielen die aus dem Off erzählten Ereignisse in teils echten, teils symbolischen Handlungen nach. Dabei findet das Geschehen ausschließlich in einer extra angemieteten Wohnung statt, schön eingeführt in der Anfangsszene, die den Einzug des Filmteams zeigt.  Kreativ oder sogar poetisch sind auch die weiteren Einfälle zur Inszenierung: Da laufen Hühner durch die Wohnung, Vasen gehen zu Bruch und einmal scheint sogar ein ganzer Jahrmarkt innerhalb der vier Wände stattzufinden.

Doch ebenso verdienen die Lebensgeschichten der Frauen Aufmerksamkeit. Es sind Geschichten, die Frauen nicht nur in Lateinamerika unzählige Male so oder so ähnlich erlebt haben und erleben. Geschichten von romantischen Gefühlen und sexuellem Begehren, aber auch von Unterdrückung, Scham und Missbrauch. Von sexueller Erziehung an der Grenze zur Komik, Frustration und Gewalt im Eheleben und der Befreiung davon erst im Alter. Sex, so sagt eine der Frauen, sei in ihrem Leben gewesen „wie ein Schwarzes Loch: Man sah es nicht und es schien, als würde es nicht existieren, doch am Ende hat es dich verschlungen“. Physische und psychologische Gewalt gegen Mädchen und Frauen, das bestätigt jede der drei Erzählerinnen, waren in ihrem Umfeld allgegenwärtig. Von klein auf sollten sie beispielsweise lernen, ihren Kleidungsstil als „Rüstung“ zu begreifen, um nicht die „Instinkte der Männer zu wecken“ – damit gemeint waren ihre eigenen Verwandten. Über christliche Werte („Ertrage dein Schicksal!“) wurden den Frauen dabei Schuldgefühle eingeimpft, während übergriffige und gewalttätige Männer unbehelligt davonkommen konnten.

Das Verdienst von Memorias de un cuerpo que arde ist es, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung, die Frauen erfuhren und noch immer erfahren, aus einer costa-ricanischen bzw. lateinamerikanischen Perspektive zu einem plastischen und kollektiven Narrativ zu verweben. Regisseurin Antonella Sudasassi Furniss hat damit nach ihrem gefeierten Erstlingswerk El despertar de las hormigas (Das Erwachen der Ameisen) erneut einen sehr starken Film abgeliefert. Mit ihrer Dokumentation gibt sie einer ganzen Generation von Frauen eine gemeinsame Stimme, die das Schweigen bricht und gleichzeitig Hoffnung gibt, dass durch die Trennung von gewalttätigen Partnern ein anderes, glücklicheres Leben möglich ist. „Ich verstehe nicht, dass so viele sagen, im Alter ginge es nur noch bergab“, sagt eine der drei Erzählerinnen gegen Ende des Films. „Für mich ist das die beste Zeit meines ganzen Lebens. Endlich habe ich totale Freiheit!“

LN-Bewertung: 5/5 Lamas


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Die Wurzeln verteidigen

© Johan Carrasco

„Peru fährt zur WM nach Russland, du wirst sehen! Weißt du, wo Russland ist?“ fragt der Junge Feliciano sein Alpaka Ronaldo zu Beginn von Raíz vor einer majestätischen Bergkulisse in den peruanischen Anden. Er hütet die Alpakas seiner Familie und hört dabei im Radio die Fußballspiele der peruanischen Nationalmannschaft. Raíz bedeutet Wurzel  ̶  die für die indigene Bevölkerung im Altiplano heiligen Berge und die Alpakas, deren Wolle ihre wichtigste Einnahmequelle ist, stehen im zweiten Spielfilm des Regisseurs Franco García Becerra für diese Wurzeln.

Felicianos Welt wird von Bergbau bedroht: In der Nähe seines Dorfes befindet sich eine Mine, die Weiden und Wasser verschmutzt und die Tiere krank macht. Die Bewohner*innen beschweren sich, werden jedoch nicht gehört. Stattdessen schickt die Mine einen Arbeiter, der sich hilfsbereit gibt und die Leute davon überzeugen will, dass die Mine Fortschritt und Wohlstand bringt. Einige Dorfbewohner*innen beschließen zwar, ihre Tiere zu verkaufen und wegzuziehen, viele wollen jedoch ihr gewohntes Leben fortführen und ihr Land behalten. Schließlich greift das Bergbauunternehmen zu härteren Bandagen. 

Die selbst aus dem Andenhochland stammenden Schauspieler*innen hatten meist ebenfalls Erfahrung mit ähnlichen Situationen, wie der Regisseur berichtet. Felicianos WM-Begeisterung und die gleichzeitig stattfindende neoliberale Ausbeutung von Mensch und Natur um ihn herum sind Themen, bei denen viele Menschen in ganz Lateinamerika mitfühlen können. Der im nahen Cusco aufgewachsene García nimmt sich im Film Zeit dafür, die Träume der Menschen, ihren Alltag und ihre Verbundenheit mit der Umgebung darzustellen: Feliciano spricht mit Ronaldo und seinem Hund Rambo, tollt mit ihnen auf der Wiese herum. Er sammelt besondere Steine oder spielt Fußball mit anderen Jungs. Die Dorfbewohner*innen wollen Bildung für ihre Kinder, sie scheren zusammen die Alpakas oder gehen in die nächste Stadt, um ein Fußballspiel zu sehen.

Der Film vermittelt alltägliche Authentizität ohne Klischees. Dazu trägt auch bei, dass alle im Film ausschließlich Quechua sprechen, die meistgesprochene einheimische Sprache Lateinamerikas. Auch lokale Glaubensvorstellungen sind präsent, wenn immer wieder ein geheimnisvolles Wesen auftaucht, vor dem die Menschen sich fürchten, sich jedoch auch Hilfe erhoffen, während sich der Konflikt mit der Mine zuspitzt.

„Sie nehmen sich immer mehr Reichtümer und lassen uns nichts übrig“, resümiert Felicianos Vater einmal die Lage. Die Schlussfolgerung: „Wenn wir die Straße blockieren, müssen sie uns zuhören. Wir müssen uns vereinen und kämpfen.“ Die mit großartigen Bildern feinfühlig und nahbar erzählte Geschichte von Feliciano und seinem Dorf ist ein Plädoyer für Träume, für kulturelle Vielfalt, den Respekt vor Menschen und Natur und dafür, dass es sich lohnt, solidarisch für diese Dinge zu kämpfen.


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Hüter der verlorenen Lieder

© Natalia Burbano / Contravía Films

“Gelobte Seelen des Fegefeuers, zeigt mir den Weg”, betet José de Los Santos inmitten afrokolumbianischer Rituale. In seiner Gemeinde im Regenwald der kolumbianischen Pazifikregion Chocó vereinen und solidarisieren sich die Bewohner durch Gesänge und Gebete, um den Trauerprozess zu bewältigen. Der Protagonist des Films Yo vi tres luces Negras, (“I saw three black lights”), gespielt von Jesús María Mina, lebt unter den Toten, hat die Gabe, sie zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Diese Kommunikation mit seinen Vorfahren ermöglicht es ihm, im Hier und Jetzt voranzukommen und seinen eigenen Weg zu gehen.

Yo vi tres luces negras ist die zweite Langfilm-Produktion des kolumbianischen Regisseurs Santiago Lozano und feiert auf der 74. Berlinale in der Panorama-Sektion des Festivals seine Weltpremiere. Wie schon in seinem ersten Film greift Lozano das Thema Tod und Bestattungsrituale des afrokolumbianischen Pazifikraums auf, diesmal anhand der schicksalhaften Reise von José de Los Santos. Der 70-jährigen wird von seinem verstorbenen Sohn Pium besucht, der nun auch ihm seinen Tod ankündigt. Pium teilt seinem Vater mit, dass er seinen letzten Gang in die Tiefen des Dschungels antreten muss. Auf dem Weg dorthin trifft José auf paramilitärische Gruppen, die ihn bei seinem Vorhaben behindern – dieselben, die seinen Sohn Jahre zuvor ermordet haben.

© Christian Velasquez / Contravía Films

Mit großer visueller und symbolischer Reichhaltigkeit zeigt der Film den Synkretismus, der in den Gemeinden des Departamento Chocó, praktiziert wird, wobei der Tod innerhalb dieser Weltanschauung besonders betont wird. Im Verlauf der Geschichte wird klar auf die Bedeutung der mündlichen Überlieferung für das Überleben archaischer spiritueller Praktiken der Pazifikregion hingewiesen. Diese gehen allmählich durch Gewalt verloren, während die dortigen Bewohner zum Schweigen gebracht werden. Und auch die Auswirkungen des Bergbaus auf die Lebensweise der Menschen und die natürlichen Ressourcen werden deutlich. José de Los Santos wird dabei als “Hüter des Landes” dargestellt, der seinen Kampf gegen Zerstörung und Ausbeutung jedoch mit ungleichen Waffen führen muss.

Besonders bemerkenswert an Yo vi tres luces negras ist die Kinematografie, die den Dschungel in seiner ganzen Tiefe eindringlich einfängt, so dass dieser wie ein eigener Charakter wirkt. Der Film beginnt und endet mit der imposanten Präsenz des Rio San Juan, einem der mächtigsten und wichtigsten Flüsse Kolumbiens. Das Wasser als symbolisches Element ist sowohl visuell als auch klanglich in der Geschichte präsent. Darüber hinaus trägt die beeindruckende Filmmusik von Nidia Góngora, einer Komponistin von und Forscherin zu traditioneller kolumbianischer Musik, Yo vi tres luces negras stimmungsvoll durch die Eingeweide des Dschungels.

Lozanos Arbeit als Regisseur ist zweifellos vielversprechend, denn er zeigt Engagement für seine eigene ästhetische Erkundung. Sein Blick ist nach innen gerichtet, aber er spricht universelle Themen an. Yo vi tres luces negras ist ein empfehlenswerter Film, der innerhalb der Panorama-Sektion der Berlinale sicher zu den stärkeren Beiträgen gehören wird.

LN-Bewertung: 4/5 Lamas


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Nicht das Gelbe vom Ei

© Juan Pablo Ramírez / Filmadora

Der mexikanische Regisseur Alonso Ruizpalacios ist mittlerweile erfolgreicher Stammgast auf der Berlinale: 2018 gewann sein Film Museo einen Silbernen Bären für das beste Drehbuch, die Doku-Fiktion A Cop Movie 2021 die gleiche Auszeichnung für den besten Schnitt. Nun verlässt Ruizpalacios mit dem auf einem Theaterstück basierenden La Cocina (dt.: Die Küche) erstmals Mexiko und betritt die Räume eines New Yorker Restaurants am Times Square. „The Grill“, so der Name des Etablissements, bietet nicht die ganz exklusiven Gaumenfreuden, sondern eher Massenkost für die touristische Durchgangskundschaft. Schnell und möglichst kosteneffizient soll serviert werden und eine der Zutaten dafür ist der illegale Aufenthaltsstatus des Großteils des Küchenpersonals. Den nutzt der schmierige Restaurantbesitzer Rashid auf ziemlich unappetitliche Weise zu seinem Vorteil aus. Denn Mitarbeiter*innen wie der Hallodri Pedro (Raúl Briones) stehen so nicht nur ständig mit einem Bein vor dem Rauswurf aus dem Restaurant, sondern gleich aus dem ganzen Land. Das hält die Motivation bei der Arbeit quasi von alleine hoch. Pedro hat zudem ein Verhältnis mit der abgebrühten Kellnerin Julia (Rooney Mara), deren Schwangerschaft schmeckt jedoch nicht beiden in gleicher Weise.

La Cocina (aus nicht näher definierten Gründen fast komplett in Schwarz-Weiß gefilmt) gelingt esgut, die quirlige, rastlose Atmosphäre in der im Akkord arbeitenden Restaurantküche einzufangen. Schon zu Beginn des Films verfestigt sich aber der Eindruck, als würde hier zu viel in einen Topf geworfen. Die so zahlreichen wie unterschiedlichen Charaktere sind zwar vordergründig sehr unterhaltsam, was vor allem an den schauspielerischen Leistungen (eine Entdeckung vor allem Anna Diaz als Küchen-Neuling Estela) liegt. Doch das allein macht den Kohl leider nicht fett. Denn das Drehbuch bekommt es nicht gebacken, auch nur einem von ihnen eine vernünftige Hintergrundgeschichte zuzubereiten. Dem Publikum wird so mit interessanten Subplots der Mund wässrig gemacht, nur um diese dann im Nichts verlaufen zu lassen. Ein hartes Brot sind auch die häufigen, unverhohlen sexistisch-anzüglichen Bemerkungen und Gesten der männlichen Mitarbeiter in Richtung der (ausschließlich weiblichen) Kellnerinnen. Da diese meist unwidersprochen bleiben, kommt La Cocina hier in Teufels Küche. Zudem finden sich auch bei der Montage und Erzählweise des Films einige Haare in der Suppe: Manche Szenen sind geradezu schmerzhaft lang ausgedehnt, andere wirken nicht richtig abgeschmeckt oder zum falschen Zeitpunkt in die Geschichte eingesetzt.

Das durchgeknallte Finale ist zwar noch einmal ein gefundenes Fressen für Freund*innen der gepflegten Eskalation. Aber im Prinzip ist die Suppe hier schon versalzen. Denn letztendlich wird in Bezug auf das entscheidende Thema des Films – Wie umgehen mit illegalisierter Migration und Beschäftigung? – nur um den heißen Brei herumgeredet. Den Appetit verdirbt auch so manches abgedroschene Klischee über Lateinamerikaner*innen. Insgesamt ist La Cocina damit sicher kein Gourmetbissen geworden. Was sich der Film in über 2 Stunden mit zu vielen Unausgegorenheiten einbrockt, können auch großartige Einzelleistungen von Kamera und Schauspieler*innen am Ende nicht mehr auslöffeln.

LN-Bewertung: 2/5 Lamas


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„El Loco“ und die Krokodile

© Diego Romero

Dass in Peru noch vor 30 Jahren ein erbitterter Kampf zwischen der bewaffneten Guerilla Leuchtender Pfad und der Putschregierung Alberto Fujimoris tobte, scheint heute nur noch eine blasse Erinnerung. Bereits in den 1980er Jahren explodierte die Gewalt in Form von blutigen Anschlägen und politischen Morden durch die Guerilla sowie Folter und Repression durch die Regierung. In dieser heute als „verlorene Dekade“ bekannten Zeit suchten viele Peruaner*innen ihr Glück im Ausland. Die Migrationsrate vervierfachte sich im Laufe der 1980er Jahre, neben Spanien und Italien waren vor allem die USA ein bevorzugtes Anlaufziel.

© Diego Romero

In diesem angespannten Klima spielt Claudia Reynickes Film Reinas über eine Mittelschichtfamilie in Lima im Jahr 1992. Mutter Elena (Jimena Lindo) steht mit ihren Töchtern, der halbwüchsigen Aurora und der jüngeren Lucia schon mit einem Bein in den USA. Job und Unterkunft sind dort bereits organisiert, alles was fehlt, ist die Unterschrift ihres Ex-Mannes unter der Reiseerlaubnis der beiden Minderjährigen. Doch das entpuppt sich als Problem, denn Carlos (überzeugend: Gonzalo Molina) denkt gar nicht daran, seine Töchter so einfach gehen zu lassen. Im Gegenteil erwachen plötzlich seine offenkundig zuvor vergessenen Vatergefühle: Plötzlich kann er seine beiden Reinas (Königinnen), die dem Film ihren Namen geben, gar nicht oft genug an den Strand fahren. Dabei bindet er ihnen immer neue Lügengeschichten über angebliche Heldentaten, die er in seiner Abwesenheit vollbracht hat, auf. Dass an den Räuberpistolen ihres Vaters über Krokodile und verdeckte Geheimdienstaktivitäten kaum ein Wort wahr ist, daran zweifeln die beiden Töchter zwar keine Sekunde. Aber unterhaltsam ist es mit Carlos, der nicht umsonst von fast allen „El Loco“ (der Verrückte) genannt wird, ja dann doch meistens. Und so bleibt es bis zum Schluss spannend, ob Elenas Unternehmen Ausreise nun gelingen wird oder doch noch in letzter Sekunde scheitert.Reinas ist ein gut produzierter Film, der mit Retro-Vibes aus den frühen 90er Jahren nicht spart. Vor allem der sehr prominent besetzte Soundtrack dürfte bei einigen Erinnerungen wachrufen. Auch Ausstattung und Kulissen fügen sich stimmig in die pittoreske Atmosphäre ein. Die persönlichen Konflikte und Motivationen seiner Hauptfiguren vermitteltReinas realistisch und gut nachvollziehbar. Eine Einordnung der politischen Zusammenhänge bleibt allerdings ziemlich auf der Strecke: Erklärungen für den bewaffneten Konflikt bleiben in Klischees verhaftet oder finden gar nicht erst statt. Gerade das Ende der Geschichte wirkt daher ziemlich bemüht und unrealistisch. Auch wenn Reinas in der Berlinale-Jugendfilmsektion Generation läuft und keine allzu komplexen politischen Analysen liefern muss, fehlt es dem Film etwas an Tiefgang. So bleibt Reinas ein eher unterhaltsamer als wirklich bewegender Film. Vor allem einem jüngeren Publikum ist er aufgrund der Stimmigkeit von Charakteren und Atmosphäre aber trotzdem zu empfehlen.

LN-Bewertung: 3/5 Lamas


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Vom Heft auf die Leinwand

Von Archiv bis Interview Die Aufnahmen für den LN-Film sind inzwischen alle im Kasten (Foto: Jan-Holger Hennies)

Ein Film über 50 Jahre Lateinamerika Nachrichten. Wo könnte dieser beginnen? Was würde dieser Film erzählen? An einem kühlen Frühlingsabend 2022 sitzt eine kleine Runde aus ehemaligen und aktiven LN-Redakteur*innen im Clash, der Kneipe unterhalb der Redaktionsräume der LN, und stellt sich diese Fragen.

Dass ich zu diesem Zeitpunkt inzwischen ein paar Jahre als Dokumentarfilmer arbeite, hat viel mit meinen journalistischen Anfängen im Redaktionskollektiv zu tun. Auch deshalb gefällt mir die Idee, einen Film über die LN zu machen, als sie mir ein weiterer Redakteur einige Zeit zuvor das erste Mal erzählt.

Bei Cocktails und Cumbia während der Linken Buchtage 2022 wird das erste Mal gedreht.

Wo also anfangen? Am besten in den Mehringhöfen in Berlin, genauer gesagt auf der vom Redaktionskollektiv geliebten Dachterrasse. Bei Cocktails und Cumbia während der Linken Buchtage 2022 wird dort das erste Mal gedreht. Aus der Kneipenrunde, in der die anfängliche Idee diskutiert wurde, ist eine Gruppe von Redakteur*innen geworden, die sich innerhalb des nächsten Jahres auf die Suche machen wird: Nach der Wiese in Hessen, auf der die LN angeblich gegründet wurden (Spoiler: Es gibt sie und wir haben sie gefunden). Aber vor allem auf die Suche nach dem, was das Kollektiv schon so viele Jahre zusammenhält.

Behind the scenes Die Filmgruppe spricht mit Bernd Pickert und Bert Hoffmann über die LN der 90er Jahre (Foto: Mirjana Mitrovic)

Es entsteht ein Film über Menschen, die weiter über das aktuelle Heft reden anstatt den Mauerfall mitzuerleben. Über feministische Revolutionen in Lateinamerika und innerhalb der Redaktion. Über alternativen Journalismus und kritische Solidarität. Über Schreibmaschinen und Open-Source-Software. Über Chili Con Carne und grüne Wiesen. Ein Film über Heftzyklen und die Liebe zum Print-Journalismus. Über kollektive politische Arbeit und Freund*innenschaft. Über prekäre Produktionsbedingungen und ehrenamtliches Engagement. Über Generationen von Redakteur*innen und die stetige Neuerfindung der LN. Nach über einem Jahr und vielen mehrstündigen Interviews mit ehemaligen und aktuellen Redakteur*innen aus allen Dekaden der Zeitschrift steht fest: Der Redaktionstisch lädt zum Verweilen ein, die Redaktionsräume wecken viele liebevolle Erinnerungen. Wir könnten noch ewig weiterreden.

Deutlich geworden ist aber auch, dass die monatliche Heftproduktion mit mal mehr und mal weniger sanftem Druck verbunden ist. Letztlich ist dieser sicher nicht unerheblich für das 50-jährige Bestehen der Zeitschrift. Auch der Film befindet sich nun im Schnitt, in dieser Ausgabe geben einige Filmstills und Auszüge von Interviews bereits einen Vorgeschmack. Ende September wird die Premiere stattfinden – schließlich bietet der 50. Geburtstag Anlass genug, um ihn mehrmals zu feiern.


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„Wir wollten die Gewalt nicht in den Vordergrund stellen“

Ein Film aus der Perspektive der Mütter Das Kurzmusical Ash Wednesday war auf der Berlinale 2023 zu sehen (Foto: Kleber Nascimento)

Wie kam es dazu, dass Sie diesen Film gemacht haben?

João Pedro Prado: Der Film ist ein bisschen wie ein Kammerspiel. Er basiert auf Geschichten und Situationen aus Vierteln in Rio wie der Maré, wo es für Kinder gefährlich ist, zur Schule zu gehen. Die Idee dazu kam mir während der Pandemie und es war von Anfang an klar, dass wir in Deutschland drehen mussten, weil es im Ausland in dieser Zeit gar nicht möglich war. Das bedeutete, dass wir es mit Brasilianer*innen, die hier leben, machen mussten. 90 Prozent der Beteiligten an diesem Film sind aus der deutsch-brasilianischen Community. Einige sind erst seit einem Jahr hier, andere schon seit Jahrzehnten. Bárbara zum Beispiel schon seit 2001. Ich habe sie kontaktiert, weil ich ein Musical machen wollte, aber selbst keine musikalischen Kenntnisse hatte.

Bárbara Santos: Uriara Maciel, unsere Hauptdarstellerin, war meine Theaterschülerin in mehreren Gruppen, die ich geleitet habe. Sie wusste, dass ich viel mit Klang und Rhythmus arbeite und hat mir dieses Projekt vorgestellt, das ich sofort geliebt habe. Das Konzept zum Drehbuch war schon komplett strukturiert, es fehlte nur die Musik, für die ich verantwortlich sein sollte. Ich fand die Idee sensationell, dass eine Frau in ihrem Haus in der Favela ständig von Eindringlingen heimgesucht wird, die verschiedene Formen von Gewalt ausüben. Ich mochte auch, dass der Fokus trotz allem nicht auf der Gewalt, sondern auf ihrer Perspektive lag.

Das Bild der Favelas in Rio wurde außerhalb Brasiliens auch durch andere Filme geprägt: City of God war 2003 ein Riesenerfolg, Tropa de Elite (Elite Squad) hat 2008 die Berlinale gewonnen. War das ein Einfluss für euch oder wolltet ihr einen Kontrast dazu setzen?

João Pedro Prado: Ein Einfluss nur in der Hinsicht, wie wir es nicht machen wollten (lacht).

Bárbara Santos: Wir wollten einen Film machen, in dem die Gewalt nicht im Vordergrund steht. Wir wollten über die Gewalt sprechen, ihre Auswirkungen im täglichen Leben der Menschen zeigen. Aus der Perspektive eben dieser Menschen, die wir nicht entmenschlichen wollten. Durch die Musik wollten wir auch eine Brecht’sche Distanz, eine Verfremdung der Gewalt schaffen. Damit man als Zuschauer*in auch darüber nachdenken kann, was man da sieht. Nicht nur in Schießereien verwickelt zu sein, die Angst zu spüren. Wir wollten Reflexion wie bei Brecht, der sagte, dass man sein Hirn nicht mit dem Hut am Theatereingang abgeben soll.

João Pedro Prado: Es sollte nicht der Blickwinkel wie in Tropa de Elite sein, wo der Protagonist ein Polizist ist. Bei uns ist die Perspektive die einer Mutter, die dort wohnt. Das sieht man nicht so oft, dass eine Frau im Zentrum dieser Filme über Gewalt in der Favela steht, und auch das macht den Film interessant anzusehen. Wir haben an die Mütter gedacht, die 2020 in Rio de Janeiro nach Polizeieinsätzen gebeugt über den Särgen ihrer getöteten Kinder standen. Uns hat interessiert: Was ist mit diesen Müttern passiert? Was war ihre Geschichte davor und danach? Und warum erzählen wir nicht ihre Geschichte?

Seid ihr in Kontakt mit Leuten, die dort wohnen? Wie ist die Situation jetzt? Hat sich in den letzten Jahren etwas verändert oder ist alles mehr oder weniger gleich geblieben?

Bárbara Santos: Die vier Jahre Bolsonaro waren eine Ausnahmesituation für Brasilien. Da hat sich die Situation wirklich verschlechtert. Ich komme aus Rio de Janeiro. Das war dort die Zeit der schlimmsten Gemetzel aller Zeiten in den Favelas. Als der neue Gouverneur Claudio Castro an die Macht kam, gab es in den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit unfassbare Massaker. Und in der Pandemie wurde es noch schlimmer. Die Leute waren zu Hause, schutzlos. Es gab da das Beispiel eines Jungen, auf das wir uns mehr oder weniger mit unserem Film bezogen haben. Der ist auf dem Schulweg gestorben, in seiner Schuluniform. Das sollte eigentlich ein Schutzschild für ihn sein, diese Schuluniform. Von den Polizist*innen hört man oft als Rechtfertigung für Erschießungen: „Der sah aus wie ein Verbrecher!“ Das war der endgültige Beweis, dass es nicht so ist.
Es war eine schreckliche Zeit. Jetzt mit der Regierung Lula herrscht eine enorme Erleichterung, dass nicht alles noch schlimmer wird. Alleine darüber sind die Leute schon glücklich. Es wurde in der Zeit vorher immer, immer schlimmer, es hörte nicht auf, nirgendwo. Unglücklicherweise gibt es in Rio keine große Hoffnung, denn der Gouverneur wurde wiedergewählt. Es gibt da eine politische Logik, dass Sicherheitspolitik sich auf Waffen und Gewalt stützt. Wir wollen dazu beitragen, die Ideen zu entmystifizieren, dass man die Gewalt beendet, indem man die Armen wegschafft. Dass man die Armut beendet, indem man die Armen tötet. Und auch unser Film kann dabei helfen, darüber nachzudenken und diese Diskussion zu transportieren. Deshalb brennen wir auch total darauf, ihn in Brasilien zu zeigen. Damit wir Teil der Diskussion dort werden können.

Haben Sie auch selbst in einer Favela in Rio gewohnt?

Bárbara Santos: Nein, nie. Aber ich habe viel mit dem Theater der Unterdrückten in verschiedenen Favelas von Rio gearbeitet, kenne das Umfeld dort also sehr gut.

Die Regierung Bolsonaro stand auch für kulturellen Kahlschlag, speziell was die Filmförderung betrifft. Was erwarten Sie jetzt von der Regierung Lula auf diesem Gebiet?

João Pedro Prado: Ich erwarte, dass der nationale Fördertopf für audiovisuelle Medien zurückkehrt, dass Institutionen, die Kunst und Kino fördern, zurückkehren und geleitet werden von Menschen, denen Kulturförderung wichtig ist. Der große Knackpunkt ist: Etwas aufzubauen dauert sehr lange, um alles kaputtzumachen, braucht es nur wenige Monate. Brasilien hat zwei Jahrzehnte gebraucht, um zu der Kinogröße zu werden, die es am Ende der Regierungen von Dilma Roussef und Lula war. Und nur wenige Monate Bolsonaro haben gereicht, um das komplett zu zerstören. Er hat aus ideologischen Gründen den größten Teil der Finanzierungsmöglichkeiten abgeschafft. Meine Prognose ist deshalb, dass wir erst in zwei bis drei Jahren wieder brasilianische Filme auf internationalen Filmfestivals sehen werden. Das enthüllt auch die Fragilität unserer Demokratie und unserer Institutionen. Diese Institutionen und deren Finanzierung müssten unabhängig von der Regierung existieren, was unglücklicherweise nicht der Fall ist.

Bárbara Santos: Bolsonaro hat nicht nur das Kulturministerium abgeschafft, er hat die ganzen Strukturen zerschmettert. Jetzt muss man eine Struktur wiederaufbauen, die gut organisiert war und die er zerstört hat. Der Effekt von Bolsonaro ist so groß, dass er sich auf die Erinnerung auswirkt. In seiner Regierungszeit wurde nicht nur so viel Regenwald durch Brände zerstört, wie nie zuvor, sondern es haben auch noch nie so viele Museen gebrannt. Da ging ganz viel Erinnerung verloren. Deshalb ist es eine große Sache, dass wir jetzt das Kulturministerium zurückhaben. Denn dafür braucht man ein Kulturministerium: Zur Pflege der Erinnerung ans Kino, an die Künste. Es gibt große Hoffnung, das kann ich sagen. Alleine die Zerstörung gestoppt oder auch nur gebremst zu haben, ist eine Riesenerleichterung. Das mag absurd erscheinen, aber so ist es.


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REALITÄT SCHLÄGT FIKTION

Klischeehaft Szene aus Heroico (Foto: Teorema)

Im lateinamerikanischen Jahrgang 2023 konnten die nicht-fiktionalen Beiträge besonders überzeugen. Die meisten Preise für einen Film aus Lateinamerika erhielt auf der diesjährigen Berlinale El Eco. Das Werk der salvadorianisch-mexikanischen Filmemacherin Tatiana Huezo ist eine einfühlsame Beobachtung des Lebens einer kleinbäuerlichen Gemeinschaft in der Abgelegenheit der mexikanischen Hochebene. Sie gewann sowohl den Preis für den besten Dokumentarfilm der gesamten Berlinale als auch den Regiepreis der Encounters-Sektion, die neue filmische Visionen auszeichnet. Auch der beste Erstlingsfilm der Berlinale 2023 war eine Doku-Fiktion aus Lateinamerika: Adentro mío estoy bailando (The Klezmer Project; Argentinien/Österreich). Der Film von Leandro Koch und Paloma Schachmann präsentiert eine fiktionale Geschichte in Form einer Dokumentation. Sie handelt von der unterhaltsamen Reise eines jungen Filmemachers und einer Musikerin auf der vergeblichen Suche nach Überresten der Klezmer-Musik in Osteuropa. Sehenswert sind auch die Experimente mit Doku-Fiktionen in anderen Filmen: In O Estranho (Der Fremde; Brasilien) wird die indigene Vorgeschichte des heutigen Flughafens von São Paulo untersucht. In El Castillo (Das Schloss; Argentinien) versuchen eine ehemalige Haushälterin und ihre Tochter ein Landgut inklusive ererbtem schlossähnlichen Gebäude am Laufen zu halten. Bei zwei weiteren dokumentarischen Werken handelt es sich um bemerkenswerte Rückblenden auf die lateinamerikanische Geschichte. The Eternal Memory (Chile) ist eine emotionale Beobachtung der Demenzkrankheit eines chilenischen Politikjournalisten. El Juicio (Der Prozess; Argentinien) schließlich bereitet einen Gerichtsprozess zur Zeit der argentinischen Militärjunta wie einen spannenden Thriller auf.

Die fiktionalen lateinamerikanischen Filme der Berlinale 2023 konnten dieses hohe Niveau leider nicht ganz erreichen: Lila Avilés‘ mexikanischer Wettbewerbsbeitrag Tótem punktete zwar mit authentischer Atmosphäre und schön gefilmten Bildern einer mexikanischen Geburtstagsfeier. Letztlich fehlte aber die inhaltliche Tiefe, um die Berlinale-Jury vollends zu überzeugen. Für einen Bären reichte es nicht. Dafür gewann der Film den Hauptpreis der ökumenischen Jury.

Ausgezeichnet Szene aus Hummingbirds (Foto: I Love You Chingos LLC)

Regelrechte Enttäuschungen waren die mit hohen Erwartungen in der Panorama-Sektion ins Rennen gegangenen Filme Heroico (Mexiko) und Propriedade (Brasilien). Mit zu klischeehaften Darstellungen einer Militärakademie und des Klassenkonflikts zwischen Großgrundbesitzer*innen und Angestellten eines Landguts verpassten sie ihre gut gemeinten Absichten. Stark dagegen war wie in den letzten Jahren die Präsenz Lateinamerikas in der Jugendfilmsektion Generation 14plus. Dort durften sich lateinamerikanische Filme über einen regelrechten Preisregen freuen: So zeichnete die Jugendjury die unkonventionelle Teenie-Komödie Adolfo (Mexiko) mit dem Gläsernen Bären aus: Darin suchen zwei Anti-Held*innen auf ihrem Weg durch die Nacht ein neues Zuhause für einen Kaktus. Die internationale Jury vergab sogar die Preise für den besten Kurz- und Langfilm nach Lateinamerika. Freuen durfte sich die autobiografische Feelgood-Doku Hummingbirds (USA/Mexiko), die das Leben von migrantischen Teenager*innen in der texanischen Grenzstadt Laredo zeigt. Der fiktionale Kurzfilm Infantaria (Brasilien), der Rollenkonflikte von Jungen und Mädchen an der Schwelle vom Kind zum*zur Jugendlichen thematisiert. Bereits letztes Jahr hatte die kolumbianische Doku Alice aus der Sektion Generation innerhalb des Festivals mehrere Preise gewonnen.

Ebenfalls bemerkenswert, wenn auch ohne Auszeichnung, waren die Coming-of-Age-Filme Mutt (Chile/USA/Serbien), Desperté con un sueño (Auch wenn ich nicht viel sage), Almamula (beide Argentinien) und Ramona (Dominikanische Republik). Sie stellen das Erwachsenwerden einfühlsam und aus vielfältigen (Gender-)Perspektiven dar. Sehr positive Überraschungen waren Entdeckungen aus der Sektion Perspektive Deutsches Kino: Hier wurden zwei halbstündige Abschlussarbeiten der Filmakademie Babelsberg mit lateinamerikanischem Blickwinkel präsentiert.

El secuestro de la novia (Die Entführung der Braut) zeigt die Geschichte einer deutsch-argentinischen Trauung in Brandenburg mit reichlich Fremdschäm-Alarms. Das Favela-Musical Ash Wednesday prangert hingegen mit den Methoden des Theaters der Unterdrückten die Polizeigewalt in Rio de Janeiro an. Beide Filme konnten dabei voll überzeugen.

Die nächste Gelegenheit, einen der Filme zu sehen, bietet sich im Sommer bei der Berlinale Open Air in den Freiluftkinos der deutschen Hauptstadt. Und wer die Vorfreude noch steigern möchte: Auf der LN-Homepage gibt es unter www.ln-berlin.de/kultur/film/berlinale Rezensionen aller lateinamerikanischen Filme der Berlinale 2023. Viel Spaß beim Lesen!


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KLEIN, ABER DIVERS

Tótem Der Film der mexikanischen Regisseurin Lila Avilés geht als einziger Kandidat aus Lateinamerika im Berlinale-Wettbewerb an den Start (Foto: Limerencia)

Die Lateinamerika Nachrichten werden wie auch in den Vorjahren zahlreiche lateinamerikanische Filme auf der Berlinale rezensieren. Die Rezensionen erscheinen in den kommenden Wochen auf unserer Homepage!

Normalität ist vermutlich eines der Dinge, nach dem sich die Veranstalter*innen der Berlinale und mit ihnen viele Filmemacher*innen rund um den Globus in den vergangenen drei Jahren am meisten gesehnt haben. Die Pandemie hat ihren größten Schrecken mittlerweile verloren, Spuren hinterlassen haben die vergangenen Jahre aber dennoch. Die Auswirkungen (vor allem finanzieller Art) behinderten spürbar den Output der cineastischen Produktion. Vielleicht mag das ein Grund sein, warum es dieses Jahr aus Lateinamerika einige Filme weniger in das Programm der Berlinale geschafft haben. Etwas schade ist, dass im Wettbewerb nur der mexikanische Beitrag Tótem laufen wird. Regisseurin Lila Avilés erzählt darin aus der Perspektive eines Mädchens, wie eine Überraschungsfeier für ihren Vater aus dem Ruder läuft und die Brüche innerhalb der Familie offenlegt.

In der avantgardistischen Sektion Encounters finden sich mit Adentro mio está bailando (Argentinien) und Eco (Mexiko) zwei Dokumentationen über Klezmer-Musik bzw. das Leben im peripheren ländlichen Raum. Gut besetzt ist die beim Publikum beliebte Sektion Panorama mit vier Filmen: In El Castillo (Argentinien) bekommt eine ehemalige Hausangestellte ein verfallenes Landhaus in der Einöde vererbt. Propriedade (Brasilien) folgt der Großgrundbesitzerin Teresa, deren Landgut von revoltierenden Arbeiter*innen besetzt wird. Ein junger Soldat kommt in Heroico (Mexiko) in einer brutalen Militärakademie an seine Grenzen. In der Doku Transfariana (Kolumbien) nähern sich eine ehemalige trans*-Sexarbeiterin und ein FARC-Rebell im Gefängnis einander an. Und in The Eternal Memory (Chile) dokumentiert Regisseurin Maite Alberdi die Alzheimer-Erkrankung ihres Mannes.

Aus Chile kommt auch der Schriftsteller und Regisseur Antonio Skármeta, der in Aufenthaltserlaubnis aus dem Berliner Exil heraus mit anderen Dissidenten das Ende mehrerer Autokratien feiert. Der Film läuft in der Sektion Forum Special, zusammen mit A Rainha Diaba (Brasilien), einem Film über die Königin der Gangster von Rio de Janeiro zur Zeit der Militärdiktatur. Zur gleichen Zeit spielt auch El Juicio (Argentinien), eine dreistündige packende Dokumentation über den Gerichtsprozess 1985, der die größten Verbrecher der argentinischen Militärjunta (1976-83) ins Gefängnis brachte. Ein weiterer Dokumentarfilm (wie El Juicio aus der Sektion Forum) ist Llamadas desde Moscú (Kuba), der kubanische Migrant*innen in Moskau zur Zeit des Beginns des russischen Angriffskriegs ab 24. Februar 2022 gegen die Ukraine begleitet. Der einzige Film in der regulären Sektion Forum ist El rostro de la Medusa (Argentinien). Dort wacht eine Frau eines Tages mit verändertem Gesicht auf.

Kakteen, magischer Realismus und queere Geschichten

Die Jugendfilm-Sektion Generation (2022 gewann dort die Doku Alice aus Kolumbien den Hauptpreis) hat mit acht die meisten Filme aus Lateinamerika zu bieten. Adolfo (Mexiko) ist der Name eines Kaktus, der auf magische Weise das Leben zweier Jungen verändert. In Desperté con un sueño (Argentinien) muss ein junger Schauspieler den Traum von der Theaterkarriere vor seiner Mutter verheimlichen. Magischen Realismus gibt es in Infantaria (Brasilien), einer Geschichte über drei Teenager auf einer Geburtstagsparty in der Natur, zu sehen. Hummingbird (USA) durchtanzt mit den Migrantinnen Beba und Silvia lange Sommernächte in Texas an der Grenze zu Mexiko. In Ramona (Dominikanische Republik) kontaktiert die 15-jährige Camila aus wohlhabender Familie schwangere Teenagerinnen, um sich auf eine Schauspielrolle vorzubereiten.

Queere Geschichten erzählen Mutt (USA), eine Coming-of-Age-Story aus New York über die Latin-trans*- Person Feña und Almamula (Argentinien), wo der Teenager Nino vor homophoben Angriffen in ein Haus in einem Wald flüchtet, in dem ein Monster wohnt. Schließlich behandelt der Generation-Kurzfilm Antes de Madrid (Uruguay) die Abschiedsnacht von Micaela mit ihrem Freund Santiago, bevor sie nach Spanien zieht. Gespannt darf man auch auf den Kurzfilm As miçangas (Brasilien; Berlinale Shorts) mit Schauspielstar Karine Teles sein, in dem zwei Frauen sich in ein Ferienhaus zurückziehen, um eine medikamentöse Abtreibung durchzuführen.

Überraschenderweise sind diesmal auch in der Sektion Perspektive Deutsches Kino zwei je 30-minütige Filme aus Deutschland, aber mit starkem Lateinamerika-Bezug zu finden: In El secuestro de la novia sorgt der Hochzeitsbrauch der Brautentführung bei einem deutsch-argentinischen Paar für Schwierigkeiten. Und das Kurzmusical Ash Wednesday behandelt Polizeiwillkür und Rassismus in einer Favela am letzten Karnevalstag.

Alles in allem ist die Auswahl an lateinamerikanischen Filmen diesmal mit 24 Beiträgen etwas kleiner als zuletzt. Das sehr diverse Themenspektrum sollte aber trotzdem wieder für ein tolles und interessantes Berlinale-Kinoerlebnis made in Latinoamérica sorgen.

Die Lateinamerika Nachrichten werden wie auch in den Vorjahren zahlreiche lateinamerikanische Filme auf der Berlinale rezensieren. Die Rezensionen erscheinen in den kommenden Wochen auf unserer Homepage!


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SELFIE AUS DER HÖLLE

Religiöse Rächerinnen Jagd auf „Unmoralische“ und Herbeiträllern der Apokalypse (Foto: Anita Rocha da Silva,kinema21/Drop out Cinema)

„Hallo meine Schätze! Heute zeige ich euch, wie man ein perfektes christliches Selfie macht! Ganz wichtig: Das Handy dabei immer gerade halten. Denn von unten, das ist der Blick aus der Hölle – das wollen wir nicht! Und von oben erst recht nicht: Wer sind wir denn, dass wir Gottes Blick nachahmen?!?“ Influencerin Michele (Lara Tremouroux) ist in ihrem Element. „10 Arten, ein Selfie zu Gottes Ehren zu machen“ heißt die aktuelle Videoreihe, die die Teenagerin für ihre zahlreichen gläubigen Follower*innen begeistert filmt und online stellt. Doch Michele (die wohl nicht ganz zufällig so heißt, wie die Frau des kürzlich abgewählten brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro) belässt es nicht dabei, ihre bigotten Ansichten in Online-Tutorials zu verbreiten. Nachts zieht sie sich eine Maske auf und wird zur Anführerin einer brutalen Mädchengang, die durch die Straßen patrouilliert. Dort verprügeln die Rächerinnen im Namen Gottes vermeintlich „unzüchtige“ oder „unmoralische“ Teenagerinnen und stellen sie mit Videos öffentlich bloß – ähnlich der Priesterin Medusa im griechischen Mythos. Die brach das Zölibat und wurde deswegen von der Göttin Athene entstellt und aus ihrem Tempel verbannt.

Es ist ein unwirkliches, dystopisches Brasilien, das Regisseurin Anita Rocha da Silveira in Medusa zeigen will und das sich dennoch erschreckend nahe an der Wirklichkeit bewegt. Der Staat befindet sich dort in einer Dauerkrise. Stromausfälle und Überschwemmungen sind an der Tagesordnung. Der Einfluss der religiösen Rechten auf das Privatleben der Menschen ist immens und hat sich mit einem extremen Schönheitskult verquickt, der körperliche Makel als Strafe Gottes brandmarkt. Das wird Micheles Freundin Mariana (Mari Oliveira) zum Verhängnis. Die macht zwar zu Beginn des Films so brav wie begeistert in ihrer Kirchengemeinde und natürlich auch in der prügelnden Straßenclique mit. Ein Schnitt im Gesicht sorgt aber bald dafür, dass sie auf dem Beziehungs- und Heiratsmarkt der streng von den Mädchen getrennten aber nach gleichem Muster aufgebauten Jungengang aller Chancen beraubt wird. Und nicht nur das: Sie verliert deswegen auch ihren prestigeträchtigen Job in einer Schönheitsklinik. In einem Krankenhaus für Komapatient*innen nimmt sie als Pflegerin eine neue, allerdings weniger glamouröse Anstellung an, mit der Absicht, nach der geheimnisvollen Ex-Schauspielerin Melissa zu suchen, die wegen ihres „unzüchtigen“ Lebenswandels öffentlich entstellt wurde und seitdem verschwunden ist.

Die Geschichte von Medusa basiert auf realen Vorkommnissen, die sich in den letzten Jahren in Brasilien ereignet haben. 2015 machte der Fall einer 16-Jährigen Schlagzeilen, die mehrere Gleichaltrige für promiskuitiv hielten. In der Folge schnitten sie ihr die Haare ab und entstellten ihr das Gesicht. Wie Regisseurin Rocha da Silveira bei Recherchen herausfand, blieb dies kein Einzelfall. Vor allem im Umfeld von ultrarechten YouTuberinnen und ihren Followerinnen kam es immer wieder dazu, dass junge Frauen sich zusammenschlossen und Jagd auf „unmoralische“ Geschlechtsgenossinnen machten. In Medusa hat Rocha da Silveira die zwar absurd erscheinende, für ihre Gegner*innen aber brandgefährliche Hyperreligiosität durch knallige Farbgebung verfremdet. Der unterlegte 80er-Jahre-Synthie-Sound, in Mode gekommen durch die Serie Stranger Things, tut ein Übriges dazu. Vieles mag deshalb zu absurd und überzeichnet wirken, um wahr zu sein. So zum Beispiel eine Tanzperformance der Mädchen zu einem schnulzigen Song, in dem die Apokalypse herbeigeträllert wird. Doch wer sich tatsächlich mit Denk- und Verhaltensweisen der ultrareligiösen Rechten in Brasilien und anderswo auseinandersetzt, wird feststellen: Die Gruppe der Mädchen in Medusa ist keinesfalls weit entfernt von den realen Diskursen.

Rocha da Silveira sorgt mit Traumsequenzen, Schockeffekten und Fremdscham-Komik zwar dafür, dass Parallelen zu filmischen Vorbildern wie David Lynch oder dem Horroraltmeister Dario Argento offensichtlich werden. Das wirkt aber oft etwas gewollt und kann außerdem nicht über Schwächen beim Drehbuch hinwegtrösten. Nach starkem Start trägt die recht vorhersehbare und ohne große Konflikte verlaufende Geschichte den Film leider nicht über die vollen zwei Stunden. Das lässt ihn zwischendurch langatmig werden, was nicht hätte sein müssen. Denn einige vielversprechende Handlungsstränge werden nicht konsequent zu Ende geführt oder irgendwann einfach fallen gelassen. Auch hätte den meisten Figuren etwas mehr Kontur und weniger Klischeehaftigkeit gut zu Gesicht gestanden. Zudem mischt Medusa etwas zu viele Genres ineinander. Da sich der Film nicht zwischen Gesellschaftssatire, Horrorfilm und Coming-of-Age-Drama entscheidet und irgendwie ein bisschen von allem sein will, geht irgendwann die Richtung verloren. Punkten kann Medusa dafür beim gelungenen audiovisuellen Konzept: Farbgebung und Atmosphäre sind unkonventionell und sehr stimmig.

Das Hauptproblem von Medusa ist aber tatsächlich, dass die vorgebliche Dystopie in bestimmten sozialen Milieus Brasiliens bereits zur Realität geworden ist. Die Überzeichnung, die an vielen Stellen von der Wirklichkeit eingeholt oder manchmal gar überholt wird, verliert so ihren Biss, läuft sogar Gefahr, in Richtung Trash zu rutschen. Das will der Film bei aller Persiflage aber nicht sein – die zugrunde liegende, sehr reale Problemlage ist dafür zu ernst. Hinter einem berühmten Vorbild wie Margaret Atwoods bereits 1985 veröffentlichten Roman A Handmaid’s Tale (Der Report der Magd, bekannt auch durch die gleichnamige Fernsehserie), der die Vision einer religiös dominierten, frauenverachtenden Gesellschaft bis zum erschreckenden Ende denkt, bleibt Medusa deshalb weit zurück.

All das soll aber nicht bedeuten, dass die unter der Oberfläche gar nicht so christlich-fromme Gemeinschaft im Film geschont wird: Wer auf kräftige Breitseiten gegen religiös-rechte Fanatiker*innen steht, wird in Medusa sicherlich voll auf seine*ihre Kosten kommen. Mit etwas weniger Plakativität hätte der Film aber wohl noch mehr erreichen können. Vielleicht hätte es Medusa deshalb tatsächlich gutgetan, in der Gegenwart zu bleiben. Denn die war in Brasilien in den letzten Jahren schon mehr als ausreichend schockierend und absurd.


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