Zwei Wörter tauchen immer wieder auf, wenn man sich mit der Rolle der queeren Gemeinschaft im kolumbianischen Friedensprozess beschäftigt: resistencia (Widerstand) und re-existencia (Wieder-Existenz). Sie scheinen eng miteinander zusammenzuhängen und werden oft im selben Satz genannt. Auch Vertreterinnen der LGBTIQ+-Community, die über ihre Erfahrungen während des Friedensprozesses berichten, nutzen diese Begriffe.
In dem Abschlussbericht der Wahrheitskommission „Hay futuro si hay verdad“ (Es gibt Zukunft, wenn es Wahrheit gibt), von 2022, der die Erinnerungen von Frauen sowie von LGBTIQ+-Personen an den bewaffneten Konflikt vor 2016 dokumentiert, ist ebenfalls von resistencia und re-existencia die Rede. In dem Bericht werden die Erfahrungen von Frauen und LGBTIQ+-Personen voneinander getrennt betrachtet. Dies zeugt von der binären Auffassung von Geschlecht und Sexualität der Komission: eine trans Frau ist eine Frau, wird in dem Bericht aber in dem Teil zu LGBTIQ+ aufgeführt. Berichte wie die der Wahrheitskommission und Erzählungen von queeren Aktivistinnen zeigen, dass Existenz allein zum Widerstand werden kann, wenn sie vom direkten Umfeld nicht erwünscht ist oder von bewaffneten Akteuren zum Feindbild erklärt wird: Je sichtbarer die nicht-binäre und nicht-heteronormative Existenz gelebt wird, desto deutlicher erscheint sie als Form des Widerstands.
Werkzeuge für einen nachhaltigen Frieden
Raum einzunehmen, in dem Wissen, dass man dadurch das eigene Leben in Gefahr bringt, kann einerseits als Ausdruck von Mut gesehen werden, ist anderseits aber für viele Menschen eine alternativlose Überlebensstrategie, nicht nur für Menschen aus der LGBTIQ+-Gemeinschaft. Während bewaffnete Akteure, darunter Vertreter*innen militarisierter Gruppen, der FARC, und der Regierung, versucht haben, queeres Leben zu unterdrücken und bis zum Tod verfolgten, sind LGBTIQ+-Menschen durch ihre Sichtbarkeit stets präsent geblieben.
Sie betonen, wie wichtig diese Sichtbarkeit auch für den Friedensprozess ist: Das Niederlegen von Waffen allein garantiert kein selbstbestimmtes und freies Leben, wenn das gesellschaftliche Zusammenleben weiterhin von Patriarchat, Heteronormativität, Homo- und Transfeindlichkeit geprägt ist. Studien zeigen, dass es für einen nachhaltigen Frieden mehr braucht als die Beendigung von Waffengewalt, was als negativer Frieden bezeichnet wird. Deswegen werden Friedensprozesse auch als Prozesse einer gesellschaftlichen und sozialen Transformation gesehen, hin zu einem positiven Frieden.
In Kolumbien sind es oft lokale Gruppen und Organisationen, die durch ihre Arbeit für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz von Menschen diverser Geschlechteridentitäten und Sexualitäten kämpfen, seien sie trans oder nicht-binär, schwul oder lesbisch. Oft wurde dieser Kampf bereits vor der Unterzeichnung des Havanna-Abkommens 2016 geführt. So zum Beispiel in der Gemeinde El Carmen de Bolívar. Hier schlossen sich in den 80er Jahren LGBT-Personen zusammen, um sich gemeinsam gegen die wiederkehrenden Gewalt gegen ihre Existenz zu wehren. Als Kollektiv organisierten sie Feiern, Tänze und LGBT-Schönheitswettbewerbe, und schafften Sichtbarkeit für queeres Leben in der Öffentlichkeit. 1998 veranstalteten sie den ersten Schönheitswettbewerb Reinado de Maricas (Schönheitswettbewerb von maricas) für die Bevölkerung der Region Montes de María. Der Begriff marica ist eine abwertende Bezeichnung für schwule Männer, die sich schwule und queere Menschen mit der Zeit angeeignet haben, denn er wurde und wird weiterhin als Schimpfwort gegen queere Menschen verwendet.
Diese Aneignung ist ebenfalls ein Akt des Widerstandes und der Wieder-Existenz: Wenn queere Menschen ihn als Selbstbezeichnung verwenden, füllen sie ihn mit Stolz und Autonomie und besetzen ihn mit positiven Attributen. Dadurch transformieren sie die Sprache und das Wort verliert seine Macht als Beleidigung.
Queere Kämpfe haben eine lange Geschichte
Der queere Schönheitswettbewerb wurde von der Bevölkerung teils positiv aufgenommen und sogar von Institutionen unterstützt, obwohl diese sonst oft nicht-heteronormative Lebensrealitäten unterdrückten. Auch bei dem offiziellen Karneval war die Gruppe vertreten. Doch zu Beginn der 2000er Jahre trat eine neue paramilitärische Gruppe, die Fuerzas Publicas, in El Carmen de Bolívar auf und sorgte für gewaltvolle Unterdrückung. Auch die künstlerischen Aktivitäten des LGBT-Kollektives mussten zum Selbstschutz eingestellt werden, aber im Privaten überlebte der solidarische Zusammenschluss. 2020 konnten durch die Unidad para la Atención y Reparación Integral de Víctimas (Einheit für die umfassende Betreuung und Wiedergutmachung der Opfer) Reparationen für die kollektiv erfahrene Gewalt erwirkt werden. Zu diesem Erfolg sagt Wilson Castañeda, queerer Aktivist und Vorsitzender der LGBTIQ+-Organisation Caribe Afirmativo: „Diese Anerkennung ist eine Möglichkeit, eine transformative Wiedergutmachung zu fördern, sowohl für Einzelpersonen als auch für das Kollektiv, die alte Wunden heilen und eine neue, konkrete Alternative vorschlagen kann, um die Menschenrechte im Alltag zu schützen.“
Kunst als Werkzeug des Widerstands und der Wieder-Existenz findet sich auch in der queeren Gemeinschaft der Gemeinde Sur de Córdoba. Seit 2018 veranstaltet hier die Corporación Caribeñxs aus Montería das Picnicuir. Bei dem jährlichen Picknick kommen Menschen diverser Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten zusammen, um mithilfe von künstlerischen Ausdrucksformen Raum einzunehmen, Sichtbarkeit zu schaffen und als politische Subjekte und kulturelle Akteure öffentlich Präsenz zu zeigen. Das Picnicuir soll einen kollektiven gesellschaftlichen Wandel fördern, der die Heteronormativität als Ideal infrage stellt. Zu den künstlerischen Ausdrucksformen zählen Tanz, Musik, Poesie, bildende Kunst und vieles mehr.
Zugleich kooperiert die Corporación Caribeñxs mit dem Kollektiv Borboleta, um die Ballroom-Szene in Montería zu unterstützen. Ballroom ist eine Art Performance, die aus der Afroamerikanischen und lateinamerikanischen LGBTIQ+-Szene in New York entsprang und Tanz, Drag, Lip-Syncing (Lippenbewegungen, möglichst perfekt zum Text eines Liedes), Mode und Catwalking (Laufen wie auf einem Laufsteg) verbindet. Er kreiert trotz seines Wettbewerbcharakters Gemeinschaft und Solidarität. Die Teilnehmenden vertreten ihre „Häuser“, die oft als Familie gesehen werden. „Liebes, mit dir an unserer Seite gewinnen wir alle, und du wirst sehen, dass wir eines Tages aufhören werden zu fühlen, dass wir alles verlieren müssen, um wir selbst zu sein.“ Das, so schreiben La Juana Torres und Alexa Nairobi in einem Blogartikel von der Corporación Caribeñxs, hätten sie gerne der Gewinnerin des Grand Prize des Ballrooms 2024 gesagt.
Kunst als Ausdruck queerer Realitäten
Corporación Caribeñxs, Borboleta und die Gruppe aus El Carmen de Bolívar sind nur drei Beispiele für lokale Kollektive, die Kunst nutzen, um auf queere Lebensrealitäten aufmerksam zu machen, an die erlittene Gewalt während des bewaffneten Konflikts zu erinnern und durch ihre resistencia und re-existencia Akzeptanz und Wiedergutmachung einzufordern. Es gibt unzählige weitere Organisationen, Gruppen und Individuen, die sich sowohl während des bewaffneten Konfliktes als auch während des andauernden Friedensprozesses für ihre Existenz und Anerkennung engagiert haben und engagieren. Denn queeres Leben hat es immer gegeben und wird es immer geben. Kunst und kollektive Kooperation können über Grenzen hinweg soziale und gesellschaftliche Transformationen anstoßen und dem Patriarchat, der Heteronormativität, und der Homo- und Transfeindlichkeit den Kampf ansagen.



















