
Liberale – besonders im Globalen Norden – thematisieren gerne das Patriarchat und den Sexismus der vermeintlich Anderen. Besonders dann, wenn es ihnen passt, beispielsweise wenn es darum geht, wie in Afghanistan einem ungeliebten Krieg einen humanitären Anstrich zu geben. Dass es hierbei nicht um Frauenrechte geht, ist offensichtlich. Das eigene Patriarchat und sein komplizenhaftes Verhältnis zu Imperialismus und Kolonialismus werden dagegen ignoriert. Die Konquistadoren und Missionare zwangen den Kolonisierten nicht nur die christliche Sexualmoral auf, sondern zerstörten oder verdängten auch eine Vielzahl an Formen, Geschlechtlichkeit zu leben.
Nicht überall wurden vorkoloniale Geschlechter vollständig verdrängt: Am Isthmus von Tehuantepec (Oaxaca, Mexiko) bewahren beispielsweise die Binni Záa (Volk der Wolken), die von den Spaniern Zapoteken genannt wurden, die Tradition der muxeidad. Dabei handelt es sich um einen Sammelbegriff, der eine Vielzahl an Geschlechteridentitäten und sexuellen Orientierungen umfasst. Tatsächlich ist die oft zitierte Beschreibung des Konzepts als „drittes Geschlecht” angesichts seiner Diversität eine Verkürzung. Muxe umfasst ein breites Spektrum, das wir mit hier gängigen Begriffen unter anderem in Konzepten wie queer, trans, inter oder nicht-binär beschreiben können. Bekannt sind vor allem die Darstellungen der muxes mit den traditionellen Kleidern der Region und Blumen im Haar. Indes ist Frauenkleidung keine zwingende Voraussetzung, um muxe zu sein. In der fest nach Geschlecht organisierten Arbeitsteilung stehen muxes tradiert bestimmte Rollen offen, beispielsweise das Anfertigen traditioneller Stickereien, sowie rituelle Rollen bei den veladas (mehrtägige religiöse Feste).
Trotz des Ansehens, das muxes in der Gemeinschaft genießen, erfahren sie oft Ausgrenzung. Gleichzeitig ist häusliche Gewalt gegen Frauen in der Region ebenso verbreitet wie im Rest des Landes. Der Isthmus ist sicher kein Paradies jenseits patriarchaler Gewalt. Die Herkunft der muxeidad ist aus europäischer Perspektive spekulativ. Über vorkoloniale Geschlechtersysteme der Zapoteken ist aus akademischer Sicht nur wenig bekannt. Viele Berichte, die als Forschungsbasis dienen, stammen von den spanischen Kolonisatoren selbst. Die Vielzahl an Kulturen mit unterschiedlichsten Konstellationen und Perspektiven auf Geschlecht und Sexualität ordneten sie in ein binäres System von männlich/weiblich sowie aktiv/passiv ein. Die Logik der limpieza de sangre (Reinheit des Blutes) war nicht nur grundlegend für die rassifizierende Einteilung, sondern ebenso für eine Sexualmoral, die vor allem die Kontrolle über die weibliche Sexualität eröffnet sowie homosexuellen Verkehr als Feminisierung und demnach Verlust an Ehre bewertet.
Abwertende Begriffe wie putos (Beleidigung für schwule oder feminin auftretende Männer, abgeleitet vom Spanischen puta, eine Beleidigung für Sexarbeiterinnen) ebneten so diese Vielfalt, die nicht in das starre Korsett christlicher Sexualmoral passte, gewaltsam ein. Französische Kolonisten prägten wiederum den Begriff berdache, der wohl aus dem Persischen oder Arabischen stammt und einen „versklavten Jungen” oder auch Lustknaben bezeichnet. Erst seit den 1990ern wird der Begriff durch den Begriff „Two Spirit” ersetzt, der vor allem im Kontext Kanadas und der USA verwendet wird. Auf die Vorstellung „zweier Geister” stoßen wir aber auch ganz im Süden Abya Yalas. Im Mapudungun (Sprache der Mapuche in Chile und Argentinien) bedeutet epu pillan zwei Geister. Auch hierin liegt ein Jenseits der Geschlechterdichotomie. In der ethnographischen Forschung wurde das Konzept des Epu Pillan weitestgehend mit den oft genderfluiden machis (Heiler*innen und Ritualexpert*innen) assoziiert.
Indes diskutieren Aktivist*innen das Konzept heutzutage breiter und durchaus auch mit Kontroversen über historisch gewachsene Vorstellungen Indigener Männlichkeiten, wie dem weit verbreiteten Selbstverständnis des stolzen Kriegers, das heutzutage das Bild des Mapuche-Seins prägt. Widerstand verläuft oft an verschiedenen Achsen und die Mapuche Aktivistin Ana Millaleo spricht in diesem Kontext von Männlichkeitsbündnissen zwischen kolonialen und Indigenen Männlichkeiten. Diese Debatten zeugen vor allem davon, dass es sich bei Konzepten wie muxeidad und epu pillan nicht um starre Traditionen handelt. Im Kontext dekolonialer Bemühungen, Denken und Konzepte zu verändern, und politischer Selbstbestimmung wandeln sie sich und werden neu formuliert.
Gleichzeitig sind sie tief verwurzelt in Weltanschauungen und gemeinschaftlichen Praktiken, wie Ritualen oder alltäglicher Arbeit. Die Beispiele in Abya Yala und weltweit andere Formen, Körper, Geschlecht und Sexualität abseits der globalisierten heteronormativen Geschlechterdichotomie zu erleben, sind vielfältig und unterschiedlich. Die argentinische feministische Forscherin Maria Lugones prägte zur engen Verschränkung von Kolonialismus, Patriarchat und Geschlecht das Konzept der Kolonialität des Geschlechts. Die Arbeit von Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí arbeitet den Einfluss des Kolonialismus auf das Geschlechtssystem der Yoruba in Westafrika auf. Auch die Hijra (Südostasien) und die Māhū (Tahiti sowie Hawaii) sind Bestandteile einer Geschichte von Diversitäten. Sie zeugen von konkreten Alternativen und davon, dass die moderne Geschlechterzweiteilung historisch entstanden ist. Die Vorstellung von zwei klar trennbaren Geschlechtern ist eben nicht naturgegeben. Die Überheblichkeit westlicher Kultur wurde nicht nur damals praktiziert, sondern auch heute, wenn Kolonialmächte noch immer dem Impuls folgen, ihr Wertesystem durchzusetzen – unter dem Vorwand, Indigene Völker und Kulturen aus Lateinamerika, Asien oder Afrika seien einfach nicht so fortschrittlich und entwickelt. Doch wie fortschrittlich ist der Westen wirklich, wenn Bundeskanzler Merz Donald Trumps Anti-Trans-Dekret, welches es trans und nicht-binären Menschen verwehrt, ihre Geschlechtsidentität im Reisepass auszuwählen, „nachvollziehen kann“?




