„SIE ERMORDEN UNS WEITERHIN“

Sicherer Raum Zapatistische Frauen verteidigen ihr Treffen demonstrativ mit Bögen und Stöcken (Foto: Aline Juárez Contreras)

„Sie sagen, dass es Geschlechtergleichheit gibt, denn in den schlechten Regierungen gibt es gleichermaßen Männer wie Frauen, die herrschen, aber sie ermorden uns weiterhin. Mit mehr Brutalität, mit mehr Bösartigkeit, Wut, Neid und Hass. Und das immer ungestörter.“ Mit diesen Worten begannen die zapatistischen Frauen das Zweite Internationale Treffen der Frauen, die kämpfen, wie es übersetzt heißt. Teilnehmerinnen aus 50 Ländern kamen vom 26. bis 29. Dezember vergangenen Jahres ins Caracol Morelia, ein politisches Verwaltungszentrum der Zapatistas in den Bergen des südöstlichen mexikanischen Bundesstaates Chiapas.

Die einleitenden Worte zeigten den Widerspruch auf, der in Mexiko und allen Teilen der Welt zwischen Anspruch und Wirklichkeit hinsichtlich der Gleichberechtigung von Frau und Mann besteht. Denn natürlich gibt es vielerorts Fortschritte in den Gesetzgebungen und verschiedenste Initiativen für die Gleichstellung der Geschlechter. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der gegen Frauen begangenen Gewalttaten unaufhörlich an. Besonders verheerend ist ihre Situation in Mexiko. Von Januar bis Dezember 2019 wurden in dem mittelamerikanischen Land 3.426 vorsätzliche Tötungsdelikte an Frauen registriert. Nur 890 (25 Prozent) werden als Femizide untersucht, obwohl verschiedene Frauen- und Menschenrechtsorganisationen darauf hinweisen, dass viele dieser Taten mit großer Brutalität und unter Anwendung von sexueller und körperlicher Folter begangen worden sind.
Besonders klar wurde auf dem Kongress, dass auch die Haltung der mexikanischen Mehrheitsgesellschaft mit ihrer Gleichgültigkeit und der Normalisierung des Problems zu der jetzigen Situation von Straflosigkeit und Ungerechtigkeit beigetragen hat.Trotz alledem hat die mexikanische Regierung bisher keinen konkreten Aktionsplan zum Thema vorgelegt. Zwar gibt es unzählige Beschwörungen von offizieller Seite, das Problem anzugehen und Mechanismen wie den Alarm zur Anzeige von Gewalt gegen Frauen (AVGM). Dieser Mechanismus existiert seit 2007 und kommt in den Regionen zum Einsatz, die zu Brennpunkten der Gewalt gegen Frauen geworden sind. Doch bisher hat der AVGM keinerlei Wirksamkeit gezeigt. Vor allem, da es nach der Auslösung des Alarms zu häufig bei der Erstellung von Berichten und Stellungnahmen von Expert*innen bleibt, während die dann vorgeschlagenen Maßnahmen kaum umgesetzt werden. Hinzu kommt, dass die zuständigen Sicherheitskräfte zumeist Teil des Problems sind und es an öffentlichen Stellen mangelt, die mit entsprechenden Kompetenzen für eine effektive Bekämpfung des Problems ausgestattet sind.

Drei Tage feministische Utopie

Und so ist auch die statistische Erfassung von Femiziden und anderen Gewalttaten gegen Frauen von Unklarheiten geprägt. Bundesstaaten wie Guanajuato, Baja California und Veracruz melden Morde an Frauen nicht als Femizide, sondern lediglich als vorsätzliche Tötungsdelikte. Ein weiterer Mechanismus, den die Behörden zur Verschleierung der Zahlen nutzen, ist die Tarnung des Mordes an Frauen als Selbstmord. Mütter von ermordeten Frauen erzählten, wie die Leichen ihrer Töchter auf der Straße oder in Häusern mit Anzeichen von Gewalt gefunden wurden, und doch heißt es im forensischen Bericht: Selbstmord.

Besonders betroffen von der täglichen Gewalt sind indigene Frauen. Bislang gibt es keine Angaben darüber, wie viele indigene Frauen verschwinden, getötet oder vergewaltigt werden. In den meisten Fällen wird der Mord, die Vergewaltigung oder das Verschwinden staatlichen Stellen gegenüber nicht gemeldet, da die Staatsanwaltschaften meilenweit von den Gemeinden entfernt sind und es keinen Übersetzungsdienst gibt, der den indigenen Frauen eine effektive Geltendmachung ihrer Rechte ermöglicht. Der Zugang zur Justiz ist im mexikanischen Staat eng mit dem sozialen Status und der ethnischen Zugehörigkeit verbunden.

Doch der Raum, den die zapatistischen Frauen auf dem Treffen eröffneten, machte keinen Unterschied zwischen Herkunft und sozialer Klasse. Und so nahmen auch indigene Frauen, persönlich oder im Kollektiv, das für alle offene Mikrofon in die Hand, um von der Gewalt zu berichten, die sie erleiden. Sie sagten, dass sie für ein Leben kämpfen, in dem keine Mädchen mehr verkauft oder zur Heirat und zum Kinderkriegen gezwungen werden. Ein Leben, in dem sie nicht geschlagen oder von ihren Ehemännern straffrei missbraucht werden können. Dabei erzählten sie auch von den Organisierungsprozessen, die sie in ihren Dörfern begonnen haben, um ihre Situation zu ändern.

Viele betonten, dass der zapatistische Aufstand vom 1. Januar 1994 eine tiefgreifende Veränderung für sie bedeutete, da sie sahen, wie auch Frauen zu den Waffen griffen und Seite an Seite mit den Männern für ein Ende von Ausbeutung und Unterdrückung kämpften. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der verschiedenen feministischen Kämpfe sehr unterschiedlich sind. Trotzdem war die Vernetzung und der Austausch zwischen den Teilnehmerinnen ein weiterer Schritt in Richtung eines gemeinsamen Prozesses, der bereits im März 2018 mit dem ersten zapatistischen Frauentreffen begonnen hatte.

Zum Abschluss erzählten die Zapatistinnen, dass es in ihren Territorien im Laufe des letzten Jahres keinen Femizid gegeben hatte. Und tatsächlich war es den zapatistischen Frauen gelungen, einen sicheren Ort inmitten der Gewalt zu schaffen. Immer wieder waren im Laufe des Frauentreffens Stimmen zu hören, die sagten, dass sie sich noch nie so sicher gefühlt haben wie in dem Caracol „Huellas del caminar de la Comandanta Ramona“, das für drei Tage zu einer konkreten feministischen Utopie wurde.

Es waren die zapatistischen Kämpferinnen, die mit ihren Bögen und Stöcken einen sicheren Raum für Denunziation, Kunst und Organisation boten, an dem sich mehr als viertausend Frauen beteiligten. Etwas, das die mexikanischen Regierungen seit 17 Jahren mit Militär, Polizei und ihren großkalibrigen Waffen in den meisten Teilen des Landes nicht schaffen.

DIE TRÄNEN DES FALLENDEN PATRIARCHATS

No están solas! Auf der Plaza San Martín ist keine* mehr alleine (Foto: marcha.org.ar)

„Es gibt drei Mechanismen, die uns Frauen einschränken und die wir bekämpfen müssen: Die Schuld, die Scham und das Schweigen“, verkündet Sandra Morán, die erste und einzige lesbische Abgeordnete in Guatemalas Parlament, die extra zum Frauentreffen nach Argentinien gereist ist. „Deswegen werde ich jetzt ein Gedicht vortragen. Es heißt: Schluss mit dem Schweigen!“, ruft sie, trommelt wild auf eine kleine Djembe und schreit immer wieder in die Menge: „Schluss mit dem Schweigen!“ Jedes Mal schreit die Menge zurück: „Schluss damit!“ und hat damit ihren Ruf schon lautstark in die Tat umgesetzt.

„Schluss mit dem Schweigen!“

Es ist der zweite Tag des mittlerweile 34. Frauentreffens in Argentinien und auf einem der vielen Plätze der belagerten Stadt, der Plaza San Martín, findet eine riesige Asamblea (Versammlung) der antikolonialen Feminist*innen des Abya Yala statt. Abya Yala ist der Begriff in der Sprache der Kuna, unter dem der Kontinent Amerika vor der Ankunft Kolumbus‘ bekannt war. Wie viele Menschen auf dem Platz versammelt sind, ist unmöglich zu zählen, aber soweit das Auge reicht, sieht man in die Luft gestreckte Fäuste mit ums Handgelenk gebundenen grünen Tüchern, dem Zeichen des Kampfes für das Recht auf Abtreibung. An diesem Nachmittag sprechen hier viele Frauen* aus verschiedenen Regionen des Abya Yala, erzählen von ihren Kämpfen in ihren Territorien: Honduras, Ecuador, Wallmapu, dem sogenannten Chile und vielen anderen. Ihre Territorien sind eng verbunden mit ihren Körpern, ihren Leben und der sozialen Reproduktion. Viel zu oft handelt es sich dabei um Kämpfe, um diese Territorien zu verteidigen – gegen Ausbeutung, Plünderung und Gewalt, gegen den repressiven Staat, das internationale Kapital, das Patriarchat. „No están solas“ – „Ihr seid nicht allein!“ skandieren die tausenden Anwesenden immer wieder und ein warmes, aufregendes, das Herz zum Zerspringen bringendes Gefühl, nicht mehr allein mit den Kämpfen und Sorgen und dem Ungehorsam zu sein, hat die ganze Plaza eingenommen.

Seit 34 Jahren findet das selbstorganisierte Treffen statt

An allen Ecken und Enden der Kleinstadt, die nur etwa 60 Kilometer vom Zentrum von Buenos Aires entfernt liegt, finden dieser Tage Asambleas, Workshops, Talkrunden, Märkte und Aktionen statt. Jeder Raum, der nicht von Diskussionsrunden besetzt ist, dient als Unterkunft für die zehntausenden Frauen und Queers, die aus dem ganzen Land angereist sind, um an dem Treffen teilzunehmen – dem Grundpfeiler der feministischen Bewegung Argentiniens. Schon seit 34 Jahren findet das selbstorganisierte Treffen der Frauenbewegung statt. Zum ersten Treffen 1986 kamen etwa 300, von da an wuchs es beständig, auf 15.000 im Jahr 2007, auf 70.000 im Jahr 2017 und auf über 200.000 in diesem Jahr. Das Wort massiv fällt oft, innerhalb dieser Massen bekommt es jedoch erst eine wirkliche Bedeutung. Es ist ein Treffen, bei dem die ganze Stadt von Feminist*innen übernommen wird. Überall laufen und diskutieren, versammeln und drängeln sie sich, singen und marschieren sie in Gruppen durch die Straßen und schmettern Melodien aus dem schier unerschöpflichen Repertoire an Parolen gegen das Patriarchat: „Achtung, Achtung! Passt auf euch auf, Machistas, ganz Lateinamerika wird feministisch!“, oder „Hey, hey, wir sind die Enkelinnen der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet!“. Hier eine Demo, da eine asamblea, an dieser Plaza ein pañuelazo (Protestveranstaltung mit grünen Tüchern), an jener eine Kundgebung, hier eine Küfa, dort eine peña (Tanzveranstaltung) und alles voller singender Feminist*innen. Jedes Jahr wechselt der Ort des Treffens, die nächste ausrichtende Stadt wird auf der Abschlusskundgebung bestimmt. Manchmal sind es kleine Provinzhauptstädte mit 3.000 Hotelbetten wie vor zwei Jahren in der Provinz Chaco im armen Nordosten Argentiniens. Dieses Jahr ist der Austragungsort La Plata durch die geografische Nähe zur Hauptstadt und die zeitliche zur Präsidentschaftswahl besonders gut besucht und die Stimmung ebenso angespannt. Der erste Tag des Treffens fällt jedoch zunächst ins Wasser – die Tränen des fallenden Patriarchats, wie man munkelt – die Auftaktveranstaltung muss wegen Gewitters abgesagt werden. Wie in jedem Jahr wird als Vorsichtsmaßnahme die Kathedrale weitläufig mit Hamburger Gittern abgesperrt und von großem Polizeiaufgebot bewacht, denn die alljährliche Demonstration, das Herzstück des Treffens, führt immer einen radikaleren Teil der Demonstrant*innen, gerne oben ohne, an der Kirche vorbei, wo nicht selten Graffitis gegen die katholische Doppelmoral gesprüht werden, Mülleimer brennen und Mollis fliegen. Auch in diesem Jahr werden sieben Aktivistinnen vor der Kathedrale festgenommen, bald jedoch wieder freigelassen. Und während die größte feministische Demonstration, die es je auf einem Encuentro gegeben hat, langsam zu Ende geht, läuft im Fernsehen wie in einer Parallelwelt die erste TV-Debatte der Präsidentschaftskandidaten: sechs Männer diskutieren ernst vor schwarzem Hintergrund. Unzählige weitere unterhalten sich öffentlich darüber, was die sechs im Fernsehen gesagt haben. Von der Revolution in der Nachbarstadt scheint dort niemand was mitbekommen zu wollen.

„Achtung, Achtung! Passt auf euch auf, Machistas, ganz Lateinamerika wird feministisch!“

Die übergreifende Debatte, die sich durch alle der über 100 verschiedenen thematischen Workshops und unzähligen Nebenveranstaltungen zieht, ist wie auch schon im letzten Jahr die des Namens: der Umbenennung des Treffens von Nationales Treffen der Frauen in Plurinationales Treffen von Frauen, Lesben, Travestis, Trans, intersexuellen, bisexuellen und nicht-binären Personen. Auch in diesem Jahr hat das offizielle Organisationskomitee, das sich immer in der ausrichtenden Stadt zusammenfindet, allerdings meist von den Strukturen der kommunistischen Partei dominiert wird, keinen Raum zur Abstimmung über die Namensänderung eröffnet. Im Kampf um die Umbenennung hat sich eine nicht ganz selbstverständliche Allianz aus indigenen, migrantischen und queeren Aktivist*innen gebildet, zunächst zögernd, doch immer plausibler finden die verschiedenen Kämpfe um längst überfällige Inklusion solidarisch zueinander und mit ihnen ihre Protagonist*innen. So erobern Lolita Chávez, Maya k’iche‘, Umweltaktivistin aus Guatemala und Claudia Vasquez Haro, Dozentin an der Universität von La Plata und Präsidentin des Vereins OTRANS, der für Rechte von Trans und Travestis in Argentinien eintritt, trotz Redeverbot mit vollem Körpereinsatz gemeinsam die Bühne der Abschlusskundgebung und rufen von dort unter johlendem Applaus die Umbenennung des Treffens aus. Denn die Realität des Treffens ist längst plurinational und queer, indigene Frauen* sind seit langer Zeit genauso wichtiger Teil der Bewegung wie verschiedene queere Identitäten. „Wir erkennen uns in diesem breiten Feminismus von unten wieder und kämpfen gegen jede Form von Gewalt, gegen Gewalt gegen Queers, gegen Xenophobie, gegen Rassismus“, ruft Vazquez Haro von der Bühne. „Compañeras, wir müssen lernen, uns gegenseitig zuzuhören und uns in unserer Verschiedenheit zu respektieren. Der Feind ist nicht hier unter uns, der Feind ist das Patriarchat!“ appelliert sie, jedoch bleibt die offizielle Anerkennung der Umbenennung auch in diesem Jahr aus. Eine Enttäuschung für die Feminist*innen des Abya Yala und die disidencias sexuales, der sexuellen Dissident*innen gegen die erzwungene Heteronormativität. Es bleibt unklar, ob das offizielle Organisationskomitee aus San Luis, dem Ort des Treffens im nächsten Jahr, die Namensänderung anerkennen wird.
Dennoch ist es wieder einmal vollbracht: Zehntausende Frauen und Queers haben sich organisiert, um oft etliche hunderte Kilometer zu dem wichtigsten Treffen des Jahres zu reisen. Und wie in jedem Jahr wird immer wieder gesungen: „¡Qué momento! A pesar de todo, les hicimos el encuentro“, will sagen: „Was für ein Moment! Trotz allem haben wir das Treffen gemacht“ – gegen „sie“, gegen die da oben, die, die nie zuhören wollen, die, die uns nie gesehen haben. Und es ist dieses Durchhaltevermögen einer jahrzehntelangen Tradition, sich gegen alle Hindernisse zu organisieren, sich zusammenzutun, um wieder zum nächsten Treffen zu reisen. Diese Praxis von Autonomie und Organisation und vor allem die Erfahrung, das Zusammensein zu zelebrieren, was die Bewegung in Argentinien so stark und mächtig gemacht hat. „Heute, compañeras, heute sind wir widerständig aufgewacht…” schließt Sandra Morán ihr gesungenes Gedicht, „und das Herz, das beinahe zu explodieren schien, hat es soeben getan!”

 

MÄNNERFREIE ZONE

Revolutionärinnen Die Zapatistas kämpfen seit Beginn ihres Aufstandes für die Rechte indigener Frauen (Foto: Hazel Zamorra/CIMAC)

Die Einladung war überraschend und in knappen Worten gehalten auf der Webseite der Zapa­tistas erschienen. „Wenn du keine Angst vor dem schlechten System hast, das uns ausbeutet, unterdrückt, beraubt und verachtet, oder wenn du Angst hast, sie aber kontrollierst, dann laden wir dich herzlich ein”, schrieben die compañeras. „Und wenn du ein Mann bist, kannst du gleich wieder aufhören zu lesen, denn du bist nicht eingeladen”.

In ihrer Radikalität haben die zapatistischen Frauen die Sympati­sant*innen aus der Stadt nicht das erste Mal überrascht. Schon 1994, gleich zu Beginn des Aufstands der EZLN (Nationale Zapatistische Befreiungsarmee), veröffentlichten die Zapatist­*innen das „Revo­lu­tio­­näre Gesetz der Frauen”, das die indigenen Frauen in vielen Sitzungen durchgesetzt hatten. Es beinhaltet unter anderem die Forderung, dass die Frauen selbst entscheiden sollten, wen sie heiraten und wie viele Kinder sie haben wollten. Das war in den indigenen Gemeinschaften, in denen Frauen teilweise noch nicht einmal das öffentliche Wort erteilt wurde, im wahrsten Sinne des Wortes revolutionär.

In dieser Tradition verstanden sich auch die Gastgeberinnen, die sich monatelang lokal und über die Grenzen der caracoles, der autonomen Bezirke, hinweg auf das Treffen im März vorbereitet hatten. Dass sie allerdings solch durchschlagenden Erfolg haben und mehr als 5.000 Teilnehmerinnen von außerhalb anreisen würden, damit hatten sie selbst nicht gerechnet. „Lasst es euch nicht noch einmal einfallen, eine Null wegzulassen!”, ermahnte Alejandra aus dem Caracol Realidad in ihrer Abschlussrede, denn angemeldet hatten sich nur 650 Frauen. Es spricht für die Organisation der zapatistischen Frauen, die gemäß ihrer Ideologie immer in Gemeinschaft gestemmt wurde, dass keine Teilnehmerin ohne Essen blieb und immer genug Wasser für Duschen und Klos da war.

An das Schlange stehen mussten sich die Gäste allerdings von Beginn an gewöhnen – das ging schon vor dem großen, gusseisernen Tor los, welches von vermummten Soldatinnen der EZLN bewacht wurde. Sie kontrollierten peinlich genau die Akkreditierungen der Eingeladenen. Männern war der Eintritt ab diesem Punkt verboten. Hinter dem Tor standen Zapatistinnen in Grüpp­­chen versprengt und schwatzten den Besucherinnen freundlich all ihre Gepäckstücke, Zelte und Schlafsäcke ab, um sie dann zum auserkorenen Schlafplatz zu tragen. Nicht nur auf den grünen Hügeln der Umgebung hatten sie Willkommenstransparente gemalt, sondern auch die zahlreichen murales, die farbenfrohen Wand­bilder, mit feministischen Motiven erneuert.

„Wir sind alle verschieden. Aber die Gewalt, die sich in diesem Land gegen Frauen richtet, eint uns.“

Der Takt des Festivals wurde von den Indigenen vorgegeben: Viele Feministinnen aus der Stadt waren erst mit dem letzten Bus um drei Uhr morgens angerollt, wurden am ersten Tag aber um sechs Uhr morgens von Bassklängen geweckt. Die vierköpfige Band Dignidad y Resistencia (Würde und Widerstand) stimmte zünftige rancheras (traditionelle Lieder) an, bis sich unter die zahlreichen Sturmhauben auf dem Sportplatz auch die ersten Besucherinnen aus anderen mexikanischen Bundesstaaten wie Michoacán und Sonora, sowie international aus Argentinien, Guatemala, Frankreich und anderen Ländern mischten.

Dann folgte die erste Lektion in militärischer Disziplin. Die Eröffnungsveranstaltung zog sich bis zum Mittag und die Zapatistinnen waren die einzigen, die es – noch dazu unter ihren Sturm­hauben – in der brütenden Hitze bis dahin aushielten, während die Feministinnen aus der Stadt sich alle in den Schatten flüchteten.

Kommandantin Erika von der EZLN erklärte, wie das Treffen in den Bergen von Chiapas zustande gekommen war. Einerseits wollten die Zapatistinnen damit die Kandidatur von Patricio Martínez, auch Mari­chuy genannt, unterstützen, zum anderen ein Signal gegen Gewalt gegen Frauen setzen. Denn, so Erika, „wir sind alle verschieden. Aber die Gewalt, die sich in diesem Land gegen Frauen richtet, eint uns. Egal ob Wissenschaftlerin, Ärztin, Künstlerin oder Lehrerin.”

Bis zum Ende des Tages hatten die Gastgeber­innen auch noch mehrere Theaterstücke auf­geführt und ein weiteres Konzert gegeben und Teilnehmerinnen wie Katharina Theissing aus Münster tief beeindruckt: „Es ist so krass, was sie auf die Beine gestellt haben!”

So wie Katharina sind viele Ausländerinnen gekommen, die vorher schon in Mexiko waren oder den Besuch des Festivals mit einer Reise verbunden haben. Die Argentinierinnen gehen keinen Schritt ohne ihre Thermoskannen und Matebecher. Eine Gruppe indigener Kak’chikel aus Guatemala zeigt, wie sie Blusen weben. Und viele Hippies haben am Rand des Sportplatzes Decken ausgelegt, auf denen sie selbstgemachten Schmuck anbieten.

Männer müssen draußen bleiben Frauen aus aller Welt sind willkommen (Foto: Sonja Gerth)

Dann gibt es noch die Workshops und Dar­bie­tungen, über 350 an zwei Tagen. So informieren die Mütter von Verschwundenen und Opfern von Feminiziden über ihren Kampf gegen die Straf­losigkeit. „Die Staatsanwaltschaft will unsere Akte in diesem Jahr schließen”, berichtet Hilda Hernández, die Mutter eines der Verschwun­denen von Ayotzinapa. „Dabei ist bisher noch keiner ihrer Körper gefunden worden! Dass die 43 auf einer Müllhalde ver­brannt worden sein sollen, ist eine Lüge, und es müssen erst ausländische Experten kommen, um das zu beweisen!” „Ayotzi vive!”, Ayotzinapa lebt, ruft eine Frau aus dem Publikum, und „La lucha sigue”, der Kampf geht weiter, antworten automatisch die Frauen in der Mitte.

Vielen im Publikum kommen die Tränen, als sie die Geschichten der Mütter von ermordeten Frauen hören. So wie die von Aracely Osorio, der Mutter von Lesvy Berlín, die im vergangenen Jahr auf dem Campus der Universität UNAM in Mexiko-Stadt ermordet wurde, mutmaßlich von ihrem Freund. Sie war mit dem Kabel einer öffentlichen Telefonzelle erwürgt worden. „Trotzdem hat uns die Polizei mitgeteilt, dass es sich um einen Selbstmord handelt und deswegen nicht weiter ermittelt wird.” Erst nach einer Pressekampagne wurde die Akte wieder geöffnet und der Freund ins Visier genommen, von dem Videobilder aus der Nähe des Tatorts auftauchten. In Mexiko werden nach Angaben der UN sieben Frauen am Tag ermordet, weil sie Frauen sind. Die Straflosigkeit liegt bei 99 Prozent.

„Jede von uns nimmt einen kleinen Funken Kampfgeist mit nach Hause, darum geht es ja.“

Aracely Osorio fühlt sich, wie viele der Mütter von Verschwundenen oder Mordopfern, politisch Marichuy verbunden. Das Vertrauen in den Staat, die „schlechte Regierung” wie die Zapatistinnen sagen, haben sie längst verloren. Marichuy ist ebenfalls auf dem Festival, ergreift aber nicht das Wort, schließlich sei sie nur Gast der Zapa-tistinnen, wie es heißt. Sie und viele der concejalas, der Mitglieder im indigenen Regie­rungs­rat CIG, besuchen wie andere einfach die Workshops, auch wenn sie stets von einer Traube Bewunderinnen verfolgt werden. Eine der anwesenden concejalas ist Bettina Cruz Velásquez, sie repräsentiert im CIG die Binni’zaa (Zapoteken). Die zapatistischen Frauen sind für sie ein Vorbild: „Mit dem Umbruch durch die zapatistische Bewegung hat sich auch die Art und Weise radikal geändert, in der sich die Frauen einbringen. Hier durften die indigenen Frauen ja noch nicht mal auf dem selben Bürgersteig gehen wie ein Weißer. Und heute sind es Rebellinen, Kämpfer­innen, Frauen die sich gegen die Herrschaft derjenigen auflehnen, die ihre Arbeitskraft ausbeuten. Und auch gegen die Rollenverteilung, die der Kapitalismus ihnen auferlegt hat. Das ist wichtig, und wir dürfen dabei sein, zuschauen was sie machen und daraus lernen.”

Marichuys Kandidatur war im Februar geschei­tert. Sie hatte nur rund ein Drittel der vom Wahlinstitut geforderten 866.593 Stimmen für von Parteien unabhängige Kandidat*innen sammeln können und wird daher am 1. Juli nicht auf dem Wahlzettel stehen. Dennoch ist der CIG zuversichtlich, dass die Stimme des Protests künftig lauter sein wird. „Schauen Sie sich dieses großartige Frauen­treffen an! Meiner Ansicht nach haben wir schon vieles erreicht. Auch Gleichgesinnte aus dem Ausland wollen jetzt wissen, wie unser Programm aussieht. Jede von uns nimmt einen kleinen Funken Kampfgeist mit nach Hause, darum geht es ja. Wenn wir uns organisieren, können wir die schlechte Regierung bekämpfen, und dann wird es auch Veränderung geben”, meint Maricela Mejía, Repräsentantin der indigenen Otomí im CIG.

In Rock und Sturnhaube Zapatisstinnen beim Fußballspiel mit den internationalen Gästen (Foto: Hazel Zampora/CIMAC)

Der Widerstand gegen Minen und Wasser­kraftwerke, der Kampf um Land und natürliche Ressourcen sind einige der Themen, die verstärkt in den hunderten Workshops vertreten sind. Dennoch spiegelt sich darin auch die Vielfalt der Teilnehmerinnen wider, die diese anbieten: Es geht von der feministischen Bewegung in Frankreich, afrikanischem Tanz, der Entdeckung des Körpers und einem Lachworkshop bis zu weiblichen Gottheiten und libertären Gebär­müttern. In den Worten der Zapatistinnen: „seltsame Dinge”. Mit Begeisterung stürzen sich aber auch Volleyballerinnen, Basket- und Fussballer­innen in ihre Turniere, sprinten in der Mittagshitze durch das Sägemehl in Richtung Tor. So mancher Ball landet dabei auf einem der Zelte, die aus Platzmangel bis an die Außenlinie herangebaut worden sind.

Sinaira aus Oventic sitzt am Eingang hinter dem Tisch, an dem Beschwerden hinterlassen werden können. „Es ist beeindruckend, die tausenden Frauen zu sehen, die gekommen sind”, sagt sie, und erzählt von den Vorbereitungen. „Als die Männer gehört haben, dass wir das Treffen alleine machen wollen, haben sie gesagt, macht ruhig! Und wir haben gedacht, mal gucken wie weit wir kommen. Es ist ja so, dass wir gehört haben, dass viele Frauen leiden. Und keiner sagt ihnen, wie das Leiden auszuhalten ist. Deshalb haben wir gesagt, wir machen das Treffen, damit sie ein bisschen frei sein können von den Männern.” Zwischendurch wird sie von ihrer compañera Esmeralda auf Tzotzil ergänzt, die zu schüchtern ist, um ein Interview zu geben.

Noch immer sprechen viele indígenas in der Region nur ihre eigene Sprache, wie Tzeltal, Tojolabal und andere – ein Grund, warum sie zum Beispiel im Gesundheitswesen immer noch starker Diskriminierung ausgesetzt sind. Viele jüngere Zapatistas beherrschen Spanisch jedoch fließend, und auch in den Workshops proto­kollieren sie, die überwiegend die autonomen Schulen bis zur sechsten Klasse besucht haben, in sauberer Schrift mit. Die Texte, die zu Beginn und zum Abschluss vorgetragen werden, und die gemeinsam von Vertreterinnen der fünf Bezirke verfasst wurden, sind poetisch und kämpferisch. Alejandra, eine junge Frau aus dem Caracol Realidad, liest die Abschiedsrede vor. „Wenn jemand euch hinterher fragt, was die Ergebnisse des Treffens sind, dann sagt: ‘Wir haben ver­einbart, am Leben zu bleiben und zu kämpfen’, was haltet ihr von diesem Vorschlag? Denn was wirklich nötig ist, ist dass nie wieder eine Frau auf der Welt, egal welche Hautfarbe sie hat, welche Größe, welches Alter, welche Sprache sie spricht, aus welcher Kultur sie kommt, Angst haben muss. Seid ihr ein­ver­standen?” Da recken die Feministinnen aus aller Welt die Fäuste in die Höhe und schreien mit Tränen in den Augen: „Ja!”