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MÄNNERFREIE ZONE

Revolutionärinnen Die Zapatistas kämpfen seit Beginn ihres Aufstandes für die Rechte indigener Frauen (Foto: Hazel Zamorra/CIMAC)

Die Einladung war überraschend und in knappen Worten gehalten auf der Webseite der Zapa­tistas erschienen. „Wenn du keine Angst vor dem schlechten System hast, das uns ausbeutet, unterdrückt, beraubt und verachtet, oder wenn du Angst hast, sie aber kontrollierst, dann laden wir dich herzlich ein”, schrieben die compañeras. „Und wenn du ein Mann bist, kannst du gleich wieder aufhören zu lesen, denn du bist nicht eingeladen”.

In ihrer Radikalität haben die zapatistischen Frauen die Sympati­sant*innen aus der Stadt nicht das erste Mal überrascht. Schon 1994, gleich zu Beginn des Aufstands der EZLN (Nationale Zapatistische Befreiungsarmee), veröffentlichten die Zapatist­*innen das „Revo­lu­tio­­näre Gesetz der Frauen”, das die indigenen Frauen in vielen Sitzungen durchgesetzt hatten. Es beinhaltet unter anderem die Forderung, dass die Frauen selbst entscheiden sollten, wen sie heiraten und wie viele Kinder sie haben wollten. Das war in den indigenen Gemeinschaften, in denen Frauen teilweise noch nicht einmal das öffentliche Wort erteilt wurde, im wahrsten Sinne des Wortes revolutionär.

In dieser Tradition verstanden sich auch die Gastgeberinnen, die sich monatelang lokal und über die Grenzen der caracoles, der autonomen Bezirke, hinweg auf das Treffen im März vorbereitet hatten. Dass sie allerdings solch durchschlagenden Erfolg haben und mehr als 5.000 Teilnehmerinnen von außerhalb anreisen würden, damit hatten sie selbst nicht gerechnet. „Lasst es euch nicht noch einmal einfallen, eine Null wegzulassen!”, ermahnte Alejandra aus dem Caracol Realidad in ihrer Abschlussrede, denn angemeldet hatten sich nur 650 Frauen. Es spricht für die Organisation der zapatistischen Frauen, die gemäß ihrer Ideologie immer in Gemeinschaft gestemmt wurde, dass keine Teilnehmerin ohne Essen blieb und immer genug Wasser für Duschen und Klos da war.

An das Schlange stehen mussten sich die Gäste allerdings von Beginn an gewöhnen – das ging schon vor dem großen, gusseisernen Tor los, welches von vermummten Soldatinnen der EZLN bewacht wurde. Sie kontrollierten peinlich genau die Akkreditierungen der Eingeladenen. Männern war der Eintritt ab diesem Punkt verboten. Hinter dem Tor standen Zapatistinnen in Grüpp­­chen versprengt und schwatzten den Besucherinnen freundlich all ihre Gepäckstücke, Zelte und Schlafsäcke ab, um sie dann zum auserkorenen Schlafplatz zu tragen. Nicht nur auf den grünen Hügeln der Umgebung hatten sie Willkommenstransparente gemalt, sondern auch die zahlreichen murales, die farbenfrohen Wand­bilder, mit feministischen Motiven erneuert.

“Wir sind alle verschieden. Aber die Gewalt, die sich in diesem Land gegen Frauen richtet, eint uns.”

Der Takt des Festivals wurde von den Indigenen vorgegeben: Viele Feministinnen aus der Stadt waren erst mit dem letzten Bus um drei Uhr morgens angerollt, wurden am ersten Tag aber um sechs Uhr morgens von Bassklängen geweckt. Die vierköpfige Band Dignidad y Resistencia (Würde und Widerstand) stimmte zünftige rancheras (traditionelle Lieder) an, bis sich unter die zahlreichen Sturmhauben auf dem Sportplatz auch die ersten Besucherinnen aus anderen mexikanischen Bundesstaaten wie Michoacán und Sonora, sowie international aus Argentinien, Guatemala, Frankreich und anderen Ländern mischten.

Dann folgte die erste Lektion in militärischer Disziplin. Die Eröffnungsveranstaltung zog sich bis zum Mittag und die Zapatistinnen waren die einzigen, die es – noch dazu unter ihren Sturm­hauben – in der brütenden Hitze bis dahin aushielten, während die Feministinnen aus der Stadt sich alle in den Schatten flüchteten.

Kommandantin Erika von der EZLN erklärte, wie das Treffen in den Bergen von Chiapas zustande gekommen war. Einerseits wollten die Zapatistinnen damit die Kandidatur von Patricio Martínez, auch Mari­chuy genannt, unterstützen, zum anderen ein Signal gegen Gewalt gegen Frauen setzen. Denn, so Erika, „wir sind alle verschieden. Aber die Gewalt, die sich in diesem Land gegen Frauen richtet, eint uns. Egal ob Wissenschaftlerin, Ärztin, Künstlerin oder Lehrerin.”

Bis zum Ende des Tages hatten die Gastgeber­innen auch noch mehrere Theaterstücke auf­geführt und ein weiteres Konzert gegeben und Teilnehmerinnen wie Katharina Theissing aus Münster tief beeindruckt: „Es ist so krass, was sie auf die Beine gestellt haben!”

So wie Katharina sind viele Ausländerinnen gekommen, die vorher schon in Mexiko waren oder den Besuch des Festivals mit einer Reise verbunden haben. Die Argentinierinnen gehen keinen Schritt ohne ihre Thermoskannen und Matebecher. Eine Gruppe indigener Kak’chikel aus Guatemala zeigt, wie sie Blusen weben. Und viele Hippies haben am Rand des Sportplatzes Decken ausgelegt, auf denen sie selbstgemachten Schmuck anbieten. Männer müssen draußen bleiben Frauen aus aller Welt sind willkommen (Foto: Sonja Gerth)

Dann gibt es noch die Workshops und Dar­bie­tungen, über 350 an zwei Tagen. So informieren die Mütter von Verschwundenen und Opfern von Feminiziden über ihren Kampf gegen die Straf­losigkeit. „Die Staatsanwaltschaft will unsere Akte in diesem Jahr schließen”, berichtet Hilda Hernández, die Mutter eines der Verschwun­denen von Ayotzinapa. „Dabei ist bisher noch keiner ihrer Körper gefunden worden! Dass die 43 auf einer Müllhalde ver­brannt worden sein sollen, ist eine Lüge, und es müssen erst ausländische Experten kommen, um das zu beweisen!” „Ayotzi vive!”, Ayotzinapa lebt, ruft eine Frau aus dem Publikum, und „La lucha sigue”, der Kampf geht weiter, antworten automatisch die Frauen in der Mitte.

Vielen im Publikum kommen die Tränen, als sie die Geschichten der Mütter von ermordeten Frauen hören. So wie die von Aracely Osorio, der Mutter von Lesvy Berlín, die im vergangenen Jahr auf dem Campus der Universität UNAM in Mexiko-Stadt ermordet wurde, mutmaßlich von ihrem Freund. Sie war mit dem Kabel einer öffentlichen Telefonzelle erwürgt worden. „Trotzdem hat uns die Polizei mitgeteilt, dass es sich um einen Selbstmord handelt und deswegen nicht weiter ermittelt wird.” Erst nach einer Pressekampagne wurde die Akte wieder geöffnet und der Freund ins Visier genommen, von dem Videobilder aus der Nähe des Tatorts auftauchten. In Mexiko werden nach Angaben der UN sieben Frauen am Tag ermordet, weil sie Frauen sind. Die Straflosigkeit liegt bei 99 Prozent.

“Jede von uns nimmt einen kleinen Funken Kampfgeist mit nach Hause, darum geht es ja.”

Aracely Osorio fühlt sich, wie viele der Mütter von Verschwundenen oder Mordopfern, politisch Marichuy verbunden. Das Vertrauen in den Staat, die „schlechte Regierung” wie die Zapatistinnen sagen, haben sie längst verloren. Marichuy ist ebenfalls auf dem Festival, ergreift aber nicht das Wort, schließlich sei sie nur Gast der Zapa-tistinnen, wie es heißt. Sie und viele der concejalas, der Mitglieder im indigenen Regie­rungs­rat CIG, besuchen wie andere einfach die Workshops, auch wenn sie stets von einer Traube Bewunderinnen verfolgt werden. Eine der anwesenden concejalas ist Bettina Cruz Velásquez, sie repräsentiert im CIG die Binni’zaa (Zapoteken). Die zapatistischen Frauen sind für sie ein Vorbild: „Mit dem Umbruch durch die zapatistische Bewegung hat sich auch die Art und Weise radikal geändert, in der sich die Frauen einbringen. Hier durften die indigenen Frauen ja noch nicht mal auf dem selben Bürgersteig gehen wie ein Weißer. Und heute sind es Rebellinen, Kämpfer­innen, Frauen die sich gegen die Herrschaft derjenigen auflehnen, die ihre Arbeitskraft ausbeuten. Und auch gegen die Rollenverteilung, die der Kapitalismus ihnen auferlegt hat. Das ist wichtig, und wir dürfen dabei sein, zuschauen was sie machen und daraus lernen.”

Marichuys Kandidatur war im Februar geschei­tert. Sie hatte nur rund ein Drittel der vom Wahlinstitut geforderten 866.593 Stimmen für von Parteien unabhängige Kandidat*innen sammeln können und wird daher am 1. Juli nicht auf dem Wahlzettel stehen. Dennoch ist der CIG zuversichtlich, dass die Stimme des Protests künftig lauter sein wird. „Schauen Sie sich dieses großartige Frauen­treffen an! Meiner Ansicht nach haben wir schon vieles erreicht. Auch Gleichgesinnte aus dem Ausland wollen jetzt wissen, wie unser Programm aussieht. Jede von uns nimmt einen kleinen Funken Kampfgeist mit nach Hause, darum geht es ja. Wenn wir uns organisieren, können wir die schlechte Regierung bekämpfen, und dann wird es auch Veränderung geben”, meint Maricela Mejía, Repräsentantin der indigenen Otomí im CIG.

In Rock und Sturnhaube Zapatisstinnen beim Fußballspiel mit den internationalen Gästen (Foto: Hazel Zampora/CIMAC)

Der Widerstand gegen Minen und Wasser­kraftwerke, der Kampf um Land und natürliche Ressourcen sind einige der Themen, die verstärkt in den hunderten Workshops vertreten sind. Dennoch spiegelt sich darin auch die Vielfalt der Teilnehmerinnen wider, die diese anbieten: Es geht von der feministischen Bewegung in Frankreich, afrikanischem Tanz, der Entdeckung des Körpers und einem Lachworkshop bis zu weiblichen Gottheiten und libertären Gebär­müttern. In den Worten der Zapatistinnen: „seltsame Dinge”. Mit Begeisterung stürzen sich aber auch Volleyballerinnen, Basket- und Fussballer­innen in ihre Turniere, sprinten in der Mittagshitze durch das Sägemehl in Richtung Tor. So mancher Ball landet dabei auf einem der Zelte, die aus Platzmangel bis an die Außenlinie herangebaut worden sind.

Sinaira aus Oventic sitzt am Eingang hinter dem Tisch, an dem Beschwerden hinterlassen werden können. „Es ist beeindruckend, die tausenden Frauen zu sehen, die gekommen sind”, sagt sie, und erzählt von den Vorbereitungen. „Als die Männer gehört haben, dass wir das Treffen alleine machen wollen, haben sie gesagt, macht ruhig! Und wir haben gedacht, mal gucken wie weit wir kommen. Es ist ja so, dass wir gehört haben, dass viele Frauen leiden. Und keiner sagt ihnen, wie das Leiden auszuhalten ist. Deshalb haben wir gesagt, wir machen das Treffen, damit sie ein bisschen frei sein können von den Männern.” Zwischendurch wird sie von ihrer compañera Esmeralda auf Tzotzil ergänzt, die zu schüchtern ist, um ein Interview zu geben.

Noch immer sprechen viele indígenas in der Region nur ihre eigene Sprache, wie Tzeltal, Tojolabal und andere – ein Grund, warum sie zum Beispiel im Gesundheitswesen immer noch starker Diskriminierung ausgesetzt sind. Viele jüngere Zapatistas beherrschen Spanisch jedoch fließend, und auch in den Workshops proto­kollieren sie, die überwiegend die autonomen Schulen bis zur sechsten Klasse besucht haben, in sauberer Schrift mit. Die Texte, die zu Beginn und zum Abschluss vorgetragen werden, und die gemeinsam von Vertreterinnen der fünf Bezirke verfasst wurden, sind poetisch und kämpferisch. Alejandra, eine junge Frau aus dem Caracol Realidad, liest die Abschiedsrede vor. „Wenn jemand euch hinterher fragt, was die Ergebnisse des Treffens sind, dann sagt: ‘Wir haben ver­einbart, am Leben zu bleiben und zu kämpfen’, was haltet ihr von diesem Vorschlag? Denn was wirklich nötig ist, ist dass nie wieder eine Frau auf der Welt, egal welche Hautfarbe sie hat, welche Größe, welches Alter, welche Sprache sie spricht, aus welcher Kultur sie kommt, Angst haben muss. Seid ihr ein­ver­standen?” Da recken die Feministinnen aus aller Welt die Fäuste in die Höhe und schreien mit Tränen in den Augen: „Ja!”

 

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