TRADITION ALS WAFFE

Moisés Martínez rührt ein letztes Mal um. Vorsichtig tunkt er mehrere Bündel Seidenfäden in die dunkelrote Flüssigkeit, die in großen Emaille-Töpfen auf dem Gasherd kocht, und wechselt ein paar Worte auf Zapoteco mit Estela Zárate. Hinter der offenen Tür zeichnen sich die Berge der Sierra Norte von Oaxaca ab. „Wir können anfangen“, ruft Estela den anderen Mitgliedern der Kooperative zu, die in der Werkstatt Fäden spinnen und verknoten. Im nächsten Moment drängen sich alle um die Kochtöpfe, um die Seidenknäul in dem Sud aus zerstoßenen Cochenille-Läusen mit Winterestragon und Indigo zu färben. Ist die Seide ausgewrungen, getrocknet und aufgespult, wird sich Estela den Hüftwebstuhl umschnallen und die Fäden zu bunten rebozos (Tüchern) und huipuiles (weiten Blusen) weben.

     Fotos: Sarah Weis

Estela und Moisés gehören den Kooperativen Bienhi und Wen Do Sed an, die sich mit dem Ziel organisiert haben, die traditionelle Seidenherstellung in den Nachbardörfern San Pedro und San Miguel Cajonos zu retten. Das Wissen, wie man die Seidenraupen züchtet und wie man aus deren Puppen die wertvollen Seidenfäden gewinnt, wird von Generation zu Generation weitergegeben. Kein leichtes Unterfangen, denn wie in vielen ländlichen Gebieten Oaxacas sind auch San Pedro und San Miguel Cajonos davon betroffen, dass die jungen Leute in die Großstädte Mexikos oder der USA ziehen, um dort ein besseres Auskommen zu finden.

Kunsthandwerk hat in Mexiko eine lange Tradition. Das enorme Wissen über Färbe- und Webtechniken ist vor allem in indigenen Gemeinden verwurzelt. Doch die Arbeit, die hinter der kunsthandwerklichen Produktion steckt, wird oft als folkloristisch abgetan und kaum wertgeschätzt, was dazu führt, dass die meisten indigenen Produzent*innen ihre Ware zu Spottpreisen verkaufen müssen. Die Kunsthandwerker*innen selbst werden im von postkolonialen Strukturen geprägten Mexiko stigmatisiert. Das liegt daran, dass Kunsthandwerk als etwas Indigenes gesehen wird. Tourismusprogramme werben zwar gerne mit der kulturellen Vielfalt Mexikos, doch indigene Gruppen sind immer noch betroffen von Rassismus und gehören zu den Ärmsten der Bevölkerung. Über die Hälfte aller Kunsthand-werker*innen in Mexiko verdiente 2011 weniger als den zu dem Zeitpunkt gültigen Mindestlohn (umgerechnet etwa drei Euro pro Tag), besagt die Studie „Kunsthandwerk in Mexiko“ des Centro de Estudios Sociales y de Opinión Pública.

„Der servicio comunitario ist das beste System, um Korruption zu verhindern.“

„Viele sehen in uns nur jemanden, der am Arsch ist, der kein Geld hat“, erzählt David Villanueva, Gründer der Kooperative Huizache. „Viele Kunsthandwerker sagen deshalb zu ihren Kindern: Werde Ingenieur, Architekt, alles nur nicht Kunsthandwerker.“ Wir sitzen in den Verkaufsräumen von Huizache, die zwischen bunten, flachen Kolonialhäusern mitten im Zentrum von Oaxaca-Stadt liegen, etwa drei Autostunden entfernt von San Miguel Cajonos. Obwohl es Winter ist, brennt die Sonne im Gesicht, der Himmel ist glasklar und blau. Im Laden türmen sich alebrijes (bunte Fantasiefiguren), Krüge aus schwarzem Ton und kunstvoll gewebte rebozos. Die meisten der 70 Kunsthandwerker*innen von Huizache leben in comunidades, indigenen Gemeinden, und kommen nur zum Verkauf in die Stadt. Gemeinsam wollen sie ihre Produkte besser vermarkten und das Bild von Kunsthandwerker*innen und ihrer Arbeit verändern.

Selbstorganisation ist eine wichtige Waffe, um sich gegen Armut zu wehren und für die eigenen Rechte zu kämpfen. Im Bundesstaat Oaxaca schließen sich deshalb immer mehr Kunsthandwerker*innen zu Kooperativen zusammen. Der Vorteil der Arbeit in der Kooperative ist, dass die Mitglieder nicht darauf angewiesen sind, ihre Produkte zu lächerlichen Preisen an Zwischenhändler*innen zu verkaufen. Ohne die Kooperativen bliebe ihnen nichts anderes übrig. „In Huizache sind wir alle Partner“, sagt Concepción Guzmán, Präsidentin von Huizache. „Das ermöglicht, dass 70 Prozent des Verkaufspreises direkt an die Kunsthandwerker gehen.“ Zudem profitieren die Mitglieder vom Austausch von Wissen und Erfahrungen untereinander.

Damit die Kooperative funktioniert, leistet jeder einen Dienst für die Gemeinschaft. Zum Beispiel beim Verkauf im Laden. Bezahlt wird nur die Büroarbeit. „Der servicio comunitario“, meint Fidel Salazar, ebenfalls Gründer der Kooperative, „ist das beste System, um Korruption zu verhindern.“ Während er spricht, hüpft Davids vierjährige Tochter von einem zu anderen. „Am schwierigsten ist es, die Leute zu organisieren, weil es so unterschiedliche Arten und Weisen gibt, die Welt zu sehen“, sagt Concepción. „Wir gehören 16 verschiedenen ethnischen Gruppen an. Die Älteste in Huizache ist 70, der Jüngste 23 Jahre alt. Deshalb ist Disziplin sehr wichtig.“

Wenn jemand krank wird, legen alle zusammen. Theoretisch garantiert das mexikanische Gesundheitssystem zwar Hilfe für alle Bürger*innen, in der Praxis ist das System korrupt und nicht in der Lage, die medizinische Versorgung zu gewährleisten. Insbesondere in ländlichen Gebieten mangelt es an Ärzt*innen und Krankenhäusern. Es ist in Mexiko üblich, dass das soziale Netzwerk auffängt, was das öffentliche Sozialsystem nicht leistet.

„Wie wir uns organisieren, hat viel damit zu tun, wer wir sind”, erzählt Concepción. „Jeder gibt etwas dazu. Diese Art der gemeinschaftlichen Arbeit kommt aus den comunidades. Es ist unsere traditionelle Art, uns zu organisieren. Über 60 Prozent der Oaxaqueños leben in Gemeinden, die in indigenen Systemen organisiert sind.“ Huizache geht es nicht nur um die Vermarktung der Produkte, sondern auch darum, indigene Lebensformen und Strukturen zu stärken. Edgardo Villanueva, Gründer von Huizache, erklärt: „Das Wichtige ist nicht Huizache, sondern die Solidarität, die dahintersteckt: Die Werte unserer Vorfahren. Das macht uns zu Feinden von staatlichen Funktionären und Gewerkschaften. Die wollen ungebildete Kunsthandwerker, die weinen und um Hilfe betteln, keine autonomen Kunsthandwerker, wie wir es sind.“

„Huizache ist ein Beispiel dafür, wie man durch Organisation Macht erlangen kann“, sagt Dulce Martínez, die uns zu Huizache begleitet hat. Sie arbeitet als Direktorin von Fábrica Social, einem Projekt, das das Ziel hat, Kunsthandwerkerinnen zu empowern und deren Produkte zu fairen Preisen zu vermarkten. Sie fügt hinzu: „Der Regierung ist es lieber, wenn Indigene arm sind, dann können sie ihr Stimmrecht und ihr Land kaufen und sie als billige Arbeitskräfte benutzen. Deshalb versucht die Regierung solche Kooperativen zu schwächen.“ Herausforderungen gibt es für die Mitglieder von Huizache genug.

„In den comunidades gibt es viele Probleme“, erzählt Edgardo, „zum Beispiel der weit verbreitete Alkoholismus.“ Auch Sexismus ist ein Problem. „Oft sprechen wir nur von dem Partner und vergessen dabei die Frauen. Daran müssen wir arbeiten“, sagt David.

Einen Traum haben die Mitglieder von Huizache: Eine Hochschule für Kunsthandwerk gründen. In der sollen nicht nur traditionelle Tech-niken vermittelt werden, sondern auch indigene Philosophien. Schon jetzt veranstaltet die Kooperative regelmäßig Workshops und kulturelle Veranstaltungen, wie Konzerte oaxaqueñischer Musik und Lesungen zapotekischer Märchen. Es ist ein Weg, indigenes Wissen, das unsichtbar gemacht wurde, ins Blickfeld zu rücken. „Auch deshalb“, betont David, „ist die Kooperative eine politische Haltung, ein friedlicher ziviler Widerstand gegen die Regierungspolitik“.

Nicht immer ist es einfach, indigene Formen des Zusammenlebens mit dem Verkauf von Produkten zu vereinbaren. Zu unterschiedlich sind die Systeme, die aufeinander prallen. „Manchmal können wir Bestellungen nicht rechtzeitig liefern, weil wir zuerst unseren sozialen Verpflichtungen in der Gemeinde nachkommen müssen. Die Käufer verstehen das nicht“, erzählt Jesús Sosa auf dem Weg zu seiner Werkstatt. Er webt Teppiche, seit er acht Jahre alt war und arbeitet in dem Projekt Bi Yuu. Dort produzieren mehrere Familien von Kunsthandwerker*innen gemeinsam mit einer Designerin großformatige Teppiche und arbeiten an der Verknüpfung von traditionellen Techniken mit innovativen Mustern. Jesús lebt in Teotitlán del Valle, knapp eine Stunde von Oaxaca-Stadt entfernt. An den aus Lehmziegeln gebauten Häusern des Dorfes hängen Schilder mit handgeschriebenen Buchstaben: „Teppiche und Tischdecken zum Verkauf.“ Die Sonne blendet, Gras verdorrt am Straßenrand, ein Wandgemälde wirbt für Recycling von Müll. Plastiktüten sind hier auf dem Markt verboten.

Das zapotekisch geprägte Teotitlán ist eines der reicheren Kunsthandwerker*innen-Dörfer. Diverse Reiseanbieter bieten geführte Touren durch die Werkstätten der Kunsthand­werker*innen an und Tourist*innen kommen oft hierher, um Souvenirs zu erwerben. Davon profitieren aber längst nicht alle, denn der Zwischenhandel hat Verträge mit Tourismus-Guides, die die Urlaubenden direkt vom Hotel abholen und zu den größten Teppich-Herstellern bringen, mit denen sie kooperieren. Zu den kleineren Werkstätten kommen dadurch viel weniger Interessierte.

Die Werkstatt von Jesús liegt ein Stück außerhalb des Dorfes. Der Webstuhl, mit dem die Familie in monatelanger Handarbeit kunstvolle Teppiche knüpft, wurde vom Schreiner des Dorfes gezimmert. Jede gewebte Faser wird mit natürlichen Farbstoffen aus der Region gefärbt. Um die komplexen geometrischen Muster zu weben, braucht es viel mathematischen Verstand. In der Werkstatt gibt es selbstgemachten atole, ein typisches Maisgetränk, und süßes Brot. Von der Decke baumeln nopales, Kaktusblätter, gebraten eine beliebte Beilage. Hühner gackern im Hof. Die meisten können hier nicht allein vom Kunsthandwerk leben, sondern betreiben nebenbei auch Landwirtschaft oder verkaufen atole.

In Zeiten von Fast Fashion und Wegwerfmode wird Qualität von vielen Käufer*innen nicht wertgeschätzt. Mit der Massenproduktion von Textilien durch internationale Unternehmen können die Kunsthandwerker*innen nur schwer konkurrieren. „Damit das Wissen nicht verloren geht, ist es wichtig zu kommunizieren, wie viel Arbeit im Kunsthandwerk steckt“, meint Ana Paula Fuentes, ehemalige Direktorin des Textil-Museums in Oaxaca, und streicht über das Rautenmuster des Teppichs, der auf dem Webstuhl aufgespannt ist. „Wir werden H&M und Walmart nicht kleinkriegen“, sagt sie, „aber wir können ein alternatives Modell schaffen.“ Ein Problem sei auch, dass es kein Copyright für die traditionellen Muster gibt. „Große Unternehmen wie Zara oder Suburbia, aber auch Modedesigner, die von außerhalb kommen, kopieren indigene Muster, benutzen sie in ihren Kollektionen und machen viel Geld damit“, erläutert Ana Paula. Das Kunsthandwerk hat davon nichts.

Staatliche Fördergelder lehnen viele ab, da sie unabhängig bleiben wollen. Dulce von Fábrica Social nimmt noch einen Schluck aus ihrem Becher mit atole. Sie meint, dass es dennoch wichtig sei, auch für diese Gelder zu kämpfen: „Die Gelder gehören den Bürgern, nicht den Politikern.“ Es gibt zwar zahlreiche Förderprogramme, wie z.B. von FONART, dem Nationalen Fonds zur Förderung des Kunsthandwerks, doch Korruption ist ein enormes Problem. Zudem sind die Programme auf sehr kurze Zeitspannen begrenzt.

Um Fördermittel zu beantragen, müssen zahlreiche bürokratische Hürden überwunden werden. Jesús erzählt, dass das Wirtschafts­sekretariat unter anderem einen Nachweis über das private Grundeigentum fordert. „In Teotitlán gehört das gesamte Land der Gemeinde. Das wird aber nicht anerkannt“, sagt er. In manchen Gemeinden sprechen die Kunsthandwerker*innen gar kein Spanisch, die Sprache, in der die Anträge verfasst werden müssen. „Dann müssen die Frauen jemanden dafür bezahlen, dass er übersetzt. Oder sie schulden dem Übersetzer einen Gefallen. Sowas kann leicht genutzt werden, um bei Wahlen Stimmen zu kaufen“, meint Dulce.

In Teotitlán spielen zapotekische Strukturen für das gesellschaftliche Leben eine wichtige Rolle. Jesús arbeitet neben seinem Beruf als Weber zurzeit auch in der policía comunitaria, der Gemeindepolizei. „Jeder aus dem Dorf muss einen servicio comunitario leisten“, erzählt er, „meine Schicht dauert zwei Jahre. Danach habe ich drei Jahre Pause. Dann übernehme ich ein anderes Amt.“ Der servicio comunitario wird nicht bezahlt, sondern ist Teil der indigenen Dorforganisation. Etwa 35 verschiedene Ämter gibt es, zum Beispiel bei der Trinkwasserversorgung oder im Gesundheitswesen. Wer welches Amt übernimmt, entscheidet die Gemeindeversammlung, der gegenüber sich auch die Gemeindepolizei verantworten muss.

„Die staatlichen Funktionäre wollen ungebildete Kunsthandwerker, die um Hilfe betteln.“

Die staatlichen Institutionen in Oaxaca tolerieren die Selbstorganisation der indigenen Gemeinden im Rahmen der sogenannten usos y costumbres (Sitten und Gebräuche), die in dem Bundesstaat einen verfassungsrechtlichen Status haben. In 417 der 520 Gemeinden in Oaxaca werden die Amtsträger nach den usos y costumbres bestimmt (siehe LN 504). „Traditionelle Formen der Organisation werden in comunidades wie Teotitlán als Waffe gegen die Regierung eingesetzt, um Autonomie zu erlangen“, erklärt Dulce. Je besser die indigenen Gemeinden organisiert sind, desto schwieriger hat es auch der Drogenhandel in die Gemeinden einzuziehen. „Der ist ein großes Problem für die comunidades, weil er deren Zusammenhalt schwächt“, sagt Ana Paula vom Textilmuseum und fügt hinzu: “Teotitlán ist eines der wenigen Dörfer, in die es der Drogenhandel noch nicht geschafft hat. Das liegt daran, dass die Gemeinde sehr gut organisiert ist.“

Doch die traditionelle Organisation in Teotitlán hat auch ihre Schattenseiten, denn lange Zeit waren Frauen von bestimmten Bereichen ausgeschlossen. So dürfen Frauen in Teotitlán zum Beispiel erst seit kurzer Zeit servicios comunitarios übernehmen. „Der servicio gibt der Person einen Wert innerhalb der Gemeinde“, erklärt Josefina Jiménez, Gründerin der Kooperative Mujeres que tejen (Frauen, die weben). „Die Männer wollten das deshalb nicht.“ Wie San Miguel Cajonos ist auch Teotitlán davon betroffen, dass viele junge Männer in die USA migrieren. Oft bleiben die Frauen mit den Kindern zurück. „Das hat die Rolle der Frau verändert“, meint Josefina. „Vorher hatten wir keine Stimme, wir durften nicht an Gemeindeversammlungen teilnehmen. Deshalb mussten wir uns organisieren.“

Anders als in den meisten Kunsthandwerker*innen-Gemeinden in Mexiko, wo in der Regel nur die Frauen weben, war dies in Teotitlán traditionellerweise den Männern vorbehalten. Um das zu ändern, schloss sich Josefina mit weiteren alleinerziehenden Frauen 1992 zu der Kooperative Mujeres que tejen zusammen. Gemeinsam widersetzten sie sich den Konventionen: Sie setzten sich an den Webstuhl und begannen, ihre Produkte selbst zu verkaufen. Mittlerweile hat die Kooperative für die Designs ihrer Teppiche schon mehrere Preise gewonnen. „Wir mussten gegen unsere eigenen Familien kämpfen“, erzählt Josefina. „Sie dachten, dass wir das nicht können. Aber wir haben es ihnen gezeigt. Jetzt haben wir eine Stimme.“

Wir sind zurück in San Miguel Cajonos. Draußen zieht Nebel über den bewaldeten Berghängen auf und verschluckt das Dorf innerhalb weniger Minuten. Langsam wird es dunkel. Noch brennt Licht in der Werkstatt von Bienhi, dem Herzen der Kooperative. An quer durch den Raum gespannten Wäscheleinen trocknet rotes, lila, grünes und blau getupftes Seidengarn. Drei Mal im Jahr schlüpfen hier die Seidenraupen, die sich ausschließlich von Maulbeerblättern ernähren. Die Kooperative hat es geschafft, auch die junge Generation für das traditionelle Handwerk zu begeistern. Brenda und Marcos Zárate, beide Anfang Zwanzig, wollen hier bleiben und das Erbe ihrer Familie fortführen. Bevor sie die Tür der Werkstatt für heute hinter sich schließen, wollen sie noch die Muster entwerfen, die sie morgen weben werden.

*Die Reportage entstand im Rahmen der Recherche für das Projekt Doó Nhoo – Hilos Cruzados, einer Kooperation von Kunsthandwerker*innen und Designerinnen für Nachhaltigkeit und Innovation.

 

 

SCHWERE ZEITEN FÜR QUEERE KUNST

Fotos: Lanchonete.org

Die christliche Rechte in Brasilien befindet sich im Aufwind. Unlängst wurde eine Ausstellung in Porto Alegre nach Protesten abgesagt. Was ist genau passiert?
Es sollte eine Ausstellung mit den Werken von zahlreichen jungen und anerkannten queeren Künstler*innen stattfinden. Dagegen organisierten konservative Gruppen Proteste. Im Gegensatz zur Linken ist die Rechte in Brasilien sehr gut organisiert. Es ist ihnen gelungen, einige Werke mit Pädophilie und Zoophilie in Verbindung zu bringen. Das ist riesiger Schwachsinn! Die Werke, die vermeintlich Pädophilie rechtfertigen, stammen von Künstler*innen, die selbst darunter gelitten haben. Mit den Werken sollte thematisiert werden, dass auch viele junge LGBT Opfer von Pädophilie werden. Das große Problem für diese Menschen ist, dass Kindern eine sexuelle Orientierung zugeschrieben wird. Die Solidarisierung mit den Protesten war leider sehr groß. Es war zu hören: „Diese Schwuchteln machen degenerierte Kunst“. Das erinnert mich an die Rhetorik der Nazis.

Und daraufhin wurde die Ausstellung abgesagt?
Ja, sie hatten damit Erfolg. Am Ende hat die Santander-Bank, die Sponsor war, die Ausstellung abgesagt. Es war aber nicht einfach nur die Entscheidung einer privaten Bank – es geht viel weiter. Das war eine Rechtfertigung, um Menschen zu diskriminieren. Den Künstler*innen wurde ein Stempel aufgedrückt: Wenn man jetzt ihre Namen bei Google sucht, wird ihre Kunst mit Pädophilie in Verbindung gebracht. Das ist ungerecht und absurd!

Gibt es noch weitere Beispiele?
Ein Theaterstück, bei dem eine transsexuelle Schauspielerin Jesus spielt, wurde in verschiedenen SESCs (Kulturzentren, Anm. d. Red.) aufgeführt. Als es in der Stadt Jundiaí im Bundesstaat São Paulo gezeigt werden sollte, entschied ein Richter, dass das Stück eine Beleidigung des Christentums darstelle. Konsequenz: Es durfte nicht aufgeführt werden. Das war Zensur! In anderen Städten wurde das Stück zwar weiter gespielt und am Ende wurde das Urteil von einem anderen Richter aufgehoben. Trotzdem bleibt: Ein Theaterstück in Brasilien wurde zensiert. Das ist unglaublich. So etwas sollte eigentlich keinen Platz in einer Demokratie haben. In einem anderen Fall wurde ein Künstler aus Brasília während einer Performance brutal von Polizisten verhaftet, weil er nackt war.

Wie erklären Sie diesen massiven Rechtsruck?
Es gibt verschiedene Gründe. Die Bildung in Brasilien ist sehr schlecht. Keine Regierung nach dem Ende der Diktatur konnte daran etwas ändern – auch weil man kaum Fortschritte in ein oder zwei Amtszeiten erreichen kann. Auch mit dem Rohstoffboom gab es keine Verbesserungen. Zum anderen befindet sich der Katholizismus seit den neunziger Jahren im Rückgang und die evangelikalen Kirchen gewinnen immer mehr Einfluss. Die Kirche Igreja Universal do Reino de Deus besitzt den am drittmeist gesehenen Fernsehsender des Landes. Auch die anderen evangelikalen Kirchen haben großen Raum in den Medien. Die Sendezeit erkaufen sie sich mit dem Geld ihrer Anhänger*innen. Bei vielen Gottesdiensten können die Gläubigen ihren „Zehnten“ (Kirchensteuer, Anm. d. Red.) direkt mit der Kreditkarte bezahlen.

Warum sind die evangelikalen Kirchen so erfolgreich in Brasilien?
Weil diese Kirchen eine der wenigen Orte sind, wo die Armen und Allerärmsten ein Gemeinschaftsgefühl bekommen. Mehr noch: Sie erhalten dort psychologische Unterstützung. Für viele Brasilianer*innen wäre dies sonst undenkbar. In der öffentlichen Gesundheitsversorgung sind Therapien nicht eingeschlossen. Die evangelikalen Kirchen haben ein strenges moralisches Wertesystem. Das führt dazu, dass die Gläubigen anfangen zu denken, dass sie immer recht haben und die anderen auf jeden Fall falsch liegen. Auch hat sich bei diesen Menschen die Idee durchgesetzt, dass Künstler*innen nichts mit ihrer Realität zu tun haben und ihre Anliegen Wohlstandsprobleme seien. Das mag für die Künstler*innen von Globo (größter Fernsehsender und Medienmonopol, Anm. d. Red.) stimmen – aber für den Rest ist eher das Gegenteil der Fall.

Im vergangenen Jahr übernahm Michel Temer nach einem juristisch fragwürdigen Amtsenthebungsverfahren den Präsidentschaftsposten. Welche Rolle spielt seine Regierung in den aktuellen Debatten?
Auf den ersten Blick scheint die Regierung nichts damit zu tun zu haben. Temer hat sich zu keinem der Fälle öffentlich geäußert, die ich anfänglich erwähnt habe. Der Präsident arbeitet aber gerade mit Hochdruck daran, die Rechte abzubauen, die sich die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten hart erkämpft hat. Viele Künstler*innen haben das scharf kritisiert. Die Menschen kümmern sich aber leider mehr um vermeintliche Pädophilie in Kunstwerken, als um eine Arbeitsrechtsreform oder einen erneuten Freispruch von Temer, der wegen mehrerer Verbrechen angeklagt ist. Die aktuellen Debatten schaffen also für die Regierung eine perfekte Nebelwand, um die verheerende Austeritätspolitik zu verschleiern.

Sie stammen aus São Paulo. Wie ist die Situation für LGBT in ihrer Heimatstadt?
Auf der einen Seite ist São Paulo als größtes Finanzzentrum Lateinamerikas sehr konservativ. Auf der anderen Seite hat es aber auch eine lange queere Geschichte. Der wirklich bewegende Film São Paulo em Hi-Fi zeigt die LGBT-Szene während der Militärdiktatur in den sechziger und siebziger Jahren. In dieser Zeit gab es herausragende Persönlichkeiten wie Celso Curi, der die erste Kolumne für LGBT in Brasilien geschrieben hat. Er gründete auch ein wichtiges Kulturzentrum. Das war der erste Ort für homosexuelle Paare und ist bis heute eine wichtige Referenz.

Was macht die Szene so besonders?
Ich bin viel gereist und was São Paulo wirklich besonders macht, ist die hohe Anzahl von homosexuellen Paaren in der Öffentlichkeit. Anfang der Nullerjahre haben wir angefangen, uns in Einkaufszentren und auf Plätzen zu treffen. Zum ersten Mal konnten wir uns öffentlich so zeigen, wie wir waren, und mit derjenigen Person zusammen sein, mit der wir wollten. Die unheimliche Dynamik der Stadt hat auch dazu geführt, dass LGBT mit viel Geld aus ganz Brasilien nach São Paulo kamen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Orte wie den Arouche-Platz, wo man einen halben Liter Schnaps für zwei oder drei Reais kaufen kann. Die Stadt spricht verschiedene sozioökonomische Bevölkerungsgruppen an.

Sie haben als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ausstellung Queer City – Geschichten aus São Paulo mitgearbeitet, die derzeit im Schwulen Museum in Berlin zu sehen ist. Glauben Sie, dass Kunst ein Mittel für politische Veränderungen sein kann?
Das will ich hoffen! Ich wünsche mir, dass das, was wir machen, Auswirkungen haben wird und unsere Kunst die Menschen in Brasilien und außerhalb zum Denken anregt. Auch für Deutschland und den Rest der Welt beginnt gerade eine schwierige Phase – deshalb will ich daran glauben.