ABSURD IST ANSICHTSSACHE


Isabella Pereira, Pedro Ribeiro, Jonata Vieira in Três Tigres Tristes (Foto: © Cris Lyra)

Bewertung: 4/5

Mit der Corona-Pandemie kreativ umzugehen, fällt vielen Filmemacher*innen auch zwei Jahre nach ihrem Beginn nicht leicht. COVID wird im Kino weitgehend ignoriert, selbst Masken sind auf der großen Leinwand kaum zu sehen. Umso interessanter, wenn jemand den Mut hat, den Elefanten im Raum – also das Virus – nicht nur zu thematisieren, sondern sogar für sein Anliegen zu nutzen. Dem brasilianischen Filmemacher Gustavo Vinagre ist das mit seinem queeren Tagtraum Três Tigres Tristes (Drei traurige Tiger) gelungen und er hatte offensichtlich auch noch großen Spaß daran. Belohnt wurde er dafür auf der Berlinale 2022 mit dem Teddy Award für den besten queeren Spielfilm.

Gustavo Vinagre ist erst 35 Jahre alt, kann aber schon auf einen beeindruckenden cineastischen Output verweisen. Die meisten seiner zwölf Filme beschäftigen sich mit queerem Leben und Lifestyle in und um São Paulo. Auch Três Tigres Tristes spielt in der brasilianischen Megastadt. Seine Protagonist*innen sind Pedro, Jonata und Isabella, die einen Tag durch deren Außenbezirke streifen und dabei allerhand Alltägliches und Absurdes erleben. Was genau dabei normal ist und was nicht, bleibt dem Urteil der Zuschauer*innen überlassen – die Drei nehmen die Dinge meist gelassen und mit einer Prise Humor. Anders geht es vermutlich auch gar nicht, denn die Stadt und ganz Brasilien befinden sich mitten in einer Pandemie. Allerdings geht es hier nicht um das, wonach es aussieht. Denn die Virusinfektion im Film ist zwar nicht weniger tödlich als COVID-19, führt aber im Gegensatz dazu zu massivem Gedächtnisverlust. Und so muss sich Jonata jedes Mal neu am Empfang anmelden, wenn er das Gebäude seines (gleichaltrigen) Onkels Pedro betritt. Und Ghosting (Kontaktabbruch ohne Ankündigung) beim Daten bekommt eine ganz neue Dimension, wenn das Gegenüber sich gar nicht mehr erinnern kann, wer man eigentlich ist.

Neben dem eleganten Umgang mit dem Thema Corona spielt Três Tigres Tristes auch geschickt mit den Konzepten Normalität und Außenseitertum. Der Sexarbeiter Pedro, die Drag Queen Jonata und die trans* Frau Isabella leben nicht nur an der Peripherie der Großstadt, sondern auch der Gesellschaft. Doch sie halten zusammen und treffen bei ihrem Spaziergang auf Verbündete: eine Sammlerin, die mit ihren Objekten sprechen kann („Den Namen hat mir dein Rucksack verraten!“), ein haarloses Meerschweinchen, eine YouTuberin, die nach Models für ihr Makeup sucht. Heiße Eisen wie Diskriminierung, HIV (Jonata ist positiv) oder Einsamkeit im Alter packt Três Tigres Tristes dabei angenehm beiläufig an, ohne sie zu sehr zu problematisieren. Vinagre benutzt dafür oft (Galgen-)Humor, der auch mal ins Absurde rutschen kann – wenn es so etwas wie Absurdität überhaupt gibt in einer Welt, in der jede*r ein Päckchen zu tragen hat oder irgendeinen Spleen versteckt oder offen auslebt. Lange Zeit funktioniert der unterhaltsame Stadtspaziergang, der gar nicht so traurigen Drei so wirklich hervorragend. Erst gegen Ende übertreibt es der Film mit etwas zu ausgedehnt-freakigen Performances, die nicht unbedingt nötig gewesen wären. Dennoch ist Três Tigres Tristes ein vergnüglich-melancholischer Trip durch das queere São Paulo geworden, der Gelassenheit in harten Zeiten verströmt.

EINE GÖTTLICHE DOMINA

© Gustavo Vinagre

Schlecht und gemein” heißt Vil, má auf Deutsch, aber der portugiesische Titel der Dokumentation des Brasilianers Gustavo Vinagre ist gleichzeitig auch der Vorname der Protagonistin: Wilma Azevedo, Schriftstellerin und Domina. Edivina” heißt dagegen Sie ist göttlich” und ist der bürgerliche Name vo Wilma, leidenschaftliche Mutter und Arbeiterin, die im patriarchalen brasilianischen Gesellschaftssystem für ihre Unabhängigkeit kämpft. Der Film ist in zwei Teile gegliedert, um die Geschichte dieser gespaltenen Persönlichkeit zu erzählen, spielt sich aber nur an einem Ort ab: Ein Wohnzimmer.

Im ersten Teil blickt die 74jährige Wilma Azevedo fest in die Kamera und erzählt im Laufe der folgenden 86 Minuten ihre Geschichte als Königin der Dominas und der sadomasochistischen Literatur Brasiliens. Ihre vielzähligen Anekdoten umfassen alle Elemente von BDSM-Sexualpraktiken: Bisse, Schläge, Sandpapier-Vibratoren, abgeschnürte männliche Geschlechtsteile und grüne Bananen. Die Dokumentation benutzt sparsame Kameraeinstellungen und überlässt die Hauptrolle Wilma und ihren Erzählungen, deren Anekdoten sie manchmal vergisst (einige dieser Geschichten werden von Wanda vorgelesen, einer Schauspielerin, die in einem fiktiven zukünftigen Film über Wilma mitspielt). Wilma begann ihre Karriere damit, in ihrer Rolle als Domina Zuschriften von Leser*innen erotischer Zeitschriften zu beantworten. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Zu ihren besten Zeiten bekam sie mehr als 300 Briefe von Menschen, die darin ihre Sadomaso-Fantasien gestanden. Aber Wilma beschränkte ihre Kreativität nicht nur auf den literarischen Bereich. Sie experimentierte darüber hinaus auch praktisch als Domina in einem Brasilien unter der Militärdiktatur, in dem BDSM ein verborgenes gesellschaftliches Tabu darstellte.

Im Film kommen außerdem nur wenige akustische Stilmittel vor, was den drei hörbaren Elementen, die vorkommen, ein unerwartetes Gewicht verleiht: Regen, Donner und der plötzliche Einsatz der Englischen Suite  Nº2 von Bach. Das Einsetzen des Donners ist auch der Wendepunkt der Erzählstruktur, der den zweiten Teil der Dokumentation ankündigt. Wilma verrät den Namen ihrer bürgerlichen Identität Edivina Ribeiro, die als Mädchen eine katholische Erziehung genoss, als Frau einen zehn Jahren älteren Mann heiratete, dessen Untreue sie entdeckte und die darum kämpfte, als Journalistin und Schriftstellerin zu arbeiten, um für ihre Familie zu sorgen, weil ihr Mann unter gesundheitlichen Problemen litt. Edvina erzählt von ihren sexuellen Erfahrungen seit ihrer Kindheit. In vielen davon konnte sie im Unterschied zu Wilma nichts kontrollieren, sondern befand sich im Gegensatz dazu durch männliche Fantasien in Gefahr. Beide Frauen ergänzen sich, genau wie die beiden Teile ds Films, und erlauben so der einen die Bedürfnisse der anderen zu erfüllen. Edivina erschafft Wilma und diese erlaubt wiederum Edivina, ihre sexuellen Begierden in die Tat umzusetzen.

Gustavo Vinagre geht sehr limitiert bei der Auswahl seiner Mittel für die Dokumentation vor (sparsamer Gebrauch von Archivaufnahmen, Kameraeinstellungen und akustischen Elementen). Die Entscheidung für diese audiovisuelle Gestaltung ist auch in seinen vorherigen Produktionen wiedererkennbar. Vil, má ist der dritte Dokumentarfilm einer Reihe, die er Trilogie des Ich” genannt hat und die zwei weitere Filme über Einzelpersonen einschließt: Recuerdos de las cuervas (Erinnerungen an die Raben, 2018) und La rosa azul de Novalis (Die blaue Blume von Novalis, 2019), der vergangenes Jahr im Forum der Berlinale gezeigt wurde.

In Vil, má sind die Gegenpole der Protagonistin, das Göttliche und das Gemeine, die Kontrastpunkte zwischen dem Individuum in der Gesellschaft und dessen innerer Welt. Dieser Widerspruch wurde von Edivina/Wilma aufgelöst, indem sie sich nicht den Zugang zu sich selbst verwehrte. Ganz im Gegenteil eröffnete sie dadurch beiden Frauen die Möglichkeit, zu koexistieren und sich zu entwickeln.

AUF DER SUCHE NACH DER BLAUEN BLUME

© Carneiro Verde


Komm doch näher! Willst du Kaffee?“ fragt Marcelo und meint damit den Kameramann. Kurze Zeit später filmt dieser ihn von der gegenüberliegenden Seite des Tisches. Die Zuschauer*innen können Marcelo beim Frühstück genau beobachten, die Kamera scheint dabei für ihn kein störendes Element zu sein. Bewusstkommuniziert und spielt mit ihr. Schon in den ersten Szenen von A rosa azul de Novalis wird deutlich, dass es sich hier um keinen gewöhnlichen Dokumentarfilm handelt. Als „dokumentarische Inszenierung“ bezeichnen die jungen brasilianischen Filmemacher Gustavo Vinagre und Rodrigo Carneiro ihr Projekt, das den 40-jährigen Marcelo Diorio in seiner Wohnung in São Paulo (die sich im Übrigen überall auf der Welt befinden könnte) beobachtet.

© Carneiro Verde

Der Film, der im diesjährigen Berlinale Forum zu sehen ist, folgt Marcelo in seinem normalen Tagesablauf – Frühstück, Lesen, Pflanzenpflege, Online-Dating – unterbrochen von Sequenzen, in denen er aus seinem Leben erzählt oder in traumartigen Szenen in die Vergangenheit zurückkehrt. Seine zu Beginn betonte HIV-Diagnose verliert im Laufe des Films an Bedeutung und scheint auch für ihn keine große Sache zu sein. Er bezeichnet die ihm schon jahrelang bekannte Erkrankung als seine „kalkulierte Tragödie“ und weiß, dass er nicht an ihr sterben wird.

Stattdessen sind in seiner Welt bestimmte Rituale wichtiger. Da ist etwa die spezielle und ausgiebige Pflege seines Körpers und vor allem das Lesen wie viele der Forumsfilme in diesem Jahr hat auch A rosa azul de Novalis einen starken Bezug zu geschriebenen Texten. Die Bücher in seinem Haus sind Marcelos Schätze, gehören genauso zu seinem Tagesablauf wie das Kaffeekochen oder die Gesichtsmaske und durchziehen seine Träume. Vor allem Novalis und seine blaue Blume haben es ihm angetan, ein Porträt des deutschen Frühromantikers schmückt seinen Treppenaufgang. Die Frage nach Marcelos eigentlichem Beruf wird im Film mehrmals gestellt, jedoch immer wieder verworfen: Marcelo lebt durch seine zelebrierten Rituale. Sie füllen seinen Tag und sein Leben, eine andere Arbeit braucht er nicht.

© Carneiro Verde

Neben Alltäglichkeiten erfahren Zuschauende viel über die Vergangenheit des Protagonisten. Die besondere Beziehung zu seinem verstorbenen Bruder, die Erinnerungen an seine Eltern und deren Nichtakzeptanz seiner Homosexualität, seine kühnsten Fantasien und Traumata aus Kindheitstagen, alles ist präsent und wird auf besondere Art und Weise von Gustavo Vinagre und Rodrigo Carneiro verbildlicht. Durch die Form der dokumentarischen Inszenierung wird der Film zu einer ergebnisoffene Suche nach Möglichkeiten, wie ein einzelnes Leben beschrieben und verstanden werden kann. Marcelo, der selbst an der Entstehung des Drehbuchs beteiligt war, macht sich die gleichen Gedanken und begibt sich frei nach Novalis‘ Vorbild auf die Suche nach seiner eigenen blauen Blume. Offen und ehrlich lässt er sich und seine sexuelle Begegnung von der Kamera beobachten. So entsteht eine 70-minütige, für manch eine*n sicher gewöhnungsbedürftige, Suche nach der blauen Blume, die so manch ungeahnten Einblick ermöglicht.