
Belén wurde auf dem Filmfestival in San Sebastián im Wettbewerb gezeigt und hat die Silberne Muschel für die beste Nebendarstellerin (Camila Plaate) erhalten. Herzlichen Glückwunsch!
Dolores: Danke! Es ist mein erster Besuch in San Sebastián und wir freuen uns sehr, den Film hier vorstellen zu können. Festivalleiter José Luis Rebordinos ist sehr bemüht, uns eine Plattform zu bieten, um die Probleme unseres Landes und ganz Lateinamerikas sichtbar zu machen.
Es ist mit Verantwortung verbunden, eine wahre Geschichte als Fiktion auf die Leinwand zu bringen. Wie kam es dazu?
Dolores: Wir haben uns bei der Buchvorstellung von Ana Correa kennengelernt. Es ging um ein Kapitel zu „Libertad para Belén” (Buchtitel: Somos Belén), das ich zu einer Preisverleihung vorgestellt hatte. Ich hatte damals mitbekommen, was in Tucumán passierte. Die Autorin Leticia Cristi hatte die Rechte für das Buch gekauft. Sie bot mir an, das Drehbuch zu schreiben, Regie zu führen und am Ende sogar die Rolle der Staatsanwältin zu spielen. Es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Doch der komplizierte Teil war, all die persönlichen Details, die mir für das Drehbuch fehlten, nachzurecherchieren. Wir haben viel Liebe in die Geschichte gesteckt.
Aus welcher Perspektive haben Sie das Drehbuch geschrieben und worauf haben Sie Wert gelegt?
Dolores: Da die Thematik universell ist, wollte ich nicht so sehr auf die persönliche und familiäre Situation des Opfers eingehen. Für mich war interessanter, aus der Sicht der Anwältin zu erzählen. Sie handelt aus einer privilegierten Situation heraus. Ihre Mission ist es, Belén und anderen Frauen zu helfen. Es war wichtig, die Empathie zu vermitteln, die sie motivierte, sich zu engagieren. Dabei konnte ich eine gewisse Ironie und gar Situationskomik in spannungsreichen Szenen einbauen. Humor ist ein wichtiges Stilmittel, damit eine ernste Szene etwas atmen kann und absurde Situationen und Systeme entlarvt werden.
In Argentinien ist Mileis rechtsradikale Partei an der Macht. Es werden zunehmend Grund-*rechte wie die Meinungsfreiheit beschnitten. Wie waren die Dreharbeiten? Haben Sie Druck, Einschüchterung oder sonstige Hürden erlebt?
Dolores: Nein, kaum jemand hat die Dreharbeiten mitbekommen (lacht). Wir hatten keine Angst und haben uns nicht versteckt. Aber wir waren vorsichtig und diskret. Das war auch gut so. Es gab keinerlei Vorfälle und als der Film an die Öffentlichkeit kam, war es eine Überraschung. Es gab keine Zensur, aber Drohungen und Versuche, uns einzuschüchtern. Trotz der bedrohten Pressefreiheit, glauben wir nicht, dass der Film zensiert wird. Es sind jedoch schwierige Zeiten, vieles ist unvorhersehbar. Wer weiß schon, was kommt…
Kann dieser Film zu einem positiven sozialen Wandel beitragen?
Dolores: Film kann keine Wunder vollziehen, aber ja, es bringt die Erinnerung eines Geschehens in die Gegenwart und regt zum Nachdenken an. Ein Film kann positiv auf die Zukunft wirken. Der Film ist Zeugnis und Hommage an diese Frauen, die kämpfen. Er wirft ein Licht auf die Thematik. Wie viele Belens gibt es? Wir wissen es nicht.
Soledad: Es ist eigentlich auch egal, wie viele es sind. Wenn Unrecht geschieht, ist es unerträglich. Ich kann mich erinnern, wie wir über die Legalisierung der Abtreibung diskutierten. Wir fragten uns, wie viele Tote es aufgrund von Komplikationen bei Abtreibungen gibt. Und wenn es nur eine ist, dann ist es schon eine zu viel. In diesem Sinne ist es ein hoffnungsvoller Film. Es gibt überall auf der Welt eine „Belén”. Falls diese Nachricht sie erreicht, dann hat es sich gelohnt, die Geschichte zu erzählen.
Dolores: …und nicht nur Frauen wie „Belén”, sondern auch wie „Soledad”.
Wie ist es für Sie, Ihr “Alter Ego” der Anwältin als Hauptdarstellerin auf der Leinwand zu sehen?
Soledad: Viele Frauen haben heutzutage Angst. Die Arbeit der sozialen Staatsanwaltschaft (comunitaria) genießt nicht gerade einen guten Ruf. Und dieser Film verleiht dem Engagement der Anwaltschaft seinen verdienten Platz. Die Anwält*innen, die für die sozial Schwachen kämpfen. Sie werden weder gut bezahlt, noch gewürdigt. Dafür werden wir anders belohnt. Wir machen viele Jobs unentgeltlich, aus Solidarität, Empathie, aus Überzeugung. Hier im Film werden sie gewürdigt, wie Dolores sagt. Die Ultrarechte in Argentinien spaltet zunehmend die Gesellschaft und die Menschen verlieren die Empathie für Mitmenschen. Der Diskurs wird politisiert und hat eine starke kriminalisierende Komponente: gegen Frauen, gegen Migranten und sozial Schwache.
Wie ist die aktuelle Situation als Frau und Filmemacherin in Argentinien?
Dolores: Ich kann mich nicht beschweren, denn ich befinde mich in einer privilegierten Situation. Es ist nicht einmal der Durchschnitt der Realität der Argentinier, bezüglich Filmprojekte oder die zur Verfügung stehenden Mittel. Ich konnte dieses Projekt durchführen, was ein kleines Wunder ist. Aber generell habe ich keine große Hoffnung. Erst wenn wir wieder einen Regierungswechsel haben, können wir anfangen zu planen, zu träumen und an eine bessere Zukunft zu denken. In diesen Zeiten wird viel über die Zustände lamentiert. Wir müssen aber verstehen, dass auch dies vorbeigeht. Und wenn es soweit ist, müssen wir vorbereitet sein, um eine positive Entwicklung anzustoßen, im Film, in der Kultur und so weiter.
Das ist ein hoffnungsvolles Zukunftsbild. Was können Sie konkret verändern?
Dolores: Dieser Film stößt hoffentlich eine Debatte auch in anderen lateinamerikanischen Ländern an, wo Abtreibung immer noch illegal ist. Ich hoffe wirklich, dass der Film inspiriert und Mut macht. Ich fühle bei den Demonstrationen und Märschen, dass die Gesellschaft angesichts der Ungerechtigkeit aufwacht und zusammenhält.
Soledad: Ich bin Präsidentin der Stiftung „Mujeres por mujeres” (Frauen für Frauen), wir verteidigen Frauen, die seit 2012 durch Abtreibung kriminalisiert wurden. Wir repräsentieren Opfer sexueller Gewalt. Nun haben wir das Spektrum erweitert und helfen auch Frauen mit Behinderung oder transsexuellen Personen; denn man kann und sollte Frauen- und Menschenrechte nicht nur in Teilen und separat betrachten.

















