
Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs vom 4. Oktober zeigen, dass der amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und sein Mitbewerber Flávio Bolsonaro deutlich vor den übrigen Kandidaturen liegen. Bolsonaro ergatterte mit 47 Prozent der Stimmen den ersten Platz, während Lula 45 Prozent erzielte. Zwei Wochen vor der Wahl hatte die Umfrage des Instituts Datafolha zugleich gezeigt, dass beide exakt denselben Ablehnungswert aufweisen: 47 Prozent der Bevölkerung lehnen den anderen Kandidaten jeweils ab. Brasilien scheint eine Gesellschaft geworden zu sein, die gelernt hat, mit Polarisierung zu leben.
Wie ist es möglich, dass die extreme Rechte nach all dem, was zwischen 2018 und 2022 geschah, weiterhin in der Lage ist, fast die Hälfte der brasilianischen Gesellschaft für sich zu gewinnen? Was sagt das über den Bolsonarismus aus, aber auch über Lulas dritte Amtszeit und die Grenzen der progressiven Kräfte in Brasilien?
Lula kehrte 2023 mit der Aufgabe in die Präsidentschaft zurück, Institutionen und öffentliche Politiken wiederaufzubauen, die während der Jahre der Regierung Bolsonaros demontiert worden waren. Es gab konkrete Fortschritte, beispielsweise in der Wiederherstellung sozialer Politiken, eine reale Erhöhung des Mindestlohns, einen Rückgang der Arbeitslosigkeit und den Wiederaufbau staatlicher Kapazitäten. Doch eine Verbesserung der Lebensbedingungen verändern nicht zwangsläufig die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Menschen leben und arbeiten. Ein großer Teil der brasilianischen Arbeiterklasse lebt weiterhin in der Informalität, arbeitet über ausgelagerte Dienstleistungen oder Plattformen und ist mit enormer Unsicherheit konfrontiert: Menschen, die Arbeit haben, aber keine Stabilität; die Einkommen erzielen, aber nicht wissen, wie viel sie im nächsten Monat verdienen werden; die als „Unternehmer*innen“ bezeichnet werden, während unsichtbare Algorithmen ihre Arbeits- und Pausenzeiten bestimmen.
Streben nach Souveränität auf schmalem Grat
Darin liegt einer der Widersprüche des brasilianischen Progressismus: Verbesserungen bei wirtschaftlichen und sozialen Indikatoren führen nicht notwendigerweise zu einer dauerhafte politische Identifikation, wenn der Alltag weiterhin von Konkurrenz, Verschuldung und der Vorstellung geprägt ist, dass jede Person individuell einen Ausweg aus jenen Problemen finden müsse. Es genügt nicht zu sagen, dass die Beschäftigung gestiegen oder das Einkommen besser geworden ist. Wir müssen fragen: Welche Art von Arbeit? Und welche Art von Leben wird dadurch ermöglicht?
Ein weiterer Widerspruch zeigt sich bei dem, was die aktuelle Regierung ökologische Transition und nationale Souveränität nennt. Lula hat die Sprache der Industrialisierung, staatlichen Planung und technologischen Autonomie wiederaufgenommen, doch sein Streben nach Souveränität bewegt sich auf einem schmalen Grat. Während sich Brasilien als Umweltmacht präsentiert, verteidigt die Regierung die Ausweitung der Ölförderung am sogenannten Margem Equatorial (Äquatorialrand), baut große Rechenzentren und setzt auf kritische Mineralien und seltene Erden als Grundlage einer neuen Industrialisierung. Lula betont, dass Brasilien nicht weiter dazu verurteilt sein dürfe, Rohstoffe zu exportieren und Technologien mit höherer Wertschöpfung zu importieren.
Wir müssen fragen: Welche Art von Arbeit? Und welche Art von Leben wird dadurch ermöglicht?
Ähnlich widersprüchlich zeigt sich die brasilianische Handelspolitik. Lula verwandelte das EU-Mercosur-Abkommen nach mehr als zwei Jahrzehnten Verhandlungen zu einem diplomatischen Sieg seiner dritten Amtszeit. In einer Welt, die von Handelskonflikten, Protektionismus und einer wachsenden Rivalität zwischen den USA und China geprägt ist, hat die Diversifizierung der Märkte und die Erweiterung des internationalen Verhandlungsspielraums Brasiliens zweifellos eine geopolitische Bedeutung. Unklar bleibt jedoch, welche Form der internationalen Einbindung da vertieft wird.
Obwohl die Regierung Schutzklauseln ausgehandelt und Instrumente der Industriepolitik bewahrt hat, weisen Studien des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung – einer öffentlichen Bundesstiftung – auf Gewinne hin, die sich auf das Agrobusiness konzentrieren, sowie auf Risiken für wichtige Industriesektoren. Und wieder zeigt sich ein Widerspruch: Man spricht von Reindustrialisierung, während man ein Abkommen festigt, das die Spezialisierung des Landes auf den Export von Primärgütern verstärken könnte. Die Frage ist damit nicht mehr nur, ob Brasilien wachsen wird, sondern was es produzieren wird, für wen es produzieren wird und welchen Platz es in der Weltwirtschaft einnehmen will.
Die neue Rechte in Lateinamerika
Der Bolsonarismus stößt in dieses Spannungsfeld vor und zeigt dabei eine Stärke, die offenbar unterschätzt wurde. Es wäre ein Fehler, die aktuelle Kandidatur von Flávio Bolsonaro einfach als Versuch zu verstehen, das politische Kapital seines Vaters auf ihn zu übertragen. In den vergangenen Jahren hat sich in Brasilien eine politische Strömung herausgebildet, die von moralischem Konservatismus, der Ablehnung der Arbeiterpartei, dem Einfluss evangelikaler Kirchen, Diskursen über öffentliche Sicherheit und der Mobilisierung in sozialen Netzwerken geprägt ist. Hinzu kommen soziale Ressentiments und eine Art „volksnahes Unternehmertum“, das auch in prekären Lebensverhältnissen das Überleben als individuellen Verdienst deutet. Das sind unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Dimensionen, die jedoch im Bolsonarismus eine gemeinsame politische Sprache gefunden haben.
Es gibt noch eine weitere Dimension der anhaltenden Stärke des Bolsonarismus, die über die brasilianischen Grenzen hinausgeht. Der Bolsonarismus ist nicht als ausschließlich nationales Phänomen gewachsen. Er ist Teil eines transnationalen Ökosystems der neuen Rechten, das in Lateinamerika besonders stark ausgeprägt ist und in dem Narrative, Wahlstrategien, politische Beraterinnen, Medien, Influencerinnen und Methoden zur Nutzung sozialer Netzwerke zirkulieren. Milei in Argentinien, Abelardo de la Espriella in Kolumbien, Bukele in El Salvador, Noboa in Ecuador, Kast in Chile, Fujimori in Peru und der brasilianische Bolsonarismus – es sind nicht einfach isolierte nationale Ausdrucksformen derselben konservativen Welle. Es gibt konkrete Verbindungen zwischen den Akteuren: Sie lernen voneinander, teilen politische Strategien und Kommunikationsformen und tragen so zunehmend zur Konsolidierung einer regionalen Infrastruktur für politische Auseinandersetzungen bei.
Eine Demokratie muss auch zeigen, wofür sie gut ist
Und es gibt einen entscheidenden Unterschied bei den Wahlen dieses Jahr. Es geht nicht nur um zwei Kandidaten, sondern um zwei politische, soziale und territoriale Lager, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte herausgebildet und verfestigt haben. Während 2022 das Wort Demokratie eine enorme politische Kraft hatte, ist die Verteidigung der Demokratie 2026 zwar weiterhin unverzichtbar, aber vielleicht nicht mehr ausreichend. Nach vier Jahren, in denen Bolsonaro Institutionen angegriffen, die Militärdiktatur relativiert und das Wahlsystem permanent infrage gestellt hat, konnte die Wahl damals als eine relativ klare Entscheidung zwischen autoritärer Kontinuität und demokratischer Wiederherstellung dargestellt werden. Der Putschversuch im Januar 2023 zeigte, dass diese Gefahr alles andere als imaginär war. Heute ist klar: Eine Demokratie muss auch eine scheinbar einfache und zugleich zutiefst politische Frage beantworten: Demokratie wofür?
Hier zeigt sich das zentrale Dilemma Lulas – und des brasilianischen Progressismus. Seine Regierungen haben gezeigt, dass es möglich ist, Armut zu verringern, Rechte zu erweitern und das Leben der Mehrheiten zu verbessern, ohne mit den Strukturen des Kapitalismus grundlegend zu brechen. Aber reicht diese versöhnliche Politik noch aus?
Die extreme Rechte bietet falsche Antworten auf reale Probleme, verwandelt Ungleichheiten in Ressentiments und soziale Unsicherheiten in Kulturkämpfe
Während der Progressismus verspricht, die Gegenwart besser zu verwalten, hat die extreme Rechte gelernt, Affekte gegen sie zu mobilisieren. Sie bietet falsche Antworten auf reale Probleme, verwandelt Ungleichheiten in Ressentiments und soziale Unsicherheiten in Kulturkämpfe. Aber sie bietet etwas, das nicht unterschätzt werden sollte: ein Narrativ über die Welt, das ihrer Weltanschauung entspricht. Vielleicht ist es genau das, was der Linken fehlt: eine politische Imagination, die eine grundlegende Frage beantworten kann. Wenn die Welt, in der wir leben, so viel Ungerechtigkeit, Unsicherheit und Erschöpfung produziert, welche andere Welt wollen wir an ihre Stelle setzen?
Es ist wahrscheinlich, dass einige Antworten gerade dort zu finden sind, was dem Radar der „großen Politik“ fast immer entgeht: in gemeinschaftlichen Geflechten, Indigenen und Quilombola-Territorien, in Bewegungen für Wohnraum und für den Kampf um Land, in agroökologischen Projekten, selbstverwalteten Gruppen und den zahlreichen Praktiken der Gegenseitigkeit, durch die gewöhnliche Menschen versuchen, die Reproduktion des Lebens kollektiv zu sichern. In ihrer Vielfalt machen diese Erfahrungen etwas sichtbar, das Jahrzehnte des Neoliberalismus vergessen zu machen versucht haben: Ein würdiges Leben für die Mehrheiten erfordert weit mehr als gute makroökonomische Indikatoren und demokratische Diskurse.
Genau darin liegt vielleicht die große Herausforderung der brasilianischen Linken. Die extreme Rechte wahlpolitisch zu besiegen, bleibt eine entscheidende Aufgabe. Doch damit sind die Bedingungen, die sie möglich machen, noch lange nicht überwunden. Brasilien hat das bereits gelernt. Deshalb stellt uns die Wahl 2026 vor eine viel größere Frage. Es geht nicht nur darum, wer Brasilien für die nächsten vier Jahre regieren wird, sondern auch darum, ob die brasilianische Demokratie in der Lage sein wird, emanzipatorische Horizonte hervorzubringen.


