China führt 2 zu 1

„Wäre der Kampf um Einfluss in Lateinamerika ein Fußballspiel, läge China gegen die Vereinigten Staaten zur Halbzeit mit 2 zu 1 in Führung“, heißt es in einem Meinungsbeitrag der US-Nachrichtenseite Bloomberg Línea von Ende Mai. Das liege, so der Autor, insbesondere an einem anderen, ja gegensätzlichen Herangehen der chinesischen im Vergleich zur US-amerikanischen Regierung: Während Donald Trump eine „besonders strenge Version der Monroe-Doktrin“ wiederbelebe, entscheide sich die Volksrepublik „für eine langfristige Strategie, die auf Partnerschaft und Solidarität beruht“.
„Washington sollte genau mitschreiben: Drohungen erzeugen keine Loyalität.“ Diese Schlussfolgerung zeigt: Der Autor des Meinungsbeitrags hegt keine Sympathien für die chinesische Staatsführung. Ebensowenig dürfte er die ökonomischen Interessen der USA in Lateinamerika per se kritisch sehen. Der Beitrag bringt vielmehr die Meinung kapitalfreundlicher Kreise in den Vereinigten Staaten zum Ausdruck, die den Kurs der Trump-Regierung als für ihre Interessen schädlich einschätzen – und die in Lateinamerika und der Karibik, also in einer traditionell als US-Hinterhof angesehenen Region, die eigenen Felle davonschwimmen sehen.
Der Anlass für den Beitrag: Mitte Mai fand in Peking zum vierten Mal das China-CELAC-Forum statt. Während normalerweise Ministerinnen zusammenkommen, nahmen in diesem Jahr gleich drei der 33 Staatsoberhäupter der Mitgliedsländer der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) teil: Brasiliens Luiz Inácio Lula da Silva, Kolumbiens Gustavo Petro und Chiles Gabriel Boric. Auch Gastgeber Xi Jinping war persönlich bei dem Treffen anwesend.

Allein die anwesende Prominenz zeigt, welche Bedeutung die Regierungen vieler lateinamerikanischer Staaten dem Forum beimessen. Für China stellt das einen Erfolg dar, besonders in Zeiten der sich zuspitzenden Rivalität um Handelsmärkte und Einfluss mit den USA. Das Signal, das von dem Treffen ausgeht: Die Volksrepublik ist keineswegs isoliert, vielmehr ist das Interesse an einer Vertiefung der Beziehungen zu China in vielen Teilen der Welt groß – auch als Alternative zu den Vereinigten Staaten.

„Xi verkündete neue Kreditlinien in Höhe von mehr als acht Milliarden Euro”

Die Funktion, die Abhängigkeit vom „großen Nachbarn“ im Norden zu schmälern, hat China für viele Länder Lateinamerikas bereits heute. Auch wenn in der Region insgesamt weiter die USA der wichtigste Handelspartner sind, konnte die Volksrepublik in den vergangenen Jahrzehnten aufholen. Laut der chinesischen Regierung betrug das Handelsvolumen mit den CELAC-Staaten im vergangenen Jahr 518,4 Milliarden US-Dollar. Das ist rund 40 Mal mehr als noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Für die Volkswirtschaften von Brasilien, Chile, Uruguay oder Peru ist China schon jetzt wichtigster Handelspartner. Es ist wahrscheinlich, dass das Volumen auch in diesem Jahr ansteigen wird. In seiner Eröffnungsrede bot Xi den CELAC-Vertreterinnen an, „im Angesicht der geopolitischen Turbulenzen“ und des „zunehmenden Gegenwinds aus Unilateralismus und Protektionismus“ noch enger zusammenzuarbeiten. Zugleich verkündete er neue Kreditlinien in Höhe von umgerechnet rund 8,25 Milliarden Euro. Die Volksrepublik wolle außerdem die Importe aus der Region erhöhen und chinesische Unternehmen zu mehr Investitionen ermutigen, so Xi weiter.
Das kommt vor allem bei den als progressiv geltenden Regierungen der Region gut an. So erklärte der kolumbianische Präsident Petro, der derzeit den Vorsitz der CELAC-Staatengemeinschaft innehat, die Menschheit stehe vor dem Dilemma „kooperieren oder untergehen“. Die Welt sei von „Fragmentierung, geopolitischen Spannungen, Kriegen, Umweltzerstörung und Ungleichheit geprägt“. Daher müsse die CELAC mit allen sprechen, „horizontal, nicht vertikal“, und „frei von Autoritarismus und Imperialismus“. Sein chilenischer Amtskollege Boric sagte, es sei „jetzt an der Zeit, einen qualitativen Sprung in den Wirtschaftsbeziehungen mit China zu machen“. Gleichzeitig betonte er: „Wir wollen uns nicht für den einen oder anderen (Handelspartner) entscheiden müssen.“
Ein wichtiges Instrument für die Integration lateinamerikanischer Länder in die Handelsbeziehungen ist für China auch die sogenannte Neue Seidenstraße. Das Megainfrastrukturprojekt, das offiziell „One Belt, One Road Initiative“ heißt, war 2013 von Xi ins Leben gerufen worden. Heute sind mehr als 150 Länder Teil der Initiative, in deren Rahmen China weltweit in Infrastrukturprojekte wie Häfen, Bahnlinien und Flughäfen investiert, 20 allein in Lateinamerika und der Karibik. Ziel ist eine Förderung von Handel und Austausch zwischen den verschiedenen Weltregionen. Kritiker*innen monieren so entstehende Abhängigkeiten und warnen davor, China sei insbesondere an Rohstoffen und weniger an verarbeiteten Produkten interessiert.
Andere sehen das offensichtlich anders: Am Rande des China-CELAC-Treffens unterzeichnete Petro gemeinsam mit seiner Außenministerin Laura Sarabia ein Abkommen, das den Beitritt Kolumbiens zur „Neuen Seidenstraße“ vorsieht. Das Ministerium erklärte im Anschluss auf X, der Schritt sei „historisch“, da er „neue Möglichkeiten für Investitionen, technologische Zusammenarbeit und nachhaltige Entwicklung“ eröffne. Der kolumbianische Präsident erklärte: „Von nun an geht Kolumbien mit der gesamten Welt Beziehungen auf Basis der Gleichheit und Freiheit ein.“


Die US-Regierung zeigt sich über Kolumbiens Kurswechsel nicht erfreut”


Die US-Regierung hingegen zeigte sich nicht erfreut. So bezeichnete ein Sprecher des Außenministeriums in Washington die Entscheidung gegenüber der kolumbianischen Tageszeitung El Tiempo als „enttäuschend und kontraproduktiv“. Weiter hieß es: „Petro läuft mit dieser Maßnahme Gefahr, Kolumbien noch weiter von unseren Partnern in Lateinamerika zu entfernen, die sich aus den Fesseln der Kommunistischen Partei Chinas befreien.“ Bereits zuvor hatte der Sondergesandte für Lateinamerika von Trump, Mauricio Claver Carone gedroht, den Import von Kaffee und Blumen – zwei der wichtigsten Exportprodukte des Landes – einzustellen, falls sich Bogotá der Neuen Seidenstraße anschließen sollte.
Solche Töne sind es, die manche lateinamerikanische Regierung – so der Meinungsbeitrag in Bloomberg Línea – eher von den USA weg als zu ihnen hintreiben. Sie können als Zeichen dafür verstanden werden, dass Trump und Co. eine verschärfte Form der Monroe-Doktrin verfolgen. Vor mehr als 200 Jahren hatte der damalige US-Präsident James Monroe die Parole „Amerika den Amerikanern“ ausgegeben. Der Doppelkontinent sollte alleinige Einflusssphäre der USA sein – ohne die europäischen Kolonialmächte.
Heute richtet sich die Monroe-Doktrin hingegen in erster Linie gegen die Aktivitäten Chinas in Lateinamerika. Dass es die Trump-Regierung ernst meint, hat sie bereits in den ersten Monaten im Amt gezeigt – so mit den Invasionsdrohungen gegen Kanada, der Verhängung hoher Zölle gegen lateinamerikanische Staaten oder dem Eskalationskurs gegen unliebsame Regierungen wie die Kubas oder Venezuelas. Trotzdem ist mindestens fraglich, ob sie mit dem Kurs erfolgreich sein wird.


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Aufbau einer Wirtschaftsweise von unten

Paul Singer. Visionär der Solidatischen Ökonomie (Foto: Caroline Ferraz)

„Paul Singer handelte stets als politischer Weltbürger. Er hegte und lebte die Hoffnung auf eine humanitäre Gesellschaft und solidarische Wirtschaft und wusste andere mit dieser Hoffnung anzustecken“ (LN 527, S. 39 – 41). Das schrieben wir im April 2018 in einem Nachruf. Der brasilianische Soziologe und Ökonom war der Begründer einer solidarischen und selbstverwalteten Wirtschaftsform, der Solidarischen Ökonomie. Heute können wir berichten, wie in seinem Sinne Personen und Institutionen ein breites Bildungsprogramm von unten aufbauen. Die Verabschiedung eines Gesetzes zur Solidarischen Ökonomie und der Start eines breiten Ausbildungsprogramms für Agentinnen Solidarischer Ökonomie in allen Landesteilen stellen jetzt einen wichtigen Beitrag für selbstbestimmte Prozesse demokratischen Aufbaus eigener Unternehmen.

„Eine Revolution der Bildung“

Paul Singer erklärte 2013: „für mich ist die Demokratie die größte Errungenschaft der Menschheit. Ich setze mich für eine demokratische Form des Wirtschaftens ein, die Solidarische Ökonomie.“ Er sieht den Ursprung der Solidarischen Ökonomie nicht nur in der Industriellen Revolution, sondern als festen Bestandteil der Praxis Indigener Völker seit jeher. Es gehe heute um die Wiedererlangung der Menschenwürde für unsere Mitbürgerinnen, die nicht integriert worden seien, das heißt um die demokratische Revolution. Der Kampf darum ende nie, und demokratische Erfindungen seien Ergebnisse dieses Kampfes. Für den Soziologen bedeuten diese demokratischen Erfindungen eine Revolution der Bildung, der Psychologie und Psychiatrie für die öffentliche Gesundheit, aber auch eine wirtschaftliche Revolution.
Paul Singer, der Ende der 80er Planungssenator der Millionenstadt São Paulo war, wurde von der Arbeitsgruppe „Solidarische Ökonomie“ des Weltsozialforums 2002 beauftragt, diese Arbeit zu leiten. Die Errichtung eines Nationalen Sekretariats für Solidarische Ökonomie (SENAES) im Ministerium für Arbeit und Beschäftigung war damals Teil des Wahlversprechens von Lula da Silva.

„Neue solidarische Lebensphilosophie”

Der heutige Staatssekretär für Volks- und Solidarökonomie Gilberto Carvalho sieht als Grund der Ausbreitung von solidarischen Vereinigungen die Beschäftigungskrise der 1990er Jahre. „Landesweit entstanden viele Vereinigungen, auch informelle auf dem Land, vor allem in bäuerlichen Familienbetrieben und Genossenschaften. Die Menschen erkannten, dass sie bessere Arbeits- und Einkommensbedingungen haben, wenn sie sich zusammenschließen, inspiriert von dem alten Prinzip des selbstverwalteten Sozialismus“, erklärt er.
Die Prinzipien der Solidarischen Ökonomie beruhen auf demokratischen Prozessen, Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Selbstverwal­tung und gleichmäßiger Verteilung von Gewinnen und Einkommen. Die Überschüsse werden in andere Unternehmen derselben Art investiert. „Es handelt sich nicht nur um eine Wirtschaftsweise, sondern um eine Lebenskultur, in der eine neue Produktionsweise kultiviert wird, bei der die Arbeiter die Produktionsmittel besitzen, mehr Respekt für das Land und Respekt für den Planeten haben.“, so Carvalho. In der Solidarischen Ökonomie seien Produzentinnen, Konsumentinnen und diejenigen, die kommerzialisieren, gleichberechtigt und folgten dem Grundsatz, dass Konsum nicht zur Zerstörung des Planeten beitragen dürfe.

Gilberto Carvalho. Secretário Nacional de Economia Popular e Solidária MTE (Foto: Caroline Ferraz)

„Ein Rechtsrahmen in kommunaler und nationaler Politik”


Am 3. Dezember 2024 berichtet Gilberto Carvalho im brasilianischen Radio canal gov/ A Voz do Brasil (Die Stimme Brasiliens) von dem Ausbildungsprogramm Solidarische Ökonomie Paul Singer, das darauf abzielt, neue Kräfte für die Solidarische Ökonomie an der Basis zu gewinnen. „Wir gehen also voran, indem wir jetzt, 2024, 500 Agenten der Solidarischen Ökonomie einstellen und Anfang 2025 weitere 500“, kommentiert er. Diese Agentinnen sollen nun an der Basis arbeiten, um das Entstehen neuer Unternehmen im Sinne der Solidarischen Ökonomie anzuregen. Bereits über 9000 Personen aus allen Landesteilen haben sich für diese Aufgabe beworben. Im Juli 2021 wurde vom Stadtrat von São Paulo das „Paul-Singer Gesetz“ verabschiedet, um eine Rahmenregelung für die Solidarische Ökonomie auf kommunaler Ebene zu schaffen. Drei Jahre später, im Dezember 2024, unterzeichnet Präsident Lula da Silva ein Gesetz zur Schaffung der Nationalen Politik der Solidarischen Ökonomie (PNES) mit den Worten „Dies ist in der Tat eine wohlverdiente Ehrung, denn es hat in Brasilien noch nie jemanden gegeben, der sich besser um die Solidarische Ökonomie gekümmert hat als Paul Singer“. Der Soziologie und Ökonom wurde durch seinen zwei jahrzehntelangen Einsatz für Solidarische Ökonomie zu einer nationalen und internationalen Referenz auf dem Gebiet.

„Der Staat im Dienste der gesellschaftlichen Selbstbestimmung “

Die Kartierung der solidarischen Wirtschafts­unternehmen wurde 2003 durch das SENAES begonnen, nun wird diese Kartierung weitergeführt. Die so geschaffene Datenbasis ist für die einzelnen Unternehmen und ihre Regionen sowie für das Nationale Forum Solidarischer Ökonomie eine aktualisierte Grundlage, auf der sie den Aufbau solidarischer Ökonomie auswerten und nun auch in Zukunft ihre Strategien beschließen können. 2003 begann ein kleines Team des SENAES mit der Arbeit, indem es sich zunächst auf die am stärksten ausgegrenzten Gruppen wie die Müllsammlerinnen (catadores de lixo), Arbeiterinnen in psychiatrischen Kranken­häusern oder in Gefängnissen konzentrierte. Außerdem hatten Gewerkschaftsmitglieder in einem dafür gegründeten Verein begonnen Arbeiterinnen insolventer Unternehmen zu beraten. Soweit sie daran Interesse hatten, konnten sie über längere Zeit mit Hilfe des Vereins lernen, wie sie ihre Unternehmen unter eigener Leitung als Unternehmen der Solidarischen Ökonomie weiterführen können. Heute führt die Genossenschaftszentrale UNISOL diese Arbeit durch. In den folgenden Jahren entstanden Innovationsberatungs­stellen (Inkubatoren) für die Gründung solidarischer Unternehmen an über 100 Universitäten, um Personengruppen zu unterstützen, die selbstverwaltete Unternehmen in den Regionen gründen wollten. In den Bundesstaaten und Gemeinden werden Räte für Solidarische Ökonomie gegründet, die die Verantwortung für ihre Territorien übernehmen und sich um die Konsolidierung anderer Produktions-, Konsum-, Handels- und Finanzierungsformen bemühen. Diese Entwicklungen sind der Gegenstand demokratischer Transformationen. Das Problem des ungleichen Kampfes gegen die großen nationalen und internationalen kapitalistischen Interessen erfordert es, auf dem Weg der Demokratisierung und der Konsolidierung eines Rechtsstaates voranzuschreiten, der sowohl die Selbstverwaltung seiner Bürger*innen als auch seine Territorien entsprechend der Natur ihrer Ökosysteme entschlossen verteidigt.


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Kollektive Hilfe statt kolonialer Logik

Foto: Paula Gil Larruscahim

Zwei Tage später wurde der Regen zur Sintflut. Die Überschwemmungen und Sturzfluten betrafen den gesamten Bundesstaat inklusive der Hauptstadt Porto Alegre. Sechs Tage lang wurde ein Durchschnitt von 500 bis 700 mm Regen registriert. In einigen Regionen fiel innerhalb dieser wenigen Tage 1000 mm Regen, was 30% der üblichen Regenmenge eines ganzen Jahres entspricht. Am 1. Mai waren schon mehr als 100 Gemeinden betroffen. Die Überschwemmungen betrafen mindestens 298 Gemeinden, also mehr als 90% des Bundesstaats und eine Fläche so groß wie das Vereinigte Königreich. Fast 600.000 Menschen wurden vertrieben und 179 Personen starben (siehe LN 600).
Der Bundesstaat Rio Grande do Sul ist weithin für seine Agrarwirtschaft bekannt und produziert insbesondere Soja für den Export. Wichtige Biome (bezeichnet die Lebensgemeinschaft von Tieren und Pflanzen in einem größeren geographischen Raum, Anm. d. Red.) wie die Pampa und der Cerrado wurden durch die Plantagenwirtschaft zerstört und in regelrechte grüne Wüsten verwandelt. In der Vergangenheit war der Fokus der Regierungen und Produzentinnen nicht die Bewahrung der Natur, sondern ihre maximale Ausbeutung.

MapBiomas zufolge hatten im vergangenen Jahr 97% der Umweltzerstörung die Expansion der Agrarwirtschaft zum Ziel. In einer Satellitenbildanalyse zeigt die Organisation zudem auf, dass die landwirtschaftlichen Produktionsflächen am heftigsten von den Überschwemmungen getroffen wurden. Der Lokalpolitiker Eduardo Leite, entschiedener Vertreter ultraneoliberaler Politik, sieht darüber hinaus in den Unternehmerinnen und Produzentinnen der Agrarwirtschaft das größte Entwicklungspotenzial von Rio Grande do Sul. Der Umbau von Landschaft und Städten nach den Bedürfnissen der Agrarwirtschaft schaffte die Bedingungen für die katastrophale Flut im Jahr 2024.

Fast 200 Menschen und an die 20.000 Tiere, Wildtiere und Nutztiere, starben. Während die obere Mittelklasse von Porto Alegre ins Auto stieg und in ihre Häuser an der Küste floh, verloren tausende Menschen alles: ihre Häuser, Besitztümer, Erinnerungen und soziales Umfeld. Der größte Teil der durch die Überschwemmungen zerstörten Häuser wurde von Schwarzen, armen Frauen bewohnt. Eine Studie von Datafolha in den von den Überschwemmungen betroffenen Städten zeigt, dass fast die Hälfte der Familien mit einem Einkommen in Höhe von weniger als oder äquivalent zu zwei Mindestlöhnen angab, ihr Haus, Möbel, Haushaltsgeräte oder ihre Existenzgrundlage verloren zu haben. Im Gegensatz dazu trifft dies nur auf 13% der Familien zu, die fünf bis zehn Mindestlöhne verdienen, zu. Frauen, Kinder und Schwarze Personen sind in den unteren Klassen überrepräsentiert, sodass sie am häufigsten betroffen waren.

Die Indigenen Völker hingegen hatten noch andere Sorgen als den Verlust materieller Besitztümer. 8.000 Familien waren betroffen, von denen einige in Gebieten lebten, die noch nicht abgegrenzt und staatlich zugesichert waren. Ein Beispiel ist die Gemeinschaft der Guarani Aracaty, die seit über 40 Jahren in einem etwa 60 Kilometer von Porto Alegre entfernten Territorium lebt. Sie waren nicht bereit, das Gebiet zu verlassen und sich in die Schutzräume zu begeben, da sie Gefahr liefen, ihr Land durch ihr Weggehen zu verlieren: Das Guaraní-Dorf Tekoa Pekuruty wurde von der nationalen Behörde für Infrastruktur und Verkehr (Dnit) zerstört, während die Gemeinschaft sich in einem Schutzraum in Sicherheit brachte, die Gemeinde wurde in ein anderes Gebiet umgesiedelt. Die Indigenen Völker befürchteten entsprechend, dass die Überschwemmungen als Vorwand benutzt werden, um ihr Land für zerstörerische Projekte wie den Bergbau in Beschlag zu nehmen.

Während die Politik unzureichende Maßnahmen im Schneckentempo entwickelt, reagierte die lokale Zivilgesellschaft schon während das Wasser den Bundesstaat Rio Grande do Sul noch überschwemmt hatte und begann sofort mit der Rettung und Unterbringung von Menschen und Tieren. Es wurden Geld- und Sachspenden gesammelt, die für die Versorgung der improvisierten Unterkünfte benötigt wurden. Im ganzen Land nahmen Menschen an Hilfs- und Solidaritätsaktionen für die Betroffenen teil.

Inmitten der Solidarität versuchte die extreme Rechte, die Tragödie zu nutzen und daraus Kapital zu schlagen. In den sozialen Netzwerken der Rechtsextremer hieß es, Präsident Lula habe absichtlich die Öffnung der Schleusen des Flusses Guaíba angeordnet, um den Bundesstaat Rio Grande do Sul finanziell zu schädigen. Außerdem verhindere die Bundesregierung die Überweisung von Spenden aus anderen Teilen des Landes, da bekannt sei, dass der Präsident den Bundesstaat hasse, so die verbreiteten Gerüchte.

Foto: Paula Gil Larruscahim

Gegenseitige Hilfe angesichts mangelnder politischer Antworten

Das Motto „das Volk für das Volk“ – die Idee, dass der Staat, sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene, ineffizient und in gewisser Weise unnötig ist – tauchte in diesem Zusammenhang in rechtsextremen sozialen Netzwerken auf. Die Bewegung der Solidarität und gegenseitigen Hilfe wurde kooptiert und in eine Allegorie der These vom Minimalstaat und der Effizienz der bolsonaristischen Unternehmerinnenklasse in der Lösung sozialer und ökologischer Probleme umgewandelt. Außerdem wurde versucht, Klimawandelleugnende Erklärungen für die Katastrophe im Diskurs zu verankern.


Doch trotz der enormen Anstrengungen der extremen Rechten, ergab eine Meinungsumfrage von ProQuaest, dass sieben von zehn Brasilianerinnen glauben, dass die Überschwemmungen in Rio Grande do Sul in direktem Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen. Dies zeigt, dass die Klimaleugnung in der Unmittelbarkeit und Fassbarkeit der Katastrophe und damit auch der Identifikation mit ihr eine Grenze findet. Auch die Wissenschaft hat dazu ihren Teil beigetragen: Eine vom Imperial College London veröffentlichte Studie hat im Fall der Überschwemmungen im Süden Brasiliens ergeben, dass das Klimaphänomen El Niño zwar ein wichtiger Faktor für die weit über dem Durchschnitt liegenden Niederschläge in diesem Zeitraum war, dass aber der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines solchen verheerenden Ereignisses in diesem Zeitraum um mindestens das Doppelte erhöht hat.

Koloniale Logik der Wiedergutmachung

Neben den durch die Verstärkung von El Niño verursachten Veränderungen des Niederschlags, trug zudem die neoliberale Politik des Staates direkt zu der Tragödie bei, insbesondere in der Hauptstadt. Wegen unzureichender Wartung gab das Schleusensystem, das bis zu sechs Meter Wasser fassen sollte, bei einem Pegelstand von 4,6 Metern nach. Die Wasserversorgung der Bevölkerung von Porto Alegre war mehrere Tage lang unterbrochen, was auch auf fehlende öffentliche Investitionen in das städtische Wasser- und Abwasseramt, ein kommunales öffentliches Unternehmen, zurückzuführen ist. Die Beschäftigten des Unternehmens prangern seit mehreren Jahren den Personalabbau, das Fehlen von Ausschreibungen für die Neubesetzung der Stellen derjenigen, die in den Ruhestand gehen, und die mangelnden Investitionen in die Liquiditätssicherung aufgrund der Privatisierungsagenda der lokalen Regierung an.

Ein Jahr nach der größten Klimakatastrophe, die den Bundesstaat Rio Grande do Sul heimgesucht hat, gibt es neben den erschreckenden Zahlen der Tragödie – 2,3 Millionen Betroffene, 183 Tote, 27 Vermisste, fast 100.000 Obdachlose und fast 700.000 Vertriebene – ein kollektives Trauma zu verarbeiten und weiterhin konkrete Schäden zu beheben.

Laut der Bewegung der von Staudämmen betroffenen Personen ist es für die Betroffenen nach wie vor eine Herausforderung, als solche anerkannt zu werden, da die Kriterien für den Zugang zu den Wiedergutmachungsprogrammen der Regierung auf diejenigen Personen beschränkt sind, die materielle Schäden erlitten haben.

Diese Logik ignoriert zudem andere subjektive und koloniale Dimensionen von Umweltschäden, wie etwa die Auswirkungen auf Tiere, Pflanzen, Wälder und ganze Ökosysteme, die über den Menschen hinausgehen. Obwohl sie für das Überleben der Menschheit und das Gleichgewicht des Planeten von grundlegender Bedeutung sind, werden andere Lebewesen in den Wiedergutmachungsplänen nach Katastrophen weiterhin ignoriert. Dieser Speziesismus trägt dazu bei, dass Tiere und Ökosysteme nicht als Opfer anerkannt werden und sowohl ihre Existenz als auch ihr Leiden ignoriert werden.

Eine im Juni 2024 veröffentlichte Umfrage ergab, dass drei von zehn Einwohnerinnen von Rio Grande do Sul beabsichtigen, an sicherere Orte zu ziehen, und dass 80 Prozent von ihnen weitere Tragödien dieser Art aufgrund des Klimawandels befürchten. All dies zeigt, dass einerseits das Bewusstsein der Bevölkerung für Umwelt- und Klimaprobleme zunimmt und andererseits die Behörden völlig unvorbereitet – um nicht zu sagen bewusst fahrlässig – sind, wenn es darum geht, kurz-, mittel- und langfristige Präventivmaßnahmen zu ergreifen.
Die Überwindung der auf Monokulturen basierenden Wirtschaft für den Export von Rohstoffen und fossilen Brennstoffen sowie die Erhaltung der Biome und der Kulturen, die sie schützen, sind nur einige Wege, um aktive Hoffnung zu kultivieren. Ohne die Erarbeitung von Mechanismen zur Beteiligung der verschiedenen Völker, aus denen sich die brasilianische Bevölkerung zusammensetzt, an der Ausarbeitung von Maßnahmen, die die moderne Trennung zwischen Natur und Kultur überwinden, werden sich die katastrophalen Ereignisse jedoch häufen.


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Momentaufnahme einer verstörenden Welt

Foto: Steve Jurveston via Flickr (CC BY-SA)

Menschliche Geschichten wollen erzählt werden, und zwar mit einer Perspektive, die nicht nur das versteinerte Bild eines Augenblicks einfängt, sondern sie in ihrer komplexen Tiefe wahrnimmt. Es ist diese Tiefe, die Sebastião Salgado (8. Februar 1944 – 23. Mai 2025) in seiner Arbeit als Fotograf anstrebte. Er ging über die Technik hinaus und fokussierte dabei nicht nur in Bezug auf das Objektiv, sondern auch in Bezug auf die in einem Moment und an einem Ort spezifisch dargestellte Kultur, um in seinen Werken zugleich das alle verbindende, menschliche *Element aufzuzeigen.
Salgado wurde in Aimorés, einer Gemeinde im brasiliniaschen Bundesstaat Minas Gerais, geboren. Vielleicht hat die Bedeutungsschwere dieser Gegend, die so reich und zentral für die Geschichte und die Widersprüche Lateinamerikas ist, die kritische Tendenz und Sensibilität geprägt, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen. Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften in São Paulo schloss er sein Studium nach dem Militärputsch in Brasilien (1964) in den USA und Paris ab. Erst 1973 beschloss er, sich vollständig der Fotografie zu widmen.
Im Exil begann Salgado mit der Entwicklung seines ersten großen Werks: Otras Américas, das 1986 erstveröffentlicht wurde. Das Buch porträtiert in 46 Schwarzweißbildern bäuerliche und Indigene Kulturen anhand von Fotografien, die zwischen 1977 und 1984 in Mexiko und Brasilien entstanden sind. Der Bildband erforscht die lateinamerikanischen Ungleichheiten und Widerstände aus einer subalternen Perspektive; aus einer Position, die die Spannungen, die in der Gesellschaft herrschen, mit Rohheit und Schönheit darstellt.
Nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1979 kehrte er nach Brasilien zurück. Von jenem Zeitpunkt an begann er eine Arbeit, die Geschichten dokumentierte, die die Auswirkungen groß angelegter produktiver Aktivitäten und das Leid der am stärksten verdrängten Klassen der lateinamerikanischen Gesellschaft zeigen. Seine Fotografien hielten Momente wie die größte Besetzung der Landlosenbewegung in Rio Bonito do Iguaçu (Paraná) oder die Särge der Ermordeten in Eldorado do Carajás (Pará) fest. Mit seinem eigenen ästhetischen Stil und einer fotografischen Ethik in Schwarzweißbildern, die das hervorhebt, was das Auge oft nicht sehen will, konzentrierte er sich auf die Auswirkungen, die Arbeit und Vertrei­bung auf den menschlichen Körper haben.
Aus einer allgemeinen Perspektive kann sein gesamtes Werk als fotografisches Manifest gelesen werden, das zu einer politischen Ökologie aufruft, die den humanitären Anforderungen unserer Zeit entspricht. Salgados Werk hinterlässt uns ein bedeutsames Vermächtnis und den Anstoß, sowohl in ästhetischer als auch in ethischer Hinsicht, „zu begreifen was passiert und betroffen zu sein“, wie er selbst sagte, um eine Lebensweise zu wagen, die Werte wie Pluralität, eine respektvolle Koexistenz mit der Natur und die menschliche Würde anerkennt.


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Lyrik aus Lateinamerika

Silêncio

Língua das coisas

Mas também: língua de se falar
com as coisas
e com as próprias palabras

O nome das coisas
quando não falamos delas

Único modo que têm os mortos
de cantar

O que há entre uma xícara e outra xícara
entre uma pedra e uma rosa
entre Vênus e uma cadeira

O modo como soa
uma palavra
riscada

Toda fala nasce com a cicatriz do silêncio,
que foi quebrado

Não há palavra que não seja marcada pelo silêncio
como camisas que secaram
presas ao varal

Por outro lado, frequentemente o silêncio
vem manchado por uma palavra
como um espelho sujo

A forma mais próxima do silêncio é o círculo:
forma geométrica da espera

O rastro que deixou
o animal que não passou

É este o meu nome
quando não me chamas

Cover von Streich dieses Wort / Risque esta palavra (Hagebutte Verlag)

Stille

Sprache der Dinge

Doch auch: Sprache, um mit den Dingen
zu sprechen
und das mit eigenen Worten

Der Name der Dinge
wenn wir nicht über sie sprechen

Der einzige Weg für die Toten
zu singen

Was zwischen einer Tasse und einer anderen Tasse ist
zwischen Stein und Rose
zwischen Venus und einem Stuhl

So wie ein Wort
klingt
das gestrichen wird

Alles Gesprochene kommt mit der Narbe
einer gebrochenen Stille zur Welt

Kein Wort ist nicht von der Stille geprägt
so wie Hemden, die an der Leine
getrocknet sind

Andererseits kommt nicht selten die Stille
befleckt durch ein Wort daher
wie ein schmutziger Spiegel

Die Form, die der Stille am nächsten kommt, ist der Kreis:
geometrischer Ausdruck des Wartens

Die Spur, die ein Tier hinterließ
das nicht da war

Genau das ist mein Name
wenn du nicht nach mir rufst


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„UM GANHO PARA ALÉM DO BRASIL“

Für die deutschsprachige Version hier klicken.

No Brasil, mulheres negras são, com 28 % da população, o maior grupo demográfico do país. Porém, depois da última eleição de 2018, elas ocupavam menos de 2% de cadeiras no congresso nacional. A questão da representatividade melhorou depois dessa eleição?
Não tivemos grandes mudanças. Passamos de 2,3% para 2,5%. Então ainda estamos no mesmo patamar. Nessas eleições, apesar de muitas mulheres negras terem sido eleitas, não são todas comprometidas com a agenda anti racista. Muitas vezes são asociadas com partidos de direita, são Bolsonaristas. Isso pode ser explicado com o fato que houve uma mudança na legislação eleitoral para impulsionar essas candidaturas de pessoas negras, os partidos se aproveitarem dessas regras e assim conseguirem mais recursos para o financiamento de campanhas.

Nessa eleição, o Mulheres Negras Decidem apoiou 27 mulheres negras com uma agenda políticaprogressista nas suas candidaturas, uma em cada estado brasileiro e também no Distrito Federal. Essas mulheres conseguiram se eleger?
Tivemos bons resultados, muitas delas receberam muitos votos. Mas das 27, infelizmente só duas foram eleitas, a Laura Sito do PT e a Camila Valadão do PSOL. Como mulher jovem negra, a Laura por exemplo conseguiu mais de 30.000 votos na eleição para a Assembleia Estadual no Rio Grande do Sul, um estado que historicamente tem muitas questões com racismo.

Vocês estão satisfeitas com esse resultado?
Em termos de quantidade de candidatas que foram eleitas é bem abaixo do que era esperado, considerando toda mobilização de centenas de grupos que apoiaram candidaturas negras. Mas as candidatas apoiadas pelos movimentos que se elegerem são pessoas que chegarão na próxima legislatura muito fortalecidas e com um apoio da sociedade civil. Elas vão precisar reverter alguns dos atrasos que foram aprovados em termos de legislação no governo Bolsonaro. Elas chegam muito fortes nesse sentido mesmo se não são tantas como nós queríamos. Nunca existiu uma mobilização tão forte quanto nessas eleições.

Como você se explica que a mobilização foi maior esse ano?
A sociedade brasileira se deu conta de que transformações sociais profundas só são possíveis fazendo política. O jeito com que Bolsonaro lidou com a pandemia mostrou a desigualdade no acesso de direitos que existe no Brasil. Isso mostrou a urgência de ter representantes com um perfil mais popular para atender as demandas da maioria da população.

Porque é necessário apoiar candidaturas de mulheres negras? 
São mulheres que têm perfis políticos muito fora do comum, de movimentos sociais de base, de religiões de matriz africana, mulheres quilombolas. Para essas mulheres não é fácil participar de uma disputa, primeiro dentro dos partidos e depois na campanha política em si. Porque os projetos políticos delas se preocupam com o aprofundamento da democracia e questionam o poder como ele está estabelecido. Então elas são muito atacadas. Ao mesmo tempo, votar nelas é uma coisa boa para todo mundo porque uma vez eleitas, elas produzem políticas públicas que são do interesse de todos.

Você pode dar um exemplo?
Um exemplo seria a recém eleita Deputada Estadual Laura Sito que defende agendas consideradas prioritárias pelos eleitores no Brasil, como a educação. Mas a Laura fala de uma educação inclusiva, anti racista e emancipadora. 

Como você está se sentindo depois do suspense que era o segundo turno da eleição?
Estou menos preocupada do que estava antes do segundo turno. As forças armadas não estão tão dispostas contra a democracia e a constituição como nós imaginávamos. As instituições reconheceram o resultado e os protestos golpistas têm sido condenados não só pelo TSE mas também pelo STF, pelo Congresso e também pelamídia. Vencemos a etapa institucional mas me preocupo com o reconhecimento pela população. Temos uma quantidade significativa de pessoas nas ruas defendendo atos golpistas e antidemocráticos. É uma disputa de mais longo prazo que depende das lideranças democráticas fortes nas assembléias regionais e no Congresso, de movimentos de base fortes para a politização das novas gerações e a recuperação do debate público das questões do dia a dia. 

Isso significa que o Bolsonarismo vai permanecer?
A extrema direita cresceu e se organizou durante o governo Bolsonaro. Mas ela vai bem além do Bolsonaro e da família dele, como também dos seus apoiadores políticos. Essas ideias autoritárias são uma questão global que encontrou um terreno muito fertil no Brasil.

Os governadores que foram eleitos em São Paulo, Minas Gerais e Rio de Janeiro estão bem próximos aBolsonaro. Isso dificulta o trabalho de movimentos e grupos sociais como o Mulheres Negras Decidem?
Nesses estados os movimentos já têm muita força, estrutura e recursos. O nosso desafio continua sendo principalmente em regiões nordestinas, norte e principalmente no Centro Oeste onde as estruturas são mais fragilizadas. 

Como os 51% dos brasileiros que foram votar e votaram no Lula deveriam lidar com os 49% das pessoas que votarem no Bolsonaro?
Isso será um grande desafio. O Presidente eleito Lula tem esse perfil de união e reconciliação, mas ele precisará muito da ajuda dos movimentos sociais para recuperar esse tecido social e promover unidade no Brasil. Quem apoia o Bolsonaro entende a importância da política também. Mas seus eleitores acreditam que existe uma luta do bem contra o mal. A questão agora é trabalhar para que essa compreensão seja desfeita. Trazer essas pessoas de volta para o debate sobre a realidade concreta que é uma dificuldade não só para os 49% mas para todo mundo. A realidade do brasileiro em média é de muita precariedade. Quanto mais cedo a gente conseguir voltar a discutir questões práticas do nosso dia a dia, para melhorar a situação de todo mundo, mais facilmente vamos conseguir lidar com essas diferenças.

O Presidente-eleito Lula precisará do apoio dos movimentos sociais. Vários grupos apoiaram a campanha dele, mas falam que vão virar oposição no momento em que ele tomará posse. Como seu governo poderia dar certo então?
No primeiro ano, os movimentos de base que apoiarem o Lula vão estar muito junto do governo. Vai ser um ano de reconhecimento do tamanho dos estragos que aconteceram e de planejar estratégias para reconstrução. Agora tudo vai depender muito de como vai ficar a configuração desse novo governo. Já saíram críticas sobre a configuração do grupo que está fazendo a transição do governo. Há poucas mulheres, não há pessoas negras. Ainda faltam alguns meses até o Lula anunciar os ministros. Será importante incluir mulheres, negros e indígenas. Isso aumentaria as possibilidades da cooperação entre governo e sociedade civil.

Quais são as suas expectativas para o novo governo Lula?
Essa questão da composição ministerial com muitas mulheres. Em cima disso, será importante, principalmente nos orgãos que cuidam da questão do enfrentamento do racismo, que ele coloque pessoas com perfil alinhado a agenda histórica dos movimentos negros. O Lula tem que escutar essas as sugestões que está recebendo para os cargos de confiança, como por exemplo, a Deputada Erica Malunguinho, uma mulher negra trans, para a Secretaria de Promoção da Igualdade Racial ou para a Fundação Palmares.

Qual foi o papel das mulheres nessas eleições?
Elas tinham um papel principalmente no trabalho de base. O número das abstenções diminui no segundo turno e as mulheres tiveram um papel muito importante nessa decisão de outras pessoas da família irem votar. Graças a elas o Lula também mudou o foco na campanha e falou mais sobre o futuro, oportunidades para os jovens. Esse grupo, entre 18 e 35 anos, estava muito em dúvida se era para votar no Lula ou Bolsonaro, mas votaram no Lula no segundo turno.

Também teve quase um quarto da população com direito a voto que não votou, votou nulo ou branco. Isso sinaliza que a democracia brasileira está em crise?
É um reflexo da crise de representatividade e de confiança nas instituições que está acontecendo pelo menos nos últimos dez anos. Uma parcela grande está desacreditada de qualquer possibilidade de mudança e uma outra é impossibilitada de participar do processo político porque está em situação de grande vulnerabilidade. 

Qual será o efeito dessa eleição no âmbito global?
Com a volta do governo Lula conseguimos recuperar questões que são de política global, especialmente em relação a região amazônica, mas também em saúde, direitos humanos e mediação de conflitos que são agendas que o Brasil liderava. Isso é um ganho para além do Brasil.


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ASSASSINATO MARIELLE FRANCO: UM LABIRINTO DE PERGUNTAS SEM RESPOSTAS

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(Ilustração: Joan Farías Luan, www.cuadernoimaginario.cl)

 

Marielle Franco foi brutalmente executada com quatro tiros na cabeça ao sair de um evento no centro do Rio de Janeiro, em 14 de março de 2018. Com ela, também foi assassinado o motorista de seu carro, Anderson Gomes. Ela era uma defensora dos direitos humanos, cujo ativismo, principalmente em prol de jovens negros e da comunidade LGTBI, rendera-lhe a posto de quinta vereadora mais bem votada.

Em 2019, os assassinatos completaram um ano. Pouco antes de sua morte, Marielle Franco denunciava execuções extrajudiciais cometidas por policiais e agentes do estado nas favelas do Rio de Janeiro. Ela foi relatora da Comissão Representativa da Câmara dos Vereadores, cujo objetivo é monitorar a intervenção federal na segurança pública do estado.

Em detalhes, a arma que matou Marielle Franco foi uma submetralhadora alemã Heckler&Koch. Um modelo HK MP5, de calibre 9mm, de alta precisão e que não costuma ser apreendido facilmente – é uma arma utilizada pelas forças de elite da polícia no Rio de Janeiro.

Pergunta-se como uma arma do arsenal da polícia terá chegado às mãos dos assassinos? Inquéritos sugerem milícias do estado do Rio de Janeiro como possíveis responsáveis pelo crime. Entretanto, mesmo depois de um ano da morte da vereadora e de seu motorista, as investigações mais parecem um labirinto de muitas perguntas sem respostas.  

Confirmada pelo secretário de segurança do Rio de Janeiro em dezembro, a linha de investigação mais aceita é a de que Marielle Franco teria sido morta por milicianos envolvidos na grilagem de terras na zona oeste do estado do Rio de Janeiro. Acredita-se que os criminosos poderiam temer a ação da vereadora de conscientizar os moradores daquela área sobre a usurpação de terras.

O inquérito também aponta alvos de prisões como líderes do grupo “Escritório do Crime”. Segundo veiculado pela imprensa brasileira, a morte de Franco poderia ter custado R$ 200 mil, embora supõe-se que assassinatos cobrados pelo grupo possam chegar a R$ 1 milhão.

Até agora, pelo menos cinco pessoas já foram detidas no caso que investiga a morte da vereadora e de seu motorista. Entre os detidos, um antigo tenente reformado é apontado como chefe da milícia. Outro investigado, o ex-capitão Adriano Magalhães da Nóbrega, do grupo de elite da polícia carioca, o Bope, está foragido.

 

 

 

 

 

 

“Memória de uma guerreira que não se apaga.” Murais no Rio lembram Marielle Franco (Foto: Dominik Zimmer)

 

Já no primeiro mês de Governo, a reputação política do conservador clã Bolsonaro viu-se estremecida: investigações apontaram um possível elo entre o assassinato da vereadora Marielle Franco e o filho do presidente Jair Bolsonaro (PSL). E esse elo teria um nome: Adriano Magalhães da Nóbrega.

Segundo largamente veiculado pela imprensa brasileira em janeiro, o gabinete do ex-deputado e senador eleito Flávio Bolsonaro (PSL-RJ), filho do presidente, empregou, até novembro de 2018, a mãe e a mulher do ex-policial Nóbrega, tido pelo Ministério Público do Rio como um cabeça da milícia “Escritório do Crime”. A mesma organização apontada pelas investigações como possível responsável pelo assassinato de Marielle Franco.

Adriano Magalhães da Nóbrega, que está foragido, seria amigo do ex-assessor de Flávio Bolsonaro, Fabrício Queiroz, investigado sob suspeita de recolher parte dos salários de funcionários do político, uma prática ilegal e alvo investigações; reportou o Jornal o Globo. Ainda segundo o veículo, a mãe do ex-policial, Raimunda Veras Magalhães, teria sido uma das servidoras que faziam repasses à conta de Queiroz.

Pormenores da investigação do assassinato de Marielle Franco e do motorista Anderson Gomes, descritos em um relatório recente da Anistia Internacional Brasil, revelam que Marielle Franco foi morta com quatro disparos na cabeça, de ao todo 13.

A munição, de calibre 9mm, original, teria sido usada pela primeira vez e era parte de um lote da polícia federal. O lote denominado UZZ-18 teria sido vendido pela empresa Companhia Brasileira de Cartuchos (CBC) à polícia federal em 2006.

Trata-se de uma empresa Estratégica de Defesa, e uma das maiores fabricantes de munição do mundo. A CBC é controladora da empresa Taurus. Em dezembro de 2018, o Jornal brasileiro Folha de São Paulo reportou que o Tribunal de Justiça do Rio de Janeiro bloqueou ações ordinárias da CBC sob acusação de que seu dono, o empresário Daniel Birmann, tenha criado empresas, algumas em paraísos fiscais, para esconder ativos.

Já o lote vendido pela CBC, o UZZ-18, teria sido desviado dos Correios no estado da Paraíba, em 2009 – segundo informou o ministro da Segurança Pública brasileiro, citado pela Anistia Internacional.

Os Correios, por sua vez, afirmam não haver registro do incidente. Sabe-se, porém, que armas do mesmo lote teriam sido usadas, em 2015, em uma chacina em São Paulo, nas regiões de Osasco e Barueri, quandfo 20 pessoas foram mortas, possivelmente, com a participação de policiais do mesmo grupo de extermínio que matou a vereadora carioca.

Embora digitais dos assassinos da vereadora e seu motorista tenham sido encontradas nas cápsulas, o inquérito não revela de quem são estas pessoas. Além disso, não está claro como o lote de munições foi extraviado da polícia federal, e por quem.

Se o rastro das munições usadas para matar Marielle Franco e seu motorista Anderson Gomes é obscuro por suas características, fatos e alegadas personagens, também a venda de armas pela empresa alemã Heckler & Koch ao Brasil é um tema controverso.

O ativista alemão Jürgen Grässlin estima que a cada 13 minutos em média uma pessoa tenha morrido no mundo por uma arma H&K desde a fundação da empresa, em 1949. “Segundo as regras anunciadas pela empresa em 2016, a empresa alemã não deveria mais tentar fazer negócios no Brasil”, disse Grässlin à emissora Deutsche Welle, em maio de 2018.

A Alemanha está entre os cinco maiores exportadores de armas do mundo, um setor que emprega pelo menos 50 mil pessoas neste país.

Para além das questões éticas que envolvem a comercialização de armas entre Alemanha e Brasil, questiona-se como essas armas teriam chegado às mãos dos criminosos. Questiona-se os detalhes do crime e os reais envolvidos, e nada se sabe sobre culpados. Enquanto isso, morte de Marielle Franco segue como um elo perdido, em um labirinto de perguntas sem respostas.

 


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