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Rebellion der Reservisten

Das neue Jahr begann schlecht für die Polizei des Andenstädtchens Andahuaylas. Die meisten Beamten, die dort in der Silvesternacht ihren Dienst versahen, hatten sich gerade hingelegt, um ihren Rausch auszuschlafen, da wurden sie bereits unsanft geweckt. Ohne anzuklopfen drangen 160 bewaffnete Männer um fünf Uhr morgens ins örtliche Polizeirevier ein. Sie nahmen 17 Gesetzeshüter als Geiseln und forderten den Rücktritt des peruanischen Präsidenten Alejandro Toledo. Drei Tage später ergaben sich die ungebetenen Gäste, die sich als Reservisten der peruanischen Armee herausstellten. Sie waren führungslos geworden, nachdem die angerückten Sicherheitskräfte den Chef der Rebellen, den ehemaligen Major Antauro Humala, bei Verhandlungen festgenommen hatten. Der Aufstand kostete vier Polizisten und zwei Zivilisten das Leben. Dennoch gingen in einer Reihe von Städten im Süden Perus Tausende von Menschen auf die Straße, um sich mit den Rebellen zu solidarisieren.
Der Rebellenchef ist kein Unbekannter. Bereits im Oktober 2000 hatte er unter dem Kommando seines älteren Bruders Ollanta Humala an einer Meuterei in der Armee gegen den damaligen Präsidenten Alberto Fujimori mitgewirkt. Die Brüder hatten bei dieser Aktion fünfzig Soldaten kommandiert und einen General und vier Minenarbeiter als Geiseln genommen. Auch damals hatten sich Tausende von DemonstrantInnen im ganzen Land mit den Brüdern Humala solidarisiert. Hunderte von Reservisten waren losgezogen, um sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Der damalige Oberst Ollanta Humala wurde inhaftiert und aus der Armee ausgeschlossen. Doch Präsident Toledo rehabilitierte den Draufgänger nicht nur, sondern beförderte ihn sogar zum peruanischen Militärattaché, zunächst in Paris und dann in Seoul. Im Dezember 2004 wurde Ollanta Humala dann zusammen mit über hundert weiteren Offizieren von seinem Posten abgelöst und in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Sein Bruder Antauro protestierte während des Neujahrsaufstands von Andahuaylas auch gegen diese Maßnahme.

Tanzen und Singen

Die beiden Brüder gelten zusammen mit ihrem Vater, Isaac Humala, als Gründer einer von ihnen so benannten ethnocaceristischen Bewegung. Diese beruft sich auf den General Andrés Avelino Caceres, der sich im Salpeterkrieg gegen Chile Ende des 19. Jahrhunderts einen Namen als Guerillakämpfer machte und seitdem als nationaler Held gilt. Den Kern der Bewegung bilden Tausende ehemaliger Soldaten. Seit der Meuterei gegen Fujimori tauchen sie immer wieder auf Demonstrationen gegen die Regierung auf: in Armeekleidung, mit bemalten Gesichtern, bewaffnet mit Knüppeln, Stichwaffen oder Karabinern. Das Sprachrohr der Bewegung ist die vierzehntägig erscheinende Zeitung Ollanta, die mit einer Auflage von 130.000 Exemplaren an Kiosken im ganzen Land verkauft wird. Dort und in etlichen anderen Organen der Bewegung ist nachzulesen, was dem Land demnächst blühen kann: „In unserer nächsten ethnocaceristischen Regierung wird die Wahrheit aus den Böden hervorkeimen und die Gerechtigkeit vom Himmel regnen. Im Pulverdampf der Exekutionskommandos werden die Verräter tanzen und singen, und zwar im Rhythmus des Maschinengewehrs.“
Die Einladungen zum Tanz und Gesang werden bereits jetzt verschickt. Denn die Zeitung Ollanta veröffentlicht regelmäßig Listen der Todeskandidaten, die von korrupten Militärs aus der Fujimori-Diktatur über schwule Showstars bis hin zu raffgierigen Politikern und Unternehmern reichen. Die Chefideologen aus der Familie Humala teilen die Erdbevölkerung zudem in vier Ethnien ein, die sie nach Farben unterscheiden. Neben weißen und schwarzen Menschen gibt es für sie „Gelbe“ sowie eine Ethnie, die sie „cobriza“, kupferfarben, nennen. Dazu zählen sie amerikanische Indígenas und MestizInnen sowie einen Teil der asiatischen Bevölkerung. Diese Ethnie, zu der sich die Humalas selbstverständlich selbst zählen, soll in Peru jene Macht zurückgewinnen, die sie nach der Zerstörung des Inkareiches durch die Spanier verlor. Die EthnocaceristInnen schwärmen geradezu von den Lebensbedingungen im alten Inkareich, obwohl dort etliche Völker brutal geknechtet und unterdrückt wurden. Und wie zu Zeiten der Inkas träumen sie von einer Expansion des heutigen Peru. Die Humalas wollen die peruanische Armee aufrüsten und sehen einen Krieg gegen das militärisch haushoch überlegene Nachbarland Chile als unvermeidlich an. Einen Angriff auf Ecuador behalten sie sich ebenfalls vor.

„Chilenen raus!“

Angesichts eines solchen Größenwahns überrascht die massive Unterstützung der EthnocaceristInnen in der Bevölkerung. Obwohl die Mehrheit der PeruanerInnen die Rebellen von Andahuaylas am liebsten hinter Schloss und Riegel sieht, halten Meinungsumfragen zufolge etwa 30 Prozent der Bevölkerung den Aufstand von Andahuaylas für gerechtfertigt. Ollanta Humala, der sich eine Kandidatur zu den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr vorbehält, konnte bis vor kurzem mit einem Stimmenanteil von sechs Prozent rechnen. Und Antauro, auf den jetzt möglicherweise eine Haftstrafe von mehr als zwanzig Jahren wartet, wird von etwa zehn Prozent der Bevölkerung als wichtiger Oppositionsführer gesehen. Vor allem die verarmte andinische Bevölkerung sympathisiert mit den EthnocaceristInnen. Denn diese verstehen sich auch als indigene Bewegung: Auf Versammlungen und Demonstrationen schwenken sie jenes buntgestreifte Banner, das der Fahne der Schwulenbewegung zum Verwechseln ähnlich sieht, aber von indigenen Organisationen in Ecuador oder Bolivien ebenfalls genutzt wird. Ebenso setzen sich die EthnocaceristInnen für den traditionellen Gebrauch der Kokapflanze ein und unterstützen den Kampf der Kokabauern.
Die Reservistenarmee der EthnocaceristInnen besteht weit gehend aus Arbeitslosen, Kleinbauern oder Bewohnern der Armenviertel. Das Programm der Bewegung ist mit umfangreichen sozialen Forderungen gespickt. Eine Autarkie in der Lebensmittelversorgung soll, ähnlich wie in der Inkazeit, Hunger und absolute Armut ausmerzen. Darüber hinaus planen die EthnocaceristInnen die Nationalisierung von Betrieben in ausländischer Hand und einen Importstop aller Produkte, die mit der nationalen Industrie konkurrieren. Unmissverständlich stellen sie dabei klar: Zuerst wird die chilenische Industrie enteignet. Aber selbst für diese Forderung ernten die EthnocaceristInnen Applaus, denn die Vorurteile und Abneigungen gegenüber dem südlichen Nachbarn sind seit dem Salpeterkrieg in Peru ähnlich verbreitet wie in Bolivien.

Hausarrest für die Schwester des Präsidenten

Vor allem die Kampfansage der Neujahrsrebellen um Antauro Humala an die Korruption und ihre Forderung nach einem Rücktritt Toledos wird von 90 Prozent der Bevölkerung unterstützt. Auch wenn der amtierende Präsident im Vergleich zu der Mafia um seinen Vorgänger Alberto Fujimori und dessen Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos, die das ganze Land ausplünderte, eher wie ein kleiner Eierdieb wirkt: Der Mann ist in zahlreiche Korruptionsskandale verstrickt, die ihm in den letzten anderthalb Jahren seiner Amtszeit zum Verhängnis werden könnten. Erst Mitte Januar wurde seine Schwester Margarita Toledo unter Hausarrest gestellt, weil sie unter dem dringenden Verdacht steht, vor den letzten Wahlen im Jahr 2000 die massive Fälschung von Unterschriftslisten für die Partei ihres Bruders organisiert zu haben. Schwerer als die vielen Skandale und Skandälchen um den Präsidenten aber wiegt: Statistiken der Organisation Transparency International zufolge gibt es kaum ein Land auf der Welt, in dem die Bevölkerung die politischen Parteien für korrupter hält als in Peru.

Korruption, Ineffizienz, Interessenspolitik

Das Misstrauen gegenüber der politischen Führungsschicht konzentriert sich dennoch auf den Präsidenten. Toledos Regierung steht bei Millionen PeruanerInnen nicht nur für Korruption, sondern auch für Ineffizienz und eine Politik im Interesse der ökonomisch mächtigen Gruppen im Land. Nach dreieinhalb Jahren Regierungszeit ist jegliche Hoffnung auf Reformen gestorben: Die öffentliche Verwaltung bleibt korrupt und intransparent; Demokratisierungspläne von Institutionen wie Armee, Justiz oder Polizei vergilben in den Schubladen. Ein Weg aus der verhängnisvollen Schuldenkrise ist nicht in Sicht: Peru zahlte 2004 rund vier Milliarden US-Dollar an ausländische Gläubiger, eine Summe, die 27 Prozent des Haushalts ausmacht. Und um aktuelle Ausgaben zu finanzieren, werden munter weitere Kredite aufgenommen. Entsprechend verschuldete sich das Land seit Toledos Amtsübernahme um weitere fünf Milliarden US-Dollar.
Die Regierung unternimmt nichts, um das mäßige Steueraufkommen zu erhöhen, das mit 13 Prozent des Bruttoinlandprodukts im internationalen Vergleich extrem niedrig liegt. Damit bleibt Peru ein Steuerparadies für transnationale Unternehmen, während Lehrer nach wie vor Hungerlöhne erhalten. Öffentlichen Krankenhäusern fehlt es an Medikamenten und Ausrüstung und die staatliche Gesundheitsversicherung steht vor dem Kollaps. Die Regierung gibt gerade 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit und 2,8 Prozent für Bildung aus und steht damit im lateinamerikanischen Vergleich am Ende der Rangskala.

Traumstrand Punta Sal

Weder die EthnocaceristInnen noch sonst jemand in Peru glaubt ernsthaft, dass sich an dieser Situation in den letzten anderthalb Jahren der Amtszeit Toledos irgendetwas ändern wird. Ob dieser Präsident im Regierungspalast sitzt oder an seinem Traumstrand im nordperuanischen Punta Sal, das macht für die Menschen keinen Unterschied. In Punta Sal verschlief Toledo selbst den Neujahrsaufstand von Andahuaylas, obwohl er zwei Tage zuvor vom Geheimdienst über den Anmarsch der EthnocaceristInnen informiert worden war.
Zurücktreten musste dafür an seiner Stelle der zuständige Innenminister. Und damit so etwas nicht wieder vorkommt, bestellte der Präsident zum ersten Mal seit der Fujimori-Ära wieder einen leibhaftigen Polizisten als dessen Nachfolger: Ausgerechnet jenen Polizeioffizier, der in Andahuaylas während der Verhandlungen mit den EthnocaceristInnen die Verhaftung von Antauro Humala anordnete. Immerhin denkt Toledo nun über eine komplette Auswechslung seines Kabinetts nach. Doch seine Minister wechseln durchschnittlich zweimal im Jahr. Und geändert hat sich auch dadurch nichts.

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