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Grenzgänge zwischen Realität und Fiktion

Nachdem die letzte Berlinale mit über 50 lateinamerikanischen Filmen und Produktionen eine quasi „lateinamerikanische“ war, auf der laut Festivaldirektor Dieter Kosslick „bald mehr Spanisch als Deutsch gesprochen“ wurde, ist die lateinamerikanische Filmkunst dieses Jahr vergleichsweise spärlich vertreten. Dennoch, in den Sektionen Panorama, Forum und Generation lassen sich auch bei der 66. Berlinale, die vom 11. bis 21.02.stattfindet, einige Schätze aus Lateinamerika entdecken.
Insgesamt 16 Filme mit Lateinamerikabezug in Spielfilmlänge schafften es ins diesjährige Programm, vor allem aus Mexiko, Argentinien, Brasilien und Chile, darunter zahlreiche Weltpremieren.
Im Wettbewerb läuft mit Soy Nero, eine deutsch-französisch-mexikanische Koproduktion des Exil-Iraners Rafi Pitts über einen aus den USA abgeschobenen Mexikaner, der auf der Suche nach seiner Identität illegal in die Vereinigten Staaten zurückkehrt.

Die Sektion Panorama, die sich dem Arthouse- und Autor*innenkino widmet, zeigt acht lateinamerikanische Filme. In Mãe só há uma der brasilianischen Regisseurin Anna Muylaert, die bereits letztes Jahr für ihren Film A que horas ela volta den Panorama Publikumspreis gewann, geht es um einen jungen Mann, der herausfindet, dass er als Baby gestohlen wurde. Die deutsch-brasilianische Produktion Antes o tempo não acabava von Sérgio Andrade und Fábio Baldo malt ein träumerisch-dokumentarisches Porträt eines Wanderers zwischen zwei Welten: Anderson, im Amazonasgebiet aufgewachsen, stellt sich den Herausforderungen, die sein Leben zwischen indigenen Ritualen und urbaner Großstadtkultur Manaus für ihn bereithält. Im Dokumentarfilm Zona Norte widmet sich Monika Treut der brasilianischen Menschenrechtlerin Yvonne Bezerra und erkundet die Entwicklung ihres alternativen Schulprojekts für Straßenkinder in Rio de Janeiro im Licht der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele. Regisseur Alejandro Fernández Almendras befasst sich in Aquí no ha pasado nada mit den Auswirkungen korrupter Machtstrukturen auf Recht und Gesetz in der chilenischen Klassengesellschaft (siehe Rezension auf S. 36). Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit und wurde durch eine Spendenkampagne finanziert; alle Mitwirkenden verzichteten auf Honorare. Auch das Regiedebut von Alex Awandter Núnca vas a estar solo ist inspiriert von einer wahren Gegebenheit, nämlich dem homophob motivierten Mord an Daniel Zamudio. Der Film thematisiert die Homophobie in der chilenischen Gesellschaft anhand der Schwierigkeiten, auf die der Vater eines ermordeten Jungen trifft, als er in der Nachbarschaft nach Rückhalt sucht. Für die brasilianische Dokumentation Curumim begleitete Marcos Prado, u.a. Regisseur von Tropa de Elite, über drei Jahre einen Brasilianer, der in einer Todeszelle in Indonesien inhaftiert war und Anfang 2015 hingerichtet wurde. Argentinien ist mit zwei Filmen vertreten: El Rey del Once von Daniel Burman eröffnet das Panorama Special Programm und erzählt vom jüdischen Stadtviertel Once in Buenos Aires (siehe Rezension auf S.37), La helada negra von Maximiliano Schonfeld spiegelt in der weitläufigen, unberührten mythischen Natur der Provinz Entre Ríos die karge Seelenlandschaft der Siedler*innen.

Das Internationale Forum des jungen Films, das sich experimentierfreudig für Genres und Themen gibt, zeigt vier Filme mit Lateinamerikabezug. Darunter Eldorado XXI der portugiesischen Regisseurin Salomé Lamas, der die dystopische Welt der Arbeit in einer Goldmine in La Rinconada, Peru, zeigt. In Tales of Two Who Dreamt, einer kanadisch-mexikanischen Produktion von Andrea Bussmann und Nicolás Pereda, geht es um eine Roma-Familie in Toronto zwischen Realität und Fiktion. Das Regiedebüt Maquinaría Panamericana von Joaquín del Pasos porträtiert mit viel schwarzem Humor eine Baumaschinenfabrik in der Peripherie von Mexiko City. Der Dokumentarfilm La Tempestad von Regisseurin Tatiana Huezo widmet sich anhand der Geschichte zweier Frauen der Organisierten Kriminalität in Mexiko.

Das Kinder- und Jugendprogramm Generation zeigt die peruanisch-französische Produktion El Soñador von Adrián Saba, der in den Traumwelten des Kleinkriminellen Sebastíán spielt, bis Grenzen zwischen Realität und Illusion verschwimmen. Zudem läuft der chilenische Las Plantas von Roberto Doveris, ein atmosphärisches Coming-of-Age im Internetzeitalter (siehe Rezension auf S.42).

In der Sonderreihe für indigenes Kino, NATIVe, die nur alle zwei Jahre bespielt wird, laufen im Brückenjahr 2016 zwischen dem letzten Schwerpunkt (Lateinamerika) und dem kommenden (Arktis) nur zwei Filme, die die beiden Schwerpunkte verbinden. Einer davon ist die beeindruckende Reise auf dem Amazonas von Regisseur Ciro Guerra: die kolumbianisch-venezolanisch-argentinische Produktion El Abrazo de la Serpiente (siehe Rezension auf S.38).

Die Sektion Berlinale Shorts zeigt zudem drei lateinamerikanische Kurzfilme und auch die vier Beiträge zum Kurzfilmprogramm von Generation sind ein Besuch des Festivals wert (siehe Rezension auf S. 40).

Die lateinamerikanischen Filme, die während des Festivals ihre Weltpremiere feiern, können leider nicht vorab besprochen werden. Einige weitere Kritiken werden aber im Anschluss an ihre Premiere auf unserer Webseite online gestellt. Reinklicken lohnt sich!

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