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„Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.”

Erklären Sie uns bitte kurz woher Sie kommen und warum Sie in Deutschland sind?
Ich komme aus dem Gebiet bei den Flüssen Curbaradó und Jiguamiandó, im Municipio El Carmen de Darién, im Departamento Chocó, im Norden Kolumbiens. Nach Europa bin ich gekommen, um den Menschen hier die Situation in meiner Heimat zu schildern. Die kolumbianische Regierung hat es leider nicht verstanden, uns das „Recht auf Leben“ und das „Recht auf Rückkehr“ zu garantieren, damit wir auf unser Land zurückkehren können. Daher wollen wir um die Solidarität der deutschen und europäischen Organisationen und Menschen bitten, damit sie diesen Prozess und die Organisationen, die uns begleiten, sowie die Menschenrechtsverteidiger vor Ort weiterhin unterstützen.

Dieser Konflikt dauert schon sehr lange…
Schon als kleines Kind habe ich diesen Konflikt und die Operationen der Militärs und Paramilitärs erlebt. Ich habe mitgekriegt, wie sie im Laufe des Konfliktes Menschen umgebracht haben, wie sie auch Jugendliche und Unschuldige töteten. Man kann von einer „sozialen Säuberung“ der Gemeinden sprechen. Auch daran, wie sie in unser Dorf eingedrungen sind und uns vertrieben haben, erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen.

Und wie ist die Situation jetzt in den Gemeinden Curbaradó y Jiguamiandó?
Die heutige Situation ist in einigen Belangen ein bisschen besser. Im Laufe der Zeit sind wir zumindest näher an das von uns ursprünglich bewohnte Gebiet herangerückt. Durch die Gründung einer Humanitären Zone ist es uns außerdem gelungen, dem immensen Druck, der auf uns lastet, standzuhalten und zumindest in gewissem Maße die Unversehrtheit dieses Gebietes aufrechtzuerhalten. Das erlaubt uns immerhin, das anzubauen, was wir vorher angebaut haben, und für unsere Familien zu sorgen. Leider haben wir aber auch eine Reihe von Schwierigkeiten gehabt. Vereinzelt kommt es auch immer noch zu Ermordungen und gewaltsamem Verschwindenlassen innerhalb des Gebietes sowie zu Vertreibungen einiger Familien. Auf der einen Seite begünstigen sie uns also in gewisser Weise. Wir leben in der Nähe des ursprünglich von uns bewohnten Gebietes und haben die Möglichkeit, die Situation anzuklagen. Auf der anderen Seite aber, aufgrund des fehlenden Willens der Regierung und der Institutionen des Staates, uns die Sicherheit innerhalb dieses Gebietes zu garantieren, werden wir immer wieder Opfer von Gewalt. Dies gilt insbesondere für die herausgehobenen Personen innerhalb der Gemeinde, wie die Gemeindesprecher.

So erging es auch dem Gemeindesprecher Manuel Ruíz und seinem Sohn, die im März dieses Jahres verschwunden sind.
Richtig. Vor seinem Verschwinden teilte Manuel Ruíz dem Innenministerium mit, dass er von den Unternehmern, die das Land der Gemeinde besetzen, bedroht wurde. Das Innenministerium hat ihm daraufhin im Rahmen eines Schutzprogrammes ein Telefon gegeben, um mit ihm in Kontakt bleiben zu können. Doch das Telefon trug nicht zu seinem Schutz bei – umgekehrt, man stellte ihm damit eine Falle: Zunächst erhielt Manuel Ruíz auf diesem Telefon einen Anruf, in dem man ihm mitteilte, dass er Geld gewonnen habe. Als er den Gewinn dann mit seinem Sohn abholen wollte, nahm ihn die Polizei fest und bezichtigte ihn des Diebstahls. Als er schließlich wieder frei kam und Manuel Ruíz sich mit seinem 15-jährigen Sohn mit dem Bus auf den Heimweg machte, wurde dieser von einem Motorrad gestoppt, sie wurden aus dem Bus gezerrt und entführt. Die Familie erhielt Anrufe von den Entführern, die zunächst Lösegeld forderten. Als seine Frau aber das Geld aufgetrieben hatte, waren die Entführer plötzlich nicht mehr daran interessiert. Dies war das letzte Mal, dass seine Familie mit Manuel Ruíz gesprochen hat. Wir gehen davon aus, dass er und sein Sohn umgebracht worden sind.

Wurden Sie auch bedroht?
Ja, nach einem Treffen mit der Regierung in Bogotá habe auch ich eine Drohung erhalten. An dem Treffen haben der Innenminister German Vargas Lleras, der Vize-Innenminister, der Vize-Justizminister und andere Beamte staatlicher Stellen teilgenommen. Zudem waren Vertreter von internationalen Organisationen und einige Richter des kolumbianischen Verfassungsgerichts anwesend. Bei diesem Treffen ging es um die Sicherheit und die Situation innerhalb der Gemeinden Curbaradó und Jiguamiandó. Die Regierung will den Gemeinden zwar offiziell das Land zurückgeben, sie will jedoch nichts dagegen unternehmen, dass auf dem Land weiterhin Unternehmer Ölpalmen anpflanzen und deren Angestellte auf den Feldern arbeiten. Hinzu kommt, dass das Paramilitär und das Militär immer noch in den Drogenhandel involviert sind. Die Komplizenschaft zwischen diesen beiden Gruppierungen besteht fort. Dies haben wir bei dem Treffen zur Sprache gebracht. Zwei, drei Tage nach diesem Treffen erhielt ich schließlich eine Drohung und in den folgenden Tagen war ich Opfer einer Reihe von Verfolgungen.

Hat sich die Situation geändert seit Präsident Santos 2010 ins Amt gewählt wurde?
Der Diskurs ist vorangeschritten, in der Sache sind wir jedoch kaum ein Stück vorangekommen. So gibt es zwar ein Gesetz für die Opfer von Vertreibungen und ein Gesetz zur Landrückgabe. Die Opfer der Vertreibungen wurden jedoch nicht an der Ausarbeitung des Gesetzes beteiligt, was sich in den Texten dann auch widerspiegelt. Teilweise wird einem das Gefühl vermittelt, die Gemeinden seien Schuld an den Vertreibungen, dass sie sich ihre Situation selbst zuzuschreiben haben.

Haben Sie das Gefühl, dass es, wenn auch sehr langsam, voran geht?
Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben, eines Tages in Frieden auf unserem Land leben zu können.

Infokasten:

Raúl Palacios Salas ist Gemeindevertreter und Mitglied einer Humanitären Zone und war im September in Deutschland zu Besuch. Die Humanitären Zonen waren entstanden, nachdem zwischen 1996 und 1997 über 3.000 Menschen der afrokolumbianischen Gemeinschaften am Curbaradó und Jiguamiandó im Zuge der „Operation Genesis“ gemeinsam von Militär und Paramilitärs gewaltsam vertrieben wurden. Danach wurde ihr Land illegal von Palmöl- und Bananenunternehmen sowie Viehzüchtern besetzt. Laut Regierungsangaben haben sie sich 17.720 Hektar Gemeindeland illegal angeeignet. In den folgenden Jahren begannen die Vertriebenen jedoch, auf ihr Land zurückzukehren. Sie gründeten Humanitäre Zonen als Schutzmechanismus inmitten des andauernden bewaffneten Konfliktes und haben erreicht, dass ihr kollektives Landrecht von den Behörden bestätigt wurde. Einige Teile des Landes nutzen sie bereits wieder.

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