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Revolver am Kopf

Beim Versuch, im Rahmen seiner Gewerkschaftsarbeit die Mitarbeiterunterkünfte des Stahlwerks TKCSA aufzusuchen, wurde Jadir Batista von einem der dortigen Sicherheitskräfte unter Androhung von Schusswaffengebrauch daran gehindert. „Die haben uns dort rausgeworfen. Mit Revolver am Kopf“, sagte der CUT-Gewerkschafter auf einer Anhörung der Menschenrechtskommission des Bundesstaates Rio de Janeiro, ALERJ, aus. Dies geht aus der Niederschrift des Wortprotokolls der Anhörung vom 14. Dezember vergangenen Jahres hervor, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Der Gewerkschafter Jadir berichtet weiter, dieses Vorgehen sei reines Banditentum: „Die werfen dort alle raus, mit der Waffe am Kopf.“
Jadir Batista war 28 Jahre Metallarbeiter beim brasilianischen Stahlkonzern CSN. Er arbeitete dort als Techniker in der Kokerei. Heute ist er Mitglied des Direktoriums der CUT im Bundesstaat Rio de Janeiro. Anfang der 1990er Jahre hatte Jadir Batista auch an gewerkschaftlichen Schulungsmaßnahmen und Netzwerktreffen mit StahlarbeiterInnen im Ruhrgebiet teilgenommen.
Schon die FischerInnen der Bucht von Sepetiba, die seit 2007 gegen den Bau des Stahlwerks protestieren, hatten im November 2009 im Europaparlament und im Deutschen Bundestag ausgesagt, dass Sicherheitskräfte der TKCSA Milizionäre seien. Auch auf der AktionärInnenversammlung von ThyssenKrupp im Januar dieses Jahres hatten der Fischer Luis Carlos diese Vorwürfe erhoben (siehe LN 428). Sie wurden jedoch von der Konzernführung stets bestritten. Luis Carlos befindet sich seit über einem Jahr unter Schutz der brasilianischen Bundespolizei. Er lebt an unbekanntem Ort, getrennt von seiner Familie, weil er die Vorwürfe um die Milizen bei ThyssenKrupp öffentlich ausgesprochen hat.
Das Problem der Mafiamilizen in der Westzone Rio de Janeiros ist bekannt. Amnesty International organisierte im vergangenen Jahr eine Eilaktion für die von den Milizen bedrohten ParlamentarierInnen, und die Heinrich Böll Stiftung hatte schon im Jahre 2008, gemeinsam mit brasilianischen Partnerorganisationen, einen Hintergrundbericht zu den Milizen in Rio de Janeiro verfasst. Darin wird erklärt, wie die Angst vor den lokalen Milizen die Strafverfolgung gleichsam unterdrückt. Es ist das Gesetz des Schweigens, an das sich alle in der Region halten, wenn sie ihr Leben nicht in Gefahr bringen wollen. Nun hat aber nach den FischerInnen auch ein Gewerkschafter den Mut besessen, die Vorgänge um die Milizen bei ThyssenKrupp in Rio de Janeiro öffentlich anzuprangern. Das Gesetz des Schweigens zu durchbrechen, ist ein mutiger Schritt; dass ThyssenKrupp endlich handelt, ein unerläßlicher. Und er käme schon jetzt viel zu spät.

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