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São Paulo im Teufelskreis der Rache

Am 21. Mai konnte die zweite Virada Cultural in São Paulo wie geplant beginnen. Zwar verließen die Gäste die Veranstaltungen unter freiem Himmel früher als gewohnt, doch ansonsten stand dem Kulturfest mit über fünfhundert Konzerten und anderen Veranstaltungen in São Paulo scheinbar nichts im Weg. Nach der Gewalt der vorherigen Woche schien die Ruhe wieder hergestellt.
Angesichts des Ausmaßes der Gewalt ist die Ruhe der Mittelklasse erstaunlich. Denn die Serie von Angriffen auf Polizeistationen, Gefängnisrevolten und Straßenkämpfen, die São Paulo Mitte Mai erschütterte, gilt schon jetzt als beispiellos in der Geschichte der Stadt und des Bundesstaates.

Die Rache des PCC

Zwischen dem 12. und 15. Mai gab es in 82 Gefängnissen des Bundesstaates Revolten. Zeitgleich wurden dem Sicherheitssekretariat zufolge im Großraum São Paulo insgesamt 299 Attacken von Kriminellen registriert. Es kam zu 82 Angriffen auf Busse, 56 auf Wohnhäuser von Polizisten, 17 auf Banken und Geldautomaten.
Diese konzertierten Aktionen gehen auf das Konto des Primeiro Comando da Capital (PCC). Die Kriminellen wollten damit Rache nehmen für die Verlegung von inhaftierten Mitgliedern ihrer Organisation in Hochsicherheitsgefängnisse. Insgesamt 765 mutmaßliche „Brüder“ des PCC waren am 11. Mai in das Gefängnis Presidente Venceslau, 620 Kilometer westlich der Hauptstadt des Bundesstaates, verlegt worden. Damit sollte verhindert werden, dass die Mafiosi weiterhin aus dem Gefängnis heraus ihre kriminellen Machenschaften koordinieren. Einen Tag später waren acht Führungspersonen des PCC in das Gefängnis Presidente Bernardes verlegt worden – darunter der Anführer der Bande, Marcos Willians Herba Camacho, genannt Marcola. Das Gefängnis gilt als das sicherste Brasiliens. Marcola wurde in Isolationshaft untergebracht.
Mit eben diesem Hochsicherheitsgefängnis hat die kriminelle Organisation bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Denn PCC-Mitglieder können dort nicht, wie sie es in anderen Gefängnissen tun, von unterbezahlten Beamten Privilegien erkaufen.

Die Ursprünge der Bande

Der PCC ist mittlerweile wohl die größte Mafiagruppe Brasiliens. Sie ist besonders aktiv im Drogenhandel. Die angeblich 1993 im Gefängnis von Taubaté gegründete Gruppe bezeugt in ihrem Statut, „für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit“ zu kämpfen. Beschworen werden die Solidarität unter den Mitgliedern und der Widerstand gegen die Unterdrückung. In den überfüllten Staatsgefängnissen Brasiliens kann man damit leicht Mitglieder rekrutieren.
Doch ist die Gruppe streng hierarchisch organisiert: Die letzten Entscheidungen obliegen immer den Gründern der Gruppe. Und wer in „’gut strukturierter’ Freiheit lebt, aber vergisst, den inhaftierten Brüdern zu spenden, wird ohne Gnade zum Tode verurteilt“, heißt es im Statut weiter.
Medienberichten zufolge muss jedes inhaftierte Mitglied des PCC 50 Reais (etwa 17 Euro) monatlich beitragen. Wer nicht im Gefängnis sitzt, zahlt das zehnfache. Wer dies nicht kann, muss stattdessen riskante „Missionen“ erledigen: Banküberfälle, Angriffe auf Polizeistationen oder Befreiungsaktionen für andere Mitglieder.
Im Statut des PCC steht auch, dass die Gruppe Rache nehmen will für das Gefängnismassaker von Carandiru.1992 wurden dabei 111 Gefangene von der Polizei ermordet (siehe LN 382). Damit versucht die Organisation, sich den Nimbus einer „Widerstandsorganisation“ zu geben.
Bei den jetzigen Unruhen wurden bei Angriffen des PCC 41 Polizisten und Gefängniswärter getötet.

Die Gewalt der Polizei

Auf die gewaltsamen Angriffe des PCC kam prompt die Reaktion der Polizei. Innerhalb der Woche vom 12. bis zum 19. Mai wurden im Großraum São Paulo 109 „Verdächtige“ von der Polizei getötet. Bislang vermutet die Nationale Bewegung für Menschenrechte, dass dabei mindestens 30 Unbeteiligte umgekommen seien. Auch viele BewohnerInnen von Armenvierteln in der Peripherie beschuldigen die Polizei, wahllos Menschen hinzurichten.
Dass die Polizisten teilweise vermummt vorgegangen sind, ist ein Hinweis dafür, dass sie sich außerhalb des rechtlichen Rahmens bewegten. Zudem kam es zu Aktionen der gefürchteten Todesschwadronen. Dabei handelt es sich um selbsternannte Verteidiger von Recht und Ordnung – häufig Polizisten außer Dienst –, die Menschen umbringen, die sie für Verbrecher halten. In Guarulhos, der zweitgrößten Stadt des Bundesstaates, wurden 31 Leichen mit Kopfschüssen aufgefunden – ein schweres Indiz für Hinrichtungen. ZeugInnen berichteten, dass Todesschwadrone für die Toten verantwortlich seien. Untersuchungen zufolge kamen die Schüsse aus Waffen, die nur von der Armee und den staatlichen Sicherheitskräften benutzt werden.
„Offensichtlich herrscht bei der Polizei ein Bedürfnis nach Rache vor. Das jedoch ist nicht die Aufgabe der Polizei“, sagte Carlos Eduardo Gaio, Direktor für internationale Beziehungen der brasilianischen Menschenrechtsorganisation Justiça Global (siehe nachfolgendes Interview).

Ökonomischer Hintergrund der Gewalt

„Die Chancenlosigkeit der Jugendlichen in den marginalisierten Vororten ist ein fruchtbarer Boden für Kriminalität. Diese Chancenlosigkeit muss mit langfristigen Reformen bekämpft werden, mit Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Wenn ein so großer Teil der Bevölkerung marginalisiert ist, kann es keinen Rechtsstaat geben“, meint Gaio.
Selbst Claudio Lembo, Gouverneur des Staates São Paulo, räumte ein: „Die Taschen der Bourgeoisie müssen sich öffnen, damit wir etwas gegen das Elend der brasilianischen Gesellschaft machen können“. Dass ausgerechnet er dies sagt, ist erstaunlich. Schließlich gehört er der Partei der Liberalen Front (PFL) an, die traditionell die Interessen der brasilianischen Eliten vertritt. Und seine Klientel hat in ihren Gated Communities keine Probleme mit der Polizeigewalt, die Lembo im übrigen auch nicht für übertrieben hält. Die größte Gefahr für seine Klientel ist, ein Open-Air Konzert auf der Virada Cultural eventuell früher als geplant verlassen zu müssen.

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