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Tausche Maurer gegen Plastik

„Das Volk der halb-trockenen Region wird niemals vergessen, dass es an Weihnachten 2011 von der Präsidentin Dilma als Geschenk eine Plastikzisterne bekommen hat“, kommentierte Roberto Malvezzi von der Landpastorale CPT gegenüber der Agentur Ecoagência. Er hält diese Regierungsentscheidung für ein „Desaster“. Die Regierung ersetze „nicht nur eine Technologie durch eine andere“. Sie schaffe damit den gesamten Bildungsprozess ab, der das Programm umgeben habe, sagte Malvezzi. Denn in dem bisherigen von der Bundesregierung in Brasília geförderten Programm ging es neben der Errichtung von einer Million Zisternen auch um kollektive Hilfe zur Selbsthilfe und die Einbindung des lokalen Handwerks als Einkommen schaffende Maßnahme.
Errichtet wurden die Zisternen von örtlichen Handwerker_innen oder Auszubildenden. Die Anwohner_innen arbeiteten in Eigenleistung mit. Getragen wird dieses Programm von lokalen Basisgruppen, die besonderen Wert darauf legen, dass der Bau der Zisternen auch Bildungsmaßnahmen sowie die Mobilisierung der Bevölkerung mit einschließt – und damit auch die Stärkung des gemeinschaftlichen, solidarischen Handelns fördere.
Das Netzwerk „Artikulation des Semi-Árido“ (ASA), das seit Jahren den Bau vor Ort sowohl organisiert als auch begleitet und in dem über 1.000 zivilgesellschaftlichen Basisgruppen vereinigt sind, kritisierte das von Rousseff neu lancierte Zisternenprogramm scharf. ASA hat mit den bisherigen Bundesmitteln im semi-ariden Nordosten in den vergangenen Jahren knapp 400.000 Zisternen gebaut, die zwei Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgen. Nach Rousseffs Entscheidung, zur Erreichung des Millionenziels die vermeintlich effektiveren Zisternen aus Plastik einzusetzen, demonstrierten im Dezember über 10.000 Menschen in Petrolina im Bundesstaat Pernambuco gegen die Plastikzisternen – und für das ursprüngliche Zisternenprojekt.
Der brasilianische Nordosten ist eine semi-aride, also halb-trockene Region, in der vier Monate Regenzeit auf acht Monate Trockenheit folgen. Den Mitgliedern im ASA-Netzwerk ist dabei der Begriff „semi-arid“ wichtig. Um sich von der landläufigen Ansicht eines „trockenen“ Nordosten Brasiliens abzugrenzen, nach welcher die Dürre bekämpft werden müsse, stehen die Basisgruppen bei ASA für das sogenannte Convivência-Konzept, also für das „Leben im Einklang mit dem halbtrockenen Klima“ ein. Für die Kritiker_innen offenbart Brasiliens Präsidentin mit der Politik der Plastikzisterne ihr Unverständnis für die Region. Während die kleinbäuerliche Landwirtschaft im Nordosten mit der Trockenheit lebt und lokal angepasste Technologien erprobt, setzt Rousseff weiterhin auf zentral gesteuerte Großprojekte wie die umstrittene Umleitung des Rio São Francisco (siehe Interview mit Dom Luiz Cappio in dieser Ausgabe der LN). Nun also auch eine Plastikzisterne, die installationsfertig angeliefert wird.
Für manche deutet Rousseffs Schwenk aber auch auf den ihr nachgesagten Argwohn gegenüber der Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen hin. So soll die Organisation und Verteilung der Zisternen nicht mehr über die lokalen Basisgruppen, sondern ausschließlich über die Behörden der Munizipien und Bundesstaaten erfolgen. Roberto Malvezzi von der CPT ist sich sicher, dass die von nun an zentral über Amtsträger verteilten Plastzisternen noch einen weiteren Hintergrund habe. „Oligarchen im Nordosten gefällt nicht, wenn die Bevölkerung autonomer handelt, und so suchten sie einen Weg, die Kontrolle über das Wasser für diese Bevölkerung wieder zu erlangen“, sagte Malvezzi. Vielleicht gelänge den alten Oligarchen das, „wenn sie nun diejenigen sind, die die Plastikzisternen verteilen dürfen“, fügte er bitter hinzu.

Kasten:

Das Programm „Eine Million Zisternen“

Convivência com o semi-árido“ – „Leben im Einklang mit dem halbtrockenen Klima“ ist ein umfassendes ökonomisches, ökologisches und soziales Konzept, das die brasilianische Zivilgesellschaft in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, um die Lebenssituation der Landbevölkerung im traditionell armen Nordosten Brasiliens zu verbessern. Einer der wichtigsten Protagonisten für die Erprobung und Verbreitung von Technologien, die an das semi-aride (halbtrockene) Klima angepasst sind, ist das Netzwerk ASA (Articulação do Semi-Árido). Gegründet als kleiner Verein, gehören ASA heute mehr als 1.000 Basisbewegungen, Nichtregierungsorganisationen und Vereine an. Dem ASA-Programm „Eine Million Zisternen“ liegt die Analyse zugrunde, dass im semi-áriden Nordosten „der Zaun und nicht die Dürre“ das Problem ist: mit dem Regen, der nur einmal im Jahr, aber dann überreichlich fällt, wird aktiv Politik gemacht. Die wenigen Wasserlöcher werden von Großgrundbesitzern umzäunt, der Wasserwagen liefert in Zeiten der Dürre nur an die Wähler der örtlichen Machthaber.
Die gemeinschaftliche Selbsthilfe durch den Zisternenbau ist deshalb eine Lösung für viele verschiedenen Probleme: Familien auf einsamen Grundstücken oder in abgelegenen Dörfern können ihre Wasserversorgung mit einer einzigen Zisterne ein ganzes Jahr lang sichern. Der gemeinschaftliche Bau der Zisternen stärkt die Nachbarschaftshilfe und sichert das Einkommen der örtlichen Maurer. Familien mit Zisternen werden unabhängig von örtlichen Politikern und Landbesitzern und müssen ihre Stimmen nicht länger für die lebensnotwendige Wasserversorgung verkaufen. Der Bau der Zisternen ist billig, sie können problemlos von den Familien selbst gewartet werden. Mit dem Bau von bereits 400.000 Zisternen ist das von Bundesmitteln unterstützte Programm eine der ganz großen Erfolgstorys der brasilianischen Zivilgesellschaft.

// Claudia Fix

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