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„Um Jungs streiten wir schon gar nicht!“

An diesem sonnigen Samstagmorgen sieht es im Stadtteil Corina Rodríguez fast idyllisch aus. Bescheidene Häuser mit Wellblechdächern, hinter den Metallgittern zur Straße hin winzige Vorgärten. Ein paar Bäume stehen am Straßenrand und im Hintergrund erheben sich die Berge der Küstenkordillere. Auf der anderen Seite glitzern die Fenster der Hochhäuser San Josés in der Morgensonne. Corina Rodríguez wirkt im ersten Moment gar nicht wie ein sozialer Brennpunkt der Hauptstadt Costa Ricas.
Der holperige Bolzplatz des Stadtteils hat sogar richtige Tore und abseits der Strafräume so etwas wie Rasen. Jeden Samstagmorgen treffen sich hier bis zu 50 Jugendliche – um mehr zu lernen als nur zu kicken. Das Sozialprojekt „Fútbol por la Vida“ (Fußball für das Leben) ist keine Fußballschule mit Talentscout-Abteilung, wie sie vielerorts in Lateinamerikas Armenvierteln nicht unbedingt aus altruistischen Motiven heraus gegründet wurden. Von hier aus werden auch keine europäischen Multimillionenvereine mit Frischfleisch versorgt, hier ist Fußball zunächst mal ein soziales Projekt.
Denn Corina Rodríaguez wird, wie große Teile des Stadtviertels Alajuelita, vom Staat oder der Privatwirtschaft weitgehend ignoriert. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sind der Regelfall, nur ein Drittel der Jugendlichen geht zur Schule. Nicht weil sie nicht wollten! Der Staat hat seit Jahren keine zusätzlichen Schulen für die stetig wachsende Bevölkerung gebaut. Die Kriminalitätsrate liegt weit über dem Landesschnitt, der Drogenkonsum ebenso, viele Mädchen sind schon mit 15 Jahren Mütter. Wie soll es da aufwärts gehen mit dem Barrio? Es mag hier idyllisch aussehen, aber nur wenig unterscheidet Corina Rodríguez von anderen Armenvierteln Lateinamerikas.
Die Sozialarbeiterin Carolina ist Projektkoordinatorin bei Fútbol por la Vida. Für sie ist jeder Samstag ein langer Tag, mit Fußball bis zwölf, gemeinsamem Mittagessen und diversen kulturellen Projekten am Nachmittag. Fußballspielen ist bei Fútbol por la Vida vor allem Vehikel für die Kinder- und Jugendarbeit der Organisation im Stadtteil. Gespielt wird nicht nach FIFA-Regeln, sondern nach eigenen. Und es geht nicht in erster Linie um Ballkünste, sondern um soziale Techniken. Die Jugendlichen sollen lernen, Konflikte friedlich statt mit Beleidigungen, Fäusten oder gar Waffen auszutragen, andere Meinungen, Verhaltensweisen, Altersgruppen, Geschlechter und sexuelle Orientierungen zu respektieren.
„Unser Fußballmodell basiert auf drei Stufen“, erläutert Carolina, „Die Teams vereinbaren zunächst Regeln.“ So könne zum Beispiel ein Schimpfwort oder jegliches Foul mit einem Strafstoß geahndet werden. In gemischten Teams könne geregelt werden, dass nur Tore zählen, die von den Jüngsten geschossen werden oder an denen Mädchen beteiligt sind. Fast eine positive Diskriminierung, mit der im Alltag wenig privilegierte Jugendliche, ob nicaraguanische Zugezogene oder junge Menschen mit Behinderungen, in das Spiel und damit in die Gemeinschaft eingebunden werden.
In Stufe zwei wird gespielt und zwar ohne Schiedsrichter_in. Alle Spieler_innen dürfen und sollen auf die Einhaltung der zuvor vereinbarten Regeln pochen. Weshalb sich nach dem Spiel in Stufe drei die Spieler_innen zusammensetzen und über das Spiel sprechen. „Das ist für uns der wichtigste Moment“, so Carolina, „denn hier erfahren wir, wie sich die Jugendlichen im Spiel gefühlt haben, wo zum Beispiel trotz aller Regeln einige im Spiel ignoriert oder bevorzugt wurden. Das ermöglicht uns, Themen wie Geschlecht und Gewalt, Männlichkeit und Machismus sowie alle mögliche Diskriminierungsformen anzusprechen.“ Meist sind die Begründungen, warum zum Beispiel die Mädchen weniger oft von den Jungen angespielt werden, so simpel wie entlarvend: Sie spielten einfach nicht gut genug. Was zum Haare raufen animiert, ist in der Jugendarbeit bei Fútbol por la Vida ein Startpunkt, um über gesellschaftliche Normen zu reden, die bei Männern Wert auf körperliche Stärke und Technik legen und die Frauen auch im 21. Jahrhundert noch zum Kümmern um Küche und Kinder verdonnern wollen.
Leicht ist es gerade für die Mädchen nicht, im Fußball ein Bein auf den Boden zu bekommen. Das fängt bereits in der Familie an. Die Reaktionen der Eltern und Geschwister sind bisweilen harsch, die Vorurteile gegenüber Fußball spielenden Frauen sind in Costa Rica so wie vielerorts. Die 16-jährige Heylyn hat da Glück gehabt. Ihre Eltern hatten kein Problem mit einer Tochter, die aus der Rolle fällt, sprich Fußball spielt. In dem kleinen Häuschen ist man froh, wenn die Kinder etwas Gesundes zu tun haben. Vielleicht hilft es auch, dass Heylyn zusätzlich in der Hip Hop- und der Mathegruppe von Fútbol por la Vida gut mitmischt.
Üblicherweise müssen Carolina und die anderen Teamer von Fútbol por la Vida aber erst Überzeugungsarbeit in den Familien leisten, damit auch die Mädchen zum Fußball dürfen. Auch wenn es in den begleitenden Workshops, die sich speziell an Mädchen und junge Frauen richten, um Sexualität, Schwangerschaftsverhütung, geschlechtsspezifische Gewalt, sexuelle Vielfalt oder HIV-Prävention geht, ist Fingerspitzengefühl gefordert. Die Eltern wissen oft nicht mit diesen Themen umzugehen in einem Land, in dem Sexualaufklärung erst im Jahr 2013 in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen wurde.
Dabei hat die U-17 Frauenweltmeisterschaft, die im März in Costa Rica ausgetragen wurde, trotz einiger Kritikpunkte viel für den Frauenfußball und vielleicht auch etwas für mehr Gleichberechtigung im Land getan. Die 15-jährige Charol erzählt, die Jungs hätten zum ersten Mal gesehen, dass viele Frauen im Teenageralter verdammt gut am Ball sind. Auch wenn das Teams Costa Ricas bereits in der Vorrunde ausschied, waren die fußballerischen Leistungen durchaus ansprechend – und ob es die Männer in Brasilien weiter schaffen, ist mehr als fraglich. Wer professionell allenfalls Kreisklasseniveau erreichte, waren vor allem männliche TV-Moderatoren, deren Kommentare oft jenseits der Sexismusgrenze lagen. Das ist auch dem Publikum unangenehm aufgefallen, das für das Thema weniger sensibilisiert ist.
Der Frauenfußball in Costa Rica wächst jedenfalls, auch im Stadtteil Corina Rodríguez. Am Samstag ist bei Fútbol por la Vida ein gutes Drittel der Gruppe weiblich. Charol ist vom Zusammenhalt in der Gruppe begeistert: „Wir sind sehr geeint, wir streiten uns nicht, schon gar nicht um Jungs, wir sind sehr solidarisch.“ Seit drei Jahren dabei, war es auch ihr zunächst ein bisschen peinlich, Bälle zu treten, aber das gab sich schnell. Charol hat jedenfalls fest vor, auch mal im Nationalteam zu spielen. Zunächst ist ihr Traum jedoch bei Saprissa unterzukommen, einem der traditionsreichsten und populärsten Clubs des Landes, der auch eine kleine Frauenabteilung hat.
Und die Jungs? Santo de Jimenez Centeno ist mit seinen 20 Jahren einer der Routiniers bei Futból por la Vida. Seit sechs Jahren ist er dabei, mittlerweile ist er mehr Teamer als Teilnehmer. Im Projekt sei er sehr gewachsen, sagt Santo. Er selbst habe viel gelernt, Freundschaften geschlossen, auch mit Jungs aus anderen Vierteln. Vor allem mit Drogen habe er in den letzten Jahren kaum noch was zu tun gehabt. Santo will weiterhin „gesündere“ Sachen machen, sagt er, will weiter lernen, weiter lehren, sich weiterentwickeln. Und mit den Techniken und Kontakten mal einen richtigen Job ergattern.
Fútbol por la Vida, vor zehn Jahren von der recht überschaubaren Lutherischen Kirche Costa Ricas ins Leben gerufen, wächst und wächst. Mittlerweile ist das Projekt in vier Stadtteilen präsent und so kann man schon mal kleine Turniere spielen. Laut Carolina stellen sich schon nach einige Monaten Erfolge ein: Die Gewalt unter Jugendlichen, auch die verbale, nimmt deutlich ab, Frauen sind untereinander solidarischer, das Verhältnis der Geschlechter entspannt sich, schwule Jungs werden geschützt statt ausgegrenzt. Auch weil es eben nicht nur um Fußball geht, sondern auch um Interkulturalität, Kreativität und kritisches Denken. Und um jugendliche Teilhabe in den Stadtteilen. Alle Jugendlichen im Projekt, Jungs und Mädchen, Zehn- oder Zwanzigjährige, hier Geborene oder Zugezogene sollen sich einmischen, sollen sich an Entscheidungsprozessen beteiligen, im Barrio, in der Schule, in Vereinen. Partizipative Führungsqualitäten heranzubilden, ist die dritte Säule des Projekts, damit Jugendliche in Jugend-, Bildungs- oder Stadtteilpolitik mitreden und mitentscheiden können.
Und die Aussichten für die Fußball-WM? Santo und seine Kumpels sprechen von einer „Hammergruppe“, alle Gegner Costa Ricas seien schon einmal Weltmeister gewesen, aber immerhin gelte ihre Nationalmannschaft als gefährliches Team, eben weil es keiner kenne. „Gegen Uruguay sollten wir schon gewinnen“, meint der 17-Jährige Kevin, einer der technisch Versiertesten im Projekt, „um im ersten Spiel schon ein Türchen ins Achtelfinale aufzustoßen“. Santo hält auch gegen England ein Pünktchen für möglich, die Insulaner seien immer für ein maues Spiel gut. Nur Italien, naja, das werde wohl nichts.
Auch Charol und Heylyn werden bei der WM mitfiebern. Ein Weiterkommen wäre zwar eine dicke Überraschung, aber warum sollte es nicht wieder für einen Einzug in die zweite Runde reichen? Gut, beim letzten Mal, 2006, gab es bei drei Niederlagen nur ein denkwürdiges Match: das Eröffnungsspiel gegen Gastgeber Deutschland, in dem man immerhin zwei Tore erzielte, aber eben leider auch vier einstecken musste. Diesmal soll es zumindest so respektabel werden wie 2002, als man nur wegen des schlechteren Torverhältnisses gegen Brasilien und die Türkei, späterer WM-Sieger bzw. WM-Dritter, herausflog. Oder noch besser, so wie damals, 1990, als noch keiner der vier auf der Welt war. Da war erst im Achtelfinale Schluss.

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