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Umkämpfte Symbolfigur

Hunderttausende Menschen fanden sich am 23. Mai in der salvadorianischen Hauptstadt ein, um die Seligsprechung des früheren Erzbischofs Óscar Arnulfo Romero mitzuerleben. Nach Angaben der Veranstalter*innen waren es sogar über 750.000 Menschen, die um den Platz Salvador del Mundo feierten. Das zeigt, welche Bedeutung Óscar Romero auch 35 Jahre nach seinem Tod in der salvadorianischen Gesellschaft noch hat. Der gebürtige Honduraner, der in El Salvador als Erzbischof wirkte, war Ende der siebziger Jahre vor allem gegen die Unterdrückung durch die Militärdiktatur in El Salvador aktiv und bekannt geworden. Deshalb wurde er zum Kommunisten und Staatsfeind erklärt. Sein Tod galt als Katalysator für den Ausbruch des zwölfjährigen Bürgerkriegs zwischen der Regierung und der Guerilla Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN). Nur einen Tag vor seiner Ermordung hatte er die Mitglieder der salvdorianischen Armee dazu aufgerufen, die Militärdiktatur nicht weiter zu unterstützen und der Unterdrückung der Bevölkerung ein Ende zu setzen.
Am 24. März wurde Romero auf direkten Befehl von Roberto D‘Àubuisson, der ein Jahr später die ultrarechte Partei der Republikanisch-nationalistischen Allianz (ARENA) gründen sollte, vom Militär ermordet. Der tödliche Schuss eines Heckenschützen fiel während einer Messe. Bis heute symbolisiert Romero für viele Salvadorianer*innen den Kampf für die Rechte der Armen und Benachteiligten. Entsprechend seiner Beliebtheit war bei der Zeremonie in San Salvador hoher Besuch zugegen: Geistliche sowohl aus der salvadorianischen katholischen Kirche als auch aus dem Vatikan, aber auch Regierungsmitglieder, Angehörige aller politischen Parteien und Präsident*innen und Diplomat*innen aus anderen lateinamerikanischen Ländern wohnten der Seligsprechung bei. „Heute wird die Messe fortgesetzt, die am Tag seines Todes unterbrochen wurde“, äußerte sich Vincenzo Paglia, italienischer Erzbischof und Postulator der Seligsprechung vor dem Vatikan. Doch hinter dem harmonischen Schein dieses feierlichen Zusammenkommens verbergen sich mehr als nur ein paar Uneinigkeiten. Denn die politischen Kämpfe von damals sind auch im heutigen El Salvador noch spannungsgeladen: Dass die katholische Kirche unter Papst Franziskus im Januar 2015, nach 35 längst überfälligen Jahren, den Märtyrertod von Romero anerkannte und ihn mit den Worten in odium fidei würdigte („gegen den Hass und für den Glauben“), dürfte die salvadorianische Kirche mehr als verärgert haben. Bisher hatte sie auf der weniger ehrhaften Bezeichnung „Märtyrer für die Liebe“ bestanden und dürfte über die Seligsprechung durch den Vatikan nicht erfreut sein.
Doch die Haarspalterei um die richtige Benennung ist nur ein kleiner Aspekt unter vielen. Noch 2013 wurde das von Romero gegründete Archiv Tutela Legal del Arzobispado (Büro des Erzstiftes für Rechtshilfe) auf Anordnung des Erzbischofs José Luis Escobar Alas geschlossen – ein Archiv, in dem Menschrechtsverletzungen und Gewalttaten der Kriegsjahre dokumentiert waren. Den Gründen, die die salvadorianische Kirche hat, die Aufarbeitung der Vergangenheit zu verhindern, wird nicht nachgegangen.
Dass Papst Franziskus zu der Zeremonie einen Brief verfasste, in dem er Romeros Kampf für die soziale Gerechtigkeit glorifiziert, kann als ein Zeichen der Veränderung innerhalb des Vatikans gedeutet werden – ändert aber wenig an der politischen Realität in El Salvador. Kontroversen entstanden wegen der Einladung vieler wichtiger Mitglieder der ultrarechten Partei ARENA: Roberto D‘Aubuisson, der gleichnamige Sohn des Mörders von Romero war schon frühmorgens vor Ort. Allerdings wurde er von mehreren Anwesenden als „Sohn des Mörders“ beschimpft und vehement ausgebuht. Doch statt Entschuldigung oder Reue zu zeigen, leugnete D‘Aubuisson die Verantwortung seines Vaters. „Mein Vater hat nichts mit dem Mord an Romero zu tun und ich habe keinen Grund, mich wegen der Taten meines Vaters zu schämen”.
Diese Haltung scheint eine allgemeine Linie seiner ultrarechten Partei zu sein: Weitere Mitglieder von ARENA stellten sich bereits seit der Ankündigung der Seligsprechung – die mit dem Ende der letzten Wahlkampagne zusammenfiel – als treue Gläubige und Anhänger*innen Romeros dar, unter anderem der ARENA-Parteichef Jorge Velado sowie der Bürgermeisterkandidat San Salvadors, Edwin Zamora. Letzterer hatte in seinem Wahlprogramm sogar die Errichtung eines Denkmals für Romero im historischen Stadtzentrum angekündigt.
Bei der Bevökerung besteht angesichts dieser Haltungen die Befürchtung, dass das Verbrechen unbestraft bleibt und die Versöhnung nur erzwungen wird. Mitglieder von mehreren Organisationen versammelten sich mit dieser Sorge zwei Tage vor der Seligsprechung vor der salvadorianischen Generalstaatsanwaltschaft, um Gerechtigkeit für Óscar Romero zu fordern. Zusätzlich zu der offiziellen Zeremonie wurden Veranstaltungen und Hommagen von anderen religiösen und säkularen Organisationen gefeiert.
Papst Franziskus mag die Absicht gehabt haben, ein starkes Zeichen zu setzen. Für die gläubigen Salvadorianer*innen ist die Seligsprechung tatsächlich ein wichtiger Schritt, das Leiden der salvadorianischen Bevölkerung gutzumachen, die durch Romeros Ermordung einen Verbündeten gegen die Unterdrückung verlor. Aber für viele katholische Salvadorianer*innen war Romero auch ohne den Titel des Vatikans längst ein Heiliger.

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