«

»

Artikel drucken

100 Jahre Landlosigkeit in El Salvador

In den nächsten Monaten wird Clara Tercera Genaueres über den Ausgang der großen Parlamentsdebatte über die Agrarschuld erfahren. Am 30. Oktober war sie nur mit halbem Ohr bei den Nachrichten, denn sie fuhr für längere Zeit in die Hauptstadt San Salvador. Als im Sommer absehbar war, daß es in Morazán, in der Nordostecke El Salvadors, wieder einmal eine Mißernte geben würde, weil es viel zu wenig regnete, war die Frage zu beantworten, wie die Familie ohne eigenen Mais und eigene Bohnen über den langen Winter, die eigentliche Trockenzeit, kommen würde. Die Frage nach dem Fortkommen der Kooperative, die Clara Tercera 1993 zusammen mit anderen Ex-Combatientes der FMLN gegründet hatte, war nachrangig, denn die Genossenschaftsmitglieder sind sich im Klaren darüber, daß es – wenn es überhaupt jemals gelingen sollte – noch lange dauern würde, bis ihre 55 Hektar große Landwirtschaft auf den kargen Böden an den steilen Hängen Morazáns etwas abwirft. Deshalb hat Clara Tercera beschlossen, sich bis zum Beginn der nächsten Aussaat im kommenden April als Hausmädchen in San Salvador zu verdingen. Die beiden Kinder, deren Vater sich bald nach Ende des Krieges im Jahre 1992 in die USA abgesetzt und seither nicht mehr gemeldet hat, werden solange bei Claras Mutter bleiben.

Wie alles anfing

Soweit Mutter Clara Segunda zurückdenken kann und nach dem, was sie aus Erzählungen kennt, hat ihre Familie immer ein unstetes Leben geführt. Als ihre Mutter, die erste Clara, noch ein junges Mädchen war, kam der Kaffee über die weit ausladenden Abhänge des Vulkans von Santa Ana im Westen des Landes. Als sie ein paar Jahre später eine eigene Familie gründen wollte, mußte sie bereits den Verwalter der Kaffeeplantage um Erlaubnis fragen, dankbar sein für seine Zustimmung und zufrieden mit dem elenden Leben im Colonato . Das Colonato war ein Halbpachtsystem, bei der eine Familie ein Grundstück für den Bau einer Hütte und eine Subsistenzparzelle innerhalb der Kaffeeplantage zugewiesen bekam und dafür fünf Tage in der Woche für den Patrón arbeiten mußte. Auf ein und demselben Land waren aus freien, nur ihrer Gemeinschaft verpflichteten Bäuerinnen und Bauern Hörige geworden. Als dann 1932 der große Aufstand ausbrach, weil die Weltwirtschaftskrise die Hütten der LandarbeiterInnen El Salvadors erreicht hatte, entkamen Großmutter Clara und ihre Familie dem Massaker nur, weil sie rechtzeitig in den damals ruhigen Osten des Landes flohen. Clara Tercera wurde erst 35 Jahre später geboren, aber sie weiß, daß es ein Vorfahr des derzeitigen Präsidenten Armando Calderón Sol war, der damals den Aufstand blutig niederschlug: General Tomás Calderón.

Auf der Suche nach Land und Leben

Clara Segunda wurde bereits in Morazán geboren, und dort liegt auch die Großmutter begraben. Nach der Flucht vom Santa Ana-Vulkan war sie nur noch selten in den Westen gekommen – nicht aus Heimweh, sondern um Kaffee zu pflücken. Das Land, das sie und ihre Familie mit Brandrodung den Bergen abgerungen hatten, wurde unter den sieben Kindern aufgeteilt. Entsprechend wenig bekamen Clara Segunda und ihr Lebensgefährte José, der Maurer und Vorarbeiter auf einer kleinen Hacienda der Familie Umaña in Morazán war. Als die Umañas nach Morazán kamen, hatten sie schon anderweitig Geld im Kaffeegeschäft verdient. Morazán war damals eine gottvergessene Ecke, in der die späten Opfer des Kaffeebooms als MinifundistInnen ein karges Leben fristeten – in den Monaten November bis Januar unterbrochen von der Wanderarbeit zur Zuckerrohr-, Kaffee- und Baumwollernte im Latifundien-Teil El Salvadors. Leute wie die Umañas, die Geld mitbrachten, profitierten von der Not der Parzellenbauern und der Realteilung, bei der die Milpas immer kleiner wurden, und kauften Land auf. Als José in den 50er Jahren beschloß, nach Honduras zu gehen, weil in Morzazán kein Auskommen mehr war, verkaufte er seinen Hektar Land für 200 Colones (salvadorianische Landeswährung). Der größere Teil davon wurde zur Sparkasse für Clara Segunda, die zurückblieb und sich und die Kinder mit Gelegenheitsarbeit durchschlug. José versuchte sein Glück als Bananenarbeiter und später als Siedler. Alle paar Jahre schaute er mal bei seiner Familie vorbei, und 1969 kam er endgültig zurück – als Kriegsvertriebener. Der „Fußballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador war in Wirklichkeit eine Massenvertreibung salvadorianischer SiedlerInnen, weil der damalige honduranische Präsident die Forderung der eigenen Bauernschaft nach einer Agrarreform auf dem Rücken der SiedlerInnen aus dem Nachbarland erfüllen wollte.
Damals kam Clara Tercera auf die Welt. Daß mit dem „Fußballkrieg“ der „Gemeinsame Mittelamerikanische Markt“ endgültig in die Brüche ging und mit ihm der Nachkriegsboom, der auch El Salvador eine bescheidene importsubstituierende Industrialisierung gebracht hatte, lernte sie erst später. Auch von den christlichen Basisgemeinden erfuhr sie erst, als sie schon zu einer Stütze des Haushalts geworden war. Dann ging alles sehr schnell. Kaum hatten die ersten KatechistInnen, inspiriert von den Ideen der Basisgemeinden, die Arbeit aufgenommen und die Guerilla die ersten Stützpunkte gebildet, schlugen die Sicherheitskräfte und die Armee zu, überfielen Dörfer, brannten Häuser und Felder nieder. Wer davon überrascht wurde, galt als GuerillaanhängerIn und wurde umgebracht.

Ansetzen zum großen Sprung

1980 gab es für die Zivilbevölkerung nur noch die Alternative, zu fliehen oder sich der Guerilla anzuschließen. Clara Tercera, ihre jüngeren Geschwister und die Mutter entschieden sich für die erste Option, Vater José und die beiden ältesten Söhne schlossen sich der Guerilla an. 1982, als sie gerade 15 Jahre alt war, kam Clara Tercera nach. Sie ging an die Guerillafront, weil das von den jungen Leuten aus ihrem Milieu erwartet wurde und weil sie wie viele beseelt war von dem Gedanken an ein neues Leben mit ausreichend Land, einem soliden Dach über dem Kopf, Schulen und Kliniken für alle. Der Gedanke an solche Dinge, die in greifbarer Nähe schienen, war so einfach und gleichzeitig so überwältigend, daß die Menschen in Morazán und anderswo sich schnell und massiv der Befreiungsbewegung FMLN anschlossen.
Wie es weiterging und weshalb der Traum vom besseren Leben zwar nicht ganz ausgeträumt ist, aber den Sorgen um das alltägliche Überleben wieder Platz machen mußte, gehört zur jüngeren Geschichte und Gegenwart. Für Clara Tercera hießen die wichtigsten Stationen: Beteiligung an der großen Novemberoffensive von 1989, zwei Jahre hin und her zwischen höchster militärischer Wachsamkeit und gespannter Hoffnung auf den Ausgang der Friedensverhandlungen, Kriegsende und Rückkehr in das Zivilleben.

Unsanfte Landung

Als Clara Tercera während des Waffenstillstandes Gelegenheit hatte, die Friedensverträge genauer zu lesen, dämmerte ihr, daß es ein vollständiger Neuanfang sein würde. Seit Vater José, der im Krieg fiel, an die Umañas verkauft hatte, besaß die Familie kein Land mehr. Das Stadtleben kannte sie nicht, und außer dem Kriegshandwerk hatte sie nichts gelernt. Weil aber die Rest-Familie nach Morazán zurückgekehrt und Clara Tercera hier aufgewachsen war, wollte sie zusammen mit Gleichgesinnten nach der Demobilisierung versuchen, eine landwirtschaftliche Kooperative aufzubauen.
Das Land dafür mußte erst einmal gekauft werden, und dazu gab es in den Friedensverträgen Kleingedrucktes: Bezahlt werden sollte zu Marktpreisen, und wenn ein Alteigentümer nicht verkaufen wollte, gab es keine Möglichkeit, ihn dazu zu zwingen. So kam es denn, daß jenes Hektar Land, den Vater José einst für 200 Colones verkauft hatte, zwar nicht zu der neuen Kooperative gehört, deren Mitglied Clara Tercera ist, sie und die anderen GenossInnen aber für Böden genau der gleichen Qualität 21.000 Colones das Hektar bezahlen sollten. Kein Wunder, daß die Kooperative 1996, als die Landüberschreibung vier Jahre nach Kriegsende endlich unter Dach und Fach war, düster in die Zukunft blickte und ihre Mitglieder in die Sitten des alten Lebens als MinifundistInnen und GelegenheitsarbeiterInnen zurückgefallen waren. Nicht aus ideologischer Enttäuschung über die geringen Errungenschaften des Befreiungskampfes, sondern aus schierem Zwang zum Überleben.

Die Bilanz in Zahlen

Durch die Verwandlung El Salvadors im 19. Jahrhundert in eine Kaffeerepublik kam eine extrem ungleiche Verteilung des Landeigentums zustande: Vor dem Krieg, in den 70er Jahren, machten die Minifundien mit unter einem Hektar Fläche rund 50 Prozent aller Betriebe aus, bewirtschafteten aber nur knapp fünf Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche, während 800 Latifundien mit jeweils über 200 Hektar fast 30 Prozent besaßen.
Die Agrarreform vom 1980, die in ihrem ursprünglichen Kern eine radikale Umverteilung vorsah, betraf schließlich 19 Prozent der gesamten landwirtschaflichen Nutzfläche El Salvadors. Sie kam von oben und wurde, weil sie mit dem Beginn des Krieges zusammenfiel, zum Schlachtfeld zwischen Reformkräften und Aufstandsbekämpfern. Erstere wurden umgebracht, gingen ins Exil oder schlugen sich, wie die Mehrheitsströmung der Christdemokraten – übrigens kräftig assistiert vom CDU-“Linken“ Heiner Geißler -, auf die Seite des Militärs und seiner Finanziers und Strategen im Pentagon. Die FMLN verurteilte die Agrarreform als ein Instrument der Aufstandsbekämpfung. Der Lauf der Dinge führte dazu, daß das Herzstück der Agrarreform, die Enteignung von Betrieben zwischen 100 und 500 Hektar, die rund 21 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche betroffen hätten, nie umgesetzt wurde.
Die Landumverteilung im Rahmen der Friedensverträge wiederum wird zwar gelegentlich als Agrarreform bezeichnet, war tatsächlich in Intention und Umfang aber weit davon entfernt. Es ging um die Versorgung von Demobilisierten mit Land, um sie ruhig zu stellen, und um die Legalisierung und Neuordnung der im Kriege entstandenen Bodenbesitzverhältnisse in den ehemaligen Konfliktgebieten. Der eh schon bescheidene Umfang des Landüberschreibungsprogrammes in der Größenordnung von zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche wurde im Laufe der Jahre zudem auf sechs Prozent reduziert.
Soziale Bewegung, Agrarreform, Krieg und Friedensverträge haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten also eine Umverteilung von circa 25 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche erreicht, wobei ein Potential von 50 Prozent geplant war. Enttäuschender als diese Zahlen ist die Tatsache, daß die „internationale Gemeinschaft“, angeführt von der Weltbank, und die Mehrheit der politischen Kräfte in El Salvador die Agrarreform für abgeschlossen erklärt haben.

Atempause oder neuer Anlauf?

Während die Mehrzahl der Agrarreform-Kooperativen seit den 80er Jahren eine riesige Agrarschuld mit sich herumschleppten, die aus den Landkäufen (es wurde 1980 gegen Entschädigung enteignet) und Produktionskrediten entstand, wurde 1995 deutlich, daß sich auch bei den Begünstigten der Landübertragung im Rahmen der Friedensverträge eine neue Agrarschuld auftürmte. So entstand eine Debatte um die Streichung dieser Schulden, nicht zuletzt als Maßnahme, um die von der neoliberalen Politik arg gebeutelte Landwirtschaft El Salvadors wiederzubeleben.
Der Erfolg der FMLN und der anderen Oppositionsparteien bei den Wahlen im vergangenen März machte aus dieser Debatte eines der Hauptthemen im neuen Parlament. Clara Tercera hat sich auf ihre Art an der Debatte beteiligt: Sie nahm an den Demonstrationen für eine umfassende Schuldenstreichung teil. Wenn ihr die Hausarbeit in San Salvador demnächst Zeit läßt, wird sie Folgendes darüber in Erfahrung bringen können: Am 30. Oktober hat das Parlament mit den Stimmen der Opposition beschlossen, alle Schulden bis zu 500.000 Colones (ca. 100.000 DM) zu streichen. Darüber liegende Schulden werden zu 93 Prozent gestrichen, die restlichen sieben Prozent umgeschuldet in Kredite mit zehn Jahren Laufzeit, zwei tilgungsfreien Jahren und sechs Prozent Zinsen. Die Schulden der von den Landprogrammen der Friedensverträge Begünstigten werden vollständig gestrichen.
Das nimmt Clara Tercera und ihren GenossInnen einen Stein vom Herzen. Rentabel wird ihre Kooperative dadurch noch längst nicht. Die Debatte um eine neue Agrarpolitik ist eröffnet. Die Entschuldung verschiedener Sektoren der salvadorianischen Landwirtschaft wird nur Früchte tragen, wenn es neue Kreditlinien gibt, wenn die Relationen zwischen Betriebsmittel- und Erzeugerpreisen so geändert werden, daß sich die Produktion von Grundnahrungsmitteln rechnet, wenn der Import von Mais, Bohnen und Reis aus den USA und Mexiko eingeschränkt, die Landwirtschaft diversifiziert und die Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Rohstoffen gefördert wird. Und vor allem: wenn die Bodenerosion durch Subsistenzlandwirtschaft an den steilen Hängen gestoppt wird. Mit vielen dieser Fragen wird sich Clara Tercera beschäftigen müssen, wenn sie im nächsten Frühjahr aus der Hauptstadt nach Morzán zurückkehren wird – hoffentlich wird sie sich wieder an der Debatte beteiligen, diesmal vielleicht nicht nur als Demonstrantin, sondern als Frau, für die der Krieg auch ein Aufbruch zur Selbständigkeit war.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/100-jahre-landlosigkeit-in-el-salvador/