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500 Jahre Brasilien – Welche Erzählung?

Machten die Hausherrn eine gute oder schlechte Entdeckung, als am 22. April 1500 die ersten Portugiesen vor der brasilianischen Küste die Beiboote zu Wasser ließen? Die kritischen Einwürfe gegen die offiziellen „Entdeckungs“-Feiern stellen die Verbrechen an den Indígenas in den Mittelpunkt. Kein Zweifel, die vormaligen Hausherren sind die ältesten und die jüngsten Opfer der europäischen Moderne, die über die „Neue Welt“ hereinbrach. Sie und ihr Land sind seit 500 Jahren einer ökonomischen Verwertungslogik unterworfen und wenn die Verfassung vom 5.10.1988 ihnen das volle Staatsbürgerschaftsrecht zuerkennt, hat sie zugleich an paternalistischen Institutionen wie der Indianerschutzbehörde FUNAI festgehalten – festhalten müssen, denn ohne sie und Reservate scheint eine Annäherung der Wirklichkeit an das Recht angesichts von ständigen privaten wie staatlichen Übergriffen auf das Land der letzten Indígenas überhaupt nicht möglich. Für die Indígenas – wie für die afrikanischen Sklaven und ihre brasilianischen Nachfahren – scheinen 500 Jahre brasilianischer Geschichte sich auf ein Kontinuum von Unterdrückung, Entrechtung und Zwangsakkulturation zu verengen. Wird dies der brasilianischen Geschichte insgesamt gerecht? Der tragischen Erzählung der Verlierer steht die Erfolgsgeschichte gegenüber, wie sie das offizielle Brasilien propagiert. Es ist die Erzählung Fernando Henrique Cardosos, des Präsidenten Brasiliens. Die Analysen, die er früher als international renommierter Soziologe von der Sklaverei und der antidemokratischen Vermachtung der brasilianischen Gesellschaft anfertigte, hat er zugunsten einer evolutionären Perspektive eingetauscht, die Brasilien als würdigen Ebenpart der westlichen Staaten auf der Höhe der Modernität präsentiert. Cardosos Erzählung ist glatt. Schwerwiegende Probleme wie die exzessive Polizeigewalt, Straßenkinder, die ungelöste Landfrage, die Indígena-Problematik, die ungleichmäßigste Einkommensverteilung, das städtische Elend etc. verlieren ihre weltsystemische und ihre kolonialhistorische Verortung und schrumpfen zu Restkosten eines unaufhaltsamen Aufstiegs zur demokratischen Großmacht. Doch auch die meisten seiner intellektuellen Kritiker teilen wie selbstverständlich die Perspektive, die Brasilien als Teil der europäisch geprägten Moderne versteht und sie nach deren Kriterien bemisst. Die Erfolgsstory der brasilianischen Moderne stellt sich auf den Berg der Gegenwart und betrachtet allein die umliegenden Gipfel der „zivilisatorischen Errungenschaften“, ohne die Leichen an den Hängen zu zählen.
Beide Erzählungen küren ihre spezifischen Helden, pflegen ihre Mythen und operieren mit spezifischen Auslassungen der Geschichte. Für die erste Erzählung hat die Geschichte nach 1500 nur noch die Funktion einer negativen Identität. Vielfach pflegt sie indianisch-afrikanische Reinheitsmythen vom pazifistischen Waldhüter und dem kulturstarken Widerstandskämpfer. Wenn indianische Ethnien heute in ihren Regenwald-Reservaten profitable Geschäfte etwa mit Baumholz aufziehen, protzige Autos fahren und ihren Beschäftigten auch nur Hungerlöhne zahlen, fällt diese Erzählung in ein theoretisches Loch.
Was hat die Geschichte Brasiliens seit 1500 geprägt? Einige willkürliche Andeutungen struktureller Grundzüge dieser Geschichte:
Wie im Spanisch-Amerika folgte der Eroberung eine mehrhundertjährige Kolonialzeit (1500-1822). Krone und katholische Kirche bestimmten Politik und Gesellschaft. Grundlage des Kolonialsystems war die Sklaverei. Mindestens zwei, vielleicht aber über fünf Millionen Menschen bevölkerten bei Ankunft der Portugiesen das Gebiet des späteren Brasilien. Den Kampf gegen Eroberung und Sklaverei, die Sklaverei selbst und die Epidemien durch eingeschleppte Erreger überlebten nur wenige. Heute zählt man nur noch an die 300.000 Indígenas. Da ihre Vorfahren sich entweder zu hartnäckig weigerten oder zu schnell starben, ersetzten die Kolonialherren sie bald durch afrikanische Sklaven. Schätzungsweise vier Millionen Afrikaner, in der Mehrzahl junge Männer, wurden zwischen 1550 und 1855 in Brasiliens Häfen an Land gebracht. Sklaven arbeiteten vor allem auf den Plantagen, aber auch in den Städten und einzelnen Haushalten. Noch bis 1850 war der Sklavenhandel erlaubt. Erst 1888 – und nur gegen den erbitterten Widerstand vieler Kaffeeplantagenbesitzer – konnte die Sklaverei abgeschafft werden. Manuelle Arbeit setzten die Kolonialherren mit Sklavenarbeit gleich. Wer es sich irgend leisten konnte, hielt sich zumindest ein oder zwei Sklaven. Zwischen „Herrenhaus und Sklavenhütte“ lebten auch viele ärmere Freie. Vor allem im weiten Hinterland war der Ackerbau landloser Kleinbauern eher typisch als die Sklavenarbeit auf Großplantagen. Doch hat die brasilianische Gesellschaft nachhaltig geprägt, dass über fast vier Jahrhunderte Menschen andere Menschen als nahezu rechtlose Dinge kaufen und über ihre gesamten Lebensumstände verfügen konnten. Die Beziehung zwischen dem senhor und dem Sklaven übersetzte sich ins 20. Jahrhundert als die Beziehung zwischen dem patrão und seinem landlosen ‘Schutzbefohlenen’ oder zwischen padrinho und afilhado, Pate und Patenkind. Quasi-familiäre, private Beziehungen mit klaren Hierarchien und Abhängigkeitsstrukturen, aber auch wechselseitigen Verpflichtungen haben in Brasilien bis heute nicht nur den privaten Bereich, sondern auch die öffentlichen Räume der Gesellschaft und der Politik strukturiert. Brasilianische Politik funktioniert als private und persönliche Beziehungsorganisation in einem institutionellen System, das auf öffentlichen und unpersönlichen Prinzipien von Gewaltenteilung, Repräsentation und Kontrolle gegründet ist. “Korruption” ist daher eher der Normalfall dieses Verhältnisses als seine Entartung. Der povo, das Volk, in dessen Namen Politiker stets handeln, ist ein mythisches Subjekt in der Tradition dieses Beziehungsmusters; ein Subjekt, dem (Wahl-)Geschenke für Wohlverhalten ebenso zustehen wie härteste Bestrafung bei „Aufsässigkeit“, nicht aber eine eigene machtgleiche Repräsentation. Dass die Kolonialverwaltung wie die republikanischen Regierungen auf Volksbewegungen stets mit blutiger Repression geantwortet haben, ist nur die andere Seite dieser Übertragung privater Patronagebeziehungen auf die Politik.

Entwicklung?

Als Kolonie hatte das „Land vom Heiligen Kreuz“, wie die Portugiesen ihre Neueroberung ursprünglich getauft hatten, nur eine Funktion: den Reichtum der Metropole zu mehren. Der erste Brief eines Mitglieds der Expedition Pedro Álvares Cabrals nach Lissabon beeilte sich, die entsprechenden Qualitäten des neuen Landes zu beurteilen: „Wir wissen noch nicht, ob es Gold oder Silber oder sonstiges Metall hier gibt. Aber das Land selbst hat ein angenehmes Klima und Wasser im Überfluss. Es ist voller Liebreiz und hier gedeiht alles“, schrieb Pero Vaz de Caminha am 1. Mai 1500 an seinen König Manuel I. Die tropische Natur strotzte vor Saft, und das half den Eroberern, die Enttäuschung über das nichtvorhandene Eldorado zu überwinden. Das rote Färberholz Pau-Brasil gab dem Land bald seinen Namen und begründete eine Wirtschaftsweise, die den Boden als monetarisierbares Reservoir und seine Bewohner als Mittel der Monetarisierung ansah. In dieser Logik betrachtet erlebte die Kolonie mehrere ökonomische Zyklen. Darin erbrachte jeweils ein Produkt die Haupt-Exportgewinne. Nach dem Brasilholz war rund 150 Jahre lang mit Zucker das beste Geschäft zu machen. Über den fruchtbaren Küstenstreifen des Nordostens mit Pernambuco als Zentrum breiteten sich die Zuckerrohrplantagen aus. Sie vernichteten zum ersten Mal großflächig Regenwald in Brasilien. Ende des 17. Jahrhunderts brach die wachsende Konkurrenz der Antillen das sehr einträgliche portugiesische Zuckermonopol. Bald senkte der neu entdeckte Rübenzucker in Europa zusätzlich Absatz und Preise. Die Gold- und Diamantenfunde im Bergland von Minas Gerais retteten die Exportbilanz der portugiesischen Kolonie. Den größten Gewinn machten die Engländer. Im Tausch gegen Textilien wanderte das Gold in ihre Kassen. Es beförderte Englands industrielle Revolution und beschleunigte Portugals Niedergang. Mit dem Goldrausch von Minas Gerais im 18. Jahrhundert erlebte auch die Fleischproduktion im Sertão, dem trockeneren Binnenland, einen Aufschwung.
Im 19. Jahrhundert überwehte den Norden Brasiliens ein kurzer Baumwoll-Boom. Auch Tabak und Zucker ließen sich einträglich verkaufen. Zum Exportschlager entwickelte sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts der brasilianische Kaffee. Schon wenige Jahrzehnte später beherrschte er von den Plantagen in der Provinz São Paulo aus den Weltmarkt.
Gegen diese über Jahrhunderte eingeübte “cash-crop-Ökonomie” konnte sich eine Industrialisierungspolitik nur schwer durchsetzen. Zwar war Brasilien bereits 1822 unabhängig geworden und damit theoretisch dem Kolonialsystem entzogen. Doch die nun herrschenden „Brasilianer“ unter dem portugiesischen Thronfolger Pedro, der nun als Pedro I. zum brasilianischen Kaiser mutiert war, setzten als Großgrundbesitzer in allen Belangen auf die für sie einträgliche Kontinuität. Dass 1889 in Brasilien die Monarchie stürzte und eine Republik ausgerufen wurde, verdankte sich keiner republikanischen Bewegung, sondern dem Ärger der erstarkten Kaffeepflanzer aus São Paulo darüber, dass sie am Hof des zentralistisch regierten Kaiserreichs in Rio de Janeiro politisch zu wenig mitzureden hatten.
Erst mit den Devisen und den europäischen Einwanderern, die der Kaffee ins Land holte, begann eine zaghafte Industrialisierung. Doch erst nach 1930 – dann allerdings in Riesensprüngen – entwickelten sich Teile Brasiliens vor allem zwischen Rio de Janeiro und São Paulo in Richtung auf eine moderne Industriegesellschaft. Mittelschichten entstanden, eine frühe anarchistische Bewegung, Gewerkschaften und seit 1922 eine kommunistische Partei machten in diesen Zentren den Gegensatz von Kapital und Arbeit sichtbar. Die Regierungen bis 1930 packten diesen Konflikt in den Knüppelsack der Polizei. Getúlio Vargas, Präsident von 1930-1945 und 1951-54, wattierte den Knüppel mit einer korporatistischen „Arbeiterschutz“-Gesetzgebung, und begründete den brasilianischen Populismus. Inspiriert vom Vorbild Mussolinis, brachte er erstmals die urbanen Massen politisch und propagandistisch ins Spiel. Für seine Industriepolitik wusste Vargas auch weltpolitische Gegensätze zu nutzen: Anfang der 40er Jahre gelang es, für Brasiliens erstes großes Stahlwerk US-amerikanisches Geld und Know-how zu erhalten. Die US-Regierung stimmte aber nur zu, um einen bevorstehenden Abschluss mit der Essener Krupp AG und damit ein Standbein Nazi-Deutschlands in Brasilien zu verhindern. Vargas hatte öffentlich mit den „starken faschistischen Nationen“ geflirtet und mit dem Dritten Reich einträgliche devisensparende Tauschgeschäfte abgewickelt.
Die nationalistische Importsubstitutionspolitik seit Vargas zeigte sich scheinbar erfolgreich, einige Regionen des Subkontinentalstaats und einige ökonomische Sektoren gegen die Tendenzen einer peripher-dependenten Position innerhalb des Weltsystems der Nachkriegszeit zu modernisieren. Der Erfolg konnte aber nur auf Pump finanziert werden und schraubte die brasilianische Wirtschaft um so fester in die Zwänge des internationalen Finanzsystems ein. Ab 1955 strömten ausländische Investitionen größeren Umfangs in den Industriesektor. Die Boomphasen der Regierung von Juscelino Kubitschek (1956-61) und in der Zeit der Militärdiktatur (1964-1985) führten zu hohen Wachstumszahlen und machten Brasilien zu einem der zehn größten Industrieländer. Kubitschek, der Vater des ersten brasilianischen „Wirtschaftswunders“, hinterließ 1961 um mehrere hundert Prozent gestiegene Produktionsziffern, eine – ausländische – Automobilindustrie einschließlich eines Volkswagenwerkes, eine neue Hauptstadt und neue Regierungsbehörden wie jene „für die Entwicklung des Nordostens“ (SUDENE). Er vererbte seinem Nachfolger aber auch hohe Inflation, Währungsentwertung, Haushaltsdefizit und Auslandsschulden. Die wirtschaftlichen Erfolgsindices trugen dazu bei, dass sich die Bevölkerungsmehrheit nach 1964 nicht offensiv gegen die Militärdiktatur stellte. Vor allem während des „zweiten Wirtschaftswunders“ unter dem General Médici verzeichnete die Wirtschaft ein starkes Wachstum bei sinkender Inflation. Das Wunder wurde aber wiederum mit ausländischen Investitionen, vor allem aber mit exzessiver Kreditaufnahme sehr irdisch finanziert.

Ein Brasilien?

Gemessen an den modernisierungstheoretischen Normen hat Brasilien also beachtliche Erfolge vorzuweisen. Brasilien? Dieser kollektive Singular verbietet sich auf fast allen Gebieten, und sicher auch hier. Nicht nur, dass diese Entwicklungsfrüchte sehr ungleich auf einen industrialisierten Süden, einen verarmten Nordosten, den agrarischen Westen und den Norden des Regenwalds verteilt sind. Kein Land Südamerikas kennt einen solch ausgeprägten Küsten-Binnenland-Gegensatz. Als Folge der portugiesischen Kolonialpolitik sind alle bedeutenden Städte entlang der Atlantikküste oder in ihrer Nähe (São Paulo) entstanden und verbanden sich zu einem nahezu geschlossenen politisch-ökonomischen System. Das Eisenbahnnetz seit dem späten 19. Jahrhundert knüpfte sich entlang dieser Linien. Ein weiteres Jubiläum symbolisiert den Mangel an nationaler Integration: die Hauptstadt Brasília feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Mitten ins Nichts des brasilianischen Hochplateaus gesetzt, sollte Brasília den sertão, das „Hinter“-Land, ins fortgeschrittene Brasilien heimholen; sie würde den Graben zwischen Zivilisation und Barbarei zuschütten, das Mittelalter auslöschen und die Fackel der Entwicklung entzünden.
Der sertão lieferte die Bühne für den Gründungsmythos der bandeirantes, der Indiofängertrupps, die im 16. und 17. Jahrhundert von der Küste aus das Landesinnere erkundeten und den späteren – spärlichen – Siedlerzügen den Weg bahnten. Als Region nationaler Zugehörigkeit geriet er im weiteren Verlauf der Geschichte aus dem Blick. Es hat großer Massaker wie das an den Bauern von Canudos bedurft, um den sertão ins Bewusstsein der städtischen Öffentlichkeiten zu katapultieren. Sofern er dort die kurzlebigen Medienkonjunkturen überdauerte, geriet er als Krankheitskeim am Gesellschaftskörper in den Blick des nationalen Zentrums. Die Sanitärkampagnen des frühen 20. Jahrhunderts sollten die Hinterländer Brasiliens weiter erschließen und medizinisch, aber auch moralisch, kurieren – nicht nur Seuchen und Erreger, sondern auch die angeborene Faulheit und Modernisierungsfeindlichkeit der sertanejos galt es auszurotten. Die nationale Integration des sertão steht im Grunde immer noch aus. Vielleicht zu seinem Besten: Der Movimento dos Sem-Terra (MST), die Landlosenbewegung Brasiliens, ist derzeit nicht nur die aktivste soziale Bewegung Brasiliens und in den Augen vieler angesichts der Apathie der linken Parteien im Parlament die einzig wirksame politische Opposition zur Regierungspolitik. Sie hat am Ende des 20. Jahrhunderts der brasilianischen Gesellschaft vor Augen geführt, dass es ein anderes, ein genauso berechtigtes, ein reales Brasilien gibt, ein ländliches Brasilien, ein Brasilien der Kleinbauern, für die Subsistenz kein Schimpfwort für Modernisierungsverlierer ist, sondern ein alternatives Lebensmodell zum Horror der städtischen favelas.

Demokratie?

Man kann die Zeit seit der Unabhängigkeit 1822 als Geschichte eines formaldemokratischen Autoritarismus lesen: Das Kaiserreich gab sich eine Verfassung, behielt aber der Monarchie ihr Gottesgnadentum und dem Kaiser ein umfassendes Vetorecht vor. Die Erste oder Alte Republik Brasiliens (1889-1930) beließ die Großgrundbesitzer-Elite an der Macht. Auch die so genannte „Revolution von 1930“ verteilte die Macht nur regional um, indem sie den eingeübten Wechsel der Präsidentschaft zwischen den ökonomisch starken Bundesstaaten São Paulo und Minas Gerais durchbrach. In den Bundesstaaten und den einzelnen Gemeinden teilten sich wenige Familienverbände die politische Herrschaft. Die große Mehrheit der Bevölkerung war von politischer Partizipation ausgeschlossen. Allen Wenigerverdienenden und ab 1881 allen Analphabeten war das aktive und passive Wahlrecht verwehrt. Bis 1932, als das allgemeine Wahlrecht eingeführt wurde (und damit erstmals auch Frauen wählen durften) kamen weniger als 10 Prozent der Bevölkerung in den Genuss formaler demokratischer Rechte. Zu weit reichende Reform- und Demokratiebestrebungen endeten oft vor Gewehrläufen.

Geschichte von unten

Als das brasilianische Militär am 1. März 1964 die Reihe der südamerikanischen Nachkriegsdiktaturen eröffnete, hatte es bereits diverse Male in die verfassungsgemäßen politischen Abläufe interveniert. Ebenso berechtigt ist es aber, diese Zeit als eine Geschichte gesellschaftlichen Widerstands von unten zu lesen. Schon in der Kolonialzeit ertrugen weder die einstigen Hausherren noch die Sklaven ihr Schicksal widerstandslos. In den „Kriegen der Barbaren“ des 17. Jahrhunderts lieferten die wehrfähigsten Gruppen den Eroberern – und anderen indigenen Gruppen auf Seiten der Portugiesen – erbitterte Rückzugsgefechte. Die „Republik von Palmares“ unter dem legendären Führer Zumbi, die sich insgesamt über 65 Jahre (1630-1695) hielt, ist nur das spektakulärste Beispiel eines Sklavenaufstandes. Die gesamte Kolonialzeit hindurch konnten sich die senhores ihrer Sklavenruhe nicht sicher sein.
Erst 1808 erschien die erste Zeitung in Brasilien, doch setzte bereits im Kaiserreich eine vielfältige und angriffslustige Presse Akzente gegen Nur-so-weiter der alten Eliten. Diese, wenn man so will, „kritische Öffentlichkeit“ rührte aber nur im Eierbecher der Gesellschaft. Versuche, den Gesamtstaat frühzeitig zu liberalisieren, schlugen in der Regel mangels Massenbasis fehl. Die Vorstellung eines brasilianischen Nationalstaats, für den es sich einzusetzen lohnte, existierte in der Bevölkerung bis weit in das 20. Jahrhundert nicht. Dafür durchzieht die vorgeblich so stabile Zeit des Kaiserreichs eine Kette von Unruhen und Volksbewegungen in den Provinzen. Die Bewegung des Abolitionismus, die für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte, schuf erstmals ein provinzübergreifendes Unrechtsbewusstsein. Ihren Erfolg verdankte sie nicht nur der Hartnäckigkeit einiger liberaler Intellektueller, sondern eines weit geknüpften Widerstandsnetzes, an dem die Sklaven selbst entscheidenden Anteil nahmen.
In den Anfangsjahren der Republik vermengten Massenbewegungen auf dem Land wie die von Canudos in Bahia (1893-97) und des Contestado (1914-16) in Südbrasilien religiöse Motive mit Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit. In den Städten protestierten Bewegungen erst spontan – wie 1904 gegen die Zwangsimpfung in Rio de Janeiro – und seit den ersten Streiks der 20er Jahre zunehmend organisiert auf die konservativ-autoritäre Modernisierung, die nicht nur Einkommen, sondern auch Entwicklung und Demokratie höchst ungleich verteilte.
Zahlreiche Streiks und immer lautere Rufe nach „Basisreformen“ wie einer Landreform, der Verstaatlichung von Industrien und betrieblicher Mitbestimmung riefen 1964 die Militärs aus den Kasernen. Dass sie sich dorthin wieder zurückzogen, war zwar nicht der isolierten Mini-Guerilla zu verdanken, aber auch nicht einer freiwilligen demokratischen Läuterung der Militärs. Eher mischte sich die ökonomische Stagflation wirksam mit dem wachsenden Druck der Arbeiterbewegung. 1980 ließ die Militärregierung Parteien wieder zu. Es entstand unter anderem die neue Arbeiterpartei PT, 1983 der ihr nahestehende Gewerkschaftsverband CUT. 1984 wuchs die Kampagne für sofortige Direktwahlen zu einer eindrucksvollen Massenbewegung gegen die Diktatur.
Das, was heute in Brasilien als höchst lebendige Zivilgesellschaft wahrzunehmen ist, wurzelt in dieser langen Gegentradition und bezieht hieraus politische Kraft und ein wirksames mythisches Potenzial. Indígena-Organisationen, die Bewegung der Afrobrasilianer, die Landlosen, die Entwicklungs-NGOs sind in Netzen verbunden. Die Lösung der Reservaten-Problematik wird ebenso wenig von der Tagesordnung verschwinden können wie Politiker heute noch umstandslos einer verwirklichten „Rassendemokratie“ das Wort reden können. Von dieser Gegenwart ausgehend, bietet die Geschichte seit 1500 ausreichend Material zu, wenn man so will, einer alternativen Gründungserzählung. Sie muss mehrerere Stränge oder Kapitel öffnen: Die Verbrechen der Kolonialzeit werden ergänzt durch die Erzählung vom sertão, dem alten anderen Brasilien, das durch das Canudos-Massaker erst wieder zurück kehrt. Und sie muss von der gleichsam dritten Gründung Brasiliens erzählen, von der Einwanderung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, von den vielen ethnischen Gruppen, den Deutschen, Italienern, Polen, Syrern und Japanern. Sie alle haben die traditionelle Perspektive von den tres raças fundadoras, den drei „Gründungrassen“ (Portugiesen, Indios, Afrikaner) außen vorgelassen. Doch ihre Existenz allein wirft täglich neu die Frage auf, wie eine brasilianische Indentität zwischen Assimilation und Differenz und jenseits von einer Handvoll Kulturstereotypen auszuloten ist.

KASTEN:

Auf der fazenda Renata dauerte die Besetzung 20 Tage an, als 43 Familien von der Militärpolizei gewaltsam vom Grundstück vertrieben wurden. Sie campieren nun am Rande einer Straße vor dem Haus des fazendeiros, was besonders für die Kinder eine gefährliche Situation ist. Das Gelände, von dem sie vertrieben wurden, umfaßt 600 Hektar. Die Hütten, in denen sie an der Straße leben, sind notdürftig aus den Blättern der Cocu de Babacu und den schwarzen Planen des MST errichtet.

Bilder vom Movimento dos Trabalhadores Sem Terra (MST)

Die vorliegenden Brasilien-Seiten sind trotz ihres Anlasses, dem 500. Jahrestag der ‚Eroberung’ Brasiliens, nicht mit den in Natura, auf T-Shirts, Postkarten und vor allem in TV Globo zu sehenden ‚Countdown-Uhren’ zu diesem Ereignis geschmückt. Allerdings gibt es auch etwas zum zählen: Die seit etwa 16 Jahren existierende Landlosenbewegung MST hat es sich in diesen Tagen zum Ziel gesetzt, 500 acampamentos, das heißt Landbesetzungen durchzuführen und damit den Jahrestag zu begehen: „Die Zäune der Großgrundbesitzer durchschneiden und die Hindernisse überwinden, die Erziehung, Bildung und Gesundheit für alle vereiteln.“
In diesem Sinne durchzieht diese Seiten eine kleine fotographische Dokumentation des Lebens und der Arbeit der MST von Gregor von Glinski, der 1998 verschiedene Ansiedlungen besucht hat. Teilweise sind die assentamentos schon von der staatlichen Agrarreformbehörde INCRA legalisiert, an anderen Orten ist dieser Prozeß im Gange und wieder andere sind noch in illegalem Zustand besetzt (acampamento).
Die hier gezeigten Bilder sind in vier Ansiedlungen auf fazendas (Großgrundbesitz) im Bundesstaat Maranhão im Norden Brasiliens entstanden. Die Besetzungen werden gewissermaßen chronologisch gezeigt: von der am kürzesten andauernden Ansiedlung Na Beira da Estrada bis hin zum bereits 10 Jahre existierenden assentamento Vila Diamante. Am Anfang jeder Bilderreihe einer Besetzung wird kurz deren Situation und Verlauf dargestellt.

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