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Addams Family auf mexikanisch

Großaufnahme einer Frau mit verbrauchtem Gesicht. Ihr aufgesetztes, viel zu lautes Lachen verzerrt die Gesichtszüge, schlägt unvermittelt um, aus ihren umränderten Augen quellen Tränen. Ein schmieriger kleiner Macho mit Bahnhofsvorstehermütze reibt sich keuchend an einer großen Brünetten, die er verführen will. Ein Anwalt steckt sich eine Waffe in den Mund, während eine Frau sein Gesicht mit Küssen bedeckt. Ein abgeschnittener Penis fliegt aus dem Fenster auf die Straße. Eine Frau streichelt eine tote Taube.
Diese Szenen stammen nicht vom Großmeister des Surrealismus Luis Buñuel, sondern aus dem Film Crónica de un desayuno („Chronik eines Frühstücks“) des mexikanischen Regisseurs Benjamín Cann. Das Drehbuch basiert auf dem ersten Akt des gleichnamigen Theaterstücks von Jesús Gonzáles-Dávila.
Im Grunde passiert gar nicht viel. Der Handlungszeitraum beschränkt sich auf wenige Morgenstunden, in denen der Regisseur in einer Mischung aus absurdem Drama und hysterischer Farce die Gefühle, Gedanken, Komplexe und Frustrationen einer zerütteten Familie darstellt, die in einem verwahrlosten Gebäude aus den fünfziger Jahren in Mexiko-Stadt lebt.
Gestern Nacht ist Vater nach acht Jahren heimgekommen – einfach so – ohne Erklärung, ohne Entschuldigung. Jetzt liegt er noch im Bett, schläft sich aus, nach einer Nacht mit seiner Frau. Die Kinder reagieren unterschiedlich auf die neue Situation. Der älteste Sohn Marcos, der als Argument nur seine Fäuste kennt, will zuschlagen. Blanca packt ihre Sachen, will ausziehen. Noch einmal kann sie mit diesem Mann nicht unter einem Dach leben. Und Theo, der Kleinste, ist mehr mit seinen Träumen beschäftigt. Das gelbe Radio mit den Kopfhörern ist ihm wichtiger als das Chaos, das in seiner Familie ausbricht – oder war es schon immer so? Auch die Mutter Luzma flieht auf ihre Art vor der Realität. Sie zieht es vor, auf ein Stück vom Glück zu hoffen, statt auf die Verwirrung und Wut ihrer Kinder einzugehen. Zwar hat ihr Mann kaum mit ihr geredet, aber er ist wieder da. Und mit ihm die Illusion von Liebe und Geborgenheit.
Auf dem begrenzten Raum der kleinen Wohnung prallen die schrulligen, scharf gezeichneten Charaktere krachend aufeinander. Obwohl sie miteinander sprechen, streiten, drohen und bitten, bleibt doch jeder isoliert vom anderen, einsam und ohne Trost. Einen Austausch darüber, wie man sich mit der neuen Situation arrangieren könnte, gibt es nicht. Im Grunde ist jeder von ihnen so sehr mit sich selbst, mit den persönlichen Macken beschäftigt und durch eine selektive Wahrnehmung derart beschränkt, dass keine Kommunikation entsteht. Was man nicht wahrhaben will, wird einfach ausgeblendet. So beobachten wir die dicke Nachbarin, die zwar vom Dach springt, aber, statt auf die Straße zu knallen, einfach davon fliegt, oder dass Luzma singt, statt zu weinen, weil ihr Tränen so traurig erscheinen. Die Atmosphäre ist fast durchgehend erdrückend, aufgeladen durch emotionale Ausbrüche und unausgesprochene Wahrheiten. Die ungewöhnliche, ästhetisch sehr interessante Ausleuchtung der Szenen verstärkt diesen Eindruck noch. So werden die agierenden Personen durch plötzlich einsetzende grelle Bühnenscheinwerfer gnadenlos blossgestellt, scheinbar bis ins Innere durchleuchtet. Latente Gewalt liegt in der Luft. Harmlose Unterhaltungen können jeden Moment in offene Agression ausarten. Selbst Späße wirken brutal und gefährlich. Durch surreale oder verfremdende Sequenzen lässt der Regisseur den Zuschauer manchmal aber auch Abstand gewinnen, Luft holen, in der stickigen Enge des geschlossenen Ambientes.
In unvermittelt eingestreuten Parallelgeschichten tauchen Nachbarn aus der Siedlung oder aus demselben Gebäude auf. Wir begegnen einem melancholischen Selbstmörder, der fliegenden Dicken und einem Taxifahrer, der bei strömendem Regen beginnt, alle vier Reifen zu wechseln, weil diese ihn „nirgendwohin brachten“. Einem Transvestiten wird der Penis abgeschnitten, und er sucht ihn verzweifelt zwischen den Mülltüten auf der Straße.
Der Regisseur Benjamín Cann sieht in seinem Film eine „allgemeine Metapher für die Mexikaner. Ich glaube, dass nichts drastisch genug ist, um uns die Augen für die Wirklichkeit zu öffnen“, erklärt er. Seine Intention sei aufzuzeigen, dass die Menschen Tag für Tag mit diesen verschlungenen Denklinien, dem Schmutz, der Einsamkeit und dem Mangel an Kommunikation leben. „Das Interssante war, dies anhand einer Familie zu erzählen, wo eigentlich die für eine Kommunikation notwendigen Gefühlsbindungen und das Vertrauen vorhanden sind.“
Der Film lässt eine absurde Welt entstehen, die ebenso merkwürdig anmutet, wie real. Vielleicht das komprimierte Abbild einer chaotischen, anarchistischen Lebenswelt, wie Mexiko-Stadt – vielleicht ein Alptraum.

„Crónica de un desayuno“;
Regie: Benjamín Cann;
Mexiko 2000; Farbe; 120min.
Der Film wird auf der Berlinale im Forum (7.-18.2. 2001) gezeigt.

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