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Argentinier: Die Elite Europas

Die argentinische Identität ist eine ganz andere als die Identität der Argentinier. Die argentinische Identität ist ein Vorbild, das in den zweihundert Jahren seit der Republikgründung entwickelt wurde. Man sagt, dass sie 1810 begann, auch wenn viele meinen, dass ihre Anfänge eher aus der Zeit herrühren, als der Río de la Plata der ideale Hafen war, um Waren an den Kontrollen des Vizekönigtums vorbei zu schmuggeln. Es ist eine Identität, die halb aus dem Argentinischen und halb aus der Sicht von außen entstanden ist. Ihre Karikatur skizziert einige Grundprinzipien, die aus einem radikalen Europäismus herrühren. Wer sind wir Argentinier? Ganz einfach: Die europäische Elite, die kam, um Amerika zu schaffen und es sich dort gut gehen zu lassen. Deshalb sind wir zivilisierte Menschen, sehr intelligent, sehr europäisch, die alle Vorzüge eines Bananenkontinents genießen, wo wir leben können, ohne zu arbeiten, beschienen von der karibischen Sonne, mit den schönsten Frauen der Welt, den besten Steaks, einem richtigen Fußball, der nicht wie der in den Ländern der Ersten Welt pure Geschäftemacherei ist, und vor allem sind wir Argentinier lebendig und schlau. Eine erlesene Gemeinschaft, welche sowohl Europa als auch Lateinamerika beneiden muss, hat sie doch das Beste von beiden Seiten: die Blässe des alten Kontinents und die Bräune des neuen.
Es ist dieser Idealtyp der Identität, der über die Galicier lacht, aber Witze über die Argentinier einstecken muss: „Wie bringt sich ein Argentinier um? Er klettert auf sein Ego und springt runter.“ Er lässt sich von solchem Spott noch nicht einmal stören, ganz im Gegenteil. Wenn man über unser Ego lacht, dann nur, weil man uns beneidet. Was können Europäer Besseres tun, als dauernd über uns nachzudenken? Das sind die Argumente der argentinischen Identität.
Aber die Identität der Argentinier ist ganz anders, und man sieht sie in den Gesichtern der Menschen, die in der Schlange stehen, um einen Job zu bekommen, die gemeinsam mit den Gewerkschaftern auf der Plaza de Mayo demonstrieren, ins Kino gehen oder Steaks essen. Diese Argentinier leben nicht seit dem Vizekönigtum, sondern sind in den letzten 50 Jahren geboren, gemeinsam mit einer immensen lateinamerikanischen Einwanderung, mit der gespenstischen Erinnerung an eine verschwundene Mittelklasse und eine verschwundenen Generation von Jugendlichen. Diese individuellen Identitäten passen nicht in das Stereotyp. Manchmal versuchen sie ihm zu enstprechen, aber es gelingt ihnen nicht. So läuft der Prozess heute umgekehrt ab. Heute gleicht sich die „argentinische Identität“ der „Identität der Argentinier“ an. Wir sind immer noch die Besten der Welt. Aber langsam beginnen wir etwas zu merken, langsam stinkt etwas. Und das kommt nicht von der andern Seite, von den nachbarlichen Bananenrepubliken. Es sind unsere Kloaken, die überlaufen.

Rodolfo Reich

Übersetzung: AC Geuder

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